[Die Bücher meines Lebens] Ein Nachwort…

Nun ist sie auch schon wieder vorbei – die Rückschau auf mein (Lese-)Leben anlässlich meines 50. Geburtstages. Ich hoffe, sie hat Euch gefallen!

Ich möchte mich von Herzen für Euer Feedback bedanken, das mich via Kommentar und Mail aber auch persönlich erreichte: Euer Interesse an mein (Lese-)Leben hat mich sehr gefreut! Neben all der Lobhudelei, die natürlich mein Herz entzückt, meine Seele berührt und mein Ego gestreichelt hat, fiel auch häufig der Satz „Das war aber sehr persönlich!“. Ja, ich stimme Euch zu: Es war sehr persönlich! Aber „anders“ hätte ich es für mich nicht realisieren können. Wie hätte ich sonst nachvollziehbar vermitteln können, warum ein literarisches Werk mein Leben bereichert hat, wenn ich die Umstände der entsprechenden Lebenssituation nicht beschreibe? Und trotzdem ich vieles an persönlichen Erinnerungen mit Euch geteilt habe, bleibt eine Vielzahl an Details zu diesen Erinnerungen weiterhin ganz bei mir…!

Diese Rückschau war auch nur möglich, da ich ohne Zorn zurückblicken konnte. Auch auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole, aber ich war nie jemand, der frühere Entscheidungen irgendwann bereut hat oder über erlittene Schicksalsschläge in Selbstmitleid verfallen wäre. Alles, was mir in meinem Leben bisher passierte, hat im Nachhinein einen Sinn ergeben,…

…und so halte ich es (insbesondere auch in schwierigen Zeiten) mit Elke Heidenreich alias Helma Krap aus „Raumpatrouille Orion – Rücksturz ins Kino!“:

„Alles wird galaktisch gut!“ 🙂

Frühestens in 10 Jahren – sofern es mich und meinen Buch-Blog da noch gibt – wird es eine Fortsetzung geben: Freut Euch nun schon auf…

[Die Bücher meines Lebens – Reloaded!]

Herzlichen Dank für Euer Interesse!

Liebe Grüße
Andreas


 

[Die Bücher meines Lebens] Anne Müller – Sommer in Super 8

– 2018 –


Eine scheinbar perfekte Kindheit in den 70er Jahren, festgehalten auf etlichen Super 8-Filmchen, in einer scheinbar perfekten Familie, in einer scheinbar perfekten Idylle. Aber schon ab dem ersten Kapitel durchzieht den Roman einen Hauch des Vergänglichen: Dieses filigrane, familiäre Konstrukt droht in jedem Moment in sich zusammen bzw. auseinander zu brechen, auch wenn angestrengt versucht wird, das Bild einer Vorzeige-Familie aufrechtzuerhalten. Bilder können täuschen…

Diese perfekte Idylle bekommt sehr schnell die ersten Risse: Das bemerkte ich an einem scheinbar belanglosen Nebensatz, an einer wie zufällig hingeworfenen Beschreibung – Anne Müller kreiert hierfür nicht die großen Szenen sondern lässt die Familientragödie in kleinen Augenblicken ablaufen, die zusammengenommen eine umso zerstörerischere Wucht entwickeln. Ganz langsam aber subversiv tropft das Leben mit seinem alltäglichen Wahnsinn in die Kindheit und raubt ihr die Unbeschwertheit.

Es vervollständigt das Bild keiner perfekten Familie aber doch einer sehr normalen Familie: Die Tragödien in der Kindheit hinterlassen in jungen Jahren immer den Eindruck, dass sie alleine nur die eigene Familie treffen. Mit der Zeit kommen wir zu der tröstlichen Erkenntnis, dass sich Tragödien hinter jeder Fassade abspielen. Doch mit der Erkenntnis schwindet die Kindheit.

