[Rezension] Leo Timmers – Ein Haus für Harry

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Ohjemine! Das ist ja sooo entzückend…!

Kater Harry möchte gerne mit Schmetterling Vera spielen, war aber noch nie draußen. Trotzdem tollt er dem Schmetterling hinterher, verläuft sich und findet sein Haus nicht mehr wieder. Nun macht er sich auf die Suche, ein passendes Haus für sich zu finden. Dabei macht er die Erfahrung, dass es eine ganze Menge andersartige Häuser für die unterschiedlichsten Bewohner gibt. Zum Glück findet Harry Freunde, die ihm helfen zuerst Vera und dann den Weg nach Hause wieder zu finden.

Leo Timmers erschafft in Wort & Bild eine kleine, charmante Geschichte, die das Andersartig-Sein thematisiert ohne die pädagogische Keule aus dem Sack zu lassen. Seine cartoonhaften Illustrationen bereiten dem Betrachter eine Menge Freude, amüsieren auch in den Details (So gibt es an einer Litfaßsäule die Plakate von „Cats“ und „Madame Butterfly“ zu entdecken! 😍) und zaubern ein Lächeln auf die Lippen des Betrachters.

Ein amüsant-charmantes Bilderbuch für die Kleinen zum Vorlesen und gemeinsamen Betrachten…! 🐱

erschienen bei aracari/ ISBN: 978-3907114063

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] J. Jefferson Farjeon – Dreizehn Gäste

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Ein junger Mann namens John Foss springt aus einem anfahrenden Zug, landet unsanft auf dem Bahnsteig und verstaucht sich den Knöchel: Schon findet er sich mit Unterstützung der reizenden, jungen Witwe Nadine Leveridge im alt-ehrwürdigen Anwesen Braggley Court von Lord und Lady Aveling wieder – inmitten einer illustren Wochenendgesellschaft von sehr einzig- sowie eigenartigen Typen. Durch diesen tragischen Unfall hat sich die Zahl der Anwesenden auf die berüchtigte Zahl 13 erhöht: Einem schlechten Omen gleich zollt diese Unglückszahl ihren Tribut unter den Anwesenden…!

„Dreizehn Gäste“ erschien erstmals 1936 im Goldenen Zeitalter der britischen Kriminalliteratur und liegt nun endlich in der deutschen Übersetzung vor. Doch warum ist Joseph Jefferson Farjeon (1883–1955) bei uns so wenig bekannt? Dabei hat er mehr als sechzig Krimis und Thriller verfasst, und seine – auch bei uns populäre – Krimi-Kollegin Dorothy L. Sayers schwärmte von ihm als „unübertroffen in der gruseligen Darstellung mysteriöser Abenteuer“. Darum geht mein Dank an den Klett-Cotta Verlag, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, diese verschollenen Krimi-Perlen wieder ans Licht der Öffentlichkeit und somit vor die Augen der Leser*innen zu befördern.

Ich LIEBE alte, englische Krimis! Ich LIEBE sie einfach! Einerseits reizt mich die Zeit, in der sie spielen: Eine Zeit, die geprägt war durch Stil und Etikette. Eine Zeit, die nicht besser als die heutige war aber manchmal besser erschien. Andererseits verstanden die damaligen Kriminalautorinnen und –autoren einfach ihr Handwerk…!

Zudem beherrschte Farjeon die Kunst, wunderbar zu formulieren, glaubhafte Charaktere zu formen und die Dialoge klug einzusetzen. Gleichzeitig streute er Witz und Ironie in die Handlung und scheute auch keine Anspielungen auf prominente Kollegen: So beschreibt er den ermittelnden Inspektor Kendall als einen der wenigen Kriminalisten, die nicht Geige spielen.

Wie ein Spinnennetz verwebt Farjeon die Schicksale seiner Protagonisten miteinander, verknüpft einige enger, um andere zu lockern oder gar gänzlich zu zerreißen. Handlungsstränge werden verfolgt, dann wieder fallengelassen, nur um beim Finale anhand eines detaillierten Zeitplans das Geschehen miteinander zu verknüpfen, die Täter*innen zu entlarven und somit die Verbrechen aufzulösen. Lese-Genuss pur!

