[Rezension] Gytha Lodge – Bis ihr sie findet

Vor 30 Jahren verschwand die 13-jährige Aurora Jackson spurlos während eines Campingausflugs mit ihrer älteren Schwester Topaz und deren angesagter Clique. Nun werden ihre Überreste zusammen mit Drogen in einer Erdhöhle in der Nähe des Platzes, wo die Jugendlichen damals gezeltet haben, gefunden. Detectiv Chief Inspector Jonah Sheens nimmt mit seinem Team die Ermittlungen wieder auf, durchleuchten die damaligen Aussagen der Beteiligten und vergleicht diese mit ihren heutigen Aussagen. Jeder und jede scheint etwas zu verbergen: Ermittler nicht ausgenommen! Langsam bröckelt der Wall aus Angst, Lügen und Heimlichkeiten, und es formt sich ein Bild dieser verhängnisvollen Nacht vor 30 Jahren, in der Aurora sterben musste…!

Gytha Lodge erfindet mit ihrem ersten Krimi das Genre nicht neu, hat dafür aber einen spannenden Plot geliefert, der die Aufmerksamkeit der Leserschaft auf ein konstantes Niveau hält. In dieser klassischen „Whodunit“-Story mit der überschaubaren Anzahl Verdächtiger dirigiert sie die Gedanken der Leser*innen geschickt in immer neue Richtungen, nur um mit einer unvorhersehbaren Wendung den Verdacht wieder auf eine andere Person zu lenken. Im Laufe der Lektüre hatte ich so jede und jeden – von Auroras Schwester Topaz über ihren damaligen Schwarm und jetzigen Ehemann bis zu DCI Jonah Sheens „himself“ in Verdacht. Wäre irgendwo aus dem Unterholz ein Gärtner gekrochen, hätte ich auch diesen verdächtigt (Der Mörder ist immer der Gärtner!).

Der Roman teilt sich in zwei Erzählebenen: In Rückblenden werden die Einzelheiten dieser schicksalshaften Nacht – vornehmlich aus Auroras Sicht – geschildert. Hier herrscht eine bedrohliche, düstere Stimmung vor. Besonders das Verhalten der einzelnen Mitglieder der Clique gegenüber Aurora zeigt viel von deren Alten Ego und offenbart neue, interessante Blickwinkel.

Die Gegenwart wird weitaus energischer geschildert und spiegelt die akribische Ermittlungsarbeit der Polizei wieder. Auch die häppchenweise dargebotenen Informationen zur möglichen Beteiligung der Ermittler bzw. zu deren Vergangenheit lassen diese Figuren durchaus zweidimensional erscheinen und schüren die Neugier, weitere Details zu erfahren. Lodge zeichnet eine glaubhafte Charakterisierung ihrer Protagonist*innen und versteht es nachvollziehbar, die sich verändernde Dynamik innerhalb der Schicksalsgemeinschaft dieser Menschen zu beschreiben. Der Verdacht, dass der Mörder von Aurora nur einer von ihnen sein kann, erschüttert das Vertrauen zueinander.

Jetzt haben wir es hier mit sechs privilegierten Jugendlichen (attraktiv, beliebt und umschwärmt) zu tun, die später zu ebenso privilegierten Erwachsenen (wohlhabend, erfolg- und einflussreich) heranreifen: Gähn! Wie langweilig! Doch im Laufe der weiteren Lektüre meinte ich zu erahnen, dass die Autorin ihre Protagonisten mit Bedacht gewählt hat. Der traumatische Verlust lässt die Mitglieder der Clique scheinbar enger zueinander rücken. Alle versuchen, mit dem Geschehenen (weiter-)leben zu können und kompensieren mit dem Streben nach Anerkennung das Gefühl von Schuld. Mit dem Auftauchen von Auroras Überresten bröckelt die Fassade des Establishments und hinter der selbstauferlegten Schutzmaske aus Schweigen, Lügen und Verleugnen kommen die hilflosen und unsicheren Kinder, die sie damals in Wirklichkeit waren und von denen heute immer noch ein Teil in ihnen steckt, zu Tage.

Der Mörder/ die Mörderin gibt sich alle erdenkliche Mühe, die Ermittler (und somit auch die Leser*innen) mit falschen Indizien in die Irre zu führen und mit Manipulation der Menschen in seinem/ ihrem Umfeld die eigenen schändlichen Taten zu verschleiern. Doch wer war nun der Mörder oder die Mörderin von Aurora? Die Auflösung überrascht, und ich verrate nur so viel: Der Gärtner war es nicht! 😉

Lust auf eine Zweit-Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meines Blogger-Kollegen Frank Wolf vom „reisswolfblog“.


