[Rezension] Jan Brandt – Der magische Adventskalender/ mit Illustrationen von Daniel Faller

Jonas ist ein introvertierter Junge, der sich nach dem Tot der Großmutter noch weiter zurückgezogen hat. Weder sein Vater noch seine jüngere Schwester Sonja finden einen Zugang zu ihm. Auch in der Schule häufen sich die Probleme: Er ist unaufmerksam und kommt mit Verspätung zum Unterricht. Zudem wird er von seinem Mitschüler Maik Mirscheidt gemoppt. Auch der beginnenden Adventszeit kann er nur wenig abgewinnen, bis er plötzlich einen geheimnisvollen Kasten mit 24 Türchen auf der Straße vor seinem Zuhause findet. Jedes Türchen ist mit einem anderen Symbol gekennzeichnet, und Jonas erkennt schnell, dass nicht er allein diese Türchen öffnen kann. Er muss sich auf die Suche begeben und den passenden Menschen zum jeweiligen Symbol finden. Nur widerwillig und sehr zögerlich verlässt er sein Schneckenhaus. Doch die Neugier, zu erfahren, was es mit diesem merkwürdigen Adventskalender auf sich hat, ist größer. So ist Jonas quasi gezwungen mit den Menschen, die für das jeweilige Symbol stehen, in Kontakt zu treten. Hilfe bekommt er von seiner Schwester Sonja, die ihn auch gegen Maik Mirscheidt unterstützt. Der würde nur zu gerne den  Kalender in die Finger bekommen. Zudem scheint dieser magische Kalender noch ein weiteres Geheimnis zu hüten…!

Auf dem Markt gibt es Adventskalender zuhauf wie der sprichwörtliche „Sand am Meer“: ob mit Schokolade, Wein, Knabbereien oder Beauty-Produkte – je nach persönlichem Gusto und für jeden Geldbeutel. Und auch aus einer Fülle an (mehr oder minder gelungenen) literarischen Adventskalendern kann der lese-affine Kunde wählen. Bisher fiel es mir leicht, dieser Versuchung zu widerstehe (s.a. MONTAGSFRAGE #16), und ich fürchte, auch zukünftig werden es literarische Adventskalender schwer haben, mich zu überzeugen. Doch warum nun diese Ausnahme…???

Jan Brandts erzählt die Geschichte unaufgeregt und mit Bodenhaftung. Er verzichtet wohltuend auf übermäßigen Zuckerguss, ertränkt die Geschichte nicht im Weihnachtskitsch und lässt der Handlung so den nötigen Spielraum, um zu „atmen“. Dabei switscht er gekonnt zwischen Jonas Wirklichkeit und seiner Fantasie hin und her. So wirkt einiges für den Leser beinah surreal: Seine Personenzeichnung ist zwar nah an der Realität aber (wie es sich für eine „ordentliche“ Weihnachtsgeschichte gehört) nicht bedrohlich realistisch. Die Menschen in Jonas Umfeld sind Personen mit Ecken und Kanten, mal mehr und mal weniger liebenswert. Trotzdem muss Jonas mit ihnen in Kontakt treten, sich mit ihnen auseinandersetzen und arrangieren. Nicht immer läuft alles nach Jonas Sinn, häufig muss er auch Kompromisse eingehen.

Und doch passiert in Brandts Geschichte durchaus Magisches: Aufgrund des Kalenders ist Jonas gezwungen, mit Menschen in Verbindung zu treten, sie anders/neu wahrzunehmen und einmal gefällte Vorurteile zu überdenken. Die Menschen verändern sich: Diese kleine Aufmerksamkeit, die ihnen durch den Kalender zuteilwird, öffnet ihre Türen und ihre Herzen und schafft die Möglichkeit zur Kommunikation. Neue Bindungen entstehen, und selbst „Feindschaften“ (Jonas vs. Maik Mirscheidt) werden neu definiert.

Die Illustrationen von Daniel Faller sind sehr detailreich und unterstreichen den durchaus surrealen Charakter der Geschichte. Durch die reduzierte Farbwahl und dem Einsatz von Licht/Schatten erzeugen sie Spannung und schaffen Atmosphäre. Zudem unterstützen sie die Handlung kongenial.

Apropos Spannung: Dem Autor gelingt es, seine Leserschaft „bei der Stange“ zu halten und deren Neugier für diese durchaus manchmal abstrus wirkende Geschichte zu wecken: Unbedingt wollte ich erfahren, was es mit diesem magischen Adventskalender auf sich hatte, und wer sein Urheber schlussendlich war. So mag die Auflösung am Ende vielleicht nicht allzu überraschen, doch sie war für mich stimmig. Und offen gesagt: Anders möchte ich das Ende einer Weihnachtsgeschichte auch nicht haben wollen!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Andrea Schuster von „Lesen… in vollen Zügen“.


erschienen bei DuMont/ ISBN: 978-3832183578

[Rezension] Vicki Baum – Menschen im Hotel

Die Drehtür des Berliner Grand Hotels rotiert: Gäste checken ein, checken aus, begegnen sich in der Lobby, im Tearoom oder im Wintergarten, und für einen kurzen Moment kreuzen sich ihre Lebensbahnen. Da haben wir den Generaldirektor Preysing, der sich voller Verzweiflung in Verhandlungen stürzt, um seine Firma zu retten. Im Nebenzimmer logiert der totkranke Buchhalter Otto Kringelein, der, nach einem unbedeutenden Dasein des Sparens und Darbens, noch einmal leben möchte. Der smarte Baron Gaigern ist ihm nicht ganz uneigennützig behilflich, eine gehörige Portion „Leben“ zu erfahren. Immer knapp bei Kasse aber auf großem Fuß lebend, schlägt er sich „hauptberuflich“ als Fassadenkletterer durch. Bei einem dieser Aktionen landet er im Zimmer der alternden und lebensmüden Primaballerina Grusinskaja. Doch anstatt ihr ihre berühmten Perlen zu stellen, findet er in ihr eine verwandte Seele auf der Suche nach Zuneigung und Glück. Ein kleines Stückchen Glück wünscht sich auch die kokette Sekretärin Flämmchen, die auf ihrer Suche danach durchaus gewillt ist, das unmoralische Angebot von Generaldirektor Preysing anzunehmen. Wenige Tage später, manchmal auch nur nach wenigen Stunden trennen sich diese Menschen wieder, doch ihre Begegnungen haben Spuren im Lebenslauf der anderen hinterlassen…!

Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ erschien im Jahre 1929 mit dem treffenden Untertitel Kolportageroman mit Hintergründen: Jede*r ihrer Held*innen trägt eine Last auf den Schultern und droht, wie durch einen Mühlstein, der um den Hals gebunden ist, von ihr in den Abgrund gezogen zu werden. Jede*r versucht sich von dieser Last zu befreien, oder zumindest ein wenig Erleichterung zu erfahren. Ihre Schicksale liefern die nachvollziehbaren Beweggründe für die jeweiligen Taten, für die jeweiligen Entscheidungen. Das Nobelhotel, dieser Ort des Wohlstands und des Glamours dient als Projektionsfläche der Wünsche und Sehnsüchte: Hier scheint jede*r aus der Gewohnheit entflohen. Werte werden neu definiert.

Dieser über 90 Jahre alte Roman hatte mich schon nach wenigen Seiten gepackt: Ich war überrascht, mit welcher modern anmutenden Frische Vicki Baum ihre Sätze formulierte. Bar jeglicher Sentimentalität aber mit viel Einfühlungsvermögen offenbarte sie die Geschichten ihrer Held*innen und zeigte dabei viel Sympathie für deren Handlungen. So waren auch mir als Leser die Charaktere nie unsympathisch: Vielmehr verspürte ich Mitgefühl und Verständnis. Jeder Charakter war gleichsam interessant. Geschickt verwebte die Autorin die Handlungsstränge von Hotel-Gästen und -Personal miteinander und lieferte ein wechselvolles Sittenbild der damaligen Gesellschaft.

Der Roman wirkte auf mich, als würde ich einen Blick durch ein buntes Kaleidoskop wagen: nur eine kurze Drehung/ nur wenige Seiten und ein neues Bild entsteht. Gerade diese Vielschichtigkeit und das Hoffen auf Unvorhersehbares erzeugten für mich als Leser die Spannung bei der Lektüre. Ich konnte durchaus nachvollziehen, warum dieser Roman bei seiner Veröffentlichung so außerordentlich erfolgreich war und auch weiterhin seine Leserschaft verdient.

Vicki Baums Heldinnen & Helden haben das Hotel längst verlassen. Neue Gäste sind eingetroffen. Es herrscht ein emsiges Kommen und Gehen, und die Drehtür rotiert weiter und weiter und weiter…!


erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462037982

[Rezension] Joanna Nadin – Meine Mutter, unser wildes Leben und alles dazwischen

Dido Sylvia Jones ist gerade erst 6 Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter Edie in das geerbte Haus in einer Kleinstadt in Essex zieht. In dieser geordneten, gutbürgerlichen Umgebung fällt die flippige Edie schnell auf und sorgt für Aufregung in der Nachbarschaft; sehr zum Leidwesen ihrer Tochter Dido, die so gerne ein etwas unauffälligeres Leben führen würde. Direkt nebenan entdeckt sie ihr persönliches Narnia: Durch eine Tür in der Gartenmauer schlüpft sie in die saubere und strukturierte Welt der Familie Trevelyan mit Vater, Mutter und zwei Kindern. Mit der gleichaltrigen Tochter Harry freundet sich Dido an. Für deren älteren Bruder Tom schwärmt sie vom ersten Moment. Edie kann die Begeisterung ihrer Tochter an dieser spießigen Bilderbuchfamilie nicht teilen: Sie zieht es vor, ihr Leben ohne Konventionen öffentlich zu zelebrieren und reizt damit den Widerstand ihrer Tochter, die Konventionen benötigt, um Halt in ihrem Leben zu finden. So verfliegen die Jahre, und jede für sich taumelt durch ihr Leben mit falschen Jobs, falschen Freunden, falschen Liebhabern, da das/der Richtige immer irgendwie abwesend zu sein scheint…!

Dieses Jahr steht bei mir anscheinend ganz im Zeichen der Mutter-Tochter-Konflikte: Nach Anne Enrights Die Schauspielerin und Zwei Wochen im Juni von Anne Müller flutsche mir nun mit diesem Werk die dritte literarische Umsetzung zu diesem Thema zwischen die Finger. Joanna Nadin lässt in ihrem komplexen Roman die Geschehnisse aus der Sicht von Dido Revue passieren. Dieser Roman wirkt beinah wie ein scheinbar nie enden wollender Brief, den Dido ihrer Mutter Edie schreibt. So sind die Zeilen natürlich sehr persönlich gefärbt und spiegeln die jeweilige Lebenssituation von Dido wieder, offenbaren aber auch peu à peu die Geschichten ihrer Mutter und der Menschen in ihrem Umfeld.

Die Autorin entblättert Seite für Seite die zarte Seele eines Kindes, das auf der Suche nach Liebe, Halt und Anerkennung ist. Dies kann sie allerdings bei ihrer eigenen Mutter nicht finden, da diese selbst an den Wunden ihrer verletzte Seele krankt. So sind Missverständnisse und gegenseitig zugefügte Kränkungen zwangsläufig unabwendbar. Wie Naturgewalten prallen diese Frauen aufeinander, die so unterschiedlich sind aber gleichzeitig so vertraut miteinander, dass jede die wunden Punkte der anderen nicht bloß kennt sondern auch zielsicher trifft. Doch gerade diese Vertrautheit wirkt wie ein eng geknüpftes Band: Mutter und Tochter sind untrennbar miteinander verbunden!

