[Rezension] Jella Lepman – Die Kinderbuchbrücke

Es war einmal…

…vor einigen Jahren kurz vor den Wahlen, da saß ich mit einer Bekannten zusammen, und sie äußerste ihre Haltung dazu: „Ich gehe nicht zu den Wahlen! Man weiß ja eh nicht mehr, welche Partei man wählen soll!“ Ich starrte sie völlig entgeistert an: Nach einer Schrecksekunde in Schockstarre gab ich zu bedenken, dass – abgesehen davon, dass sie mit ihrer Wahlverweigerung automatisch die AfD stärkt – in der Vergangenheit viele mutige Frauen dieses Wahlrecht für sich und nachfolgende Generationen hart erkämpft haben. Mich traf der verständnislose Blick meiner Bekannten…!

Mutige Frauen: Es gab sie und wird sie zum Glück immer geben. Mutige Frauen, die am Sockel des Patriarchats des weißen Mannes rütteln. Und allen weißen Männern, die der Meinung sind, dass eben dieser weiße Mann die Krone der Schöpfung darstellt, rufe ich voller Überzeugung zu: „Nein, er ist es nicht!“ Im Gegenteil: Die Krone der Schöpfung sind für mich all die Menschen, die – im Großen wie im Kleinen – dafür sorgen, dass das Leben auf unserem Planeten ein wenig besser wird!

Jella Lepman war einer dieser Menschen, war eine dieser mutigen Frauen.

Als Jüdin musste die Journalistin 1936 über Italien nach England immigrieren, wo sie weiterhin u.a. für die BBC und den US-amerikanischen Sender ABSIE journalistisch tätig war. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt sie das Angebot, als Beraterin der US-Armee für Frauen- und Jugendfragen im Rahmen des „Reeducation“-Programms der amerikanischen Besatzungszone nach Deutschland zurückzukehren. Lepman reiste voller Zweifel und Ängste in das Land, das für den Holocaust verantwortlich war. Schnell wurde ihr bewusst, dass eine „Reeducation“ (=Entnazifizierung) bei denen am erfolgreichsten ist, die sie als hoffnungsvolle Zukunft eines Landes ansah: die Kinder! Das beste und geeignetste Medium, um den Kindern im Nachkriegsdeutschland Toleranz, Friedensliebe und Weltoffenheit näher zu bringen, waren für sie die wunderbaren Kinderbücher aus aller Welt bzw. aus Deutschland vor dem Einfluss der Nazis (z. Bsp. „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner).

Aber waren die Kinder Deutschlands, die so viel Leid erlebt und Schreckliches gesehen haben, überhaupt bereit dafür? Und wären die Nationen bereit, ihre Kinderbücher dem „Feind“ zu spenden? Ihre Bitte um Bücher für die Kinder in Deutschland, die sie an die Länder richtete, traf dort einen Nerv der Solidarität – Solidarität für die Kinder – und so fungierten die Kinderbücher als Brücke der Verständigung zwischen den Nationen. Jella Lepman organisierte 1946 eine Internationale Jugendbuchausstellung in München (und somit auch die erste internationale Ausstellung in Deutschland nach dem Krieg), die auch auf Wanderschaft ging und somit in weiteren Städten in Deutschland gezeigt wurde. Die Ausstellung wurde ein sensationeller Erfolg: Aus ihr entwickelte sich im Jahre 1949 die Internationale Jugendbibliothek im München, deren Direktorin Lepman bis 1957 war.

In diesem Buch lässt Jella Lepman den Aufbau der Internationalen Jugendbibliothek mit eigenen Worten wiederaufleben. Im leichten Plauderton mit sehr viel Empathie erzählt sie über ihren Neu-Anfang im Nachkriegsdeutschland. Humorvoll berichtet sie von Rückschlägen und Fauxpas und plaudert unterhaltsam über Begegnungen mit damaligen Größen des öffentlichen Lebens (Eleanor Roosvelt, Theodor Heuss, Elly Heuss-Knapp, Golo Mann und Erich Kästner), die sie als Befürworter bzw. Unterstützer ihrer Idee gewinnen konnte. Im Mittelpunkt ihres Handels standen immer die Kinder. Sehr emotional lässt sie uns an ihren ersten Begegnungen mit traumatisierten Kindern, die in den Trümmerbergen ums Überleben kämpften, teilhaben. Ebenso berührend sind ihre Schilderungen über die Reaktionen der Kinder: Andächtig, staunend und mit glänzenden Augen nahmen sie die Bücher „in Besitz“. Jella Lepman lag so nicht nur die Förderung der Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland am Herzen. Sie wurde auch zur Förderin der jungen Leser*innen. „Kinder an die Macht“ schien ihre Devise zu lauten, und so ließ sie von den Kindern Buch-Rezensionen erstellen, in Gesprächsrunden Autor*innen Löcher in den Bauch fragen und initiierte die ersten Fremdsprachenkurse. Aber auch über den Räumlichkeiten der Bibliothek hinaus warb sie mit aller Kraft für ihre Idee und kooperierte mit Schulen und Ämtern. Zudem knüpfte sie grenzüberschreitend Kontakte, indem sie Kongresse besuchte und internationale Gäste in der Jugendbibliothek begrüßte. Die Autorin (be-)schreibt mit so viel Begeisterung und Anteilnahme, dass mir während der Lektüre (Ich gestehe…!) das eine oder andere Mal die Augen feucht wurden.

Eingeleitet wird dieses literarische Statement durch ein Vorwort von Dr. Christiane Raabe, der jetzigen Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek, ergänzt durch viele historische Fotos und abgeschlossen durch die lesenswerte Kurz-Biografie „Die vielen Leben der Jella Lepman“ von Anna Becchi.

