[Rezension] Agatha Christie – Das fehlende Glied in der Kette: Poirots erster Fall

15. Juni 2020/ 10:43 Uhr: Es klingelt an der Haustür! Ich öffne. Die Postbotin begrüßt mich freundlich und drückt mir mit einen Lächeln ein Päckchen in die Hand. Der Absender ist der renommierte Verlag „Hoffmann und Campe“ aus meiner Lieblingsstadt Hamburg. Ich bin verdutzt, hatte ich doch kein Leseexemplar angefordert. Flugs wird das Päckchen aufgerissen, und ein Buch zusammen mit einer Karte fällt mir in die Hände:

„Lieber Herr Kück, 
heute möchte ich Ihnen diesen tollen Band ans Herz legen, der im Juli bei uns erscheint. Poirots erster Fall jährt sich in diesem Jahr ja zum 100. Mal.
Ich hoffe, Sie haben viel Freude mit dem Buch. 
Herzliche Grüße
Svenja Schwentker“

Natürlich ist mir bewusst, dass außer mir noch einige weitere Buch-Blogger*innen diese Post erhalten haben. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich ein wenig geschmeichelt: Es scheint in Hamburg aufgefallen zu sein, dass hier ein Christie-Fan lebt. Und so gönne ich allen anderen Buch-Blogger*innen von Herzen ebenfalls ihre Post und hoffe, sie haben sich ebenso wie ich darüber gefreut. Liebe Frau Schwentker, herzlichen Dank!!!

So fühlte ich mich nun sanft genötigt, eine Rezension zu verfassen. Wobei ich fürchte, dass es weniger eine Rezension als vielmehr eine Hommage an eine der faszinierendsten Kriminalfiguren geworden ist.

Vor beinah genau 100 Jahren erschien mit dem ersten Roman der damals 30-jährigen Autorin ein kleiner penibler Belgier, der erst 55 Jahre, 33 Romane und etliche Kurzgeschichten später wieder von der Bildfläche verschwinden sollte. Obwohl Agatha Christie ihn in Vorhang: Poirots letzter Fall sterben lies, verschwand er nie gänzlich. Im Gegenteil: In unzähligen Gestalten wurde er wieder und wieder zum Leben erweckt. Schon in der ersten Bühnenfassung einer Poirot-Geschichte spielte im Jahre 1928 niemand geringerer als der Charakter-Mime Charles Laughton den belgischen Privatdetektiv. Einer bis heute anhaltenden Beliebtheit erfreuen sich auch die Verfilmungen aus den 70er Jahren mit großem Staraufgebot: Während Albert Finney in „Mord im Orient-Express“ schon deutliche Züge des literarischen Vorbilds erkennen ließ, spielte Peter Ustinov in den darauf folgenden Filmen durchaus unterhaltsam eher sich selbst. Erst mit der TV-Adaption „Agatha Christie’s Poirot“, die zwischen 1989 und 2013 produziert wurde, stand mit dem brillanten David Suchet ein Schauspieler vor der Kamera, der bis ins Detail der literarischen Vorlage gerecht wurde. Für mich ist dies die beste filmische Umsetzung der Poirot-Geschichten und wurde bisher auch von keiner neueren Verfilmung übertroffen. In ihnen wird Poirot recht unterschiedlich und für mich auch durchaus ambivalent porträtiert: Während im Kino Kenneth Branagh eher den maskulinen Abenteurer mimt, legt John Malkovich ihn für das Fernsehen eher als gebrochene Kreatur an. Aber auch in anderen Medien trat Poirot erfolgreich in Erscheinung u.a. als Comic bzw. Graphic Novel, in Hörspiele und einer japanischen Manga-Serie. Seit einigen Jahren gibt es sogar s.g. „neue“ Fälle von Hercule Poirot, geschrieben von Sophie Hannah und von Agatha Christies Erben autorisiert.

Für mich allerdings begann das literarische Leben von Hercule Poirot mit „Das fehlende Glied in der Kette“ und endete mit „Vorhang“. In beiden Romanen lässt Christie die Handlung aus Sicht von Captain Arthur Hastings für die Leser Revue passieren und wählte dazu einen identischen Handlungsort. So bilden diese beiden Romane eine Klammer und sorgen für eine Einheit der verschiedenen Geschichten und Romane rund um Hercule Poirot. Schon in ihrem Erstlingswerk zeigt die Autorin viele Details, die sie in späteren Werken perfektionierte und die ihren Ruf als „Queen of Crime“ festigten: ein mysteriöser Mord in einem geschlossenen Raum, ein Verdächtiger mit Alibi, interessantes Handlungspersonal, spannender und abwechslungsreicher Plot-Aufbau, ungewöhnliche Erzählperspektive…!

Es ist mir eine Freude, dass diese Jubiläums-Ausgabe nun in gebundener Form vorliegt (…was ich mir für alle Christie-Romane wünschen würde! ACHTUNG: Leiden auf hohem Niveau!). Und so wird dieser ansprechende Band dauerhaft meinen Lesetisch in unserer Mediothek zieren. Dabei ist er in bester Gesellschaft mit „The Mystery oft he Blue Train“ (dt.: „Der blaue Express“) von Agatha Christie. Als Fremdsprachenlegastheniker habe ich mir dieses englische Exemplar selbstverständlich nicht gekauft, um es zu lesen, sondern einzig und allein, weil mir die Aufmachung so sehr gefiel. Zwecks Lektüre greife ich natürlich nach der deutschen Taschenbuch-Ausgabe aus dem Atlantik-Verlag.