Joanna Nadin erzählt ihre Geschichte in einer wunderschönen Sprache, die vor Energie strotzt und mit ihren Worten Bilder malt. Sie schafft es, dass ihre Leserschaft nie Mitleid aber immer Mitgefühl für die Protagonist*innen entwickelt. Alle agieren nachvollziehbar im Rahmen ihres vorgegebenen gesellschaftlichen Gefüges. Niemand wird bloßgestellt! In Nadins Charakterzeichnungen spürte ich sehr viel Herz und Verständnis für die Fehler „ihrer“ Menschen. Trotz aller vorhandener Ernsthaftigkeit mit ihren Dramen und den Tränen entlockten mir die humorvollen Beschreibungen der skurrilen Situationen, in die Dido, Edie & Co. stolpern, durchaus auch ein Lächeln.

Dido ist schonungslos – mit ihrer Mutter aber auch mit sich selbst. Doch am Ende steht die weise Erkenntnis, dass alles im Leben einen Sinn ergibt und erst mit dem Verzeihen die eigene innere Ruhe einkehren kann.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension von Günter Keil.


erschienen bei Limes/ ISBN: 978-3809027072

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Anne Müller – Zwei Wochen im Juni

Ada ist auf dem Weg Richtung Ostsee. Nach dem überraschenden Tod der Mutter steht das Elternhaus an der Küste leer und soll verkauft werden. Zwei Wochen im Juni bleiben Ada und ihrer älteren Schwester Toni, um das Zuhause ihrer Kindheit und Jugend zu entrümpeln. Doch mit jedem Zimmer, das sie ausräumen, mit jedem Schrank, den sie öffnen, mit jeder Kiste, deren Deckel sie heben, tauchen scheinbar vergessene Begebenheiten vom Grund ihrer Erinnerungen an die Oberfläche und kratzen bei den ungleichen Schwestern an der dünnen Schicht aus Konventionen und Routinen. Die Trauer um den Tod der Mutter ist noch frisch, und die Nerven liegen blank. Frühere Animositäten kommen wieder zutage, und Eifersüchteleien werden wieder spürbar. Die Schwestern rutschen in alte Rollen-Klischees. Und doch ist eine intensive Verbundenheit zwischen den beiden Frauen vorhanden. Sie begegnen sich mit einer Offenheit, die für sie neu, überraschend und gleichzeitig wunderschön ist, und sie zwingt, das eigene bisherige Leben zu rekapitulieren. Zwei Wochen im Juni reichen aus, um die Weichen im Leben dieser beiden Frauen neu zu stellen.

Schon Anne Müllers Erstlingswerk Sommer in Super 8 hatte mich vor zwei Jahren gepackt und aufgerüttelt und war für mich die Neu-Entdeckung des Jahres. So war meine Freude auf diesen Roman groß und meine Erwartungshaltung entsprechend hoch. Vielleicht lag hier auch der Grund verborgen, warum dieser Roman mich nicht gänzlich für sich einnehmen konnte. Es war eine Berg- und Tal-Fahrt zwischen fesselnden und weniger fesselnden Lesemomenten: Einige Dialoge zwischen den Schwestern plätscherten scheinbar belanglos dahin. Dann gab es wieder Szenen voller Intensität und Emotionen. Irgendwie hoffte ich, dass bei mir der Spirit von „Sommer in Super 8“ wieder spürbar wird. Dieser Roman traf mich genau zur richtigen Zeit, im richtigen Moment, in der richtigen Stimmung. Unter diesen Voraussetzungen konnte „Zwei Wochen im Juni“ nur verlieren, und gleichzeitig war das Lesen dieses Romans für mich kein Verlust. Widersprüchlich…? Ja, das ist es! Ich habe das Gefühl, das ich gegenüber „Zwei Wochen im Juni“ nicht fair bin. Beide Romane stammen von ein und derselben Autorin, und so tappe ich in die Falle und vergleiche und wäge ab. Leider war es mir nicht möglich, mich aus diesem Zwiespalt zu befreien, um beide Romane als jeweils eigenständiges Werk zu sehen. „Zwei Wochen im Juni“ ist ein guter Roman und hätte es wahrlich verdient.

Doch Anne Müller schafft es auch diesmal, ihre Leserschaft an die Hand zu nehmen, um mit ihr eine Reise in die Vergangenheit anzutreten. Diese Reise bleibt nicht nur ihren Protagonistinnen vorbehalten: Zwangsläufig schweiften meine Gedanken während der Lektüre ab. Ich dachte zurück, als ich vor einigen Jahren mein Elternhaus ausräumen musste. Nicht nur eine Welle – Nein! – ein ganzer Orkan an Emotionen überrollte mich mit jedem Stück, dass ich in die Hand nahm. Persönliche Gegenstände, Briefe und Unterlagen wurden von mir gesichtet und offenbarten die Facetten der elterlichen Persönlichkeit: einige waren überraschend, einige waren irritierend, viele waren bekannt. Der schnörkellose Blick auf das Leben meiner Eltern hatte eine schmerzhafte Rekapitulation meines eigenen Lebens zur Folge: Auf die Klärung der Frage „Wo komme ich her?“ folgten die Fragen „Wo stehe ich?“ und „Wo will ich hin?“, die beantwortet werden wollten. Sie wurden von mir beantwortet,…

…und ich gelang zu der traurigen Erkenntnis, dass recht wenig von einem Menschenleben zurück bleibt!


erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328601098

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Jerome K. Jerome – Drei Mann in einem Boot. Ganz zu schweigen vom Hund!

