[Rezension] Agatha Christie – Der Hund des Todes. Erzählungen

Irgendwie hatte die „Queen of Crime“ einen deutlichen Faible zum Mystischen: Anders kann ich mir ihre Abstecher ins Übersinnliche und Gespenstische à la Edgar Allen Poe nicht erklären. Doch auch die Irrungen und Wirrungen der menschlichen Psyche bzw. die Psychoanalyse und die Psychiatrie scheinen ihr Interesse geweckt zu haben. Und so verließ sie immer wieder gerne die gewohnten Krimi-Pfade und schrieb Geschichten, die mich beim Lesen an die beliebten Horror- und Mystery-Comics meiner Jugend erinnerten – nur diesmal in Worte gefasst.

Schon bei Der seltsame Mr Quin ließ sie diese Vorliebe anklingen, der sie in dieser Anthologie noch hemmungsloser frönte: Mysteriöse Zeichen in Form eines riesenhaften Hundes warnen vor nahendem Unheil. Ein Neffe missdeutet die Warnung seines Onkels, der darauf einen gewaltsamen Tod findet. Eine scheinbar zufällig im Zugabteil zusammentreffende Gruppe von vier Männern muss schaudernd erkennen, dass ein dunkles Geheimnis sie miteinander verbindet. Da hören Anwohner aus einem Haus immer wieder das Weinen eines Kindes, obwohl dieses Haus schon seit Jahren nicht mehr bewohnt ist. Eine reiche Witwe glaubt wahnsinnig zu werden, weil aus einem Radioapparat die Stimme ihres verstorbenen Gatten ertönt. Ein junger Mann meint immer wieder zu einer bestimmten Tageszeit einen Hilferuf zu hören und zweifelt an seinem Verstand, da sein Umfeld diese Rufe nicht vernimmt. Ein anderer junger Mann benimmt sich plötzlich wie eine Katze und scheint seiner geheimnisvollen Stiefmutter hörig. Ein wohlhabender Mann hört – nachdem er Zeuge eines furchtbaren Unfalls wurde – immer wieder die zarten Töne einer Flöte und entscheidet sich für eine radikale Änderung in seinem Leben. Ein Medium steigert sich so sehr in ihre Trance hinein, dass sie den herbeigerufenen Geist materialisiert und daran verstirbt. Ein wie von Geisterhand auf einer staubigen Oberfläche erscheinendes SOS erregt die Aufmerksamkeit eines Reisenden, der dadurch einen Mord verhindern kann.

Zwischen all diesen Erzählungen, die von allerlei geheimnisvollen Ereignissen berichten, ragt Die Zeugin der Anklage beinah wie ein Fremdkörper heraus. Einerseits hat die Story mit über 70 Seiten einen deutlich üppigeren Umfang als die anderen Geschichten. Andererseits haben wir es mit einer klassischen Kriminalgeschichte zu tun, der das Übersinnliche gänzlich fehlt. Dies schmälert natürlich in keinster Weise die Qualität dieser Erzählung. Ganz im Gegenteil: Vielmehr zeigt sich hier Agatha Christies Können in Vollendung, und sie überraschte mich mit einer weiteren, mir bisher unbekannten Fassung. Mrs. Christie war sich nie zu schade, die eigenen Werke weiterzuentwickeln bzw. zu überarbeiten: Sie adaptierte gerne ihre Romane selbst für die Bühne und scheute sich nicht vor radikalen, doch bühnentauglichen Veränderungen. So wurde aus dem Roman Tod auf dem Nil mit Poirot das Bühnenstück Mord an Bord ohne Poirot. Und auch Die Zeugin der Anklage machte auf ihrem Weg von der kleinen Zeitungsgeschichte zur großen Bühne mehrere Metamorphosen durch.

Allein Die Zeugin der Anklage rechtfertigt schon den Erwerb dieses Buches – sofern eine Rechtfertigung nötig erscheint. Doch auch die anderen Geschichten verstanden es durchaus, mich zu unterhalten.


erschienen bei Atlantik / ISBN: 978-3455015034 / in der Übersetzung von Marfa Berger, Maria Meinert, Edith Walter und Renate Weigl

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gilbert Keith Chesterton – Pater Brown. Tod und Amen

Ungewöhnliche Ermittler*innen sind im Krimi-Genre äußerst beliebt: Da darf es gerne die altjüngferliche Lady aus einem verschlafenen Nest in der Provinz, der dickliche Privatdetektiv mit einem Hang zur Orchideenzucht oder das Violine spielende Superhirn mit mangelnder Empathie sein. Sie alle haben sich schon vor Jahrzehnten einen immerwährenden Platz im Herzen ihrer Leserschaft erobert. Besonders reizvoll scheint es allerdings, wenn die ursprüngliche Profession des Ermittlers scheinbar völlig konträr zu Mord und Totschlag steht. Da bewegt sich z. Bsp. ein Geistlicher von der göttlichen Kanzel hinab in die Untiefen der menschlichen Existenz, um dort die christliche Nächstenliebe zu propagieren: Der Himmel trifft auf die Hölle.

Als Gilbert Keith Chesterton zwischen 1910 und 1935 einundfünfzig Erzählungen über Pater Brown verfasste, die zunächst in Zeitschriften und anschließend zusammengefasst in fünf Sammelbänden erschienen, hätte er sicher nicht damit gerechnet, dass sich seine Schöpfung auch noch heute einer großen Beliebtheit erfreut und die Vorlage für manche filmische Umsetzung liefert(e). So schlüpften sowohl Alec Guinness als auch Heinz Rühmann für das Kino in die Soutane. Für das deutsche Fernsehen trieb erst Josef Meinrad und später Ottfried Fischer den Monsignore in die Verzweiflung. Und die BBC scheucht seit einigen Jahren höchst unterhaltsam Mark Williams als Schnüffler vor Gottes Gnaden über den Bildschirm.