So, und nun beende ich endgültig diese schamlose Lobhudelei! 😀


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455008838

Ich danke dem Verlag und besonders Frau Schwentker herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Elementar, mein lieber Watson: Neue Fälle für Sherlock Holmes/ zusammengestellt von Daniel Kampa

Seit über 130 Jahren ist dieser Detektiv eine feste Größe innerhalb der Kriminalliteratur und hat nach all den Jahrzehnten nichts von seinem Reiz eingebüßt. Sein Schöpfer Sir Arthur Conan Doyle wäre vielleicht überrascht gewesen, hätte er gewusst, welchen Ausmaß die Verehrung der Holmes-Anhänger annimmt: So gibt es div. Bühnen- und Film-Adaptionen sowie Fernseh-Serien, die sich auf die Original-Geschichten beziehen oder Anleihen nehmen, und manches ist schlicht und ergreifend frei erfunden und der Phantasie div. Schreiberlinge entsprungen. Sherlock Holmes Faszination ist ungebrochen…!

Die vorliegende Anthologie versammelt sechs neue Geschichten um den Meisterdetektiv: Verleger Daniel Kampa hat aus dem scheinbar unerschöpflichen Fundus der Kriminalautor*innen, die sich schon an einer Holmes-Geschichte versucht haben, die Werke von vier namhaften Autor*innen ausgewählt, und mit zwei Geschichten lässt er sogar Holmes-Fans/-Experten zu Wort kommen.

Wie so oft bei solchen „Compilations“ gibt es Erzählungen unterschiedlicher Qualität zu bewundern. Ohne Licht gibt es eben keinen Schatten! In diesem Fall haben wir 2x „Sonnenschein“, 2x „leicht bewölkt“ und 2x „Halbschatten“. Ein „Zappenduster“ bleibt uns dank der versierten Zusammenstellung von Daniel Kampa zum Glück erspart.

Die zwei „halbschattigen“ Geschichten stammten von den beiden Holmes-Fans/-Experten Peter Jackob und Klaus-Peter Walter. In „Das Geheimnis von Compton Lodge“ wirft Peter Jackob einen Blick auf die Familienhistorie von Dr. Watson. Leider wirkt die Geschichte aufgrund der häufig wechselnden (und für mich nicht nachvollziehbaren) Handlungsorte etwas „zerfranst“. Bei „Sherlock Holmes und der Arpaganthropos“ lässt Klaus-Peter Walter die griechische Mythologie aufleben, Holmes auf einem Teppich à la Aladdin fliegen und Watson von Delphinen aus Seenot retten. Dagegen wirkt „Der Hund der Baskervilles“ harmlos…! 🙂

Die „leicht bewölkten“ Geschichten verdanken wir Anne Perry („Die Mitternachtsglocke“) und Anthony Horowitz („Die drei Königinnen“). Beide halten sich eng am Holmes-Korsett und liefern klassisch anmutende Geschichten, wie sie Conan Doyle für das „The Strand Magazine“ verfasst haben könnte. Leider hat dies zur Folge, dass die Stories mir wenig Unerwartetes offenbarten und somit leicht vorhersehbar erschienen.

Für den „Sonnenschein“ sind Stephen King und Alan Bradley verantwortlich. „Der Fall des Doktors“ von Stephen King wirkt wie eine klassische Holmes-Geschichte – allerdings mit vertauschten Rollen: Bei der Lösung dieses Falls steht Holmes „auf dem Schlauch“, und Watson liefert (auch für ihn) überraschend die nötigen Fakten und Indizien. Alan Bradley lässt mich als Leser bei „Verkleidung schadet nicht“ erstmal im Dunkeln tappen bzgl. der Identitäten der handelnden Personen und überrascht mit einer ungewöhnlichen Auflösung. In beiden Geschichten „verstecken“ die Autoren jeweils eine Huldigung an die „Queen of Crime“: Während King weniger offensichtlich aber durchaus erkennbar die Täter*innen wie bei „Mord im Orientexpress: Ein Fall für Poirot“ ihrer Strafe entgehen lässt, legt Bradley umso offensichtlicher in seinem Schlusssatz Holmes einen Hinweis auf Miss Marple in den Mund. Beides hat mich als Christie-Fan natürlich immens amüsiert und gefreut.

Allen Autor*innen ist gemein, dass sie äußerst respektvoll mit der literarischen Vorlage umgehen. Als Leser spürte ich ihre Verehrung gegenüber Sir Arthur Conan Doyle und seinen Schöpfungen.


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311125082

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Dorothy L. Sayers – Ein Toter zu wenig: Ein Fall für Lord Peter Wimsey

Dorothy Leigh Sayers (* 13. Juni 1893/ † 17. Dezember 1957) war nicht nur beinah gleichaltrig mit Agatha Christie, sie galt – wie Christie – als eine der herausragenden „British Crime Ladies“. Diesen Ruf begründete sie anhand ihrer scharfsinnigen Kriminalromane rund um den gediegenen Amateurdetektiv Lord Peter Wimsey. Gemeinsam mit Christie und einigen weiteren Autoren gründete Sayers 1932 den „Detection Club“, eine Vereinigung zur Förderung des klassischen Kriminalromans. Von 1949 bis 1957 war sie zudem Präsidentin dieses Clubs, dessen Mitglieder sich zur Einhaltung bestimmter Regeln verpflichteten, die vor allem der Fairness gegenüber dem Leser dienen sollten.

