[Die Bücher meines Lebens] Truman Capote – Frühstück bei Tiffany

– 2002 –


Na, da bist du ja wieder, Holly Golightly! Wie viele Jahre haben wir uns nicht gesehen? Dabei haben wir uns nie aus den Augen verloren – vielmehr: Ich habe dich nie gänzlich aus den Augen verloren. Manchmal hat sich mir vielleicht etwas in den Vordergrund gedrängt und dich verdeckt (Als wenn es möglich wäre!), aber du bist nie völlig aus meinem Blick entschwunden. Häufig hörte ich schon die ersten zarten Töne deiner Gitarre, lange bevor ich dich erblickte. Im Gegenzug hast du mir nie Deine Aufmerksamkeit geschenkt. Warum solltest Du auch? Ich gehörte nie zu deinen präferierten Verehrern: zu unscheinbar, zu mittellos, zu wenig Stiel. Ich spiele nicht in deiner Liga! Aber das ist absolut okay für mich. Ich bin sehr zufrieden mit meiner stillen Beobachter-Rolle und sehr glücklich, hin und wieder meinen Blick auf dich, du kapriziöses Geschöpf, werfen zu dürfen…!

„Moon river, wider than a mile / I’m crossing you in style some day!“

Na, da bist du ja wieder, Holly Golightly! Und nach all den Jahren, nachdem Truman Capote im Jahre 1958 zum ersten Mal der Welt von deiner Existenz berichtete, hast du nichts von deinem Zauber eingebüßt. Dabei lag selbst die Geschichte, die Truman uns erzählte, schon einige Jahre zurück: Es war 1943 als Du in dieses alte Backsteinhaus in der East Side von New York gezogen bist – zusammen mit dem namenlosen Kater, den du irgendwann am Flussufer aufgegabelt hattest. Da er dir nicht gehörte, wolltest du ihm auch keinen Namen geben. Du wolltest nichts in Besitz nehmen, solange du nicht die Stelle gefunden hast, wo du und dein Besitz gemeinsam hingehören. Heute weiß ich, dass du nach einem Ort gesucht hast, den du hättest „Heimat“ nennen können…!

„Oh, dream maker, you heart breaker / Wherever you’re goin‘, I’m goin‘ your way!“

Völlig egal ob deine Geschichte 1943, 1958, 1961, 2002 oder heute erzählt wird: Du bist so jung, so schön, so mondän, so voller Klasse – und so modern, eine moderne Frau mit einer Vergangenheit voller Geheimnisse und einer Zukunft voller Ungewissheit.

Völlig egal ob du mir schwarz auf weiß oder in Zelluloid gehüllt erscheinst: Dein Lächeln betört, dein Blick verlockt, dein Charme verführt und deine Grazie überwältigt – und sei gewiss, dies wird sich nie ändern. Eine bitter-süße Wehmut überkommt mich, da ich spüre, dass du längst schon wieder fort bist – lange bevor der letzte Ton deiner Gitarre verstummt ist.

Am Briefkasten des Backsteinhauses in der East Side klebt immer noch deine Visitenkarte (das einzige, das du dir von Tiffany leisten konntest) mit dem Aufdruck „Miss Holly Golightly, Auf Reisen“.

Der namenlose Kater hat seine Heimat gefunden. Du bist weiterhin auf Reisen.

Lebe wohl, Holly!

❤️


erschienen bei Langen-Müller/ ISBN: 978-3784429946 / Neu-Auflage erschienen bei Kain & Aber/ ISBN: 978-3036951591


[Rezension] Shaun Bythell – Tagebuch eines Buchhändlers

…ZUM WELTTAG DER BUCHHANDLUNGEN


FREITAG, 22. AUGUST

Online Bestellungen: 3 / Gefundene Bücher: 2

Nach dem Mittagessen bin ich zu meinen Eltern gefahren, um ein Gewehr zu holen und damit auf einen Kindl zu schießen (kaputter Bildschirm, für 10 Pfund auf eBay erstanden). Es war unglaublich befriedigend, ihn in tausend Stücke zu ballern.

Einnahmen insgesamt: 296,47 Pfund / 20 Kunden

„The Bookshop“ ist die größte Buchhandlung für antiquarische Bücher in Schottland und ein Mekka für Buchliebhaber. Damit alles (manchmal mehr, meistens weniger) reibungslos läuft ist viel Arbeit, Herzblut und eine enorme Portion Humor von Nöten. Der Inhaber Shaun Bythell hat von allem zuhauf und lässt uns anhand seines Tagebuchs am ganz normalen Wahnsinn eines Buchhändlerlebens teilhaben. Statt romantischer Verklärung gibt es hier einen kurzweiligen aber durchaus realistischen Einblick ins Alltags-Geschäft: skurrile Kunden, vorlaute Angestellte, Kampf mit den großen Anbietern und ihren Online-Portalen, Ärger mit der Technik, der Post oder sonstigen Unvorhersehbarkeiten.

