[Rezension] Émile Gaboriau – DIE AFFAIRE LEROUGE

Er gilt als einer der ersten Kriminalromane der Welt: Ursprünglich im Jahre 1863 erfolgreich als Fortsetzungsroman für eine Zeitung entstanden, errang DIE AFFAIRE LEROUGE 1866 auch als Roman eine enorme Popularität. Vielleicht lag es daran, dass der Autor sich von der damals gängigen romantisierenden Form des Geschichtenerzählens abwandte. Vielmehr beruhten die Beschreibung der Ermittlungen auf realistische Gegebenheiten und fußten auf den neuesten kriminalistischen Erkenntnissen der Epoche. Zudem hatte Gaboriau sehr viel Augenmerk auf eine naturalistische Milieubeschreibung gelegt, die einen entscheidenden Einfluss auf die Atmosphäre des Romans nahm.

Gaboriau wusste genau, wovon er schrieb, da er auf eine Fülle an eigenen Erfahrungen zurückgreifen konnte. Hatte er doch selbst bereits eine erstaunliche Anzahl an Berufen vorzuweisen: So war er als Mitarbeiter eines Rechtsanwalts tätig, erkundete Afrika als Husar und verpflichtete sich, wenn auch nur kurzzeitig, bei der Armee. Über dem Verfassen von Chroniken und seiner Tätigkeit als Sekretär bei einem Schriftsteller fand er schlussendlich zum Journalismus. Hier tat sich für ihn – mit den vielen Geschichten aus dem realen Leben – eine unversiegbare Quelle der Inspiration auf.

Eine alte Dame wird ermordet in ihrem Haus aufgefunden. Schmuck ist verschwunden, Papiere wurden verbrannt. Madame Lerouge hatte noch nicht lange in dem kleinen Dorf gelebt. Die Kriminalisten aus Paris erfahren von den Nachbarn nur, dass die Ermordete ab und zu Besuch bekam und immer Geld hatte. Zusammen mit dem Untersuchungsrichter Monsieur Daburon versucht Monsieur Tabaret, der alte Detektiv von eigenen Gnaden, hinter das Geheimnis der Toten zu kommen. Dem Mörder ist er auch schon bald auf der Spur. Doch hat er den richtigen erwischt?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Die ursprüngliche Praxis, diese Kriminalgeschichte als Fortsetzungsroman in einer Zeitung zu veröffentlichen, kommt auch der Romanfassung sehr entgegen. Die Geschichte präsentiert sich voller Cliffhanger, die mich immer wieder verleiteten, „mal eben“ ein weiteres Kapitel zu lesen. So zog die Handlung – Seite für Seite – spürbar mühelos an meinen Augen vorbei und lieferte mir einen packenden Spannungsbogen voller Überraschungen.

Allerdings ist dieser Umstand wohl auch der sensiblen Überarbeitung des Romans zu verdanken: Um dem damals vorherrschenden Geschmack der Leserschaft gerecht zu werden, hatte Émile Gaboriau ursprünglich ausführliche, wenn nicht sogar ausufernde Beschreibungen der Familienverhältnisse des Handlungspersonals in eben jene Handlung einfließen lassen. Diese hemmten allerdings den Ablauf bzw. den zügigen Aufbau der Geschichte. Die vorliegende Fassung wurde von diesem überflüssigen Ballast befreit, wobei sich bemüht wurde, die Haupt-Geschichte nicht zu verfälschen.

Die Personenzeichnung ist sehr präzise. Hier werden die Figuren durchaus ambivalent mit Ecken und Kanten, mit kleinen und größeren menschlichen Schwächen, mal derb-rustikal, mal durch Standesdünkel gehemmt skizziert. Dabei porträtiert der Autor die einfachen Menschen vom Hafen ebenso respektvoll wie die Haute Volée von Paris. Er ergreift wohltuend keine Partei: Jede Figur scheint ihm gleich lieb.

Statt schwülstigen Pathos schlägt Gaboriau eher einen beinah nüchternen Ton an, wie ich ihn aus den Werken von Georges Simenon kennen und lieben gelernt habe. Es sind genau diese Simenon-Vibes, die ich so sehr an DIE AFFAIRE LEROUGE mochte, und die zu einer atmosphärischen Dichte des Romans beitrugen. Eine äußerst gelungene Wieder-Entdeckung…!

HINWEIS // Ich habe mir erlaubt, die Inhaltsangabe bzgl. des Handlungspersonals anzupassen. Im Originaltext, wie er auf der Homepage des Verlages zu finden ist, wird Inspector Lecoq erwähnt. Im Roman tritt eine Figur namens Lecoq als Gehilfe des Chefs der Sicherheitspolizei Monsieur Gévrol nur am Rande in Erscheinung. In weiteren Romanen von Émile Gaboriau soll sich diese Figur sogar bis zu einem gewieften Inspektor mausern, der die Fälle dank seines genialen Verstandes löst. In DIE AFFAIRE LEROUGE spielen sowohl Lecoq wie auch Gévrol eher untergeordnete Rollen. Hier liegt der Fokus definitiv mehr auf Monsieur Daburon und Monsieur Tabaret.


erschienen bei Anaconda / ISBN: 978-3730616345 / in der Übersetzung von Erich Flonger

[Rezension] Karsten Dusse – FILMRISS AUF IMMENHOF. Trippel. Trappel. Tot.

„Trippel trappel trippel trappel Pony…“

Ich las den ersten Satz aus Karsten Dusses neustem Krimi FILMRISS AUF IMMENHOF, und eine Melodie fraß sich unaufhaltsam in meinen Gehörgang, um dort zu einem handfesten Ohrwurm zu mutieren. Selbst abseits der Lektüre erwischte ich mich dabei, wie ich diese Melodie verträum vor mich hin summte.

Dieser erste Satz war vom Autor schlau gewählt. So hatte er mich blitzschnell an der Angel – oder vielmehr am Zügel. Ein Entkommen schien zwecklos!



Die Kriminalpsychologin Sophia, geschieden, zweifache Teenager-Mutter und gerade wieder frisch getrennt, schenkt sich zum 45. Geburtstag ein Wochenende auf dem Immenhof. Das zum Hotel umgebaute Landgut ist für sie der Inbegriff von heiler Welt und Geborgenheit ihrer Kindheitsfilme. Nach einer Retro-Party mit Pony-Romantik und Wodka Red Bull wacht sie am nächsten Morgen allerdings mit einem Filmriss neben der abgetrennten Hand ihres Ex-Freundes auf. Sie hat keine Ahnung, wer dafür verantwortlich ist – weiß aber, dass sie am Tag vorher noch den perfekten Plan hatte, ihren Ex ohne Spuren zu ermorden. Zwischen Kindheitsidyll und schlechtem Gewissen rekonstruiert sie die Nacht – und findet dabei überraschend zu sich selbst zurück.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich tat mich etwas schwer, nach Beendigung dieses Romans passende Worte der Wertschätzung zu finden. Man möge mich bitte nicht missverstehen: Diese (nennen wir es mal) Zurückhaltung lag nicht in der Tatsache begründet, dass es nichts zu wertschätzen gäbe.