Schon im Jahre 1919 beschäftigte sie sich erstmals mit der Idee, einen Kriminalroman zu schreiben. Doch erst im Sommer des Jahres 1921 sollte sie ihn auch beenden. Dabei führte sie bis zum Schluss an ihrem Erstlingsroman Änderungen durch. So schrieb sie noch im Januar 1921 an ihre Mutter: „Mein Kriminalroman beginnt heiter mit dem Fund einer toten korpulenten Dame, die in einer Badewanne liegt und nichts trägt außer ihrem Kneifer.“ Gegenüber dieser Beschreibung gab es in der Endfassung des Romans eine entscheidende Veränderung…

Mr. Thipps ist entsetzt: In seinem Badezimmer liegt ein toter Mann in der Wanne. Und wäre dieser Umstand nicht schon skandalös genug, so ist der Tote mit nichts als einem Kneifer „bekleidet“. Lord Peter Wimsey ist entzückt: Im Badezimmer des kleinen, unbedeutenden Architekten Mr. Thipps befindet sich ein toter Mann. Und wäre dieser Umstand nicht schon pikant genug, so ist der Tote mit nichts als einem Kneifer „bekleidet“. In welcher Art und Weise eine Situation wahrgenommen wird, ist somit davon abhängig, aus welcher Perspektive sie betrachtet wird. Mr. Thipps Perspektive ist denkbar ungünstig: Für den ermittelnden Inspektor Sugg ist Thipps der Hauptverdächtige und gehört in Untersuchungshaft. Aus Lord Peter Wimseys Perspektive betrachtet, ist Inspektor Sugg ein inkompetenter Vollidiot, dem es möglichst auszuweichen gilt. Vielmehr hält er sich an seinen alten Bekannten Charles Parker vom Scotland Yard, der sich gerade mit dem mysteriösen Verschwinden eines wohlhabenden Geschäftsmannes beschäftigt. Beide beschließen, ihre Kompetenzen zu bündeln. Zusammen mit Wimseys Diener Bunter und dessen Talent für Forensik, versuchen sie so gemeinsam beide Fälle zu lösen. Aber sind es denn auch wirklich zwei ganz und gar unterschiedliche Fälle?

Wenn ich mir einen Vergleich erlauben darf (Und wir Leser*innen lieben doch Vergleiche, oder?), dann würde ich diesen Kriminalroman als „Agatha Christie trifft P.G. Wodehouse“ beschreiben. Sayers Stil ist eindeutig britisch-klassisch und erinnert so zwangsläufig an ihre Wegbegleiterin Agatha Christie. Dies scheint wenig verwunderlich, da die beiden Damen sich sicherlich gegenseitig beraten, ausgetauscht, wenn nicht sogar inspiriert haben. Neu sind hierbei das galante Fabulieren und die scharfzüngigen Kommentare zwischen Wimsey und seinem Diener, was Wodehouse mit seinen „Jeeves“-Geschichten bis zur Perfektion trieb. Leider nimmt das humoristische Geplänkel hierbei anfangs etwas überhand und lenkt somit vom eigentlichen Kriminalfall ab. Auch wirken einige Personen in ihrer Charakterisierung beinah wie Karikaturen: Da gibt es den tumben Inspektor, den plietsche Diener, und für den affektierten Hauptdarsteller scheint das Kriminalisieren nur eine nette Zerstreuung, um die Zeit zwischen Pferderennen und Lunch im Club zu überbrücken. Bis dahin erschien mir diese Art der Porträtierung des Handlungspersonals für einen Krimi auf Dauer zu oberflächlich.

Ich war kurz davor, das Buch unbeendet aus der Hand zu legen, als die Handlung plötzlich an Fahrt aufnahm und die Atmosphäre sich veränderte. Zeigte sich der Hauptdarsteller bisher mit durchaus unterhaltsamen aber auch trivial anmutenden Allüren, wandelte er sich nun zum mitfühlenden Wesen, dem bewusst wird, welche Verantwortung er für die Betroffenen bei der Auflösung des Falls trägt. Zudem lässt Sayers Situationen in die Handlung einfließen, die das Verhältnis zwischen Wimsey und seinem Diener Bunter in einem gänzlich neuen Licht erscheinen lässt. So wird aus dem aristokratischen Schnösel zu meiner Überraschung ein vielschichtiger Charakter mit Tiefe, bei dem ich gerne mehr von seinen verborgenen Seiten erspähen möchte. Auch die Dialoge zwischen Wimsey und Parker gestaltete die Autorin äußerst raffiniert und informativ: Hier begegnen sich zwei Spürnasen auf Augenhöhe unabhängig von Klassenunterschiede.

Schon ab der Mitte des Romans zeichnet sich ab, wer der Täter ist, und dieser Verdacht wird am Ende auch bestätigt. Im Vordergrund dieses Romans steht somit nicht das Vergnügen des Lesers, gemeinsam mit den Kriminologen dem Täter auf die Spur zu kommen und ihn in einem großen Showdown zu überführen. Vielmehr taucht der Leser in die Psychologie des Mörders ein, um so seine Beweggründe für die Tat nachzuvollziehen, und begleitet die Ermittler in ihrem Bemühen, dem Täter eben diese Tat nachzuweisen.

Dank der von mir soeben beschriebenen Wendung in der Handlung bin ich gerne bereit, dem ehrwürdigen Lord Peter Wimsey eine weitere Chance zu gewähren.

Im Jahre 2009 nahm die Zeitung „The Guardian“ diesen Kriminalromane in ihre „Liste der tausend Romane, die jeder gelesen haben sollte“ auf.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezensionen von Rainer Moritz vom Literaturhaus Hamburg.


erschienen bei Wunderlich/ ISBN: 978-3805200585

[Rezension] Agatha Christie – Vorhang: Poirots letzter Fall

Alt, krank und gebrechlich kehrt Meisterdetektiv Hercule Poirot an den Ort seines ersten Triumphes zurück: Auf dem Landsitz Styles verbringt er seine letzten Tage – nicht aus Sentimentalität sondern um einem perfiden Mörder das Handwerk zu legen. Unter den Anwesenden vermutet er einen Psychopathen, der nie selbst Hand anlegte, dafür aber schon häufig andere Menschen durch geschickte Manipulation zum Morden verleitete. Doch hinter welcher, der scheinbar harmlos wirkenden Fassaden der Anwesenden, verbirgt sich ein perfider Verbrecher? Poirot bittet seinen langjährigen Freund Captain Hastings, ihn zu unterstützen: Hastings soll als Poirots Augen und Ohren fungiert. Doch trotz Hastings Wachsamkeit geschieht ein weiteres Unglück, und selbst Hastings ist vor dem Einfluss des Mörders nicht gefeit. Der Tod seiner Frau und die Anwesenheit seiner Tochter Judith lösen ambivalente Gefühle bei ihm aus. Hercule weiß, dass er schnell handeln muss: Seine kleinen grauen Zellen arbeiten nach wie vor brillant, doch sein Körper wird zunehmend schwächer. Er stirbt und hinterlässt eine überraschende Lösung des Falls…!