Ich kenne dieses Gefühl, das Anne Müller in ihrem Erstlingsroman aufleben lässt, nur zu gut: Der Zauber der unbeschwerten Kindheit ist noch spürbar, zugleich nimmt man verunsichert die kommende Veränderung wahr und lauert ängstlich auf den Wendepunkt!

Als ich diesen Roman Ende August letzten Jahres zum ersten Mal las, traf er mich still, leise und überraschend heftig. Voller Erstaunen über meine Empfindungen las ich von dieser Kindheit, die so flüchtig wie der Sommer schien. Ich las so vieles von dem, was mir schmerzlich bekannt war, und spürte der Einsamkeit meiner eigenen Kindheit und Jugend nach. Die Wunden sind noch wahrnehmbar. Vielleicht werde ich sie mein Leben lang fühlen, aber mit Ablauf der Jahre sind sie nicht mehr so schmerzhaft. Doch jedes Jahr zum Spätsommer empfinde ich diese besondere Atmosphäre: Das Licht ist sanft. Die Luft ist mild. Der Sommer ist noch nicht gänzlich verflogen, doch sein Ende lässt sich schon erahnen…

…Vergänglichkeit! …Wehmut!

Bei einem Klassentreffen zeigte ein ehemaliger Mitschüler mir Fotos von unseren Klassenfahrten: Von den Fotos lachte mir ein scheinbar fröhliches Kind entgegen. Wenn ich den Fotos Glauben schenke, dann bin ich glücklich gewesen! Ich weiß es besser…

…und bin voller Dankbarkeit für mein jetziges Leben!


erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328600152


[Rezension] Dezember – Gedichte/ herausgeben von Evelyne Polt-Heinzl & Christine Schmidjell

Von dieser kleinen, feinen Reihe mit Gedichten zu jedem Monat hatte ich Euch ja schon im Februar dieses Jahres berichtet. Nun möchte ich die Gelegenheit nutzen, um Euch einerseits an diese Reihe zu erinnern, andererseits ist Weihnachtszeit auch Gedichte-Zeit: Wer punktet bei der betrieblichen Weihnachtsfeier oder an Heiligabend vor der Verwandtschaft nicht gerne mit dem einen oder anderen auswendig vorgetragenen Vers.

Diesmal haben die Herausgeberinnen ihre bunte Schar von Poet*innen unter den Überschriften Erwartungsvoller Auftakt samt Nikolaus, Schneefall im Advent, Traurig-schöne Dezembertage, Christnacht – damals und heute, Weihnachtsfeiern vielerorts und Das Jahr klingt aus versammelt. Natürlich verwundert es nicht, dass die namhaften Vertreter*innen der schreibenden Zunft besonders über diesen Monat ihr Füllhorn an lyrischen Ergüssen ausschütteln und ihre Leserschaft mit bekannten und weniger bekannten Werken erfreuen. Da treffen die zarten Verse einer Mascha Kaléko ebenso auf die geschüttelten (nicht gerührten) Reime von Joachim Ringelnatz, wie Alfred Andersch sich mit Robert Walser vergnügt, während Else Lasker-Schüler und Annette von Droste-Hülshoff gemeinsam das Jahr ausklingen lassen.

Wie bei jedem Monat der Reihe ist auch der Dezember in der Reclam-typischen Größe erhältlich, passt in Hose- oder Handtasche und ist somit schnell zur Hand, um Langeweile im Keim zu ersticken.

Auf der Verlagsseite des Reclam-Verlages findet Ihr die komplette Reihe. Übrigens: Die Gedicht-Heftchen mit ihrer wunderbaren Gestaltung der Umschläge eignen sich auch hervorragend als Mitbringsel für Geburtstagskinder…

…oder zum Selberschenken: Ich habe mir vorgenommen, so peu à peu das Jahr „vollzumachen“! Macht doch mit!


erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150191224

[Die Bücher meines Lebens] Agatha Christie – Und dann gab’s keines mehr

– 2011 –


 

Wappen AK.jpg

Osterholz-Scharmbeck, im Jahre 2019

Sehr geehrte gnädige Frau!