Ich staunte über Bythells Ideenreichtum, um sich und den Laden durch die täglichen Untiefen zu lotsen. Der Tagebuch-Schreiber passt in seiner kauzigen, liebenswerten Art hervorragend in das Ambiente eines Antiquariats und vergisst nicht, mit Ironie vom eigenen Scheitern zu berichten.

Kontinuierliche Handlung, Spannungsbogen, Weiterentwicklung des Handlungspersonals: Dies sucht die geschätzte Leserschaft hier vergeblich. Es ist eben „nur“ ein Tagebuch, wie es ja auch auf dem Cover steht: „Drin ist was drauf steht!“ So ist die Länge der einzelnen Einträge auch stets überschaubar. Im Großen und Ganzen ist „Tagebuch eines Buchhändlers“ sehr kurzweilig zu lesen, amüsiert und bietet sich wunderbar für die Lektüre zwischendurch an – ohne das die Gefahr besteht, den Faden zu verlieren und nicht mehr in die Handlung hineinzufinden (Handlung! Welche Handlung?). Leider birgt dies auch die leise Gefahr, in Beliebigkeit abzugleiten, da sich vieles wiederholt. Auch die Zitate von George Orwell aus „Erinnerungen an eine Buchhandlung“, die jedem Monat vorangestellt wurden, helfen da leider nur bedingt.

Die Tätigkeiten eines Buchhändlers sind eben alles andere als glamourös sondern eher von einer immer und immer wiederkehrenden und sich ständig wiederholenden Routine gekennzeichnet. Und doch aller erwähnten Untiefen bleibt die Botschaft unumstößlich: Der Besuch eines Buchladens, der von Büchermenschen mit Herz und Leidenschaft geführt wird, ist ein Erlebnis für alle Sinne und kann durch keinen Klick in einem Online-Shop ersetzt werden.

Hier ein sowohl optischer als auch akustischer Spaziergang durch „The Bookshop“:


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442718658

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kathrin Aehnlich – Wie Frau Krause die DDR erfand

„Wild Ost“ lautet der Arbeitstitel einer 6-teiligen Fernsehserie, die erstmals vom wahren Leben in der ehemaligen DDR erzählen soll. Isabella Krause, ein Kind des Ostens und am „Tag der Republik“ geboren (…Zufall, da bei der Frau Mama die Wehen zu früh einsetzten!), stolpert als durchaus gelernte aber erfolglose Schauspielerin in ein Casting und erhält den Auftrag zehn ganz normale Ost-Deutsche zu finden, die von ihrem Leben unter diesem politischen Regime erzählen. Frau Krause findet sie: authentisch, unverstellt und ganz normal. Doch dem westdeutschen Regisseur sind diese Menschen zu normal und (vor allem) zu unspektakulär. Er will das brutale, ehrliche Leben – oder vielmehr: das Leiden – unter Diktatur, Mangelwirtschaft und Staatssicherheit sehen. So bleibt Frau Krause nichts anderes übrig, als die realen Schicksale mit Hilfe ihrer Schauspielfreunde „aufzuhübschen“…!

Was ist übrig geblieben nach 30 Jahren Wiedervereinigung? Welche Klischees sind standhaft im west-deutschen Gedächtnis haften geblieben? Wie war es denn, das Leben der anderen? Die Deutsche Demokratische Republik bestand eben nicht nur aus Diktatur, Mangelwirtschaft und Staatssicherheit. Für die dort lebenden Menschen war dieses Land vorrangig Heimat…, Heimat und ein Zuhause: Da wird sich arrangiert und werden Kompromisse gefunden. Niemand (egal ob in Ost oder in West) hinterfragt seine Heimat. Wir werden hineingeboren und sehen es als gegeben an. Als Zuhause gilt ganz sicher nicht das vorherrschende politische Regime sondern die Familie, die Freunde und Arbeitskollegen, der Heimatort und die Landschaft. So war auch ein friedliches, „ganz normales“ Leben in der DDR möglich.

