[Rezension] Hermann Hesse – In Weihnachtszeiten

Ich liebe die kleinen, bibliophilen Bände der Insel-Bücherei, die mit ihrer klassischen Optik und der wertigen Haptik mich immer wieder erfreuen und so verführen, mich auch bisher unbekannten Themen und Autor*innen zuzuwenden.

Nun war Hermann Hesse mir nicht gänzlich unbekannt – das eine oder andere Gedicht hatte ich durchaus schon gelesen – aber in dieser komprimierten Form hatte ich mich mit seinem Werk noch nicht beschäftigt. So vereint dieses Büchlein immerhin Werke aus über 50 Jahren seines Schaffens und offenbart die beide Professionen des Künstlers: Neben ausgesuchten Erzählungen und Gedichten Hesses können auch einige seiner Aquarelle bewundert werden.

Die Aquarelle zeigen vornehmlich winterliche Landschaften (passend zum Sujet des Buches) und wirken wie Skizzen, die mit leichtem Pinselstrich auf das Papier geworfen wurden.

Hermann Hesses Erzählungen „In Weihnachtszeiten“ offenbaren einerseits den Romantiker, der mit verklärtem Blick, die Kindheit zurücksehnt. Andererseits hebt er mahnend die Stimme und verarbeitet Autobiografisches aus seinem Leben: So klingt immer der Pazifist in seinen Texten durch, der sich deutlich gegen Krieg und Patriotismus ausspricht. Andere Geschichten wirken mit ihren philosophischen Elementen beinah spirituell oder haben von ihrer Aktualität (erschreckenderweise) nichts eingebüßt.

Die Insel-Bücherei schafft mit diesem Büchlein für Neulinge einen gelungenen Einstieg in die literarische Welt eines der meist gelesenen deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

In Weihnachtszeiten reis‘ ich gern
Und bin dem Kinderjubel fern
Und geh‘ in Wald und Schnee allein.
Und manchmal, doch nicht jedes Jahr,
Trifft meine gute Stunde ein,
Daß ich von allem, was da war,
Auf einen Augenblick gesunde
Und irgendwo im Wald für eine Stunde
Der Kindheit Duft erfühle tief im Sinn
Und wieder Knabe bin…


erschienen bei Insel-Bücherei/ ISBN: 978-3458178118

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Nichts als Weihnachten im Kopf/ herausgegeben von Céleste Blum / mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach

Weihnachtsbücher gibt es wie Sand am Meer: Jahr für Jahr kommen neue hinzu, die – bei näherer Betrachtung – gar nicht so neu sind. Gerne wärmen einige Verlage ältere Auflagen wieder auf, verpassen ihnen ein zeitgemäßes Outfit und einen frischen Titel, um so die Leserschaft zum Kauf zu animieren. Oder es werden die allseits bekannten Geschichten neu gemischt und erscheinen so in einer aktuellen Weihnachts-Anthologie. Wobei diese Geschichten nicht die schlechtesten sind, nur eben leider schon x-mal veröffentlicht.

Aber mit Weihnachtsbüchern lässt sich Umsatz machen: Was bleibt somit einem jungen, aufstrebenden Verlag anderes übrig, als auf diesen lukrativen Zug aufzuspringen. Der Kampa-Verlag besteht seit gut einem Jahr, überzeugt als Heimstätte von Simenons Kommissar Maigret und verlegt die frisch gebackene Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. In diesem Jahr legt der Verlag nun sein erstes Weihnachtsbuch vor.

Dieses Weihnachtsbuch ist wohltuend traditionell und gleichzeitig erfrischend anders. „Hä?“ werden sich jetzt der eine oder die andere Leser*in fragen „Ist dies nicht ein Widerspruch?!“ So antworte ich voller Überzeugung „Nein, ist es nicht!“

Auf der traditionellen Seite finden sich die klassischen Gedichte von Rainer Maria Rilke, Theodor Storm und August Heinrich Hoffmann von Fallersleben sowie die Geschichten „Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu“ von Joachim Ringelnatz, Thomas Manns „Weihnachten bei den Buddenbrooks“ und „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Ludwig Thoma. Gleichwertig stehen ihnen die moderneren Werke gegenüber, seien es Gedichte u.a. von Jan Weiler oder Geschichten von Gerhard Henschel („Adventskalender und Adventskranz“), Axel Hacke („Zeit der Rituale“) und der prämierten Olga Tokarczuk („Bardo. Die Weihnachtskrippe“).