Leider habe ich es bisher versäumt ihnen mitzuteilen, wie sehr ich sie und ihre Kunst verehre: Seit Jahren – Ach, was sage ich! – seit Jahrzehnten lese ich mit zunehmender Begeisterung Ihre Romane und Geschichten. Zuerst nur sehr vereinzelt, mal hier einen Roman, mal da ein Geschichtchen, bis ich im Jahre 2011 in Gänze zu Ihnen fand und sowohl hoffnungs- als auch hemmungslos ihrem Talent verfiel.

Aber auch auf der Kino-Leinwand, dem Fernseh-Bildschirm oder der Theater-Bühne verzück(t)en Ihre Werke mich und sorg(t)en für eine spannende Unterhaltung. Sei es mit den wunderbar-kurzweiligen vier Miss Marple-Filmen aus den 60er Jahren, mit der exzellenten TV-Serie „Poirot“ oder der Bühnenadaptionen zu „Tod auf dem Nil“. Mir ist durchaus bekannt, dass ihnen die Darstellung der Miss Marple durch Dame Margaret Rutherford so ganz und gar nicht zugesagt hat, da sie ihrer Original-Typisierung des Charakters so gänzlich widersprach. Aber vielleicht tröstet sie das Wissen, dass diese Filme sich einer ungebrochen großen Beliebtheit beim Publikum erfreuen. Bei David Suchet als Hercule Poirot bin ich mir sehr sicher, dass er vor ihrem strengen Auge Gnade gefunden hätte: Dieser großartige Schauspieler hat die Rolle des belgischen Privatdetektivs mit einer solchen Brillanz verkörpert und damit andere Interpretationen ins Abseits gedrängt.

Aber was ist es, das ihren Ruhm – allen Ostfriesenkrimis und skandinavischen Meuchelmördern zum Trotz – bis heute nicht verblassen lässt und für eine über Jahre andauernde Begeisterung bei Ihren Leserinnen und Lesern sorgt? Vielleicht darf ich es Ihnen anhand Ihres Romans „Und dann gab’s keines mehr“ erläutern?

Wirft man einen Blick auf Ihre Rezeptur, erscheint es ganz leicht:

  • Zutatenliste: eine einsame Insel als Ort der Handlung, ein geheimnisvoller Gastgeber, eine überschaubare Anzahl an Protagonisten, skandalöse Vorwürfe als Begründung für die Tat(en)…
  • Zubereitung: Nacht für Nacht bzw. Tag für Tag stirbt auf mysteriöse Art und Weise ein Protagonist nach dem Vorbild einer Strophe aus einem Kinderreim, jede(r) verdächtigt jede(n), Verwirrungen über Verwirrungen…
  • Beilagen: packende Charaktere, flüssige Dialoge, schlüssiger Handlungsaufbau, Spannung bis zum Schluss mit dem gewissen „Aha-Effekt“…

…und immer die über allem schwebende Frage „Whodunit?“

Doch so manche Nachahmer, die Ihrer Rezeptur folgten, scheiterten kläglich, da das Handwerk nicht beherrscht wurde. Bei Ihnen, gnädige Frau, haben wir es mit einer Autorin zutun, die ihr Handwerk von der Pieke auf gelernt hat und die Leserschaft mit ihrer langjährigen Erfahrung im Aufbau des Spannungsbogens und mit raffinierten Stimmungswechseln begeistert, ohne dass sie – trotz der vielen Erfahrung – in eine routinierte Monotonie verfällt. Werke von Ihnen, Mrs. Christie, verlocken geradezu, vorgetragen zu werden.

Doch es sollten noch einige Jährchen ins Land ziehen, bevor ich die Traute hatte, mit meiner Verehrung an die Öffentlichkeit zu treten: So habe ich mir erlaubt im Rahmen einiger Lesungen, die eine und andere Geschichte aus ihrer Feder einem fraglos wohlwollenden Publikum vorzutragen. Und ich darf ihnen ohne Übertreibung aber durchaus mit einem Hauch Stolz versichern: Ihre Schöpfung und meine Interpretation bildeten eine kongeniale Einheit…!

