[Rezension] Margaret Mitchell – Vom Wind verweht (Neu-Übersetzung)

Zuerst jahrzehntelang geliebt, verehrt, mit Tolstois „Krieg und Frieden“ verglichen und mit einem Hollywood-Monumentalfilm geadelt; dann beinah ebenso lange verspottet, zur seichten Hausfrauen-Lektüre abgekanzelt und als „politically incorrect“ verfemt: Nun startet Margaret Mitchells Erstlingswerk – wie Phönix aus der Asche steigend – hoffentlich zu einem neuen Siegeszug durch die Buchhandlungen. Zu verdanken ist dies einem rührigen Verlag, der das Potenzial hinter der trivial anmutenden Story erkannte, und das Wagnis einging, eine neue Übersetzung in Auftrag zu geben: Denn die Welt hat sich seit der ersten Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach aus dem Jahre 1937 stark gewandelt. Begrifflichkeiten müssen neu überdacht und der Blick auf das Werk neu justiert werden. Und so steht in meiner Rezension auch weniger die Handlung an sich im Vordergrund – zumal ich bei einem so populären Werk den Inhalt als bekannt voraussetzen darf – vielmehr werde ich meinen Fokus auf die Übersetzungen richten. Seit etlichen Jahren steht eine gebundene Ausgabe von Vom Winde verweht in meinem Bücherregal, begleitet mich schon beinah ⅔ meines Lebens und fand somit auch Eingang in meiner Sammlung Die Bücher meines Lebens. So schlug ich neugierig (aber auch ein wenig ängstlich) die ersten Seiten der neuen Übersetzung auf und begann mit der Lektüre. Zum besseren Vergleich habe ich mir die Mühe gemacht und einige Kapitel bzw. einzelne Passagen beider Übersetzungen parallel gelesen.

Schon beim Titel fällt eine kleine aber sehr bedeutende Änderung auf: Im Zuge der Neu-Übersetzung ging dem Titel ein Buchstabe verloren. Aus dem dramatisch-schwülstigen „Vom Winde verweht“ wurde ein klareres „Vom Wind verweht“. Es ist erstaunlich, wie das Weglassen eines einzigen Buchstabens den Klang eines Titels verändern kann.

Wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, entstand die erste Übersetzung unter Zeitdruck: Der Erfolg des Romans schwappte über den großen Teich. David O. Selznick hatte die Filmrechte erworben und startete auf der Suche nach der Hauptdarstellerin eine Werbekampagne, die bisher einzigartig in den USA war. Der deutsche Verlag wollte möglichst schnell die Nachfrage seiner Leser*innen befriedigen: Eine deutsche Übersetzung musste her. Vielleicht lässt sich so die eine oder andere Lücke in der Handlung, die eine oder andere „holprige“ Übertragung erklären. Und doch hat Martin Beheim-Schwarzbach damals nicht schlechter gearbeitet. Schließlich war seine Übertragung ein Produkt der damaligen Zeit und begeisterte über Jahre Hunderte von Leser*innen. Damals herrschten eben ein anderer Duktus und ein anderer Ton vor, und somit ist Beheim-Schwarzbachs Leistung im historischen Kontext nicht minder zu achten.

Was häufig im Zuge der Popularität des Filmes vergessen wird, ist, dass wir es hier mit einem gut konstruierten Roman zu tun haben, der immerhin mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Ich glaube kaum, dass eine vor Kitsch triefende Liebes-Schmonzette (in deren Ecke „Vom Winde verweht“ gerne gedrängt wurde) diesen renommierten Preis erhalten hätte. Margaret Mitchell wandte sich gegen dem damals vorherrschenden Trend und schuf mit Scarlett O’Hara und Rhett Butler zwei Anti-Helden, die beide völlig gegen dem gängigen Klischee agierten und denen ein Happy End verwehrt wurde. Ihr Werk kann sowohl als Anti-Kriegs- als auch als Emanzipations-Roman gesehen werden.

Auf stattlichen 1328 Seiten durchleben Mitchells Protagonist*innen existenzielle Veränderungen und sind Schicksalsschlägen ausgesetzt, die sie zwingen, ihre wahren Charaktere zu offenbaren. Dabei liegt der Fokus deutlich verstärkt auf den weiblichen Figuren, die hier vor dem Hintergrund einer sich schnell verändernden Zeit gezwungen werden, eine rapide Entwicklung zu durchlaufen. Den Leser*innen wird ein buntes Kaleidoskop an (vornehmlich) weiblichen Identifikationsfiguren präsentiert: Neben den unterschiedlichen Mütter-Figuren wie Ellen O’Hara oder Beatrice Tarleton, die mit sehr antagonistischen Methoden Familie, Bedienstete und Plantage managen, gibt es mit der Sklavin Mammy eine resolute Persönlichkeit, der ihr Stand zwar bewusst ist aber sich von ebensolchem Dünkel nicht befreien kann. Scarlett O’Hara vereint in ihrem egoistischen, dem eigenen Vorteil bedachten und sprichwörtlich über Leichen gehenden Verhalten eher männliche Züge. Diesen Widerspruch zum damalig vorherrschenden Rollenklischee versucht sie mit anerzogenen weiblichen Verhaltensmustern zu kontrastieren. Für Rhett Butler ist sie ein ebenbürtiges Gegenüber: Obwohl er sie völlig durchschaut – dafür sind sich diese beiden Charaktere zu ähnlich – begehrt und liebt er sie, würde sich für sie aber nie gänzlich offenbaren. So wahrt er seine Geheimnisse, die weder Scarlett noch die Leser*innen erfahren werden. Während ihm Scarletts damenhaftes Getue eher amüsiert und zur Ironie reizt, hegt er gegenüber Melanie Wilkes eine zarte Sympathie und verspürt einen tiefen Respekt, gerade weil sie mit jeder Faser ihres Seins eine Dame ist. Mitchell beschreibt sie als eine eher unscheinbare junge Frau von zarter Konstitution, unter der sich eine überraschende Zähigkeit verbirgt, mit einem scharfen Verstand und bar jeglicher Falschheit. So ist für mich auch eher Melanie die eigentliche, häufig unterschätzte Heldin dieses Romans.