Ganz im Gegenteil: Karsten Dusse hat wieder einen süffigen Krimi abgeliefert. Sein Handlungspersonal ist prall und lebendig (die einen mehr, die anderen weniger). Er spielt unterhaltsam mit Genre-Klischees, baut die Handlung raffiniert auf und liefert mit Rückblenden die nötigen Erklärungen für die Motivation der Protagonist*innen. Und wie bereits in seinem Erfolgsroman ACHTSAM MORDEN versteht er es auch hier vortrefflich, die Opfer so unsympathisch zu porträtieren, dass ich moralisch keinerlei Bedenken hatte, diese über die Klinge springen zu lassen. Vielmehr entfleuchten mir hin und wieder Ausrufe wie „Das geschieht dir recht, du Schuft!“ oder „Selber schuld!“.

Diese Gräueltaten paart er mit detaillierten Beschreibungen des Heile-Welt-Sehnsuchtsortes Immenhof à la „Midsomer Murders“, denn hier wie dort passieren die unfassbarsten und skurrilsten Morde im Umfeld ländlicher Idylle. Doch gerade dieses Aufeinanderprallen scheinbar konträrer Komponenten erhöhte den Unterhaltungswert und damit meine Freude beim Lesen des Romans.

Doch woher kam nun meine eingangs erwähnte Zurückhaltung? Ich hatte das Buch zugeklappt, zufrieden geseufzt und gedacht „Schön war’s!“. Ich wollte das Buch nochmals in Ruhe „nachschmecken“ und nicht – wie so oft – darüber nachdenken, wie ich eine Rezension formuliere. Ich wollte dieses „Schön war’s!“ nicht erklären müssen.

FILMRISS AUF IMMENHOF ist ein wunderbar leichter und (im besten Sinne des Wortes) unkomplizierter Krimi, der mich vom ersten Satz an gefesselt hat und beste Unterhaltung bietet. Es klingt nach wenig, ist aber ganz, ganz viel!


erschienen bei Heyne / ISBN: 978-3453274549
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Wolfgang Menge – STAHLNETZ. DAS HAUS AN DER STÖR (Hörspiel)

Straßenfeger, das waren TV-Formate, die die Menschen an die Fernseher fesselten. Da saßen ganze Familien mit Freunden und Nachbarn zuhause im Wohnzimmer, oder Gleichgesinnten trafen sich in der Kneipe: Gebannt wurde auf die Glotze gestarrt. Die Straßen waren einsam und verlassen – wie leergefegt.

Ähnliches erhofften sich die Fans vielleicht auch zur diesjährigen Fußballweltmeisterschaft. Leider kam für die deutsche Nationalmannschaft das frühzeitige Aus. Doch dieser Umstand tangierte uns, die wenig Interesse am Fußball haben, eher peripher: Zur überbordenden Fußballpräsenz auf allen Kanälen setzten wir die Krimi-Serie STAHLNETZ, einen wahren Straßenfeger aus den Anfängen des Fernsehens, entgegen. Jede Folge begann mit folgendem Hinweis…

Dieser Fall ist wahr!
Er hat sich so zugetragen, wie wir es zeigen.

…und nach diesem Hinweis ertönte die markante Titelmelodie.


1 CD/ STAHLNETZ. DAS HAUS AN DER STÖR von Wolfgang Menge (1963/2005)/ Buch: Wolfgang Menge/ Regie: Jürgen Roland/ Musik: Gerhard Gregor/ Titelmusik: Walter Schumann, Ray Anthony & Erwin Halletz/ mit Rudolf Platte, Andrea Grosske, Mady Rahl, Richard Lauffen, Fritz Beckhaus, Ernst H. Hilbich, Harry Wüstenhagen, Helga Feddersen, Hela Gruel, Henry Vahl, Gerda Maria Jürgens, Friedrich Schütter, Katrin Schaake, Kurt Jaggbert, Dorothea Moritz, Christa Siems, Otto Lüttje, Karl-Heinz Gerdesmann u.a.


Kurz nach Kriegsende, im grausam kalten Winter 1947, die Bundesrepublik ist noch sehr jung und das Wirtschaftswunder noch eine unerfüllte Hoffnung, da finden zwei Kinder beim Spielen in einem Teich eine Leiche, in einem mit Schweißdraht verschlossenen und mit Steinen beschwerten Seesack, die nicht identifiziert werden kann. Der Fall bleibt offen. Jahre später nimmt sich Hauptkommissar Roggenburg dieses ungeklärten Verbrechens an und rollt in minutiöser Kleinarbeit diesen alten Fall wieder auf. Bis er schließlich mit der Oberbeamtin Johannsen einen endgültigen Schlussstrich unter diese lange zurückliegende Tat ziehen kann.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Mit STAHLNETZ etablierte Jürgen Roland nicht nur den Krimi im deutschen Fernsehen, er lieferte auch die erste „True-Crime“-Serie, noch bevor es diesen Begriff in unserem Sprachgebrauch überhaupt gab. Sein Interesse an dieser Form der TV-Unterhaltung lag in seiner früheren Tätigkeit als Polizeireporter begründet. Mit Wolfgang Menge stand ihm ebenfalls ein ehemaliger Reporter zur Seite, der mit seinen Drehbüchern einerseits den dokumentarischen Ton bestens traf, andererseits die Atmosphäre im Nachkriegs-Deutschland so treffend wiedergab. Von 1958 bis 1968 flimmerten 22 Folgen STAHLNETZ über den Bildschirm, die noch heute ein beeindruckendes Zeitzeugnis darstellen.

Alle Folgen sind großartig: Doch sollte ich wirklich meine Lieblings-Folge benennen müssen, würde ich ohne lange zu überlegen DAS HAUS AN DER STÖR nennen.

