[Rezension] Vea Kaiser – Rückwärtswalzer: oder Die Manen der Familie Prischinger

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Lorenz Prischinger ist am Ende: seine Schauspiel-Karriere stagniert, seine Freundin verlässt ihn für irgendeinen Deppen, die Schulden stehen ihm bis zum Hals, weswegen er seine schicke Wiener Nobel-Wohnung untervermieten muss. Nun nächtigt er im ehemaligen Kinderzimmer seiner Cousine, denn er ist bei seiner Tante Hedi und seinem Onkel Willi untergeschlüpft und muss eine geballte Ladung Tanten-Power über sich ergehen lassen, da Hedis Schwestern Mirl und Wetti auch stets zur Stelle sind. Tiefer kann er nicht sinken, denn schlimmer kann es nicht werden! Doch! Kann er! Sicher! Wird es!

Überraschend stirbt Onkel Willi (ein schwaches Herz, hatte seine Mutter schon): Gemäß seinem letzten Wunsch soll er in seiner Heimat Montenegro beerdigt werden. Eine offizielle Überführung ist zu teuer, also wird zu einer unkonventionellen Lösung gegriffen: Lorenz macht sich im kleinen Fiat Panda mit dem toten, tiefgefrorenen Onkel auf dem Beifahrersitz und seinen drei Tanten auf dem Rücksitz auf den Weg in die 1029 km entfernte Heimat seines Onkels.

Vea Kaiser lässt – eingerahmt von diesem ausgefallenen „Road Trip“, der im hier und jetzt spielt – die Vergangenheit der Prischinger-Familie wiederaufleben. Dabei erscheint es, als würde sie einen Film zurückspulen, anhalten und ein Stück wieder laufen zu lassen, um dem Publikum (=Leser) eine weitere Szene als Rückblende vorzuführen. In Etappen verrät sie dem Leser die Lebensgeschichten der 5 Prischinger-Kinder: neben Mirl, Hedi und Wetti gibt es noch Sepp, den Vater von Lorenz, und Nenerl, den verstorbenen Zwillingsbruder von Mirl. In dieser schon äußerst abwechslungsreichen Familiengeschichte verwebt Vea Kaiser zusätzlich den Lebensweg von Onkel Willi. Mit all diesen parallel verlaufenden Handlungsstränge und Rückblenden hätte es für den Leser sehr schnell unübersichtlich und unverständlich werden können! Das wird es nicht, da Vea Kaiser immer die Zügel in der Hand behält, den Weg im Blick und somit das Ziel vor Augen hat.

Vea Kaiser liebt ihre Protagonisten mit all ihren Fehlern, Marotten und (Fehl-)Entscheidungen. Sie portraitiert die einzelnen Personen sehr detailliert und ironisch aber nie entlarvend. Ihr Humor ist manches Mal lakonisch, mit viel Mutterwitz (…oder sollte ich lieber „Tantenwitz“ sagen?) aber stets respektvoll.

Dabei scheinen auch immer die Verstorbenen der Familie aus dem Jenseits, Einfluss auf die Protagonisten zu nehmen und somit deren Handeln zu prägen: „Die Manen der Familie Prischinger“ lautet nicht ohne Grund der Untertitel dieses Romans. Der Begriff „Manen“ kommt aus dem lateinischen und meint die Geister der Toten der römischen Mythologie. Ist unser aller Handeln nicht ebenso geprägt durch Begegnungen und Erfahrungen aus der Vergangenheit? Erschrecken wir nicht über uns selbst, wenn wir Eigenarten eines Elternteils an uns entdecken, die wir „nie und nimmer“ annehmen wollten? Erkennen wir es nicht auch selbst, dass die Taten unserer Ahnen, Einfluss auf unser Werden hatten?

Dieser Roman öffnet sich dem Leser nur Seite für Seite, Szene für Szene, Stück für Stück…!