Nun hat der kleinen, unbedeutenden Land-Pater, der sich eher bescheiden im Hintergrund hält und darum von Kriminalen und Kriminellen nur allzu gerne unterschätzt wird, seine Heimat im Schweizer Kampa-Verlag gefunden und befindet sich dort in bester Gesellschaft mit Kommissar Maigret, Commissaire Lacroix und  Chief Superintendent Gamache.

Für diesen Sammelband wurde die Übersetzung von Hanswilhelm Haefs, der nachgesagt wird, dass sie sehr nahe am englischen Original bleibt, behutsam von Julian Haefs redigiert und um die Übersetzung der noch fehlenden 51. Geschichte „Father Brown und die Midasmaske“ ergänzt. So umfasst dieser Schmöker stattliche 1268 Seiten incl. ein zwölfseitiges Nachwort und 67 Seiten an Anmerkungen. Besonders die Anmerkungen haben es in sich: Erklären sie doch so manche humoristische Anspielungen, politische Seitenhiebe und zeittypische Besonderheiten, die wir aus heutiger Sicht als Unkundige der damaligen Epoche nur schwerlich verstehen würden. Sind der Anmerkungen auch viele, so stören sie nicht den Fluss der Geschichte und können eher als Obolus betrachtet werden, der Rückschlüsse auf die persönliche Haltung des Autors zum jeweiligen Thema zulässt.

Allen Geschichten ist gemein, dass sie raffiniert konstruiert sind und gerne mit einem Twist überraschen. Unser Held trifft in seinen Abenteuern auf vielschichtige Charaktere in interessanten Settings, deren jeweilige Beschreibung der Autor sehr atmosphärische gestaltet. Dabei erfährt die geneigte Leserschaft von unserem Titelhelden recht wenig. Viele Details aus seiner Vergangenheit müssen aus Nebensätzen zusammengereimt werden. Pater oder vielmehr Father Brown (die englische Anrede Father wurde bei den Übersetzungen beibehalten) dient vielmehr als Projektionsfläche seiner Co.-Stars wie Valentin, Chef der Pariser Polizei, oder dem Meisterdieb Flambeau. Wer die kurzweilige BBC-Serie kennt und somit auch bei den Erzählungen humorvolle Krimi-Komödien erwartet, wird verwundert sein: Im Vergleich zur filmischen Adaption sind die Geschichten oftmals sehr düster, beinah gespenstisch-schaurig und manchmal durchaus brutal in ihrer Beschreibung der Morde. Unwillkürlich erinnerten sie mich an die Stories von Edgar Allan Poe, der als Wegbereiter des Symbolismus in der Literatur gilt. Ähnliches meinte ich auch bei G. K. Chesterton erkennen zu können, wo Alltägliches überhöht dargestellt wird und so an Bedeutung gewinnt.

Ich mag Anthologien sehr gerne. Bestenfalls (so wie hier) sind sie wie ein literarisches Büffet: Ich nasche mal hier, probiere mal da. So tat bzw. tue ich es auch bei diesem Werk: Von allen 51 Geschichten habe ich noch nicht gekostet. Doch das Buch liegt – wie eine offene Pralinenschachtel – immer griffbereit auf dem Tischchen neben meinem Lesesessel, und so kann ich jederzeit nach Lust und Laune „hineingreifen“ und weiternaschen!


erschienen bei Kampa / ISBN: 978-3311125662 / in der Übersetzung von Hanswilhelm Haefs und Julian Haefs

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Eine Leiche zum Advent. Das große Buch der Weihnachtskrimis/ herausgegeben von Otto Penzler

Mit Schwung wuchtete ich den Wälzer aus dem Bücherregal, schwankte leicht unter dem Gewicht, bis mein Gleichgewicht sich wieder ausbalanciert hatte, und taperte dann mit kleinen vorsichtigen Schritten Richtung Lesesessel. Mit einem leidvollen Stöhnen ließ ich mich ins Polster fallen, während besagter Wälzer auf meinem Bauch den nötigen Halt zur Ablage fand…!

Üppiges Format, über 700 Seiten starker Umfang, gefüllt mit 49 kriminellen Erzählungen: Bei der Zusammenstellung dieser Anthologie dachte Herausgeber Otto Penzler sicherlich nicht an „weniger ist mehr“. Vielmehr stand hier wohl eher „klotzen und nicht kleckern“ im Vordergrund. Und dabei bewies er zudem bei der Auswahl der Stories ein äußerst glückliches Händchen. Doch nichts anderes hätte ich von einer Koryphäe, wie er sie ist, auch erwartet. Schließlich zählt er zu den international führenden Fachleuten für Kriminalliteratur.

Nun ergeben – zumindest für mich – Krimis und Weihnachten den „perfect match“: Nichts fesselt meine Aufmerksamkeit mehr als ein zünftiger Mord – selbstverständlich nur rein literarisch: Wenn sich durch die perfekte Idylle langsam das Grauen seinen Weg bahnt, und die festliche Besinnlichkeit dem Horror eines Verbrechens weicht…! Vielleicht sollte ich Krimis schreiben?!