In der Übersetzung des Duos Andreas Nohl und Liat Himmelheber wurden rassistische Untertöne deutlich gemildert: Das Wort „Nigger“ findet sehr überlegt Anwendung und beschreibt darüber hinaus eher die Haltung von demjenigen, der dieses Wort benutzt. Im Alltagsgespräch wird vielmehr von „Darkys“ gesprochen und wirkt auf mich als Leser weniger diskriminierend. Doch nicht immer scheint die Abmilderung gänzlich gelungen. So bemühen die Übersetzer sich, die Physiognomie der „Darkys“ (😉) möglichst neutral zu beschreiben, und es wirkt auf mich auch genauso: bemüht! Birgt in der Beschreibung eines Gesichtes schon eine Gefahr zum Rassismus? Doch trotz dieses kleinen Einwands empfinde ich die Neu-Übersetzung als absolut gelungen. Sie erscheint beträchtlich schlanker, beinah sachlich – von übermäßigen Pathos befreit und dadurch deutlich zeitgemäßer in einer erfrischenden Leichtigkeit. Und wie beim fehlenden Buchstaben im Titel, sind es manchmal nur Kleinigkeiten, die die Aussage eines Satzes verändern können: War Scarletts letzte Satz bisher ein „Schließlich, morgen ist auch ein Tag!“, schließt sie den Roman nun mit einem optimistischeren „Schließlich: Morgen ist ein neuer Tag!“.

So erhält „Vom Wind verweht“ endlich die verdiente Chance, den Dünkel der Trivialität abzuschütteln und seinen angestandenen Platz im Kreise der großen Unterhaltungsliteratur einzunehmen.

Anmerkung: Das in unserer heutigen verrückten Welt, wo Worte plötzlich eine neue Bedeutung erhalten und von Menschen für ihre niederen Zwecke missbraucht werden, literarische Werke neu überdacht werden, finde ich wichtig und richtig. Doch ich möchte auch auf folgendes hinweisen: Ich habe „Vom Winde verweht“ gelesen und bin kein Rassist geworden. Ich habe mich als Kind über Pippi Langstrumpf und ihrem Vater, dem Negerkönig in Taka-Tuka-Land amüsiert und bin kein Rassist geworden. Ich habe Agatha Christies Krimi „Und dann gab’s keines mehr“, in dem der alte Kindereim „Zehn kleine Negerlein“ eine entscheidende Rolle spielt, mit Freude gelesen und bin kein Rassist geworden. Kein Mensch wird ein Rassist, weil er diese Bücher gelesen hat. Ein Mensch wird ein Rassist, weil er in seinem gestörten Weltbild eine verabscheuungswürdige Ideologie verinnerlicht hat und somit zu großmütigen Gesten wie Toleranz und Menschlichkeit, die wichtige Säulen unserer Gesellschaft sind, nicht fähig ist.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143182

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] P.G. Wodehouse – Tausend Dank, Jeeves!

Die Britten können richtig witzig sein und der Welt viel Freude bereiten! Okay, jetzt nicht unbedingt, wenn es sich um den Brexit handelt. Aber sonst durchaus…! Zudem kann der britische Humor fraglos als erfolgreichster Export-Schlager von Großbritannien gelten: Monty Python, Mr Bean und Little Britain schickten den britischen Humor via TV in die Welt, und auch im Kino war er in den 50er bis 70er Jahren dank der Carry-On-Filmreihe äußerst populär. Aber auch literarisch darf der britische Humor nicht unterschätzt werden…!

P.G. Wodehouse gebührt durchaus die Ehre, als einer der bekanntesten, beliebtesten und talentiertesten Vertreter der literarischen Humoreske bezeichnet zu werden. Nachdem mein erster Kontakt mit ihm mich schier in freudige Verzückung versetzt hatte, halte ich nun ein Nachfolge-Epos in meinen Händen, das durchaus das Zeug hat, mit seiner Fülle an Blödsinn nahtlos am Vorgänger anzuknüpfen. Denn nichts anderes verspricht eine Lektüre von Wodehouses Jeeves-Geschichten: ein einziger grenzenloser Blödsinn!!!