Kathrin Aehnlich räumt mit den Klischees zwischen Ost und West auf. Dabei geht sie sehr behutsam vor, demaskiert weder die Menschen im Osten noch im Westen des Landes, offenbart aber auch die Tragödien, die hinter der Wiedervereinigung stecken.

„Wiedervereinigung“ ist auch so ein Wort, das nicht richtig benennt, was es beschreiben soll! „Wiedervereinigung“ klingt nach „Zwei Partner, die getrennt wurden, finden wieder zueinander!“. Trifft es das? Hatten wir es mit zwei gleichberechtigten Partnern zu tun? Ich hatte eher den (natürlich subjektiven) Eindruck, dass der Osten seine Identität verlor und sich dem Heilsbringer West beugen musste. Auch durchaus Positives aus dem Osten wurde zur Seite gedrängt oder verwestlicht.

Ich kann mich noch sehr gut erinnern: Nach Öffnung der Grenze und nachdem die erste Euphorie abgeklungen war, veränderte sich die Stimmung im Westen. Niemanden ging es trotz Aufbau Ost und Solidaritätszuschlag schlechter, und trotzdem wurden „kritische“ Stimmen laut und die Vorurteile geschürt: „Der Ossie nimmt uns die Arbeitsplätze weg.“, „Der Ossie weiß ja gar nicht, wie man richtig arbeitet.“ und „Die sollen die Mauer lieber wieder aufbauen – aber diesmal 3 Meter höher…!“. Übrigens erklangen in Ost wie in West ähnliche Töne zur Flüchtlingswelle in der jüngeren Vergangenheit.

Die gewaltfreie Revolution vor 30 Jahren mit der anschließenden Wiedervereinigung ist ein Meilenstein unserer Geschichte. Wir können wahrlich stolz sein!

Kathrin Aehnlich ist ein wunderbares, kleines Buch gelungen, das anschaulich einen humorvollen Einblick in die gesamtdeutsche Seele gewährt und gleichzeitig zart und pointiert Schicksale porträtiert. So stehen diese kleinen, anrührenden Lebensläufe zurecht im Zentrum der Aufmerksamkeit des Lesers und bilden den Schwerpunkt des Romans und nicht die Titelgebende „Erfindung der DDR“.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143168

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Friedrich Christian Delius – Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Was macht ein Leser, wenn er beim Verlag um ein bestimmtes Rezensionsexemplar bittet und ein gänzlich anderes Buch vom selben Autor erhält? Dieser Leser (Finger zeigt auf mich!) nimmt es als Fügung, da er schön häufiger die wunderbare Erfahrung machen durfte, dass Bücher, die unverhofft in das Blogger-Lese-Leben treten, sich durchaus zu einer besonders überraschenden Lektüre entpuppen können.

In diesem Fall sandte mir der Verlag satt „Die Birnen von Ribbeck“ diesen Roman zu, und wie meine geneigte Leserschaft meinem fb-Post vom 20. September entnehmen kann, habe ich völlig unbefangen mit der Lektüre begonnen…

…und nach 108 Seiten wieder abgebrochen.

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Ein ergrauter Wirtschaftsredakteur wird nach wiederholter öffentlicher Kritik an Politik und Industrie von seinem Verlag „freigestellt“. Diesen Umstand nimmt er zum Anlass, seine Gedanken und Ansichten – diesmal frei und ohne Zensur – in Form eines Tagebuchs der nächsten Generation (in seinem Fall: seine Nichte Lena) als Vermächtnis zu hinterlassen. Seine Tagebucheintragungen setzen am 30.09.2017 ein. Somit steht das Zeitgeschehen der jüngsten Vergangenheit im Zentrum seines Schreibens…!

Erfrischend fand ich die Entscheidung des Protagonisten, seine Tagebuchaufzeichnungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit niederzuschreiben ohne mit Klicks, Likes und Follower zu kokettieren. Dieser Entscheidung kann ich durchaus etwas abgewinnen, spiele ich doch selbst mit dem Gedanken meine fb-Seite einzustellen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit steht es jedem frei, „vom Leder zu ziehen“, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und sowohl rücksichts- als auch hemmungslos seine Meinung kund zu tun. Nur leider handelt es sich hierbei um einen Roman (zumindest steht es so auf dem Cover), und somit ist die Öffentlichkeit leider nicht ausgeschlossen. Vielmehr lässt er die Öffentlichkeit (also in diesem Fall: mich) in kurzen und weniger kurzen Tagebucheintragungen teilhaben an seinen Gedanken zur Merkel-Regierung, zu den geplatzten Jamaika-Verhandlungen, der Flüchtlingspolitik und den Wehwehchen von überbezahlten Fußballern. Seine Ansichten und Meinungsäußerungen mutieren schnell zum Altherren-Gejammer und Stammtisch-Gefasel und wirken unangenehm besserwisserisch auf mich. Auch empfand ich seine beinah paranoide Angst vor der Machtübernahme der Chinesen als äußerst ermüdend.

