[Rezension] Brian Flynn – Die Morde von Mapleton

Familie, Freund und Feind haben sich auf Einladung von Sir Eustace Vernon auf seinem Anwesend versammelt, um gemeinsam Heiligabend zu feiern. Während des Festdinners erhält er jedoch eine dubiose Nachricht, die ihm veranlasst, die Gesellschaft eilig zu verlassen. Einige Stunden später werden die Gäste durch einen Schrei aufgescheucht: ein Unbekannter ist in das Arbeitszimmer von Sir Eustace eingedrungen, und der Butler wird ermordet aufgefunden. Was niemand zu diesem Zeitpunkt ahnt ist, dass die Leiche von Sir Eustace einige Kilometer entfernt an einem Bahnübergang auf den Gleisen durch Zufall vom Polizeipräsidenten höchstpersönlich Sir Austin Kemble und dem äußerst talentierten Privatdetektiv Anthony Bathurst aufgefunden wurde. Zusammen mit Inspector Craig vom ortsansässigen Polizeirevier nehmen sie die Ermittlungen auf und stolpern über Ungereimtheiten, Widersprüche und Geheimnisse der Gäste, die sich wünschten, dass diese lieber im Dunklen verborgen blieben…!

Seit einiger Zeit gräbt der Dumont Verlag alte Schätze aus der goldenen Ära des britischen Krimis wieder aus und serviert sie in einer äußerst ansprechenden Optik den Krimi-Freunden. In diesem Fall handelt es sich um den im Jahre 1929 erschienenen ersten Roman um den gewieften Ermittler Anthony Brathurst.

Das Alter merkt der Leser diesem Krimi durchaus an: So ist der Roman ein Zeugnis seiner Zeit in Bezug auf die Geschlechterrollen, der Hierarchie innerhalb der Polizei und dem gesellschaftlichen Gefüge. Einige Dialoge muten aus heutiger Sicht etwas „geziert“ – wenn nicht sogar „spröde“ – an, versprühen fraglos ihren speziellen Charme und entlockten mir so manches Mal ein Schmunzeln.

Autor Brian Flynn hält sich nicht mit einer umfangreichen Personenbeschreibung auf, vielmehr überlässt er es der Phantasie des Lesers, aus den Dialogen und Reaktionen der Protagonisten ein Bild der jeweiligen Person vor dem inneren Auge zu kreieren. Leider entschlüpft ihm hin und wieder doch ein Detail: Hatte ich mir Anthony Brathurst schon als Mann in den besten Jahren und mit einer gewissen Reife vorgestellt, platzte diese Vorstellung wie eine Seifenblase, da der Autor nach ca. ¾ des Romans sich genötigt sah, auf dessen junges Alter (ohne eine genaue Anzahl an Jahren zu nennen) hinzuweisen. Ich weiß nicht wie es anderen Leser*innen geht: Aber je nachdem, wie ich die Rollen innerhalb eines Romans skizziere, erhalten die Personen vor meinem inneren Auge eine eigene Dynamik.

Dafür versteht es der Autor geschickt, falsche Fährten zu legen und den Leser mit allerlei Details zu verwirren.

„Die Morde von Mapelton“ ist nicht der große, brilliante Wurf, dafür eine nostalgische und durchaus kurzweilige Krimi-Unterhaltung für die Feiertage.


erschienen bei Dumont/ ISBN: 978-3832181062

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Dezember – Gedichte/ herausgeben von Evelyne Polt-Heinzl & Christine Schmidjell

Von dieser kleinen, feinen Reihe mit Gedichten zu jedem Monat hatte ich Euch ja schon im Februar dieses Jahres berichtet. Nun möchte ich die Gelegenheit nutzen, um Euch einerseits an diese Reihe zu erinnern, andererseits ist Weihnachtszeit auch Gedichte-Zeit: Wer punktet bei der betrieblichen Weihnachtsfeier oder an Heiligabend vor der Verwandtschaft nicht gerne mit dem einen oder anderen auswendig vorgetragenen Vers.