Ich freue mich schon sehr auf die nächste kriminalistische Wieder-Entdeckung im Klett-Cotta Verlag!

erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608963922

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Robert Louis Stevenson – Doktor Jekyll & Mister Hyde/ mit Illustrationen von Sébastien Mourrain

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Mit Schaudern erzählt Mister Utterson die merkwürdigen Umstände eines gar außergewöhnlichen Falls: Sein langjähriger Freund, der kultivierte Dr. Henry Jekyll scheint unter dem seltsamen Einfluss eines gewissen Mister Hyde zu stehen. Mister Hyde repräsentiert das genaue Gegenteil von dem destingierten Arzt. Während Dr. Jekyll von einnehmendem Wesen und ansehnlicher Gestalt ist, wirkt Mister Hyde merkwürdig gedrungen in seinem Äußeren und strahlt eine animalische Brutalität aus. Was verbindet diese beiden grundverschiedenen Männer miteinander? Mister Utterson erinnert sich mit Grauen…!

Robert Louis Stevensons im Jahre 1886 veröffentlichte Geschichte um Doktor Jekyll & Mister Hyde hat seinen Weg schon in vielen Gestalten in die Öffentlichkeit gefunden, sei es filmisch oder als Hörspiel, als Schauspiel oder Musical, als Graphic Novel oder – wie in diesem vorliegendem Fall – als  Nacherzählung für junge Leser. Dabei wurde die Stimmung der Vorlage bewahrt: Das viktorianische London erscheint weiterhin düster und geheimnisvolle. Das mysteriöse Verhalten von Dr. Henry Jekyll gibt dem Leser Rätsel auf, und Mister Hydes schändliche Taten werden nicht verschwiegen aber für die jüngere Leserschaft entsprechend „bearbeitet“. Alles in allem ist Nils Aulike eine gelungene Übersetzung und kluge Kürzung des Original-Textes gelungen.

Hinzu kommen die atmosphärisch-dichten Illustrationen von Sébastien Mourrain, die – in schwarz-weiß gehalten – einen großen Anteil am Gelingen dieser Roman-Bearbeitung haben. Sehr sparsam, dafür umso überlegter setzt Mourrain die Farbe Gelb ein, um den Blick des Lesers/ Betrachters bewusst auf etwas zu fokussieren oder ihn auf kleine Details in der Zeichnung zu lenken.

Es fällt mir schwer, dieses Werk als Bilderbuch zu bezeichnen: Für mich ist es eher ein illustrierter Roman! Aber schlussendlich ist es auch völlig egal, wie wir es nennen. Fakt bleibt, dass hier eine gelungene Adaption dieses Klassikers entstanden ist!

erschienen bei Bohem/ ISBN: 978-3959390415

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Miss Marple-Krimis

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Miss Jane Marple erblickte – dank ihrer Schöpferin Agatha Christie – im Jahre 1930 mit „Mord im Pfarrhaus“ das Licht der literarischen Welt und sollte es 36 Jahre, 12 Romane und etliche Kurzgeschichten später erst wieder verlassen. Dabei kann sie auf eine sehr erfolgreiche Kariere – auch in Film, Fernsehen und Rundfunk – zurückblicken.

Miss Marple ist eine ältere, altjüngferliche Dame aus der fiktiven kleinen Ortschaft St. Mary Mead, die dank ihres reinen Menschenverstands und einem unverstellten Blick auf die menschliche Natur die rätselhaftesten Geheimnisse lüftet. Dabei wird sie – aufgrund ihres harmlos wirkenden, provinziellen Auftretens – von der Polizei wie vom Täter häufig unterschätzt.


Mord im Pfarrhaus

Ausgerechnet im Pfarrhaus ereignet sich ein kaltblütiger Mord. Der Pfarrer und seine Gemeindemitglieder sind entsetzt. Wer könnte in dem bisher beschaulichen St. Mary Mead eine solch grauenhafte Tat begehen. Es wird spekuliert, gemutmaßt und verdächtigt – nur Miss Marple behält einen klaren Kopf…