Im Jahre 2005 verwandelte der NDR gemeinsam mit DER AUDIO VERLAG unter Berücksichtigung der Original-Tonspuren einige Folgen der Serie zu Hörspielen. Für diesen Transfer (um sprachlich beim Fußball zu bleiben) war nicht jede Folge gleichermaßen geeignet. DAS HAUS AN DER STÖR eignete sich hervorragend, und so saß ich nun gemütlich in meinem Sessel und lauschte den Stimmen der bekannten Miminnen und Mimen. Wohlüberlegt wurde die Geschichte für das Hörspiel gekürzt, ohne an Spannung einzubüßen oder den Erzählfluss zu beeinträchtigen. Jürgen Roland arbeitete gern mit einem festen Stamm an Schauspieler*innen (wie Gerda Maria Jürgens und Hela Gruel) zusammen, streute für die markanten Nebenrollen gerne Typen der Hamburger Theaterszene (wie Otto Lütje, Christa Siems, Helga Feddersen und Henry Vahl) dazwischen und würzte das Ensemble mit populären TV-Namen (wie Rudolf Platte und Mady Rahl).

Ohne die visuelle Ablenkung konnte ich mich gänzlich auf die herausragende Arbeit von Wolfgang Menge konzentrieren, der kluge Dialoge schuf, die von einem großartigen Ensemble nahbar und sensibel umgesetzt wurden. Dabei lag der Fokus auf Rudolf Platte als Kommissar Roggenburg, der die Hauptlast zu tragen hatte: So fungierte er als Erzähler der Geschichte, der seiner Kollegin Frl. Johannsen während einer Zugfahrt alle Einzelheiten des Falls schilderte. Plattes Kommissar zeigte viel Empathie für das Schicksal der Menschen und berichtete über die ersten Jahre nach Kriegsende durchaus mit Betroffenheit aber gänzlich ohne Pathos und Selbstmitleid. Regisseur Jürgen Roland umgab ihn mit einem talentierten Ensemble, das durch ein Höchstmaß an Individualität überzeugte.

Ein großartiger TV-Krimi-Klassiker erfuhr hier als spannendes Hörspiel seine gelungene Wiederauferstehung.


erschienen bei DAV / ISBN: 978-3898134590

[Rezension] Ethel Lina White – DIE FRAU IM ZUG

Der „Master of Suspense“ Alfred Hitchcock griff bei der Wahl seiner Film-Sujets gerne auf literarische Vorlagen zurück. So entstand u.a. einer seiner bekanntesten Stummfilme DER MIETER/THE LODGER (1927) nach einem Roman von Marie Adelaide Belloc Lowndes. Seine DIE 39 STUFEN/THE 39 STEPS (1935) nach dem gleichnamigen Roman von John Buchan erfreuen sich auch Jahre später als aberwitzige Bühnenfassung großer Beliebtheit. Auch Daphne Du Mauriers Roman REBECCA (1940) schaffte es dank Hitchcock auf die große Kinoleinwand. Und auch der Roman IMMER ÄRGER MIT HARRY/THE TROUBLE WITH HARRY von Jack Trevor Story amüsiert das Publikum weiterhin als schwarzhumorige Filmkomödie (1955).

Nur zwei Jahre nach Erscheinen des Romans EINE DAME VERSCHWINDET/ THE LADY VANISHES von Ethel Lina White nahm sich Alfred Hitchcock dieser Geschichte an und schuf daraus den gleichnamigen Mystery-Thriller (1938).

Warum nun der Dörlemann-Verlag bei der aktuellen Neuauflage des Romans den eher neutralen Titel DIE FRAU IM ZUG wählte (Die vorliegende Übersetzung von Leni Sobez erschien bereits im Jahre 1996 unter dem bekannten Titel im Heyne Verlag), wird wohl ein Mysterium bleiben.

Die junge Urlauberin Iris Carr unterhält sich im Zug nach Triest mit der wie sie aus England stammenden Gouvernante Miss Froy. Doch als Iris nach einem kurzen Schläfchen aufwacht, ist die Mitreisende verschwunden, und deren ehemalige Arbeitgeberin, die im selben Zug reist, bestreitet, sie je darin gesehen zu haben. Bald zweifelt Iris, die vor der Abreise einen Sonnenstich erlitten hat, an ihrem eigenen Verstand. Aber sie sucht weiter nach der verschwundenen Frau, und allmählich wird klar, dass auf dieser Reise etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Es beginnt eher unspektakulär: Die reiche und verwöhnte Weise Iris Carr verbringt gemeinsam mit ihren „Freunden“ den Sommerurlaub in einem Berg-Hotel irgendwo in Europa. Diese Meute junger Menschen frönt dem guten Leben, nervt mit ihrer Oberflächlichkeit und verärgert durch ein unverschämtes und rücksichtsloses Verhalten sowohl ihre Mit-Gäste als auch das Hotelpersonal. Ausgerechnet die Gönnerin dieser Meute Iris Carr verspürt überraschenderweise den Wünsch nach Ruhe und ist dieser Meute überdrüssig. So bleibt sie alleine im Hotel zurück, um mit dem Zug erst am nächsten Tag abzureisen. Gegenüber den noch anwesenden Gästen verhält sie sich so wenig taktvoll, dass sie deren Unmut erregt. Doch eben jenen Menschen wird sie später im Zug wieder begegnen.

Da hatte ich bereits 100 Seiten gelesen, und es war bisher nichts Spektakuläres passiert. Oft hätte ich an diesem Punkt der Lektüre abgebrochen. Doch irgendwie spürte ich, dass die Autorin Ethel Lina White diesen langen Vorlauf bewusst verfasst hatte, um die Reaktionen der Personen auf die nachfolgenden Geschehnisse zu begründen. Ich sollte Recht behalten. Unsere Heldin wie auch die Nebenrollen werden gar wunderbar charakterisiert und liefern uns so glaubhafte Begründung auf ihr späteres Verhalten im Zug. Warum sollten sie Iris diese irrwitzige Geschichte einer verschwundenen Frau glauben, wo dieses verwöhnte Balg schon im Hotel so unhöflich ihnen gegenüber war? Zudem haben alle Mitreisende höchst persönliche Beweggründe, sich nicht in diese fragliche Entführungsgeschichte hineinziehen zu lassen.

Raffiniert spielt die Autorin mit den Tücken der objektiven Wahrnehmung: Im Laufe der Handlung war auch ich mir nicht mehr sicher, ob die besagte Miss Froy tatsächlich „real“ existiert, oder ob sie als Trugbild dem durch einen Sonnenstich in Mitleidenschaft gezogenem Gehirn von Iris entsprungen war – zumal alle logisch erscheinenden Indizien dagegen sprachen. White kreierte ein im Krimi gern bemühtes Setting, das auch diesmal seine Wirkung nicht verfehlte, und schuf durch die ablehnende Haltung der Mitreisenden gegenüber unserer Heldin eine beklemmende Atmosphäre. So spitzten sich die Ereignisse weiter zu und nahmen schnell an Fahrt auf, ebenso wie der Zug, der rasant durch die Landschaft raste, um pünktlich seinen Zielbahnhof zu erreichen.