Diesmal haben die Herausgeberinnen ihre bunte Schar von Poet*innen unter den Überschriften Erwartungsvoller Auftakt samt Nikolaus, Schneefall im Advent, Traurig-schöne Dezembertage, Christnacht – damals und heute, Weihnachtsfeiern vielerorts und Das Jahr klingt aus versammelt. Natürlich verwundert es nicht, dass die namhaften Vertreter*innen der schreibenden Zunft besonders über diesen Monat ihr Füllhorn an lyrischen Ergüssen ausschütteln und ihre Leserschaft mit bekannten und weniger bekannten Werken erfreuen. Da treffen die zarten Verse einer Mascha Kaléko ebenso auf die geschüttelten (nicht gerührten) Reime von Joachim Ringelnatz, wie Alfred Andersch sich mit Robert Walser vergnügt, während Else Lasker-Schüler und Annette von Droste-Hülshoff gemeinsam das Jahr ausklingen lassen.

Wie bei jedem Monat der Reihe ist auch der Dezember in der Reclam-typischen Größe erhältlich, passt in Hose- oder Handtasche und ist somit schnell zur Hand, um Langeweile im Keim zu ersticken.

Auf der Verlagsseite des Reclam-Verlages findet Ihr die komplette Reihe. Übrigens: Die Gedicht-Heftchen mit ihrer wunderbaren Gestaltung der Umschläge eignen sich auch hervorragend als Mitbringsel für Geburtstagskinder…

…oder zum Selberschenken: Ich habe mir vorgenommen, so peu à peu das Jahr „vollzumachen“! Macht doch mit!


erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150191224

[Rezension] Weihnachten mit Astrid Lindgren/ herausgegeben von Anne-Kristin zur Brügge

Dies war eines dieser Bücher, um das ich in den Buchhandlungen Jahr für Jahr drum rum geschlichen bin, immer mit dem Satz im Kopf „Du brauchst es nicht wirklich: Du findest die Geschichten sicherlich in all den Lindgren-Büchern, die Du schon besitzt!“ Dann war die Saison vorbei, und meine Gedanken an dieses Buch verblassten. Doch in der nächsten Saison drehte ich wieder meine Runden und hinterließ eine Spurrille im Parkett so mancher Buchhandlung. Doch nun habe ich es mir selbst zu meinem 50. Geburtstag geschenkt (Glückwünsche nehme ich nach wie vor gerne huldvoll entgegen!), da es einfach nur wunderbar ist, die zauberhaften Winter- und Weihnachtsgeschichten von Astrid Lindgren gesammelt zwischen zwei Buchdeckel zu besitzen.

Zudem entzünden wir morgen die erste Kerze auf dem Adventskranz, die besinnliche Zeit beginnt, und so könnte kein anderes Buch passender sein, um meine kleine Reihe „Lektüre zum Fest“ zu eröffnen.

Hallo! Da seid ihr ja wieder: ihr Rotzlöffel und Abenteurer, ihr Angsthasen und Weltenerkunder, ihr Naseweise und Frechdachse. Und wie sehr liebe ich Euch alle!

Da ist Pelle, der vor der Ungerechtigkeit der Welt in Form seines Papas flieht und demonstrativ in das kleine Gartenhäuschen zieht. Da ist Johann, der um seine geliebte Kuh trauert und dem wie aus heiterem Himmel ein Kälbchen vor die Füße fällt. Da ist Tomte Tummetott, der Jahr für Jahr über seinen Hof, seine Tiere und seine Menschen wacht. Da ist Pippi, die außer- und ungewöhnlich aber nicht weniger stimmungsvoll Weihnachten feiert. Da ist Michel, der nach einem turbulenten Weihnachtsfest seinen letzten Willen aufschreibt. Und natürlich feiern die Kinder aus Bullerbü das Weihnachtsfest gemeinsam und tanzen fröhlich um den festlich geschmückten Weihnachtsbaum.

Allein die Geschichten von Astrid Lindgren rühren das Herz, lassen Kindheitserinnerungen an vergangene Weihnachten aufleben und pflanzen ihre Botschaft ganz sachte in die Seele.

Veredelt wird diese Anthologie durch die Talente der Illustrator*innen Björn Berg, Katrin Engelking, Lars Klinting, Rolf Rettich, Jutta Timm, Harald Wiberg und Ilon Wikland. Sie schaffen mit ihren Bildern für die jeweilige Geschichte eine stimmige Atmosphäre: schelmisch-drollig, rührend-poetisch, bunt-humorvoll, modern-verspielt oder klassisch-dezent. Jede und jeder überzeugt mit einem individuellen Stil.