…und so danke ich Ihnen, liebe gnädige Frau, aus voller Überzeugung und übervollem Herzen für die vielen Stunden an Zerstreuung und Inspiration, an Spannung und Humor, die sie mir mit Ihren Werken geschenkt haben.

Ich verbleibe mit hochachtungsvollem Gruß
Ihr sehr ergebener
Scan_20170606.jpg


erschienen bei Fischer/ ISBN: 978-3596511143 / Neu-Auflage erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455650716


MONTAGSFRAGE #61: Welches Buch gehört dieses Jahr unbedingt auf die Weihnachtswunschliste?

…und jährlich grüßt das Murmeltier: Irgendwie kommt mir diese Frage bekannt vor. Ein erster Blick in mein MONTAGSFRAGE-Archiv offenbarte mir, dass Antonia diese Frage bereits im letzten Jahr gestellt hatte. Ein zweiter Blick auf meine damalige Antwort zeigte mir, dass sich beide, der dort von mir genannten Bücher, nun in meinem Besitz befinden: Allerdings wurden sie mir nicht, wie erhofft und gewünscht, vom Weihnachtsmann gebracht. Es sei denn, der Weihnachtsmann hat neuerdings eine erschreckende Ähnlichkeit mit mir selbst und verteilt auch Geschenke an sich selbst!

Da ich in diesem Jahr meinen 50. Geburtstag gefeiert habe (…hatte ich, glaube ich, noch nicht erwähnt, oder?), wurden mir viele meiner Buchwünsche (incl. zwei Büchergutscheine) von meinen Liebsten zu diesem Anlass schon erfüllt. So fällt meine Wunschliste zum diesjährigen Weihnachtsfest sehr überschaubar aus…!

Ein Blick auf meine Geburtstags-Wunschliste verriet mir zudem, dass es ein Buch nicht auf meinen Gabentisch geschafft hat: Eduard von Keyserlings „Landpartie: Gesammelte Erzählungen“ (ISBN: 978-3717524762) aus dem Manesse Verlag ist wieder eines jener Bücher, um das ich regelmäßig in der Buchhandlung drum rum schleiche. „Schon viel von Keyserling gehört, bisher noch nichts gelesen“, das soll sich bitte bald ändern, lieber Weihnachtsmann!

Prinzipiell kann (Weihnachts-)man(n) mir mit Krimi-Klassikern immer eine Freude bereiten: Da ich mich seit einiger Zeit langsam aber stetig dem sowohl großen wie großartigen George Simenon nähere, dürfen gerne seine Werke in gebundener Form aus dem Kampa Verlag bzw. von Hoffmann & Campe meinen Gabentisch bereichern. Beide Verlage sind seit einiger Zeit nun gemeinsam die Heimat für Simenons Werke: Während Hoffmann & Campe sich den großen Romanen angenommen hat, ist der Kampa-Verlag das Zuhause von Kommissar Maigret. Zudem habe ich entdeckt, dass es im Diogenes Verlag den wunderbaren Bildband „Maigrets Frankreich“ (ISBN: 978-3257021288) gibt, der mich nicht nur mit Texten von George Simenon für sich einnehmen kann, sondern auch die Fotografien von Brassaï, Cartier-Bresson, Doisneau u.a. ganz ausgezeichnet den Flair der damaligen Zeit wiederspiegeln.

So, lieba Weihnachtsmann, nu weißte Bescheid, nich?!

Und sollte der Weihnachtsmann sich wider Erwarten verweigern, habe ich zum Glück noch meine Büchergutscheine!!!

