[Rezension] John Bude – Mord an der Riviera

Strahlender Sonnenschein, klarer Himmel, weißer Strand am blauen Ozean – dumm nur, dass selbst vor der Postkartenidylle der französischen Riviera das Verbrechen nicht Halt macht und sich keine Pause gönnt. Detectiv-Inspector Meredith und sein junger Kollege Acting-Sergeant Freddy Strange sind im Auftrag des Scotland Yards vor Ort, um mit Unterstützung der hiesigen Gendarmerie eine Bande von Geldfälschern aufzuspüren, die unter der Ägide des talentierte englischen Graveurs Chalky Cobbett die Côte d’Azur mit Blüten überschwemmt. Dreh- und Angelpunkt scheint die Villa Paloma der reichen wie resoluten Witwe Nesta Hedderwick zu sein, die hier mit ihrer Nichte Dilys und einer Schar mysteriöser, wenn nicht sogar verdächtiger Gäste residiert. Während Meredith versucht, eine mögliche Beteiligung der Villa-Bewohner am Geldfälscherring nachzuweisen, erliegt Freddy Strange zunehmend dem Charme der reizenden Dily. Nach etlichen Fehlschlägen kommen die beiden Spürnasen den gesuchten Kriminellen endlich auf die Spur. Beinah scheint es so, als könnten sie ihren Auftrag erfolgreich beenden, bis sich plötzlich ein Mord ereignet, der alles nur noch verzwickter macht…!

1952, nur wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg, dürsteten die Leser nach Spannung vor exotischer Kulisse, um so dem eigenen grauen Alltag zu entfliehen. John Bude, damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere, gab ihnen genau dieses. So spielt die französische Riviera eine nicht unbedeutende Rolle in diesem unterhaltsamen Krimi. Bei etlichen Orts-Beschreibungen fühlte ich mich zwangsläufig an den Film-Klassiker „Über den Dächern von Nizza“ erinnert, da der Autor detailliert die Atmosphäre dieses Landstriches vor den Augen seiner Leserschaft aufleben lässt.

Wie schon in Mord in Sussex ist auch hier Detectiv-Inspector Meredith den Ideen der Jugend durchaus zugeneigt und überlässt seinem Sergeant gerne die Bühne – allerdings nicht ohne einen wachsam-schützenden Blick auf ihn zu werfen. Könnte ihre Beziehung zueinander durchaus als kollegial bezeichnet werden, so bleibt Bude in der Zeichnung der Figuren der damals gängigen Tradition treu, indem Meredith für Strange als der erfahrenere Kollege nichtsdestotrotz auch sein Vorgesetzter ist. Die Dialoge zwischen unseren beiden Helden sind äußerst kurzweilig zu lesen und amüsierten mich durch ihre heiter-ironischen Neckereien. Aber auch das Verhältnis zur hiesigen Polizei wird als äußerst kollegial beschrieben: Meredith und Strange sind eben nicht die Super-Bullen, die sich überall als „einsame Wölfe“ allein durchschlagen. Vielmehr wird hier ein äußerst respektvoller Umgangston gepflegt sowie partnerschaftlich ermittelt.

Aber auch das übrige, durchaus üppige Personal wird klar gezeichnet und raffiniert mit der Handlung verwoben: Da kennt jemand jemanden, der jemanden kennt, der zufällig jemanden kennengerlernt hat, der wiederum mit jemanden bekannt ist. Bude beherrscht dabei bravourös die Kunst, die einzelnen Handlungsfäden erst zu verwirren, um sie dann geschickt wieder zu entknoten. Dabei behält er stets sein Ziel im Fokus: Nach ca. 200 Seiten fragte ich mich, wann im Roman der titelgebende Mord passiert. Zu diesem Zeitpunkt war die Handlung nämlich schon soweit fortgeschritten, dass Meredith und Strange sich bzgl. Überführung der Geldfälscher schon auf der Zielgerade befanden. Und so hegte ich den leisen Verdacht, dass besagter Mord womöglich als Anhängsel verreckt bzw. als Seitenfüller fungiert.

Doch weit gefehlt: John Bude war ein Kriminal-Autor alter Schule, der – wie auch div. seiner Kolleg*innen aus der goldenen Ära des britischen Krimis – sein Handwerk aus dem Effeff verstand und sich so von seinen Leser*innen mit einem überraschenden Twist verabschiedete.


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608980837

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[Rezension] Nita Prose – The Maid. Ein Zimmermädchen ermittelt

Im altehrwürdigen Regency Grand Hotel in London geht Molly Gray Tag für Tag ihrer Arbeit nach, denn Molly Gray ist Zimmermädchen und zwar ein ganz besonders Zimmermädchen: Sie hat einen Blick für Details, ein fotografisches Gedächtnis und einen Hang zu Regeln. Allgemein liebt sie Rationalität und Ordnung, und so erfüllt sie ein Blick in ein makellos geputztes Zimmer mit Genugtuung. Dafür kann sie die Blicke ihrer Mitmenschen umso weniger deuten. Es fällt ihr schwer, die Empfindungen anderer wahrzunehmen und einzuschätzen. Als ihre Großmutter noch lebte, war sie ihr rettender Anker, der liebevoll für die nötige Struktur in ihrem Leben sorgte. Die einzigen Menschen, zu denen Molly nun Kontakt hat, sind ihre Kolleg*innen und die Gäste im Hotel. Da ist Juan Manuel, der in der Spülküche arbeitet und seinen kargen Lohn seiner Familie in Mexiko schickt. Zu Rodney Stiles, dem Chefbarkeeper des Hauses, der immer so nett zu ihr ist, füllt sie sich romantisch hingezogen. Und Giselle Black, die aktuelle Ehefrau des Stammgastes und Finanz-Tycoons Mr Charles Black, bezeichnet sie sogar als eine Art Freundin. Doch diese fragile Freundschaft wird arg erschüttert, als Molly eines Tages in der Suite der Blacks erscheint, um diese wie gewohnt zu säubern, und dabei Mr Black tot auf dem Bett vorfindet. Die Polizei ist überzeugt, dass er keines natürlichen Todes gestorben ist, und somit rückt Giselle in den Mittelpunkt der polizeilichen Ermittlungen. Beim Versuch ihrer „Freundin“ zu helfen, gerät Molly selbst in den Fokus der Aufmerksamkeit: Es wird ihr unterstellt, sie hätte Mr Black getötet. Ihre wohlgeordnete Welt gerät dermaßen aus den Fugen, dass sie nicht mehr einschätzen kann, wer ihr Freund und wer ihr Feind ist…!