Lepmans ängstliche Frage, ob die Kinder bereit für Bücher seien, war völlig unbegründet. Die Kinder stürmten begeistert zuerst die Ausstellung und später die Internationale Jugendbibliothek, beteiligten sich aktiv an deren Angebote und entdeckten die neuen Bücher für sich: Für sie waren die Kinderbücher die Flucht aus einem grauen Trümmer-Deutschland in eine farbenfrohe Welt voller Spaß, Abenteuer und einer Vielzahl an unterschiedlichen Held*innen,…

…und wenn sie nicht gestorben sind, dann lesen sie noch heute!

Weitere Informationen findet Ihr auf der HOMEPAGE der Internationalen Jugendbibliothek.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143922

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Quint Buchholz – Zauberworte

…und die Welt hebt an zu singen,
triffst Du nur das Zauberwort.
Joseph von Eichendorff

Zauberworte: Jeder kennt sie! Ein „Stichwort“ genügt, und an meiner Kommode der Erinnerungen springt eine Schublade auf und überschwemmt mich mit Bildern…! Der bekannte Illustrator Quint Buchholz, der u.a. Elke Heidenreichs Nero Corleone so wunderbar illustrierte, hat einige solcher Zauberworte gesammelt und dazu Bilder in sanften Farb-Nuancen geschaffen.

„Abenteuerlust“, „Löwenherz“, „Lieblingsbuch“, „Himmelsleiter“ und „Fingerspitzengefühl“ sind nur einige wenige dieser Zauberworte, die allein durch ihren Klang Assoziationen bei mir heraufbeschwören. Doch Buchholz’ Illustrationen bürsten die eigenen Assoziationen „gegen den Strich“ und öffnen so neue, ungewöhnliche Sichtweisen. Seine Illustrationen wirken beinah foto-real und scheinen gleichzeitig in einem sanften Nebel des Unwirklichen gehüllt.

Gekonnt arbeitet er mit Perspektive, nur um sie beim nächsten Bild zu verschieben, um so unserem gewohnten Denkmuster ein Schnippchen zu schlagen und es auszutricksen. Ein zweiter Blick ist oft angebracht, um das Kuriose, Abenteuerliche oder Phantasievolle in seinen Werken wahrzunehmen. Dabei setzt der Illustrator die Gesetze der Schwerkraft und des Möglichen außer Kraft und lässt Unwirkliches völlig „normal“ wirken. Wobei wir uns hier streiten könnten, was „normal“ ist und was nicht…!

So lösten manche Bilder bei mir erst ein verständnisloses Stirnrunzeln aus, um dann nach eingehender Betrachtung und Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Zauberwort einem kindlichen Staunen Platz zu schaffen.

Dieses Buch erweckte auf wundersame Weise das Kind in mir und lud mich ein, weniger rational, weniger stringent die Welt zu betrachten, sondern vielmehr meinen grauen Zellen eine farbenfrohere Sicht auf das Leben zu gönnen.


erschienen bei Sanssouci/ ISBN: 978-3990560013

[Rezension] Vicki Baum – Menschen im Hotel

Die Drehtür des Berliner Grand Hotels rotiert: Gäste checken ein, checken aus, begegnen sich in der Lobby, im Tearoom oder im Wintergarten, und für einen kurzen Moment kreuzen sich ihre Lebensbahnen. Da haben wir den Generaldirektor Preysing, der sich voller Verzweiflung in Verhandlungen stürzt, um seine Firma zu retten. Im Nebenzimmer logiert der totkranke Buchhalter Otto Kringelein, der, nach einem unbedeutenden Dasein des Sparens und Darbens, noch einmal leben möchte. Der smarte Baron Gaigern ist ihm nicht ganz uneigennützig behilflich, eine gehörige Portion „Leben“ zu erfahren. Immer knapp bei Kasse aber auf großem Fuß lebend, schlägt er sich „hauptberuflich“ als Fassadenkletterer durch. Bei einem dieser Aktionen landet er im Zimmer der alternden und lebensmüden Primaballerina Grusinskaja. Doch anstatt ihr ihre berühmten Perlen zu stellen, findet er in ihr eine verwandte Seele auf der Suche nach Zuneigung und Glück. Ein kleines Stückchen Glück wünscht sich auch die kokette Sekretärin Flämmchen, die auf ihrer Suche danach durchaus gewillt ist, das unmoralische Angebot von Generaldirektor Preysing anzunehmen. Wenige Tage später, manchmal auch nur nach wenigen Stunden trennen sich diese Menschen wieder, doch ihre Begegnungen haben Spuren im Lebenslauf der anderen hinterlassen…!

Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ erschien im Jahre 1929 mit dem treffenden Untertitel Kolportageroman mit Hintergründen: Jede*r ihrer Held*innen trägt eine Last auf den Schultern und droht, wie durch einen Mühlstein, der um den Hals gebunden ist, von ihr in den Abgrund gezogen zu werden. Jede*r versucht sich von dieser Last zu befreien, oder zumindest ein wenig Erleichterung zu erfahren. Ihre Schicksale liefern die nachvollziehbaren Beweggründe für die jeweiligen Taten, für die jeweiligen Entscheidungen. Das Nobelhotel, dieser Ort des Wohlstands und des Glamours dient als Projektionsfläche der Wünsche und Sehnsüchte: Hier scheint jede*r aus der Gewohnheit entflohen. Werte werden neu definiert.

Dieser über 90 Jahre alte Roman hatte mich schon nach wenigen Seiten gepackt: Ich war überrascht, mit welcher modern anmutenden Frische Vicki Baum ihre Sätze formulierte. Bar jeglicher Sentimentalität aber mit viel Einfühlungsvermögen offenbarte sie die Geschichten ihrer Held*innen und zeigte dabei viel Sympathie für deren Handlungen. So waren auch mir als Leser die Charaktere nie unsympathisch: Vielmehr verspürte ich Mitgefühl und Verständnis. Jeder Charakter war gleichsam interessant. Geschickt verwebte die Autorin die Handlungsstränge von Hotel-Gästen und -Personal miteinander und lieferte ein wechselvolles Sittenbild der damaligen Gesellschaft.