Nikolaus Heidelbach schafft mit seinen Illustrationen einen humorvollen Rahmen: Seine Grafiken wirken scheinbar klassisch gefällig und lassen mit ihrer klaren Formgebung erst auf dem zweiten Blick die versteckte Ironie erkennen.

Der Herausgeberin Céleste Blum ist das Kunststück gelungen, dass Sentimentalität, Ironie, Schwermut und Witz sich in dieser Zusammenstellung gekonnt die Waage halten. Als Leser bemerkte ich mit Freude, dass die Beiträge mit Bedacht ausgewählt wurden: So beziehen sich die Geschichten durchaus aufeinander, sei es, dass sie aus der Feder eines Autoren stammen (Hans Fallada) oder der Phantasie zweier Köpfe (Salomon Friedländer/ Kurt Tucholsky) entsprungen sind. So befruchten sich diese Geschichten gegenseitig und lassen einen roten Faden innerhalb dieser Anthologie erkennen.

Die „Gebrauchsanweisung für das familienfreundliche Absingen der wichtigsten Weihnachtslieder“ von Daniel Glattauer habe ich persönlich stimmstark erprobt. Bei „Das Weihnachtsfest des alten Schauspielers Nesselgrün“ von Salomon Friedländer schaufelte sich der Vor-Leser (die alte Rampensau) in mir an die Oberfläche: Ich konnte der Versuchung nicht wiederstehen, dieses kleine humoristische Kabinettsstückchen laut vorzutragen.

Der Sammlung „Nichts als Weihnachten im Kopf“ ist es gelungen, mir neue Impulse für zukünftige Lesungen zu schenken. Somit kann ich nur attestieren: Alles richtig gemacht, Kampa-Verlag!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311250074

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Rex Stout – Zyankali vom Weihnachtsmann: Ein Fall für Nero Wolfe

„Au, weia, jetzt habe ich es wohl zu toll getrieben! Aber woher sollte ich ahnen, dass dieser kleine Streich solche weitreichenden Folgen nach sich zieht: Ich dachte, ich erweise der reizenden Margot Dickey nur einen klitzekleinen Gefallen, wenn ich ein gefälschtes Heiratsaufgebot mit ihrem und meinem Namen auf ebenjenen Formular besorge. Margot wollte ihren Chef Kurt Bottweil aus der Reserve locken, damit er ihr endlich einen Heiratsantrag macht. Und ich hatte mein perfides Vergnügen daran, meinem Boss Nero Wolfe die frohe Kunde unter die Nase zu reiben, dass bald ein weibliches Wesen durch sein Heim schweben könnte. Doch nun sank Kurt Bottweiler während einer Weihnachtsfeier in seinem Atelier zyankali-vergiftet zu Boden, und der barkeepende Weihnachtsmann hinter dem Tresen verschwand inkognito und hinterließ nur seine äußere Hülle sprich sein Weihnachtsmann-Kostüm. Ich kann nur hoffen, dass Wolfe mir diesen kleinen Streich verzeiht und mir aus der Klemme hilft. Ansonsten sieht es auch für einen Archie Goodwin düster aus…!“

Auch ein Rex Stout blieb von einem Weihnachtskrimi nicht verschont. Wobei das „Fest der Liebe“ schon so einige seiner Kolleg*innen animiert hat, so gänzlich unfestliche wie wenig liebevolle Verbrechen an den Feiertagen zu begehen – zu mindestens auf dem Papier.

In diesem Fall rasseln Stouts Helden in gewohnt kurzweiliger Manier aneinander und bieten sich ein Kräftemessen, bei dem Archie Goodwin diesmal den Kürzeren zieht. Wobei fairerweise erwähnt werden muss, dass Nero Wolfe nicht ganz mit offenen Karten spielt. Ihr merkt schon, meine kryptischen Worte sollen Eure Neugier schüren und Euch veranlassen, diese kleine Geschichte selbst zu lesen.