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-3455006209

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Ben Aaronovitch – Der Oktobermann

Bisher habe ich um so genannte Spin-Offs erfolgreicher Werke des Verlagswesens einen großen Bogen gemacht: In diesem Fall klang die Rezension meiner geschätzten Blogger-Kollegin Andrea Schuster von „Lesen… in vollen Zügen“ zum englischen Original so positiv, dass ich mich habe verführen lassen. Und auch auf die Gefahr hin, dass Andrea mich haut und knufft und sonst wie bestraft: Meine Begeisterung zu diesem Krimi fällt leider etwas verhaltener aus!

Am Rande eines Weinberges bei Trier liegt eine Leiche, die sowohl höchst unschön wie auch ungewöhnlich von Kopf bis Fuß mit einem besonderen Fäulnispilz überwuchert ist, der üblicherweise bei der Weinveredelung eingesetzt wird und für den Menschen völlig ungefährlich ist. Üblicherweise…! Aber an diesem Fall scheint nichts „üblich“ zu sein, da eindeutig Magie im Spiel ist. So wird Ermittler Tobi Winter vom KDA, der Abteilung für Komplexe und diffuse Angelegenheiten des Bundeskriminalamts, mit diesem Fall betraut. Zusammen mit seiner Kollegin „vor Ort“ Vanessa Sommer, versucht er den Fall mit übersinnlicher Intuition und magischem Talent auf den Grund zu gehen. Dabei stoßen die Beiden auf einen gefährlichen, Jahrhunderte alten Zauber und machen die Bekanntschaft mit durchaus weltlichen Fluss-Göttinnen…!

Glücklicherweise stutzte Ben Aaronovitch die Begegnungen Tobi Winters mit den Fluss-Göttinnen auf ein zumutbares, dafür unterhaltsames Maß zusammen (bei „Die Flüsse von London“ war ihm dies nicht gelungen: s.a. meine Rezension) und verhindert dadurch langatmige Beschreibungen, die den Roman nur unnötig aufblähen.

Dafür gebührt ihm mein Lob, da er innerhalb des „Die Flüsse von London“-Kosmos für das Ermittler-Duo Sommer & Winter (…über diesen Witz scherzen selbst die Protagonisten!) eine eigenständige Erzählweise kreierte. Er schafft es, dass dieser Roman „deutsch“ klingt: Zum einen malt er ein stimmiges Bild des hiesigen Polizei-Beamten-Apparats, und beschreibt glaubhaft das Setting, in dem er geschickt Realität mit Fiktion vermischt. Sein Roman mutet wie einer der momentan beliebt-erfolgreichen Regionalkrimis an und könnte auch in einer filmischen Umsetzung als solide Sonntagabend-TV-Unterhaltung funktionieren.

Tja, mehr gibt es nicht zu berichten: gute, solide Krimi-Kost! „Solide“ ist auch so ein Wort, dass ich mit „deutsch“ verbinde. Mir scheint, dass die Mimikry eines britischen Autors an den heimischen Buchmarkt als gelungen betrachtet werden darf. 😉


erschienen bei dtv/ ISBN: 978-3423218054

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Tödlicher Irrtum

Vor 2 Jahren wurde Rachel Argyle in ihrem Haus ermordet. Alle Indizien sprachen für ihren Adoptivsohn Jacko als Täter, obwohl dieser immer wieder seine Unschuld beteuerte und auf ein Alibi verwies. Doch dieses Alibi konnte nicht bestätigt werden, und so stirbt er während der Inhaftierung an den Folgen einer schweren Lungenentzündung. Doch nun steht ein völlig Fremder vor der Familie und behauptet, eben dieses Alibi bestätigen zu können: Jackos Unschuld am Mord seiner Mutter wäre somit bewiesen. Doch Arthur Calgary, dem besagten Fremden, schlägt keine Erleichterung oder gar Dankbarkeit von Seiten der Familie entgegen – im Gegenteil: Wenn Jacko es nicht war, dann muss es einer der anderen Anwesenden gewesen sein. So belauern der Ehemann der Toten, die übrigen vier Adoptivkinder als auch die Hausangestellten sich misstrauisch gegenseitig: Wem kann man noch trauen…?

Wir haben es – Wie könnte es auch anders sein? – mit einem klassischen Christie zutun. Und trotzdem schafft sie es immer wieder mich aufs Neue zu überraschen, eröffnet sie ihren Leser*innen doch interessante Blickwinkel.

Häufig wird in Krimis die Persönlichkeit des Täters sehr detailliert beleuchtet, um so seine Beweggründe für die Tat zu verstehen. In diesem Krimi ist es zudem von Bedeutung, die Persönlichkeit des Opfers näher in Augenschein zu nehmen. Wir haben es hier mit einer äußerst wohlhabenden Frau zu tun, die, da sie nicht selbst in der Lage war, Kinder zu bekommen, sich ihre Kinderschar fröhlich „zusammenadoptierte“: Sie behütete und hegte diese Kinder bis ins Erwachsenenalter hinein, traf für sie immer die richtigen Entscheidungen und erschien so unfehlbar und übermächtig. Rachel Argyle wird als eine Art „perfekte Übermutter“ beschrieben, die sich zwar dem Respekt ihrer Kinder sicher sein konnte, aber auch ihrer Liebe…? Fällt es nicht eher schwer, die Perfektion zu lieben? Macht nicht erst das Unperfekte an einem Menschen diesen für einen anderen liebenswert?