Agatha Christie versteht es sehr gekonnt, die Geschehnisse aus Sicht des Dorfpfarrers zu schildern, der obwohl sehr gottesfürchtig trotzdem äußerst menschlich denkt und agiert, und mit seiner ungewohnten Familienkonstellation (junge, hübsche Ehefrau, jugendlicher Neffe) selbst für wilde Spekulationen im Dorf sorgt. Ich habe mich köstlich über Agatha Christies Beschreibungen der Dorfbewohner amüsiert: In diesem Mikro-Kosmos herrschen statt Friede & Freude eher handfester Klatsch & Tratsch. Zudem fällt Miss Marples erste Erwähnung im Roman so gar nicht vorteilhaft für sie aus:

„Sie ist die schlimmste Katze im Dorf. Und weiß immer alles, was passiert – und zieht daraus die schlimmsten Schlüsse.“

Zum Glück sind es aber gerade diese – wenig schmeichelhaften – Eigenschaften, die Miss Marple helfen, den verzwickten Fall zu lösen und sie in einem vorteilhafteren Licht erscheinen zu lassen.

Ein wunderbar spannender Krimi mit prallen Charakteren und witzigen Dialogen…

erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455650075


16 Uhr 50 ab Paddington

Zwei Züge rasen mit hoher Geschwindigkeit in dieselbe Richtung. Während die Züge einander überholen geschieht in dem einen Zug ein Mord, in dem anderen Zug sitzt eine entsetzte Zeugin: Elspeth McGillicuddy. Doch niemand will ihr Glauben schenken, zudem auch keine Leiche aufzufinden ist. So wendet sie sich vertrauensvoll an ihre liebe Freundin Jane Marple, die unverzüglich die Fährte aufnimmt…

Interessanterweise ermittelt Miss Marple in dieser Geschichte nicht selbst, sondern bleibt – die Fäden in der Hand behaltend – im Hintergrund und überlässt das Feld ihrer jugendlichen Freundin Lucy Eyelesbarrow, die als Miss Marples verlängerter Arm agiert. Dies tut sie so geschickt und  sympathisch, dass ich mir als Leser wünsche, es gebe weitere Krimis des Gespanns Marple/ Eyelesbarrow.

Auch 27 Jahre nach Miss Marples ersten Auftritt beweist Agatha Christie, dass sie ihr Handwerk nach wie vor versteht…

erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455650068


Das große Miss-Marple-Buch

…versammelt auf satte 400 Seiten die schönsten Kurzgeschichten mit der liebenswerten alten Lady. Zudem macht der Leser die Bekanntschaft mit den Mitgliedern des „Dienstagabend-Klubs“, eine illustre Runde unterschiedlicher Charaktere, die Miss Marple vielfältige Gelegenheit bieten, ihren kriminalistischen Spürsinn einzusetzen.

Eine absolut kurzweilige Lektüre…!

erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455600315

[Rezension] Christophe Lylian (frei nach Brüder Grimm) – Schneewittchen/ mit Zeichnungen von Nathalie Vessillier

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Hurra! – Meine erste Graphic Novel: Habe ich einen Grund zur Freude? Leider nur mit Einschränkung…!

Die Zeichnungen von Nathalie Vessillier sind wunderschön, betonen einerseits den märchenhaften Charme der Geschichte in ihrer Form- und Farb-Sprache, andererseits illustrieren sie auch die Brutalität, die diesem Märchen innewohnt.

Die Figuren sind bis in die Nebenrollen klar charakterisiert: Die 7 Zwerge sind optisch sehr unterschiedlich skizziert und weit davon entfernt „nur“ niedlich und putzig zu sein. Die böse Stiefmutter wirkt in ihrer krankhaften Egomanie einerseits äußerst bedrohlich und gleichzeitig faszinierend. Schneewittchen ist eher Kind und weniger Frau, wirkt dadurch sehr unbedarft und naiv, was als Erklärung dient, warum sie immer wieder das Opfer der Schandtaten der Stiefmutter wird. Hier bleibt diese Graphic Novel der märchenhaften Vorlage treu, indem sie die Frauenportraits in hell & dunkel, in schwarz & weiß, in gut & böse unterteilt. Dabei wird die Stiefmutter in ihrer Charakterisierung deutlich nuancierter dargestellt.