…und habt Ihr Euren Wunschzettel zum Fest schon geschrieben?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Noch ein Gedicht…] Klaus Göltl – ADVENT ADVENT: EIN JEDER RENNT

Im Kaufhaus sieht man Menschen flitzen.
An Fenstern grelle Lichter blitzen.
Auch seit November hängt nun schon
der Weihnachtsmann dort vom Balkon.

Die Hausfrau überlegt seit Wochen:
Was tut sie wann an Weihnacht kochen?
Wo ist sie die Besinnlichkeit
in dieser Vorweihnachtszeit?

Der Plätzchenduft, der Kerzenschimmer,
Geschenke basteln im warmen Zimmer,
Weihnachtslieder und Geschichten,
die von der Geburt Jesu berichten.

Ich wünsch euch für die kommende Zeit
etwas mehr von der Besinnlichkeit.

Klaus Göltl

[Die Bücher meines Lebens] Erich Kästner – Drei Männer im Schnee

– 2007 –


Es gibt sie, die Bücher, die Balsam für die Seele sind.
Es gibt sie, die Bücher, die dich einhüllen wie in einen schützenden Kokon.

Es gibt sie, die Bücher, die dich gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen bringen.

Der Roman „Drei Männer im Schnee“ von Erich Kästner zählt für mich zu diesen kleinen, literarischen Schätzen, die gar nicht häufig genug gewürdigt werden können.

Natürlich habe ich als Kind die wunderbaren Kinderbücher von Kästner gelesen, schließlich war ich Dauergast in unserer kleinen Gemeindebücherei in meinem Heimatort. Anfangs war sie sogar in zwei Klassenräumen in meiner Grundschule untergebracht. Da meine Eltern nicht über die finanziellen Mittel verfügten, mich mit ausreichend Lesestoff zu versorgen, war die Gemeindebücherei mein Buch-Paradies, mein Lese-Eldorado, mein Zufluchtsort! Zumal die Ausleihe für Kinder und Jugendliche damals noch kostenfrei war. Wahrlich paradiesisch…!

…und so schloss ich Freundschaft mit Emil und Gustav mit der Hupe, mit Pünktchen und Anton, mit Lotte und Luise,…

…und erst viele Jahre später begriff ich, welch feinsinniger Beobachter Erich Kästner war, der die Sorgen der Kinder wahrnahm und auf seine einfühlsamen Art thematisierte. Dabei stellte er die Kinder mit ihren Problemen nie bloß sondern nahm sie in ihren Nöten ernst. Leider dauerte es einige Jahre bis ich den „Kästner für Erwachsene“ für mich entdeckte. Warum es dauerte, kann ich nicht sagen. Manchmal braucht etwas seine Zeit, und manchmal muss der Mensch erst reifen, um für ein bestimmtes, literarisches Werk empfänglich zu sein.

Für den „Kästner für Erwachsene“ war ich erst in meinen 30ern erwachsen genug, für den „Kästner für Kinder“ bin ich hoffentlich nie zu erwachsen. Wie passend, dass „Drei Männer im Schnee oder Das lebenslängliche Kind“ einen absoluten Spitzenplatz in meinem Kästner-Kosmos einnimmt. So erfreue ich mich bei jedem Wieder-Lesen an den intelligent-witzigen Dialogen und genieße die feine Kästner’sche Ironie, die so leicht zu überlesen wäre, wenn der geneigte Leser zu oberflächlich lesen würde. Erich Kästner war ein wahrer Könner seines Fachs: Schaute er auch sehr genau auf die menschliche Natur und entlarvte Eitelkeiten und Standesdünkel, so blieb er doch durch und durch ein Menschenfreund und kommentierte als Satiriker und Romancier die Schwächen der Leute immer mit einem Augenzwinkern,…