„Vorhang: Poirots letzter Fall“ ist der 33. und letzte Krimi mit dem belgischen Meisterdetektiv und gleichzeitig auch der letzte Roman, der zu Lebzeiten Agatha Christies erscheinen sollte. Mit Poirot und Styles begann und endete ihre sagenhafte Karriere: Kreise schließen sich! Kurioserweise war dies aber nicht der letzte Roman, den sie geschrieben hatte: Das Manuskript zu „Vorhang“ lag über 30 Jahre im Tresor der Bank und war so etwas wie Christies Rücklage für schlechte Zeiten. Da der Roman im Jahre 1975 erschien, entstand das Manuskript somit in den 40er Jahren. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache empfinde ich es umso erstaunlicher, mit welcher Raffinesse Christie diese Geschichte aufbaute: Einerseits lässt sie den Leser die Handlung – nach klassischer Manier – stellvertretend durch die Person Arthur Hastings erleben und lässt beide, Hastings und den Leser, bis zum Schluss im Dunkeln tappen. Andererseits erfährt der Leser prägnante Einzelheiten durch die schriftlichen Aufzeichnungen von Hercule Poirot.

Zudem überraschte Christie gerne ihre Leser*innen, indem sie in ihren Romanen heikle Themen ansprach: So folgte ich als Leser einer konträr geführten Diskussion zwischen Captain Hastings und seiner Tochter Judith, bei der ich mich fragte, ob hier noch über Sterbehilfe oder schon über Euthanasie gesprochen wird. Häufig wurde der Autorin Antisemitismus vorgeworfen: Agatha Christie war ein Kind ihrer Zeit, nahm gesellschaftliche Ströme wahr, und so sind ihre Werke im historische Kontext der damaligen Epoche zu bewerten. Ich selbst habe schon viele ihrer Werke gelesen, empfand diese nie als rassistisch und hatte dabei eher den Eindruck, dass Christie bestimmten Personen der Handlung provokante Thesen in den Mund legte, um so ihrer Leserschaft und somit der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Dies ist selbstverständlich meine persönliche Interpretation, und eine Interpretation kann sowohl zu der einen wie auch zur anderen Richtung tendieren: Wer sucht wird finden!

In der gewohnten und von ihr perfektionierten „Whodunit“-Manier erfreut die Autorin auch bei diesem Roman mit einem spannenden Plot und interessanten Charakteren. Gleichzeitig schwingt Melancholie und ein Hauch Vergänglichkeit durch die Szenerie: Alle Personen sind an einem Scheideweg angelangt, blicken auf ihr bisheriges Leben zurück, hadern mit sich und ihrer momentanen Situation und sind unentschlossen, was die Zukunft ihnen bringen mag. Nur für den großen Meisterdetektiv wird es keine Zukunft mehr geben.

Ich gebe zu, dass mir beim Tod von Poirot – und als ich seine letzten Zeilen las – eine Träne über die Wange rann: „Es waren gute Zeiten. Ja, es war eine gute Zeit…“

Ja, das war sie – definitiv!

Nachruf Hercule Poirot - New Yorker Times.jpg

Hercule Poirot war bisher der einzige fiktive Charakter, der nach Erscheinen seines letzten Falls einen Nachruf in der „New York Times“ erhielt – auf der Titel-Seite!!!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455008722

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Zeugin der Anklage/ Erzählung und Theaterstück im Vergleich

Leonard Vole steht vor Gericht. Er wird beschuldigt, eine wohlhabende Witwe aus Habgier ermordet zu haben. Alle Beweise sprechen gegen ihn, doch er beteuert eisern seine Unschuld. Seine einzige Chance, dem Strick zu entgehen, ist die Aussage seiner Frau Romaine, die sein Alibi bestätigen soll. Doch seine Frau liefert ihn eiskalt ans Messer und fungiert als Zeugin der Anklage. Der Verteidiger Sir Wilfrid Robarts zweifelt an der Aussage der Ehefrau und kann Beweise vorlegen, die ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellt. Immer mehr und mehr verstrickt sie sich in Widersprüche. Leonard Vole wird freigesprochen. Doch wer war nun der Täter…?

Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? Im vorliegenden Fall gab es zuerst die Kurzgeschichte, und erst Jahrzehnte später entstand daraus die Bühnenfassung. Im Jahre 1925 erscheint die Erzählung unter dem Titel „Traitor’s Hands“ (dt.: Die Hände der Verräterin) erstmals in der britischen Zeitschrift „Flynn’s“. In den 30er und 40er Jahren folgen unter dem heute bekannten Titel „Witness for the Prosecution“ in Großbritannien und den Vereinigten Staaten einige Wiederveröffentlichungen. Erst im Jahre 1953 wird das Werk zum Theaterstück umgearbeitet, wobei der Schluss seine bühnenwirksame Veränderung erfährt.