Dieses Buch werde ich zur Advents- und Weihnachtszeit sicherlich sehr häufig zur Hand nehmen, in ihm blättern und mich in die Geschichten meiner kleinen Held*innen vertiefen,…

…und dazu benötige ich nicht unbedingt das liebste Patenkind der Welt als Alibi: Wobei das Vorlesen der Geschichten und das gemeinsame Betrachten der Illustrationen uns beiden ein großes Vergnügen bereiten werden.


erschienen bei Oetinger/ ISBN: 978-3789141843

[Die Bücher meines Lebens] Truman Capote – Frühstück bei Tiffany

– 2002 –


Na, da bist du ja wieder, Holly Golightly! Wie viele Jahre haben wir uns nicht gesehen? Dabei haben wir uns nie aus den Augen verloren – vielmehr: Ich habe dich nie gänzlich aus den Augen verloren. Manchmal hat sich mir vielleicht etwas in den Vordergrund gedrängt und dich verdeckt (Als wenn es möglich wäre!), aber du bist nie völlig aus meinem Blick entschwunden. Häufig hörte ich schon die ersten zarten Töne deiner Gitarre, lange bevor ich dich erblickte. Im Gegenzug hast du mir nie Deine Aufmerksamkeit geschenkt. Warum solltest Du auch? Ich gehörte nie zu deinen präferierten Verehrern: zu unscheinbar, zu mittellos, zu wenig Stiel. Ich spiele nicht in deiner Liga! Aber das ist absolut okay für mich. Ich bin sehr zufrieden mit meiner stillen Beobachter-Rolle und sehr glücklich, hin und wieder meinen Blick auf dich, du kapriziöses Geschöpf, werfen zu dürfen…!

„Moon river, wider than a mile / I’m crossing you in style some day!“

Na, da bist du ja wieder, Holly Golightly! Und nach all den Jahren, nachdem Truman Capote im Jahre 1958 zum ersten Mal der Welt von deiner Existenz berichtete, hast du nichts von deinem Zauber eingebüßt. Dabei lag selbst die Geschichte, die Truman uns erzählte, schon einige Jahre zurück: Es war 1943 als Du in dieses alte Backsteinhaus in der East Side von New York gezogen bist – zusammen mit dem namenlosen Kater, den du irgendwann am Flussufer aufgegabelt hattest. Da er dir nicht gehörte, wolltest du ihm auch keinen Namen geben. Du wolltest nichts in Besitz nehmen, solange du nicht die Stelle gefunden hast, wo du und dein Besitz gemeinsam hingehören. Heute weiß ich, dass du nach einem Ort gesucht hast, den du hättest „Heimat“ nennen können…!

„Oh, dream maker, you heart breaker / Wherever you’re goin‘, I’m goin‘ your way!“

Völlig egal ob deine Geschichte 1943, 1958, 1961, 2002 oder heute erzählt wird: Du bist so jung, so schön, so mondän, so voller Klasse – und so modern, eine moderne Frau mit einer Vergangenheit voller Geheimnisse und einer Zukunft voller Ungewissheit.

Völlig egal ob du mir schwarz auf weiß oder in Zelluloid gehüllt erscheinst: Dein Lächeln betört, dein Blick verlockt, dein Charme verführt und deine Grazie überwältigt – und sei gewiss, dies wird sich nie ändern. Eine bitter-süße Wehmut überkommt mich, da ich spüre, dass du längst schon wieder fort bist – lange bevor der letzte Ton deiner Gitarre verstummt ist.

Am Briefkasten des Backsteinhauses in der East Side klebt immer noch deine Visitenkarte (das einzige, das du dir von Tiffany leisten konntest) mit dem Aufdruck „Miss Holly Golightly, Auf Reisen“.

Der namenlose Kater hat seine Heimat gefunden. Du bist weiterhin auf Reisen.

Lebe wohl, Holly!