Unvermittelt schwenkte die Autorin den Fokus auf die Familie von Miss Froy, und schlagartig wurde mir als Leser bewusst, dass sie nicht Iris Phantasie entschlüpft war, sondern tatsächlich in Gefahr schwebte. Diese Gegenüberstellung der angespannten Situation im Zug zu der schlichten Freude Miss Froys Familie auf ein baldiges Wiedersehen hatte etwas Rührendes und zutiefst Menschliches und erhöhte die Tragik.

Iris Carr hatte mit der vehementen Suche nach ihrer Reisebekanntschaft in ein Wespennest gestochert. Und ebenso wie die aufgescheuchten Wespen verhielten sich auch die Menschen im Zug: Während die Verbrecher sich verzweifelt um Vertuschung bemühten, und die unschuldigen Mitreisenden mit ihrem Gewissen kämpften, wagte Iris eine letzten verzweifelte Tat und rettete so Miss Froy das Leben…!

Wir Lesende haben so ein Glück, dass die Verlage die guten klassischen Krimis wiederentdecken: Uns wären so viele spannende Geschichten von tollen Autor*innen wie auch vergnügliche Lesestunden durch die Lappen gegangen.

Das wäre doch äußerst bedauerlich, oder?


erschienen bei Dörlemann (Alibi) / ISBN: 978-3038201960 / in der Übersetzung von Leni Sobez
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Pascal Davoz (nach Agatha Christie) – UND DANN GAB’S KEINES MEHR/ mit Illustrationen von Callixte

Auf zum nächsten Streich! Die Nummer 6 reiht sich nun beim Carlsen-Verlag in die gelungene wie erfolgreiche Agatha Christie Classics-Reihe ein und bietet auch diesmal Lese-Spaß für die Freunde von Graphic Novellen.

„Warum etwas ver(schlimm)bessern, wenn das Original so brillant ist?“ dachte sich wohl auch Pascal Davoz und hielt sich bei seiner Konzeption des Szenarios zu UND DANN GAB’S KEINES MEHR sehr nah am Roman von Agatha Christie, und er tat gut daran. Absolut schlüssig lässt er die Ereignisse auf der geheimnisvollen Insel Soldier’s Island ablaufen und hält sich selbst bei den Dialogen recht nah am Originalbuch.

Ja, auch im Falle dieser Graphic Novel wurde der für die Handlung so prägende aber in seiner Ursprungsfassung nicht mehr akzeptable Kinderreim zu „Zehn kleine Kriegerlein“ umgedichtet. Wie bereits in der aktuellen Übersetzung des Romans schmiegt sich dieser Kniff absolut harmonisch und somit ohne Brüche in die Handlung ein.

Zehn Männer und Frauen aus ganz unterschiedlichen Kreisen bekommen eine Einladung, die sie auf eine abgeschiedene Insel vor der Küste Devons lockt. Der Gastgeber, ein gewisser U.N. Owen, bleibt unsichtbar. Erst als die Gesellschaft beim Dinner zusammensitzt, ertönt seine Stimme aus einem alten Grammophon und verheißt Unheil. Ein Gast nach dem anderen kommt zu Tode, während die Verbleibenden verzweifelt versuchen, den Mörder zu enttarnen…

(Inhaltsangabe der Verlagsseite des Romans entnommen!)


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Auch Callixte (alias Damien Schmitz) war wieder mit an Bord und lieferte Illustrationen auf bekannt hohem Niveau. Das Setting, die Farbgebung sowie die sehr individuellen Physiognomien zum Handlungspersonal, die den Charakter der jeweiligen Person sehr passend wiedergab – alles entsprach wieder einem hohen Standard. Allerdings fehlte mir ein wenig das Unvorhersehbare, die Überraschung in der Darstellung, der Mut zum künstlerischen Risiko. So wirkte es auf mich ein wenig routiniert.

Interessanterweise wurde der Epilog, der als Erklärung für die Geschehnisse auf Soldier’s Island dringend benötigt wird, von Georges Van Linthout gezeichnet, der sich mit seinen Illustrationen sehr bemühte, nah am Stil von Callixte zu bleiben, dessen Qualität aber leider nicht gänzlich erreicht wurde.

Doch dies ist wahrlich nur ein Jammern auf hohem Niveau: Schlussendlich hielt ich eine gut umgesetzte Adaption eines Christie-Klassikers in meinen Händen und wurde durch sie abermals bestens unterhalten.


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551809100 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455016949 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3844550672
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Jean-Luc Fromental (nach Georges Simenon) – DER SCHNEE WAR SCHMUTZIG/ mit Illustrationen von Yslaire

Ich halte diese Graphic Novel in den Händen, und während ich lese und mein Blick über die Illustrationen wandert, fröstle ich, und ein unangenehmes Gefühl bemächtigt sich meiner. Ich spüre das Bedürfnis, DER SCHNEE WAR SCHMUTZIG zuzuschlagen und zur Seite zu legen, um mir eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Doch die Faszination an dieser Geschichte ist mächtiger. Wie durch einen Sog werde ich immer weiter in sie hineingezogen. Ein Entrinnen scheint nicht möglich…

Ein namenloses Land, von fremden Truppen besetzt. Der Winter will kein Ende nehmen. Frank Friedmaier wächst als Sohn einer Prostituierten in einem Bordell auf. Der 18-Jährige ist ein Kind seiner Zeit, die geprägt ist von Täuschung und Verrat. Frank hungert nach Erfahrungen, doch nichts vermag ihn zu befriedigen. Aus reiner Langeweile wird er zum Mörder und verschachert das Mädchen, das ihn liebt. Als er schließlich begreift, was er getan hat, und mit sich selbst ins Gericht geht, ist es zu spät.

(Inhaltsangabe der Verlags-Homepage des Romans entnommen!)

Düster, schwer, unerbittlich: Jean-Luc Fromental bleibt bei dem Entwurf seines Szenarios dicht am literarischen Original und folgt dessen Spur. Wie auch Simeon im Roman entwirft er eine Welt, in der die Regeln einer mitfühlenden Gesellschaft nicht mehr zu gelten scheinen. Mitgefühl, Rücksichtnahme und Erbarmen scheinen nicht mehr existent zu sein. Es ist nicht mehr „der Tanz auf dem Vulkan“, vielmehr haben unsere Protagonist*innen einen Schritt zu viel gewagt und schwanken bereits gefährlich nah am Abgrund – da würde nur der sanfteste Lufthauch genügen, und ein Sturz in die Tiefe wäre unvermeidbar.