Die Erzählung wirkt – mit nur 24 Seiten Umfang – eher „schmalbrüstig“. Zwar sind alle wichtigen Handlungspersonen (wenn auch zum Teil unter einem anderen Namen als im Theaterstück) vertreten, und auch die elementaren Handlungsstränge werden erwähnt. Doch ist eine Entwicklung der Figuren schwer möglich, da die jeweiligen Beweggründe nur unzureichend beleuchtet werden können. Dies ist dem ursprünglichen Format der Veröffentlichung geschuldet: Da das Werk als nettes Geschichtchen in einer Zeitschrift erschien, war seinem Umfang entsprechend Grenzen gesetzt.

Wie bei einem Theatertext üblich sind hier sowohl Beschreibungen des Setting wie auch von Personen und deren Reaktionen auf ein Minimum reduziert. Vielmehr wird hier auch nicht benötigt: Schließlich entsteht aus einer „schnöden“ Textvorlage erst durch die Kunst aller Theaterschaffenden eine packende Inszenierung für die Bühne (…oder – wie in meinem Fall – vor dem inneren Auge des Lesers). Somit liegt der Schwerpunkt auf die Dialoge. Wie schon in ihren Romanen liefert Christie auch hier versierte Dialoge, die die handelnden Personen treffend charakterisieren und Spannung erzeugen. Dabei ist die Kunst des Schauspiels extrem gefordert: So spielt bei den Dialogen der s.g. „Untertext“ eine immense Bedeutung bei der Aussage. Nicht „was“ gesagt wird ist von Bedeutung sondern „wie“ es gesagt wird und drückt somit unausgesprochene Gefühle, Gedanken und Meinungen der Personen aus.

Das Stück bietet für die drei Hauptrollen ein immenses Potential zur Entfaltung:

  • Leonard Vole: jung, gutaussehend, sympathisch, naiv, wirkt hilflos, mit der Situation überfordert.
  • Romaine Heilger: geheimnisvolle Ausländerin, intelligent, wirkt gefühlskalt und berechnend, innerlich leidenschaftlich.
  • Sir Wilfrid Robarts: versierter Rechtsanwalt, kluger Stratege, sehr erfahren, hat trotzdem Ideale.

Mit den Nebenrollen sorgt Christie für eine humorvolle Auflockerung der eher dramatischen Handlung, um die aufgestaute Spannung beim Publikum zu lösen. Sie lässt die Zuschauer kurz „von der Leine“, um diese im nächsten Moment wieder anzuziehen und die Zuschauer wieder an die Kandare zu nehmen. Hier beweist sich Christies enormes Talent, Geschichten so zu kreieren und die Handlung so geschickt aufzubauen, dass die ständige Aufmerksamkeit des Publikums ihr gewiss ist.

Wie bereits erwähnt wurde das Ende beim Theaterstück gegenüber der Erzählung verändert: Die Erzählung endet mit dem Geständnis von Romain, dass sie über die tatsächlichen Umstände des Mordes informiert war. Das Theaterstück endet deutlich spektakulärer und (passenderweise) theatralischer. Es war früher Gang und Gebe, dass zu einer Erstaufführung eines Stückes Textbücher gedruckt wurden. Diese konnten vom Publikum käuflich erworben werden: Vor dem Theaterbesuch dienten sie zur Vorbereitung auf das Stück und hinterher fungierten sie als Souvenir. Bei „Witness for the Prosecution“ untersagte Agatha Christie das Abdrucken des neuen Endes, um das Publikum nicht um den Überraschungsmoment zu betrügen.

Die Verfilmung aus dem Jahre 1957 glänzt mit einer exzellenten Besetzung: Charles Laughton, Marlene Dietrich und Tyrone Power liefern gemeinsam mit dem restlichen Cast unter der genialen Regie von Billy Wilder Schauspielkunst vom Feinsten. Dagegen wirkt – trotz sexueller Komponente – die Neu-Verfilmung aus dem Jahre 2016 eher farblos und spannungsarm.

Dieses Werk gilt – nach „Die Mausefalle“ – als eines der erfolgreichsten Stücke aus der Feder von Agatha Christie und wird weiterhin gerne auch an deutschen Bühnen von München (2016: Blutenburg Theater) und Berlin (2005: Berliner Kriminal Theater) bis Hamburg (2017: Imperial Theater) inszeniert. Bis zur Schließung aller Theater aufgrund der Corona-Pandemie wurde das Stück äußerst erfolgreich im alten Gerichtssaal der ehrwürdigen London County Hall aufgeführt: Gibt es eine passendere Kulisse für dieses packende Werk?!

Habe ich Eure Neugierde geweckt? Dann greift bitte zum Theatertext. Die Erzählung kann hierbei getrost (Mrs. Christie, ich bitte um Verzeihung!) außer Acht gelassen werden!


Die Erzählung ist zurzeit nur antiquarisch zu erwerben und im Laufe der Jahre in div. Verlagen erschienen, z. Bsp. bei Diogenes/ ISBN: 978-3257208269 oder bei Fischer/ ISBN: 978-3596174621.

Das Theaterstück wird aktuell bei Felix Bloch Erben: Verlag für Bühne, Film und Funk verlegt. Die mir vorliegende Text-Fassung ist in der DDR im Jahre 1971 im Henschel-Verlag erschienen.