Nein, das überlasse ich doch lieber den Profis dieser Zunft. Selbstverständlich findet man in einer solchen Zusammenstellung auch die üblichen Verdächtigen: Da blinkt „Der blaue Karfunkel“ von Arthur Conan Doyle. Bei Mary Higgins Clark wird „Das große Los“ gezogen. Rex Stout schickt seinen Schnüffler Nero Wolfe auf „Die Weihnachtsfeier“. Edgar Wallace stolpert über „Die Chapham-Affäre“. Und Gilbert Keith Chesterton lässt Father Brown über „Die fliegenden Sterne“ sinnieren. Nun könnte ich mich über eine wenig originelle Auswahl mokieren, die wieder Werke beinhaltet, die gefühlt schon überall erschienen sind. Ich könnte mich mokieren, tue es aber nicht, da ich diese Entscheidung durchaus nachvollziehen kann. Eine Krimi-Anthologie ohne bekannte Namen würde dem durchschnittlichen Leser kaum einen Anreiz zum Kauf bieten. Seien wir ehrlich: Jeder von uns greift eher bei dem zu, was er kennt, oder?

So sind diese hinlänglich bekannten Geschichten, die in all den Jahren seit ihrer Entstehung nichts von ihrer literarischen Qualität eingebüßt haben, von weniger bekannten Geschichten „umzingelt“, die von Autor*innen stammen, die sich bzgl. Talent, Originalität und Qualität nicht hinter den großen Namen zu verstecken brauchen.

Zumindest mir waren Namen wie Catherine Aird, Thomas Hardy, Meredith Nicholson, Marjorie Bowen oder Norvell Page bisher kein Begriff. Wie schön, dass Penzler vor jeder Geschichte den/die Autor*in kurz vorstellt. Dabei sind so manche Kuriositäten zu entdecken: Da veröffentlichen zwei Cousins unter dem Pseudonym Ellery Queen äußerst erfolgreich ihre Kriminal-Stories, in denen sie ihren Detektiv ebenfalls Ellery Queen nennen. Oder Autor Peter Todd schenkte uns herrlich skurrile Sherlock Holmes-Parodien, in denen er die Marotten des Helden genüsslich persifliert, um sich durch sie gleichzeitig respektvoll vor der Vorlage zu verbeugen.

Zudem begeistert mich diese Zusammenstellung durch seine Vielfalt: Sei es aufgrund der unterschiedlichen Entstehungszeiten der Geschichten, der vielfältigen Ausdrucksformen der Autor*innen, der vielen phantasievollen Arten des „Um-die-Ecke-bringens“ oder der stilistischen Bandbreite, die von traditionell bis modern, von lustig bis unheimlich, von trashig bis rätselhaft reicht.

Oftmals gibt es bei solchen Anthologien einige herausragende Leistungen zu bewundern aber ebenso viel Mittelmaß zu ertragen. Ohne Licht gibt es eben auch keinen Schatten! Doch überraschenderweise konnte ich hier keinen nennenswerten literarischen Ausrutscher ausmachen. Im Gegenteil: Ich fühlte mich rundum bestens unterhalten!

Nun muss ich nur noch diesen Wälzer von meinem Bauch wieder unfallfrei ins Regal bugsieren…! 🙄


erschienen bei Bastei Lübbe/ ISBN: 978-3431039665

[Rezension] Gladys Mitchell – Geheimnis am Weihnachtsabend

Gladys Maude Winifred Mitchell (* 1901; † 1983) wurde in Oxfordshire geboren, studierte in London Geschichte und arbeitete als Lehrerin. Im Jahre 1929 erschuf sie die berühmte Detektivin Beatrice Adela Lestrange Bradley, die sie in über sechzig Kriminalromanen ermitteln ließ. Dabei bedachte sie ihrer Heldin mit Interessen, die durchaus ihren eigenen entsprachen:  So war Gladys Mitchell nicht nur eine fundierte Kennerin der Werke von Sigmund Freud sondern interessierte sich auch für Okkultismus. Neben Agatha Christie und Dorothy L. Sayers gehörte sie dem britischen „Detection Club“ an und erhielt 1976 die höchste Ehrung der Crime Writer’s Association. Die Romane wurden Ende der 90er Jahre unter dem Titel The Mrs. Bradley Mysteries von der BBC verfilmt – mit Diana Rigg (Mit Schirm, Charme und Melone) in der Titelrolle und Neil Dudgeon (Inspector Barnaby) als Chauffeur George.

Mrs. Adela Bradley, praktizierende Psychologin und selbsternannte Hobby-Detektivin, befindet sich mit ihrem Chauffeur George auf dem Weg zu ihrem Neffen Carey Lestrange, der in der Grafschaft Oxfordshire eine erfolgreiche Schweinezucht betreibt, um dort in geruhsamer Eintracht im Kreise von Familie und Freunden die Weihnachtsfeiertage zu verbringen. Nur leider bleibt es weder geruhsam noch einträchtig: Die Mär eines Geistes, der nur einmal im Jahr ausgerechnet am Weihnachtsabend erscheint und diejenigen, die ihn zu Gesicht bekommen, im Laufe des kommenden Jahres in den Tode zieht, erhitzt seit Generationen die Gemüter der Dorfbewohner. Auch an diesem Weihnachten sorgt die Geschichte für reichlich Gesprächsstoff, zumal alle von der dubiosen Wette eines Unbekannten wissen, der den ansässige Anwalt Mr. Fossder und den benachbarten Schweinezüchter Geraint Tombley mit der Summe von 200 Pfund herausgefordert hat, sich dem Geist entgegenzustellen. Als dann am Heiligabend die Leiche von Mr. Fossder auf einem Feldweg entdeckt wird, spricht offiziell von Seiten der Polizei alles für einen natürlichen Tod durch Herzinfarkt. Doch die eine oder andere Ungereimtheit, die bei oberflächlicher Betrachtung belanglos wirken könnte, erregt die Aufmerksamkeit von Mrs. Bradley. Gemeinsam mit ihrem Neffen Carey und dem Chauffeur George stürzt sie sich in die Ermittlungen…!