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Auch bei Fromentals Adaption meine ich die grundlegende Frage herauszulesen, die bereits Simenon in seinem Roman heraufbeschwor: Was lässt einen Menschen kriminell werden? Sind es die Umstände, die einige Menschen dazu veranlassen, Verbrechen zu verüben? Schließlich kommt kein Mensch bereits als Verbrecher auf die Welt. Oder wie es Georges Simenon höchstpersönlich formulierte…

„Seit dreißig Jahren versuche ich nachzuweisen, dass es keine Kriminellen gibt,
sondern normale Menschen, die kriminell werden.“

Georges Simenons Geschichte hat nach all den Jahres nichts von ihrer Intensität verloren. Nun kommt auch eine visuelle Komponente hinzu, die Yslaire mit seinen Illustrationen eindringlich bedient. Farblich deutlich reduziert in schwarz-weiß, grau und sepia, wirkt die Akzentuierung einzelner Szenen, manchmal nur einiger weniger Details in der Farbe Altrosa fokussierend. Äußerst detailreich im Stil des Film noir komponiert er seine Bilder und wählt dabei Perspektiven, die die Emotionen intensivieren. Seine Protagonist*innen sind keine Schönheiten, es sind Typen, Individuen, Charaktere und darum so authentisch. Sie sind absolut keine Sympathieträger und sollen es auch nicht sein. Es sind Figuren, die mich abstoßen aber gleichzeitig faszinieren. Es sind Bilder, die auf mich gleichzeitig geheimnisvoll und ernüchternd wirken.

Die Faszination erwächst u.a. auch aus den Blick auf die seelischen Abgründe unserer Hauptfigur: Da ist seine Wandlung von einer scheinbaren Unantastbarkeit bis zur inneren Läuterung. Dabei ist diese Unantastbarkeit von Anfang an nur Schein, wie uns seine Träume offenbaren. Dort taucht immer wieder eine Katze auf. Und Katzen kreuzen während des Verlaufs der Geschichte auch immer wieder seinen Weg, sei es, dass sie im Treppenhaus über die Stiegen huschen, in den Ruinen auf Mäusejagd gehen oder als Statue auf einem Sockel im Stadtbild erscheinen. Doch wofür stehen diese Katzen? Ist unsere Hauptfigur etwa dem Irrglauben verfallen und wünscht sich die „neun Leben einer Katze“, das auf die erstaunliche Fähigkeit von Katzen anspielt, die gefährlichen Situationen oft unbeschadet entkommen und gleichzeitig ein hohes Maß an Anpassung zeigen? Da bleibt viel Raum für Spekulationen!

Mit „…und aus dem sehr weißen Himmel begann ein makelloser Schnee zu fallen.“ schließt diese äußerst gelungene Adaption eines Romans von Georges Simenon. Ich schlage den Buchdeckel zu und bin verwirrt. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, dürfen/müssen vielleicht auch unbeantwortet bleiben. Doch macht dies nicht den Reiz einer guten Geschichte aus, indem sie nicht alle ihre Geheimnisse enthüllt?


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551806376 / in der Übersetzung von Christoph Haas
ebenfalls erschienen als Roman bei Kampa / ISBN: 978-311133636 und als Taschenbuch bei Atlantik / ISBN: 978-455007848 
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Josephine Tey – DER FALSCHE ERBE

Faszination „Hochstapler“: Es gab sie immer und wird sie auch weiterhin geben – Menschen, die sich für etwas ausgeben, das sie nicht sind. Da wird in andere Berufe und Identitäten geschlüpft – manchmal weniger, oft höchst erfolgreich. Hinter dieser Fassade skrupelloser Lügen bleiben die Hochstapler erschreckend lange unentdeckt. Sollte ihr feingesponnenes Konstrukt dann tatsächlich zusammenbrechen, fragt man sich „Wie konnte es soweit kommen? Warum wurde er nicht schon früher enttarnt? Wie konnten die Menschen im jeweiligen Umfeld nur so dumm sein, um darauf reinzufallen?“

Es sind Fragen, die durchaus berechtigt erscheinen. Aber ist es nicht genau das, was uns auf diese charmanten und phantasievollen Persönlichkeiten, die außerhalb jeglicher Moral operieren, hereinfallen lässt: Der schöne Schein! Niemand von uns ist davor gefeit, sich blenden zu lassen, da wir eine innere moralische Hemmschwelle haben und voraussetzen, dass diese auch bei unserem Gegenüber vorhanden ist. Und wie sollten wir auch als Mensch und Gesellschaft weiter miteinander interagieren, wenn wir voller Misstrauen alles und jede*n hinterfragen müssten?

Der schöne Schein! Funktionieren Teile der modernen Blogger- und Influencer-Szene nicht genau nach diesem Prinzip? Filter drauf und aus dem grauen Mäuschen wird eine Beauty-Queen, KI bemüht und der Gernegroß präsentiert seinen Sportwagen.

Auch in der Literatur finden sich höchst faszinierende Hochstapler, sei es DER HAUPTMANN VON KÖPENICK von Carl Zuckmayer (1931), Thomas Manns BEKENNTNISSE DES HOCHSTAPLER FELIX KRULL (1954) oder auch Patricia Highsmiths DER TALENTIERTE MR. RIPLEY (1955), dem sie noch vier weitere Romane widmen sollte.

Doch Josephine Tey lässt ihren Held Brat Farrar in DER FALSCHE ERBE (1949) aus der Reihe der Archetypen herausstechen. Ihr Hochstapler zeigt Skrupel gegenüber denen, die er zu täuschen versucht…

Latchetts, ein Anwesen in Südengland, das seit mehr als dreihundert Jahren von der wohl­habenden Familie Ashby bewirtschaftet wird. Als der letzte Herr von Latchetts und seine Frau bei einem tragischen Flugzeugunglück ums Leben kommen, hinterlassen sie fünf Kinder. Die zwei ältesten, die Zwillinge Patrick und Simon, sind dreizehn Jahre alt; der wenige Minuten früher geborene Patrick soll einmal alles erben. Doch kurz nach dem Tod der Eltern verschwindet er, auf einer Klippe findet man seine Kleidung und einen Abschiedsbrief. Die Familie versucht, ihren Frieden mit seinem Entschluss zu machen, mit der Zeit verblassen die Erinnerungen an den tragischen Tag – bis Jahre später, kurz vor der Volljährigkeit Simons, ein charmanter junger Mann auftaucht, der dem künftigen Erben zum Verwechseln ähnlich sieht und behauptet, Patrick zu sein. Er kennt Details aus der Vergangenheit der Familie und jeden Zentimeter des Anwesens. Alle glauben, dass der Mann Patrick ist. Alle, bis auf Simon.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Keine Unsicherheit, kein Zweifel, keine falsche Fährte: Von Anfang an spielte Josephine Tey mit offenen Karten und weihte mich, ihren Leser in die wahre Identität des Hochstaplers ein. Ich wusste, welche Person sich wirklich hinter der Fassade des vermeintlichen Patrick Ashby verbarg. So machte sie mich zum stummen Verbündeten in dieser Scharade. Schmälerte dies etwa die Spannung in der Geschichte oder meine Freude an der Lektüre? Nein, ganz im Gegenteil! Ich begleitete Brat Farrar auf Schritt und Tritt, wie er sachte in das Familienleben der Ashbys involviert wurde.