[Rezension] Jeff Cohen – Eine Leiche riskiert Kopf und Kragen

Samuel Hoenig ist der felsenfesten Überzeugung, dass die Menschheit nur auf seine neugegründete Agentur „Fragen Beantworten“ gewartet hat. Schließlich hat jeder Mensch hin und wieder eine Frage, die es effizient und logisch zu beantworten gilt, und darin ist Samuel ein wahrer Meister. In vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens ist er eher überfordert und neigt zu Fehleinschätzungen. Als Asperger-Autist liegen seine Kernkompetenzen eben nicht im zwischenmenschlichen Bereich. Da kommt ihm die Unterstützung von Janet Washburn gerade recht, die der Zufall in sein Büro geweht zu haben scheint, und die er kurzerhand als seine Partnerin/Assistentin rekrutiert. Aber auf die Verlässlichkeit vom „Zufall“ verlässt sich Samuel nicht, besonders nicht beim Beantworten der Frage „Wo ist der Kopf von Mrs. Masters-Powell?“, die Dr. Marschall Ackerman ihm stellt. Als Direktor eines Instituts, das sich mit Kryonik beschäftigt, war ihm bedauerlicherweise der tiefgefrorene Kopf eines „Gastes“ abhanden gekommen. Bei einem Ortstermin stolpern Samuel und Janet zudem über die Leiche einer beim Institut angestellten Ärztin und finden sich unversehens zwischen einem inkompetenten Detective, dem ruppigen Sicherheits-Chef, der neugierigen Science-Bloggerin und den aufgebrachten Familienangehörigen von Mrs. Masters-Powell wieder. Da heißt es umso mehr, einen kühlen Kopf zu bewahren, um nicht ebendiesen zu verlieren…!

„Spezielle“ Ermittler scheinen seit einiger Zeit sehr „en Vogue“: So flimmerte ab 2002 Tony Shalhoub als neurotischer Adrian Monk über unsere Bildschirme, und auch der deutsche Autor Gil Ribeiro (alias Holger Karsten Schmidt) schickte 2017 mit Lost in Fuseta einen Ermittler mit Asperger-Syndrom ins literarische Rennen.

Bei allen genannten Darstellungen wird der Betroffene nie als Witzfigur oder Freak bloßgestellt, und auch zum Mitleid besteht hier keinen Grund. Gerade diese Andersartigkeit, die oftmals gepaart ist mit einem extrem logischen Geist, macht diesen Ermittler-Typ so einzigartig und vielschichtig.

Ebendies ist Autor Jeff Cohen auch mit der Figur des Samuel Hoenig gelungen. Dadurch, dass er sich nicht von menschlichen Empfindungen, verbalen Floskeln und gesellschaftlichen Konventionen ablenken lässt, arbeitet er äußerst effizient. Damit er nicht in peinliche Fallen tappt, die das zwischenmenschliche Miteinander so mit sich bringen, etabliert Cohen mit der empathischen Janet Washburn eine Figur, die einerseits als attraktiver Sidekick für Hoenig fungiert, andererseits mit einer eigenen Geschichte, die sicherlich Potenzial für weitere (auch zwischenmenschliche) Verwicklungen in sich birgt, ausgestattet wurde.

Seine Erfahrungen als Drehbuchautor kommen auch diesem Krimi zugute: Die Handlung gewinnt mehr und mehr an Fahrt, Verwicklungen nehmen zu, und jede/r erscheint irgendwie verdächtig. Zudem spielt Cohen unterhaltsam mit Klischees, die wir aus bekannten TV-Serien kennen und lieben. Zudem gelingt ihm das Kunststück, den „Behinderten“ zwischen all den „Nichtbehinderten“ mit ihren Allüren, Ängsten und Geheimnissen erfreulich „normal“ erscheinen zu lassen und gönnt dieser Figur den nötigen Raum zur Entwicklung.

Alles in allem ist dem Autor ein witziger und kurzweiliger Krimi für entspannte Lesestunden geglückt: Manchmal braucht es aber auch nicht mehr!


erschienen bei Blanvalet/ ISBN: 978-3734103490

[Rezension] Colin Cotterill – Dr. Siri und der verschwundene Mönch

Der Kommunismus ist nicht „die beste aller möglichen Welten“!

…diese Erfahrung musste Dr. Siri leider schon viel zu häufig machen. Gesunder Menschenverstand ist ihm Rahmen eines kommunistischen Regimes weder gefragt noch gern gesehen. So eckt er auch diesmal wieder empfindlich an. Aus der „illegalen Aufnahmeeinrichtung für ein kleines Heer von Obdachlosen“, wie er liebevoll das gemeinsame Heim von sich und seiner Frau Madame Daeng nennt, verschwindet ein Gast: Der bisher sehr sesshafte Wandermönch Noo ergreift überraschend die Flucht und hinterlässt nur eine kurze Nachricht, in der er Dr. Siri bittet, einem anderen Mönch bei der Flucht über den Mekong zu helfen. Dr. Siri wäre nicht Dr. Siri würde er nicht gerne diese Herausforderung annehmen. So begleitet er gemeinsam mit Frau und Hund diesen Mönch nach Thailand, um mit Entsetzen festzustellen, dass dort unter dem Deckmantel der Religion furchtbare Verbrechen begangen werden…!

Colin Cotterill ist bisher das Kunststück gelungen, mit „Dr. Siri“ eine Krimi-Reihe auf konstant hohem Niveau zu etablieren, ohne im Laufe der Jahre zu schwächeln, die Handlungen abzuflachen oder eine liebevolle Zeichnung der Figuren zu vernachlässigen. Dabei bleibt er seinem ironisch-witzigen Ton treu und erfreut mit spritzigen Dialogen und augenzwinkernden Seitenhiebe auf das politische System. Und so tummeln sich in dieser Handlung wieder eine wilde Mischung aus Kommunisten, Mönche, Mörder sowie weiteren Figuren rund um Glaube und Aberglaube.

Cotterill lässt die verschiedenen Handlungsstränge ebenbürtig nebeneinander laufen, nur um sie dann geschickt miteinander zu verknüpfen. Scheinbar Belangloses erhält später in der Handlung mehr Gewicht. Zudem schöpft er den Charme dieser Krimi-Reihe aus dem Reiz des exotischen Umfelds von Laos ebenso, wie aus den für westliche Augen skurril wirkenden Verhältnissen des Kommunismus der 70er Jahre.

