[Kolumne] OPER: …hat sie Schmerzen, oder warum schreit sie so laut?

Meine Süße meinte, sie wolle mal so echt krasses Zeug sehen. Da habe ich gleich alle Fast & Furious-Movies runtergeladen und mich total auf einen gemütlichen Abend auf dem Sofa gefreut. Doch das hatte sie nicht gemeint: Vielmehr hat sie von ihrer Tante zwei Karten für das Stadttheater geschenkt bekommen. Ihre Tante und ihr Onkel gehen da wohl regelmäßig hin, können sich die Termine aber nicht selbst aussuchen sondern bekommen die vom Theater vorgeschrieben. Das finde ich schon ziemlich dreist: Anstatt froh zu sein, dass überhaupt jemand kommt, diktiert das Theater, wann man zu erscheinen hat. Die tun ja so, als wären sie irgend so ’n elitärer Verein, wo man froh sein kann, dass sie für unsereins die Tore öffnen. Da ist es absolut logisch, dass nicht alle immer Zeit haben, und so ist meine Süße eben zu den Karten gekommen. Ich hatte mich aber so über die Arroganz der Theaterheinis geärgert, dass ich ganz vergessen hatte zu fragen, was wir uns da nun ansehen werden.

OPER heißt das Zeug, was dort gezeigt werden sollte.

Naja, zum Glück bin ich ja ein ganz lockerer Typ und für alles offen. Also sind wir hin! Zugegeben der Bau sah schon beindruckend düster aus – fast so wie aus einem der alten Vampir-Filme. Doch leider verpuffte der positive Eindruck direkt nach Betreten der heiligen Hallen. Ist es zu glauben? Wir durften doch tatsächlich unsere Jacken nicht mit in den Zuschauersaal nehmen, sondern wurden genötigt, sie an der Garderobe abzugeben, wofür frecherweise auch noch eine Gebühr verlangt wurde. Als ich dann zähneknirschend zahlen wollte und einen 50 Euro-Schein aus der Geldbörse fingerte, konnte dieser noch nicht einmal gewechselt werden. Unglaublich: Servicewüste Deutschland!

Doch es kam noch besser! Im Saal wurde verlangt, dass ich mein Handy stumm-, besser noch ausschalte: Geht gar nicht! Wer macht den sowas? Was ist, wenn mein Bro was von mir will? Könnte doch wichtig sein! Und als ich dann mit meiner Süßen noch ein wenig quatschen wollte, wurde ich von der Seite angemacht, dass ich die Vorstellung stören würde. Dabei hatte die Vorstellung noch gar nicht angefangen, sondern da dudelte nur irgendeine Musik aus dieser komischen Vertiefung vor der Bühne. Die war zudem total ungesichert. Voll gefährlich sowas, wenn da mal einer reinfällt, das zahlt keine Versicherung.

Aber die schienen dort sowieso alle die totalen Snobs zu sein: Rennen mitten in der Woche mit Anzug und Blink-Blink-Bluse rum. Wollten die hinterher noch irgendwo zum Staatsbegräbnis? Naja, wenigsten wir hatten die total hippen Outfits, da konnten diese Grufties sich mal was abgucken: Meine Süße trug u.a. ein sexy bauchfreies Top, und ich hatte meine beste Baggy-Jeans an, die absolut cool auf der Hüfte saß.

Dann ist da in der Vertiefung irgend so ’n Macker aufgetaucht (Ich sah seinen Schädel über den Rand blitzen.), und die anderen Heinis im Saal klatschten in die Hände. Wozu? Der Alte hatte doch noch gar nichts gemacht. Hatten die da ’ne Fliegenplage, mussten Insekten verscheucht werden, oder warum wedelte der Macker jetzt mit ’nem Stock in der Luft rum. Das machte er während der gesamten Vorstellung: Vielleicht sollte ich dem Gesundheitsamt mal ’nen Tipp geben. Wer weiß schon, was in diesem alten Kasten so alles verwest und das Ungeziefer anlockt.

