[Rezension] Rayk Wieland – Beleidigung dritten Grades

Herrn Oskar B. Markow, Reinhardstr. 22, 10117 Berlin
Mit dieser Ihnen persönlich per Sekundant zugehenden Depesche fordere ich Sie auf, mir Genugtuung zu geben. Eine andere Möglichkeit zur Wiederherstellung meiner Ehre, die durch Ihre geschmacklose Verführung von Constanze Kamp verletzt wurde, besteht leider nicht. Konkret heißt das, dass ich Sie bitten muss, sich zum nächstmöglichen Termin von mir erschießen zu lassen.

Eben jener Oskar B. Markow, seines Zeichens Psychiater und Schlafcoach und mit der besagten Constanze Kamp liiert, staunt nicht schlecht, als er von deren Verflossenen Alexander Schill dieses Schreiben erhält, in dem dieser u.a. den Ablauf des Duells detailliert festlegt und klar verdeutlicht, dass ein Entrinnen zwecklos wäre. Da staunt auch die Oberkommissarinnen Eva Tannenschmidt von der Berliner Polizei nicht schlecht, an der sich Markow mit immer blanker liegenden Nerven mit der Bitte um Hilfe wendet. Allein der Umstand, dass das letzte in Deutschland verbriefte Duell schon Jahrzehnte zurückliegt und die Versicherung, dass Duelle in der heutigen Zeit gesetzlich verboten sind, können die Nerven von Markow nicht beruhigen. Schließlich sind Banküberfälle und Autodiebstähle auch gesetzlich verboten und werden trotzdem begangen. Eben jenes Duell ereignete sich im Jahre 1937 zwischen dem SS-Hauptsturmführer Roland Strunk, der Horst Krutschinna, persönlicher Adjutant von Reichsjugendführer Baldur von Schirach, herausforderte, weil dieser angeblich mit seiner Gattin angebandelt haben soll, und endete mit dem Tod von Strunk. Und genau dieses Duell heizt die Phantasie von Alexander Schill an, der sich mit einer abnormen Besessenheit dieser Thematik widmet und in ihr die Wiedergeburt wahrhaft männlicher Tugenden sieht…!

Was wäre, wenn…? Was wäre, wenn etwas passiert, was nicht passieren kann, da es nicht passieren darf? Was wäre, wenn wir im heutigen „Hier & Jetzt“ eine absurde Einladung zur Wiederherstellung der Ehre erhalten würden, die wie ein fossiles Relikt aus der Vergangenheit erscheint? Wir würden zweifeln – zuerst an der Echtheit dieser Einladung, dann am Geisteszustand des Absenders und zuletzt an der eigenen mentalen Gesundheit. Rayk Wieland scheint sich diesen Grundgedanken zu Eigen gemacht zu haben, bemächtigt sich den historisch belegten Fakten des letzten in Deutschland durchgeführten Duells zwischen zwei SS-Männer, und verknüpft diese mit der Gegenwart.

Dabei pendelt er gekonnt zwischen den Zeiten und sorgt dafür, dass beide Erzählstränge sich gegenseitig befruchten. Jeder für sich betrachtet wäre zwar durchaus lesenswert. Allerdings erst die Verknüpfung miteinander und der direkte Vergleich eines Vorgangs, der im Jahre 1937 angemessen bzw. heute inakzeptabel erscheint, lässt diesen Roman zur fesselnden Groteske voller Ironie aufblühen. Wieland porträtiert seine „Helden“ zwar durchaus ambivalent aber nicht unsympathisch – im Gegenteil – meine Sympathien schwankten zwischen dem Herausforderer und seinem „Opfer“ immer wieder hin und her.

Dank der Freude des Autors am Fabulieren, skizziert er beinah belanglose Alltagssituationen so vergnüglich leichtfüßig und deckt somit deren Absurdität auf. Doch gerade hinter dieser unterhaltsamen Fassade versteckt sich das Grauen: Habe ich von den SS-Schergen auch nichts anderes als ein verkorkstes Ehrempfinden erwartet, so packte mich der Schrecken bei dem Gedanken, jemand würde in der heutigen Zeit zu einem solchen Mittel greifen. Wäre ich der Betroffene, ich würde um meine Sicherheit fürchten. Dabei scheint mir gerade die heutige Zeit prädestiniert zu sein, um sich mit Begriffen wie „Ehre“ und „ehrenhaftes Verhalten“ aber auch mit „Ehrerbietung“ auseinanderzusetzten.