Drei überarbeitete Müßiggänger machen – samt Hund – eine Bootsfahrt entlang des Ufers der Themse, um ihre gestressten Nerven zu beruhigen und sich so von ihren eingebildeten Krankheiten zu erholen. Doch diese harmlos anmutende Bootsfahrt bietet ihnen tückische Missgeschicke, unverhoffte Bekanntschaften und wetterbedingte Herausforderungen am Busen der Natur und wird so zu einem Füllhorn an Anekdoten.

Dies ist die Handlung dieses Romans: Mehr passiert nicht!

Eine Gruppe von Individuen machen sich auf eine Reise von A nach B. In filmischer Form würden wir das Werk als „Road Movie“ bezeichnen. Doch als was charakterisieren wir es in seiner literarischen Form? Gerne schließe ich mich der Einschätzung von Harald Martenstein an, der in seinem Nachwort diesen Roman als „Road Novelle“ betitelt. Sie rudern los. Sie kommen an. Und dazwischen passiert eine ganze Menge und gleichzeitig reichlich wenig. Diese Form von Unterhaltungsroman bietet dem Autor eine willkommene Möglichkeit, etliche Geschichten und Geschichtchen, reichlich Weisheiten und kritische Ansichten über die Gesellschaft in eine lose Rahmenhandlung einzubinden.

Dies gelingt Jerome K. Jerome im Grunde auch ganz wunderbar: Wie Perlen auf einer Schnur reihen sich seine Anekdoten entlang des Laufs der Themse aneinander und bieten humoristische Bonmots, ironische Übertreibung, sozialkritische Seitenhiebe, Albernheiten und Slapstick. Die Nichtigkeiten des Alltags werden zu Wichtigkeiten und fordern unsere Helden immer wieder auf ein Neues heraus. Die Tücke des Objekts bietet unzählige Möglichkeiten des Scheiterns. Jerome blickt auf seine drei Männer durchaus liebevoll, überschüttet sie aber mit der nötigen Ironie und verhindert so, dass sie wie unsympathische Taugenichtse wirken. Wobei seine Freude am galanten Fabulieren und detaillierten Schwadronieren auf jeder Seite spürbar bleibt und so auch mir beim Lesen Freude bereitete.

Leider nutzen sich diese Talente bei einem Roman mit einem (vorliegenden) Umfang von über 350 Seiten etwas ab: Aufgrund Ermangelung einer echten Handlung mit Spannungsbogen, Konflikte etc. wirkte auf mich manches zu sehr austauschbar. Die Fülle an Geschichten lässt wenig Raum für erinnerungswürdige Highlights. Weniger wäre mehr gewesen!

Was mir bleibt ist eine schöne Erinnerung an eine literarische Seifenblase (in vielfältigen Farben schimmernd), die trotz des Alters (Erscheinungsjahr: 1889) noch eine überraschende Frische besitzt!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Janina Lehmann von „Frau Lehmann liest“.


erschienen bei Manesse/ ISBN: 978-3717524403

[Rezension] Anne Enright – Die Schauspielerin

Wenn Katherine O’Dell die Bühne betritt, fliegen ihr die Herzen der Zuschauer zu. Eine zarte Geste, ein scheuer Blick – und Magie scheint in der Luft zu liegen. Sie selbst kann sich dieses Phänomen nicht erklären. Doch sie scheint ES zu haben, was sie von anderen Schauspielerinnen unterscheidet. Beinah versteckt in der Kulisse steht Norah und beobachtet das Leben dieser Künstlerin. Sie ist die Tochter dieser berühmten irischen Schauspielerin, die in Wirklichkeit Engländerin ist, und das Irische vor ewigen Zeiten übergestreift hat wie eine Rolle, bis aus der Illusion ihre eigene Realität wurde, die niemand zu hinterfragen wagte. Mutter und Tochter: Sie stehen sich so nahe und sind gleichzeitig getrennt durch die völlig verschiedenen Frauenbilder, die sie jeweils leben. Katherine feierte im England der Nachkriegsjahre ihre ersten Erfolge, schaffte den Sprung über den großen Teich an den Broadway und folgte dem Ruf Hollywood. Doch die Rolle der Frauen im engen Korsett der Hollywood-Studios ließ keinen Raum für die ungewollte Schwangerschaft einer unverheirateten Schauspielerin. Gedemütigt kehrt Katherine nach Irland zurück, um ihr Kind alleine groß zu ziehen (Um die Vaterschaft machte sie zeitlebens ein Geheimnis.). Norah wird im Irland der 70er Jahre erwachsen, erfährt den Irland-Konflikt hautnah, studiert und entwickelt ihr feministisches Selbstbewusstsein. Und während die Mutter mit dem Älterwerden, schlechten Rollenangeboten und verblassenden Ruhm kämpft, versucht die Tochter ihr eigenes Leben zu gestalten.

Romane über Mutter-Tochter-Konflikte gibt es ebenso „en masse“, wie mehr oder weniger biografisch angehauchte Werke von Töchtern berühmter Mütter. Bei letzterem fällt es mir schwer, einzuschätzen, in wieweit die Töchter mit diesen Veröffentlichungen mit den übermächtigen Müttern abrechnen, Erlittenes aufarbeiten oder aus dem prominenten Namen Profit schlagen möchten. Werke wie „Meine liebe Rabenmutter“ von Christina Crawford und „Meine Mutter Marlene“ von Maria Riva hinterlassen bei mir darum immer einen bitteren Beigeschmack.