Tey strickte um ihn eine so raffinierte Biografie, die sein Handeln nachvollziehbar, ja sogar entschuldbar machte. Sie zeichnete das Bild eines einnehmenden Charakters, bei dem mir nichts anderes übrig blieb, als ihm meine volle Sympathie zu schenken. Ihr Hochstapler ist eloquent, empathisch, mitfühlend und mit einem wahrhaftigen Interesse an seinen Mitmenschen ausgestattet. Somit war ich gänzlich auf Brad Farrars alias Patrick Ashbys Seite und zitterte gemeinsam mit ihm bei jeder Situation, bei der die Gefahr bestand, dass seine Tarnung auffliegen könnte.

Gleichzeitig schwebten immer die nicht unwesentlichen Fragen über der Szenerie, die sie in eine flirrende Unsicherheit tauchten: Was passierte wirklich mit dem wahren Patrick Ashby? War er tatsächlich durch einen Selbstmord ums Leben gekommen, oder hatte er diesen inszeniert, um unterzutauchen? Oder war er Opfer eines gewaltsames Todes, und wer aus seinem näheren Umfeld war daran beteiligt?

Josephine Tey erwies sich abermals als scharsinnige Erzählerin, die ungewöhnliche und vielschichtige Charaktere schuf. Sie spannte ein feines Netz aus Andeutungen, Vermutungen und Ahnungen, in dem ich mich als Leser heillos verfing. Ein Entkommen war mir nicht möglich, und so ließ ich mich dank ihrer exzellenten Erzählkunst durch eine spannende Handlung bis zum unausweichlichen „Grand Finale“ treiben.


erschienen bei OKTOPUS (Kampa) / ISBN: 978-3311300861 / in der Übersetzung von Harry Kahn & Christina Müller
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

LESE-HIGHLIGHTS 2025…

Nun ist das Jahr 2025 beinah Geschichte, und wieder frage ich mich, ob es für mich ein gutes oder ein schlechtes Jahr war. Wobei so ein Jahr für sich betrachtet weder das eine noch das andere Extrem sein kann. Das Jahr ist neutral. Vielmehr liegt es an mir (und an vielen Faktoren, die von Außen Einfluss nehmen), wie ich die mir zur Verfügung stehenden 12 Monate fülle und sich das Jahr dadurch für mich entwickelt.

Doch bleiben wir beim Jahr 2025: Die vergangenen Monate waren emotional, arbeitsintensiv, kraftraubend, aufwühlend und brachten schlussendlich eine entscheidende Veränderung. Doch hatte sich diese Veränderung nicht schon am Anfang des Jahres angekündigt? Hatte ich den Beitrag 7 WOCHEN ANDERS LEBEN: …fasten, wem fasten gegeben! nicht bereits mit den Worten „Anscheinend steht dieses Jahr bei mir ganz im Zeichen des Aufbruchs…!“ eingeleitet? Ja, die Veränderungen warfen schon ihren Schatten, doch ich benötigte offenbar deutlichere Impulse, bevor ich den Mut fand, Neues zu wagen.

Ich bin so dankbar, dass ich in all dem Chaos so viel Halt und Unterstützung erfahren durfte. Darum schicke ich voller Dankbarkeit einen herzlichen Gruß an meinen geliebten Gatten, meine wunderbare Familie und an liebe Freunde. Einen besonderen Dank sende ich an meine geschätzten Kolleg*innen, mit denen ich bisher zusammenarbeiten durfte, sowie an frühere Kolleg*innen, die mir abermals ihr Vertrauen schenken und zukünftig mit mir arbeiten werden.

Und ich merke besonders in diesen herausfordernden Phasen in meinem Leben, dass ich die Kultur so sehr brauche. Die Auseinandersetzung mit der Kultur in ihren vielfältigen Facetten ist mir Inspiration, Trost und Zerstreuung zugleich. Neben den Besuchen von Theatern, Konzerten und Ausstellungen zählt für mich natürlich auch die Literatur dazu, und so durfte ich meine Nase auch in diesem Jahr wieder in einige wundervolle Bücher versenken.

Und hier sind sie nun endlich, meine Lese-Highlights des Jahres 2025…



  • Der März begann mit der Entdeckung der äußerst gelungenen Graphic Novel DER PASSAGIER DER POLARLYS nach einem Roman von Georges Simenon. José-Louis Bocquet und Christian Cailleaux haben die düstere Atmosphäre des Originales sehr gut eingefangen.
  • Ebenfalls im März besuchte mich nach fünf langen Jahren der Abwesenheit eine meiner liebsten Schnüfflerinnen: FLAVIA DE LUCE. DES HENKERS LETZTE MAHLZEIT. Ich hoffe, dass ihr Schöpfer Alan Bradley uns nicht wieder so lange auf ihr nächstes Abenteuer warten lässt.
  • Im April entführte mich Štěpán Zavřel mit seinen absolut traumhaften Illustrationen im Bilderbuch TRAUM VON VENEDIG in die sagenhafte Lagunenstadt.
  • Der Mai brachte mir die Bekanntschaft mit der Autorin Kate Atkinson: Ihr neuster Roman NACHT ÜBER SOHO ist spannend, fesselnd und absolut vielschichtig.
  • Im Juni amüsierte mich Winifred Watsons charmanter wie humorvoller Roman MISS PETTIGREWS GROSSER TAG ganz famos und bescherte mir kurzweilige Stunden.
  • Im Juli traute ich mich abermals an Tomasz Jedrowskis IM WASSER SIND WIR SCHWERELOS. Bereits zwei Mal hatte ich diesen Roman zu lesen begonnen und wieder abgebrochen. Es lag definitiv nicht an der literarischen Qualität der Geschichte.
  • Ich liebe Musik: Sie umgibt mich täglich und zu (beinah) jeder Lebenslage. Doch wie entwickelt sich der persönliche Musik-Geschmack? Im August fand ich dank Michel Faber und seinem Buch HÖR ZU! Was Musik mit uns macht darauf und zu vielen weiteren Fragen die Antwort.
  • Ebenfalls im August tauchte ich mit den Illustrationen in ALLE FARBEN DES LEBENS in die wunderbar poetische Welt der Künstlerin Lisa Aisato.
  • Der Oktober überraschte mich mit der bisher besten Adaption eines Agatha Christie-Klassikers, die ich bisher lesen durfte. Als Graphic Novel konnte mich DIE MORDE DES HERRN ABC von Frédéric Brémaud und Alberto Zanon völlig überzeugen.
  • Im November startete ich mit meiner alljährlichen Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST:  Beim Lauschen der Hörspiele TOD UNTER LAMETTA. Teil 1+2 von Kai Magnus Sting bekam ich vor Lachen Schnappatmung. Kein Wunder bei dieser exquisiten Besetzung!
  • Doch auch Ernsteres hielt der November und somit die Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST bereit: Kirsten Boies Erzählung DER WEIHNACHTSFRIEDEN, zu der Claire Harrup stimmungsvolle Illustrationen geschaffen hatte, rührte mich zu Tränen.