Ich gebe es zu, dass ein Ausspruch wie „Es ist eine Frage der Ehre.“ wie ein verstaubtes Relikt aus einer längst vergangenen Zeit wirkt, und ich ihn eher in einen patriarchalisch geprägten Kulturkreis verorten würde. Doch gilt dies für mich nicht gleichermaßen für „ehrenhaftes Verhalten“: Mit diesem Ausspruch verbinde ich Tugenden wie Toleranz, Rücksichtnahme und Respekt. Wobei sicherlich die Interpretation von Mensch zu Mensch variieren könnte.

Dank der Lektüre von Rayk Wielands Roman, der gespickt ist voller hintersinnigem Irrwitz, war ich „gezwungen“, mir einige Begrifflichkeiten ins Gedächtnis zurückzurufen bzw. sie für mich neu zu definieren.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956144813

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Nancy Campbell – Fünfzig Wörter für Schnee

Es gibt Regen, Hitze, Hagel, Stürme, Dürre, Wind und Kälte. Doch kein meteorologisches Phänomen gibt so viel Raum für märchenhafte Mystik und romantische Verklärung wie SCHNEE. Die fallenden Flocken im reinen Weiß lösen bei mir immer wieder ein kindliches Staunen aus. Ich stehe dann gerne in der Natur (oder auch nur am Fenster) und wundere mich, wie die Welt sich plötzlich unter einer jungfräulichen Decke versteckt und völlig verändert, Geräusche nur noch gedämpft wahrnehmbar sind, und die Hast des Alltags plötzlich ausgebremst wird. Doch die verschneite Landschaft birgt auch Geheimnisse. Es ist nicht einschätzbar, was sich alles unter dieser unschuldig weißen Decke verbirgt: Eine Wurzel könnte mich zum Straucheln bringen, oder eine versteckte Eisschicht lässt mich ausrutschen und hart zu Boden stürzen. Doch immer wieder verzeihe ich dem Schnee seine kleinen, launischen Tücken. Sorgt er doch mit seiner bloßen Anwesenheit dafür, dass ich immer wieder aufs Neue einen tiefen Frieden in mir spüre.

Nancy Campbell versucht diesem Phänomen in ihrem Buch auf den Grund zu gehen und kann uns zwangsläufig nur einen „kleinen“ Ausschnitt präsentieren. Doch dieser „kleine“ Ausschnitt lässt uns unseren Blick weiten und verlockt uns, neugierig in die Ferne zu schauen. So schickt sie uns in 50 kurzen Episoden auf Weltreise und erzählt uns so von vielfältigen Mythen und Märchen, die sich um den SCHNEE ranken.

Da lockt in Japan die Yuki-onna (Schneefrau) ihre auserwählten Liebhaber in einen Schneesturm, um sie so für sich zu gewinnen. Im Hebräischen ist eine Geschichte überliefert, in der ein armer Mann so sehnsüchtig dem Studium der Thora lauschen wollte, dass er sich heimlich auf das Dach der Studierhalle legte und selbst der einsetzende Sheleg (Schnee) ihn nicht vertreiben konnte. Auch wenn die Ebene in Russland wie ein einziges vereistes Plateau wirkt, so kann das geübte Auge anhand der Sastrugi (Erhebung im Schnee) den sicheren Weg finden. Auch in Estland ist es im Winter so kalt, dass die Einwohner die Jäätee (Eisstraßen) nutzen, d.h. sie nehmen die direkten Wege über die zugefrorenen Seen und Flüsse. Der Name des Himalayas setzt sich aus einer Verbindung zweier Wörter aus dem Sanskrit – himá (Schnee) und á-laya (Wohnsitz) – zusammen und beschreibt ihn damit ganz wunderbar. Jedes Jahr am 5. August begehen die Spanier das Fest der Virgen de las Nieves (Jungfrau vom Schnee), die der Legende nach an einem heißen Augustabend Schnee auf einen der Berge fallen ließ. Doch nicht nur Naturereignisse, Mystisches und Märchenhaftes hat die Autorin zusammengetragen, auch Skurriles gibt es zu erfahren. Oder habt Ihr etwa gewusst, dass hier in Deutschland Kunstschnee für Hollywood produziert wird?