Das Leben von Bertie Wooster ist wieder ganz und gar auf dem Kopf gestellt: Reisen soll ja bekanntlich bilden, und New York bietet dafür bekanntlich reichlich Gelegenheiten. Es sei denn, der Reisende hört auf den Namen Bertie Wooster und wäre der Überzeugung, dass Einbildung schon Bildung genug wäre. Die überstürzte Verlobung mit Pauline Stoker hatte er sich leider nicht eingebildet. Doch zum Glück konnte er nochmals rechtzeitig seinen Hals aus der Ehe-Schlinge ziehen und sich flugs Richtung Heimat aufmachen. Dort frönt er seiner Leidenschaft des Banjo-Spiels und bildet sich ein – sehr zum Leidwesen seines Butlers Jeeves – dieses Instrument brillant zu beherrschen. Jeeves greift in seiner Not zum Äußersten und droht mit Kündigung, wenn Bertie seine musikalischen Anwandlungen nicht flott auf das Land verlegt. Das Cottage seines Freundes Chuffy liefert dafür die perfekte Kulisse. Dumm nur, dass Chuffy aufgrund chronischem Geldmangel sein Cottage an den steinreichen Amerikaner J. Washburn Stoker verkauft hat, der mit seinem entzückenden Töchterchen Pauline (Ja, genau eben jene Pauline, die Bertie in New York so unrühmlich hat sitzenlassen.) anreist. Chuffys Herz entbrennt augenblicklich in Liebe für Pauline. Doch kann er es wagen völlig mittellos, um ihre Hand zu bitten? Bertie bietet – nicht ganz uneigennützig – seine Hilfe an…!

Es war wieder eine Menge Blödsinn auf einem Haufen, und es war wieder wunderbar. Nichts und niemand darf hier vom Leser ernst genommen werden. Locker-leichte Albernheiten tollen hier über die Seiten und bringen das Zwerchfell zum Erschüttern. Realismus (Ich bitte Euch!) sucht man hier vergebens und wurde von mir weder erwartet noch vermisst. Es scheint, als würde in den Wodehouse-Geschichten ein immerwährendes Picknick im Sonnenschein stattfinden – voller Unbeschwertheit und ohne einen Blick auf Morgen!

Herrliche Bonmots wechseln sich mit deftigen Frechheiten ab. Hier muss/darf ich den Übersetzer Thomas Schlachter wieder hochlobend erwähnen: Er schafft das Kunststück, dass mir die Zeilen auch beim lauten Vorlesen intelligent-flüssig über die Lippen kommen und auch gesprochen mit der richtigen Betonung herrlich verführerisch anmuten (Verdammt, ich sollte wirklich eine Wodehouse-Lesung machen!). Besonderen Charme schöpfen die Geschichten aus dem Standesunterschied zwischen Bertie und Jeeves, der anhand des jeweiligen Verhaltens gar köstlich persifliert wird.

So war mein Wieder-Lesen mit Bertie und Jeeves auch dieses Mal die pure Wonne!


erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458178248

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Eleonora Hummel – Die Wandelbaren

Vier junge Menschen, die nichts miteinander gemein zu haben scheinen, werden von der Regierung „auserwählt“, die deutsche Sprache auf den Bühnen der sowjetischen Republik erklingen zu lassen. Denn das ist die einzige Gemeinsamkeit dieser jungen Menschen: ihre deutschen Wurzeln. Diese Wurzeln waren bisher mehr Last als Freud im kommunistischen Russland und galten eher als Makel und Stolperstein für ein berufliches Vorwärtskommen. Ihre deutschen Wurzeln: Bisher von ihnen gering beachtet oder möglichst verschwiegen, sollen sie ihnen nun Tor und Tür für eine ruhmreiche Karriere auf der Bühne des deutschen Nationaltheaters Russlands öffnen. Gäbe es da nicht ein klitzekleines Problem: Keiner dieser jungen Menschen spricht mehr die Sprache ihrer Ahnen…!

Autorin Eleonora Hummel blättert ein interessantes Kapitel deutscher Identität auf – beginnend in den 70er Jahren bis zur jüngsten Vergangenheit. Wir begleiten Arnold, Violetta, Emilia und Oswald durch die beschwerliche Schauspiel-Ausbildung in Moskau zum ersten Engagement am Theater in der öden Steppe Termirtau und sehen ihr Bemühen um gesellschaflicher Veränderung im Herbst 1989 in Zeiten von Glasnost und Perestroika.

Zwischen Proben mit wechselnden Regisseuren, Tourneen durch alle möglichen und unmöglichen Orte und der Alltagsbewältigung in einer Mangelwirtschaft, werden Ehen geschlossen, Kinder geboren und Wehrdienste abgeleistet. Doch nie scheint dem übermächtig wirkenden Staat die Mühe ihrer Genossinnen und Genossen zu genügen. Der Erhalt der deutschen Sprache wird zwar staatlich gefördert, gleichzeitig aber kritisch beäugt und vom KGB bespitzelt. Und so wirkt das Bemühen des sowjetischen Staates um die deutsche Sprache eher wie Zuckerguss, der über einen Kuchen verteilt wird, um die angebrannten Stellen zu übertünchen: Deutsch ja, aber nicht zu Deutsch, kritisch ja aber nicht zu kritisch. Unter der Oberfläche brodelt der Widerstand, und Rufe werden laut nach einer deutschen Identität in einer eigenen deutschen Wolgarepublik…!