Ermittler*innen mit dem Asberger-Syndrom scheinen gerade im Krimi-Genre sehr beliebt zu sein. Nachdem Autoren wie Gil Ribeiro und Jeff Cohen schon äußerst erfolgreich ihre männlichen Kriminalisten ins Rennen um die Gunst der Leserschaft geschickt haben, versucht nun Nita Prose mit ihrer femininen Version den Krimi-Olymp zu erklimmen. Ob sie den Gipfel erreichen wird? Ich wage da keine Prognose. Im Vorfeld waren mir nur positive Meinungen zu Ohren bzw. vor’s Auge gekommen. Mir persönlich fällt es nach der Lektüre leider schwer, in die allgemeine Lobhudelei mit einzustimmen, und so befürchte ich, dass dies eine für meine Verhältnisse ungewohnt kritische Rezension werden wird.

Laut Verlagswerbung wurde mir ein „liebenswert-humorvoller“ „cosy Krimi“ versprochen, der „mit unerwarteten Twists“ aufwartet, „die auch beim Miträtseln großen Spaß machen.“ Auch die Art der Cover-Gestaltung lässt auf eben jene Attribute schließen, was zur Folge hatte, dass meine in den Roman gesetzten Erwartungen leider nur in Ansätzen erfüllt wurden.

Ich vermisste schlicht und ergreifend den Humor in diesem Roman (oder er war vorhanden und wurde von mir nicht wahrgenommen, da er leider nicht meinem Humor-Verständnis entsprach). Mollys Leben erscheint mir so freudlos. Die Menschen in ihrer Umgebung scheinen nur auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein und darauf, sie zu diskreditieren. Niemand bringt ihr ehrliche positive Gefühle entgegen. Als Leser bemerkte ich diese Verlogenheit, Molly bemerkt es nicht. Aufgrund ihrer Beeinträchtigung in der Wahrnehmung versteht sie weder Ironie noch die leisen Untertöne einer Kommunikation. Für sie ist der gesprochene Satz ganz „pur“ in seiner Bedeutung. Und gerade mit diesem „Handicap“ hätte die Autorin wunderbare Szenen voller Situationskomik kreieren können. So spürte ich nur eine Tristesse, die kaum zu ertragen war.

Erst ab ca. dem 20. Kapitel nimmt nicht nur die Geschichte an Fahrt auf, auch ist endlich ein Ansatz von „cosy“ zu erahnen. Vielleicht hat die Autorin diese Entwicklung der Geschichte auch ganz bewusst gewählt, um so das Ende mehr glänzen zu lassen. Plötzlich war eine gewisse Leichtigkeit wahrnehmbar, die ich mir für den gesamten Roman gewünscht und die so Mollys Trostlosigkeit etwas erträglicher gestaltet hätte. Das Ende überrascht dann tatsächlich mit einem kleinen Twist, den ich so nicht vorhergesehen hatte.

Was bleibt, ist das Gefühl, dass Nita Prose leider ihre Chance versäumt hat, die bunte Palette der kurzweiligen Cosy-Krimis mit einer weiteren schillernden Farbe zu bereichern.


erschienen bei droemer/ ISBN: 978-3426283844

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[Rezension] Agatha Christie – Die Büchse der Pandora. Kurzkrimis mit Tommy und Tuppence

Da ist es ja wieder – unser kriminalistisches Duo, unsere „Partners in Crime“, unser pfiffiges Pärchen mit Spürnase, Klasse und Esprit. Diesmal machen wir mit ihnen eine Reise in die Vergangenheit: Waren wir mit Lauter reizende alte Damen schon im Jahre 1968 gelandet und durften die Beiden als gereiftes Paar beobachten, so werfen wir nun einen Blick zurück ins Jahr 1929.

Tommy und Tuppence Beresford sind frisch verheiratet und chronisch gelangweilt. Da kommt ihnen der verlockende Auftrag vom britischen Geheimdienst nur allzu recht, inkognito eine Detektei zu übernehmen. Der ursprüngliche Eigentümer erholt sich gerade während eines Urlaubs auf Staatskosten und scheint seine Detektei als Briefkasten für feindliche Spione genutzt zu haben. Um dies auf den Grund zu gehen, schlüpft Tommy in die Rolle des Leiters dieser internationalen Detektivagentur Mr. Theodore Blunt, während Tuppence seine tüchtige Sekretärin Miss Robinson mimt. Ihr besonderes Augenmerk sollen sie auf eine dubiose Korrespondenz legen – insbesondere auf blaue Briefumschläge mit russischer Marke. Doch diese Post lässt auf sich warten, und so lösen die detektivischen Fachkräfte so ganz nebenbei auch einige „reguläre“ Fälle. So suchen sie u.a. nach einer Erklärung für scheinbar paranormale Phänomene in einem alten Haus, spüren eine vermisste Ehefrau in einer delikaten Institution auf, überprüfen nicht nur eins sondern gleich zwei Alibis ein und derselben jungen Dame und rätseln über einen vertauschten Diplomatenkoffer. Diese interessanten wie skurrilen Fälle sind aber gänzlich harmlos im Vergleich zu dem Abenteuer, das sie erwartet, als sie plötzlich tatsächlich einen blauen Brief mit der Post erhalten…!