Bisher waren die Krimi-Ausgrabungen aus dem Klett-Cotta Verlag eine sichere Bank für kurzweilige Unterhaltung mit nostalgischem Charme. Und wenn ich mir die Vita der Autorin bzw. deren Stellenwert innerhalb der britischen Kriminalliteratur anschaue, dann war die deutschsprachige Veröffentlichung dieses Romans (bzw. ihrer Romane) mehr als überfällig. Und augenscheinlich schien dieser Krimi alle meine Erwartungen an einem „Whodunit“ zu erfüllen: eine engagierte Amateur-Ermittlerin, ein zupackendes Faktotum, ein üppiges Handlungspersonal mit vielen potentiellen Verdächtigen, jede Menge Verwicklungen…

…und auch wenn formal alles richtig zu sein schien, haderte ich mit diesem Krimi. Dies lang nicht unbedingt in der Tatsache begründet, dass der deutsche Titel einen süffigen Weihnachtskrimi versprach, die Handlung sich allerdings über mehrere Monate – von Weihnachten bis Pfingsten – hinzieht. Vielmehr musste ich mit Bedauern feststellen, dass mir selten eine Hauptperson so unsympathisch war wie Mrs. Adela Bradley. Beinah schien es, als hätten die Besonderheiten ihrer Patienten auf ihr eigenes Verhalten abgefärbt. So manche ihrer Reaktionen nahm ich als befremdlich wahr: hämisches Kichern, bösartiger Blick, Echsenlächeln. Zudem wurden ihre Hände immer wieder mit Klauen verglichen. Diese Beschreibung erschien mir ebenso wenig schmeichelhaft, wie ihre Angewohnheit, alle und jede*n als „Kind“ zu titulieren, was eher herablassend auf mich wirkte.

Dieser Krimi erschien im englischen Original unter dem Titel Dead Men’s Morris im Jahre 1936 und war schon der 7. Fall, in dem Mrs. Bradley die Krimi-Bühne betrat. Vielleicht hätten sich mir viele ihrer Eigenarten mit dem Wissen aus den vorherigen Romanen erklärt, mein Verständnis geweckt und sie weniger unsympathisch auf mich wirken lassen. So empfand ich eben diese Allüren mehr als nur irritierend.

Schade! Ich hatte mich so sehr gefreut, eine weitere amüsant-kauzige Protagonistin in die Reihen meiner geliebten wie verehrten Hobby-Ermittler*innen hinzufügen zu dürfen.


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608986730 / in der Übersetzung von Dorothee Merkel

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

LEKTÜRE zum FEST…

TATA! Ich bitte um einen Tusch! Kaum haben wir uns von T-Shirts und Shorts getrennt und sie zur Winterruhe gebettet, da steht WAS vor der Tür? Nein, nicht das Christkind und auch nicht der Weihnachtsmann – aber es wird Zeit für meine von mir so heißgeliebte Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST.

Und wieder habe ich eine Auswahl sowohl aus den Neu-Erscheinungen wie auch der Back-List getroffen. Dabei bin ich (natürlich) mehr als nur geringfügig fündig geworden. Wenn dies Jahr für Jahr so weitergeht, dann benötige ich für meine LEKTÜRE ZUM FEST bald einen eigenen Raum, ein eigenes Regal hat sie schon…!

Selbstverständlich darf beim Fest der Liebe auch ein zünftiger Weihnachts-Krimi nicht fehlen,…

  • Gladys Mitchell – Geheimnis am Weihnachtsabend
  • Eine Leiche zum Advent. Das große Buch der Weihnachtskrimis/ herausgegeben von Otto Penzler/ mit Illustrationen von Melanie Korte
  • Oliver Schlick – Rory Shy, der schüchterne Detektiv

Übersicht LEKTÜRE ZUM FEST 2022

...aber ich hoffe natürlich sehr, dass ich Euer Interesse ebenso für meine Auswahl an Klassikern, Erzählungen und Bilder-Büchern wecken kann, und – Wer weiß? – vielleicht verlockt Euch die eine oder andere Geschichte, sie in gemütlicher Zweisamkeit oder im Kreise Eurer Lieben vorzulesen. Es würde mich freuen!

  • Dawn Casey – Wir warten auf Weihnachten. mit den schönsten Wintergeschichten aus aller Welt/ mit Illustrationen von Zanna Goldhawk
  • Janosch – Morgen kommt der Weihnachtsbär
  • L. Frank Baum – Die abenteuerliche Geschichte des Weihnachtsmannes
  • Die Wunder zu Weihnachten. Geschichten, die glücklich machen/ herausgegeben von Clara Paul
  • Rainer Moritz – Fräulein Schneider und das Weihnachtsturnier
  • Froh und munter. Mit Weihnachtsgeschichten von F. Scott Fitzgerald, Sue Hubbell, Joan Aiken u.v.a./ herausgegeben von Shelagh Armit und Marie Hesse
  • O. Henry – Das Geschenk der Weisen. Und andere Weihnachtsgeschichten
  • Monika Utnik-Strugata – Die schönste Zeit. Weihnachten in aller Welt/ mit Illustrationen von Ewa Poklewska-Kozietto
  • Nikolai Gogol – Die Nacht vor Weihnachten/ mit Illustrationen von Mehrdad Zaeri

Ich wünsche Euch von Herzen sowohl kriminalistische wie auch besinnliche Lese-Stunden!