Auch die Gestaltung wird dem Inhalt des Buches ganz wunderbar gerecht: Die Illustrationen sind in Weiß und in einem Blau-Violett gehalten, das auch für die Schrift zum Einsatz kam. Zudem sind den Kapitell die Abbildungen von Schneeflocken vorangestellt, die vom ersten bekannten Schneeflockenfotografen Wilson Bentley (1865-1931) stammten. Diese – mal verspielte, mal stringente – Formgebung ließ mich ehrfürchtig staunen über die mannigfachen Darstellungsformen, die die Natur uns schenkt.

Und so einzigartig wie sich jede Schneeflocke in ihrer Struktur unter dem Mikroskop zeigte, so vielfältig sind die Worte und Bedeutungen von SCHNEE in den Sprachen, in den Ländern, in den Kulturen dieser unserer gemeinsamen Welt.


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-3455011807

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Fabian Neidhardt – Immer noch wach

Wer mich und meinen Blog kennt und somit regelmäßig meine Rezensionen liest, weiß, dass ich mich nie allzu lange mit den Inhaltsangaben der zu rezensierenden Bücher aufhalte (s.a. Was sonst noch?). Doch diesmal war es mir einfach nicht möglich, den Inhalt auf wenige Zeilen herunter zu brechen. Ich bin mir sicher, Ihr werdet mir verzeihen und – passend zum Grundtenor des Romans – es auch überleben…! 😉

Alexander Fink ist 30 Jahre alt, Lebenspartner der entzückenden Lisa, gemeinsam mit seinem besten Freund Bene frisch-gebackener Café-Besitzer, an Krebs erkrankt und wird sterben…! Die Nachricht trifft Alex wie ein Hammerschlag: Alle Pläne, Wünsche, Hoffnungen sind mit dieser Diagnose für Null und Nichtig erklärt. Ja, da gäbe es durchaus die eine oder andere vielversprechende Therapie, die ihm zwar nicht heilt aber den Tod evtl. ein, zwei Monate hinauszögern könnte. Doch Alex lehnt kategorisch weitere Behandlungsmethoden und Untersuchungen ab: Er möchte nicht das Schicksal seines Vaters teilen, der erbärmlich am Krebs zugrunde ging. Vielmehr will er die verbliebende Zeit nutzen, um überfällige Dinge zu regeln, aufgeschobene Gespräche zu führen, und noch eine ruhige Zeit mit seinen Lieben verbringen. Dann, wenn er meint, dass die Zeit reif ist, wird er sich von seinen Leuten verabschieden, sich in ein nur ihm bekanntes Hospiz begeben und dort alleine sterben. Doch gerade diese Entscheidung sorgt dafür, dass die verbleibende Zeit alles andere als ruhig verläuft: Denn eine Krebs-Diagnose betrifft nicht nur den Erkrankten sondern auch seine Angehörigen. Und so stößt seine Idee bei Lisa und Bene auf wenig Verständnis sondern löst eine Fülle an Gesprächen mit Tränen und Emotionen aus. Doch Alex bleibt bei seiner Entscheidung und verabschiedet sich in Richtung Hospiz. Das Sterben und der Tod gehören dort zum „Tagesgeschäft“ und sind allgegenwärtig. In den Gesprächen mit seinen Mit-Bewohner*innen werden sie zur alltäglichen Normalität und verlieren so ihren Schrecken. Der todkranke Kasper ist ihm dabei Beichtvater und Stimme des Gewissens zugleich. Doch nach einer Routine-Untersuchung erwartet ihn der nächste Hammerschlag: Ja, er hat einen Tumor! Und: Nein, er wird nicht sterben, denn der Tumor ist gutartig (Vielleicht hätte er doch weiteren Untersuchungen zustimmen sollen.)! Sein Aufenthalt im Hospiz ist somit beendet, und ein neues Leben könnte für ihn beginnen. Doch die Zeit außerhalb des Hospizes ist nicht stehengeblieben, und auch Lisa und Bene haben weitergelebt, haben weiterleben müssen – ohne ihn. Alex wagt es nicht, wieder in deren Leben einzubrechen, und so fasst er gemeinsam mit Kasper einen kühnen Plan. Er wird die letzten Wünsche seiner (auch durchaus schon verstorbenen) Freunde aus dem Hospiz stellvertretend für sie erfüllen: Er gewinnt eine Partie Schach für Peter, tanzt Lindy Hop für Wilhelm, reist in die italienische Heimat von Lilia, lässt sich ein Tattoo für Kasper stechen. Doch Alex hat weder mit den Tücken des Schicksals noch mit der List des Zufalls gerechnet…! Denn Beide können den schönsten, noch so raffiniert ausgeklügelten Plan ruckzuck durchkreuzen…!