Ich habe über dieses komplexe Handlungsgerüst, die vielschichtigen Charaktere und intelligenten Dialoge gestaunt: Nie gab es für mich einen Moment der Langeweile. Im Gegenteil: Stets wollte ich mehr über diese Familie erfahren, amüsierte mich über die humorvollen Situationen, die durchaus in Richtung Slapstick hätten abgleiten können aber immer rechtzeitig ausgebremst wurden, oder war gerührt von der Wärme, mit der die allzu menschlichen und somit verständlichen Schwächen der Familienmitglieder beschrieben wurden.

Vea Kaiser liebt ihre Protagonisten, und darum lieben wir sie ebenso!

erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462051421

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Welche Freude: Am 22. Mai wird Vea Kaiser mit einer Lesung aus diesem Roman bei uns zu Gast sein!

[Rezension] Matias Faldbakken – The Hills

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„The Hills“ hat eine Vergangenheit! Der Gast bemerkt dies kurz nach dem Eintreten schon: Der Garderobier bittet freundlich um den Mantel, der Maître kreiert mit kulinarischer Raffinesse das Dîner, und die Barchefin erfüllt mit stoischer Ruhe die Getränkewünsche der Gäste, während der Hauspianist Tafelmusik spielt.

„The Hills“ hat eine Vergangenheit! Der Gast bemerkt dies an den vielen kleinen Indizien: Der Marmor der Tischplatten wirkt ein wenig abgenutzt, die Spiegel erscheinen matt in ihren goldenen Rahmen, und die Bilder der Künstler, die alle schon hier gespeist haben, welken hinter Glas.

Aber „The Hill“ hat nicht nur seinen Stil bewahrt – Nein! Es verteidigt diesen als letztes Great European mitten in Oslo vehement und verwehrt sich den schnöden Errungenschaften der modernen Zeit! Hier scheinen die Uhren langsamer zu ticken, wenn nicht gar die Zeit gänzlich stehengeblieben ist.

Im Mittelpunkt steht der Kellner mit Würde und verrichtet seinen Dienst Tag für Tag, Jahr für Jahr mit gleichbleibender Akkuratesse. Er kennt seine Stamm-Gäste sehr genau und erkennt an deren Körperhaltung, wann diese eine Bestellung zu tätigen wünschen. Jegliche Veränderungen der gewohnten Abläufe erregen bei ihm, dem „Hochsensiblen“, absolutes Missfallen und werden höfflich aber bestimmt unterbunden.

Matias Faldbakken gelingt es, einen unterhaltsamen Blick auf die unterschiedlichen Menschentypen, die er zwar ironisch aber nie entlarvend portraitiert, zu werfen. Gleichzeitig ist dieser Roman klug durchdacht, mit interessanten beinah philosophischen Ansätzen zu den Veränderungen in unserer Welt. Faldbakken formuliert völlig unaufgeregt und ohne jegliche Sensationslust: In seinem nostalgischen Kosmos stehen Stil, Noblesse und der gute Ton als oberste Tugenden im Vordergrund. Ein ruhiger, unaufgeregter und intelligenter Roman…!

„The Hills“ hat eine Vergangenheit! Doch hat es auch eine Zukunft?

erschienen bei Heyne/ ISBN: 978-3453271906

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Petra Morsbach – Opernroman

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In diesem Monat stehen bei mir alle Zeichen auf „Theater“: Nach einer Führung am Stadttheater Bremerhaven und einer Aufführung der Oper Die Zauberflöte an eben diesem, nun auch die „theoretische“ Vertiefung ins Thema…!

Ein Mehrspartenhaus in einer fiktiven Kleinstadt: kein großes Haus, kein wichtiges Haus – eher eine sogenannte B-Bühne. Für die einen ist diese Bühne eine kleine Stufe zur großen Karriere. Für die anderen ist es der Abstieg, wenn nicht sogar das Ende der Karriere.