Es war nun nicht so, dass mich die Lektüre verärgerte, amüsierte oder sonst wie emotional berührte: Sie lies mich erstaunlich gleichgültig zurück – ein Zustand, in dem ich mich beim Lesen möglichst nicht befinden möchte.

Vielleicht bin ich auch schlicht (und dies darf diesmal wörtlich genommen werden) und ergreifend für diese Art der Lektüre nicht intelligent oder nicht intellektuell genug (Vielleicht sogar sowohl das eine als auch das andere!). Aber auch diese Erkenntnis werde ich verkraften, mit ihr weiterleben und irgendwann mit ins Grab nehmen…!

„Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.“
Theodor Fontane


erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3737100762

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Susanne Scholl – Die Damen des Hauses

Vier ältere Damen unterschiedlicher „Couleur“ ziehen – nach Scheidung, Trennung bzw. Tod der Ehemänner und Lebensabschnittgefährten – zusammen in eine Wohnung und meistern gemeinsam ihren Alltag zwischen ersten Wehwehchen, neugewonnener Freiheit, amourösen Begegnungen sowie Freud und Leid um Kinder und Enkelkinder. Mehr braucht es nicht, um den Inhalt dieses Romans zu beschreiben.

Es hätte durchaus ein intelligenter Lesespaß, der generationsübergreifend für Erheiterung sorgt, werden können. Es hätte werden können…!

In den ersten vier Kapiteln werden „die Damen des Hauses“ von der Autorin Susanne Scholl sehr kurzweilig mit ihren Lebensgeschichten vorgestellt und liefern somit die Erklärung, warum sie sich zwangsläufig zu dieser Wohngemeinschaft zusammenfinden mussten. Die Autorin gibt gekonnt Einblicke in die Vita der jeweiligen Protagonistinnen und weckt Verständnis für die charakterlichen Besonderheiten ihrer Damen, die alle durch ihre individuellen Lebensumstände geprägt wurden. Dies geschieht auch sprachlich sehr ansprechend, weckt beim Leser die Neugier auf die weiteren Kapitel und schürt die Spannung auf den Moment, wenn diese sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten in der Wohngemeinschaft zusammentreffen bzw. aufeinanderprallen. Einem Psychogramm gleich taucht sie ein in die Gefühls- und Gedankenwelt der Frauen und lässt den Leser teilhaben. Es war mir eine Freude, dies zu lesen.

Ab Kapitel 5 glaubte ich plötzlich, einen anderen Roman zu lesen. Ich rieb mir erstaunt die Augen und konnte es kaum glauben, dass die nachfolgenden Kapitel von ein und derselben Person verfasst wurden. Für mein Empfinden hat sich der Schreibstil ab dem 5. Kapitel verändert, und ich fühlte mich plötzlich 30 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt: In den 90ern gab es mit „Neuer deutscher Frauenroman“ ein Genre auf dem Buchmarkt, das so bedeutende „Meisterwerke“ wie „Suche impotenten Mann fürs Leben“ und „Das Superweib“ hervorbrachte. Genau an diese Werke fühlte ich mich erinnert.

Während „die Damen des Hauses“ im ersten Teil sich meiner Sympathie sicher sein konnten, wirkten sie nun eher unbedeutend und verloren mit zunehmender Seitenzahl mein Interesse. Mir fehlten die Wärme in der Charakterisierung und das Verständnis in der Beschreibung ihrer allzu menschlichen Macken, und ich stellte mir die Frage, ob die Autorin ihre Heldinnen überhaupt mag.

Es wird gestritten, getriezt und geschrien. Statt scharfsinnige Weisheiten und heiter-ironische Bemerkungen folgen Dialoge auf Dialoge: Die Protagonistinnen reden sehr viel, haben aber wenig zu sagen. Ihre Beweggründe und somit ihre Gefühls- und Gedankenwelten bleiben dem Leser verborgen. Auch findet keine tiefer gehende Auseinandersetzung mit ihrer in den ersten vier Kapiteln beschriebenen Vergangenheit statt. Alles wirkt sehr oberflächlich, sehr plakativ: Ein Vertiefen in die Psyche der Damen wurde tunlichst vermieden. Und selbst in den wenigen wehmütig-anmutenden Situationen zieht es die Autorin vor, ihre Protagonistinnen sich lieber anzicken zu lassen als gegenseitige Solidarität zu bekunden (Dass ein wertschätzendes Porträtieren der älteren Generation durchaus möglich ist, hat eine Kollegin der Autorin in diesem Jahr schon eindrucksvoll bewiesen.).