Hummel lotet die Charaktere ihrer Held*innen sehr detailliert aus, lässt diese selbst zu Wort kommen und offenbart somit deren Innerstes: ihre Wünsche, Ängste und Sehnsüchte, ihr Zaudern und Streben. Jede*r Protagonist*in erhält so in einem unverwechselbaren Profil einen eigenen Ton, der sich im Laufe der Handlung verändert: Die Autorin erlaubt ihren Charakteren eine (Weiter-)Entwicklung. Für Arnold, Violetta, Emilia, Oswald und ihren Mitstreitern entpuppen sich „die Bretter, die die Welt bedeuten“ mehr und mehr zur Einbahnstraße. Die Träume nach Ruhm und Anerkennung, das Sehnen nach Identität und Verbundenheit, das Hoffen auf einen Platz im sowjetischen Gefüge, um dort heimisch zu werden – dies alles wird unter dem Mühlstein der politischen Willkür zermahlt,…

…und weicht einem resignierten Pragmatismus: Am Schluss bleibt nur die Flucht zum kapitalistischen Klassenfeind, die schmerzhafte Anpassung an die neuen Verhältnisse und eine bittere Erkenntnis: Der Kommunismus ist nicht „die beste aller möglichen Welten“!


erschienen bei müry salzmann/ ISBN: 978-3990141960

Ich danke der Autorin und dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Veronika Peters – Die Dame hinter dem Vorhang

Dame Edith Louisa Sitwell (*7. September 1887; † 9. Dezember 1964) war zu ihrer Zeit eine Erscheinung: Aufgewachsen in einem aristokratischen Elternhaus schien ihr Leben vorbestimmt. Während ihre beiden jüngeren Brüder dank dem Erbe der Eltern materiell versorgt waren und ihnen auch beruflich alle Türen offenstanden, schien es für eine Tochter nur einen akzeptablen Lebensplan zu geben, sie möglichst vorteilhaft unter die Haube zu bringen. Doch Ediths Neigung zur Exzentrik und ihrem Hang zum Widerspruch gepaart mit einem brillanten Geist verschreckten jeden potentiellen Bewerber. Zudem war sie auch optisch weit von einer klassischen Schönheit entfernt, was ihr die Abneigung der schönen Mutter einbrachte und ihren Vater veranlasste, sie zwecks Korrektur in einen Metallrahmen spannen zu lassen. Doch alle Versuche der Einflussnahme stärkten nur Ediths Drang nach Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und Freiheit. Endlich erlöst von der gesellschaftlichen Enge ihres Elternhauses entwickelte sie sich ab den 20er Jahren zu einer der wichtigsten Vertreterinnen der modernen britischen Dichtung und gewährte in ihrem Haus in London den innovativsten künstlerischen Größen ihrer Zeit eine Zuflucht.

Autorin Veronika Peters erlaubt sich in diesem Roman den Kunstgriff, zwei fiktive Frauengestallten mit dem Leben von Edith Sitwell zu verweben und somit kommentieren zu lassen: Emma und Jane Banister (Mutter und Tochter) begleiten Ediths Leben von gemeinsamen Kindertagen (Emma) bis ins hohe Alter (Jane).

Dieses Buch entwickelte sich für mich bedauerlicherweise zu einem von mir sogenannten „Etappen-Roman“: Ich las durchaus interessiert einige Seiten, dann legte ich das Buch aus der Hand. Einige Tage später fiel es mir wieder in die Hände, und ich las darin, nur um es danach abermals für einige Zeit zu vergessen…! Begeisterung zeigt sich bei mir anders. Sobald ein Buch mich gefangen nimmt, handle ich beinah wie unter Zwang und greife immer wieder automatisch zur Lektüre, um so schnell wie möglich zu erfahren, wie die Handlung weitergeht. Bei diesem Roman verspürte ich alles andere als diesen Zwang zu Lesen, und ich hinterfragte die Gründe.

Die Autorin schreibt durchaus recht unterhaltsam. Auch ihre Idee, Emma und Jane Banister sowohl als Beobachterinnen als auch Kommentatorin in die Handlung zu etablieren, fand ich fraglos ansprechend. Nur leider wurde das mögliche Potential nicht ausgeschöpft: Mir fehlten die inneren wie äußeren Konflikte der Figuren. Die Handlung plätscherte merkwürdig belanglos vor sich hin und setzte kaum Impulse, ihr kontinuierlich zu folgen. Mit jeder Lese-Etappe wurde meine Hoffnung nach einer Wendung in der Geschichte enttäuscht. Nach 155 Seiten (von insgesamt 277 Seiten) habe ich dann resigniert die Segel gestrichen, da ein zielführender Spannungsbogen für mich nicht sichtbar wurde,…

…und dabei bin ich mir sicher, dass das Leben von Dame Edith Louisa Sitwell eine schier überbordende Fülle an Anekdoten bieten würde.

Lust auf eine Zweit-Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Janina Lehmann vom „Frau Lehmann liest“.


erschienen bei Wunderraum/ ISBN: 978-3336548088

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Die Bücher meines Lebens] Truman Capote – Frühstück bei Tiffany

– 2002 –


Na, da bist du ja wieder, Holly Golightly! Wie viele Jahre haben wir uns nicht gesehen? Dabei haben wir uns nie aus den Augen verloren – vielmehr: Ich habe dich nie gänzlich aus den Augen verloren. Manchmal hat sich mir vielleicht etwas in den Vordergrund gedrängt und dich verdeckt (Als wenn es möglich wäre!), aber du bist nie völlig aus meinem Blick entschwunden. Häufig hörte ich schon die ersten zarten Töne deiner Gitarre, lange bevor ich dich erblickte. Im Gegenzug hast du mir nie Deine Aufmerksamkeit geschenkt. Warum solltest Du auch? Ich gehörte nie zu deinen präferierten Verehrern: zu unscheinbar, zu mittellos, zu wenig Stiel. Ich spiele nicht in deiner Liga! Aber das ist absolut okay für mich. Ich bin sehr zufrieden mit meiner stillen Beobachter-Rolle und sehr glücklich, hin und wieder meinen Blick auf dich, du kapriziöses Geschöpf, werfen zu dürfen…!