Der Roman wirkte auf mich, als würde ich einen Blick durch ein buntes Kaleidoskop wagen: nur eine kurze Drehung/ nur wenige Seiten und ein neues Bild entsteht. Gerade diese Vielschichtigkeit und das Hoffen auf Unvorhersehbares erzeugten für mich als Leser die Spannung bei der Lektüre. Ich konnte durchaus nachvollziehen, warum dieser Roman bei seiner Veröffentlichung so außerordentlich erfolgreich war und auch weiterhin seine Leserschaft verdient.

Vicki Baums Heldinnen & Helden haben das Hotel längst verlassen. Neue Gäste sind eingetroffen. Es herrscht ein emsiges Kommen und Gehen, und die Drehtür rotiert weiter und weiter und weiter…!


erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462037982

[Rezension] Georges Simenon – Maigret macht Ferien

Auch ein so angesehener Polizeibeamter wie Kommissar Maigret braucht einmal Urlaub und so reisen seine Frau und er in das beschauliche Städtchen Les Sables-d’Olonne direkt an der Atlantikküste. Leider entpuppt sich dort eine scheinbar harmlose Magenverstimmung von Madam Maigret als gefährliche Blinddarmentzündung, die eine Operation im Krankenhaus nach sich zieht. Neben seinen regelmäßigen Besuchen an Madams Krankenbett kultiviert Maigret seine tägliche Routine mit Besuche der örtlichen Bistros und Cafés. Plötzlich findet er in der Tasche seines Jacketts einen Zettel mit der Nachricht „Suchen Sie aus Barmherzigkeit die Patientin in Zimmer 15 auf.“ Wer hat ihm diesen Zettel zugesteckt? Und vor allem: Wann…? Da der Kommissar nicht im Dienst ist, zögert er. Am nächsten Tag ist die besagte Patientin verstorben. Es handelte sich um die Schwägerin des angesehenen Arztes Doktor Bellamy. Nun ist Maigrets Interesse geweckt, und er nimmt Kontakt zum Doktor auf. Scheinbar gibt es für den Tod dieser jungen Frau eine plausible Erklärung. Doch dann wird ein weiteres junges Mädchen erdrosselt aufgefunden, das Maigret am Tag zuvor noch im Haus von Doktor Bellamy gesehen hat…!

Ich schlenderte durch die Buchhandlung meines Vertrauens, nahm mal hier ein Buch aus dem Regal, las mal dort einen Klappentext und stand irgendwann (wie so oft) vor dem Krimi-Regal: Ich konnte einfach nicht widerstehen! Der Schweizer Kampa-Verlag hat sich der Mamut-Aufgabe gestellt, alle Simenon-Romane neu aufzulegen. Die Krimis um seinen berühmten Kommissar Maigret überzeugen in teils neuen oder überarbeiteten Übersetzungen auch optisch mit den schwarz-weißen Fotos auf dem Cover. Einige ausgewählte Romane erstrahlen zudem im Retro-Design der 50er Jahre und sind somit ein wahrer Eye-Catcher. Wen wundert’s, dass ich mich von diesem Roman so magisch angezogen fühlte.

Man kann Georges Simenon wahrlich nicht nachsagen, dass er der fantasievolle Literat war, der an ausgefeilten Satzkreationen feilte. Er war eher der Stoiker und hatte somit vieles mit seinem Alter Ego Kommissar Maigret gemein. Waren raffinierte literarische Ergüsse auch nicht „seins“, so war er ein Könner im Schaffen von Atmosphäre. Die Straßen von Les Sables-d’Olonne, die Möwen am Hafen, die Gassen mit ihren Geschäften und Bistros, das Flair der späten 40er-/ frühen 50er-Jahre: Dies alles sah ich während meiner Lektüre vor meinem inneren Auge entstehen. Es schien mir, dass ich beinah diese Mischung aus sommerlicher Trägheit des Ortes und der nervösen Anspannung des Kommissars spüren konnte. Der Autor lässt die Worte der Nachricht („Suchen Sie aus Barmherzigkeit…“) Maigret in Gedanken immer wieder wie ein Mantra wiederholen und liefert ihm somit den Antrieb, aktiv in den Lauf der Ermittlungen einzugreifen. Er versteht es, Spannung aufzubauen und zu halten!

Simenon legte großen Wert auf eine detaillierte Charakterzeichnung seiner Handlungspersonen. So wie er Maigret nicht ausschließlich auf den Super-Schnüffler reduziert, so sind seine Übeltäter nicht „nur“ böse. Vielmehr schien es ihm wichtig, die Beweggründe für die Taten zu offenbaren und die Gedankengänge eines „kranken“ Geistes nachvollziehbar darzulegen. So geht er auch in diesem Krimi der Frage auf dem Grund, was einem bisher unbescholtenen Menschen veranlasst, ein schändliches Verbrechen zu begehen.

Maigrets Ferien gestalteten sich für ihn leider nicht wie erhofft: Für mich waren sie ein Vergnügen!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311125280

[Rezension] Horst A. Friedrichs – Buchhandlungen. Eine Liebeserklärung/ mit Texten von Stuart Husband und Nora Krug

Buchhandlungen: Ich liebe sie! Im besonderen Maße liebe ich natürlich die innerhabergeführten Läden, die so viel von „ihren“ Menschen preisgeben und im besten Fall Charakter besitzen und Persönlichkeit ausstrahlen. Hier finde ich in beinah versteckten Nischen und Regalen so einige kleine Schätze abseits des Mainstreams. Natürlich ist oftmals das Angebot der großen Buchhandelsketten deutlich umfangreicher, aber ist es auch vielschichtiger? Zudem verströmen diese Läden mit ihrem genormten Ladenkonzept eher Sterilität und lassen nicht erkennen, in welcher Stadt ich mich gerade befinde.