Mit Dr. Siri wurde eine Persönlichkeit geschaffen, die über eine gehörige Portion an Lebenserfahrung in Kombination eines gehobenen Alters verfügt: Er muss sich keine Gedanken mehr über mögliche Konsequenzen seines Tuns machen. Schließlich unterstützt und schützt ihn der Geist eines alten und weisen Schamanen in seinem Handeln. Welches wirksame Druckmittel könnte die Regierung da gegen ihn in der Hand haben? Trotz eines starken Leading-Man kommen die anderen Charaktere nicht zu kurz und erhalten vom Autor erfreulicherweise ebenso die Möglichkeit der Weiterentwicklung.

So hoffe ich auf möglichst viele weitere unterhaltsame Fälle mit Dr. Siri und seinen Freunden aus dem Dies- und Jenseits.


erschienen bei Goldmann/ ISBN: 978-3442315239

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Georges Simenon – Weihnachten in Paris

„Vielleicht gibt es Paris überhaupt nicht,
und es ist nur eine Erfindung von Simenon.“
The New York Times

Beinah könnte ein Leser, der noch nie leibhaftig in Paris war, tatsächlich den Eindruck gewinnen, diese Stadt wäre der Phantasie eines genialen Kopfes entsprungen.

Simenons „Weihnachten in Paris“: Das ist weit entfernt von „Heile Welt“, romantischen Gassen und sonstigen Weihnachtskitsch. Zwei Erzählungen vereinen sich in diesem Band und unterhalten den Leser. Wobei die Unterhaltung nicht luftig-locker-leicht hereinschneit, sondern sehr dramatisch und brutal ehrlich auftritt. Und doch erzählen beide Geschichten jeweils von kleinen Wundern zur Weihnachtszeit.

Beginnen möchte ich gerne mit der zweiten, kleineren Erzählung: Bei „Das kleine Restaurant bei der Place des Ternes“ brauchte ich meine Zeit, um die Beweggründe der handelnden Personen zu begreifen. Weihnachten ist die Zeit, in der die meisten Selbstmorde in Paris passieren. Zwei Frauen, die sich vorher anscheinend nicht kannten, werden unfreiwillig Zeuge eines jenes Selbstmordes. Dieses Ereignis veranlasst die ältere der beiden Frauen, die seit einigen Jahren als Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdingt, Einfluss auf den Verlauf des weiteren Abends zu nehmen, um der Jüngeren ein ähnliches Schicksal zu ersparen. Dabei erscheint Simenons Heldin alles andere als heldinnenhaft: Mit ihrem schnoddrig-ordinären Auftreten pfeift sie hemmungslos auf gängige Konventionen.

Simenon erzählt äußerst dicht und detailreich. In der Erzählung „Sieben Kreuzchen in einem Notizbuch“ schafft er eine beinah intime Atmosphäre, indem er die Handlung in nur einem Raum spielen lässt. In der Schaltzentrale der Polizei laufen alle Fäden zusammen. Auf einem Stadtplan blinken Lämpchen auf, wenn irgendwo in Paris an einer Notrufsäule Alarm geschlagen wird. Plötzlich blinken Lämpchen für Lämpchen auf, und die Inspektoren ahnen, dass hier wieder der Serienmörder zuschlägt, der schon seit Wochen die Polizei in Atem hält. Nun wird an der einen Notrufsäule das blutbeschmierte Taschentuch eines Kindes gefunden, und der Fall entwickelt sich in eine gänzlich neue und überraschende Richtung…!

Wäre ich schon ein Simenon-Experte, würde ich vollmundig behaupten, mit dieser Erzählung erlebt der Leser „Simenon at his best“. Ich bin kein Simenon-Experte, aber durchaus in der Lage, eine exzellente Geschichte zu erkennen: Hier ist eine solche…!!! Diese Geschichte habe ich, ohne eine einzige Pause, ohne ein einziges Mal das Buch abzusetzen, gelesen. Seite für Seite steigerte sich die (An-)Spannung bis zum erlösenden Schluss, bei dem mir vor Erleichterung Tränen über die Wangen rannen. Kammerspielartig hat der Autor die Geschichte aufgebaut. Nur durch die Dialoge des Handlungspersonals erfährt der Leser Einzelheiten, die sich außerhalb des Raumes abspielen.

Schonungslos erzählt Simenon vom Leben der kleinen Leute von Paris, von ihren Überlebenskämpfen und Niederlagen, von ihren kleinen Glücksmomenten, die ja so selten und somit umso flüchtiger sind. Grandiose Erzählkunst!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311134305

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Rex Stout – Zyankali vom Weihnachtsmann: Ein Fall für Nero Wolfe

„Au, weia, jetzt habe ich es wohl zu toll getrieben! Aber woher sollte ich ahnen, dass dieser kleine Streich solche weitreichenden Folgen nach sich zieht: Ich dachte, ich erweise der reizenden Margot Dickey nur einen klitzekleinen Gefallen, wenn ich ein gefälschtes Heiratsaufgebot mit ihrem und meinem Namen auf ebenjenen Formular besorge. Margot wollte ihren Chef Kurt Bottweil aus der Reserve locken, damit er ihr endlich einen Heiratsantrag macht. Und ich hatte mein perfides Vergnügen daran, meinem Boss Nero Wolfe die frohe Kunde unter die Nase zu reiben, dass bald ein weibliches Wesen durch sein Heim schweben könnte. Doch nun sank Kurt Bottweiler während einer Weihnachtsfeier in seinem Atelier zyankali-vergiftet zu Boden, und der barkeepende Weihnachtsmann hinter dem Tresen verschwand inkognito und hinterließ nur seine äußere Hülle sprich sein Weihnachtsmann-Kostüm. Ich kann nur hoffen, dass Wolfe mir diesen kleinen Streich verzeiht und mir aus der Klemme hilft. Ansonsten sieht es auch für einen Archie Goodwin düster aus…!“

Auch ein Rex Stout blieb von einem Weihnachtskrimi nicht verschont. Wobei das „Fest der Liebe“ schon so einige seiner Kolleg*innen animiert hat, so gänzlich unfestliche wie wenig liebevolle Verbrechen an den Feiertagen zu begehen – zu mindestens auf dem Papier.