„Moon river, wider than a mile / I’m crossing you in style some day!“

Na, da bist du ja wieder, Holly Golightly! Und nach all den Jahren, nachdem Truman Capote im Jahre 1958 zum ersten Mal der Welt von deiner Existenz berichtete, hast du nichts von deinem Zauber eingebüßt. Dabei lag selbst die Geschichte, die Truman uns erzählte, schon einige Jahre zurück: Es war 1943 als Du in dieses alte Backsteinhaus in der East Side von New York gezogen bist – zusammen mit dem namenlosen Kater, den du irgendwann am Flussufer aufgegabelt hattest. Da er dir nicht gehörte, wolltest du ihm auch keinen Namen geben. Du wolltest nichts in Besitz nehmen, solange du nicht die Stelle gefunden hast, wo du und dein Besitz gemeinsam hingehören. Heute weiß ich, dass du nach einem Ort gesucht hast, den du hättest „Heimat“ nennen können…!

„Oh, dream maker, you heart breaker / Wherever you’re goin‘, I’m goin‘ your way!“

Völlig egal ob deine Geschichte 1943, 1958, 1961, 2002 oder heute erzählt wird: Du bist so jung, so schön, so mondän, so voller Klasse – und so modern, eine moderne Frau mit einer Vergangenheit voller Geheimnisse und einer Zukunft voller Ungewissheit.

Völlig egal ob du mir schwarz auf weiß oder in Zelluloid gehüllt erscheinst: Dein Lächeln betört, dein Blick verlockt, dein Charme verführt und deine Grazie überwältigt – und sei gewiss, dies wird sich nie ändern. Eine bitter-süße Wehmut überkommt mich, da ich spüre, dass du längst schon wieder fort bist – lange bevor der letzte Ton deiner Gitarre verstummt ist.

Am Briefkasten des Backsteinhauses in der East Side klebt immer noch deine Visitenkarte (das einzige, das du dir von Tiffany leisten konntest) mit dem Aufdruck „Miss Holly Golightly, Auf Reisen“.

Der namenlose Kater hat seine Heimat gefunden. Du bist weiterhin auf Reisen.

Lebe wohl, Holly!

❤️


erschienen bei Langen-Müller/ ISBN: 978-3784429946 / Neu-Auflage erschienen bei Kain & Aber/ ISBN: 978-3036951591


[Rezension] Shaun Bythell – Tagebuch eines Buchhändlers

…ZUM WELTTAG DER BUCHHANDLUNGEN


FREITAG, 22. AUGUST

Online Bestellungen: 3 / Gefundene Bücher: 2

Nach dem Mittagessen bin ich zu meinen Eltern gefahren, um ein Gewehr zu holen und damit auf einen Kindl zu schießen (kaputter Bildschirm, für 10 Pfund auf eBay erstanden). Es war unglaublich befriedigend, ihn in tausend Stücke zu ballern.

Einnahmen insgesamt: 296,47 Pfund / 20 Kunden

„The Bookshop“ ist die größte Buchhandlung für antiquarische Bücher in Schottland und ein Mekka für Buchliebhaber. Damit alles (manchmal mehr, meistens weniger) reibungslos läuft ist viel Arbeit, Herzblut und eine enorme Portion Humor von Nöten. Der Inhaber Shaun Bythell hat von allem zuhauf und lässt uns anhand seines Tagebuchs am ganz normalen Wahnsinn eines Buchhändlerlebens teilhaben. Statt romantischer Verklärung gibt es hier einen kurzweiligen aber durchaus realistischen Einblick ins Alltags-Geschäft: skurrile Kunden, vorlaute Angestellte, Kampf mit den großen Anbietern und ihren Online-Portalen, Ärger mit der Technik, der Post oder sonstigen Unvorhersehbarkeiten.

Ich staunte über Bythells Ideenreichtum, um sich und den Laden durch die täglichen Untiefen zu lotsen. Der Tagebuch-Schreiber passt in seiner kauzigen, liebenswerten Art hervorragend in das Ambiente eines Antiquariats und vergisst nicht, mit Ironie vom eigenen Scheitern zu berichten.

Kontinuierliche Handlung, Spannungsbogen, Weiterentwicklung des Handlungspersonals: Dies sucht die geschätzte Leserschaft hier vergeblich. Es ist eben „nur“ ein Tagebuch, wie es ja auch auf dem Cover steht: „Drin ist was drauf steht!“ So ist die Länge der einzelnen Einträge auch stets überschaubar. Im Großen und Ganzen ist „Tagebuch eines Buchhändlers“ sehr kurzweilig zu lesen, amüsiert und bietet sich wunderbar für die Lektüre zwischendurch an – ohne das die Gefahr besteht, den Faden zu verlieren und nicht mehr in die Handlung hineinzufinden (Handlung! Welche Handlung?). Leider birgt dies auch die leise Gefahr, in Beliebigkeit abzugleiten, da sich vieles wiederholt. Auch die Zitate von George Orwell aus „Erinnerungen an eine Buchhandlung“, die jedem Monat vorangestellt wurden, helfen da leider nur bedingt.

Die Tätigkeiten eines Buchhändlers sind eben alles andere als glamourös sondern eher von einer immer und immer wiederkehrenden und sich ständig wiederholenden Routine gekennzeichnet. Und doch aller erwähnten Untiefen bleibt die Botschaft unumstößlich: Der Besuch eines Buchladens, der von Büchermenschen mit Herz und Leidenschaft geführt wird, ist ein Erlebnis für alle Sinne und kann durch keinen Klick in einem Online-Shop ersetzt werden.