Fotograf Horst A. Friedrichs hat sich seine Kamera geschnappt und sich auf eine Reise durch die Buchhandlungen der westlichen Hemisphäre gemacht. Mit seinen Fotos schafft er es, dem besonderen Flair dieser Orte, den sie für Buch-Enthusiasten verströmen, dem Betrachter sichtbar zu machen – sowohl als „Panorama“-Ansicht als auch „en détail“. Sie offenbaren eine immense Bandbreite, wie und wo Menschen Bücher verkaufen. Da versprüht „Spoonbill & Sugartown“ (Brooklyn, New York) mit seiner Styropor verkleideten Ladendecke in Kombination mit einem Lüster einen beinah morbiden Charme, während „Rizzoli“ (Manhatten/ New York) mit seinen dunklen Säulen und den muschelförmigen Regalaufsätzen ein gediegenes Upperclass-Flair versprüht. Bei „Dog Eared Books“ (San Fransisco) fühlte ich mich in die alternative Buch-Szene der 70er Jahre zurück versetzt. „Maggs Bros.“ (London) ist von außen kaum als Buchhandlung zu erkennen, blickt auf eine jahrhundertlange Tradition zurück und präsentiert in seinem Inneren eine wahre Schatzkammer an Buchantiquitäten. Der Buchladen „Gay’s The Word“ (London) macht Andersartigkeit sichtbar und etabliert sie als selbstverständlichen Teil einer bunten und vielfältigen Gesellschaft.

Bei „Word On The Water“ (London) muss die Kundschaft erst über einen kleinen Steg auf ein Boot, dass fest am Ufer des Regent’s Kanal liegt. Wir bleiben an einem Fluss: Natürlich dürfen in einer solchen Sammlung die „Bouquinisten“ am Ufer der Seine in Paris nicht fehlen. Eine alte gotische Kirche dient „Boekhandel Dominicanen“ (Maastrich) als Heimat, in der eine raffinierte Stahlkonstruktion dafür sorgt, dass das ehrwürdige Gotteshaus keinen Schaden nimmt. Beim Anblick der Fotos zu „Liveraria Lello“ (Porto) mit seinen geschwungenen Treppen und den Bleiglasfenstern stockte mir der Atem: So schön! Mit Schande muss ich gestehen, dass ich der renommierten Buchhandlung „Felix Jud“ in meiner Lieblingsstadt Hamburg bisher noch keinen Besuch abgestattet habe: Das soll/muss sich ändern! Und wenn ich schon in Hamburg bin, dann könnte ich auch bei „stories!“ vorbeischauen, die ihre Bücher eher wie Kunstwerke einer Galerie gleich zur Schau stellen. Insgesamt gibt es 47 Porträts zu bewundern…!

So unterschiedlich die Läden und ihre Besitzer*innen sind, so unterschiedlich ist auch die jeweilige Entstehungsgeschichte: Da protzen einige Läden als wahre Literaturtempel während andere eher dezent ihr Understatement kultivieren. Einige Läden blicken auf eine sehr lange Tradition zurück, andere Läden sind beinah „spontan“ in jüngerer Vergangenheit entstanden.

Auch wenn dieser Pracht-Bild-Band natürlich unter der Kategorie „Das geschriebene Wort…“ auftaucht, so spielen Texte eine eher untergeordnete Rolle. Und so erscheint in diesem Fall auch als erstes der Name des Fotografens in der obigen Überschrift. Während Nora Krug in ihrem Vorwort die Notwendigkeit von freien Buchhandlungen und ihren Einfluss auf die Gesellschaft deutlich macht, sorgt Stuart Husband in seinem Beitrag zu jeder Buchhandlung, dass die Inhaber*innen eine Stimme erhalten.

Das Gesicht zur Stimme zeigt Friedrichs in seinen wundervollen Fotos: Kluge Menschen blicken in die Kamera und zeugen von Individualität, Enthusiasmus und ihrer Liebe zum Buch. Horst A. Friedrichs ist wahrlich eine Liebeserklärung gelungen!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin LESEMADEMOISELLE.


erschienen bei Prestel/ ISBN: 978-3791385808

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Joanna Nadin – Meine Mutter, unser wildes Leben und alles dazwischen

Dido Sylvia Jones ist gerade erst 6 Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter Edie in das geerbte Haus in einer Kleinstadt in Essex zieht. In dieser geordneten, gutbürgerlichen Umgebung fällt die flippige Edie schnell auf und sorgt für Aufregung in der Nachbarschaft; sehr zum Leidwesen ihrer Tochter Dido, die so gerne ein etwas unauffälligeres Leben führen würde. Direkt nebenan entdeckt sie ihr persönliches Narnia: Durch eine Tür in der Gartenmauer schlüpft sie in die saubere und strukturierte Welt der Familie Trevelyan mit Vater, Mutter und zwei Kindern. Mit der gleichaltrigen Tochter Harry freundet sich Dido an. Für deren älteren Bruder Tom schwärmt sie vom ersten Moment. Edie kann die Begeisterung ihrer Tochter an dieser spießigen Bilderbuchfamilie nicht teilen: Sie zieht es vor, ihr Leben ohne Konventionen öffentlich zu zelebrieren und reizt damit den Widerstand ihrer Tochter, die Konventionen benötigt, um Halt in ihrem Leben zu finden. So verfliegen die Jahre, und jede für sich taumelt durch ihr Leben mit falschen Jobs, falschen Freunden, falschen Liebhabern, da das/der Richtige immer irgendwie abwesend zu sein scheint…!

Dieses Jahr steht bei mir anscheinend ganz im Zeichen der Mutter-Tochter-Konflikte: Nach Anne Enrights Die Schauspielerin und Zwei Wochen im Juni von Anne Müller flutsche mir nun mit diesem Werk die dritte literarische Umsetzung zu diesem Thema zwischen die Finger. Joanna Nadin lässt in ihrem komplexen Roman die Geschehnisse aus der Sicht von Dido Revue passieren. Dieser Roman wirkt beinah wie ein scheinbar nie enden wollender Brief, den Dido ihrer Mutter Edie schreibt. So sind die Zeilen natürlich sehr persönlich gefärbt und spiegeln die jeweilige Lebenssituation von Dido wieder, offenbaren aber auch peu à peu die Geschichten ihrer Mutter und der Menschen in ihrem Umfeld.