Es ist ein Mikrokosmos der Eitelkeit, der Intrigen, der Liebeleien und Schwärmereien. Hier herrscht die Politik vor der Kunst: Ach! Um die hehre, holde Kunst wird sich wenig geschert, vielmehr stehen Machtspiele zwischen Intendant und Generalmusikdirektor, zwischen Star und Zweitbesetzung und das Kompetenzgerangel der einzelnen Abteilungen im Vordergrund und kosten Zeit, Kraft und Nerven. Dazwischen versucht jeder sein kleines Stückchen von Idealismus, Hoffnung und Kreativität zu erhalten und zu schützen, und so passieren trotzdem wunderbar künstlerische „Sternstunden“ – immer dann, wenn sie am wenigsten erwartet werden.

Dies alles wird so unsentimental, dafür aber ironisch-witzig erzählt. Der Ton ist manchmal beinah lakonisch und dann doch voller Tiefe, um die zwischenmenschlichen Tragödien auf den Punkt genau zu beschreiben. Zudem spricht aus jeder Seite dieses Romans eine immense Kenntnis des Theaterbetriebs, der Musik und der Oper. Wobei „Roman“ dies nur unzureichend beschreibt: Manchmal erscheint er eher wie ein Tatsachenbericht, dann wie eine philosophische Abhandlung über das Leben und die Kunst.

Autorin Petra Morsbach war selbst lange Jahre als Dramaturgin und Regisseurin u.a. in Freiburg, Ulm und Bonn tätig und verantwortlich für über 20 Inszenierungen (hauptsächlich im Musiktheater).

Das hier somit eine Kennerin der Materie am Werk war, merkt man diesem Roman Seite für Seite an. Der Titel erschien erstmals 1998 und wirkt frisch und unverbraucht! – Chapeau!

erschienen bei Penguin/ ISBN: 978- 3328103943

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Jack Trevor Story – Immer Ärger mit Harry

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Der 4-jährige Abie streift durch die Wälder seines kleinen Heimatortes auf der Suche nach Abenteuer: Die Sonne tanzt durch die Äste der Bäume, Kaninchen hoppeln über den weichen Moos, Vögel zwitschern ihr Lied und im Unterholz liegt eine Leiche…!

Es ist Harry! Doch wer ist Harry! Was tut Harry hier – oder vielmehr „tat“, denn er ist definitiv nicht mehr in der Verfassung noch irgendetwas zu tun! Fest steht nur, er muss hier weg…!

Jack Trevor Storys „The trouble with Harry“ hat es nun endlich nach knapp 70 Jahren auch in einer deutschen Übersetzung bei uns in den Buchhandel geschafft. Dabei hätte dieses Kleinod des schwarzen Humors es durchaus verdient, schon früher Beachtung zu finden. Die Voraussetzungen dafür waren gegeben, als Alfred Hitchcock im Jahre 1955 die Geschichte für seine gleichnamige Komödie adaptierte und damit die Filmkarriere von Shirley MacLaine begründete.

Dieses feine Kabinettstückchen der unterhaltenden Literatur hat mich sofort für sich eingenommen: Innerhalb eines Tages (auch die Handlung spielt im überschaubaren Zeitraum von 24 Stunden) habe ich gemeinsam mit dem betroffenen Handlungspersonal den toten Harry mehrmals ein- und wieder ausgebuddelt!

Dabei mutet dieser Roman wie ein Kammerspiel an, das im intimen Rahmen seine Wirkung ganz aus den Dialogen und Handlungen der Figuren zieht. Der Humor entsteht aus den überraschenden, unkonventionellen und beinah grotesken Reaktionen der Personen, für die Jack Trevor Story wunderbar satirische Dialoge geschrieben hat!

Kein Wunder, dass Hitchcock von diesem Stoff angetan war: Ich habe mich gar köstlich amüsiert!

erschienen bei Dörlemann/ ISBN: 978-3038200543

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Petra Hartlieb – Ein Winter in Wien

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„Das ist das Geheimnis des alten Wiener Cafés: Der Kellner ist vergesslich, die Kassiererin ist hässlich, die Wände sind grau, die Beleuchtung ist schlecht – lauter Dinge, die ich schön finde.“ Arthur Schnitzler

Wir befinden uns im Wien der Jahrhundertwende: Marie Haidinger beginnt ihre neue Stelle als  Kindermädchen im Hause des berühmten Arthur Schnitzler und tritt ein in die mondäne Welt des Theaters und der Literatur.