Apropos klein: Dieses Büchlein ist eine kleine, wenn auch charmante Mogelpackung. So handelt es sich hier um eine Novelle von 112-seitigem Umfang. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass diese im Jahre 1957 ursprünglich im Magazin „Collier’s“ erschienen ist und danach im Laufe der Jahrzehnte eine kleine Rundreise durch einige Anthologien mit Krimi-Erzählungen machte. Das dieses, mir vorliegende Büchlein nun doch eine gewisse Dicke aufweist, ist einerseits der Verwendung dickeren Papiers geschuldet, andererseits dem 23 Seiten starken Nachwort von Franz Dobler zu verdanken.

Mit der Zugabe dieser Ingredienzien wurde dieses kurzweilige Geschichtchen auf Roman-Optik „aufgebläht“. Diesen Umstand verzeihe ich dem Verlag aber gerne: Auch diese Wieder-Veröffentlichung und Neu-Übersetzung gefällt im ansprechenden Leineneinband mit dem typischen „Nero Wolfe“-Retro Look. Das Nachwort in „24 Shots“ ist so wunderbar ironisch-humorvoll, trifft gekonnt den Ton der Geschichte und offenbart dem Leser so manche Anekdote aus dem Stoutschen Kosmos,…

…und Länge ist nicht alles: Manchmal ist weniger mehr!


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608964110

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Anton Čechov – Wintergeschichten

Anton Čechov, der große russische Dramatiker, der so bedeutende Bühnen-Werke wie „Die Möwe“, „Onkel Wanja“ und „Der Kirschgarten“ hervorgebracht hat, war auch als Schriftsteller und Novellist äußerst produktiv. Wer bisher mit der russischen Literatur – oder vielleicht auch im Besonderen mit Čechov – eine gewisse Schwere verband, darf nun aufatmen: Diese Anthologie mit Wintergeschichten offenbaren einen Autoren voller Witz und Ironie, mit Charme und Grazie und natürlich auch mit der gewissen Schwere.

Viele seiner Geschichten spielen in der Provinz, karikieren das Leben des Kleinbürgertums ebenso wie den schwindenden Einfluss des Adels und trafen dank des satirischen Grundtons mein Humorzentrum. Auf tragisch-komischer Weise wird die Monotonie des Lebens beschrieben, ohne eine gewisse Kritik an den damaligen Gesellschaftsnormen zu verheimlichen.

Bei anderen Geschichten meinte ich als Leser, die erdrückende Enge des gesellschaftlichen Korsetts förmlich zu spüren. Seine Protagonist*innen versuchen dieser Enge zu entfliehen – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Beinah psychologisch beschreibt er die Beziehungen der Menschen untereinander, innerhalb ihres Standes oder auch Standes übergreifend und lässt die Leserschaft an seinen desillusionierten Beobachtungen teilhaben. Bei der Lektüre dieser Geschichten musste ich zwangsläufig den einen oder anderen befreienden Seufzer ausstoßen.

Doch plötzlich erfreute er mich mit drolligen Erzählungen voller Situationskomik, in denen er die Banalitäten des Alltags persifliert. Scheinbar mit einem verschmitzten Augenzwinkern beschreibt er die kleinstädtische, provinzielle Idylle und gestattet uns so einen tiefen Blick in die russische Seele.

Dann offenbart er wieder anrührende Geschichten, die voller Reinheit und Anmut sind, beinah märchenhaft die Sehnsüchte der Menschen beschreiben und mit sanften Flügeln die Seele des Lesers streifen. Auch DAS ist Anton Čechov! Besonders diese Geschichten wärmten mein Herz und versetzten mich in eine zarte Stimmung sanfter Melancholie,…

…und auch hier habe ich geseufzt: voller Sehnen und wohliger Zustimmung!

Mit dieser Sammlung an Erzählungen schenkt der Diogenes Verlag uns eine funkelnde Auswahl aus Čechovs umfangreichem Œuvre und präsentiert ihn als einen äußerst vielseitigen wie vielschichtigen Romancier.