Die Autorin entblättert Seite für Seite die zarte Seele eines Kindes, das auf der Suche nach Liebe, Halt und Anerkennung ist. Dies kann sie allerdings bei ihrer eigenen Mutter nicht finden, da diese selbst an den Wunden ihrer verletzte Seele krankt. So sind Missverständnisse und gegenseitig zugefügte Kränkungen zwangsläufig unabwendbar. Wie Naturgewalten prallen diese Frauen aufeinander, die so unterschiedlich sind aber gleichzeitig so vertraut miteinander, dass jede die wunden Punkte der anderen nicht bloß kennt sondern auch zielsicher trifft. Doch gerade diese Vertrautheit wirkt wie ein eng geknüpftes Band: Mutter und Tochter sind untrennbar miteinander verbunden!

Joanna Nadin erzählt ihre Geschichte in einer wunderschönen Sprache, die vor Energie strotzt und mit ihren Worten Bilder malt. Sie schafft es, dass ihre Leserschaft nie Mitleid aber immer Mitgefühl für die Protagonist*innen entwickelt. Alle agieren nachvollziehbar im Rahmen ihres vorgegebenen gesellschaftlichen Gefüges. Niemand wird bloßgestellt! In Nadins Charakterzeichnungen spürte ich sehr viel Herz und Verständnis für die Fehler „ihrer“ Menschen. Trotz aller vorhandener Ernsthaftigkeit mit ihren Dramen und den Tränen entlockten mir die humorvollen Beschreibungen der skurrilen Situationen, in die Dido, Edie & Co. stolpern, durchaus auch ein Lächeln.

Dido ist schonungslos – mit ihrer Mutter aber auch mit sich selbst. Doch am Ende steht die weise Erkenntnis, dass alles im Leben einen Sinn ergibt und erst mit dem Verzeihen die eigene innere Ruhe einkehren kann.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension von Günter Keil.


erschienen bei Limes/ ISBN: 978-3809027072

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Julius Thesing – You don’t look gay

Eine unbedarfte Äußerung während der Bahnfahrt, eine „freundlich“ gemeinte Bemerkung auf der Party…! Homophobe Diskriminierungen haben Homosexuelle schon in (beinah) allen Lebenslagen erfahren, wobei das titelgebende „Du siehst ja gar nicht schwul aus!“ noch eine der Harmloseren ist. Julius Thesing offenbart in Text und Illustration, wie tief im Alltag unserer Gesellschaft Homophobie (leider) noch verankert ist und versucht mit gängigen Klischees aufzuräumen. In seinen Zeichnungen spielt er mit ebendiesen Klischees, karikiert Rollenbilder, persifliert bekannte Kunstwerke und schafft Typen abseits vom Mainstream. Zwar wurde in einigen Ländern schon vieles auf dem Weg zur schwulen Emanzipation erreicht, doch mit Auszügen aktueller Statistiken und Zitaten von Politikern aus unterschiedlichen Nationen (auch aus Deutschland) belegt er, dass wir auf dem Weg zur endgültigen Emanzipation bei weiten noch nicht am Ende angekommen sind bzw. unter Umständen ein Outing massive (durchaus lebensbedrohliche) Konsequenzen nach sich ziehen kann. Eine Lösung kann auch der Autor nicht bieten. Vielmehr sieht er das Buch (mit eigenen Worten) eher als Versuch und Gesprächsangebot und nicht als Manifest.

Ich gestehe es frank und frei: Ich stecke in einer Zwickmühle! Einerseits feiere ich dieses Buch, andererseits bleibe ich nach der Lektüre verwirrt zurück. Einerseits wurden meine Erwartungen erfüllt, andererseits habe ich etwas „anderes“ erwartet. (…?…)

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!„ Johann Wolfgang von Goethe

Zurück auf Anfang: Julius Thesing ist ein junger Illustrator, der sich im Rahmen seiner Bachelor-Arbeit mit dem Thema „homophobe Diskriminierung“ beschäftigt hat. Seine Bachelor-Arbeit fand die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen des Bohem-Verlags, der für seine außergewöhnlichen Kinder- und Jugendbücher bekannt ist.

Vielleicht liegt hier auch mein Gefühl des Zwiespalts begründet: Bei einer Bachelor-Arbeit eines Studenten würde ich einen anderen Maßstab anlegen als an ein professionelles Verlagsprodukt, das die verschiedenen Phasen der Entwicklung durchlaufen hat.

„Ein Buch, das gleichzeitig nachdenklich und manchmal sogar wütend macht und Anlässe zum Schmunzeln gibt; das informiert, die Augen öffnet und helfen kann.“ Originaltext Verlagskatalog

Die meisten Äußerungen kann ich unumwunden bestätigen, nur ein Schmunzeln wollte sich bei mir partout nicht einstellen. Ich vermisste die Leichtigkeit und den Humor in diesem Werk (oder ich konnte ihn nicht erkennen). Ja, es ist ein ernstes Thema! Ja, es ist ein wichtiges Thema! Aber „ernst“ und „wichtig“ schließt „Humor“ nicht unbedingt aus. Mir ist durchaus bewusst, dass die konsequente Farb-Gestaltung des Buches als ironisches Statement gemeint ist, trotzdem hätte ich mir weniger „Rosa“ und mehr „Rainbow“ gewünscht. Die Farbe „Rosa“ überzieht das Buch zusätzlich mit einer pudrigen Schwere und lässt es eher unscheinbar wirken. Dabei hätte ich mir optisch ein „BÄHM!“ gewünscht, und das Buch somit mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Lt. Angabe des Verlages soll dieses Buch für Kinder ab 12 Jahren geeignet sein: Dieser Einschätzung kann ich mich nicht anschließen. Illustrationen und Text-Inhalt (u.a. Nennung von sexuellen Praktiken) wären eher für Jugendliche ab 16 Jahren geeignet. Für dieses Alter wäre das Buch ein toller Einstieg in das Thema, zumal der junge Autor offen „im Plauderton“ von eigenen Erfahrungen berichtet und somit auf Augenhöhe mit seinen jugendlichen Lesern wäre.