…und das war er wieder, mein Lese-Rückblick auf das Jahr 2025, das viel zu schnell vergangen ist. Da bleibt mir nur noch eines zu erwähnen:

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2026!

Liebe Grüße
Andreas

[Rezension] Beate Maly – ADVENT IM GRANDHOTEL. Eine Weihnachtsgeschichte

Bereits zum 10. Mal lässt Autorin Beate Maly ihre Spürnasen wider Willen Ernestine Kirsch und Anton Böck im Wien (und Umgebung) der 20er Jahre ermitteln. Dabei schuf sie ein sympathisches Protagonisten-Paar, das in ihrem reifen Alter lieber gemeinsam in einer „wilden Ehe“ zusammenlebt, als alleine einsam zu sein.

So stoßen zwei sehr unterschiedliche Temperamente aufeinander, die sich bestens ergänzen: Anton ist eher der bedächtige, gemütliche, abwägende Charakter, während Ernestine voller Neugier ihren Mitmenschen gegenübertritt und eher die vorantreibende Kraft in dieser Beziehung darstellt. Für mich war es das erste Zusammentreffen mit diesen liebenswerten Best-Agern…

Advent 1926: Eigentlich wollten Ernestine und Anton nur eine Kunstauktion am winterlichen Semmering besuchen. Doch als das wertvollste Gemälde plötzlich verschwindet und das Südbahnhotel abgeriegelt wird, ist klar: Ein neuer Fall wartet auf die beiden. Während draußen der Schnee fällt, ist die Stimmung im Inneren des Hotels aufgeheizt – und jeder scheint ein Motiv für den Diebstahl zu haben.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Beate Maly kredenzt uns eine leichte Krimi-Kost voller Irrungen und Wirrungen, die flott zu lesen ist und mit dem Flair der 20er Jahre punktet. Die Autorin treibt die Handlung recht fix voran, als müsste sie innerhalb einer vorgegebenen Seitenzahl rasch zum Ende kommen, wobei einige „Zufälle“ leider etwas konstruiert auf mich wirkten. Bei allem Amüsement lässt sie gesellschaftsrelevante Themen der damaligen Zeit, wie der aufkeimende Antisemitismus oder auch Gewalt gegenüber Frauen, nicht unerwähnt.

Da hätte ich mir manchmal etwas mehr Tiefe gewünscht, die Möglichkeit, dass die Figuren „atmen“ dürfen und so aus dem Schablonenhaften heraustreten. An zwei Stellen im Roman hat die Autorin dies ermöglicht, beide Stellen haben mich sehr berührt, sie wirkten allerdings innerhalb des Gesamtkonzepts beinah wie Fremdkörper.

Die Autorin schreibt im Nachwort:

„Als Autorin finde ich die Kombination aus Vorweihnachtszeit und Krimi ein bisserl problematisch, denn es ist eine große Herausforderung, die Balance zwischen Spannung und Wohlfühlgeschichte zu halten. Ich hoffe, dass das gelungen ist.“

Ich hatte den Eindruck, dass sich die Waage eher Richtung Wohlfühlgeschichte neigt, und darum würde ich „Spannung“ auch gegen „Unterhaltung“ austauschen wollen. Denn unterhaltsam war dieser nette und gänzlich unblutige Krimi allemal, dessen Cover zudem so wundervoll stimmig im Jugendstil gestaltet wurde.


erschienen bei Emons / ISBN: 978-3740826017
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kai Magnus Sting – TOD UNTER LAMETTA. Teil 1+2 (Hörspiel)

Ich bin ja immer etwas zwiegespalten, wenn ein literarisches Werk – und zu diesen wollen wir ein Hörspiel mal zählen, denn schlussendlich liegt dem Ganzen ein Textbuch zugrunde – mit Preisen zugeschüttet und von der Kritik gelobhudelt wird. Nicht immer trifft das Urteil dieser hochintelligenten wie allwissenden Fachkräfte der Literaturszene meinen Geschmack.

Doch im Falle von TOD UNTER LAMETTA handelte es sich um den Publikumspreis, mit dem dieses Hörspiel im Rahmen der Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises 2019 gewürdigt wurde. Naja, und das Publikum, das sind ja schließlich Menschen wie „du“ aber auch wie „ich“. Also schauen wir (ergo „ich“) mal, oder vielmehr hören wir (wieder „ich“) mal, was das Publikum so zu frenetischen Begeisterungsstürme animiert hat.


3 CDs+Bonus-CD/ TOD UNTER LAMETTA. Teil 1+2 (2018-2020) von Kai Magnus Sting/ Buch: Kai Magnus Sting / Regie: Leonhard Koppelmann / Ton und Technik: Peter Harrsch / Dramaturgie und Redaktion: Uta-Maria Heim / mit Annette Frier, Jochen Malmsheimer, Bastian Pastewka und Kai Magnus Sting


TEIL 1 // Killende Weihnachtsmänner bringen in der Adventszeit 24 Leute um die Ecke: Tote werden mit Lichterketten erdrosselt, Leichen in Schneemännern versteckt, Glühwein, Gans und Knödel vergiftet. Und mittendrin Hobbydetektiv Alfons Friedrichsberg – hochintelligent, trinkt gern, isst noch lieber und hat immer das letzte Wort–, der dem mörderischen weihnachtlichen Treiben auf die Spur kommen will. Es hilft alles nichts: Um diesen Fall zu lösen, muss er ins Weihnachtskostüm springen. 