Liebe Grüße
Andreas


P.S.: Wenn Planung und Wirklichkeit aufeinandertreffen, da kann so einiges passieren. Darum: Alle Angaben ohne Gewähr! 😉


[Rezension] Robert Galbraith – Das tiefschwarze Herz: Ein Fall für Cormoran Strike

Edie Ledwell, die eine Hälfte des kreativen Teams um die erfolgreiche YouTube-Animationsserie „Das tiefschwarze Herz“, steht verzweifelt nach Hilfe suchend vor Robin Ellacott: Ein dubioser Fan mit dem Pseudonym „Anomie“ tyrannisiert sie im Netz aufs übelste. Aufgrund mangelnder Erfahrung im Bereich der Internetkriminalität lehnt Robin den Auftrag ab und verweist auf Detekteien, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben. Wenige Tage später wird die Leiche von Edie auf dem Highgate Cemetery, dem Schauplatz der Serie, aufgefunden – nur wenige Meter entfernt von ihrem lebensbedrohlich verletzten Kompagnon Josh Blay. Robin und ihr Partner Cormoran Strike setzen nun alles daran, um die wahre Identität dieses mysteriösen wie gefährlichen Gegners „Anomie“ zu entlarven. Doch mit ihrer Suche im Netz und den Ermittlungen im realen Leben nähern sie sich nicht nur Edie Ledwells Mörder Schritt für Schritt, sondern scheuchen auch eine rechtsradikale Vereinigung auf, der jedes Mittel recht ist, um weiterhin im Verborgenen operieren zu können…!

1343 Seiten, parallel abgedruckte Chat-Verläufe, Auszüge aus Twitter-Accounts, lange Dialog-Passagen über mehrere Seiten, ein üppiges Handlungspersonal mit Klarnamen und Internet-Pseudonymen: Robert Galbraith aka Joanne K. Rowling erzählt die Geschichte wieder mit langem Atem und erwartet diesen ebenso von der Leserschaft. Und wenn auch das parallele Lesen der Chats, das Zuordnen der Twitter-Nachrichten und das Verknüpfen der vielfachen Handlungsstränge mir meine volle Konzentration abverlangte, so saß ich wieder Stunde um Stunde – das schwere Buch mit beiden Händen auf meinem Bauch abstützend – in meinem Lesesessel und folgte gebannt der Handlung. Ich staunte über die detaillierten Verknüpfungen und war voller Hochachtung über den raffinierten Aufbau der Geschichte.

Mrs. Rowling liefert wieder einen perfekt inszenierten Krimi ab, lässt ihr Protagonisten-Paar gemeinsam mit der Leserschaft in die (Un-)Tiefen des Internetzes eintauchen und scheut auch nicht davor zurück, heikle Themen wie Pädophilie, Manipulation und Rechtspopulismus anzusprechen. Je mehr ich in die Handlung eintauchte, umso deutlicher offenbarten sich mir die Personen hinter den Pseudonymen. War ich anfangs durchaus in Versuchung, den einen oder anderen Chat-Verlauf nur oberflächlich zu lesen bzw. gänzlich zu überspringen, merkte ich sehr schnell, dass sich hinter scheinbar belanglosen Nebensätzen Informationen verbargen, die für das Verständnis der weiteren Geschichte wichtig waren, bzw. es mir erst ermöglichte, Verknüpfungen herzustellen. Seite für Seite schien die Handlung immer mehr an Tempo zuzunehmen, was schlussendlich in einem dramatischen Showdown endete.

Doch auch die Beziehungsebene zwischen Robin und Cormoran wird wieder ausführlich beleuchtet und erhält nachhaltige Impulse. So sind Heldin und Held zunehmend gezwungen, sich selbst ihre Gefühle zum Gegenüber einzugestehen, ohne dass dies zu einer Liebesschmonzette verkommt. Über nunmehr sechs Romanen hinweg hat die Autorin zwei ambivalente Charaktere erschaffen, wo jede*r über eine komplizierte Biografie verfügt. Mit dem Wissen um die erlittenen Erfahrungen aus der Vergangenheit agieren beide Personen nachvollziehbar und verständlich, gleichzeitig sorgt es für eine vibrierende Dramatik zwischen den mir so liebgewonnenen Hauptfiguren. Auch diesmal gönnt die Autorin ihrem Handlungspersonal eine Weiterentwicklung: Robin ist dem Status der Assistentin längst entwachsen, begegnet Cormoran auf Augenhöhe und ist so zur gleichwertigen Partnerin gereift.

Beim siebten Kriminalroman von Robert Galbraith erwarte ich somit eine längst überfällige Änderung im Titel: Ein Fall für Cormoran Strike sollte abgelöst werden von Ein Fall für Strike und Ellacott – Robin hätte es mehr als verdient!


erschienen bei Blanvalet / ISBN: 978-3764508173 / in der Übersetzung von Wulf Bergner,Christoph Göhler und Kristof Kurz 

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Josephine Tey – Alibi für einen König