Die Textfassung von Christophe Lylian hat mich ein wenig irritiert, die versucht, durchaus poetisch zu erscheinen, dabei aber ein „Zuviel“ will: So klangen einige Ausdrücke für mich fehl am Platze und die Dialoge wenig flüssig (Ja! Da meldet sich der Vor-Leser in mir!). Im Vergleich zur den harmonischen Illustrationen erschien der Text in manchen Passagen eher holprig. Natürlich kann ich nicht nachvollziehen, ob dies am französischen Original lag oder der Übersetzung durch Tanja Krämling geschuldet ist.

Aber eine Graphic Novel „lebt“ von den Zeichnungen: Da hat die Kunst von Nathalie Vessillier mich völlig überzeugt. Bei der Textfassung ist noch Luft nach oben!

Nettes Gimmick am Rande: Zwei der Zwerge wurden nach ihren geistigen Schöpfern benannt.

erschienen bei Splitter Verlag/ ISBN: 978-3962191429

Ich danke dem Verlag herzlich für die zur Verfügung gestellte Lese-PDF!

[Rezension] Rainer Moritz – Mein Vater, die Dinge und der Tod

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„Rainer, Vati ist gestorben…“ so beginnt für Rainer Moritz eine überraschende Reise in seine Vergangenheit, gezwungenermaßen, denn „Vati ist gestorben…“! Plötzlich ist ein geliebter Mensch nicht mehr da. Was bleibt von diesem Leben übrig? Wie lange bleibt etwas von diesem Leben zurück? Hinterlässt dieses Leben Spuren im Leben Anderer? Rainer Moritz nähert sich sehr behutsam diesen Fragen ohne allzu sehr sentimental zu werden. Effektvoll auf die Tränendrüse zu drücken liegt ihm fern, dazu ist er zu sehr Sohn seines Vaters…!

Vergangene Begegnungen mit seinem Vater kommen ihm wieder in den Sinn – Begegnungen, an denen er schon seit Jahren nicht mehr gedacht hat, die plötzlich wieder in den Fokus rücken. Das Leben des Vaters wird rekapituliert und in ihm Gründe für sein späteres Handeln und für getroffene Entscheidungen gesucht. Einige waren nachvollziehbar, einige haben den Sohn rebellieren lassen – und welche hat er davon als Erbe seinen Kindern mitgegeben und somit deren Leben beeinflusst?

Dort liegen sie noch, die persönlichen Gegenstände seines Vaters, und zeugen von seinem Dasein,  oder sie wurden an die nächste Generation weitervererbt. So wie die Armbanduhr, die vom Sohn in Ehren getragen wird und den Charakter des Vaters so gut wiederspiegelt: ein Marken-Qualitätsprodukt von dauerhafter Wertigkeit, solide aber ohne protzig zu sein, selbstverständlich im Fachgeschäft erworben!

„Je länger ich an meinen toten Vater denke, desto mehr sprechen seine Dinge zu mir.“

Rainer Moritz beschreibt auch seine Trauer um die vielen vertanen Chancen und versäumten Gelegenheiten: Gespräche zwischen Vater und Sohn, die nie geführt wurden; Zärtlichkeiten zwischen Vater und Sohn, die nie ausgetauscht wurden. Dies beschreibt Moritz gänzlich ohne Groll, dafür mit viel Verständnis für die Lebensumstände des Vaters: das Verständnis zu wissen, warum der Vater zu dieser einzigartigen Persönlichkeit geworden ist. Einige Charakterzüge des Vaters hat auch der Sohn verinnerlicht und wie selbstverständlich in seiner Persönlichkeit verankert – für Außenstehende nicht unbedingt wahrnehmbar aber für den Sohn stets spürbar. Ihm ist bewusst, wie sehr sein Vater prägend für ihn war. Dank dieser Prägung und der daraufhin gemachten Erfahrung kann der Sohn auch eine andere Entscheidung treffen: Er hat die Wahl!

„Ein Mensch lebt so lange, wie sich andere an ihn erinnern.“

„Andreas, Opa ist gestorben…“ hätte es auch lauten können. Rainer Moritz stößt mich gedanklich zurück in meine eigene Geschichte, meine eigene Vergangenheit…! Während der Lektüre flatterten die Erinnerungsfetzen durch das Archiv meines Gedächtnisses. Vergangenes und scheinbar Vergessenes spülten wieder an die Oberfläche und riefen Emotionen in mir wach. Und ich spürte eine tiefe Dankbarkeit für den Mann, der für mich sehr prägend war…!