Hier ein sowohl optischer als auch akustischer Spaziergang durch „The Bookshop“:


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442718658

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kathrin Aehnlich – Wie Frau Krause die DDR erfand

„Wild Ost“ lautet der Arbeitstitel einer 6-teiligen Fernsehserie, die erstmals vom wahren Leben in der ehemaligen DDR erzählen soll. Isabella Krause, ein Kind des Ostens und am „Tag der Republik“ geboren (…Zufall, da bei der Frau Mama die Wehen zu früh einsetzten!), stolpert als durchaus gelernte aber erfolglose Schauspielerin in ein Casting und erhält den Auftrag zehn ganz normale Ost-Deutsche zu finden, die von ihrem Leben unter diesem politischen Regime erzählen. Frau Krause findet sie: authentisch, unverstellt und ganz normal. Doch dem westdeutschen Regisseur sind diese Menschen zu normal und (vor allem) zu unspektakulär. Er will das brutale, ehrliche Leben – oder vielmehr: das Leiden – unter Diktatur, Mangelwirtschaft und Staatssicherheit sehen. So bleibt Frau Krause nichts anderes übrig, als die realen Schicksale mit Hilfe ihrer Schauspielfreunde „aufzuhübschen“…!

Was ist übrig geblieben nach 30 Jahren Wiedervereinigung? Welche Klischees sind standhaft im west-deutschen Gedächtnis haften geblieben? Wie war es denn, das Leben der anderen? Die Deutsche Demokratische Republik bestand eben nicht nur aus Diktatur, Mangelwirtschaft und Staatssicherheit. Für die dort lebenden Menschen war dieses Land vorrangig Heimat…, Heimat und ein Zuhause: Da wird sich arrangiert und werden Kompromisse gefunden. Niemand (egal ob in Ost oder in West) hinterfragt seine Heimat. Wir werden hineingeboren und sehen es als gegeben an. Als Zuhause gilt ganz sicher nicht das vorherrschende politische Regime sondern die Familie, die Freunde und Arbeitskollegen, der Heimatort und die Landschaft. So war auch ein friedliches, „ganz normales“ Leben in der DDR möglich.

Kathrin Aehnlich räumt mit den Klischees zwischen Ost und West auf. Dabei geht sie sehr behutsam vor, demaskiert weder die Menschen im Osten noch im Westen des Landes, offenbart aber auch die Tragödien, die hinter der Wiedervereinigung stecken.

„Wiedervereinigung“ ist auch so ein Wort, das nicht richtig benennt, was es beschreiben soll! „Wiedervereinigung“ klingt nach „Zwei Partner, die getrennt wurden, finden wieder zueinander!“. Trifft es das? Hatten wir es mit zwei gleichberechtigten Partnern zu tun? Ich hatte eher den (natürlich subjektiven) Eindruck, dass der Osten seine Identität verlor und sich dem Heilsbringer West beugen musste. Auch durchaus Positives aus dem Osten wurde zur Seite gedrängt oder verwestlicht.

Ich kann mich noch sehr gut erinnern: Nach Öffnung der Grenze und nachdem die erste Euphorie abgeklungen war, veränderte sich die Stimmung im Westen. Niemanden ging es trotz Aufbau Ost und Solidaritätszuschlag schlechter, und trotzdem wurden „kritische“ Stimmen laut und die Vorurteile geschürt: „Der Ossie nimmt uns die Arbeitsplätze weg.“, „Der Ossie weiß ja gar nicht, wie man richtig arbeitet.“ und „Die sollen die Mauer lieber wieder aufbauen – aber diesmal 3 Meter höher…!“. Übrigens erklangen in Ost wie in West ähnliche Töne zur Flüchtlingswelle in der jüngeren Vergangenheit.

Die gewaltfreie Revolution vor 30 Jahren mit der anschließenden Wiedervereinigung ist ein Meilenstein unserer Geschichte. Wir können wahrlich stolz sein!

Kathrin Aehnlich ist ein wunderbares, kleines Buch gelungen, das anschaulich einen humorvollen Einblick in die gesamtdeutsche Seele gewährt und gleichzeitig zart und pointiert Schicksale porträtiert. So stehen diese kleinen, anrührenden Lebensläufe zurecht im Zentrum der Aufmerksamkeit des Lesers und bilden den Schwerpunkt des Romans und nicht die Titelgebende „Erfindung der DDR“.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143168

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Friedrich Christian Delius – Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Was macht ein Leser, wenn er beim Verlag um ein bestimmtes Rezensionsexemplar bittet und ein gänzlich anderes Buch vom selben Autor erhält? Dieser Leser (Finger zeigt auf mich!) nimmt es als Fügung, da er schön häufiger die wunderbare Erfahrung machen durfte, dass Bücher, die unverhofft in das Blogger-Lese-Leben treten, sich durchaus zu einer besonders überraschenden Lektüre entpuppen können.

In diesem Fall sandte mir der Verlag satt „Die Birnen von Ribbeck“ diesen Roman zu, und wie meine geneigte Leserschaft meinem fb-Post vom 20. September entnehmen kann, habe ich völlig unbefangen mit der Lektüre begonnen…

…und nach 108 Seiten wieder abgebrochen.