Inspector Alan Grant vom Scotland Yard liegt nach einem berufsbedingten Unfall mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus, starrt zur Decke und langweilt sich. „Von Hundert auf Null“ wurde er aus seinem aktiven Berufsleben in die stupide Monotonie eines Krankenhausalltags katapultiert. So fühlt er sich äußerst nutzlos, was sich deutlich auf seine Laune auswirkt. Diese wird zunehmend schlechter – sehr zum Leidwesen des Pflegepersonals und seines Besuchs. Dabei versucht besonders die reizende Marta Hallard ihn mit dem neusten Klatsch und Tratsch aus der Welt des Theaters (Schließlich ist sie eine gefragte Schauspielerin.) zu unterhalten. Aber selbst die Histörchen über ihre junge Kollegin, die sich auf der letzten Amerika-Tournee den Erben eines Haushaltswaren-Imperiums geangelt hat, und der ihr über den großen Teich bis nach London gefolgt ist, können ihn nicht zerstreuen. Und so appelliert Marta an den kriminalistischen Instinkt von Grant, der sich in der Vergangenheit besonders durch das Studieren von Gesichtern hervorgetan hat, und liefert ihm eine Sammlung von Porträts zeitgenössischer wie historischer Persönlichkeiten. Eher Lustlos blättert Grant durch die Porträts, bis das Bild von Richard III ihn in seinen Bann zieht. König Richard III regierte das Land von 1483 bis zu seinem Tod im Jahre 1485, und „Dank“ der Tragödie aus der Feder von William Shakespeare wird er als skrupelloser Machtmensch gesehen, der angeblich rücksichtslos seine beiden minderjährigen Neffen tötete, nur um sich weiterhin den Thron zu sichern. Grants Interesse ist geweckt. Doch die Ausbeute an Geschichtsbüchern, die ihm das Pflegepersonal zur Verfügung stellen kann, deckt nur notdürftig seinen Wissensdurst – im Gegenteil: Vielmehr keimt in Grant der Verdacht, dass der König zu Unrecht verschmäht wurde. Da kommt Marta auf die glorreiche Idee, ihm Brent Carradine, eben jenen Erben eines Haushaltswaren-Imperiums, an die Seite zu stellen. Carradine ist momentan chronisch unterbeschäftigt und gerne bereit unter der Führung von Grant im British Museum zu recherchieren. Beide Männer stürzen sich mit Elan in die Aufgabe und graben Erstaunliches zu Tage…!

Hinter dem Pseudonym Josephine Tey versteckt sich die schottische Autorin Elizabeth MacKintosh, die sehr zurückgezogen lebte und öffentliche Auftritte scheute. Vielmehr ließ sie ihre Kriminalromane für sich sprechen. „Alibi für einen König“ belegt Platz 1 auf der Liste der 100 besten Kriminalromane der Autorenvereinigung „Crime Writers’ Association“ und wurde im Jahre 1969 mit dem „Grand prix de littérature policière“ geehrt. Dabei ist auch dieser Roman – wie auch schon Nur der Mond war Zeuge – wahrlich kein typischer Kriminalroman.

Tey verzichtet gänzlich auf die bekannten Zutaten eines klassischen Krimis. Vielmehr spielt der gesamte Roman ausschließlich im Krankenzimmer von Alan Grant und zieht seine Spannung aus den Dialogen der handelnden Personen. Humorvoll stellt Tey hier die unterschiedlichen Charaktere unserer beiden Helden gegenüber: Während Grant diesen „Fall“ eher analytisch aus der Sicht des erfahrenen Kriminologen betrachtet, lässt Carradine sich gerne von seinem jugendlichen Elan leiten.

So lässt Tey ihren Hauptprotagonisten bzw. seinen Kompagnon sich durch die Standardwerke der britischen Geschichte ackern und scheut – ganz im Sinne der Wahrheitsfindung – nicht davor zurück, Widersprüchliches aufzudecken und Ungereimtheiten offenzulegen.

Da ich kein Fachmann in Bezug auf die britische Geschichte bin, nehme ich die genannten Fakten, historischen Tatsachen und literarischen Verweise als authentisch hin. So kann ich über die Fülle der Zitate, die von der Autorin scheinbar akribisch recherchiert wurden, nur staunen und ihr dafür meine Hochachtung aussprechen.

Damit dieser Krimi nicht zu einer langweiligen wie auch langatmigen Unterrichtsstunde zur britischen Geschichte verkommt, erfreut die Autorin uns mit markanten Protagonist*innen, die durchaus den gängigen Klischees der Entstehungszeit des Romans entsprechen. Doch dies betrachte ich weniger als Nachteil. Vielmehr trägt dieser Umstand zum liebenswerten Flair dieses Krimis bei, zumal Tey ihre Held*innen charmant porträtiert und in sowohl amüsanten wie auch geschliffenen Dialogen miteinander agieren lässt.

Ich bin so froh, dass, neben all den Ostfriesenmördern und skandinavischen Psycho-Killern, die klassische Kriminalliteratur seit einiger Zeit eine Renaissance erfährt und (hoffentlich) weiterhin einen sicheren Platz bei rührigen Verlagen, im Buchhandel und somit auch im heimischen Bücherregal findet.


erschienen bei Oktopus / ISBN: 978-3311300359 / in der Übersetzung von Maria Wolff

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[Rezension] Agatha Christie – Alter schützt vor Scharfsinn nicht. Ein Fall für Tommy und Tuppence

Tommy und Tuppence Beresford sehnen sich nach einem ruhigen Plätzchen, wo sie sich nach all den aufregenden Jahren, in denen sie für den Secret Service gearbeitet haben, entspannt zurückziehen und ihren verdienten Lebensabend genießen können. Das kleine Cottage mit Namen „Lorbeerhaus“ scheint dafür wie geschaffen. Neben einigen Möbeln blieb auch eine große Anzahl an Büchern von den div. Vorbesitzern zurück. So stürzt sich Tuppence voller Begeisterung in die Sichtung und Sortierung der literarischen Schätze und schwelgt dabei in Erinnerungen an vergangene Lesefreuden. Doch in einer alten Ausgabe von Robert Louis Stevensons „Der schwarze Pfeil“ erregen plötzlich einzelne rot unterstrichene Buchstaben ihre Aufmerksamkeit. Akribisch blättert sie Seite für Seite weiter und reiht Buchstabe für Buchstabe aneinander…

M-a-r-y J-o-r-d-a-n i-s-t k-e-i-n-e-s n-a-t-ü-r-l-i-c-h-e-n T-o-d-e-s g-e-s-t-o-r-b-e-n
E-s w-a-r e-i-n-e-r v-o-n u-n-s

…lautet die geheimnisvolle Nachricht, die – laut Signatur auf der ersten Seite – der junge Alexander Parkinson wahrscheinlich schon vor Jahrzehnten in diesem alten Buch versteckt hatte. Tuppence wäre nicht sie selbst, wenn dies nicht Ihre Neugier wecken würde. Sie brennt darauf, Ermittlungen anzustellen und in die Vergangenheit des Hauses und seiner ehemaligen Bewohner einzutauchen. Tommy reagiert da deutlich reservierter. Erst als er bei einem Spaziergang über dem örtlichen Friedhof zufällig über den Grabstein von Alexander Parkinson stolpert und so erfährt, dass der Junge schon im zarten Alter von 14 Jahren verstorben ist, regen sich bei ihm Zweifel. Gemeinsam reaktivieren sie ihre Spürnasen und versuchen die geheimnisvollen Umstände von Mary Jordans Tod aufzudecken. Ein Umstand, der anscheinend von einigen Bewohnern im Dorf nicht gerne gesehen wird…!