Viele der momentan brisanten Themen unserer Zeit werden flüchtig aufgegriffen: Da bekommt Matteo Salvini aus Italien ebenso sein Fett weg, wie der Ex-Ehemann mit seinem frauenverachtenden Verhalten. Die lesbische Tochter heiratet und nimmt mit ihrer Ehefrau ein traumatisiertes Pflegekind auf. Eine andere Tochter unterstützt unbegleitete minderjährige Flüchtling. Als „Omas gegen rechts“ wird an Demonstrationen teilgenommen, und auch ein aktuelles „Meisterwerk der Literatur“ mit dem Titel „Fifty Shades of Grey“ wird in Zusammenhang mit Sex im Alter ebenso bemüht wie die Themen Demenz, Tod und Sterben. In der Summe ist es zu viel, im Detail zu wenig.

Es ist so schade! Wäre die Autorin ihrem anfangs gewählten Stil treugeblieben, hätte es vielleicht eine intelligente, warmherzige und humorvolle Lektüre, die mich bis zum Schluss begeistert, werden können.


erschienen bei Residenz/ ISBN: 978-3701717194

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Christopher Isherwood – Leb wohl, Berlin

Willkommen! Bienvenue! Welcome!

Berlin, Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts: Der junge Schriftsteller Christopher Isherwood kommt in diese pulsierende Metropole auf der Suche nach Inspiration für einen Roman. Inspiration findet er nicht – dafür verleiten ihn die vielen Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten: Persönlichkeiten, die nur eine Stadt wie Berlin hervorbringen oder anlocken kann.

Inspiration! – Inspiration brauchte der reale Isherwood nicht zu suchen! Inspiration hatte Isherwood zuhauf direkt vor seiner Nase!

Da ist seine ältliche Zimmerwirtin Fräulein Schroeder, die ihren besseren Zeiten hinterher träumt und trauert, über ihre Mieter stellvertretend am Leben teilnimmt und sich gezwungenermaßen mit jeglicher Regierung akklimatisiert. Was bleibt ihr auch übrig: Wo soll sie sonst hin?

Da ist der junge Otto Nowak, der mit seiner Familie in einem Hinterhof des Hinterhofs eines Hinterhofs lebt, und die in ihrer erbärmlichen Trostlosigkeit willig den Nährboden bietet für die Versprechungen der Nazis.

Da ist der intellektuelle Bernhard Landauer, Geschäftsmann aus dem noblen Villenviertel, der in seiner passiven Resignation gegenüber der Realität zwangsläufig zum Opfer für die Gräueltaten der Nazis wird.

Da ist die kapriziöse Sally Bowles, semi-talentiert aber dafür selbst-überschätzend, mit einem Hauch Verrücktheit, einer sexuellen Freigiebigkeit und einem hohen Maß an Unkompliziertheit, die in der damaligen Zeit sowohl für Faszination wie für Verwirrung bei ihren Mitmenschen sorgt.

 „Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich nehme auf, ich denke nicht.“

Der Autor wirkt beinah neutral und begegnet seinen Protagonisten wertfrei: Er ist Beobachter, nicht Analytiker. Er beschreibt die Szenerie durchaus detailliert aber unvoreingenommen. Trotzdem schafft er Atmosphäre ohne indifferent zu erscheinen.

Er porträtiert seine Protagonisten mit Witz, vermeidet es indes, sie der Lächerlichkeit preiszugeben – im Gegenteil: Oftmals offenbart sich in den alltäglichen Szenen und den scheinbar belanglosen Begegnungen eine bemitleidenswerte Tragik. Während die ersten Kapitel noch sehr detailliert das Geschehen wiedergeben, wirkt das letzte Kapitel mit seinen kurzen Episoden wie schnelle Schlaglichter, die eine wahrgenommenen Situation fragmentiert wiederspiegeln und trotz ihrer Kürze das Vage einer zunehmend unsicheren Wirklichkeit vermitteln.