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257070767

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Brian Flynn – Die Morde von Mapleton

Familie, Freund und Feind haben sich auf Einladung von Sir Eustace Vernon auf seinem Anwesend versammelt, um gemeinsam Heiligabend zu feiern. Während des Festdinners erhält er jedoch eine dubiose Nachricht, die ihm veranlasst, die Gesellschaft eilig zu verlassen. Einige Stunden später werden die Gäste durch einen Schrei aufgescheucht: ein Unbekannter ist in das Arbeitszimmer von Sir Eustace eingedrungen, und der Butler wird ermordet aufgefunden. Was niemand zu diesem Zeitpunkt ahnt ist, dass die Leiche von Sir Eustace einige Kilometer entfernt an einem Bahnübergang auf den Gleisen durch Zufall vom Polizeipräsidenten höchstpersönlich Sir Austin Kemble und dem äußerst talentierten Privatdetektiv Anthony Bathurst aufgefunden wurde. Zusammen mit Inspector Craig vom ortsansässigen Polizeirevier nehmen sie die Ermittlungen auf und stolpern über Ungereimtheiten, Widersprüche und Geheimnisse der Gäste, die sich wünschten, dass diese lieber im Dunklen verborgen blieben…!

Seit einiger Zeit gräbt der Dumont Verlag alte Schätze aus der goldenen Ära des britischen Krimis wieder aus und serviert sie in einer äußerst ansprechenden Optik den Krimi-Freunden. In diesem Fall handelt es sich um den im Jahre 1929 erschienenen ersten Roman um den gewieften Ermittler Anthony Brathurst.

Das Alter merkt der Leser diesem Krimi durchaus an: So ist der Roman ein Zeugnis seiner Zeit in Bezug auf die Geschlechterrollen, der Hierarchie innerhalb der Polizei und dem gesellschaftlichen Gefüge. Einige Dialoge muten aus heutiger Sicht etwas „geziert“ – wenn nicht sogar „spröde“ – an, versprühen fraglos ihren speziellen Charme und entlockten mir so manches Mal ein Schmunzeln.

Autor Brian Flynn hält sich nicht mit einer umfangreichen Personenbeschreibung auf, vielmehr überlässt er es der Phantasie des Lesers, aus den Dialogen und Reaktionen der Protagonisten ein Bild der jeweiligen Person vor dem inneren Auge zu kreieren. Leider entschlüpft ihm hin und wieder doch ein Detail: Hatte ich mir Anthony Brathurst schon als Mann in den besten Jahren und mit einer gewissen Reife vorgestellt, platzte diese Vorstellung wie eine Seifenblase, da der Autor nach ca. ¾ des Romans sich genötigt sah, auf dessen junges Alter (ohne eine genaue Anzahl an Jahren zu nennen) hinzuweisen. Ich weiß nicht wie es anderen Leser*innen geht: Aber je nachdem, wie ich die Rollen innerhalb eines Romans skizziere, erhalten die Personen vor meinem inneren Auge eine eigene Dynamik.

Dafür versteht es der Autor geschickt, falsche Fährten zu legen und den Leser mit allerlei Details zu verwirren.

„Die Morde von Mapelton“ ist nicht der große, brilliante Wurf, dafür eine nostalgische und durchaus kurzweilige Krimi-Unterhaltung für die Feiertage.


erschienen bei Dumont/ ISBN: 978-3832181062

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Dezember – Gedichte/ herausgeben von Evelyne Polt-Heinzl & Christine Schmidjell

Von dieser kleinen, feinen Reihe mit Gedichten zu jedem Monat hatte ich Euch ja schon im Februar dieses Jahres berichtet. Nun möchte ich die Gelegenheit nutzen, um Euch einerseits an diese Reihe zu erinnern, andererseits ist Weihnachtszeit auch Gedichte-Zeit: Wer punktet bei der betrieblichen Weihnachtsfeier oder an Heiligabend vor der Verwandtschaft nicht gerne mit dem einen oder anderen auswendig vorgetragenen Vers.