Auf der anderen Seite haben wir fünf junge Menschen, die alle aus ähnlichen ärmlichen Verhältnissen stammen, eine vergleichbare Erziehung, die zwar durch eine übertriebene aber gutgemeinte Fürsorge geprägt war, genossen haben, und doch unterschiedlicher in ihren Persönlichkeiten nicht sein könnten. Welche Faktoren lassen einen Menschen zur Rechtschaffenheit oder zur Kriminalität tendieren? Christie stellt die interessante Frage, was mehr Einfluss auf die Entwicklung eines Menschen nimmt:  die Herkunft oder die Erziehung? Sie lässt diese Frage unbeantwortet, stößt beim Leser aber einen Denkprozess an und animiert ihn, einen Blick auf die Mitglieder der eigenen Familie zu werfen.

Und wieder verspüre ich eine Hochachtung für eine Autorin, die schon im Jahre 1958 (Erscheinungsjahr des Romans) sich in ihren Romanen traute, Themen der Soziologie anzusprechen. In den 50er Jahren war dies sicherlich nicht die gewohnt gefällige Lektüre zum „Five o’clock tea“…!

Zum Abschluss: Als Christie-Fan freue ich mich natürlich närrisch, dass die „Queen of Crime“ seit einigen Jahren eine feste Heimat beim Atlantik-Verlag gefunden hat, und dieser immer wieder mit Veröffentlichungen auch ihrer unbekannteren Werke das Fan-Herz erfreuen. Eine Veröffentlichung aller ihrer Werke als Hardcover wäre einer Offenbarung gleichgekommen. Doch auch für das Taschenbuch-Format bin ich dem Verlag schon sehr dankbar: Ich möchte weder ungerecht noch unverschämt erscheinen! 😉


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455006247

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Thomas Raab – Walter muss weg: Frau Huber ermittelt

Hannelore Huber ist glücklich: Nach 53 langen, freud- sowie trostlosen Ehejahren war ihr Gatte wenigstens so anständig in den Armen einer der Liebesdienerinnen aus dem heimischen Puff „Marianne“ abzunippeln. Wenigstens DAS hat er ihr erspart! Nun gilt es, das Begräbnis möglichst ohne Blessuren hinter sich zu bringen, und dann steht einem geruhsamen Rest-Leben nichts mehr im Weg. Sehr unangenehm, dass sich im Sarg ihres auf dem Höhepunkt seiner Manneskraft verblichenen Gatten eine falsche Leiche befindet. Der Bestatter selbst liegt dort äußerst unpassend im Satin, und von den sterblichen Überresten des alten Hubers fehlt jede Spur. Im kleinen Örtchen Glaubenthal ist es mit der ländlichen Idylle voller Friede, Freude, Eierkuchen erst mal Essig. Ebenso sauer stößt es Hannelore auf, dass sich aus diesem Grund der Beginn ihres harmonischen Rest-Lebens verzögert. Sie hat schon zu Lebzeiten den alten Huber ertragen müssen, da lässt sie sich von ihm nicht auch noch im Tod triezen. Eine Leiche fehlt? Dann muss eine Leiche eben wieder her! Frau Huber ermittelt…!

Ich stelle es mir ungefähr so vor:

Eines schönen Tages, als er so gar nichts anderes zu tun hatte, saß Thomas Raab bei einem Tässchen Tee und schaute verträumt aus dem Fenster in die Weite. Plötzlich stellt er sich folgende Frage: Was waren im Krimi-Genre bisher die gebräuchlichsten Indigrenzien, die einen Kriminalroman zum Erfolg geführt haben? Er stellte die Tasse zur Seite, griff sich flink Papier und Bleistift und notierte eine „Must Have“-Liste:

  • kauzige, ältere Frau als Laien-Ermittlerin
  • überschaubare Dorfgemeinschaft mit skurrilen Charakteren
  • dusselige Dorfpolizisten
  • niedliche Kinder
  • nervige Kinder
  • verschwindende und/oder auftauchende Leichen (wahlweise auch nur Teile von ebendiesen)
  • Klischees, Klischees, Klischees
  • Political Correctness: „Ach, geh weg mit so ’n Schmarrn!“
  • Sex, Crime & Action

…und was von dieser Liste taucht nun in meinem nächsten Krimi auf, fragte er sich und beantwortete diese Frage hurtig selbst: „Na, alles!“

Aber auch der Leser muss so einiges mitbringen, um diesen Krimi in seiner ganzen Pracht genießen zu können: Als Allererstes sollte er nicht alles allzu ernst nehmen. Auch wäre ein arg zartbesaitetes Gemüht eher hinderlich beim Genuss dieses Krimis. Ein ausreichendes Maß an Humor wäre auch hilfreich,…

…dann entdeckt der Leser mit Thomas Raab einen Sprachkünstler, der eine immense Freunde am Fabulieren hat und viel Wortwitz in seine Zeilen legt (…erstaunlich was er dem Doppelnamen „Unterberg-Sattler“ alles entlocken kann). Hier wird jedes Klischee hemmungslos und voller Genuss ausgewalzt. Raab scheut auch nicht vor Szenen voller Slapstick zurück. Seine Sprache ist schnoddrig, manchmal derb und voller Ironie. Der schwarze Humor lugt im kleinen Örtchen Glaubenthal um jede Häuserecke, versteckt sich hinter jeder Tanne.