„Uih!“ dachte ich „Heikles Thema!“ und „Wenn das mal gut geht!“. Doch dann siegte die Neugierde:  „Mal sehen, wie er (=der Autor) das hinkriegt!“

…und nun ist der Roman ausgelesen, ich sitze hier vor der Tastatur und weiß nicht, wie ich eine Rezension beginnen soll. Vorweg: Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal bei einer Lektüre so sehr geweint habe. Dabei ist diese Geschichte aus der Feder von Fabian Neidhardt weder kitschig, noch gefühlsduselig, noch sentimental und ebenso wenig wird ein übermäßiger Druck auf die Tränendrüsen ausgeübt. Die Geschichte ist schlicht und ergreifend einfach nur traurig…, traurig und berührend…, traurig, berührend und menschlich…! Und weitere Worte müssen „eigentlich“ (!) nicht darüber verloren werden, außer „Bitte lesen!“.

Natürlich könnte ich mich noch zeilenweise über die Storyline auslassen, die der Autor sehr geschickt aufbaut, um so dem Handlungspersonal dort Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, wo es im Sinne der Geschichte angebracht erscheint. Über etliche Zeilen könnte ich auf die Sinnhaftigkeit der Rückblenden hinweisen, die der Autor immer wieder mit der Haupthandlung verwebt, damit seine Leserschaft in der Lage ist, die Gefühle und Beweggründe der Protagonist*innen plausibel nachzuvollziehen. Einige weitere Zeilen könnte ich dafür verwenden, den Autor bis über den grünen Klee zu loben und für seinen Mut zu bewundern, da er darauf verzichtet hat, für seinen zweiten Roman ein massenkompatibles Thema zu wählen. Vielmehr rüttelt er an der gesellschaftlichen Gemütlichkeit und bricht eine Lanze für den selbstbestimmten Umgang des Menschen mit Sterben und Tod.

Das alles und noch viel mehr könnte ich zeilenweise schreiben. Doch ich will nicht! Denn (wie ich bereits erwähnte) weitere Worte müssen nicht darüber verloren werden, außer „Bitte lesen!“.

Doch! Ein Wort sei mir noch gestattet: Denn dieser Roman ist nicht nur traurig…, auch nicht nur traurig und berührend…, schon gar nicht nur traurig, berührend und menschlich…, sondern er ist traurig, berührend, menschlich und durch und durch lebensbejahend…!!!

Auf der Homepage von WAS MIT BÜCHERN! Findet Ihr ein lesenswertes Interview mit Fabian Neidhardt.


erschienen bei Haymon/ ISBN: 978-3709981184

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kerstin Campbell – Ruthchen schläft

Was ist „Familie“? Kann mir mal bitte jemand diesen Begriff definieren? Es ist gar nicht so einfach, oder? Eine Familie besteht eben nicht mehr nur aus der klassischen Konstellation „Vater/Mutter/Kind(er)“. Da wird zwischen biologischer Familie und Wahl-Familie unterschieden, denn in der Zwischenzeit gibt es beinah unzählige Familien-Konstellationen: So bunt wie das Leben, so individuell wie die Menschen, so vielfältig sind die Familien-Zusammensetzungen. Auch für mich setzt sich eine Familie nicht unbedingt aus Blutsverwandten zusammen: Nur weil ich mit einem Menschen verwandt bin, bedeutet es nicht, dass dieser Mensch ein Teil meiner Familie ist. Zu meiner Familie gehören Menschen, die an meinem Leben Anteil nehmen, mich fraglos unterstützen und ebenso fraglos von mir unterstützt werden. Es sind Menschen, die mir gut tun, und denen ich hoffentlich ebenso gut tue, meine Familie…!!!