Die Autorin Petra Hartlieb hat mit diesem Roman ihrer Urgroßmutter ein literarisches Denkmal gesetzt. Niemand anderes ist diese junge, unbedarfte Marie Haidinger, die vom entbehrungsreichen und lieblosen Leben auf dem Land in die Stadt flüchtet. Dort scheint das Glück ihr hold zu sein und läuft ihr in der Gestalt eines jungen Buchhändlers über den Weg, der ihr ihr erstes eigenes Buch schenkt – ein Geschenk, dass ihr eine gänzlich neue Welt eröffnet.

So steht auch nicht Schnitzler selbst im Mittelpunkt – er spielt eher eine Nebenrolle – sondern die Handlung kreist allein um Marie. Dabei entwirft Petra Hartlieb ein authentisches Frauenbild der damaligen Zeit: die alten Zöpfe des Biedermeiers sind noch nicht abgeschnitten, aber das Leben der Belle Époque lockt mit seiner Modernität.

Sie bleibt in ihrer Erzählweise dem Duktus ihrer Heroin treu: eine poetische Sprache, die in ihrer Einfachheit häufig schlicht wirkt. Wobei ich „schlicht“ nicht gleichsetzen möchte mit „dumm“.

Dumm ist Marie Haidinger in keinster Weise – im Gegenteil: Wir lernen hier eine wiss- und lernbegierige junge Frau kennen – mit der Hoffnung, ihr Glück zu machen und zu finden.

erschienen bei Kindler/ ISBN: 978-3463400860

[Rezension] Iwan Turgenjew – Das Adelsgut

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Dieses Adelsgut – irgendwo in der Pampa von Russland – hat eine wechselvolle Geschichte, eine Geschichte voller Entbehrung, Liebe, Leidenschaft, Verzicht…

Ebenso wechselvoll gestaltete sich das Leben von Fjodor Lawretzki, der nach seinem Studium in Moskau, einer gescheiterten Ehe in Paris und ereignisreichen Jahren in Italien endlich auf seinen Familiensitz zurückkehrt. Nach Jahren des unsteten Lebens sehnt er sich nach Beständigkeit und Traditionen. In Lisa, der Tochter seiner Cousine, scheint er eine treue Partnerin gefunden zu haben. Doch Lawretzki ist nach wie vor verheiratet, und eine Beziehung mit diesem jungen Mädchen im konservativ-katholischen Russland wäre gänzlich unmöglich…!

Auf über 300 Seiten portraitiert Iwan Turgenjew die Gesellschaft Russlands des 19. Jahrhunderts: Es passiert in diesem Roman im Grunde genommen nichts weltbewegend Neues. Im Grunde genommen finden sich in diesem Roman alle Zutaten für eine kitschig-süßliche Schmonzette. Was dies verhindert? Die Sprache…!

Ich lese die Sätze und bin bezaubert: Turgenjew wählt die Worte mit Bedacht, reiht sie wie Perlen auf einer Schnur auf und vereint sie zu großer Formulierkunst. Er kreiert Bilder mit diesen Worten. Seine Sprache ist voller Wehmut und Melancholie und entbehrt auch nicht einer gewissen Ironie.

Ich lese die Sätze und bin begeistert: Lange Text-Passagen kommen gänzlich ohne Dialoge aus. Vielmehr stellt er sich in seiner Erzählweise als Vermittler an die Seite des Lesers und beschreibt ihm die Situationen. Dies gelingt ihm mit viel Leidenschaft und Verständnis für seine Protagonisten. Die Dialoge, besonders die Wortwechsel der gehobenen Gesellschaft, besitzen dafür einen feinen Witz.