Ich hoffe nur, er kann dieses Tempo auch beim zweiten Fall aufrechterhalten. Denn: Frau Huber ermittelt hoffentlich weiter…!!!


erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462050950

[Rezension] Agatha Christie – Hercule Poirot-Krimis

„Hercule Poirot trat aus dem Nebel hervor, nahm Gestalt an und bekam konkrete Züge. Und es steckte viel mehr in diesem kleinen Mann, als ich erwartet hatte.“ Agatha Christie

1920 löste Hercule Poirot in „Das fehlende Glied in der Kette“ seinen ersten literarischen Fall: Über 30 weitere Romane sowie Kurzgeschichten sollten folgen. Agatha Christie bereute es später, dass sie ihm schon zu Beginn ein so hohes Alter gegeben hatte und somit auf eine überschaubare Zeitspanne in ihren Romanen festgelegt war. Dies tat der steigenden Popularität von diesen besserwisserischen kleinen Mann keinen Abbruch…

Hercule Poirot (Belgier, nicht Franzose/ wie er immer wieder gerne betont) lebt als Privatdetektiv in London und ist, obwohl er eher klein von Statur, eine wahre Erscheinung. Dazu tragen besonders sein äußerst penibles Äußeres incl. Schnurbart sowie sein Hang zur Symmetrie bei. Seine Fälle löst er äußerst analytisch mit Hilfe seiner „kleinen, grauen Zellen“.


Mord im Orientexpress

…ist wohl der bekannteste Poirot-Fall dank einiger erfolgreicher filmischer Adaptionen. Ein Zug steckt  in einer Schneewehe fest, ein Mord geschieht, und es gibt gleich 12 Verdächtige: Interessant bei diesem Krimi ist – neben der Frage „Who done it?“ – der Handlungsaufbau.

Der Leser begleitet Hercule Poirot durch die einzelnen Verhöre und kann die Aussagen, wer sich wann an welchem Ort befunden hat, anhand der vorhandenen Skizze der Zugabteile nachvollziehen. Auch wer die Auflösung schon kennt, wird am geschickten Aufbau der Geschichte seine Freude haben.

Für mich ist „Mord im Orientexpress“ eine der besten Poirot-Romane, der in der britischen TV-Adaption mit David Suchet als Poirot eine würdige filmische Umsetzung fand.

erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455650013


Das Geheimnis von Greenshore Garden

…ist eine kleine Mogelpackung: Der Verlag versprach bei Erscheinen eine kleinen Sensation „Nach 60 Jahren wiederentdeckt!“. Es handelt es sich hierbei um eine Novelle, die Agatha Christie später überarbeitet und zu ihrem Roman „Wiedersehen mit Mrs Oliver“ erweitert hat.

Die bekannte Krimiautoren Ariadne Oliver wird gebeten eine Charade als amüsante Mörderjagd zu inszenieren. Dabei stößt sie auf manch Undurchsichtiges und bittet darum ihren Freund Hercule Poirot um Hilfe. Kaum ist dieser vor Ort, ereignet sich ein Mord…

Auch wenn der Roman deutlich detailreicher und atmosphärisch dichter ist, liest sich diese Novelle angenehm leicht und gibt einen guten Einblick über die Arbeitsmethode von Agatha Christie. Zudem legte sie die Rolle der erfolgreichen Autorin Ariadne Oliver nach ihrem Vorbild an und schuf mit dieser liebenswert-kauzigen und zerstreuten Figur einen amüsanten Gegenpol zum über-korrekten Hercule Poirot.

erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455650891


Das große Hercule-Poirot-Buch

…versammelt auf satte 460 Seiten die schönsten Kurzgeschichten mit dem brillanten belgischen Detektiv und bietet auch ein Wieder-Lesen mit seinem Freund Captain Hastings, Inspector Japp vom Scotland Yard und der eifrigen Sekretärin Miss Lemon.