Frau Lemke lebt schon ihr ganzes Leben in dem Mietshaus, das Georg von seinem Opa geerbt hat. Bei ihr hat er seine Geburtstage gefeiert und sich geborgen gefühlt. Frau Lemke ist seine Familie. Doch nun wird Frau Lemke langsam gebrechlich, und alles scheint ihr beschwerlicher zu fallen. Ihr (blöder) Sohn möchte, dass seine Mutter zu ihm nach New York zieht. Nur solange ihre alte Katze Ruthchen noch lebt, darf sie in ihrem Zuhause in Berlin bleiben. Darum muss gut auf Ruthchen aufgepasst werden, damit sie ein möglichst biblisches Alter erreicht. Doch Ruthchen will bei diesem Plan partout nicht mitspielen und stirbt – einfach so…! Doch was wäre, wenn Ruthchen weiterhin auf dem Sofa liegen und schlafen würde? New York ist weit weg: Wie soll Frau Lemkes blöder Sohn dahinterkommen? So macht sich Georg auf den Weg zum Tierpräparator und stößt auf eine TierpräparatorIN: Caro ist so völlig anders als die Frauen, die er bisher kennengelernt hat, und krempelt sein Leben gehörig um. Zudem scheint New York wohl doch nicht so weit weg zu sein, wie er dachte: Plötzlich steht Frau Lemkes blöder Sohn vor der Tür…!

Manchmal brauche ich sie einfach – diese federleichten Geschichte, bei denen ich schon nach wenigen Seiten weiß, dass alles gut ausgehen wird. Dies ist so eine Geschichte! Und dabei möchte ich nicht, dass der Ausdruck „federleicht“ eventuell als ein Synonym von „seicht“ verstanden und somit verwechselt wird. Denn damit würde ich dem Erstlingswerk von Autorin Kerstin Campbell Unrecht tun und ihm nicht gerecht werden.

Campbell ist eine wunderbare Symbiose aus gut gezeichneten Figuren, einer einnehmenden Handlung und detaillierter Milieuzeichnung gelungen. Die Konflikte der Protagonist*innen werden mir glaubhaft vermittelt. Ich fühle mit, aber ich leide nicht. Es zu lesen „tut mir nicht weh“. Der Autorin gelingt das Kunststück, dass ich als Leser mit diesem zusammengewürfelten Haufen Charaktere, aus dem sich langsam eine originell-unkonventionelle Familie formt, Sympathie empfinden kann (Ja, auch mit Frau Lemkes blöden Sohn!).

So fließt die Handlung zügig dahin, da Campbell sich nicht mit erzählerischem Ballast aufhält. Sie beschränkt sich auf das Wesentliche, was der Handlung gut bekommt und somit auf mich frisch – beinah „entschlackt“ – wirkt. Ich erhalte genügend Einblicke in die Motivationen der Protagonist*innen, ohne dass diese in epischer Breite ausgewalzt werden. Vielmehr sorgt sie – trotz der durchaus vorhandenen Dramatik – für eine ausreichende Wohlfühl-Atmosphäre. So entfleuchte mir am Ende meiner Lektüre ein wohliger Seufzer: Alles ist gut, Georg feiert wieder bei Frau Lemke seinen Geburtstag,…

…und Ruthchen liegt wie eh und je auf ihrem Kissen und schläft!


erschienen bei Oktopus (bei Kampa)/ ISBN: 978-3311300052

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[Rezension] Roberto Camurri – Der Name seiner Mutter

Wenige Monate nach seiner Geburt verschwindet Pietros Mutter aus dem Leben von ihm und seinem Vater Ettore – ohne Abschied, ohne Grund, plötzlich und ohne Vorwarnung. Seitdem wird geschwiegen, ihr Name nicht ausgesprochen. Selbst Ester und Livio, die Eltern seiner Mutter, sprechen nicht über ihre Tochter. Weder bei ihnen noch bei Ettore finden sich Fotos, Briefe oder sonstige Beweise, dass sie wirklich gelebt hat, vielleicht immer noch lebt, irgendwo. So wächst Pietro voller Unsicherheiten auf, fühlt sich unvollkommen, beinah leer und ist sich nie seiner Gefühle ganz sicher. Ettore versucht ihm ein guter Vater zu sein und ist doch immer nur die Hälfte eines Ganzen. Erst als Pietro selbst Vater wird, muss er erkennen, dass seine Mutter ganz nah bei ihm ist, auch immer ganz nah bei ihm war und erfährt endlich ihren Namen.

Wie ein heißer Sommertag rollte die Handlung über mich hinweg. Geradezu körperlich spürte ich die Schwere der unausgesprochenen Worte zwischen den Protagonist*innen und litt beinah gemeinsam mit Pietro, der zu verstehen versuchte. Hier verschwindet eine Frau aus der Mitte ihrer Familie, aus der Mitte ihres sozialen Umfelds und hinterlässt scheinbar kein Lebenszeichen, keine Spuren.