Ich lese die Sätze und bin gefangen: Die grazile Sprachmelodie nimmt mich für sich ein. Einige Sätze lese ich mit Freude zum wiederholten Mal und zolle innerlich auch der Übersetzerin Christiane Pöhlmann meinen uneingeschränkten Respekt.

„Eine Sprache mit Geschick handhaben heißt, eine Art Beschwörungszauber treiben.“ Charles Baudelaire

Mit „Das Adelsgut“ von Iwan Trugenjew halte ich zum ersten Mal einen Band aus der „Manesse Bibliothek“ in meinen Händen: Ich liebe schöne Bücher und würde einem gebundenen Buch immer den Vorrang geben. Der Manesse-Verlag gestaltet diese Reihe äußerst geschmackvoll und sehr hochwertig. Es kommt eben nicht nur auf den Inhalt an!

erschienen bei Manesse/ ISBN: 978-3717524489

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Erich Kästner – Kästner für Kinder & Kästner für Erwachsene

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„Ich las und las und las – kein Buchstabe war vor mir sicher.“ Erich Kästner

Erich Kästner – Kästner für Kinder: Jubiläumsausgabe/ 12 Bände in 2 Büchern

Längst sind sie Klassiker geworden – die Bücher für „die Kleinen“ von Erich Kästner – und dank der wunderbaren Verfilmungen von damals und heute auch immer in Erinnerung von Generationen von Kindern geblieben.

In dieser Jubiläumsausgabe sind die humorvollen Geschichten mit ihren wunderbaren Heldinnen und Helden in 2 stattlichen Büchern versammelt. Auch in seinen Kinderbüchern konnte und wollte Kästner den Moralisten nicht verheimlichen: So zeugen seine Geschichten von seiner feinen Beobachtungsgabe und machen auch vor Sozialkritik nicht Halt.

Wobei „Kästner für Kinder“ eher weniger etwas für Kinderhände sind: Zu voluminös sind die einzelnen Bücher, zu klein die Typografie der Schrift. Vielmehr ist hier der erwachsene Leser bzw. Vorleser angesprochen. Sehr schön, dass auch auf die Originalzeichnungen von Walter Trier und Horst Lemke nicht verzichtet wurden, über die ich mich schon als Kind amüsieren konnte.

erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855359547


„Die Erde soll früher einmal ein Paradies gewesen sein. Möglich ist alles. Die Erde könnte wieder ein Paradies werden. Alles ist möglich.“ Erich Kästner

Erich Kästner – Kästner für Erwachsene: 4 Bände

Auch Kästners Werk für „die Großen“ ist von opulenten Ausmaß: Eingeleitet wird diese Sammlung durch ein Vorwort von Hermann Kesten und beinhaltet selbstverständlich alle großen Romane (incl. meine geliebten „Drei Männer im Schnee“) und alle großen Gedichtbände – und kann somit als nahezu vollständige Sammlung für den erwachsenen Leser gelten.

Kästners Werke durchziehen sowohl die feine Ironie des Satirikers als auch die ungeschönte Wahrheit des Realisten. Dabei blieb er, der Literat, immer Menschenfreund und sehr nah am Volk und favorisierte den gesunden Menschenverstand.

Komplementiert wird dieses Werk durch Illustrationen von Erich Ohser, einem ausführlichen Kästner-Porträt sowie einer detaillierten Zeittafel. Neben dem literarischen Inhalt verführt auch die edle Optik mit grünem Leinen und Prägedruck, diese Bücher immer und immer wieder in die Hand zu nehmen.

erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855359646

[Rezension] Wolf Haas – Junger Mann

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Nach Sommer in Super 8 ist dies in kürzester Zeit der 2. Roman, den ich gelesen habe, dessen Handlung in den 70er Jahren angesiedelt ist: Was mache ich hier? Vergangenheitsbewältigung? Muss ich mir Sorgen machen?