Diesmal haben die Herausgeberinnen ihre bunte Schar von Poet*innen unter den Überschriften Erwartungsvoller Auftakt samt Nikolaus, Schneefall im Advent, Traurig-schöne Dezembertage, Christnacht – damals und heute, Weihnachtsfeiern vielerorts und Das Jahr klingt aus versammelt. Natürlich verwundert es nicht, dass die namhaften Vertreter*innen der schreibenden Zunft besonders über diesen Monat ihr Füllhorn an lyrischen Ergüssen ausschütteln und ihre Leserschaft mit bekannten und weniger bekannten Werken erfreuen. Da treffen die zarten Verse einer Mascha Kaléko ebenso auf die geschüttelten (nicht gerührten) Reime von Joachim Ringelnatz, wie Alfred Andersch sich mit Robert Walser vergnügt, während Else Lasker-Schüler und Annette von Droste-Hülshoff gemeinsam das Jahr ausklingen lassen.

Wie bei jedem Monat der Reihe ist auch der Dezember in der Reclam-typischen Größe erhältlich, passt in Hose- oder Handtasche und ist somit schnell zur Hand, um Langeweile im Keim zu ersticken.

Auf der Verlagsseite des Reclam-Verlages findet Ihr die komplette Reihe. Übrigens: Die Gedicht-Heftchen mit ihrer wunderbaren Gestaltung der Umschläge eignen sich auch hervorragend als Mitbringsel für Geburtstagskinder…

…oder zum Selberschenken: Ich habe mir vorgenommen, so peu à peu das Jahr „vollzumachen“! Macht doch mit!


erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150191224

[Rezension] Weihnachten mit Astrid Lindgren/ herausgegeben von Anne-Kristin zur Brügge

Dies war eines dieser Bücher, um das ich in den Buchhandlungen Jahr für Jahr drum rum geschlichen bin, immer mit dem Satz im Kopf „Du brauchst es nicht wirklich: Du findest die Geschichten sicherlich in all den Lindgren-Büchern, die Du schon besitzt!“ Dann war die Saison vorbei, und meine Gedanken an dieses Buch verblassten. Doch in der nächsten Saison drehte ich wieder meine Runden und hinterließ eine Spurrille im Parkett so mancher Buchhandlung. Doch nun habe ich es mir selbst zu meinem 50. Geburtstag geschenkt (Glückwünsche nehme ich nach wie vor gerne huldvoll entgegen!), da es einfach nur wunderbar ist, die zauberhaften Winter- und Weihnachtsgeschichten von Astrid Lindgren gesammelt zwischen zwei Buchdeckel zu besitzen.

Zudem entzünden wir morgen die erste Kerze auf dem Adventskranz, die besinnliche Zeit beginnt, und so könnte kein anderes Buch passender sein, um meine kleine Reihe „Lektüre zum Fest“ zu eröffnen.

Hallo! Da seid ihr ja wieder: ihr Rotzlöffel und Abenteurer, ihr Angsthasen und Weltenerkunder, ihr Naseweise und Frechdachse. Und wie sehr liebe ich Euch alle!

Da ist Pelle, der vor der Ungerechtigkeit der Welt in Form seines Papas flieht und demonstrativ in das kleine Gartenhäuschen zieht. Da ist Johann, der um seine geliebte Kuh trauert und dem wie aus heiterem Himmel ein Kälbchen vor die Füße fällt. Da ist Tomte Tummetott, der Jahr für Jahr über seinen Hof, seine Tiere und seine Menschen wacht. Da ist Pippi, die außer- und ungewöhnlich aber nicht weniger stimmungsvoll Weihnachten feiert. Da ist Michel, der nach einem turbulenten Weihnachtsfest seinen letzten Willen aufschreibt. Und natürlich feiern die Kinder aus Bullerbü das Weihnachtsfest gemeinsam und tanzen fröhlich um den festlich geschmückten Weihnachtsbaum.

Allein die Geschichten von Astrid Lindgren rühren das Herz, lassen Kindheitserinnerungen an vergangene Weihnachten aufleben und pflanzen ihre Botschaft ganz sachte in die Seele.

Veredelt wird diese Anthologie durch die Talente der Illustrator*innen Björn Berg, Katrin Engelking, Lars Klinting, Rolf Rettich, Jutta Timm, Harald Wiberg und Ilon Wikland. Sie schaffen mit ihren Bildern für die jeweilige Geschichte eine stimmige Atmosphäre: schelmisch-drollig, rührend-poetisch, bunt-humorvoll, modern-verspielt oder klassisch-dezent. Jede und jeder überzeugt mit einem individuellen Stil.