Somit ist Christopher Isherwoods Episodenroman aus dem Jahre 1939 ein literarisches Zeugnis seiner Zeit und spiegelt eine Gesellschaft im Umbruch wieder: Das Weltoffene und Tolerante der Weimarer Republik ist noch spürbar, das Kleingeistige und Menschenverachtende des Nationalsozialismus ist schon zu erahnen. Das Berlin einer Sally Bowles wird bald Vergangenheit sein: Eine Epoche neigt sich dem Ende entgegen…!

Auf Wiedersehen! A bientôt! Good night!

Foto Gedenktafel, Nollendorfstraße 17 in Berlin-Schöneberg.jpg
Foto: Gedenktafel am Haus Nr. 17 in der Nollendorfstraße in Berlin-Schöneberg

erschienen bei Hoffmann & Campe/ ISBN: 978-3455405002

[Rezension] P. G. Wodehouse – Auf geht’s, Jeeves!

„Da weiß Jeeves sicher einen Rat!“, „Mit diesem Problem wende ich mich an Jeeves!“, „Was meint Jeeves denn dazu?“ Jeeves hier! Jeeves da! Immer nur heißt es „Jeeves“! Natürlich hat es auch durchaus seine angenehmen Vorteile, einen intelligenten Butler zu haben, den Freunde wie Verwandte gerne konsultieren. Aber deshalb bräuchte man ihm, Bertram „Bertie“ Wooster, ja nicht gleich die Intelligenz gänzlich abzusprechen. Er findet, es wäre höchste Zeit, seinen Butler in die Schranken zu weisen, und so übernimmt er flugs persönlich die Lösung einiger Problemchen im Freundes- und Familienkreis. Und da gibt es so einiges zu erledigen: Die Ent-lobung seiner Cousine Angela mit Tuppy Glossop muss unter allen Umständen rückgängig gemacht werden. Die Ver-lobung zwischen seinem Freund Gussie Fink-Nottle und Madeline Bassett muss unter allen Umständen forciert werden. Und die drohende Trennung von Onkel und Tante aufgrund Tante Dahlias Spielschulden muss unter allen Umständen verhindert werden.

Also spinnt Bertram Wooster in seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung seine hirnrissigen Ideen und spielt höchstpersönlich den Schicksalsgott. Nur leider sind seine Ideen – wie gewohnt – sehr unausgegoren: Er lässt mögliche Konsequenzen gänzlich unberücksichtigt und hinterlässt so eine Schneise der emotionalen Verwüstung. Die Welt der oberen 10.000 versinkt im Chaos, bis Jeeves eingreift…!

Ich sitze auf meinem Sofa mit der Nase in diesem Buch, kichere vor mich hin oder lache schallend auf und ertappe mich dabei, wie ich ganze Passagen laut lese: Welch ein grenzenlos alberner Spaß…!!!

P. G. Wodehouse ist ein absoluter Könner der leichten Posse, ein nimmermüder Verfasser humoristisch-ironischer Dialoge und ein kolossaler Profi im Verteilen von satirischen Seitenhieben auf die gehobene Gesellschaft. Wer in den „Jeeves“-Geschichten von Wodehouse irgendeinen Realismus sucht, der wird sehr, sehr lange suchen müssen und schlussendlich erschöpft und erfolglos aufgeben. Hier verbinden sich die Übertreibung, das Hemmungslose und die Frechheit zu einer respektlosen Leichtigkeit. Nährwert: Fehlanzeige! Spaßfaktor: „…bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter!“

Teilweise sind die Dialoge so fein-gemein-spitzzüngig, dass sie mich schier verführt haben, sie laut vorzulesen, um noch eine größere Wirkung zu erzielen: Da buddelte sich in mir der Vor-Leser, die alte Rampensau, wieder einmal hemmungslos an die Oberfläche!

Zudem möchte ich Thomas Schlachter meinen allerhöchsten Respekt für seine gelungene Übersetzung zollen: Ich kann sicher nur ansatzweise erahnen, wie herausfordernd es für einen Übersetzer sein musste, die vielfältigen Bonmots, fantasievollen Beschimpfungen und bildhaften Beschreibungen aus dem Englischen adäquat ins Deutsche zu übersetzen – ohne den Witz des Originals zu schmälern und den Lesefluss zu behindern. Chapeau! Das Nachwort von Denis Scheck liefert ferner aufschlussreiche Hintergründe über Wodehouses Leben.

Nur bedauerlicherweise habe ich nun ein äußerst verzwicktes Problem: Wodehouse lesen macht süchtig – süchtig nach einem Mehr an Geschichten, bei denen ich mich beim Lesen so heiter „sophisticated“ fühle, während in meinem Kopf alte Cole Porter-Songs den idealen Soundtrack bilden und so meine Seele gänzlich unbeschwert zum „Swingen“ bringt.