Agatha Christie ließ ihr gewieftes Detektiv-Paar nicht nur in vier Romanen (zwischen deren Erscheinen teilweise Jahrzehnte lagen) auf Verbrecherjagd gehen, sondern gönnte ihnen ebenfalls eine Sammlung unterhaltsamer Kurzkrimis, die nun endlich wieder im neuen Gewand erschienen sind. Dabei legte sie bei diesen Geschichten den Schwerpunkt eher auf das kurzweilige Rätselraten als auf die „das Blut in den Adern gefrierende“ Spannung. So kann sich die verehrte Leserschaft auf so manchen herrlichen verbalen Schlagabtausch unserer beiden sympathischen Protagonisten freuen, die sich die Bälle nicht nur geschickt zuspielen, sondern je nach Auftrag auch gerne alle Bälle in der Luft behalten. Dabei agieren beide – wie gewohnt – auf Augenhöhe und demonstrieren eine äußerst emanzipierte Partnerschaft, wie sie zur Entstehungszeit der Geschichten höchstwahrscheinlich selten in der Realität zu bewundern war.

Gerne ziehen sie dabei die jeweils passenden Klassiker des Genres zu Rate und versuchen, sich in die erdachten Personen von weltberühmten Krimiautoren wie Edgar Wallace, G. K. Chesterton, Arthur Conan Doyle & Co. hineinzuversetzen, um so von deren „Spiritus Rector“ zu profitieren. Bei der Lektüre der letzten Geschichte Der Mann, der Nummer 16 war brach ich in schallendes Gelächter aus, da diesmal Tommy und Tuppence ihre Inspiration beim kleinen, pedantischen Belgier mit den genialen grauen Zellen suchten. Die „Queen of Crime“ nahm somit sich selbst höchst humorvoll „auf die Schippe“. Chapeau!

Ein bisschen Irritation verursachte bei mir die Aufteilung der Kapitel: So sind die meisten Geschichten jeweils unter einem Titel in zwei Kapitel unterteilt, die deutlich mit I und II gekennzeichnet sind. Bei drei Geschichten sind die einzelnen Kapitel jeweils mit einem eigenen Titel versehen, im Inhaltsverzeichnis entsprechend notiert und hinterlassen so den Eindruck, als wären sie eigenständige Geschichten. Somit beinhaltet diese Sammlung nicht 17 sondern „nur“ (!) 14 Kurzkrimis. Da hätte ich mir bei dieser überarbeiteten Wiederveröffentlichung ein wenig mehr Sorgfalt beim Editieren der Texte gewünscht.

Doch abgesehen von diesem klitzekleinen Wehrmutstropfen haben wir es hier (meines Wissens) mit der vollständigsten Sammlung der Beresford-schen Kurzkrimis zu tun, die mir ein überaus kuschliges Lesevergnügen schenkte.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455012064

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[Rezension] Agatha Christie – Das Geheimnis von Sittaford

Auf dem Landsitz Sittaford House haben die Mieterinnen des Anwesens Mrs. Willett und Miss Violet (Mutter und Tochter) ihre wenigen Nachbarn zum Tee geladen. Während außerhalb des Hauses ein ungemütlicher Schneesturm wütet, vertreibt sich die Gesellschaft in dessen Inneren die Zeit mit einer Séance. Alle reagieren überrascht bis bestürzt als bei diesem anfangs als Albernheit verspotteten Tischrücken scheinbar tatsächlich eine Nachricht aus dem Jenseits sie erreicht: Der Tod von Captain Joseph Trevelyan wird angekündigt. Der Captain ist der eigentliche Hausherr von Sittaford House, der das Anwesen über die Wintermonate an die Willetts vermietet und sich somit selbst vorübergehend in einem kleinen Haus in der Ortschaft Exhampton einquartiert hat. Einer der anwesenden Gäste Major Burnaby sorgt sich um seinen Freund Trevelyan und macht sich auf den beschwerlichen Weg nach Exhampton. Dort findet er den Captain in seinem Haus erschlagen vor. Der tüchtige Inspector Narracott nimmt die Ermittlungen auf und findet auch schnell einen Verdächtigen: James Pearson, der Neffe des Opfers, war zur fraglichen Zeit vor Ort und hätte auch durchaus ein Tatmotiv. Zudem verstrickt er sich in Widersprüche. Alles scheint perfekt, würde die Verlobte des Tatverdächtigen sich nicht ständig einmischen und eigene Ermittlungen anstellen: Emily Trefusis ist eine äußerst patente junge Dame, die mit einem bewundernswerten Selbstbewusstsein immer wieder die Wege des Inspectors (durch)kreuzt…!

Wie sehr ich Mrs. Christie verehre, habe ich schon vor beinah genau 2 Jahren bei Die Bücher meines Lebens verlauten lassen, und diese Verehrung ist nach wie vor ungebrochen. Auch in diesem Fall bescherte sie mir ein wohlig-warmes Lese-Vergnügen. Einerseits kann ich mir sicher sein, dass sie ein Garant für vergnügliche Lesestunden ist, da ich einschätzen kann, was mich erwartet. Andererseits schafft sie es trotzdem, mich immer wieder mit einem „Plot-Twist“, einer unerwarteten Wendung in der Handlung, und ihrer interessanten Charakterzeichnung des Handlungspersonals zu überraschen.