Bei „Die Schauspielerin“ greift die Autorin in den großen Topf der Fiktion und erschafft die Lebensentwürfe zweier Frauen, die es so nie gegeben hat aber durchaus hätte geben können. Wohltuend geht es Anne Enright weniger um die Aneinanderreihung plakativ konstruierter Konflikte zwischen Mutter und Tochter. Auch wenn die Geschichte aus der Sicht von Norah erzählt wird, gönnt sie ihren Protagonistinnen eine Auseinandersetzung ohne Zuweisung von Schuld: Sie wertet nicht und lässt auch nicht zu, dass ihre Heldin dies tun. Entscheidungen, die die Mutter bzw. die Tochter zum Handeln verführten, stehen ebenbürtig nebeneinander. Enright vermeidet es so, dass Norah „schmutzige Wäsche wäscht“, indem sie die große Schauspielerin Katherine O’Dell bloßstellt und vom imaginären Sockel stößt. Spannung erhält der Roman somit nicht aus dramatisch-pathetischen Szenen eines Mutter-Tochter-Konflikts als vielmehr aus der präzise ausgearbeiteten Charakterisierung der Personen. Auf der Suche nach ihren eigenen Wurzeln muss die Tochter zwangsläufig den Lebenslauf der Mutter entmystifizieren, doch dies geschieht mit Respekt und Liebe und lässt die Tochter die Entscheidungen der Mutter in einem anderen Licht sehen.

Anne Enright schenkt uns mit wohlmodulierten Sätzen sprachlich fein ausgefeilte Bilder. Selbst schockierende Szenen werden so erträglicher und erhalten oft eine ironische Komponente. Ihre Personenzeichnungen sind subtil und kraftvoll und lassen die fiktiven Lebensläufe überraschend authentisch wirken. Sentimentalität wird vermieden.

Die darstellende Kunst ist flüchtig, und so weht ein Hauch von Melancholie durch diese Geschichte und zelebriert voller Wehmut die Erinnerung an Vergangenes,…

…an eine Zeit, als es noch Schauspielerinnen gab, die von einer scheinbar magischen Aura umgeben waren.

„Die Schauspielerin“ von Anne Enright hat es auf die diesjährige Longlist für den „WOMEN’S PRIZE FOR FICTION 2020“ geschafft.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezensionen von Rainer Moritz vom Literaturhaus Hamburg.


erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328601340

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Sarah-Jane Stratford – Radio Girls

Die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts: Der 1. Weltkrieg war zwar vorbei aber noch lange nicht vergessen. Die Gesellschaft war im Umbruch begriffen. Das öffentliche Leben nahm wieder an Fahrt auf, und auch die Frauen definierten sich und ihre Rollen neu. Die Welt schien ihnen offen zu stehen: Doch viele unausgefochtene Kämpfe warteten noch auf sie, da das männliche Patriarchat noch allgegenwärtig war. Frauen eroberten sich Berufe, die sonst den Männern vorbehalten waren. Und auch das neubeschlossene Frauenwahlrecht leistete seinen grundlegenden Anteil zur weiblichen Emanzipation…!

Es ist das Jahr 1926. Die aus einfachen Verhältnissen stammende Maisie Musgrave bewirbt sich bei der BBC – British Broadcasting Corporation, in der Hoffnung einen der begehrten Posten als Sekretärin zu ergattern. Das Glück ist ihr hold: Trotz mangelnder Referenzen wird sie einerseits die Assistentin der Sekretärin vom Generaldirektor John Reith, andererseits soll sie auch als Sekretärin für den Programmdirektor der Vortragsabteilung tätig sein. Zu ihrer größten Überraschung entpuppt sich der Programmdirektor als die agile, moderne und intelligente Hilda Matheson, die mit gewagten Themen und provokanten Referenten einen frischen, modernen Wind durch die BBC wehen lässt – häufig sehr zum Missfallen von Direktor John Reith, der zwar eine gute Publicity durchaus zu schätzen weiß, ansonsten allerdings eher einen konservativen Kurs fährt. Maisie ist fasziniert von dieser scharfsinnigen Frau und entdeckt dank dieser Mentorin ihr eigenes Potential. Peu à peu entwickelt sie sich vom schlichten, verängstigten Mädchen zur gescheiten, selbstbewussten jungen Frau, die, selbst als ihr Liebster dem Einfluss von Faschisten verfällt, nicht von ihrer Haltung abweicht…!

Der Autorin Sarah-Jane Stratford ist – Wie formuliere ich es treffend? – ein pulsierender Roman gelungen. Ja, „pulsierend“ trifft es am besten: Sie treibt die Handlung zügig voran und porträtiert das Arbeiten im Savoy Hill, dem damaligen Sitz der BBC, als ein schwirrender Bienenstock, wo weder die Zeit noch die dort tätigen Menschen still zu stehen scheinen. Alles ist in Bewegung! Schnelligkeit scheint gefordert! Ein rasches Handeln entscheidet über Erfolg oder Misserfolg!

Das Auftreten historischer Persönlichkeiten und die geschichtlichen Ereignisse der Zeit (Frauenwahlrecht, der schwarze Freitag) werden geschickt mit der Handlung verwoben, ohne dass dies aufgesetzt wirkt oder den Fluss der Geschichte bremst. Auch die Gefahr, die durch die Anhänger des Faschismus in Großbritannien ausgeht, wird glaubhaft dargestellt und ohne übermäßige Effekthascherei beschrieben.

So gibt die Autorin uns einen interessanten Einblick hinter den Kulissen der damals noch recht jungen BBC, der den Rahmen für die eigentliche Geschichte bildet. „Radio Girls“ ist im Grunde eine Geschichte über die Emanzipation der Frauen. Maisie Musgrave steht stellvertretend für alle Frauen, die die Ketten der Vergangenheit abschüttelten, den männlichen Konventionen trotzten und ihre Chancen ergriffen, da sie mehr wollten (und konnten!) als einzig und allein Schreibkraft, Vorzimmerdame, Ehefrau oder Mutter zu sein.