Dieses Buch werde ich zur Advents- und Weihnachtszeit sicherlich sehr häufig zur Hand nehmen, in ihm blättern und mich in die Geschichten meiner kleinen Held*innen vertiefen,…

…und dazu benötige ich nicht unbedingt das liebste Patenkind der Welt als Alibi: Wobei das Vorlesen der Geschichten und das gemeinsame Betrachten der Illustrationen uns beiden ein großes Vergnügen bereiten werden.


erschienen bei Oetinger/ ISBN: 978-3789141843

[Die Bücher meines Lebens] Truman Capote – Frühstück bei Tiffany

– 2002 –


Na, da bist du ja wieder, Holly Golightly! Wie viele Jahre haben wir uns nicht gesehen? Dabei haben wir uns nie aus den Augen verloren – vielmehr: Ich habe dich nie gänzlich aus den Augen verloren. Manchmal hat sich mir vielleicht etwas in den Vordergrund gedrängt und dich verdeckt (Als wenn es möglich wäre!), aber du bist nie völlig aus meinem Blick entschwunden. Häufig hörte ich schon die ersten zarten Töne deiner Gitarre, lange bevor ich dich erblickte. Im Gegenzug hast du mir nie Deine Aufmerksamkeit geschenkt. Warum solltest Du auch? Ich gehörte nie zu deinen präferierten Verehrern: zu unscheinbar, zu mittellos, zu wenig Stiel. Ich spiele nicht in deiner Liga! Aber das ist absolut okay für mich. Ich bin sehr zufrieden mit meiner stillen Beobachter-Rolle und sehr glücklich, hin und wieder meinen Blick auf dich, du kapriziöses Geschöpf, werfen zu dürfen…!

„Moon river, wider than a mile / I’m crossing you in style some day!“

Na, da bist du ja wieder, Holly Golightly! Und nach all den Jahren, nachdem Truman Capote im Jahre 1958 zum ersten Mal der Welt von deiner Existenz berichtete, hast du nichts von deinem Zauber eingebüßt. Dabei lag selbst die Geschichte, die Truman uns erzählte, schon einige Jahre zurück: Es war 1943 als Du in dieses alte Backsteinhaus in der East Side von New York gezogen bist – zusammen mit dem namenlosen Kater, den du irgendwann am Flussufer aufgegabelt hattest. Da er dir nicht gehörte, wolltest du ihm auch keinen Namen geben. Du wolltest nichts in Besitz nehmen, solange du nicht die Stelle gefunden hast, wo du und dein Besitz gemeinsam hingehören. Heute weiß ich, dass du nach einem Ort gesucht hast, den du hättest „Heimat“ nennen können…!

„Oh, dream maker, you heart breaker / Wherever you’re goin‘, I’m goin‘ your way!“

Völlig egal ob deine Geschichte 1943, 1958, 1961, 2002 oder heute erzählt wird: Du bist so jung, so schön, so mondän, so voller Klasse – und so modern, eine moderne Frau mit einer Vergangenheit voller Geheimnisse und einer Zukunft voller Ungewissheit.

Völlig egal ob du mir schwarz auf weiß oder in Zelluloid gehüllt erscheinst: Dein Lächeln betört, dein Blick verlockt, dein Charme verführt und deine Grazie überwältigt – und sei gewiss, dies wird sich nie ändern. Eine bitter-süße Wehmut überkommt mich, da ich spüre, dass du längst schon wieder fort bist – lange bevor der letzte Ton deiner Gitarre verstummt ist.

Am Briefkasten des Backsteinhauses in der East Side klebt immer noch deine Visitenkarte (das einzige, das du dir von Tiffany leisten konntest) mit dem Aufdruck „Miss Holly Golightly, Auf Reisen“.

Der namenlose Kater hat seine Heimat gefunden. Du bist weiterhin auf Reisen.

Lebe wohl, Holly!