❤️


erschienen bei Langen-Müller/ ISBN: 978-3784429946 / Neu-Auflage erschienen bei Kain & Aber/ ISBN: 978-3036951591


[Rezension] Gytha Lodge – Bis ihr sie findet

Vor 30 Jahren verschwand die 13-jährige Aurora Jackson spurlos während eines Campingausflugs mit ihrer älteren Schwester Topaz und deren angesagter Clique. Nun werden ihre Überreste zusammen mit Drogen in einer Erdhöhle in der Nähe des Platzes, wo die Jugendlichen damals gezeltet haben, gefunden. Detectiv Chief Inspector Jonah Sheens nimmt mit seinem Team die Ermittlungen wieder auf, durchleuchten die damaligen Aussagen der Beteiligten und vergleicht diese mit ihren heutigen Aussagen. Jeder und jede scheint etwas zu verbergen: Ermittler nicht ausgenommen! Langsam bröckelt der Wall aus Angst, Lügen und Heimlichkeiten, und es formt sich ein Bild dieser verhängnisvollen Nacht vor 30 Jahren, in der Aurora sterben musste…!

Gytha Lodge erfindet mit ihrem ersten Krimi das Genre nicht neu, hat dafür aber einen spannenden Plot geliefert, der die Aufmerksamkeit der Leserschaft auf ein konstantes Niveau hält. In dieser klassischen „Whodunit“-Story mit der überschaubaren Anzahl Verdächtiger dirigiert sie die Gedanken der Leser*innen geschickt in immer neue Richtungen, nur um mit einer unvorhersehbaren Wendung den Verdacht wieder auf eine andere Person zu lenken. Im Laufe der Lektüre hatte ich so jede und jeden – von Auroras Schwester Topaz über ihren damaligen Schwarm und jetzigen Ehemann bis zu DCI Jonah Sheens „himself“ in Verdacht. Wäre irgendwo aus dem Unterholz ein Gärtner gekrochen, hätte ich auch diesen verdächtigt (Der Mörder ist immer der Gärtner!).

Der Roman teilt sich in zwei Erzählebenen: In Rückblenden werden die Einzelheiten dieser schicksalshaften Nacht – vornehmlich aus Auroras Sicht – geschildert. Hier herrscht eine bedrohliche, düstere Stimmung vor. Besonders das Verhalten der einzelnen Mitglieder der Clique gegenüber Aurora zeigt viel von deren Alten Ego und offenbart neue, interessante Blickwinkel.

Die Gegenwart wird weitaus energischer geschildert und spiegelt die akribische Ermittlungsarbeit der Polizei wieder. Auch die häppchenweise dargebotenen Informationen zur möglichen Beteiligung der Ermittler bzw. zu deren Vergangenheit lassen diese Figuren durchaus zweidimensional erscheinen und schüren die Neugier, weitere Details zu erfahren. Lodge zeichnet eine glaubhafte Charakterisierung ihrer Protagonist*innen und versteht es nachvollziehbar, die sich verändernde Dynamik innerhalb der Schicksalsgemeinschaft dieser Menschen zu beschreiben. Der Verdacht, dass der Mörder von Aurora nur einer von ihnen sein kann, erschüttert das Vertrauen zueinander.

Jetzt haben wir es hier mit sechs privilegierten Jugendlichen (attraktiv, beliebt und umschwärmt) zu tun, die später zu ebenso privilegierten Erwachsenen (wohlhabend, erfolg- und einflussreich) heranreifen: Gähn! Wie langweilig! Doch im Laufe der weiteren Lektüre meinte ich zu erahnen, dass die Autorin ihre Protagonisten mit Bedacht gewählt hat. Der traumatische Verlust lässt die Mitglieder der Clique scheinbar enger zueinander rücken. Alle versuchen, mit dem Geschehenen (weiter-)leben zu können und kompensieren mit dem Streben nach Anerkennung das Gefühl von Schuld. Mit dem Auftauchen von Auroras Überresten bröckelt die Fassade des Establishments und hinter der selbstauferlegten Schutzmaske aus Schweigen, Lügen und Verleugnen kommen die hilflosen und unsicheren Kinder, die sie damals in Wirklichkeit waren und von denen heute immer noch ein Teil in ihnen steckt, zu Tage.

Der Mörder/ die Mörderin gibt sich alle erdenkliche Mühe, die Ermittler (und somit auch die Leser*innen) mit falschen Indizien in die Irre zu führen und mit Manipulation der Menschen in seinem/ ihrem Umfeld die eigenen schändlichen Taten zu verschleiern. Doch wer war nun der Mörder oder die Mörderin von Aurora? Die Auflösung überrascht, und ich verrate nur so viel: Der Gärtner war es nicht! 😉

Lust auf eine Zweit-Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meines Blogger-Kollegen Frank Wolf vom „reisswolfblog“.