Screenshot_2019-09-22 Andreas Kück - Startseite.png

Ein ergrauter Wirtschaftsredakteur wird nach wiederholter öffentlicher Kritik an Politik und Industrie von seinem Verlag „freigestellt“. Diesen Umstand nimmt er zum Anlass, seine Gedanken und Ansichten – diesmal frei und ohne Zensur – in Form eines Tagebuchs der nächsten Generation (in seinem Fall: seine Nichte Lena) als Vermächtnis zu hinterlassen. Seine Tagebucheintragungen setzen am 30.09.2017 ein. Somit steht das Zeitgeschehen der jüngsten Vergangenheit im Zentrum seines Schreibens…!

Erfrischend fand ich die Entscheidung des Protagonisten, seine Tagebuchaufzeichnungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit niederzuschreiben ohne mit Klicks, Likes und Follower zu kokettieren. Dieser Entscheidung kann ich durchaus etwas abgewinnen, spiele ich doch selbst mit dem Gedanken meine fb-Seite einzustellen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit steht es jedem frei, „vom Leder zu ziehen“, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und sowohl rücksichts- als auch hemmungslos seine Meinung kund zu tun. Nur leider handelt es sich hierbei um einen Roman (zumindest steht es so auf dem Cover), und somit ist die Öffentlichkeit leider nicht ausgeschlossen. Vielmehr lässt er die Öffentlichkeit (also in diesem Fall: mich) in kurzen und weniger kurzen Tagebucheintragungen teilhaben an seinen Gedanken zur Merkel-Regierung, zu den geplatzten Jamaika-Verhandlungen, der Flüchtlingspolitik und den Wehwehchen von überbezahlten Fußballern. Seine Ansichten und Meinungsäußerungen mutieren schnell zum Altherren-Gejammer und Stammtisch-Gefasel und wirken unangenehm besserwisserisch auf mich. Auch empfand ich seine beinah paranoide Angst vor der Machtübernahme der Chinesen als äußerst ermüdend.

Es war nun nicht so, dass mich die Lektüre verärgerte, amüsierte oder sonst wie emotional berührte: Sie lies mich erstaunlich gleichgültig zurück – ein Zustand, in dem ich mich beim Lesen möglichst nicht befinden möchte.

Vielleicht bin ich auch schlicht (und dies darf diesmal wörtlich genommen werden) und ergreifend für diese Art der Lektüre nicht intelligent oder nicht intellektuell genug (Vielleicht sogar sowohl das eine als auch das andere!). Aber auch diese Erkenntnis werde ich verkraften, mit ihr weiterleben und irgendwann mit ins Grab nehmen…!

„Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.“
Theodor Fontane


erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3737100762

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Susanne Scholl – Die Damen des Hauses

Vier ältere Damen unterschiedlicher „Couleur“ ziehen – nach Scheidung, Trennung bzw. Tod der Ehemänner und Lebensabschnittgefährten – zusammen in eine Wohnung und meistern gemeinsam ihren Alltag zwischen ersten Wehwehchen, neugewonnener Freiheit, amourösen Begegnungen sowie Freud und Leid um Kinder und Enkelkinder. Mehr braucht es nicht, um den Inhalt dieses Romans zu beschreiben.

Es hätte durchaus ein intelligenter Lesespaß, der generationsübergreifend für Erheiterung sorgt, werden können. Es hätte werden können…!

In den ersten vier Kapiteln werden „die Damen des Hauses“ von der Autorin Susanne Scholl sehr kurzweilig mit ihren Lebensgeschichten vorgestellt und liefern somit die Erklärung, warum sie sich zwangsläufig zu dieser Wohngemeinschaft zusammenfinden mussten. Die Autorin gibt gekonnt Einblicke in die Vita der jeweiligen Protagonistinnen und weckt Verständnis für die charakterlichen Besonderheiten ihrer Damen, die alle durch ihre individuellen Lebensumstände geprägt wurden. Dies geschieht auch sprachlich sehr ansprechend, weckt beim Leser die Neugier auf die weiteren Kapitel und schürt die Spannung auf den Moment, wenn diese sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten in der Wohngemeinschaft zusammentreffen bzw. aufeinanderprallen. Einem Psychogramm gleich taucht sie ein in die Gefühls- und Gedankenwelt der Frauen und lässt den Leser teilhaben. Es war mir eine Freude, dies zu lesen.

Ab Kapitel 5 glaubte ich plötzlich, einen anderen Roman zu lesen. Ich rieb mir erstaunt die Augen und konnte es kaum glauben, dass die nachfolgenden Kapitel von ein und derselben Person verfasst wurden. Für mein Empfinden hat sich der Schreibstil ab dem 5. Kapitel verändert, und ich fühlte mich plötzlich 30 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt: In den 90ern gab es mit „Neuer deutscher Frauenroman“ ein Genre auf dem Buchmarkt, das so bedeutende „Meisterwerke“ wie „Suche impotenten Mann fürs Leben“ und „Das Superweib“ hervorbrachte. Genau an diese Werke fühlte ich mich erinnert.

Während „die Damen des Hauses“ im ersten Teil sich meiner Sympathie sicher sein konnten, wirkten sie nun eher unbedeutend und verloren mit zunehmender Seitenzahl mein Interesse. Mir fehlten die Wärme in der Charakterisierung und das Verständnis in der Beschreibung ihrer allzu menschlichen Macken, und ich stellte mir die Frage, ob die Autorin ihre Heldinnen überhaupt mag.