Natürlich (!) ist der offensichtlich Verdächtige nicht der Täter – Das wäre ja auch viel zu einfach! – vielmehr heftete ich mich als Leser mit Vergnügen an die Fersen unserer jugendlichen Heldin auf der Suche nach dem wahren Mörder (Aber vielleicht war hier ja auch eine Mörderin am Werk!).

Apropos: Christie war da immer sehr großzügig bei der Verteilung für die Rolle der Übeltäterin/ des Übeltäters und zeigte keine nennenswerte Präferenz zu nur einem Geschlecht. Vielmehr erstaunte sie mich auch diesmal, da sie schon im Jahre 1931 sowohl für die Haupt- wie auch Neben-Charaktere vielfältige Frauen-Porträts entwarf, die autark und selbstbestimmt agieren und weit entfernt vom gängigen Klischee der damaligen Epoche sind.

Diese Frauen nehmen durchaus gerne die Hilfe eines „Ritters in glänzender Rüstung“ in Anspruch, könnten ihr Leben aber auch spielend „ohne“ bewältigen. Sie sind sich ihrer Weiblichkeit durchaus bewusst und setzten diese – natürlich im schicklichen Maße – für ihre Zwecke ein. Dabei vermeidet Christie bei ihrer Charakterisierung auf eine Eindimensionalität – vielmehr sind ihre Heldinnen durchaus ambivalent zu betrachten, da sie positive wie negative Eigenschaften in sich vereinen.

Ähnlich wie bei Lucy Eyelesbarrow in 16 Uhr 50 ab Paddington bedauerte ich auch hier sehr, dass es keinen weiteren literarischen Auftritt von Emily Trefusis gab. Beide Ladies hätten durchaus Potential für ein längeres Leben gehabt…!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455011845

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[Rezension] Gilbert Adair – Oh dear! Miss Mount und der Mord im Herrenhaus

Weihnachtsstimmung auf ffolkes Manor: Colonel Roger ffolkes (sic!) und seine Gattin Mary haben ihre engsten Freunde zum Feste geladen. So findet sich in dem alten Gemäuer eine illustre Gästeschar zusammen: Neben dem Vikar der Gemeinde Clem Wattis und seiner Gattin Cynthia sind der Hausarzt der Familie Doktor Henry Rolfe nebst Gattin Madge ebenso anwesend wie auch der Sekretär Farrar. Für den nötigen Glamour sorgen die berühmte Bühnen- und Filmschauspielerin Cora Rutherford und die berüchtigte Kriminalautorin Evadne Mount. Alle Anwesende verstehen sich gar prächtig, und es verspricht ein angenehmes Weihnachtsfest zu werden. Doch dann tauchen Selina, die Tochter des Hauses, und ihr Freund Donald Duckworth auf und haben einen äußerst unangenehmen wie ungebetenen Gast im Schlepptau. Raymond Gentry, seines Zeichens Klatsch-Kolumnist bei einem schmierigen Boulevard-Blatt, entpuppt sich als eine widerwärtige Natter, die ihre Zähne mit Genuss ins Fleisch der Gäste rammt und voller Bosheit droht, deren intimsten Geheimnisse zu offenbaren. So hält sich die Anteilnahme der Anwesenden in Grenzen, als er am nächsten Morgen in einer von innen verschlossenen Dachkammer erschossen aufgefunden wird. Selbstverständlich muss ein solch schändlicher Mord (auch wenn alle der Meinung sind, dass das Opfer es verdient hätte) aufgeklärt werden. Aufgrund der misslichen Wetterlage ist mit einer Unterstützung durch die Polizei nicht zu rechnen und so wird sich mit dem pensionierten Chefinspektor Trubshaw vom Scotland Yard, der unweit von ffolkes Manor in der Nachbarschaft wohnt, beholfen. Trubshaw findet nicht nur die Gäste in gereizter Atmosphäre vor, von denen jede*r bei näherer Betrachtung ein Motiv für die Tat hätte, – Nein! – zudem muss er mit dem Übereifer einer Evadne Mount konkurrieren, die sich mit Elan in seine Ermittlungen einmischt. Wer von den beiden wird den Mörder/die Mörderin als Erste*r entlarven…?

Werfen wir doch einmal einen Blick auf die Zutatenliste. Was haben wir denn hier?

  • ein Weihnachtsfest auf einem alten englischen Landsitz: Hatten wir schon!
  • ein Tatort, der von der Außenwelt abgeschnitten ist: Hatten wir schon!
  • ein Mord in einem von innen verschlossenen Raum: Hatten wir schon!
  • eine Vielzahl an Verdächtigen mit ebenso vielen Motiven: Hatten wir schon!
  • ein brummig-kauziger Inspektor: Hatten wir schon!
  • eine skurrile Amateurdetektivin: Hatten wir schon!
  • ein großer Showdown mit überraschender Auflösung: Hatten wir schon!

Gibt es somit einen logischen Grund, warum Ihr diesen Krimi lesen solltet?
Nein, den gibt es nicht, aber lest ihn trotzdem. Warum? Weil es einfach Spaß macht!