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-3455006209

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Claire Takacs – Dreamscapes: Traumgärten aus aller Welt

Sehnsuchtsorte: Ich sprach vor einigen Tagen von eben diesen besonderen Orten, bei denen die Seele durchatmet und sich eine wohltuende Ruhe im Innersten ausbreitet. Ich hatte das große Glück in einem 1.280m² großen Garten aufwachsen zu dürfen. Dieser Garten hatte dank meines rührigen Großvaters die klassische Aufteilung zwischen Zier- und Nutzgarten und einer kleinen Rasenfläche mit Obstbäumen. So denke ich immer wieder voller Dankbarkeit an den Garten meiner Kindheit zurück: Kaum 4-jährig saß ich auf der kleinen Mauer des Frühbeetes und beobachtete meinen Opa beim Kartoffelpflanzen. In mehreren Reihen warteten kleine Mulden in der dunklen Erde, die vorgekeimten Knollen aufzunehmen. Und während mein Opa Mulde für Mulde füllte und schloss, schlich ich mich mit einer Kartoffel in der Hand zur letzten Mulde in der Reihe, legte sie dort heimlich ab und freute mich königlich, wenn Opa scheinbar überrascht über dieses „Wunder“ staunte. Rückblickend verbinde ich meine Zeit mit Opa im Garten immer mit Geborgenheit und Ruhe. Ich konnte/ durfte unbeschwert sein.

Claire Takacs ist eine australische Fotografin mit einer Leidenschaft für Garten- und Landschaftsfotografie. Diese Leidenschaft sieht man ihren wunderschönen Fotos deutlich an: Sie nimmt den Betrachter mit auf eine Reise durch die Traumgärten von Australien, Neuseeland, Nordamerika, Europa und Asien. Dabei erläutert sie in ihren Texten ihre Beweggründe zu diesem Projekt, erzählt von ihren Begegnungen mit den Schöpfern dieser Gärten, die voller Leidenschaft die Leserschaft am kreativen Prozess teilhaben lassen. Doch so informativ der Text auch ist, die größte Faszination geht vom Betrachten ihrer Fotos aus.

Dabei nehmen sowohl die kulturellen Wurzeln der Schöpfer als auch die klimatischen Bedingungen durchaus sichtbar Einfluss auf die Gestaltung der Gärten. So mutet der Garten vom Hermannshof in Weinheim/ Deutschland natürlich anders an als der Landschaftsgarten Kenrokuen in Kanazawa/ Japan oder der Kakteen- und Sukkulentengarten Rancho Diablo in Lafayette/ Kalifornien. Doch stets ist die Leidenschaft aller Gartenbesitzer und -gestalter über die Fotografie spürbar.

Die Fotos zeigen wahrlich meisterliche Gärten, die voller Verschwendung die Schönheit der Natur präsentieren. Dreamscapes – Traumlandschaften können sie absolut zu Recht benannt werden. Da wirken einige Gärten verwunschen wie im Märchen und verströmen doch einen Hauch von Vergänglichkeit. Da protzen Gärten mit ihrer geometrischen Formgebung, während anderswo Büsche und Gräser in sanften Wellen organisch sich der Landschaft anpassen. Wieder andere Gärten zeigen eine klare Struktur. Alle eint sie eine überwältigende Üppigkeit und eine imponierende Originalität

Dieser wunderschöne Bildband ist völlig zu Recht mit dem Deutschen Gartenbuchpreis 2019 ausgezeichnet worden.


erschienen bei DVA/ ISBN: 978-3421041098

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Moritz Hürtgen – Angst vor Lyrik

Angst vor Terror, Krebs und Spinnen.
Angst, das Schreiben zu beginnen.
Angst vor einem weißen Blatt,
Angst des Dorfdepps vor der Stadt.

Fürchtet Mörder und Ganoven,
fürchtet Schlaue wie die Doofen.
Doch wer fürchtet, der vergisst,
dass die Angst am schlimmsten frisst,
wenn es Angst vor Lyrik ist.

Moritz Hürtgen

*

Ohjeohje! Wo anfangen, wo aufhören?

Nein, keine Bange, es klingt jetzt schlimmer als es ist. Denn schlimm ist absolut gar nichts am Lyrik-Band von Moritz Hürtgen. Im Gegenteil…!