Ihr Sohn wächst mit dem Gefühl der Unvollkommenheit auf: Es fehlt ein wichtiger Mensch in seinem Leben, dessen „Nichtvorhandensein“ einen immensen Einfluss auf seine Entwicklung nimmt. Diese Lücke kann nur schwerlich geschlossen werden. Vielmehr klafft sie wie eine Wunde, heilt nur oberflächlich und wird bei der kleinsten Erschütterung des Lebens wieder aufgerissen. Pietros Fragen bleiben unausgesprochen und somit unbeantwortet, dafür keimen Gefühle von Schuld bei ihm auf: „Ist sie gegangen, weil es mich gibt?“

Autor Roberto Camurri konfrontiert uns in seiner Geschichte mit einer Melancholie, die nicht leicht dahinfließt sondern satt und schwer daherkommt. Er schafft eine fiebrige Spannung, da er seine Leserschaft an der inneren Zerrissenheit der Figuren teilhaben lässt. Seine Figuren sind ambivalent, sowohl Täter als auch Opfer, sowohl schuldig als auch unschuldig, sind menschlich und machen somit Fehler. Er lässt sie kaum in der direkten Rede sprechen und gönnt uns so einen wohltuenden Abstand, der bei aller Dramatik ein befreiendes Aufatmen möglich macht. Dabei schenkt er uns mit seiner wohl durchdacht eingesetzten Sprache Bilder voller Atmosphäre.

Dieser Roman wirkte auf mich wie ein schwüler Sommerabend: heiß, stickig, kaum erträglich – bis am Schluss ein Gewitter für die erleichternde Frische sorgt, und ein zartes Happy End am Horizont zu erahnen ist.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956144325

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[Rezension] Jan Brandt – Der magische Adventskalender/ mit Illustrationen von Daniel Faller

Jonas ist ein introvertierter Junge, der sich nach dem Tot der Großmutter noch weiter zurückgezogen hat. Weder sein Vater noch seine jüngere Schwester Sonja finden einen Zugang zu ihm. Auch in der Schule häufen sich die Probleme: Er ist unaufmerksam und kommt mit Verspätung zum Unterricht. Zudem wird er von seinem Mitschüler Maik Mirscheidt gemoppt. Auch der beginnenden Adventszeit kann er nur wenig abgewinnen, bis er plötzlich einen geheimnisvollen Kasten mit 24 Türchen auf der Straße vor seinem Zuhause findet. Jedes Türchen ist mit einem anderen Symbol gekennzeichnet, und Jonas erkennt schnell, dass nicht er allein diese Türchen öffnen kann. Er muss sich auf die Suche begeben und den passenden Menschen zum jeweiligen Symbol finden. Nur widerwillig und sehr zögerlich verlässt er sein Schneckenhaus. Doch die Neugier, zu erfahren, was es mit diesem merkwürdigen Adventskalender auf sich hat, ist größer. So ist Jonas quasi gezwungen mit den Menschen, die für das jeweilige Symbol stehen, in Kontakt zu treten. Hilfe bekommt er von seiner Schwester Sonja, die ihn auch gegen Maik Mirscheidt unterstützt. Der würde nur zu gerne den  Kalender in die Finger bekommen. Zudem scheint dieser magische Kalender noch ein weiteres Geheimnis zu hüten…!

Auf dem Markt gibt es Adventskalender zuhauf wie der sprichwörtliche „Sand am Meer“: ob mit Schokolade, Wein, Knabbereien oder Beauty-Produkte – je nach persönlichem Gusto und für jeden Geldbeutel. Und auch aus einer Fülle an (mehr oder minder gelungenen) literarischen Adventskalendern kann der lese-affine Kunde wählen. Bisher fiel es mir leicht, dieser Versuchung zu widerstehe (s.a. MONTAGSFRAGE #16), und ich fürchte, auch zukünftig werden es literarische Adventskalender schwer haben, mich zu überzeugen. Doch warum nun diese Ausnahme…???