Autor Gilbert Adair erfindet das Genre wahrlich nicht neu. Vielmehr spielt er mit den Erwartungen, die die Leserschaft an einen guten, alten, englischen Krimi haben, und erfüllt uns diese. Dabei erlaubt er sich die Freiheit, in manchen Aspekten frecher zu sein als seine literarischen Vorbilder (Hinweis: Der Roman spielt im Jahre 1935 ist allerdings erst 2006 entstanden.). Im Zuge der Aufklärung des Falls müssen die Verdächtigen skandalöse Enthüllungen und pikante Anekdötchen offenbaren, die im Jahre 1935 durchaus Karrieren wie auch das gesellschaftliche Ansehen ruiniert hätten.

Nebenbei zitiert er genüsslich die Großen der Krimi-Zunft, lässt Evadne Mount über ihre schärfste Konkurrentin Agatha Christie wettern oder Cora Rutherford über ihr Treffen mit „Hitch“ (Alfred Hitchcock) berichten, in dessen nächsten Film sie (natürlich!) die Hauptrolle spielen soll. Dies geschieht so selbstverständlich mit einer signifikanten Leichtigkeit, dass diese Details sich absolut logisch und somit glaubwürdig in die Geschichte einfügen.

Zudem sorgt er mit seinen prallen Charakteren für eine Menge Unterhaltung und versteht es in den witzigen Dialogen, das Tempo der Geschichte immer wieder aufs Neue anzuziehen. Wenn ich mitten in der Geschichte plötzlich anfange, laut zu lesen, dann darf dieser Umstand durchaus positiv bewertet werden. Zeugt dies doch von meiner Lust als „alter“ Vor-Leser, den besagten Text zu interpretieren. Darum: Dies ist genau der richtige Krimi, um während der Feiertage im gemütlichen Kreise der Liebsten vorgelesen zu werden. Gibt es etwas Schöneres?


erschienen bei Oktopus (bei Kampa)/ ISBN: 978-3311300182

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[Rezension] Georges Simenon – Weihnachten bei den Maigrets

Weihnachten könnte für Monsieur und Madame Maigret so ruhig und entspannend sein – wo doch der berühmteste Kommissar von Paris über die Feiertage frei hat. Doch leider durchkreuzt eine aufdringliche Nachbarin ihnen ihre Pläne und weckt die Neugier des Kommissars mit einer mysteriösen Geschichte. Neben ihr in der Wohnung lebt ein junges Paar mit seiner Pflegetochter, die aufgrund eines Beinbruchs das Bett hüten muss. Und dieses Mädchen berichtet nun, dass sie in der Nacht zuvor Besuch vom Weihnachtsmann erhalten hätte, der ihr eine Puppe schenkte aber auch die Dielen in ihrem Zimmer untersuchte. Auf Drängen der Nachbarin befragt Maigret das Mädchen und ist durchaus bereit, ihr zu glauben. Zumal ihre Pflegemutter sich äußerst verdächtig benimmt, da sie sich dem Kind gegenüber beinah emotionslos verhält und versucht, die Geschichte herunterzuspielen. Maigret hat zwar keine Beweise, doch sein Instinkt rührt sich heftig, und er bittet seine Mitarbeiter um Unterstützung. So mutiert seine Wohnung zum inoffiziellen Hauptquartier einer ebenso inoffiziellen Ermittlung. Madame Maigret hätte sich viel lieber ein friedliches Weihnachtsfest gewünscht, doch Maigrets Instinkt trügt ihn auch diesmal nicht…!

Simenon lesen bedeutet, in Atmosphäre zu baden! Nun mag dieser Satz vielleicht etwas pathetisch erscheinen, doch genau diese Empfindung spüre ich, wenn ich Simenon lese. Selten habe ich einen Autor erlebt, der es schafft, mit wenigen Sätzen so punktgenau ein Milieu zu schildern. Wenige Sätze, manchmal nur Wörter genügen und vor meinem inneren Auge entsteht das entsprechende Setting der Geschichte. Dabei gehören seine Figuren selten der gehobenen Klasse an. Vielmehr skizziert er Menschen, die gestrauchelt und somit vom Leben gezeichnet sind. Manche sind mir als Leser sympathischer, andere sind es eher weniger. Doch allen ist gemein, dass sie Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten sind.

Ebenso wie er mit nur einem Wort das Milieu treffend beschreibt, lässt er zwischen seinen Figuren manches unausgesprochen, um die Verbindung der Figuren zueinander zu porträtieren. An seinem freien Tag könnte Maigret endlich mal ausschlafen: So schleicht sich Madame Maigret leise aus dem Schlafzimmer, um ebenso leise das Frühstück zu richten. Maigret liegt unterdessen wach im Bett und würde lieber aufstehen. Doch seine Frau wäre sehr enttäuscht, wenn er dies täte, da sie sich so sehr wünscht, dass er mal ausschläft.

Diese kleine Szene könnte sich so oder ähnlich zwischen machen langjährigen Eheleuten abspielen: Der großen stürmischen Liebe ist einer innigen Vertrautheit gewichen. Man fühlt sich einander verbunden und hat sich im gemeinsamen Leben angenehm arrangiert. Doch die Träume der Jugend sind ausgeträumt oder zumindest werden sie verdrängt. Nur manchmal brechen sie wieder an die Oberfläche hervor: So fühlte ich als Leser bei den Maigrets die Trauer um die eigene Kinderlosigkeit, die sie – besonders zu Weihnachten und speziell mit dem Wissen um das kranke Kind im Nachbarhaus – zu überrollen schien. Diese ungewohnt intimen Einblicke, die der Autor uns hier gewährt, werden von ihm aber so feinfühlig geschildert, dass ein Gefühl von Voyeurismus gar nicht erst aufkommt.