Mein Gejammer ist der Tatsache geschuldet, dass ich nicht weiß, wie ich dieses Werk beschreiben soll. Ohjeohje! Was mache ich nur, wenn ich keinen Anfang finde? Was mache ich nur, wenn ich kläglich scheitere? Wo ich doch eine so große Angst vor dem Versagen (passendes Gedicht: Seite 11) habe!

Beim Aufschlagen dieses Büchleins öffnet der Leser die vielbemühte Büchse der Pandora und lässt eine beachtliche Anzahl an mannigfaltigen Ängsten frei. Jede Angst für sich, wäre schon Grund genug voller Schrecken zu erstarren, aber sie sind zu allem Übel auch noch GEREIMT! Hürtgen reimt sich „einen Wolf“ (gerade dazu gibt es kein Gedicht) zu Ängsten vor…

…Abgründen, Alkohol, dem Alltag, Ärzten, dem Atomkrieg, dem Aufwachen, Ausländern, Außerirdischen, und dabei handelt es sich nur um die Einträge unter dem Buchstaben A in der Liste der Phobien, die diesem Werk hintenan gestellt wurde. So kann sich jeder Betroffene – einer literarischen Hausapotheke gleich – sein passendes Gedicht zum momentan aktuellen Zwang aus dieser übersichtlichen Auflistung hurtig heraussuchen.

Moritz Hürtgen blickt voller Ironie auf so einige Zwangsneurosen unserer Zeit, bleibt dabei aber immer respektvoll. Seine Zeilen wirken wie frisch entstaubt vom früheren Lyrik-Muff, und gleichzeitig verbeugt er sich vor die Vers-Meister der Vergangenheit. So schüttelreimt er fröhlich vor sich hin, manchmal mit einem sehr ausgefallenen Versmaß, und findet einige ungewöhnliche und freche Bilder. Aber damit befindet sich in sowohl bester wie auch schelmischer Gesellschaft mit dem einzigartigen Joachim Ringelnatz.

Verschönert werden die einen oder anderen Verse durch einige sehr plakative Illustrationen von Leo Riegel.

Es war mir ein außerordentlich kurzweiliges Vergnügen, mich mit diesen heiteren Gedichten beschäftigen zu dürfen: Beim Zuklappen des Buches schloss ich die Büchse der Pandora wieder und in ihr meine Ängste ein. Lesenswert!!!


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143199

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Ben Aaronovitch – Der Oktobermann

Bisher habe ich um so genannte Spin-Offs erfolgreicher Werke des Verlagswesens einen großen Bogen gemacht: In diesem Fall klang die Rezension meiner geschätzten Blogger-Kollegin Andrea Schuster von „Lesen… in vollen Zügen“ zum englischen Original so positiv, dass ich mich habe verführen lassen. Und auch auf die Gefahr hin, dass Andrea mich haut und knufft und sonst wie bestraft: Meine Begeisterung zu diesem Krimi fällt leider etwas verhaltener aus!

Am Rande eines Weinberges bei Trier liegt eine Leiche, die sowohl höchst unschön wie auch ungewöhnlich von Kopf bis Fuß mit einem besonderen Fäulnispilz überwuchert ist, der üblicherweise bei der Weinveredelung eingesetzt wird und für den Menschen völlig ungefährlich ist. Üblicherweise…! Aber an diesem Fall scheint nichts „üblich“ zu sein, da eindeutig Magie im Spiel ist. So wird Ermittler Tobi Winter vom KDA, der Abteilung für Komplexe und diffuse Angelegenheiten des Bundeskriminalamts, mit diesem Fall betraut. Zusammen mit seiner Kollegin „vor Ort“ Vanessa Sommer, versucht er den Fall mit übersinnlicher Intuition und magischem Talent auf den Grund zu gehen. Dabei stoßen die Beiden auf einen gefährlichen, Jahrhunderte alten Zauber und machen die Bekanntschaft mit durchaus weltlichen Fluss-Göttinnen…!

Glücklicherweise stutzte Ben Aaronovitch die Begegnungen Tobi Winters mit den Fluss-Göttinnen auf ein zumutbares, dafür unterhaltsames Maß zusammen (bei „Die Flüsse von London“ war ihm dies nicht gelungen: s.a. meine Rezension) und verhindert dadurch langatmige Beschreibungen, die den Roman nur unnötig aufblähen.