Dann ging der Vorhang auf, und etliche Typen in Verkleidung latschten auf die Bühne und fingen an, sich gegenseitig in irgendeiner unbekannten Sprache anzubrüllen. Die Heuler mit den dunkleren Stimmen gingen ja noch, aber einige von den verkleideten Tussis kreischten so gellend laut, dass meine Trommelfelle vibrierten und das Eis in meiner Coke klirrte. Wir waren zum Glück vorher noch bei Mäckes und hatten uns mit Getränken eingedeckt. Aber auch Getränke schienen hier unerwünscht zu sein, zumindest mitgebrachte. Da tippte mir doch so ’ne Schachtel von hinten auf die Schulter und meinte ernsthaft, ich solle nicht so laut an meinem Trinkhalm saugen, sie würde von vorne nichts verstehen. Hallo?! Die brüllten da vorne so laut, wenn sie davon nichts verstand, schien sie wohl schwerhörig zu sein. Abgesehen davon, dass von dem Kauderwelsch, das die da auf der Bühne schwafelten, sowieso nichts zu verstehen war. Da halfen auch nicht die eingeblendeten Botschaften über der Bühne. Jeder anständige Film hat UNTERtitel: Schont den Nacken und entlastet die Augen. Und was gibt’s in diesem selbsternannten Kulturtempel? ÜBERtitel! Voll unbequem! Die scheinen hier ihre Kundschaft echt nicht zu mögen.

Auf der Bühne wurd’s immer merkwürdiger. Da lag einer mit einem Messer im Rücken auf dem Boden und sang sich die Seele aus dem Leib. Wie unrealistisch: Würde mir einer ein Messer in den Rücken rammen, würde ich brüllen wie am Spieß aber sicher nicht irgendwelche Arien trällern:

„Ich ster-her-be! Schaut her: Ich ster-her-be!“

Und auch die Kampfszene, die die davor gezeigt haben, hätten sie ruhig etwas aufmotzen können. Drei Mal sind sie um so’n blöden Tisch gerannt (Sollte wohl eine Verfolgungsszene sein.), der eine hat unmotiviert mit einem Messer gewedelt, und der andere hätte locker entkommen können, ließ sich aber einholen und erstechen. Das hätte man alles mit mehr Action machen können, aber für professionelle Stunt-Doubles hat’s wohl nicht gereicht.

Dann haben sie auch erst nach satten 2 Stunden ’ne Pause (Keramikabteilung: Ich komme!) gemacht, nur um danach noch beinah 1½ Stunden weiter zu grölen. Ich hatte bereits in der Pause von der ganzen Chose die Schnauze gestrichen voll und wäre gerne verduftet, doch meine Süße meinte, ihre Tante würde bestimmt nachhaken, wie’s uns so gefallen hätte und so. Dabei hätte man die Story locker auf 45 Minuten kürzen können. Bei GZSZ passiert in knapp 25 Minuten genauso viel wie hier in einer halben Ewigkeit – und zusätzlich macht dort ein Cliffhanger neugierig auf die nächste Folge.

Und hier? Alle tot! Tot, Aus und Ende! Da kommt nichts mehr nach!

Na, meine Lust auf einen weiteren Besuch in diesem Bau war zumindest erloschen. Dann doch lieber alle Fast & Furious-Movies am Stück. Allerdings war meine Süße da ganz anderer Meinung: Nach der Vorstellung stand sie ziemlich ramponiert vor mir, flennte in ihren Ärmel (die Taschentücher waren noch in ihrer Jacke an der Garderobe) und seufzte „Das war so schön! Das machen wir unbedingt nochmal!“. Wenn sie sich was in den Kopf setzt, dann ist Widerspruch zwecklos.

Was tut man(n) nicht alles aus Liebe! 💞