Jaja, das Alter macht auch vor unseren „Partners in Crime“ nicht halt: Unsere Helden haben nun schon das Pensionsalter erreicht, und mit ihnen gemeinsam ist auch ihre Schöpferin gealtert. Im Jahr der Veröffentlichung (1973) war Mrs. Christie schließlich auch schon stolze 83 Jahre alt. In diesem Alter ist verständlicherweise kein Mensch mehr auf der Höhe seiner Schaffensphase, und dies merkt man diesem Roman leider auch an.

Irgendwie plätscherte die Handlung nur so vor sich hin. Mir schien es, als würde der Roman mit belanglosen Dialogen und dem Einführen von Personen, die für den Fortlauf der Handlung gänzlich unerheblich waren, nur künstlich aufgebläht. So war für mich bedauerlicherweise ein Spannungsaufbau ebenso kaum wahrnehmbar wie der Humor in der Charakterisierung der Personen.

Zum ersten Mal ertappte ich mich bei dem Gedanken, einen Christie-Krimi unbeendet zur Seite zu legen – ein Umstand, den ich als Fan nie für möglich gehalten hätte.

Doch dann überraschte Mrs. Christie mich mit Passagen, wo ihre alte Brillanz wieder zutage kam, sie mich mit geschliffenen Dialogen erfreute, oder ich gebannt ihren Ausführungen zum damaligen Zeitgeschehen folgte. Das Füllen der Lücken zwischen diesen Passagen würde ich wohlwollend als routiniert aber wenig inspiriert bezeichnen.

Bei diesem Spätwerk vermisste ich schmerzlich den Glanz ihrer vergangenen Romane. Doch ich kann ihr dies großmütig verzeihen: Werden wir nicht alle älter? Müssen wir uns mit dem Alter nicht alle von Fähigkeiten verabschieden? Doch ich hege die Hoffnung, dass ich dann imstande sein werde, dem eigenen Lebensabend weise und voller Gelassenheit entgegenzusehen…

…ebenso wie die Helden dieses Romans, die „Partners in Crime“ Tommy und Tuppence!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455014617

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[Rezension] Agatha Christie – Parker Pyne ermittelt

Kleinanzeige aus Agatha Christie - Parker Pyne ermittelt

…ist in einer schlichten Annonce in den Kleinanzeigen der Times zu lesen. Mr Parker Pyne, rund, klein und kahl, wirkt nun so gar nicht wie der Ritter in schimmernder Rüstung, der auf seinem edlen Ross herbeieilt, um die holde Maid aus ihrem Unglück zu befreien. Und trotzdem kennt er sich mit den menschlichen Höhen und Tiefen aus – zumindest theoretisch, da er 35 Jahre lang Statistiken bei einer staatlichen Behörde erstellt hat. Nun ist er in Rente und möchte die Theorie in der Praxis anwenden. Und so melden sich auf seine Annonce recht unterschiedliche Typen, um seine Dienste in Anspruch zu nehmen: Da ist die enttäuschte Hausfrau, die Angst hat, ihren Gatten an eine Jüngere zu verlieren. Oder der unbefriedigte Soldat, der nach seiner Pensionierung den Nervenkitzel in seinem Leben vermisst. Auch dem unscheinbaren Büroangestellten, der einmal nur aus seiner Bedeutungslosigkeit entfliehen wollte, konnte geholfen werden. Und selbst in seinem Urlaub ist Mr Parker Pyne nicht sicher vor Avancen, Aufträge zu übernehmen: Sei es, dass er die Hintergründe einer Entführung aufdeckt oder verschwundene Perlen seiner entzückenden Besitzerin zurück bringt. Parker Pyne scheint immer dort zur Stelle, wo Not am Mann bzw. an der Frau herrscht…

Es ist wahrlich erstaunlich: Selbst mir als bekennender Christie-Fan ist ein von ihr kreierter Ermittler durch die Lappen gegangen. Ach, was sage ich – er war mir schlicht und ergreifend nicht bekannt! Doch man möge mir verzeihen: Schließlich tauchte der kleine, rundliche Statistiker nur in dieser Sammlung von 12 Kurzgeschichten auf bzw. gönnte sich zudem noch mit 2 weiteren Geschichten einen Abstecher zur Anthologie „Die mörderische Teerunde“. Aus welchen Gründen der Atlantik-Verlag die beiden „abtrünnigen“ Geschichten bei der Neu-Auflage von „Parker Pyne ermittelt“ nicht berücksichtigte, entzieht sich leider meiner Kenntnis.