Denn schon beim 1. Blick auf dem Umschlag war ich mir im Klaren – oranger Frottee-Schonbezüge – definitiv die 70er! Beim 2. Blick fragte ich mich weiter: Was hat es nur mit dieser Waage aufsich?…

…und da ich von Natur aus ein neugieriges Kerlchen bin, wollte ich diese Frage beantwortet wissen und habe die Vergangenheitsbewältigung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Die österreichische Provinz, Ölkrise und Autofreie Tage: Nur für den Tscho, dem coolsten Kerl im Dorf, gelten andere Regeln. Das nagt gewaltig am Gemüt unseres jugendlichen Helden, der mit den Problemen seiner jungen Vergangenheit kämpft – zu viele Unfälle, zu viele Gipsbeine, zu viel Trostschokolade, zu viel Gewicht und nun…

…zu viel Gefühl: Ausgerechnet in Elsa, der hübschen Ehefrau vom Tscho, muss er sich verlieben. Aber – Hey! – wo liegt das Problem? Warum soll der Tscho alles haben und er nix?

So startet er eine radikale Abmagerungskur (darum die Waage auf dem Umschlag) und findet immer neue Ausreden, um in der Nähe des „zauberhaften Lächelns“ zu sein. Doch plötzlich steht der Tscho vor ihm und unterbreitet ihm ein Angebot, dass er nicht ausschlagen kann,…

…und so beginnt ein Roadtrip Richtung „Erwachsenwerden“!

Wolf Haas lässt in seinem Roman humorvoll die 70er wieder aufleben und begleitet seinen Helden auf dem steinigen Weg des Heranwachsens: Dabei strotzt dieser so sehr vor naiver Selbstüberschätzung, dass ihm weder seine über-korrekte Mutter oder sein psychotischer Vater, noch die 10 Jahre Altersunterschied zu seiner Angebeteten in seinem Handeln bremsen.

„Rückwärts durch die Knie betrachtet ist die Welt immer am interessantesten.“

Mit diesen Zutaten gelingt Haas ein Roman völlig ohne übertriebenes Pathos und Selbstmitleid: Sein Schreibstil ist locker und unterhaltsam, mit lakonischem Witz und einer Menge Ironie,…

…ein herrlicher „Coming of Age“-Roman.

erschienen bei Hoffmann & Campe/ ISBN: 978-3455003888

[Rezension] Anne Müller – Sommer in Super 8

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Eine scheinbar perfekte Kindheit in den 70er Jahren, festgehalten auf etlichen Super 8-Filmchen, in einer scheinbar perfekten Familie, in einer scheinbar perfekten Idylle,…

…aber schon ab dem ersten Kapitel durchzieht den Roman einen Hauch des Vergänglichen: Dieses filigrane, familiäre Konstrukt droht in jedem Moment in sich zusammen bzw. auseinander zu brechen.

Zwischen den Eltern gibt es wenig Zärtlichkeit, umso mehr Unausgesprochenes – sie, die Nachkriegsgeneration, die durch eine Kriegsgeneration erzogen wurde: Der Vater, angesehener Arzt mit eigener Landpraxis; die Mutter, ehemalige Sportstudentin, die für die Familie die eigenen Karrierewünsche verdrängt; 5 Kinder, von dem das Mittlere, das sogenannte „Sandwichkind“, unsere Ich-Erzählerin ist.

Diese perfekte Idylle bekommt sehr schnell die ersten Risse: Das bemerkt der Leser an einem scheinbar belanglosen Nebensatz, an einer wie zufällig hingeworfenen Beschreibung – Anne Müller kreiert hierfür nicht die großen Szenen sondern lässt die Familientragödie in kleinen Augenblicken ablaufen, die zusammengenommen eine umso zerstörerischere Wucht entwickeln. Ganz langsam aber subversiv tropft das Leben mit seinem alltäglichen Wahnsinn in die Kindheit und raubt ihr die Unbeschwertheit.