…ein lockerer Unterhaltungsroman, der sich – wie in meiner Antwort zur MONTAGSFRAGE# 74 schon erwähnt – definitiv als Quarantäne-Lektüre eignet. 😉


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442716449

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Margaret Mitchell – Vom Wind verweht (Neu-Übersetzung)

Zuerst jahrzehntelang geliebt, verehrt, mit Tolstois „Krieg und Frieden“ verglichen und mit einem Hollywood-Monumentalfilm geadelt; dann beinah ebenso lange verspottet, zur seichten Hausfrauen-Lektüre abgekanzelt und als „politically incorrect“ verfemt: Nun startet Margaret Mitchells Erstlingswerk – wie Phönix aus der Asche steigend – hoffentlich zu einem neuen Siegeszug durch die Buchhandlungen. Zu verdanken ist dies einem rührigen Verlag, der das Potenzial hinter der trivial anmutenden Story erkannte, und das Wagnis einging, eine neue Übersetzung in Auftrag zu geben: Denn die Welt hat sich seit der ersten Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach aus dem Jahre 1937 stark gewandelt. Begrifflichkeiten müssen neu überdacht und der Blick auf das Werk neu justiert werden. Und so steht in meiner Rezension auch weniger die Handlung an sich im Vordergrund – zumal ich bei einem so populären Werk den Inhalt als bekannt voraussetzen darf – vielmehr werde ich meinen Fokus auf die Übersetzungen richten. Seit etlichen Jahren steht eine gebundene Ausgabe von Vom Winde verweht in meinem Bücherregal, begleitet mich schon beinah ⅔ meines Lebens und fand somit auch Eingang in meiner Sammlung Die Bücher meines Lebens. So schlug ich neugierig (aber auch ein wenig ängstlich) die ersten Seiten der neuen Übersetzung auf und begann mit der Lektüre. Zum besseren Vergleich habe ich mir die Mühe gemacht und einige Kapitel bzw. einzelne Passagen beider Übersetzungen parallel gelesen.

Schon beim Titel fällt eine kleine aber sehr bedeutende Änderung auf: Im Zuge der Neu-Übersetzung ging dem Titel ein Buchstabe verloren. Aus dem dramatisch-schwülstigen „Vom Winde verweht“ wurde ein klareres „Vom Wind verweht“. Es ist erstaunlich, wie das Weglassen eines einzigen Buchstabens den Klang eines Titels verändern kann.

Wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, entstand die erste Übersetzung unter Zeitdruck: Der Erfolg des Romans schwappte über den großen Teich. David O. Selznick hatte die Filmrechte erworben und startete auf der Suche nach der Hauptdarstellerin eine Werbekampagne, die bisher einzigartig in den USA war. Der deutsche Verlag wollte möglichst schnell die Nachfrage seiner Leser*innen befriedigen: Eine deutsche Übersetzung musste her. Vielleicht lässt sich so die eine oder andere Lücke in der Handlung, die eine oder andere „holprige“ Übertragung erklären. Und doch hat Martin Beheim-Schwarzbach damals nicht schlechter gearbeitet. Schließlich war seine Übertragung ein Produkt der damaligen Zeit und begeisterte über Jahre Hunderte von Leser*innen. Damals herrschten eben ein anderer Duktus und ein anderer Ton vor, und somit ist Beheim-Schwarzbachs Leistung im historischen Kontext nicht minder zu achten.

Was häufig im Zuge der Popularität des Filmes vergessen wird, ist, dass wir es hier mit einem gut konstruierten Roman zu tun haben, der immerhin mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Ich glaube kaum, dass eine vor Kitsch triefende Liebes-Schmonzette (in deren Ecke „Vom Winde verweht“ gerne gedrängt wurde) diesen renommierten Preis erhalten hätte. Margaret Mitchell wandte sich gegen dem damals vorherrschenden Trend und schuf mit Scarlett O’Hara und Rhett Butler zwei Anti-Helden, die beide völlig gegen dem gängigen Klischee agierten und denen ein Happy End verwehrt wurde. Ihr Werk kann sowohl als Anti-Kriegs- als auch als Emanzipations-Roman gesehen werden.

Auf stattlichen 1328 Seiten durchleben Mitchells Protagonist*innen existenzielle Veränderungen und sind Schicksalsschlägen ausgesetzt, die sie zwingen, ihre wahren Charaktere zu offenbaren. Dabei liegt der Fokus deutlich verstärkt auf den weiblichen Figuren, die hier vor dem Hintergrund einer sich schnell verändernden Zeit gezwungen werden, eine rapide Entwicklung zu durchlaufen. Den Leser*innen wird ein buntes Kaleidoskop an (vornehmlich) weiblichen Identifikationsfiguren präsentiert: Neben den unterschiedlichen Mütter-Figuren wie Ellen O’Hara oder Beatrice Tarleton, die mit sehr antagonistischen Methoden Familie, Bedienstete und Plantage managen, gibt es mit der Sklavin Mammy eine resolute Persönlichkeit, der ihr Stand zwar bewusst ist aber sich von ebensolchem Dünkel nicht befreien kann. Scarlett O’Hara vereint in ihrem egoistischen, dem eigenen Vorteil bedachten und sprichwörtlich über Leichen gehenden Verhalten eher männliche Züge. Diesen Widerspruch zum damalig vorherrschenden Rollenklischee versucht sie mit anerzogenen weiblichen Verhaltensmustern zu kontrastieren. Für Rhett Butler ist sie ein ebenbürtiges Gegenüber: Obwohl er sie völlig durchschaut – dafür sind sich diese beiden Charaktere zu ähnlich – begehrt und liebt er sie, würde sich für sie aber nie gänzlich offenbaren. So wahrt er seine Geheimnisse, die weder Scarlett noch die Leser*innen erfahren werden. Während ihm Scarletts damenhaftes Getue eher amüsiert und zur Ironie reizt, hegt er gegenüber Melanie Wilkes eine zarte Sympathie und verspürt einen tiefen Respekt, gerade weil sie mit jeder Faser ihres Seins eine Dame ist. Mitchell beschreibt sie als eine eher unscheinbare junge Frau von zarter Konstitution, unter der sich eine überraschende Zähigkeit verbirgt, mit einem scharfen Verstand und bar jeglicher Falschheit. So ist für mich auch eher Melanie die eigentliche, häufig unterschätzte Heldin dieses Romans.