Vielmehr streute Simenon über diese kleine kriminalistische Weihnachtsgeschichte mit seinem weltberühmten Kommissar nehmst ebenso berühmter Gattin einen Hauch Melancholie, der mir beim Lesen die Augen feucht werden ließ…!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311130949

[Rezension] Nicholas Blake – Das Geheimnis des Schneemanns

Einem Hilferuf gleich mutet die Nachricht von Clarissa Cavendish an, die sie ihrer Cousine Georgia Strangeway schickt, in der Hoffnung so auch das Interesse ihres Gatten dem bekannten Privatermittler Nigel Strangeway zu wecken. Auf dem Anwesen Easterham Manor von Clarissas langjährigen Freunden Charlotte und Hereward Restorick passieren Vorfälle parapsychischer Natur: Während einer Séance gebärdet sich die Hauskatze wie ein tollwütiger Derwisch, als stände sie unter dem negativen Einfluss einer übernatürlichen Macht. Als die Strangeways in Easterham Manor eintreffen, werden sie von einer äußerst ungewöhnlichen Gesellschaft erwartet: Neben dem Hausherren, seiner Gattin und deren beiden Kindern, befinden sich noch seine erwachsenen Geschwister Andrew und Elizabeth sowie der Arzt Dr. Bogan und Elizabeths Freunde Will Dykes und Eunice Ainsley als Gäste auf dem Anwesend. Noch bevor sich Nigel Strangeways eingehend mit dem merkwürdigen Verhalten der Katze beschäftigen kann, wird Elizabeth Restorick erhängt in ihrem Zimmer aufgefunden. Schon bald lassen Indizien den Schluss zu, dass es sich um einen Mord handelt, der als Selbstmord getarnt wurde. Da das Anwesend aufgrund der anhaltenden Schneestürme mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschnitten ist, muss sich der Mörder/ die Mörderin noch im Haus befinden. Jede*r der anwesenden Personen erscheint somit verdächtig. Gemeinsam mit Detective Inspector Blount vom Scotland Yard nimmt Nigel die Ermittlung auf und tappt dabei in so manche Sackgasse: logische Schlussfolgerungen können nicht bewiesen werden, mögliche Motive werden entkräftet. Der Fall scheint unlösbar, bis Andrew Restorick und Dr. Bogan eines Nachts verschwinden und wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheinen. Erst als Tau-Wetter einsetzt, und der Schnee zu schmelzen beginnt, offenbart der Schneemann im Garten von Easterham Manor sein schauriges Geheimnis…!

Nach Das Geheimnis von Dower House (1936) ist dies nun der zweite Fall des smarten Privat-Schnüfflers Nigel Strangeway, der seinen Weg ins heimische Bücherregal findet. Und auch dieses Mal überzeugt Nicholas Blake mit einer geschickt verzwickten Geschichte, die mit prallen Typen und überzeugenden Dialogen (Hier wusste jemand, wie man gute Dialoge schreibt!) punktet. Zudem zeichnet der Autor einige kraftvolle Frauen-Porträts, allen voran die Gattin unseres Helden, deren Erscheinen alles andere als nur schmückendes Beiwerk darstellt.

Schwächelte der vorangehende Krimi ein wenig an einer aufgeblasenen Schluss-Sequenz, setzt Blake diesmal die Lösung des Rätsels an den Anfang – ohne wichtige Fakten zu verraten – und lässt die Leserschaft über die Handlung des gesamten Romans hinweg dem alles entscheidenden Schluss-Akkord entgegen fiebern.

Dieser Roman ist so sehr mit seiner Entstehungszeit (1941) verhaftet, dass – neben dem Charme der Vergangenheit – Äußerungen bzgl. der damaligen politischen Lage unvermeidbar sind. Die Geschichte spielt zu einer Zeit, als der 2. Weltkrieg tobte, und so hätte das Fehlen von entsprechenden Hinweisen und Kommentaren zwangsläufig etwas sonderbar auf mich gewirkt. Doch dem Autor gelingt es, dieses Zeit-Kolorit wohldosiert einzusetzen. Darüber hinaus erfreut er seine Leserschaft mit für die damalige Zeit überraschend pikant-frivolen Anspielungen: Das „anrüchige“ Wörtchen aus drei Buchstaben fällt nicht nur einmal…!

Ansonsten ist dieser Kriminalroman genau das, was ich von ihm erwartet habe: eine kurzweilige Unterhaltung – nicht mehr, nicht weniger, aber selbst das schafft nicht jeder Krimi!


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608983470

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Lektüre zum Fest…

Ende August stand ich bei sommerlichen Temperaturen schwitzend in Shorts und T-Shirt im Supermarkt, starrte fassungslos auf das „Jahresend-Gebäck“, das sich im Kassenbereich stapelte, und dachte gleichzeitig „Langsam wird’s Zeit…!“

Langsam wird’s Zeit, dass ich mir Gedanken mache, welche Werke ich in diesem Jahr bei „Lektüre zum Fest“ vorstellen möchte. Jedes Jahr auf’s neue muss (!) ich aus der Fülle an passender Literatur auswählen, und diese Entscheidung fällt mir nicht immer leicht. Nehme ich prinzipiell nur Neu-Erscheinungen? Greife ich beherzt auf die Back-List zurück? Oder mache ich es mir – wie schon in den vergangenen Jahren – ganz einfach und stelle Euch die Bücher vor, die mir am Besten gefielen? Ja, ich glaube, genau so mache ich es…! 😉

Was wäre ein Fest voller Liebe, Freude und Friede ohne einen zünftigen Mord? Richtig! Fad!!! Denn so ein spannender Weihnachtskrimi zur schönsten Zeit des Jahres ist wie das sprichwörtliche Salz in der Suppe: Er rundet den Geschmack ab und verhindert, dass mir von allzu viel festlicher Süße übel wird. Und so gibt es bei der kriminalistischen Lektüre auch diesmal wieder sowohl alte Freunde als auch neue Bekannte zu entdecken.