Eine absolut kurzweilige Lektüre…!

erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455600322

[Rezension] Stuart Turton – Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

„Heute Abend wird jemand ermordet werden. Es wird nicht wie ein Mord aussehen, und man wird den Mörder daher nicht fassen. Bereinigen Sie dieses Unrecht, und ich zeige Ihnen den Weg hinaus.“ steht in der Nachricht, die ein geheimnisvoller Unbekannter Aiden Bishop zukommen lässt. Auf dem Anwesen Blackheath der Familie Hardcastle wird ein Maskenball zu Ehren der Verlobung von Evelyn Hardcastle, der Tochter des Hauses, mit dem äußerst wohlhabenden und deutlich älteren Lord Cecil Ravencourt vorbereitet, und eben an diesem Abend geschieht ein Selbstmord, der keiner zu sein scheint. Nur wenn Aiden Bishop die Lösung zu diesem Verbrechen findet, kann er aus Blackheath entfliehen. Dabei gehört er weder zur Familie noch zum Hauspersonal und steht auch auf keiner Gästeliste: Wer ist er, und wie kam er nach Blackheath? Dafür wacht er Tag für Tag in einem anderen Wirt sprich im Körper eines anderen Gastes auf und erlebt diesen Tag zum wiederholten Mal incl. des getarnten Mordes. Er kann sich bei den Ermittlungen nur auf seine Kombinationsgabe verlassen und ist gezwungen, die Talente seines jeweiligen Wirtes zu nutzen. Dabei scheint jede und jeder auf Blackheath seine wahren Beweggründe hinter einer Fassade zu verbergen, so dass es schier unmöglich scheint, Freund vom Feind zu unterscheiden. Zudem lauert ihm im Verborgenen eine dubiose Gestalt in der Maske eines Pestdoktors auf. Allein dieser Tatbestand würde schon für reichlich Schrecken sorgen, wäre da nicht dieser brutale Lakai, der nach dem Leben seines jeweiligen Wirtes trachtet. Und dann ist da auch noch Anna…!

Wow! Stuart Turton hat – nach 3 Jahren Arbeit an diesem komplexen Werk – ein sensationelles Romandebüt abgeliefert, das gekonnt die Regeln von Raum und Zeit aufhebt, den Lesern nach allerbester „Whodunit“-Manier durch die Handlung treibt und mit den Elementen des Gothic-Thrillers spielt.

Die umfangreichen Fakten eines Tages werden in viele kleine Hinweise aufsplittert und nur bruchstückchenhaft – manchmal auch nur rudimentär – dem jeweiligen Protagonisten präsentiert. Da werden Indizien schon auf den ersten Seiten verstreut, die erst zum Ende des Romans an Bedeutung gewinnen und den Leser veranlassen, nochmals zurückzublättern, um die Fakten aus den Blickwinkeln der unterschiedlichsten Protagonisten zu sichten.

Das Symbol der Maske ist in diesem Kriminalroman allgegenwärtig: Niemand scheint in dieser Geschichte, die wahre Identität zu offenbaren. Aiden Bishop ist gezwungen, sich hinter den Gesichtern seiner Wirte zu verbergen. Die Familie Hardcastle, ihre Gäste wie auch die Dienstboten verstecken sich hinter Standesdünkel und Allüren, und auch der Pestdoktor verbirgt sein Antlitz hinter der charakteristischen Schnabelmaske. Sie alle treffen sich auf dem Maskenball in Blackheath!

Wer nach der obigen Inhaltsangabe fälschlicherweise glaubt, eine äußerst krude Geschichte vor sich zu haben, den kann ich beruhigen: Die Verwirrung ist einzig und allein meiner mangelhaften Fähigkeit, eine kurze, prägnante Inhaltsangabe darzulegen, geschuldet und lässt somit keine negativen Rückschlüsse auf das Talent des Autors zu. Ganz im Gegenteil: Turton versteht es bravurös die einzelnen Puzzleteile zu einem logischen Ganzen zusammenzusetzen. Stellt sich die Handlung anfangs als ein scheinbar undurchsichtiges Wirrwarr dar, entwirrt er an jedem neuen Tag und mit jedem weiteren Protagonisten die Handlung Stück für Stück zu einem logischen Ganzen.

In diesem geistreichen Ratespiel haben mich die facettenreichen Charaktere ebenso überzeugt, wie mich die unvorhersehbaren Wendungen, die die Handlung immer wieder in eine neue Richtung lenken, (positiv!) verwirrten. Die Antwort bleibt bis zum Ende im Dunkeln verborgen – oder sollte ich lieber sagen: hinter einer Maske? – und verblüfft mit einer überraschenden Auflösung!

Dieses Debüt wirkt – trotz seines klassischen Stils – frisch und unverbraucht: ein Novum in der Krimilandschaft, in der alle schon alles gelesen zu haben scheinen. Bravo!


erschienen bei Tropen/ ISBN: 978-3608504217

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] George Simenon – Maigret im Haus der Unruhe

„Ich habe gerade einen Mann umgebracht.“ stammelt die verängstigte junge Frau, die, ebenso plötzlich wie sie im Kommissariat erschienen ist, sich auch wieder in Luft auflöst. Kommissar Maigret schenkt dieser kurzen wenn auch kuriosen Begegnung zunächst wenig Beachtung. Doch dann wird er zu einem Mordfall in einem Hause in einem der „anständigen“ Vororte von Paris gerufen: Der pensionierte Kapitän Truffier wird von der Concierge des Hauses tot aufgefunden: erdolcht und beraubt. Bei seiner Befragung der übrigen Mieter des Hauses begegnet Maigret bei der Familie Gastambide eben jene junge Dame wieder, die ihm im Kommissariat aufgesucht hatte. Sie behauptet, ihn nicht zu kennen, und überrascht mit einem Alibi. Ihr Vater wie auch ihr Bruder machen sich aufgrund ihres Verhaltens zudem verdächtig. Aber auch Henry Demassis, der Neffe des Ermordeten, scheint etwas zu verbergen…!