In der Übersetzung des Duos Andreas Nohl und Liat Himmelheber wurden rassistische Untertöne deutlich gemildert: Das Wort „Nigger“ findet sehr überlegt Anwendung und beschreibt darüber hinaus eher die Haltung von demjenigen, der dieses Wort benutzt. Im Alltagsgespräch wird vielmehr von „Darkys“ gesprochen und wirkt auf mich als Leser weniger diskriminierend. Doch nicht immer scheint die Abmilderung gänzlich gelungen. So bemühen die Übersetzer sich, die Physiognomie der „Darkys“ (😉) möglichst neutral zu beschreiben, und es wirkt auf mich auch genauso: bemüht! Birgt in der Beschreibung eines Gesichtes schon eine Gefahr zum Rassismus? Doch trotz dieses kleinen Einwands empfinde ich die Neu-Übersetzung als absolut gelungen. Sie erscheint beträchtlich schlanker, beinah sachlich – von übermäßigen Pathos befreit und dadurch deutlich zeitgemäßer in einer erfrischenden Leichtigkeit. Und wie beim fehlenden Buchstaben im Titel, sind es manchmal nur Kleinigkeiten, die die Aussage eines Satzes verändern können: War Scarletts letzte Satz bisher ein „Schließlich, morgen ist auch ein Tag!“, schließt sie den Roman nun mit einem optimistischeren „Schließlich: Morgen ist ein neuer Tag!“.

So erhält „Vom Wind verweht“ endlich die verdiente Chance, den Dünkel der Trivialität abzuschütteln und seinen angestandenen Platz im Kreise der großen Unterhaltungsliteratur einzunehmen.

Anmerkung: Das in unserer heutigen verrückten Welt, wo Worte plötzlich eine neue Bedeutung erhalten und von Menschen für ihre niederen Zwecke missbraucht werden, literarische Werke neu überdacht werden, finde ich wichtig und richtig. Doch ich möchte auch auf folgendes hinweisen: Ich habe „Vom Winde verweht“ gelesen und bin kein Rassist geworden. Ich habe mich als Kind über Pippi Langstrumpf und ihrem Vater, dem Negerkönig in Taka-Tuka-Land amüsiert und bin kein Rassist geworden. Ich habe Agatha Christies Krimi „Und dann gab’s keines mehr“, in dem der alte Kindereim „Zehn kleine Negerlein“ eine entscheidende Rolle spielt, mit Freude gelesen und bin kein Rassist geworden. Kein Mensch wird ein Rassist, weil er diese Bücher gelesen hat. Ein Mensch wird ein Rassist, weil er in seinem gestörten Weltbild eine verabscheuungswürdige Ideologie verinnerlicht hat und somit zu großmütigen Gesten wie Toleranz und Menschlichkeit, die wichtige Säulen unserer Gesellschaft sind, nicht fähig ist.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143182

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] P.G. Wodehouse – Tausend Dank, Jeeves!

Die Britten können richtig witzig sein und der Welt viel Freude bereiten! Okay, jetzt nicht unbedingt, wenn es sich um den Brexit handelt. Aber sonst durchaus…! Zudem kann der britische Humor fraglos als erfolgreichster Export-Schlager von Großbritannien gelten: Monty Python, Mr Bean und Little Britain schickten den britischen Humor via TV in die Welt, und auch im Kino war er in den 50er bis 70er Jahren dank der Carry-On-Filmreihe äußerst populär. Aber auch literarisch darf der britische Humor nicht unterschätzt werden…!

P.G. Wodehouse gebührt durchaus die Ehre, als einer der bekanntesten, beliebtesten und talentiertesten Vertreter der literarischen Humoreske bezeichnet zu werden. Nachdem mein erster Kontakt mit ihm mich schier in freudige Verzückung versetzt hatte, halte ich nun ein Nachfolge-Epos in meinen Händen, das durchaus das Zeug hat, mit seiner Fülle an Blödsinn nahtlos am Vorgänger anzuknüpfen. Denn nichts anderes verspricht eine Lektüre von Wodehouses Jeeves-Geschichten: ein einziger grenzenloser Blödsinn!!!

Das Leben von Bertie Wooster ist wieder ganz und gar auf dem Kopf gestellt: Reisen soll ja bekanntlich bilden, und New York bietet dafür bekanntlich reichlich Gelegenheiten. Es sei denn, der Reisende hört auf den Namen Bertie Wooster und wäre der Überzeugung, dass Einbildung schon Bildung genug wäre. Die überstürzte Verlobung mit Pauline Stoker hatte er sich leider nicht eingebildet. Doch zum Glück konnte er nochmals rechtzeitig seinen Hals aus der Ehe-Schlinge ziehen und sich flugs Richtung Heimat aufmachen. Dort frönt er seiner Leidenschaft des Banjo-Spiels und bildet sich ein – sehr zum Leidwesen seines Butlers Jeeves – dieses Instrument brillant zu beherrschen. Jeeves greift in seiner Not zum Äußersten und droht mit Kündigung, wenn Bertie seine musikalischen Anwandlungen nicht flott auf das Land verlegt. Das Cottage seines Freundes Chuffy liefert dafür die perfekte Kulisse. Dumm nur, dass Chuffy aufgrund chronischem Geldmangel sein Cottage an den steinreichen Amerikaner J. Washburn Stoker verkauft hat, der mit seinem entzückenden Töchterchen Pauline (Ja, genau eben jene Pauline, die Bertie in New York so unrühmlich hat sitzenlassen.) anreist. Chuffys Herz entbrennt augenblicklich in Liebe für Pauline. Doch kann er es wagen völlig mittellos, um ihre Hand zu bitten? Bertie bietet – nicht ganz uneigennützig – seine Hilfe an…!