❤️


erschienen bei Langen-Müller/ ISBN: 978-3784429946 / Neu-Auflage erschienen bei Kain & Aber/ ISBN: 978-3036951591


[Rezension] Gytha Lodge – Bis ihr sie findet

Vor 30 Jahren verschwand die 13-jährige Aurora Jackson spurlos während eines Campingausflugs mit ihrer älteren Schwester Topaz und deren angesagter Clique. Nun werden ihre Überreste zusammen mit Drogen in einer Erdhöhle in der Nähe des Platzes, wo die Jugendlichen damals gezeltet haben, gefunden. Detectiv Chief Inspector Jonah Sheens nimmt mit seinem Team die Ermittlungen wieder auf, durchleuchten die damaligen Aussagen der Beteiligten und vergleicht diese mit ihren heutigen Aussagen. Jeder und jede scheint etwas zu verbergen: Ermittler nicht ausgenommen! Langsam bröckelt der Wall aus Angst, Lügen und Heimlichkeiten, und es formt sich ein Bild dieser verhängnisvollen Nacht vor 30 Jahren, in der Aurora sterben musste…!

Gytha Lodge erfindet mit ihrem ersten Krimi das Genre nicht neu, hat dafür aber einen spannenden Plot geliefert, der die Aufmerksamkeit der Leserschaft auf ein konstantes Niveau hält. In dieser klassischen „Whodunit“-Story mit der überschaubaren Anzahl Verdächtiger dirigiert sie die Gedanken der Leser*innen geschickt in immer neue Richtungen, nur um mit einer unvorhersehbaren Wendung den Verdacht wieder auf eine andere Person zu lenken. Im Laufe der Lektüre hatte ich so jede und jeden – von Auroras Schwester Topaz über ihren damaligen Schwarm und jetzigen Ehemann bis zu DCI Jonah Sheens „himself“ in Verdacht. Wäre irgendwo aus dem Unterholz ein Gärtner gekrochen, hätte ich auch diesen verdächtigt (Der Mörder ist immer der Gärtner!).

Der Roman teilt sich in zwei Erzählebenen: In Rückblenden werden die Einzelheiten dieser schicksalshaften Nacht – vornehmlich aus Auroras Sicht – geschildert. Hier herrscht eine bedrohliche, düstere Stimmung vor. Besonders das Verhalten der einzelnen Mitglieder der Clique gegenüber Aurora zeigt viel von deren Alten Ego und offenbart neue, interessante Blickwinkel.

Die Gegenwart wird weitaus energischer geschildert und spiegelt die akribische Ermittlungsarbeit der Polizei wieder. Auch die häppchenweise dargebotenen Informationen zur möglichen Beteiligung der Ermittler bzw. zu deren Vergangenheit lassen diese Figuren durchaus zweidimensional erscheinen und schüren die Neugier, weitere Details zu erfahren. Lodge zeichnet eine glaubhafte Charakterisierung ihrer Protagonist*innen und versteht es nachvollziehbar, die sich verändernde Dynamik innerhalb der Schicksalsgemeinschaft dieser Menschen zu beschreiben. Der Verdacht, dass der Mörder von Aurora nur einer von ihnen sein kann, erschüttert das Vertrauen zueinander.

Jetzt haben wir es hier mit sechs privilegierten Jugendlichen (attraktiv, beliebt und umschwärmt) zu tun, die später zu ebenso privilegierten Erwachsenen (wohlhabend, erfolg- und einflussreich) heranreifen: Gähn! Wie langweilig! Doch im Laufe der weiteren Lektüre meinte ich zu erahnen, dass die Autorin ihre Protagonisten mit Bedacht gewählt hat. Der traumatische Verlust lässt die Mitglieder der Clique scheinbar enger zueinander rücken. Alle versuchen, mit dem Geschehenen (weiter-)leben zu können und kompensieren mit dem Streben nach Anerkennung das Gefühl von Schuld. Mit dem Auftauchen von Auroras Überresten bröckelt die Fassade des Establishments und hinter der selbstauferlegten Schutzmaske aus Schweigen, Lügen und Verleugnen kommen die hilflosen und unsicheren Kinder, die sie damals in Wirklichkeit waren und von denen heute immer noch ein Teil in ihnen steckt, zu Tage.