Als deutsche Erstausgabe präsentiert der Kampa-Verlag diesen allersten Roman mit Simenons berüchtigten Kommissar Maigret – sozusagen als Fall „Zéro“: Simenon steht mit Maigret noch deutlich am Anfang. Das merkt man diesem Werk auch an, was dessen Qualität nicht schmälern soll. Hier liegt Simenons Augenmerk weniger auf dem Kommissar als vielmehr auf den Verdächtigen. Er zeichnet interessante Porträts und kreiert einen spannenden und abwechslungsreichen Plot, in dem Maigret den Rahmen bildet und der Handlung Struktur verleiht.

Und auch wenn Simenon noch nicht das gesamte Wesen Maigrets komplett umreißen kann, so sind doch schon einige seiner wesentlichen Charakterzüge und Eigenarten zu erkennen: der stille und beinah stoische Ermittler, der dadurch durchaus ruppig wirken kann; der scharfe Analytiker mit den manchmal unkonventionellen Ermittlungsmethoden; die Liebe zu seiner Pfeife und gutem Tabak…!

Ich habe mich sehr gefreut, dass ich die Möglichkeit bekam, diese geschätzte Krimi-Reihe mit dem Fall „Zéro“ beginnen zu dürfen: Nun werde ich mich Roman für Roman und Fall für Fall mit Kommissar Maigret auf die literarische Verbrecherjagd in Paris begeben.

„Souhaite moi bonne chance!“


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311130000

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Karsten Dusse – Achtsam Morden

Karsten Dusse ist in der Medienlandschaft kein Unbekannter mehr: Als Volljurist hat er sich gegen eine Laufbahn in einer Kanzlei und für eine Karriere im Fernsehen entschieden. Hier war er als Strafverteidiger bei „Richterin Barbara Salesch“ ebenso wie als Rechtsexperte bei „Verklag mich doch“ vor der Kamera zu sehen. Als Redakteur schrieb er hinter der Kamera Texte u.a. für TV-Hits wie „Ladykracher“. Für seine Autorenarbeiten wurde er bereits mit dem Deutschen Fernsehpreis und mehrfach mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet. Auch als Schriftsteller trat er schon in Erscheinung: In seinen bisher erschienenen juristischen Sachbüchern kombiniert er Entertainment mit Fachwissen. Nun hat er seinen ersten Kriminalroman vorgelegt, in dem er seine Kernkompetenzen bündelt und dessen Held – wie könnte es auch anders sein – als Strafverteidiger seine Brötchen verdient.

Ein stattliches Haus, ein protziger Dienstwagen, ein üppiges finanzielles Polster auf der Bank, zudem eine reizende kleine Tochter mit der dazugehörigen (zugegeben: im Moment nervigen) Ehefrau: Das Leben von Björn Diemel könnte – zumindest oberflächlich betrachtet – so schön sein. Doch nun zwingt ihn seine Angetraute zu einem Achtsamkeits-Seminar bei diesem Esoterik-Guru Joschka Breitner zwecks Rettung ihrer Beziehung. Naja, wenn es hilft, dann soll es ihm recht sein. Und so atmet er seit einiger Zeit den Stress weg und spricht gegen Panik einfach ein Mantra. Und sollte er mal gar nicht mehr „achtsam“ weiter wissen, dann hat er zum Glück immer Joschka Breitners Bibel der Achtsamkeit mit dem Titel „Entschleunigt auf der Überholspur – Achtsamkeit für Führungskräfte“ griffbereit. Die Weisheiten dieses Werkes hätte übrigens auch sein Hauptmandant, der Gangsterboss Dragan Sergowicz berücksichtigen sollen, dann wären einige Mitglieder einer rivalisierenden Gang noch am Leben und eine Busladung mit Schulkindern nicht traumatisiert. Dragan muss untertauchen und erwählt für diese Mission ausgerechnet Björn, der mit seiner Tochter ein ruhiges Wochenende am See verbringen möchte. Während Dragan seine Körpermasse zwecks unerkanntes Entkommen in den Kofferraum von Björns Wagen zwängt, begeht er den unverzeihlichen Fehler, seiner Forderung mittels Bedrohung Björns Tochter Nachdruck zu verleihen. Björn findet dieses Verhalten so ganz und gar nicht nett, schließlich geht ihm das Wohl seiner Kleinen über alles und jeden. Da kann es durchaus passieren, dass er einen im Kofferraum sowohl versteckten als auch eingesperrten Mafioso einige Tage bei sommerlichen Temperaturen „vergisst“ und ganz achtsam im Hier und Jetzt die gemeinsame Zeit mit dem Töchterchen genießt. Alles andere kann später noch weg-geatmet werden: Eine Technik, die sich insbesondere nach dem Öffnen der Kofferraumklappe bewehren sollte…!