TEIL 2 // Kurz vor Weihnachten in einem verschneiten Luxushotel im Schwarzwald: Leute verschwinden spurlos. Der Yeti geht um. In der Heizung spukt‘s. Der Hoteldirektor weiß von nichts. Und zu guter Letzt gibt‘s statt der Bescherung eine mörderische Schneeballschlacht. Mittendrin Hobbydetektiv Alfons Friedrichsberg, der mit seinen beiden Freunden tief in seine kriminalistische Trickkiste greifen und sogar ins Christkindlkostüm schlüpfen muss, um dieses Abenteuer zu überleben.

 (Inhaltsangaben der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich lauschte und lachte. Dann musste ich zurückzappen, da ich vor lauter Lachen das Nachfolgende nicht verstanden hatte, um dann wieder zu lachen, worauf ich wiederum zurückzappen musste, um abermals…! Verdammt, so kann’s doch nicht weitergehen. So dauert’s ja ewig, bis ich zum Ende dieser Geschichte komme und endlich erfahre, wer der/die Mörder war(en). Wer hat denn überhaupt diesen Blödsinn verzapft? Kai Magnus Sting. Aha! Muss ich den kennen?

Kai Magnus Sting ist in der Comedy-Szene kein Unbekannter, nur leider an mir ist er gänzlich vorbeigehuscht. Doch dies hat sich nun mit einem Paukenschlag geändert. TOD UNTER LAMETTA, für dessen Buch sich Sting wohl oder übel verantworten musste, bezeichnete er selbst als Krimigroteske. Krimigroteske: So eine harmlose Bezeichnung für diesen irrwitzigen Spaß.

Vorab: Zur Freude eines jeden Produzenten besteht das Ensemble höchst kostengünstig aus nur vier Personen. Neben dem Autor „himself“ erhoben noch Jochen Malmsheimer, Bastian Pastewka und Annette Frier nicht nur jeweils die eigene Stimme. Will sagen: Sie frönten ihrer Lust an multiplen Persönlichkeiten, indem sie in eine Unzahl an unterschiedlichen Figuren schlüpften.

Regisseur Leonhard Koppelmann tat gut daran, den Spieltrieb dieser Vier nur dezent lenkend Einhalt zu gebieten. Ansonsten setzte er auf ein perfektes Timing, auch dank Peter Harrsch, der am Mischpult wahre Wunder vollbrachte und mit Musik und Geräuschen eine geniale Kulisse kreierte, die mich an die TV-Serien der 60er und 70er Jahre erinnerte.

Zur Erklärung: Jochen Malmsheimer spricht hauptsächlich unseren eher wenig jugendlichen Helden ALFONS FRIEDRICHSBERG. Bastian Pastewka und Kai Magnus Sting geben Friedrichsbergs Freunde JUPP STRAATEN und WILLI DAHL sowie alle weiteren männlichen Figuren, wobei Kai Magnus Sting auch als ERZÄHLER fungiert. Annette Frier leiht jeder der weiblichen Figuren eine ihrer mannigfaltigen Stimmen.

Jochen Malmsheimer mimt ALFONS FRIEDRICHSBERG (hochintelligent, verfressen, versoffen, Privatier und Hobbydetektiv) getreu dem Motto „Was schert es die deutsche Eiche, wenn sich ein Wildschwein an ihr schubbert?“, zumal er mit seiner markanten wie prägnanten Stimme und einer immensen Spielfreude eine deutliche Marke setzt. Wie Holmes seinen Watson hatte, so hat FRIEDRICHSBERG seinen JUPP STRAATEN, den Bastian Pastewka mit lakonischem Witz ausstattet. Als WILLI DAHL wird Kai Magnus Sting eher mitleiderregend von den zwei Freunden untergebuttert. Dafür glänzt er umso mehr als ERZÄHLER: Allein wie und mit welchem Wortwitz er hier intoniert, erinnerte mich stark an den wunderbaren Loriot. Annette Frier ließ mich staunen, da sie anscheinend über einen schier unendlichen Fundus an Stimmen verfügt und alle stimmlichen Facetten vom rustikalen Landei bis zur Femme Fatal beherrscht.

Apropos Loriot: Da kamen einige Passagen zu Gehör, die so grandios waren, dass sie auch direkt vom großen Meister des feinsinnigen Humors hätten sein können. Besonders Annette Frier und Bastian Pastewka werfen sich entsprechend meisterhaft die verbalen Bälle zu und switchen gekonnt durch die Dialekte und Stimmfärbungen. Da gab es höchst amüsante „Szenen einer Ehe“ zu belauschen, und sogar die Simultanübersetzung eines Gesprächs unter Chinesen wurde mir als Zuhörer geboten.

Das Buch von Kai Magnus Sting ist großartig abgedreht, erfreut mit witzigen Wortspielereien, glänzt mit Detailreichtum, bedient genüsslich hemmungslos jegliches Klischee und nimmt Anleihen von Monty Python bis Edgar Wallace, von Agatha Christie bis Arthur Conan Doyle. Mag es auch respektlos wirken, so ist dies doch eine liebevolle Hommage, mit der sich Kai Magnus Sting vor den Großen der Krimi-Zunft verbeugt.

Endlich gibt es ein wirksames Antidot für all diejenigen, die sich am süßlichen Kitsch, am Überfluss an Lichterketten, an Apfel, Nuss und Mandelkern, an „Last Christmas“ in Endlos-Schleife, an pappigen Lebkuchen, am überteuerten Glühwein, an einem unlustigen „Hohoho!“, an blinkenden Weihnachtsmannsmützen und an einer gezwungenen Besinnlichkeit sattgesehen, sattgehört, sattgegessen oder sonst wie gesättigt haben,…

…und so wünsche ich euch und all euren Lieben eine entschlackte Weihnachtszzzzz…

Der Schuss verhallt ungehört in den Weiten der Auen. In einiger Entfernung senkt der Weihnachtsmann die Waffe und murmelt in seinen weißen Rauschebart „Endlich ist er still!“. Neben ihm steht der Yeti und klopft ihm anerkennend auf die Schulter: „Guter Schuss!“. Arm in Arm verschwinden die Beiden im Dickicht des nahen Forsts, während über ihnen ein Sternlein blinkt: Es ist Advent!


erschienen bei der Hörverlag / ISBN: 978-3844540376
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Hörexemplar!