…und so menschelt es an allen „Ecken und Kanten“: Die Geschichte durchzieht ein altruistischer Grundgedanke ohne den erhobenen Zeigefinger der Moral. Ein allzu dogmatisches Verweisen auf die offensichtliche Botschaft vom Gutmenschen wäre bei mir auch eher auf Ablehnung gestoßen. Wie schon erwähnt, erscheinen mir dogmatisch und vehement vertretende Ansichten fragwürdig und lösen meinen Impuls zur Kritik aus. Vielmehr fliest der humanitäre Geist leise und unaufdringlich durch die Zeilen. Diese charmante Geschichte katapultierte sich in mein Herz hinein, und ich konnte nichts dagegen tun! Immer wenn meine Seele eine ordentliche Portion Streicheleinheiten benötigt, greife ich zu diesem Buch oder schaue mir den alten Film mit Paul Dahlke, Günther Lüders und Claus Biederstaedt an,…

…und dann rollten sie bei mir wieder, die Tränen: vor Lachen und vor Rührung.

Ein richtiger Seelentröster…!!!


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855359585 / Neu-Auflage erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3038820161


[Rezension] Weihnachten mit Astrid Lindgren/ herausgegeben von Anne-Kristin zur Brügge

Dies war eines dieser Bücher, um das ich in den Buchhandlungen Jahr für Jahr drum rum geschlichen bin, immer mit dem Satz im Kopf „Du brauchst es nicht wirklich: Du findest die Geschichten sicherlich in all den Lindgren-Büchern, die Du schon besitzt!“ Dann war die Saison vorbei, und meine Gedanken an dieses Buch verblassten. Doch in der nächsten Saison drehte ich wieder meine Runden und hinterließ eine Spurrille im Parkett so mancher Buchhandlung. Doch nun habe ich es mir selbst zu meinem 50. Geburtstag geschenkt (Glückwünsche nehme ich nach wie vor gerne huldvoll entgegen!), da es einfach nur wunderbar ist, die zauberhaften Winter- und Weihnachtsgeschichten von Astrid Lindgren gesammelt zwischen zwei Buchdeckel zu besitzen.

Zudem entzünden wir morgen die erste Kerze auf dem Adventskranz, die besinnliche Zeit beginnt, und so könnte kein anderes Buch passender sein, um meine kleine Reihe „Lektüre zum Fest“ zu eröffnen.

Hallo! Da seid ihr ja wieder: ihr Rotzlöffel und Abenteurer, ihr Angsthasen und Weltenerkunder, ihr Naseweise und Frechdachse. Und wie sehr liebe ich Euch alle!

Da ist Pelle, der vor der Ungerechtigkeit der Welt in Form seines Papas flieht und demonstrativ in das kleine Gartenhäuschen zieht. Da ist Johann, der um seine geliebte Kuh trauert und dem wie aus heiterem Himmel ein Kälbchen vor die Füße fällt. Da ist Tomte Tummetott, der Jahr für Jahr über seinen Hof, seine Tiere und seine Menschen wacht. Da ist Pippi, die außer- und ungewöhnlich aber nicht weniger stimmungsvoll Weihnachten feiert. Da ist Michel, der nach einem turbulenten Weihnachtsfest seinen letzten Willen aufschreibt. Und natürlich feiern die Kinder aus Bullerbü das Weihnachtsfest gemeinsam und tanzen fröhlich um den festlich geschmückten Weihnachtsbaum.

Allein die Geschichten von Astrid Lindgren rühren das Herz, lassen Kindheitserinnerungen an vergangene Weihnachten aufleben und pflanzen ihre Botschaft ganz sachte in die Seele.

Veredelt wird diese Anthologie durch die Talente der Illustrator*innen Björn Berg, Katrin Engelking, Lars Klinting, Rolf Rettich, Jutta Timm, Harald Wiberg und Ilon Wikland. Sie schaffen mit ihren Bildern für die jeweilige Geschichte eine stimmige Atmosphäre: schelmisch-drollig, rührend-poetisch, bunt-humorvoll, modern-verspielt oder klassisch-dezent. Jede und jeder überzeugt mit einem individuellen Stil.