Karsten Dusse versteht und beherrscht sein Handwerk: Sein Winkeladvokat Björn Diemel ist mit allen Wassern gewaschen, gleichzeitig gelingt es dem Autor, ihn nie unsympathisch wirken zu lassen – im Gegenteil: Bei jedem Schritt, den wir Leser ihn tiefer in dieser Affäre folgen, kann er sich unserer vollsten moralischen Unterstützung sicher sein. Überraschenderweise empfindet der Leser herzlich wenig Mitgefühl mit Herrn Diemels Opfern (Ja, sie haben richtig gelesen: Es bleibt nicht bei einer einzelnen Kofferraumleiche.). Einerseits konnte ich mich während der Lektüre nicht dem Eindruck verwehren, alle Opfer hätten ein solch schändliches Gemeuchel und Gemetzel mehr als verdient. Andererseits hegte ich den Verdacht, dass die jedem Kapitel vorangestellten Tipps von Esoterik-Guru Joschka Breitner ebenfalls ihre Wirkung auf mich Leser zeigten, denn zu „Achtsam Morden“ gehört eben auch achtsam lesen.

Herrn Dusses Erfahrung mit dem Medium Fernsehen merkt man diesem Krimi deutlich an – und ich möchte diesen Hinweis durchaus positiv besetzen: So verteilt sich der Inhalt über 413 Seiten und auf 37 Kapitel. Schnelle Schnitte sind vorprogrammiert. Die Handlung nimmt zügig an Fahrt auf ohne in Hektik zu verfallen. Für Langeweile bleibt somit kaum Raum, dafür gibt es häufig überraschende Wendungen incl. des einen oder anderen Lachers. Dieser Krimi „schreit“ geradezu nach einer visuellen Umsetzung. Sicherlich liegt zuhause bei Herrn Dusse in irgendeiner Schublade schon fix und fertig ein Drehbuch und wartet auf die Chance, beispielsweise in die „fähigen“ Hände eines Herrn Schweigers zu gelangen. Doch ich werde inbrünstig zum Gott der darstellenden Kunst beten in der Hoffnung, dass für diese Rolle ein richtiger Schauspieler gecastet wird.

Ich werde ja wohl noch hoffen dürfen! Hoffen und beten…!


In diesem Zusammenhang möchte ich auch gerne auf die Lesung mit Karsten Dusse in der Buchhandlung meines Vertrauens hinweisen!


erschienen bei Heyne/ ISBN: 978-3453439689

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Alan Bradley – Flavia de Luce: Todeskuss mit Zuckerguss

Endlich läuten die Hochzeitsglocken auf Buckshaw: Ophelia de Luce und Dieter Schrantz geben sich endlich das langersehnte Ja-Wort. Der Himmel hängt voller Geigen, und die Luft ist geschwängert vom Blütenduft. Flavia möchte sich bei dieser geballten Anhäufung von Kitsch am liebsten übergeben, wäre da nicht dieser „klitzekleine“ Zwischenfall während der Feierlichkeiten: Beim Anschneiden der Hochzeitstorte fördert die Braut einen abgetrennten Finger aus dem Backwerk zutage! Flavia ist entzückt und stürzt sich begeistert in die Ermittlungen, hat sie doch gemeinsam mit dem treuen Diener Dogger ein Detektivbüro gegründet. Der erste Fall von „Arthur W. Dogger & Partner – Diskrete Ermittlungen“ überrascht mit pikanten Details und verblüffenden Wendungen…!

Flavia macht süchtig! Die Seiten flogen förmlich vor meinen Augen dahin. In Flavias Welt versinken, heißt „nach Hause kommen“ und sich wohl fühlen: Alles ist so bekannt, so vertraut. Nach 9 Bänden kennen wir die kleine, überschaubare Welt von Bishop’s Lacey aus dem Effeff. Da besteht die berechtigte Gefahr, dass beim Leser Monotonie eintreten könnte. Doch zum Glück lässt Bradley bei seinen Protagonisten eine Weiterentwicklung zu: Flavia ist zwar nach wie vor die penetrante, besserwisserische Göre, die wir alle so sehr lieben, gleichzeitig erlaubt Bradley ihr neustens auch sentimentale Gefühlsregungen, die sie weicher, kindlicher und verletzlicher erscheinen lassen. Bei Dogger lässt er unter der Fassade der vom Krieg traumatisierten Kreatur auch seinen brillanten, hochintelligenten Geist durchschimmern. Aber auch den sogenannten „supporting actors“ erlaubt er kleinen Überraschungen und verhindert so deren eindimensionale und auf Dauer langweilige Charakterisierung.