Dietrich Heinrich Friedrich Müller
* 16. Februar 1910 – † 7. Oktober 1982

erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956142574

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Michael Ende – Die unendliche Geschichte

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Meine Freude war groß als ich erfuhr, dass der Thienemann-Verlag anlässlich des 40. Geburtstages von „Die unendliche Geschichte“ eine Neu-Auflage plante, und ich erhoffte mir nun einen würdigen Nachfolger für mein altes Exemplar aus der Kindheit.

Über die Geschichte von Michael Ende muss ich wahrlich keine großen Worte mehr verlieren, und sie ist über jede Kritik erhaben: Michael Ende hat hier eine wunderbare Geschichte voller Phantasie und Anmut geschaffen, die mit ihren liebevoll gezeichneten Charakteren überzeugt und mit ihrer bildhaften Sprache überwältigt. „Die unendliche Geschichte“ wird dem, der sie gelesen hat, immer in Erinnerung bleiben und einen ewigen Platz in seinem Herzen haben.

Darum legte ich mein Augenmerk nun mehr auf die „neue“ Optik des Buches, die von Eva Schöffmann-Davidov gestaltet wurde: Begeistert bin ich vom Umschlag-Design, das in der Farbgebung „schwarz-weiß-gold“ sehr edel und modern wirkt. Auch die Vorsatzblätter gefallen mir gut, stellen für mich im Vergleich zur bisherigen Optik allerdings keine Verbesserung dar. Auch der zweifarbige Satzdruck in Rot und Grün ist ja hinlänglich bekannt.

Beim Weiterblättern machte sich langsam ein Hauch von Enttäuschung in mir breit: Nicht nur das verspielte Rankenmuster am Kopf einer jeden Seite fehlt, auch die wunderbaren „Von A bis Z mit Buchstaben und Bildern“ waren kleineren und unscheinbareren Anfangsbuchstaben bei den einzelnen Kapiteln gewichen. WARUM? Gerade diese Kombination aus Buchdruck und Inhalt steigerte den Reiz von „Die unendliche Geschichte“ und war damals für mich eine Sensation, die ich vorher aus der Kinder- und Jugendliteratur noch nicht kannte. Und wer – Bitteschön! – hat veranlasst, dass hinter der letzten Seite der Geschichte Werbung gedruckt wurde und somit beim Lesen unschön durchschimmert?

Natürlich ist dies nun „Leiden auf hohem Niveau“: Es kommt ja schließlich in der Hauptsache auf die Qualität der Geschichte an, und Neu-Leser werden auch nichts vermissen. Für Fans „der 1. Stunde“ stellt diese Neu-Auflage allerdings keine Alternative dar, da die optische Gestaltung in der Ur-Fassung mit den Buchstaben und Illustrationen von Roswitha Quadflieg deutlich liebevoller umgesetzt wurde!

Darum werde ich weiterhin mein 40 Jahre altes Exemplar aus Kindertagen sehr in Ehren halten: Ich weiß noch, wie ich damals meinen älteren Bruder bedrängte, mir doch bitte dieses Buch – und zwar NUR dieses Buch und kein anderes – zum Geburtstag zu schenken,…

„…aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden!“

erschienen bei Thienemann/ ISBN: 978-3522202602

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Elizabeth Edmondson – Mord auf Selchester Castle

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Hach! – Wie schön, da sind wir wieder auf Selchester Castle im gleichnamigen beschaulichen Örtchen. Das bedeutet für mich, ich kann mich entspannt zurücklegen und auf eine kurzweilige aber unaufgeregte Handlung freuen. Klang das nun etwas negativ? Oh, pardon! – Es war so nicht von mir gemeint. Ganz im Gegenteil: Nichts anderes erwarte ich von einem Cosy-Krimi!

Nachdem Geheimagent Hugo Hawksworth den Tod des bisherigen Earl of Selchester aufklären konnte,  taucht nun überraschend sein unehelicher Sohn auf, der zudem noch (Shocking!) Amerikaner ist, um das Erbe anzutreten. Die adlige Verwandtschaft ist „not amused“. Zudem scheint jemand dem amtierenden Earl of Selchester nach dem Leben zu trachten: Wie sonst lassen sich diese scheinbar zufälligen Missgeschicke erklären, die ihm seit seiner Ankunft in England wiederfahren…?