Book-Dealer, ich komme!


erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458177036

[Rezension] Ben Aaronovitch – Die Flüsse von London

Dies ist keine Rezension!

Was könnte ich Euch mit einer Rezension noch Neues mitteilen, dass nicht schon längst auf Buch-Portalen und Internet-Foren die div. Rezensierenden mehr als ausführlich mit ihren Rezensionen getan haben? Wie könnte ich Euch diesen Roman noch origineller näher bringen, ohne meine Vor-Rezensierenden zu kopieren und somit deren geistiges Eigentum schamlos zu missbrauchen? Mir fällt nix ein!

Darum erspare ich mir die Mühe, eine Rezension zu verfassen, versuche mich stattdessen, kurz und knapp zu halten und erkläre Euch nur…

a). Worum es in dieser Roman-Reihe eigentlich geht, bzw. womit sie zu vergleichen ist?

und

b). Warum Ihr die Bücher durchaus lesen solltet?

Also…

a). Stellt Euch folgendes vor: Ein etwas naiver aber sympathischer Constable Ben Jones geht bei einem Inspector Tom Barnaby, der einen „besonderen“ Abschluss per Fernstudium an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei absolviert hat, in die Lehre und darf sich seitdem mit allerlei kriminellen Gestalten aus dem Dies- und Jenseits herumschlagen.

und

b). Da ich schon div. Krimis innerhalb einer Serie sammle (und natürlich auch lese), wollte ich „eigentlich“ auf GAR KEINEM FALL mit einer weiteren beginnen. Doch nun nenne ich auch schon den zweiten Band mein Eigen (…und die weiteren, schon erschienenen Bände tummeln sich auf meiner Wunschliste.). Das konnte selbst die mythologisch-angehauchte und völlig unnötige Nebenhandlung nicht verhindern! Ich finde, dies spricht eindeutig für die Qualität des restlichen Romans.

Nur wünschte ich mir ebenfalls einen Zauberspruch, wenigstens um mir mehr Zeit zum Lesen zu erzaubern!!! (Furunculus! – Oh, verdammt, das war der falsche…!)


erschienen bei dtv/ ISBN: 978-3423213417

[Rezension] Eva Woska-Nimmervoll – Heinz und sein Herrl

Heinz und sein Herrl.JPG

Kennt Ihr das auch? Ihr lest ein Buch! Es ist wahrlich nicht schlecht, aber trotzdem…!?

So erging es mir mit „Heinz und sein Herrl“, das mich während der Lektüre immer wieder etwas ratlos innehalten lies. Nun sitze ich vor dem Computer-Bildschirm, starre auf die Tatstatur und versuche, eine Begründung dafür zu finden. Mehrfach habe ich hier schon betont, dass ich Bücher, die mir nicht gefallen, nicht bis zum Ende lese und somit auch keine Rezension darüber verfasse. Diesen Roman habe ich bis zum Ende gelesen! Also muss er mir gefallen haben! Irgendwie…!

Ich habe schlicht und ergreifend etwas anderes erwartet! Anhand der Ankündigung des Verlages habe ich eine witzige, leichte, doch schwarzhumorige Geschichte erwartet, die mich immer wieder vergnügt auflachen lässt. Dass meinen Erwartungen nicht entsprochen wurden, dafür kann ich erstmal weder der Autorin noch ihrer Geschichte einen Vorwurf machen.

„Auf halber Strecke“ empfand ich die Lebensentwürfe der Protagonisten weniger erheiternd als vielmehr deprimierend. Manchmal ertappte ich mich dabei, dass die Protagonisten mich merkwürdig unbeteiligt und somit ein Mitleiden und –fühlen nicht zuließen. Ich wollte dieses Werk schon unter der Rubrik „Falscher Roman zur falschen Zeit“ verbuchen, als plötzlich der Knoten platze.

Unversehens war sie da, die von mir so erhoffte Leichtigkeit: Nachdem ich meine Erwartungen „abgehakt“ und meine Enttäuschung überwunden hatte, konnte ich mit freiem Blick diesen Roman weiterlesen.