Doch zurück zu unserem Helden, der so wenig Heldenhaftes an sich hat: Beinah erhält man den Eindruck, als wäre Mr Parker Pyne ein Vorläufer des weltbekannten Hercule Poirot – allerdings in einer gemilderten Version. Zumal in beiden Settings dieselben Personen auftauchen: Auch Paker Pyne beschäftigt eine Miss Lemon als Sekretärin, und Christies „alter Ego“, die Kriminalschriftstellerin Ariadne Oliver gibt sich ebenso in einer Geschichte die Ehre (leider ist diese Geschichte nicht in dieser Sammlung enthalten). Doch ein Blick auf die Entstehungsjahre lehrt uns Besseres: So erblickte Hercule Poirot schon im Jahre 1920 das Licht der literarischen Welt, während Parker Pyne sich erst 1934 an die Öffentlichkeit wagte.

Alles in allem ist Pyne weniger pedantisch sondern vielmehr von einer bewundernswerten Gelassenheit. Auch versteht er es mit seiner sympathischen Art, sein Gegenüber eher für sich einzunehmen, die ihn allerdings aufgrund seines eher durchschnittlichen Äußeren gerne unterschätzen. Spielen die ersten 6 Fälle noch in London bzw. in dessen Umgebung, wo Parker Pyne sich auf ein Team von bemerkenswerten Charakteren verlassen kann, zieht es ihn in den nachfolgenden 6 Geschichten alleine zwecks Urlaub in die Fremde. Gänzlich auf sich gestellt löst er aber auch dort vor den verführerischen Kulissen von Ägypten, Syrien oder Griechenland die verzwicktesten Rätsel.

Alles in allem vereinigt dieses Buch eine Sammlung kleiner, feiner Unterhaltungs-Krimis, die mir beim Schmökern eine Menge Kurzweile geschenkt haben, zum Miträtseln einluden und mit so manchem unvorhersehbaren Twist überraschten. So manches Mal hatte sich die Geschichte recht verworren in eine Richtung entwickelt, dass ich mich mittendrin „auf halber Lese-Strecke“ fragte „Wie kommt er (Parker Pyne) bzw. vielmehr sie (Agatha Christie) aus dieser Nummer wieder raus?“.

Doch wen wundert’s: Gemeinsam schafften sie es jedes Mal auf’s Wunderbarste!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455013641

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gilbert Adair – Und Action! Miss Mount und der Mord am Filmset

So sehr hatte Chefinspector a.D. Eustace Trubshawe, ehemals Scotland Yard, gehofft, diese Stimme nie wieder hören zu müssen. Doch kaum stolpert er zufällig in den Teesalon des Ritz Hotels als die unüberhörbare Stimme der erfolgreichen Krimiautorin Evadne Mount durch den Raum schallt. Seit ihrem letzten Zusammentreffen in Zusammenhang mit den Geschehnissen auf ffolkes Manor sind sage und schreibe 10 Jahre vergangen, und Evadne ist nicht gewillt, ihren alten Sparringspartner so schnell wieder aus ihren Fängen zu lassen. Unversehens findet sich Eustace mit ihr auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung im Theater wieder, bei der auch Evadnes langjährige Freundin, die kapriziöse Schauspielerin Cora Rutherford mitwirkt. Cora hofft auf ein Comeback, da sie eine Rolle im neuesten Film des Star-Regisseurs Alastair Farjeon ergattern konnte. Doch noch bevor die erste Klappe fällt, kommt der Meister bei einem Feuer in seinem Haus ums Leben. Die Filmwelt ist erschüttert über diesen Verlust, dafür umso überraschter als bekannt wird, dass sein Kompagnon Rex Hanway die Regie bei „Wenn sie je meine Leiche finden“ übernehmen wird. Hanway entpuppt sich als ebenso genial wie der große Farjeon – beinah scheint es so, als würde sein Genie durch Hanway weiterleben. Darum wundert sich niemand, dass Hanway immer wieder das Drehbuch ändert, um seine spontanen wie genialen Regieeinfälle einzubauen. Äußerst tragisch wird es erst, als nach einem dieser Regieeinfälle ausgerechnet Cora Rutherford vor laufender Kamera stirbt. Sie wurde vergiftet, und nur sieben Personen wussten von dieser kurzfristigen Änderung – Evadne Mount und Eustace Trubshawe eingeschlossen…!

„Agatha Chrisite lebt.“ wird Der Spiegel auf dem Umschlag zitiert. Ganz so weit würde ich nicht gehen, obwohl sich ein Vergleich mit der „Queen of Crime“ in Bezug auf Spannungsaufbau, Figurenkonstellation etc. durchaus aufdrängt. Doch auch diesmal kann ich mich nur selbst zitieren:

„Autor Gilbert Adair erfindet das Genre wahrlich nicht neu. Vielmehr spielt er mit den Erwartungen, die die Leserschaft an einen guten, alten, englischen Krimi haben, und erfüllt uns diese.“

Und genau das ist es, was auch diesen Krimi zu einem gelungenen Cosy-Krimi macht. Es macht einfach Spaß, dieses liebenswert-kauzige Duo gehobenen Alters bei ihren Ermittlungen zu begleiten. Es macht einfach Spaß, zu rätseln, welche realen Personen für das Handlungspersonal Pate standen. Es macht einfach Spaß, in diese fiktive Welt einzutauchen. Es macht einfach Spaß, diesen Krimi zu lesen.

Sind auch die Dialoge diesmal nicht ganz so witzig-spritzig wie bei seinem Vorgänger, so sind sie weiterhin gut durchdacht, flüssig formuliert und charakterisieren die Personen prägnant. Und auch diesmal liefert uns der Autor am Ende einen interessanten Twist zur Auflösung, den ich allerdings schon vorab erahnen konnte.

Doch schlussendlich, was erwarte ich von einem Cosy-Krimi? Ich erwarte ziemlich genau nur das Eine, nämlich, dass er mich gut unterhält! Und dies ist diesem Krimi famos gelungen!


erschienen bei Oktopus (bei Kampa)/ ISBN: 978-3311300298

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!