Dafür gebührt ihm mein Lob, da er innerhalb des „Die Flüsse von London“-Kosmos für das Ermittler-Duo Sommer & Winter (…über diesen Witz scherzen selbst die Protagonisten!) eine eigenständige Erzählweise kreierte. Er schafft es, dass dieser Roman „deutsch“ klingt: Zum einen malt er ein stimmiges Bild des hiesigen Polizei-Beamten-Apparats, und beschreibt glaubhaft das Setting, in dem er geschickt Realität mit Fiktion vermischt. Sein Roman mutet wie einer der momentan beliebt-erfolgreichen Regionalkrimis an und könnte auch in einer filmischen Umsetzung als solide Sonntagabend-TV-Unterhaltung funktionieren.

Tja, mehr gibt es nicht zu berichten: gute, solide Krimi-Kost! „Solide“ ist auch so ein Wort, dass ich mit „deutsch“ verbinde. Mir scheint, dass die Mimikry eines britischen Autors an den heimischen Buchmarkt als gelungen betrachtet werden darf. 😉


erschienen bei dtv/ ISBN: 978-3423218054

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Ulrich Timm – Gärten auf Sylt: Verborgene Paradiese des Nordens/ mit Fotografien von Ferdinand Graf Luckner

Ich bin mir sicher: Jeder von uns hat so Sehnsuchtsorte, an denen er sich manchmal hin sehnt, wo die Seele durchatmet und die Sorgen plötzlich klitzeklein werden. Für mich hatte schon immer ein solcher Ort mit Wasser, Meer und Wellen zu tun. Dabei meine ich nicht etwas die weißen Strände am Mittelmeer, – Nein! – die Nordsee ist dabei voll und ganz ausreichend für mich. Vielleicht ist dieser Umstand darin begründet, dass mein Vater elf Jahre lang von Bremerhaven aus zur See gefahren ist. Er war bei der Fischerei tätig und hatte u.a. auf dem Schiff „Sonne“ angeheuert, das später zu einem Forschungsschiff umgebaut wurde. Ich kann mich noch sehr gut an die traurig-wehmütigen Momente erinnern, als meine Mutter und ich am Kai standen und seinem Schiff beim Auslaufen zusahen…!

Verwundert es da, dass mir die Nord- und Ostfriesischen Inseln der Nordsee näher sind als die Baleareninseln im Mittelmeer. Während ich die Inseln Juist, Norderney, Spiekeroog, Helgoland und Amrum im Laufe der Jahre schon besuchen durfte, war ich bisher noch nie auf Sylt. Und doch erkenne ich in den wunderbaren Fotos von Ferdinand Graf Luckner vieles von dem von mir geliebten Insel-Flair wieder. Ulrich Timm lässt in seinen Texten die Menschen zu Wort kommen, die für die behutsame Kultivierung der Sylter Gärten verantwortlich sind und mit dem Kreislauf der Gezeiten leben. So sind zwar nicht dem Blick dafür aber den Möglichkeiten der Gartengestaltung natürliche Grenzen gesetzt. Auf einer Nordfriesischen Insel spielt die Natur eine immense Rolle und hat das Sagen.

Die Vegetation ist geprägt von den Gezeiten: Nur solche Pflanzen gedeihen, die der Mischung aus Wind und Salzgehalt in der Luft die Stirn bieten können. So finden sich die natürlich wogenden Wellen aus Heide neben den akkurat gestutzten Kugeln des Buchsbaums, die Blütendolden der Hortensien wiegen sich gemeinsam im Takt mit den Zweigen der Kiefer, und in einem Bauerngarten ranken Rosen sich Richtung Dachfirst. Auch puristische, fernöstlich-anmutende Gärten fügen sich nahtlos in die raue Natur: Da scheint eine Holzterrasse förmlich auf einem Meer von Seegras zu schweben. Die Fotos offenbaren dem Betrachter trotzdem eine überraschende Wandelbarkeit der unterschiedlichen Gärten, die Dank der besonderen Lichtverhältnisse immer wieder anders, immer wieder neu wirken.