Einzige Wehrmutstropfen sind die manchmal etwas arg konstruiert wirkenden Wendungen in der Handlung, die knapp ausgearbeiteten Konstellationen einiger Handlungspersonen zueinander und die eine oder andere mangelhafte Auflösung zu noch offenen Fragen.

Aber hier „leide“ ich wahrlich auf extrem hohem Niveau. Werden diese „Mängel“ doch mehr als wettgemacht durch den immensen Charme der Geschichte und der liebenswerten Kauzigkeit der Protagonisten. Zudem lässt der Autor einige neue Personen in Erscheinung treten, die die Begehrlichkeit des Lesers nach weiteren Details (und somit auf nachfolgende Auftritte innerhalb der Serie) wecken. Alan Bradley hat uns mit „Flavia de Luce“ absolute Feel Good-Krimis geschenkt!

Bishop’s Lacey ist auf dem besten Wege, das „St. Mary Mead“ unseres Jahrhunderts zu werden.


erschienen bei Penhaligon/ ISBN: 978-3764531157

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gil Ribeiro – Lost in Fuseta: Ein Portugal-Krimi

Es ist Pfingstsonntag: Nachdem es am Tag zuvor gestürmt hat, und das Wetter sich nicht zwischen Sonne und Schauern entscheiden konnte, zeigt sich dieser Tag mit angenehmen 27°C und sanftem Sonnenschein. Ich sitze auf dem Balkon, schlürfe meinen Kaffee und vertiefe mich zum wiederholten Mal in diesen Kriminalroman. Mein Kater liegt schläfrig mir zu Füßen auf den kühlenden Steinfliesen, während meine Gedanken sich auf den Weg in Richtung Portugal begeben.

Fuseta: ein kleiner Ort im Süden von Portugal direkt an der Küste der Algarve. Hier verschlägt es Inspektor Leander Lost aus Hamburg im Rahmen eines internationalen Austauschprogramms für Polizisten. Während er dies als Auszeichnung sieht, erkennen die beiden portugiesischen Inspektoren Graciana Rosado und Carlos Esteves schnell, dass die deutschen Kollegen das Austauschprogramm „missbraucht“ haben, um sich eines äußerst speziellen Mitarbeiters zu entledigen. Leander Lost leidet am Asberger-Syndrom, einer Form von Autismus: Soziale Interaktionen fallen ihm schwer, zum Lügen ist er nicht in der Lage, und Ironie kann er nicht deuten, da er jedes gesprochene Wort für „bare Münze“ nimmt. Dafür verfügt er über außerordentliche Inselbegabungen. Zwangsläufig eckt er mit dieser „Wunderlichkeit“ bei seinen neuen Kollegen an und provoziert so manche heikle Situation im aktuellen Fall: Ein Privatdetektiv wird tot aufgefunden. Oberflächlich betrachtet scheint es ein Unfall zu sein. Bei der routinemäßigen Überprüfung der Büroräume des Detektivs scheucht das ungleiche Ermittler-Trio einen Verdächtigen auf, der, nachdem er Graciana bewusstlos geschlagen und das Büro in Brand gesetzt hat, Carlos als Geisel nimmt. Um das Leben der beiden portugiesischen Inspektoren nicht zu gefährden, schießt Leander Lost seinem neuen Kollegen Carlos ins Bein…!

So saß ich nun auf dem sommerlichen Balkon, ließ mich in die Handlung dieses leichten Krimis fallen und fühlte mich dabei äußerst wohl. Denn nichts anderes ist dem Autor Gil Ribeiro gelungen: ein angenehm kurzweiliger Sommerkrimi mit einer wohldosierten Mischung aus Humor und Spannung, der mich mit seiner originellen Charakterisierung der Protagonisten unterhielt. Überraschend gut passen die einzelnen Komponenten zueinander: Lost wirkt weniger wie ein Fremdkörper in der flirrenden Hitze am Mittelmeer, vielmehr scheint er hier dank der mediterranen Gelassenheit seiner Mitmenschen eine Heimat gefunden zu haben.

Er ist Teil eines Teams von Individuen, in der auch ein spezieller Typ wie er seinen Platz finden kann. Diese Gelassenheit scheint im Lebensgefühl der Portugiesen begründet zu sein. Immer wieder lässt Ribeiro Themen wie Familie, Freundschaft und Kollegialität anklingen. Sie dienen als Anker im gesellschaftlichen Gefüge. Emotionale bzw. sentimentale Szenen versteht Ribeiro durch eine pragmatische Äußerung von Lost humorvoll aufzulösen. Dabei wird er mit seiner Behinderung nicht vorgeführt sondern vom Autor mit Respekt behandelt.

Gil Ribeiro ist mit „Lost in Fuseta“ ein unterhaltsamer Auftakt für diese Krimireihe gelungen.


erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462051629