Es wird gestritten, getriezt und geschrien. Statt scharfsinnige Weisheiten und heiter-ironische Bemerkungen folgen Dialoge auf Dialoge: Die Protagonistinnen reden sehr viel, haben aber wenig zu sagen. Ihre Beweggründe und somit ihre Gefühls- und Gedankenwelten bleiben dem Leser verborgen. Auch findet keine tiefer gehende Auseinandersetzung mit ihrer in den ersten vier Kapiteln beschriebenen Vergangenheit statt. Alles wirkt sehr oberflächlich, sehr plakativ: Ein Vertiefen in die Psyche der Damen wurde tunlichst vermieden. Und selbst in den wenigen wehmütig-anmutenden Situationen zieht es die Autorin vor, ihre Protagonistinnen sich lieber anzicken zu lassen als gegenseitige Solidarität zu bekunden (Dass ein wertschätzendes Porträtieren der älteren Generation durchaus möglich ist, hat eine Kollegin der Autorin in diesem Jahr schon eindrucksvoll bewiesen.).

Viele der momentan brisanten Themen unserer Zeit werden flüchtig aufgegriffen: Da bekommt Matteo Salvini aus Italien ebenso sein Fett weg, wie der Ex-Ehemann mit seinem frauenverachtenden Verhalten. Die lesbische Tochter heiratet und nimmt mit ihrer Ehefrau ein traumatisiertes Pflegekind auf. Eine andere Tochter unterstützt unbegleitete minderjährige Flüchtling. Als „Omas gegen rechts“ wird an Demonstrationen teilgenommen, und auch ein aktuelles „Meisterwerk der Literatur“ mit dem Titel „Fifty Shades of Grey“ wird in Zusammenhang mit Sex im Alter ebenso bemüht wie die Themen Demenz, Tod und Sterben. In der Summe ist es zu viel, im Detail zu wenig.

Es ist so schade! Wäre die Autorin ihrem anfangs gewählten Stil treugeblieben, hätte es vielleicht eine intelligente, warmherzige und humorvolle Lektüre, die mich bis zum Schluss begeistert, werden können.


erschienen bei Residenz/ ISBN: 978-3701717194

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Christopher Isherwood – Leb wohl, Berlin

Willkommen! Bienvenue! Welcome!

Berlin, Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts: Der junge Schriftsteller Christopher Isherwood kommt in diese pulsierende Metropole auf der Suche nach Inspiration für einen Roman. Inspiration findet er nicht – dafür verleiten ihn die vielen Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten: Persönlichkeiten, die nur eine Stadt wie Berlin hervorbringen oder anlocken kann.

Inspiration! – Inspiration brauchte der reale Isherwood nicht zu suchen! Inspiration hatte Isherwood zuhauf direkt vor seiner Nase!

Da ist seine ältliche Zimmerwirtin Fräulein Schroeder, die ihren besseren Zeiten hinterher träumt und trauert, über ihre Mieter stellvertretend am Leben teilnimmt und sich gezwungenermaßen mit jeglicher Regierung akklimatisiert. Was bleibt ihr auch übrig: Wo soll sie sonst hin?

Da ist der junge Otto Nowak, der mit seiner Familie in einem Hinterhof des Hinterhofs eines Hinterhofs lebt, und die in ihrer erbärmlichen Trostlosigkeit willig den Nährboden bietet für die Versprechungen der Nazis.

Da ist der intellektuelle Bernhard Landauer, Geschäftsmann aus dem noblen Villenviertel, der in seiner passiven Resignation gegenüber der Realität zwangsläufig zum Opfer für die Gräueltaten der Nazis wird.

Da ist die kapriziöse Sally Bowles, semi-talentiert aber dafür selbst-überschätzend, mit einem Hauch Verrücktheit, einer sexuellen Freigiebigkeit und einem hohen Maß an Unkompliziertheit, die in der damaligen Zeit sowohl für Faszination wie für Verwirrung bei ihren Mitmenschen sorgt.

 „Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich nehme auf, ich denke nicht.“

Der Autor wirkt beinah neutral und begegnet seinen Protagonisten wertfrei: Er ist Beobachter, nicht Analytiker. Er beschreibt die Szenerie durchaus detailliert aber unvoreingenommen. Trotzdem schafft er Atmosphäre ohne indifferent zu erscheinen.

Er porträtiert seine Protagonisten mit Witz, vermeidet es indes, sie der Lächerlichkeit preiszugeben – im Gegenteil: Oftmals offenbart sich in den alltäglichen Szenen und den scheinbar belanglosen Begegnungen eine bemitleidenswerte Tragik. Während die ersten Kapitel noch sehr detailliert das Geschehen wiedergeben, wirkt das letzte Kapitel mit seinen kurzen Episoden wie schnelle Schlaglichter, die eine wahrgenommenen Situation fragmentiert wiederspiegeln und trotz ihrer Kürze das Vage einer zunehmend unsicheren Wirklichkeit vermitteln.

Somit ist Christopher Isherwoods Episodenroman aus dem Jahre 1939 ein literarisches Zeugnis seiner Zeit und spiegelt eine Gesellschaft im Umbruch wieder: Das Weltoffene und Tolerante der Weimarer Republik ist noch spürbar, das Kleingeistige und Menschenverachtende des Nationalsozialismus ist schon zu erahnen. Das Berlin einer Sally Bowles wird bald Vergangenheit sein: Eine Epoche neigt sich dem Ende entgegen…!

Auf Wiedersehen! A bientôt! Good night!

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Foto: Gedenktafel am Haus Nr. 17 in der Nollendorfstraße in Berlin-Schöneberg

erschienen bei Hoffmann & Campe/ ISBN: 978-3455405002