Doch dieses Buch setzt auch ein klares Zeichen für ein schwules Selbstbewusstsein: Homophobie muss – wie jegliches Unrecht – sichtbar gemacht und angeprangert werden. Diskriminierung darf nicht ertragen und schweigend hingenommen werden. Lasst uns laut darüber sprechen! Eine Möglichkeit dazu hat der Autor uns in die Hände gelegt.

Wie sagte der Autor so treffend: „Dieses Buch ist ein Gesprächsangebot, kein Manifest.“
Lieber Julius, ich hoffe so sehr, dass Dein Werk zu vielen Gesprächen anregt!!!


erschienen bei Bohem/ ISBN: 978-3959390941

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] E.O. Plauen (Erich Ohser) – Vater und Sohn: Sämtliche Abenteuer

E.O. Plauen ist das Pseudonym von Grafiker und Karikaturist Erich Ohser (* 18. März 1903/ † 6. April 1944) und setzt sich zusammen aus seinen Initialen und dem Namen seiner Heimatstadt. Er studierte von 1921 bis 1926 an der Staatlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig. Nebenbei arbeitete er bei der „Neuen Leipziger Zeitung“, wo er Erich Kästner kennenlernte.

Nach dem Studium wurde Ohser schnell als Buchillustrator (unter anderem illustrierte er die Gedichtbände Kästners „Herz auf Taille“, „Ein Mann gibt Auskunft“ und „Gesang zwischen den Stühlen“) und als Karikaturist bekannt. Mit seiner offenen Abneigung gegenüber den Nationalsozialisten und der Veröffentlichung seiner Karikaturen von Hitler und Goebbels zog er den Hass der Nationalsozialisten auf sich. Nach deren Machtübernahme erhielt er Berufsverbot. Als 1934 „Die Berliner Illustrierte“ einen Zeichner für eine regelmäßig erscheinende Bildergeschichte suchte, bewarb er sich mit einen Entwurf zu „Vater und Sohn“ und erhielt die Zusage unter der Voraussetzung, unter einem Pseudonym zu arbeiten und sich nicht politisch zu betätigen. Von 1934 bis 1937 erschienen Ohsers „Vater und Sohn“-Geschichten in der auflagenstarken Zeitung und waren so beliebt und erfolgreich, dass der Verlag auch drei Buchausgaben veröffentlichte. Dank dieses Erfolges durfte er auch in den folgenden Jahren weiter für verschiedene Zeitungen arbeiten. Auf Dauer konnte er allerdings seine Abneigung gegen das NSDAP-Regime nicht unterdrücken. Er wurde denunziert und im März 1944 verhaftet. Der anberaumte Schau-Prozess vor dem Volksgerichtshof sollte am 6. April eröffnet werden. Das Urteil (Hinrichtung) stand von vorherein fest. In der Nacht zuvor wählte Erich Ohser in seiner Zelle den Freitod.

In diesem Sammelband sind nun sämtliche Abenteuer von „Vater und Sohn“ in der chronologischen Reihenfolge versammelt. In den über 200 Bildergeschichten gehen „Vater und Sohn“ gemeinsam durch das Leben und meistern die Tücken des Alltags mal mehr, mal weniger ruhmreich. Von Rückschlägen lassen sie sich nicht entmutigen. Sie bilden eine Einheit, sind zwar nicht immer einer Meinung, halten aber, wenn es hart auf hart kommt, fest zusammen. So steht der Vater für die Respektsperson, der bei Verfehlungen des Sohnes durchaus die damals gängige pädagogische Intervention des „Hosenboden versohlen“ praktiziert. Trotzdem wirkt der Sohn in den Zeichnungen nie, als würde er sich vor seinem Vater fürchten. Im Gegenteil: Der Sohn genießt viele Freiheiten und darf sich im Spiel mit aber auch gegen seinem Vater erproben. Gemeinsam rebellieren sie durchaus auch gegen Personen, die die s.g. Obrigkeit verkörpern. Diese für damalige Verhältnisse humane Erziehungsmethode sprach gänzlich gegen dem nationalsozialistischen Gedankengut. Doch der Vater ist noch/ war mal Kind: Einerseits schlummert in ihm ein großer Kindskopf, der eine unbändige Freude an Spiel, Spaß und Abenteuer hat. Andererseits lässt Erich Ohser in seinen Geschichten auch Großvater und Ur-Großvater auftreten. Diese geballte väterliche Allianz gibt ihre Familientraditionen und Werte an die jeweils nächste Generation weiter und fungiert als Schutzschild für den Jüngsten in der Familie: Durch starke Vorbilder werden Kinder selbstbewusst!

Vater und Sohn präferieren einen für die damalige Zeit eher untypischen Umgang miteinander: Der Vater scheint für seinen Sohn immer Zeit zu haben. Der Sohn ist für ihn der Mittelpunkt seines Lebens und wächst unter einem Mantel aus Freiheit, Strenge und Liebe auf: Es darf auch gekuschelt und sich umarmt werden! Zudem sind die Botschaften innerhalb der Geschichten so klar, dass (beinah) auf Worte verzichtet werden konnte.

Mit dem Wissen um das Schicksal ihres Schöpfers gewinnen die harmlos-witzigen Bildergeschichten von „Vater und Sohn“ für mich an Bedeutung: Ich meinte, vieles vom Charakter Erich Ohsers in seinen Zeichnungen entdeckt zu haben. Seine Bildergeschichten verströmen eine verspielte Leichtigkeit und haben einen beinah unschuldigen Humor. Beim Betrachten spürte ich Wehmut und Trauer, da ich daran dachte, dass Ohser selbst ein Vater war.