Auch der zweite Roman um den rührigen Geheimagent Hugo Hawksworth ist wieder ein Wohlfühl-Krimi, dessen Handlung diesmal allerdings ein wenig vor sich hin plätschert. Dabei lässt Elizabeth Edmondson ihre bekannten Hauptdarsteller*innen und die liebenswert-skurrilen Nebenrollen wieder auftreten und garniert diese illustre Runde mit einigen interessanten Neu-Zugängen. Dabei spielt sie zwar durchaus humorvoll mit den Klischees „Alte Welt vs. Neue Welt“ – die modernen Amerikaner treffen auf britische Traditionen und adligem Snobismus –  hätte mit diesem „Pfund“ aber durchaus mehr „wuchern“ können.

Zudem wirkten einige Handlungsstränge etwas konstruiert, und mir fehlten ein wenig ihre bewährten Zutaten („pralle Charaktere, witzige Dialoge, viele Verdächtige mit Motiv, ein ungewöhnlicher Ermittler, verwirrende Verwicklungen, das Flair der 50er Jahre,…“), die den Vorgänger auszeichneten.

Trotz dieser Kritikpunkte ist ihr ein durchaus unterhaltsamer Krimi gelungen!

erschienen bei Goldmann/ ISBN: 978-3442488247

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Chiaki Okada & Ko Okada – Bist du der Frühling?

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Seine großen Brüder können alle schon in die Äste der Bäume springen. Seine großen Brüder kennen auch alle schon den Frühling. Nur das jüngste Hasenkind hat den Frühling noch nie gesehen und würde es seinen Brüdern so gerne gleichtun. So schleicht er an einem frühen Morgen aus der Hütte, da er glaubt, die Schritte des Frühlings gehört zu haben…!

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Illustration: Chiaki Okada/ Text: Ko Okada

Mit zarten Strichen lässt Chiaki Okada in ihren detailreichen Illustrationen die winterliche Heimat des kleinen Hasen aufleben. Nur wenigen Farben bedarf es, um die Schönheit einer verschneiten Landschaft wiederzugeben. Mit dem gekonnten Einsatz von Schattierungen bringt sie den Schnee auf dem Waldboden zum Glänzen und die ersten Sonnenstrahlen auf den Ästen der Bäume zum Tanzen. Dabei sind ihre Bilder von einer einnehmenden Ästhetik und strahlen eine wohltuende Ruhe aus.

Unterstützung finden ihre Illustrationen in den wenigen Sätzen von Ko Okada, die sehr reduziert aber durchaus wohlüberlegt eingesetzt werden und in der Kombination mit den Bildern eine emotionale Tiefe schaffen.

Auf dem ersten Blick wirkt dieses Bilderbuch wenig spektakulär, wenig abwechslungsreich…! Seine Botschaft drängt sich nicht plakativ beim oberflächlichen Betrachten auf. Der Zauber erschließt sich erst im wiederholten Anschauen der Bilder, wenn der Blick über die Illustrationen der wunderbaren Winterlandschaft wandert und bei kleinen Details hängen bleibt.

Ohne den pädagogisch erhobenen Zeigefinger ist dem Künstlerpaar ein wahrlich entzückendes Bilderbuch gelungen, das sehr einfühlsam Themen wie „Großwerden“, „(Ab-)Warten können“, „Freundschaft“ und „Anders sein“ den Kleinen näher bringt!

Und ich kann die Ungeduld des kleinen Hasen sooo gut verstehen: So warte auch ich voller Sehnsucht auf den Frühling!

erschienen bei Moritz/ ISBN: 978-3895653728

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Vea Kaiser – Rückwärtswalzer: oder Die Manen der Familie Prischinger

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Lorenz Prischinger ist am Ende: seine Schauspiel-Karriere stagniert, seine Freundin verlässt ihn für irgendeinen Deppen, die Schulden stehen ihm bis zum Hals, weswegen er seine schicke Wiener Nobel-Wohnung untervermieten muss. Nun nächtigt er im ehemaligen Kinderzimmer seiner Cousine, denn er ist bei seiner Tante Hedi und seinem Onkel Willi untergeschlüpft und muss eine geballte Ladung Tanten-Power über sich ergehen lassen, da Hedis Schwestern Mirl und Wetti auch stets zur Stelle sind. Tiefer kann er nicht sinken, denn schlimmer kann es nicht werden! Doch! Kann er! Sicher! Wird es!