Da gibt es Gärten zwischen Tradition und Moderne, mit Seeblick und im Inselinneren, wie zufällig gewachsen oder klar strukturiert, und doch habe alle diese Gärten ihre Natürlichkeit bewahrt und strahlen eine grenzenlose, wohltuende Ruhe aus.


erschienen bei Prestel/ ISBN: 978-3791385525

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Tödlicher Irrtum

Vor 2 Jahren wurde Rachel Argyle in ihrem Haus ermordet. Alle Indizien sprachen für ihren Adoptivsohn Jacko als Täter, obwohl dieser immer wieder seine Unschuld beteuerte und auf ein Alibi verwies. Doch dieses Alibi konnte nicht bestätigt werden, und so stirbt er während der Inhaftierung an den Folgen einer schweren Lungenentzündung. Doch nun steht ein völlig Fremder vor der Familie und behauptet, eben dieses Alibi bestätigen zu können: Jackos Unschuld am Mord seiner Mutter wäre somit bewiesen. Doch Arthur Calgary, dem besagten Fremden, schlägt keine Erleichterung oder gar Dankbarkeit von Seiten der Familie entgegen – im Gegenteil: Wenn Jacko es nicht war, dann muss es einer der anderen Anwesenden gewesen sein. So belauern der Ehemann der Toten, die übrigen vier Adoptivkinder als auch die Hausangestellten sich misstrauisch gegenseitig: Wem kann man noch trauen…?

Wir haben es – Wie könnte es auch anders sein? – mit einem klassischen Christie zutun. Und trotzdem schafft sie es immer wieder mich aufs Neue zu überraschen, eröffnet sie ihren Leser*innen doch interessante Blickwinkel.

Häufig wird in Krimis die Persönlichkeit des Täters sehr detailliert beleuchtet, um so seine Beweggründe für die Tat zu verstehen. In diesem Krimi ist es zudem von Bedeutung, die Persönlichkeit des Opfers näher in Augenschein zu nehmen. Wir haben es hier mit einer äußerst wohlhabenden Frau zu tun, die, da sie nicht selbst in der Lage war, Kinder zu bekommen, sich ihre Kinderschar fröhlich „zusammenadoptierte“: Sie behütete und hegte diese Kinder bis ins Erwachsenenalter hinein, traf für sie immer die richtigen Entscheidungen und erschien so unfehlbar und übermächtig. Rachel Argyle wird als eine Art „perfekte Übermutter“ beschrieben, die sich zwar dem Respekt ihrer Kinder sicher sein konnte, aber auch ihrer Liebe…? Fällt es nicht eher schwer, die Perfektion zu lieben? Macht nicht erst das Unperfekte an einem Menschen diesen für einen anderen liebenswert?

Auf der anderen Seite haben wir fünf junge Menschen, die alle aus ähnlichen ärmlichen Verhältnissen stammen, eine vergleichbare Erziehung, die zwar durch eine übertriebene aber gutgemeinte Fürsorge geprägt war, genossen haben, und doch unterschiedlicher in ihren Persönlichkeiten nicht sein könnten. Welche Faktoren lassen einen Menschen zur Rechtschaffenheit oder zur Kriminalität tendieren? Christie stellt die interessante Frage, was mehr Einfluss auf die Entwicklung eines Menschen nimmt:  die Herkunft oder die Erziehung? Sie lässt diese Frage unbeantwortet, stößt beim Leser aber einen Denkprozess an und animiert ihn, einen Blick auf die Mitglieder der eigenen Familie zu werfen.

Und wieder verspüre ich eine Hochachtung für eine Autorin, die schon im Jahre 1958 (Erscheinungsjahr des Romans) sich in ihren Romanen traute, Themen der Soziologie anzusprechen. In den 50er Jahren war dies sicherlich nicht die gewohnt gefällige Lektüre zum „Five o’clock tea“…!

Zum Abschluss: Als Christie-Fan freue ich mich natürlich närrisch, dass die „Queen of Crime“ seit einigen Jahren eine feste Heimat beim Atlantik-Verlag gefunden hat, und dieser immer wieder mit Veröffentlichungen auch ihrer unbekannteren Werke das Fan-Herz erfreuen. Eine Veröffentlichung aller ihrer Werke als Hardcover wäre einer Offenbarung gleichgekommen. Doch auch für das Taschenbuch-Format bin ich dem Verlag schon sehr dankbar: Ich möchte weder ungerecht noch unverschämt erscheinen! 😉


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455006247

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!