In diesem Fall rasseln Stouts Helden in gewohnt kurzweiliger Manier aneinander und bieten sich ein Kräftemessen, bei dem Archie Goodwin diesmal den Kürzeren zieht. Wobei fairerweise erwähnt werden muss, dass Nero Wolfe nicht ganz mit offenen Karten spielt. Ihr merkt schon, meine kryptischen Worte sollen Eure Neugier schüren und Euch veranlassen, diese kleine Geschichte selbst zu lesen.

Apropos klein: Dieses Büchlein ist eine kleine, wenn auch charmante Mogelpackung. So handelt es sich hier um eine Novelle von 112-seitigem Umfang. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass diese im Jahre 1957 ursprünglich im Magazin „Collier’s“ erschienen ist und danach im Laufe der Jahrzehnte eine kleine Rundreise durch einige Anthologien mit Krimi-Erzählungen machte. Das dieses, mir vorliegende Büchlein nun doch eine gewisse Dicke aufweist, ist einerseits der Verwendung dickeren Papiers geschuldet, andererseits dem 23 Seiten starken Nachwort von Franz Dobler zu verdanken.

Mit der Zugabe dieser Ingredienzien wurde dieses kurzweilige Geschichtchen auf Roman-Optik „aufgebläht“. Diesen Umstand verzeihe ich dem Verlag aber gerne: Auch diese Wieder-Veröffentlichung und Neu-Übersetzung gefällt im ansprechenden Leineneinband mit dem typischen „Nero Wolfe“-Retro Look. Das Nachwort in „24 Shots“ ist so wunderbar ironisch-humorvoll, trifft gekonnt den Ton der Geschichte und offenbart dem Leser so manche Anekdote aus dem Stoutschen Kosmos,…

…und Länge ist nicht alles: Manchmal ist weniger mehr!


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608964110

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Brian Flynn – Die Morde von Mapleton

Familie, Freund und Feind haben sich auf Einladung von Sir Eustace Vernon auf seinem Anwesend versammelt, um gemeinsam Heiligabend zu feiern. Während des Festdinners erhält er jedoch eine dubiose Nachricht, die ihm veranlasst, die Gesellschaft eilig zu verlassen. Einige Stunden später werden die Gäste durch einen Schrei aufgescheucht: ein Unbekannter ist in das Arbeitszimmer von Sir Eustace eingedrungen, und der Butler wird ermordet aufgefunden. Was niemand zu diesem Zeitpunkt ahnt ist, dass die Leiche von Sir Eustace einige Kilometer entfernt an einem Bahnübergang auf den Gleisen durch Zufall vom Polizeipräsidenten höchstpersönlich Sir Austin Kemble und dem äußerst talentierten Privatdetektiv Anthony Bathurst aufgefunden wurde. Zusammen mit Inspector Craig vom ortsansässigen Polizeirevier nehmen sie die Ermittlungen auf und stolpern über Ungereimtheiten, Widersprüche und Geheimnisse der Gäste, die sich wünschten, dass diese lieber im Dunklen verborgen blieben…!

Seit einiger Zeit gräbt der Dumont Verlag alte Schätze aus der goldenen Ära des britischen Krimis wieder aus und serviert sie in einer äußerst ansprechenden Optik den Krimi-Freunden. In diesem Fall handelt es sich um den im Jahre 1929 erschienenen ersten Roman um den gewieften Ermittler Anthony Brathurst.

Das Alter merkt der Leser diesem Krimi durchaus an: So ist der Roman ein Zeugnis seiner Zeit in Bezug auf die Geschlechterrollen, der Hierarchie innerhalb der Polizei und dem gesellschaftlichen Gefüge. Einige Dialoge muten aus heutiger Sicht etwas „geziert“ – wenn nicht sogar „spröde“ – an, versprühen fraglos ihren speziellen Charme und entlockten mir so manches Mal ein Schmunzeln.

Autor Brian Flynn hält sich nicht mit einer umfangreichen Personenbeschreibung auf, vielmehr überlässt er es der Phantasie des Lesers, aus den Dialogen und Reaktionen der Protagonisten ein Bild der jeweiligen Person vor dem inneren Auge zu kreieren. Leider entschlüpft ihm hin und wieder doch ein Detail: Hatte ich mir Anthony Brathurst schon als Mann in den besten Jahren und mit einer gewissen Reife vorgestellt, platzte diese Vorstellung wie eine Seifenblase, da der Autor nach ca. ¾ des Romans sich genötigt sah, auf dessen junges Alter (ohne eine genaue Anzahl an Jahren zu nennen) hinzuweisen. Ich weiß nicht wie es anderen Leser*innen geht: Aber je nachdem, wie ich die Rollen innerhalb eines Romans skizziere, erhalten die Personen vor meinem inneren Auge eine eigene Dynamik.

Dafür versteht es der Autor geschickt, falsche Fährten zu legen und den Leser mit allerlei Details zu verwirren.

„Die Morde von Mapelton“ ist nicht der große, brilliante Wurf, dafür eine nostalgische und durchaus kurzweilige Krimi-Unterhaltung für die Feiertage.


erschienen bei Dumont/ ISBN: 978-3832181062

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!