Überraschend stirbt Onkel Willi (ein schwaches Herz, hatte seine Mutter schon): Gemäß seinem letzten Wunsch soll er in seiner Heimat Montenegro beerdigt werden. Eine offizielle Überführung ist zu teuer, also wird zu einer unkonventionellen Lösung gegriffen: Lorenz macht sich im kleinen Fiat Panda mit dem toten, tiefgefrorenen Onkel auf dem Beifahrersitz und seinen drei Tanten auf dem Rücksitz auf den Weg in die 1029 km entfernte Heimat seines Onkels.

Vea Kaiser lässt – eingerahmt von diesem ausgefallenen „Road Trip“, der im hier und jetzt spielt – die Vergangenheit der Prischinger-Familie wiederaufleben. Dabei erscheint es, als würde sie einen Film zurückspulen, anhalten und ein Stück wieder laufen zu lassen, um dem Publikum (=Leser) eine weitere Szene als Rückblende vorzuführen. In Etappen verrät sie dem Leser die Lebensgeschichten der 5 Prischinger-Kinder: neben Mirl, Hedi und Wetti gibt es noch Sepp, den Vater von Lorenz, und Nenerl, den verstorbenen Zwillingsbruder von Mirl. In dieser schon äußerst abwechslungsreichen Familiengeschichte verwebt Vea Kaiser zusätzlich den Lebensweg von Onkel Willi. Mit all diesen parallel verlaufenden Handlungsstränge und Rückblenden hätte es für den Leser sehr schnell unübersichtlich und unverständlich werden können! Das wird es nicht, da Vea Kaiser immer die Zügel in der Hand behält, den Weg im Blick und somit das Ziel vor Augen hat.

Vea Kaiser liebt ihre Protagonisten mit all ihren Fehlern, Marotten und (Fehl-)Entscheidungen. Sie portraitiert die einzelnen Personen sehr detailliert und ironisch aber nie entlarvend. Ihr Humor ist manches Mal lakonisch, mit viel Mutterwitz (…oder sollte ich lieber „Tantenwitz“ sagen?) aber stets respektvoll.

Dabei scheinen auch immer die Verstorbenen der Familie aus dem Jenseits, Einfluss auf die Protagonisten zu nehmen und somit deren Handeln zu prägen: „Die Manen der Familie Prischinger“ lautet nicht ohne Grund der Untertitel dieses Romans. Der Begriff „Manen“ kommt aus dem lateinischen und meint die Geister der Toten der römischen Mythologie. Ist unser aller Handeln nicht ebenso geprägt durch Begegnungen und Erfahrungen aus der Vergangenheit? Erschrecken wir nicht über uns selbst, wenn wir Eigenarten eines Elternteils an uns entdecken, die wir „nie und nimmer“ annehmen wollten? Erkennen wir es nicht auch selbst, dass die Taten unserer Ahnen, Einfluss auf unser Werden hatten?

Dieser Roman öffnet sich dem Leser nur Seite für Seite, Szene für Szene, Stück für Stück…!

Ich habe über dieses komplexe Handlungsgerüst, die vielschichtigen Charaktere und intelligenten Dialoge gestaunt: Nie gab es für mich einen Moment der Langeweile. Im Gegenteil: Stets wollte ich mehr über diese Familie erfahren, amüsierte mich über die humorvollen Situationen, die durchaus in Richtung Slapstick hätten abgleiten können aber immer rechtzeitig ausgebremst wurden, oder war gerührt von der Wärme, mit der die allzu menschlichen und somit verständlichen Schwächen der Familienmitglieder beschrieben wurden.

Vea Kaiser liebt ihre Protagonisten, und darum lieben wir sie ebenso!

erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462051421

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Welche Freude: Am 22. Mai wird Vea Kaiser mit einer Lesung aus diesem Roman bei uns zu Gast sein!