Zum Zeitpunkt des Todes von Erich Ohser war sein Sohn Christian 13 Jahre alt: In einem Abschiedsbrief bat er seine Frau „Mache aus ihm einen Menschen.“ und beendete den Brief mit „Ich gehe mit glücklichem Lächeln.“

Hans Fallada schrieb über die „Vater und Sohn“-Geschichten: „Das ist er selbst, der große, herrliche Mann, der so herrlich jung lachen konnte, und sein Junge, sein einziger Sohn, ein spitzmäusiges, lustig lachendes Geschöpf.“

Meine Hochachtung für einen großen Künstler und einen noch größeren Menschen!


erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3730602201

[Rezension] Erich Kästner – Über das Verbrennen von Büchern

„Am 10. Mai 1933 ließ Joseph Goebbels auf öffentlichen Plätzen nationalsozialistische Kundgebungen veranstalten, bei denen die Studenten der deutschen Hochschulen Berge von Büchern verbrannten, die dem Staatsstreich gegen Freiheit, Toleranz und Intelligenz im Wege standen.“ So beginnt Kästner einen Artikel mit der Überschrift „Kann man Bücher verbrennen? Zum Jubiläum einer Schandtat“, der am 9. Mai 1947 in der Frankfurter „Die Neue Zeitung“ erschien.

Was darf/kann/soll/muss ich von einem politischen System halten, deren Anhänger die Werke der literarischen Opposition verbrennen? Sie als dumm oder ignorant zu bezeichnen, wäre als Kernaussage zu dürftig. Vielmehr erschreckt mich die Tatsache, dass mit diesem zerstörerischen Akt diese Menschen die Freiheit des eigenen Geistes willentlich einschränken und sich damit eine freie Meinungsäußerung und einen kreativen wie humanitären Umgang mit den Werken Andersdenkender verwehren.

Kästner war an dem besagten Termin in Berlin persönlich vor Ort. Er stand dem Flammenberg gegenüber. Er hörte Goebbels seinen Namen brüllen, während seine Bücher ins Feuer geworfen wurden. Seine Erinnerungen an diese schreckliche Nacht sollten nie verblassen. Vielmehr lässt er uns, alle diejenigen, die vielleicht von der Gnade der späten Geburt profitieren, an seinen Erinnerungen teilhaben. Zeitlebens war er ein Mahner, einer, der die Erinnerung in der Bevölkerung wachhält. So sprach er bei seiner Ansprache auf der Hamburger P.E.N.-Tagung am 10. Mai 1953 „Über das Verbrennen von Büchern“ und hinterfragte sein eigenes stilles Dulden zu der Zeit. So übt er nicht nur Kritik sondern zieht auch mit sich selbst vor Gericht: Angst blockiert und verändert den Menschen. Was hätte mit ihm in jener Mai-Nacht passieren können, hätte er seine Stimme gegen die Bücherverbrennung erhoben. Vielleicht kamen ihm sogar die Worte Heinrich Heines in den Sinn „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ So blieb er in dieser Nacht an diesem Ort in diesem Moment stumm und wurde dadurch zum Chronisten dieser Schandtat.

Doch Kästner möchte nicht „nur“ ein Chronist sein. Vielmehr deckt er auch auf, nennt Namen und legt somit den Finger in die empfindsame Wunde der Öffentlichkeit.

In seinem Artikel „Briefe in die Röhrchenstraße“ in „Die Neue Zeitung“ vom 5. August 1946 schildert er von der Engstirnigkeit und Verbohrtheit der sympathisierenden Literaten des NS-Regimes. Vom Realitätsverlust und ihrem Mangel an Selbsteinschätzung zu lesen, war für mich beinah körperlich schmerzhaft. Diesen braunen „Literaten“ ging es einzig und allein um die Ausübung von Macht und um den persönlichen Profit und nicht um die Literatur!

Wer nun glaubt, dass eine Bücherverbrennung sich nicht wiederholen werde, dem lehrt Kästner in seinem Beitrag „Lesestoff, Zündstoff, Brennstoff“ vom Oktober 1965 leider „schlechteres“: Am 3. Oktober 1965 versammelte sich eine Jugendgruppe des „Bundes Entschiedener Christen“ in Düsseldorf am Rheinufer und verbrannte mit Genehmigung des Ordnungsamtes Bücher von Erich Kästner, Günter Grass und anderen Autor*innen. Die Idee zu dieser Aktion kam den Beteiligten – nach eigener Aussage – ganz „spontan“. Über Wochen wurden ebenso „spontan“ die Bücher gesammelt, und „spontan“ wurde die Genehmigung beim Ordnungsamt beantragt. Dieses hat sich von so viel jugendlicher „Spontanität“ mitreißen lassen und „spontan“ seine Erlaubnis erteilt. Ein „spontan“ anwesender Pressefotograf der evangelischen Kirche machte dazu absolut „spontane“ Fotos…! Kästner konnte und wollte dies nicht unkommentiert lassen und erlebte bei den Beteiligten bzw. Zuständigen eine Ignoranz bzw. Naivität, die schier unglaublich scheint.

Der „Bund Entschiedener Christen“ wies einen Vergleich mit der Bücherverbrennung 1933 „entschieden“ (!) zurück, die Landeskirche distanzierte sich, der Oberbürgermeister von Düsseldorf verwies auf die Zuständigkeit des Ordnungsamtes, und das Ordnungsamt betonte, dass es im Zuge der öffentlichen Sicherheit nur für die Eindämmung des Funkenflugs zuständig sei und nicht für das Brennmaterial, aus dem die Funken entstanden sind. Beim Lesen dieses Essays fühlte ich mich an einen absolut missglückten Schildbürger-Streich erinnert: Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte!

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Komplementiert wird diese Text-Sammlung durch eine Chronik rund um die Ereignisse der Bücherverbrennungen und schließt mit einer (natürlich nur unvollständigen) Autorenliste der 1933 verbrannten Bücher.