Der Mörder/ die Mörderin gibt sich alle erdenkliche Mühe, die Ermittler (und somit auch die Leser*innen) mit falschen Indizien in die Irre zu führen und mit Manipulation der Menschen in seinem/ ihrem Umfeld die eigenen schändlichen Taten zu verschleiern. Doch wer war nun der Mörder oder die Mörderin von Aurora? Die Auflösung überrascht, und ich verrate nur so viel: Der Gärtner war es nicht! 😉

Lust auf eine Zweit-Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meines Blogger-Kollegen Frank Wolf vom „reisswolfblog“.


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-3455006209

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Claire Takacs – Dreamscapes: Traumgärten aus aller Welt

Sehnsuchtsorte: Ich sprach vor einigen Tagen von eben diesen besonderen Orten, bei denen die Seele durchatmet und sich eine wohltuende Ruhe im Innersten ausbreitet. Ich hatte das große Glück in einem 1.280m² großen Garten aufwachsen zu dürfen. Dieser Garten hatte dank meines rührigen Großvaters die klassische Aufteilung zwischen Zier- und Nutzgarten und einer kleinen Rasenfläche mit Obstbäumen. So denke ich immer wieder voller Dankbarkeit an den Garten meiner Kindheit zurück: Kaum 4-jährig saß ich auf der kleinen Mauer des Frühbeetes und beobachtete meinen Opa beim Kartoffelpflanzen. In mehreren Reihen warteten kleine Mulden in der dunklen Erde, die vorgekeimten Knollen aufzunehmen. Und während mein Opa Mulde für Mulde füllte und schloss, schlich ich mich mit einer Kartoffel in der Hand zur letzten Mulde in der Reihe, legte sie dort heimlich ab und freute mich königlich, wenn Opa scheinbar überrascht über dieses „Wunder“ staunte. Rückblickend verbinde ich meine Zeit mit Opa im Garten immer mit Geborgenheit und Ruhe. Ich konnte/ durfte unbeschwert sein.

Claire Takacs ist eine australische Fotografin mit einer Leidenschaft für Garten- und Landschaftsfotografie. Diese Leidenschaft sieht man ihren wunderschönen Fotos deutlich an: Sie nimmt den Betrachter mit auf eine Reise durch die Traumgärten von Australien, Neuseeland, Nordamerika, Europa und Asien. Dabei erläutert sie in ihren Texten ihre Beweggründe zu diesem Projekt, erzählt von ihren Begegnungen mit den Schöpfern dieser Gärten, die voller Leidenschaft die Leserschaft am kreativen Prozess teilhaben lassen. Doch so informativ der Text auch ist, die größte Faszination geht vom Betrachten ihrer Fotos aus.

Dabei nehmen sowohl die kulturellen Wurzeln der Schöpfer als auch die klimatischen Bedingungen durchaus sichtbar Einfluss auf die Gestaltung der Gärten. So mutet der Garten vom Hermannshof in Weinheim/ Deutschland natürlich anders an als der Landschaftsgarten Kenrokuen in Kanazawa/ Japan oder der Kakteen- und Sukkulentengarten Rancho Diablo in Lafayette/ Kalifornien. Doch stets ist die Leidenschaft aller Gartenbesitzer und -gestalter über die Fotografie spürbar.

Die Fotos zeigen wahrlich meisterliche Gärten, die voller Verschwendung die Schönheit der Natur präsentieren. Dreamscapes – Traumlandschaften können sie absolut zu Recht benannt werden. Da wirken einige Gärten verwunschen wie im Märchen und verströmen doch einen Hauch von Vergänglichkeit. Da protzen Gärten mit ihrer geometrischen Formgebung, während anderswo Büsche und Gräser in sanften Wellen organisch sich der Landschaft anpassen. Wieder andere Gärten zeigen eine klare Struktur. Alle eint sie eine überwältigende Üppigkeit und eine imponierende Originalität

Dieser wunderschöne Bildband ist völlig zu Recht mit dem Deutschen Gartenbuchpreis 2019 ausgezeichnet worden.


erschienen bei DVA/ ISBN: 978-3421041098

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!