Dieses Buch werde ich zur Advents- und Weihnachtszeit sicherlich sehr häufig zur Hand nehmen, in ihm blättern und mich in die Geschichten meiner kleinen Held*innen vertiefen,…

…und dazu benötige ich nicht unbedingt das liebste Patenkind der Welt als Alibi: Wobei das Vorlesen der Geschichten und das gemeinsame Betrachten der Illustrationen uns beiden ein großes Vergnügen bereiten werden.


erschienen bei Oetinger/ ISBN: 978-3789141843

[Die Bücher meines Lebens] Truman Capote – Frühstück bei Tiffany

– 2002 –


Na, da bist du ja wieder, Holly Golightly! Wie viele Jahre haben wir uns nicht gesehen? Dabei haben wir uns nie aus den Augen verloren – vielmehr: Ich habe dich nie gänzlich aus den Augen verloren. Manchmal hat sich mir vielleicht etwas in den Vordergrund gedrängt und dich verdeckt (Als wenn es möglich wäre!), aber du bist nie völlig aus meinem Blick entschwunden. Häufig hörte ich schon die ersten zarten Töne deiner Gitarre, lange bevor ich dich erblickte. Im Gegenzug hast du mir nie Deine Aufmerksamkeit geschenkt. Warum solltest Du auch? Ich gehörte nie zu deinen präferierten Verehrern: zu unscheinbar, zu mittellos, zu wenig Stiel. Ich spiele nicht in deiner Liga! Aber das ist absolut okay für mich. Ich bin sehr zufrieden mit meiner stillen Beobachter-Rolle und sehr glücklich, hin und wieder meinen Blick auf dich, du kapriziöses Geschöpf, werfen zu dürfen…!

„Moon river, wider than a mile / I’m crossing you in style some day!“

Na, da bist du ja wieder, Holly Golightly! Und nach all den Jahren, nachdem Truman Capote im Jahre 1958 zum ersten Mal der Welt von deiner Existenz berichtete, hast du nichts von deinem Zauber eingebüßt. Dabei lag selbst die Geschichte, die Truman uns erzählte, schon einige Jahre zurück: Es war 1943 als Du in dieses alte Backsteinhaus in der East Side von New York gezogen bist – zusammen mit dem namenlosen Kater, den du irgendwann am Flussufer aufgegabelt hattest. Da er dir nicht gehörte, wolltest du ihm auch keinen Namen geben. Du wolltest nichts in Besitz nehmen, solange du nicht die Stelle gefunden hast, wo du und dein Besitz gemeinsam hingehören. Heute weiß ich, dass du nach einem Ort gesucht hast, den du hättest „Heimat“ nennen können…!

„Oh, dream maker, you heart breaker / Wherever you’re goin‘, I’m goin‘ your way!“

Völlig egal ob deine Geschichte 1943, 1958, 1961, 2002 oder heute erzählt wird: Du bist so jung, so schön, so mondän, so voller Klasse – und so modern, eine moderne Frau mit einer Vergangenheit voller Geheimnisse und einer Zukunft voller Ungewissheit.

Völlig egal ob du mir schwarz auf weiß oder in Zelluloid gehüllt erscheinst: Dein Lächeln betört, dein Blick verlockt, dein Charme verführt und deine Grazie überwältigt – und sei gewiss, dies wird sich nie ändern. Eine bitter-süße Wehmut überkommt mich, da ich spüre, dass du längst schon wieder fort bist – lange bevor der letzte Ton deiner Gitarre verstummt ist.

Am Briefkasten des Backsteinhauses in der East Side klebt immer noch deine Visitenkarte (das einzige, das du dir von Tiffany leisten konntest) mit dem Aufdruck „Miss Holly Golightly, Auf Reisen“.

Der namenlose Kater hat seine Heimat gefunden. Du bist weiterhin auf Reisen.

Lebe wohl, Holly!

❤️


erschienen bei Langen-Müller/ ISBN: 978-3784429946 / Neu-Auflage erschienen bei Kain & Aber/ ISBN: 978-3036951591