Es war wieder eine Menge Blödsinn auf einem Haufen, und es war wieder wunderbar. Nichts und niemand darf hier vom Leser ernst genommen werden. Locker-leichte Albernheiten tollen hier über die Seiten und bringen das Zwerchfell zum Erschüttern. Realismus (Ich bitte Euch!) sucht man hier vergebens und wurde von mir weder erwartet noch vermisst. Es scheint, als würde in den Wodehouse-Geschichten ein immerwährendes Picknick im Sonnenschein stattfinden – voller Unbeschwertheit und ohne einen Blick auf Morgen!

Herrliche Bonmots wechseln sich mit deftigen Frechheiten ab. Hier muss/darf ich den Übersetzer Thomas Schlachter wieder hochlobend erwähnen: Er schafft das Kunststück, dass mir die Zeilen auch beim lauten Vorlesen intelligent-flüssig über die Lippen kommen und auch gesprochen mit der richtigen Betonung herrlich verführerisch anmuten (Verdammt, ich sollte wirklich eine Wodehouse-Lesung machen!). Besonderen Charme schöpfen die Geschichten aus dem Standesunterschied zwischen Bertie und Jeeves, der anhand des jeweiligen Verhaltens gar köstlich persifliert wird.

So war mein Wieder-Lesen mit Bertie und Jeeves auch dieses Mal die pure Wonne!


erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458178248

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Eleonora Hummel – Die Wandelbaren

Vier junge Menschen, die nichts miteinander gemein zu haben scheinen, werden von der Regierung „auserwählt“, die deutsche Sprache auf den Bühnen der sowjetischen Republik erklingen zu lassen. Denn das ist die einzige Gemeinsamkeit dieser jungen Menschen: ihre deutschen Wurzeln. Diese Wurzeln waren bisher mehr Last als Freud im kommunistischen Russland und galten eher als Makel und Stolperstein für ein berufliches Vorwärtskommen. Ihre deutschen Wurzeln: Bisher von ihnen gering beachtet oder möglichst verschwiegen, sollen sie ihnen nun Tor und Tür für eine ruhmreiche Karriere auf der Bühne des deutschen Nationaltheaters Russlands öffnen. Gäbe es da nicht ein klitzekleines Problem: Keiner dieser jungen Menschen spricht mehr die Sprache ihrer Ahnen…!

Autorin Eleonora Hummel blättert ein interessantes Kapitel deutscher Identität auf – beginnend in den 70er Jahren bis zur jüngsten Vergangenheit. Wir begleiten Arnold, Violetta, Emilia und Oswald durch die beschwerliche Schauspiel-Ausbildung in Moskau zum ersten Engagement am Theater in der öden Steppe Termirtau und sehen ihr Bemühen um gesellschaflicher Veränderung im Herbst 1989 in Zeiten von Glasnost und Perestroika.

Zwischen Proben mit wechselnden Regisseuren, Tourneen durch alle möglichen und unmöglichen Orte und der Alltagsbewältigung in einer Mangelwirtschaft, werden Ehen geschlossen, Kinder geboren und Wehrdienste abgeleistet. Doch nie scheint dem übermächtig wirkenden Staat die Mühe ihrer Genossinnen und Genossen zu genügen. Der Erhalt der deutschen Sprache wird zwar staatlich gefördert, gleichzeitig aber kritisch beäugt und vom KGB bespitzelt. Und so wirkt das Bemühen des sowjetischen Staates um die deutsche Sprache eher wie Zuckerguss, der über einen Kuchen verteilt wird, um die angebrannten Stellen zu übertünchen: Deutsch ja, aber nicht zu Deutsch, kritisch ja aber nicht zu kritisch. Unter der Oberfläche brodelt der Widerstand, und Rufe werden laut nach einer deutschen Identität in einer eigenen deutschen Wolgarepublik…!

Hummel lotet die Charaktere ihrer Held*innen sehr detailliert aus, lässt diese selbst zu Wort kommen und offenbart somit deren Innerstes: ihre Wünsche, Ängste und Sehnsüchte, ihr Zaudern und Streben. Jede*r Protagonist*in erhält so in einem unverwechselbaren Profil einen eigenen Ton, der sich im Laufe der Handlung verändert: Die Autorin erlaubt ihren Charakteren eine (Weiter-)Entwicklung. Für Arnold, Violetta, Emilia, Oswald und ihren Mitstreitern entpuppen sich „die Bretter, die die Welt bedeuten“ mehr und mehr zur Einbahnstraße. Die Träume nach Ruhm und Anerkennung, das Sehnen nach Identität und Verbundenheit, das Hoffen auf einen Platz im sowjetischen Gefüge, um dort heimisch zu werden – dies alles wird unter dem Mühlstein der politischen Willkür zermahlt,…

…und weicht einem resignierten Pragmatismus: Am Schluss bleibt nur die Flucht zum kapitalistischen Klassenfeind, die schmerzhafte Anpassung an die neuen Verhältnisse und eine bittere Erkenntnis: Der Kommunismus ist nicht „die beste aller möglichen Welten“!


erschienen bei müry salzmann/ ISBN: 978-3990141960

Ich danke der Autorin und dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!