Das vorliegende Büchlein mit seiner überschaubaren Anzahl an Essays wirkt äußerlich zwar „klitze-klein“, ist inhaltlich aber „riesengroß“. Es ist Erich Kästners eindringliche Mahnung gegen das Vergessen…!


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855353897

[Rezension] Philip Kerr – Friedrich der grosse Detektiv

Kaum war das Buch erschienen, da war Friedrich auch schon der größte Fan von „Emil und die Detektive“. Und diese Schwärmerei ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass der Autor Erich Kästner mit seinem Vater befreundet ist und zudem direkt im Nachbarhaus wohnt. Diese Verehrung für den Autor wird nicht gleichermaßen gerne gesehen: Während seine Eltern weiterhin mit Kästner befreundet bleiben, sympathisiert sein älterer Bruder Rolf mit den Nazis. Er zwingt Friedrich, ihm sein Exemplar von „Emil und die Detektive“ auszuhändigen, dass er dann bei der Bücherverbrennung in die Flammen wirft. Doch als größter Fan besitzt Friedrich noch ein weiteres Exemplar seines Lieblingsbuches, das er schon über 20 Mal gelesen hat und dessen Existenz er nun vor seinem Bruder verheimlichen muss. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als gemeinsam mit seinen Freunden Albert und Viktoria als Detektive aktiv zu werden. Überraschend erhalten sie von der Polizei den Auftrag, einen Spion zu überwachen. Friedrichs Schreck ist groß als sich herausstellt, dass niemand geringerer als Erich Kästner im Visier der Gestapo steht. Da er sich sicher ist, dass Kästner unschuldig ist, sammelt er mit seinen Freunden Beweise für seine Unschuld. Als sie dabei im Park über die Leiche eines befreundeten Künstlers von Kästner stolpern, wird ihnen bewusst, dass Recht nicht mehr gleich Recht ist. Die politische Atmosphäre wird zunehmend angespannter: Die Welt droht aus den Fugen zu geraten…!

Autor Philip Kerr verfügte über genügend Erfahrung im Erzählen von Geschichten, die zur Zeit des Dritten Reichs angesiedelt sind. Und vielleicht brauchte es auch erst diesen versierten britischen Autoren, der es wagte, gleich zwei (un-)heilige Kühe zu schlachten: …eine Abenteuer- und Kriminalgeschichte für Kinder und Jugendliche zur Zeit des Dritten Reichs anzusiedeln, und Erich Kästner als Dreh- und Angelpunkt in diesem Buch auftreten zu lassen.

Neben Kästner finden weitere historische Persönlichkeiten in der Handlung Erwähnung und dienen dazu, den Umbruch der damaligen Zeit zu symbolisieren und den Widerstand und die Zivilcourage zu repräsentieren. Der freie Geist dieser Menschen wurde von den Nazis nicht toleriert: „Gleichschaltung“ lautete deren Parole. Und so stehen Erich Kästner und seine Künstler-Kollegen stellvertretend Pate für all die vielen Menschen, die dem Nazi-Regime zum Opfer fielen, nur weil sie es wagten, anders zu denken, anders zu glauben oder anders zu lieben. Dabei schoss Philip Kerr ein wenig über das Ziel hinaus: Zwar musste ich unwillkürlich schmunzeln, als ich von der Begegnung unseres Helden Friedrich mit Christopher Isherwood (Ja, genau der Christopher Isherwood, der im Oktober bei „Literaten im Fokus“ von mir gewürdigt wird!) las. Diese Begegnung war für den Fortgang der Handlung allerdings absolut unerheblich und somit entbehrlich. Vielmehr hatte ich – nachdem ich den entsprechenden Eintrag im Nachwort des Autors gelesen hatte – den Verdacht, dass Kerr mit dem Auftauchen dieser Person verdeutlichen wollte, dass auch Homosexuelle von den Nazis verfolgt wurden.

Dieses „Aufblähen“ der Handlung hätte das Werk gar nicht nötig gehabt. Kerr ist das Kunststück gelungen, sowohl den Spannungseffekt passend für eine junge Leserschaft zu schaffen und gleichzeitig die Umstände der damaligen Zeit überzeugend zu beschreiben. Die tagtägliche Bedrohung ist ebenso nachvollziehbar wie Friedrichs Trauer über den Abschied von seinem Freund jüdischen Glaubens oder den Verlust der liberal-denkenden Klassenlehrerin. Eine „normale“, ungezwungene Kindheit war nicht möglich. Ein Heranwachsen der Jugend zu eigenständig denkenden Erwachsenen war nicht erwünscht. Mit einem Prolog und Epilog erlaubt der Autor einen Blick in die Zukunft seiner Helden und verwehrt (für ein Kinder- und Jugendbuch ungewöhnlich) seinen jungen Lesern ein versöhnliches Ende: Für Friedrich und seine Freunde gibt es kein Happy-End!

So hebt Autor Philip Kerr diese Geschichte auf eine realistischere Ebene (Es ist nicht „nur“ ein fiktiver Abenteuerroman, vieles hätte damals durchaus wirklich so passieren können!)…

…und schafft somit eine Gesprächsgrundlage zwischen den Generationen, denn unkommentiert sollte niemand seinem Kind dieses Buch zum Lesen geben!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Janina Lehmann von „Frau Lehmann liest“.

Lust auf ein weiteres Medium? Dann empfehle ich Euch den Spielfilm Kästner und der kleine Dienstag aus dem Jahre 2016 (Regie: Wolfgang Murnberger). Es handelt sich hierbei nicht um eine Verfilmung des o.g. Romans: Der Film vermittelt aber sehr eindrucksvoll ein Bild der damaligen Zeit.


erschienen bei rowohlt rotfuchs/ ISBN: 978-3499217913 / auch als Taschenbuch erschienen bei rowohlt rotfuchs/ ISBN: 978-3499000706