  • Nicholas Blake – Das Geheimnis des Schneemanns
  • Georges Simenon – Weihnachten bei den Maigrets
  • Gilbert Adair – Oh dear! Miss Mount und der Mord im Herrenhaus
  • Agatha Christie – Das Geheimnis von Sittaford

Doch natürlich kommt bei mir auch „die festliche Süße“ nicht zu kurz, die sich hemmungslos über eine abwechslungsreiche Auswahl an Klassikern, Erzählungen und Geschichten für (beinah) jedes Alter ergießt und so für eine wohltuende Dosis Kitsch für die Feiertage sorgt.

  • Nancy Campbell – Fünfzig Wörter für Schnee
  • Thierry Dedieu – Auf der Suche nach dem Schneemann
  • Siegfried Lenz – Das Wunder von Striegeldorf. Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Franziska Harvey
  • Anthony Trollope – Weihnachten auf Thompson Hall/ mit Illustrationen von Irmela Schautz
  • Charles Dickens – Ein Weihnachtsmärchen/ mit Illustrationen von Lisbeth Zwerger
  • Tage des Lesens. Lektüre zwischen den Jahren/ herausgegeben von Gesine Dammel

Einige Werke sind schon im vergangenem Jahr (…oder im Jahr davor?) erschienen und hatten es leider nicht in meine letztjährige Auswahl geschafft: Dies hole ich nun mit Freude nach!

Ich wünsche Euch von Herzen sowohl kriminalistische wie auch besinnliche Lese-Stunden!

Liebe Grüße
Andreas

[Rezension] Alan Bradley – Flavia de Luce. Mord im Gurkenbeet (Hörspiel)

Die 11-jährige Flavia stolpert eines Morgens unversehens über den Körper eines Fremden, der im Gurkenbeet liegend sein Leben aushaucht. Doch so fremd scheint der Tote auf dem Familienanwesen Buckshaw nicht allen Familienmitgliedern zu sein: Ihr Vater Colonel de Luce hatte noch am Vorabend eine heftige Auseinandersetzung mit dem Verblichenen. So fokussiert sich die Arbeit vom ermittelnden Inspektor Hewitt auch genau in diese Richtung. Flavia glaubt felsenfest an die Unschuld ihres Vaters: Schließlich wurde das Opfer vergiftet, und der Colonel ist zwar eine Koryphäe der Philatelie, kennt sich mit der Chemie allerdings überhaupt nicht aus – ganz im Gegensatz zu seiner vorlauten Tochter Flavia, die sich nun in die Ermittlungen einmischt, für ordentlich Verwirrung sorgt und den wahren Täter somit zwingt, wieder aktiv zu werden…!

Mr Bradley lässt sich mit der Veröffentlichung eines neuen aufregenden Abenteuers einer meiner Lieblings-Spürnasen leider sehr viel Zeit. Umso erfreuter war ich, als ich entdeckte, dass es zum allerersten Roman eine Hörspielfassung gibt. So konnte ich der Versuchung einfach nicht widerstehen,…

…und nun sitze ich in meinem gemütlichen Ohren-Sessel, neben mir dampft ein Becher gefüllt mit köstlichem Kaffee, und lausche der akustischen Umsetzung einer Geschichte, die ich so gut kenne. Schließlich habe ich selbst schon zwei Lesungen mit Flavia bestritten und somit ihr und ihren Freunden meine Stimme geliehen,…


2 CDs/ Flavia de Luce. Mord im Gurkenbeet von Alan Bradley (2013)/ Buch & Regie: Markus Winter/ mit Luisa Wietzorek, Zalina Sanchez Decke, Tom Jacobs, Torsten Münchow, Maria Koschny, Inken Baxmeier, Helmut Winkelmann, Hildegard Meier, Corinna Dorenkamp u.a.

…und nun sitze ich und lausche und lausche und lausche und bin irritiert. Nicht, dass ich es hier mit einer schlechten Umsetzung der Geschichte zu tun hätte. Vielmehr habe ich bei meinen Lesungen zwangsläufig einige Rollen anders interpretiert, ihnen sozusagen stimmlich eine andere Färbung, einen anderen Rhythmus, einen anderen Ton verliehen. Zudem hatte ich Flavia nie ernsthaft als 11-jährige wahrgenommen, und sie somit auch nie als solche bei meinen Lesungen dargestellt. Doch nun wird sie – als logische Konsequenz – selbstverständlich von einem 12-jährigen jungen Mädchen gesprochen. Doch ich wundere mich über mich selbst, dass ich diesen Umstand bisher geflissentlich ausgeblendet habe, und muss darum meine Sichtweise auf die Figur/die Figuren neu justieren.