Hund Heinz lebt mit seinem Herrchen in einem Wiener Gemeindebau. Ihr Leben läuft in für sie sicheren, monotonen Bahnen, bis der unfreundliche Nachbar, der Heinz immer mit „Scheißköter“ beschimpft, nach einem Streit stürzt und später im Krankenhaus verstirbt. Heinz Herrchen macht sich große Vorwürfe, ob er nun am Tod des unfreundlichen Nachbarn die Schuld trägt und macht sich zum Zwecke der Selbstanzeige auf den Weg zur Polizei. Dabei wäre sein geruhsames Leben schon ohne diesen Vorfall gänzlich durcheinander, hatte er doch zufällig eine wunderbare Frau kennengelernt. Zu allem Überfluss flattert auch noch ein Erpresser-Schreiben in sein Mail-Postfach…!

Eva Woska-Nimmervolls Sprache ist locker, leicht und durchaus pointiert. Ihre Personen entsprechen so ganz und gar nicht dem gängigen Mainstream: Es sind Personen mit Ecken und Kanten, mit Problemen und „Zuständen“, nicht schön aber individuell und somit gezeichnet vom Leben. Nachdem der Knoten bei mir geplatzt war, nahm die Geschichte für mich an Fahrt auf und schenkte mir „mit einem Augenzwinkern“ ein kleines, feines Happy End.

Am Schluss waren „Heinz und sein Herrl“ und ich miteinander versöhnt, so dass ich ihm und mir eine gemeinsame zweite Chance zugestehe und den Roman nach einiger Zeit nochmals lesen werde – diesmal mit realistischen Erwartungen!

erschienen bei Kremayr & Scheriau/ ISBN: 978-3218011556

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Birand Bingül – Der Hodscha und die Piepenkötter

Passend zu den anstehenden Wahlen am 26. Mai (Neben der Europawahl wird in einigen Bundesländern auch der Land- bzw. Kreistag gewählt.) habe ich einen etwas älteren Roman aus meinem Regal gekramt:

In einer mittelgroßen Stadt unserer Republik geschehen merkwürdige Dinge: Die Oberbürgermeisterin Frau Ursel Piepenkötter kämpft mit harten Bandagen um jede Stimme im Wahlkampf zu ihrer Wiederwahl, und der neue Vorsteher der islamischen Gemeinde Nuri Hodscha kämpft mit nicht minder harten Bandagen um die Bau-Genehmigung einer adäquaten Moschee für sich und seine Glaubensbrüder und -schwestern. Und schon liegen sich diese beiden Dickköpfe, beide von ihrer Mentalität her Alpha-Tiere, kräftig in den Haaren: Mal behält sie Oberwasser, mal hat er die Trümpfe in der Hand. Ein amüsanter, verbaler Schlagabtausch beginnt und steigert sich zunehmend zur spannenden Polit-Satire.

Hierbei scheuen die beiden Streithähne nicht davor zurück, ihre Kinder in ihre Machenschaften mit hineinzuziehen. Während sich zwischen Hülya, der Tochter von Nuri Hodscha, und Patrick, dem Sohn von Ursel Piepenkötter, eine scheue Liebesbeziehung anbahnt, sind die beiden ständig hin und her gerissen zwischen Loyalität zu ihrem jeweiligen Elternteil und Verwunderung bzw. Wut über so viel Unverstand – und zeigen dabei deutlich mehr Vernunft und Reife als ihre Eltern.

Birand Bingül schafft es ganz ausgezeichnet, glaubhafte Personen zu beschreiben, die sehr menschlich agieren. Hier gibt es nicht nur SCHWARZ und WEISS – sondern er kreiert die Personen in allen Fassetten, in allen Farbtönen des Lebens und ergreift dabei nie Partei (außer in seiner Ablehnung gegenüber radikale Islamisten und Rechtsradikale). Dabei nutzt der Autor auch die Einteilung der Kapitel, um dem Leser die zunehmende Spannung zu vermitteln, werden hier doch die noch verbleibenden Tage bis zur Wahl angegeben.

Beim Lesen musste ich immer wieder schmunzelnd feststellen, wie ähnlich sich diese beiden Kontrahenten sind und als Team mit Sicherheit unschlagbar wären.

Besonders amüsierten mich auch die Zwiegespräche Nuri Hodschas mit Allah, bei denen mir bestätigt wurde, was ich immer vermutet hatte: Allah ist mächtig, Allah ist weise, und (vor allem) Allah ist sehr modern und weltoffen. Und Allah darf diesen Roman auch schließen, indem er den Leser mit einer leichten Ahnung, dass wir vom Hodscha und von der Piepenkötter noch weiteres hören bzw. lesen werden, entlässt.

Übrigens: Personen und Handlung sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist natürlich rein zufällig – NATÜRLICH!


erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3862520152