Der Führerscheinentzug des Vaters, das Tuch am Hals der Mutter (obwohl sie nie Tücher trägt), die ausbleibenden Patienten in der Praxis: All dies sind Indizien für eine bröckelnde Fassade der Gutbürgerlichkeit. Unsere Ich-Erzählerin durchlebt Klavier- und Ballettstunden, Konfirmandenunterricht und Tanzschule, raucht die erste Zigarette, bekommt den ersten Kuss und muss sich – auf Drängen der Eltern – gemeinsam mit ihren Geschwistern bei Dorffesten als Vorzeige-Familie präsentieren.

Es vervollständigt das Bild keiner perfekten Familie aber doch einer sehr normalen Familie: Die Tragödien in der Kindheit hinterlassen in jungen Jahren immer den Eindruck, dass sie alleine nur die eigene Familie treffen. Mit der Zeit kommen wir zu der tröstlichen Erkenntnis, dass sich Tragödien hinter jeder Fassade abspielen. Wir sind nicht allein!

Diese scheinbare Tristesse der Normalität wird immer wieder humorvoll von der Autorin durchbrochen: Als Leser erlebte ich einige Déjà-vu-Erlebnisse, musste häufig schmunzeln, hin und wieder auch laut lachen!

Selbst in den 70er groß geworden, kenne ich dieses Gefühl, das Anne Müller in ihrem Erstlingsroman aufleben lässt: Der Zauber der unbeschwerten Kindheit ist noch spürbar, zugleich nimmt man verunsichert die kommende Veränderung wahr und lauert ängstlich auf den Wendepunkt!

Wie tröstlich wäre das Leben, wenn verloren gegangene Momente wieder hervorgeholt werden könnten, indem wir den Super 8-Film einfach zurückspulen und von vorne beginnen.

Beim Lesen dieses kraftvollen und zugleich leisen Romans spürte ich die Atmosphäre, die ich auch immer zu dieser Jahreszeit verspüre: Das Licht ist sanft. Die Luft ist mild. Der Sommer ist noch nicht gänzlich verflogen, doch sein Ende lässt sich schon erahnen…

…Vergänglichkeit! …Wehmut!

erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328600152

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Régis de Sá Moreira – Das geheime Leben der Bücher

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Schon allein die Gestaltung des Einbands dieses kleinen, feinen Büchleins ist ein Geschenk an die Leser und eine Verbeugung an die Bücher…

Régis de Sá Moreira schildert in seinem Roman (?), seiner Erzählung (?), seiner Geschichte (!) vom Leben des wohl kauzigsten Buchhändlers der Welt.

Er hat sein ganzes Sein den Büchern verschrieben, hütet und hegt dieses Reich, in dem er König und Untertan in Personalunion ist. Das Lesen ist seine Passion: Wenn er in die Geschichten eintaucht fühlt er sich umarmt, trauert um verpasste Gelegenheiten und vergangene Lieben. Die Bücher sind seine Freunde – seine Familie, und so verwehrt er den Kunden auch durchaus ein Buch, da er befürchtet, dass dieses „Familienmitglied“ in die falschen Hände gelangen könnte,…

…oder er legt einem Kunden ein bestimmtes Buch sehr ans Herz, da er intuitiv spürt, dass dieser ein Buch nötig hat, dass ihn glücklich macht. Denn er weiß aus eigener Erfahrung, dass das Lesen eines Buches Einfluss auf Dein Leben haben kann!

Régis de Sá Moreira ist eine Hommage an die Bücher und an das Lesen gelungen: leise, liebenswert, poetisch und absolut unspektakulär!

erschienen bei Droemer/ ISBN: 978-3426197110


Gabriela Wendt hat auf ihrem Blog „Buchperlenblog“ die tolle Aktion Perlentauchen ins Leben gerufen: Hier werden literarische Kostbarkeiten wieder-vorgestellt, die schon einige Jahre/ Jahrzehnte/ Jahrhunderte auf den Buckel haben aber nicht in Vergessenheit geraten sollten.

An dieser Aktion beteilige ich mich sehr gerne: Gute Geschichten sind zeitlos!