Dabei haben die Produzenten die Titelpartie klug mit zwei Sprecherinnen besetzt. Zalina Sanchez Decke spricht in den Dialogen die junge Flavia mit jugendlichem Elan und kindlicher Naivität, während Luisa Wietzorek als Erzählerin die reifere Flavia verkörpert und uns somit aus Sicht der Vergangenheit an den Geschehnissen auf Buckshaw teilhaben lässt. Ein durchaus raffinierter Schachzug, der auch ohne Bruch auskommt, da beide Stimmen sehr gut nebeneinander harmonieren. Torsten Münchow gibt einen souveränen Inspektor Hewitt und gestaltet glaubhaft die Wandlung vom zurückhaltenden Ermittler zum besorgten väterlichen Freund. Tom Jacobs als Colonel de Luce hätte für meinen Geschmack durchaus ein wenig fahriger und weltentrückter sein können. Dafür punkten Inken Baxmeier als Daphne und besonders Maria Koschny als Ophelia mit prägnanten wie humorvollen Auftritten. Als kleinen Frische-Kick empfand ich auch Corinna Dorenkamp in der Rolle der Mary Stoker. Besonders die Interpretationen von Helmut Winkelmann (Dogger) und Hildegard Meier (Mrs. Mullet) wurden „Opfer“ meiner vorgefassten Meinung, da ich mir gerade diese beiden Rollen prägnanter bzw. kauziger gewünscht hätte. Zudem intonieren einige Sprecher*innen in einem Duktus als würden sie ein klassisches Kinder-Hörspiel à la „Bibi Blocksberg“ einsprechen und kein Hörspiel für reifere Zuhörer – die Heldin ist zwar erst zarte 11 Jahre alt, aber trotzdem handelt es sich hierbei um einen reellen Krimi.

Regisseur Markus Winter ist eine solide Umsetzung der Geschichte gelungen, die mir Freude bereitet hat aber durchaus noch ausbaufähiger ist. Dafür gebührt ihm das große Kompliment, dass er das Buch geschickt auf die Länge von zwei CDs komprimiert hat, ohne dass wesentliche Inhalte verloren gingen oder der Fluss der Geschichte gestört wurde.


erschienen bei WinterZeit Audiobooks/ ISBN: 978-3943732221

[Rezension] Agatha Christie – Der seltsame Mr Quin. Kriminalistische Erzählungen

„Ein seltenes Vergnügen.“
The New York Times

…lautete das Urteil damals im Jahre 1930 als diese Sammlung von kriminalistischen Erzählungen erstmals in den USA erschien. Und diesem Urteil kann ich mich zumindest in Teilen anschließend: Agatha Christie hat nach dem besagten Jahr so viele brillante Kriminalromane verfasst, dass ich heute im Vergleich zu anderen Werken den Begriff „selten“ nicht unbedingt verwenden würde. Doch ein „Vergnügen“ war diese Lektüre für mich auf jedem Fall…!

Mr Sattersway ist ein ältlicher, wohlhabender, doch beinah unauffälliger Mann. Mit einer snobistischen Freude sammelt er Bekanntschaften mit Adeligen, Künstlern und sonstigen Mitgliedern der High-Society. Dank seiner hervorragenden Beobachtungsgabe, einem untrüglichen Gespür und seinem Verständnis für die menschlichen Schwächen nimmt er jede Nuance im Zusammenspiel seiner Mitmenschen wahr. Denn genau so sieht er sich sehr gerne: Bei den stattfindenden Tragödien und Dramen in seinem Umfeld ist er „nur“ der unbeteiligte Zuschauer. Erst das Auftauchen seines geheimnisvollen Freundes Mr Quin scheucht ihn aus seiner Komfort-Zone und zwingt ihn, aktiv in das Geschehen einzugreifen, um so Schicksal für die betroffenen Menschen zu spielen. Und so lüftet Mr Sattersway – mit der (göttlichen) Fügung durch den seltsamen Mr Quin – so manches Mysterium, löst Verbrechen, verhindert (Selbst-)Morde, vertreibt die Geister der Vergangenheit und führt Liebende zusammen…!

Mrs. Christie ist doch immer wieder für eine Überraschung gut: So würde ich diese Erzählungen nicht unbedingt den klassischen Kriminalgeschichten zuordnen. Vielmehr schöpft sie aus verschiedenen Genres, lässt das Mystische und Übersinnliche ebenso in die Handlung einfließen, wie sie sich der Figuren der Commedia dell’arte bedient. Ihr seltsamer Mr Quin bewegt sich dem Harlekin gleich zwischen den Welten, springt von Ebene zu Ebene und tritt unvermittelt in Erscheinung. Bei seinen Auftritten erwartete ich beinah ein schelmisches „Da bin ich!“ zu hören. Gerne beschreibt die Autorin die Lichtverhältnisse der Szenerie so, als würde sein Anzug dem karierten Kostüm des Harlekins gleichen. Auch greift er nie selbst in die Handlung ein, bleibt geheimnisvoll im Hintergrund und überlässt den aktiven Part seinem verlängerten Arm Mr Sattersway. Dieser wird von Christie als ein zurückhaltender Beobachter porträtiert, der erst mit Auftauchen von Quin erahnt, dass sich in seinem Umfeld eine Tragödie anbahnt, die er mit Empathie zu verhindern versucht. Dabei bleibt Quin auch für ihn stets ein Rätsel, das ihn zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht, Wirklichkeit und Fiktion wandeln lässt, wobei die jeweiligen Grenzen oft verschwimmen.

Die Autorin lässt dieses ungewöhnliche Team in zwölf Erzählungen in Erscheinung treten, die beinah wie Vorläufer der heute recht beliebten Mystery-Thriller anmuten. Dabei waren ihr bei dieser Erzählform (zwangsläufig) Grenzen gesetzt: So wirkten manche Lösung durchaus vorhersehbar, und die eine oder andere Geschichte endete für mein Empfinden etwas abrupt. Doch diese Schwächen machte die Autorin charmant wieder wett, indem sie die Angehörigen der Upper-Class sowohl mit witzig-respektlosen Beschreibungen bedachte als auch pointierte Dialoge in den Mund legte.

So ist „Der seltsame Mr Quin“ nicht unbedingt der strahlendste Stern im Kosmos der „Queen of Crime“, aber durchaus eine Wiederentdeckung, die sich lohnt.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455010831