Jan Brandts erzählt die Geschichte unaufgeregt und mit Bodenhaftung. Er verzichtet wohltuend auf übermäßigen Zuckerguss, ertränkt die Geschichte nicht im Weihnachtskitsch und lässt der Handlung so den nötigen Spielraum, um zu „atmen“. Dabei switscht er gekonnt zwischen Jonas Wirklichkeit und seiner Fantasie hin und her. So wirkt einiges für den Leser beinah surreal: Seine Personenzeichnung ist zwar nah an der Realität aber (wie es sich für eine „ordentliche“ Weihnachtsgeschichte gehört) nicht bedrohlich realistisch. Die Menschen in Jonas Umfeld sind Personen mit Ecken und Kanten, mal mehr und mal weniger liebenswert. Trotzdem muss Jonas mit ihnen in Kontakt treten, sich mit ihnen auseinandersetzen und arrangieren. Nicht immer läuft alles nach Jonas Sinn, häufig muss er auch Kompromisse eingehen.

Und doch passiert in Brandts Geschichte durchaus Magisches: Aufgrund des Kalenders ist Jonas gezwungen, mit Menschen in Verbindung zu treten, sie anders/neu wahrzunehmen und einmal gefällte Vorurteile zu überdenken. Die Menschen verändern sich: Diese kleine Aufmerksamkeit, die ihnen durch den Kalender zuteil wird, öffnet ihre Türen und ihre Herzen und schafft die Möglichkeit zur Kommunikation. Neue Bindungen entstehen, und selbst „Feindschaften“ (Jonas vs. Maik Mirscheidt) werden neu definiert.

Die Illustrationen von Daniel Faller sind sehr detailreich und unterstreichen den durchaus surrealen Charakter der Geschichte. Durch die reduzierte Farbwahl und dem Einsatz von Licht/Schatten erzeugen sie Spannung und schaffen Atmosphäre. Zudem unterstützen sie die Handlung kongenial.

Apropos Spannung: Dem Autor gelingt es, seine Leserschaft „bei der Stange“ zu halten und deren Neugier für diese durchaus manchmal abstrus wirkende Geschichte zu wecken: Unbedingt wollte ich erfahren, was es mit diesem magischen Adventskalender auf sich hatte, und wer sein Urheber schlussendlich war. So mag die Auflösung am Ende vielleicht nicht allzu überraschen, doch sie war für mich stimmig. Und offen gesagt: Anders möchte ich das Ende einer Weihnachtsgeschichte auch nicht haben wollen!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Andrea Schuster von „Lesen… in vollen Zügen“.


erschienen bei DuMont/ ISBN: 978-3832183578

[Rezension] Vicki Baum – Menschen im Hotel

Die Drehtür des Berliner Grand Hotels rotiert: Gäste checken ein, checken aus, begegnen sich in der Lobby, im Tearoom oder im Wintergarten, und für einen kurzen Moment kreuzen sich ihre Lebensbahnen. Da haben wir den Generaldirektor Preysing, der sich voller Verzweiflung in Verhandlungen stürzt, um seine Firma zu retten. Im Nebenzimmer logiert der totkranke Buchhalter Otto Kringelein, der, nach einem unbedeutenden Dasein des Sparens und Darbens, noch einmal leben möchte. Der smarte Baron Gaigern ist ihm nicht ganz uneigennützig behilflich, eine gehörige Portion „Leben“ zu erfahren. Immer knapp bei Kasse aber auf großem Fuß lebend, schlägt er sich „hauptberuflich“ als Fassadenkletterer durch. Bei einem dieser Aktionen landet er im Zimmer der alternden und lebensmüden Primaballerina Grusinskaja. Doch anstatt ihr ihre berühmten Perlen zu stellen, findet er in ihr eine verwandte Seele auf der Suche nach Zuneigung und Glück. Ein kleines Stückchen Glück wünscht sich auch die kokette Sekretärin Flämmchen, die auf ihrer Suche danach durchaus gewillt ist, das unmoralische Angebot von Generaldirektor Preysing anzunehmen. Wenige Tage später, manchmal auch nur nach wenigen Stunden trennen sich diese Menschen wieder, doch ihre Begegnungen haben Spuren im Lebenslauf der anderen hinterlassen…!

Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ erschien im Jahre 1929 mit dem treffenden Untertitel Kolportageroman mit Hintergründen: Jede*r ihrer Held*innen trägt eine Last auf den Schultern und droht, wie durch einen Mühlstein, der um den Hals gebunden ist, von ihr in den Abgrund gezogen zu werden. Jede*r versucht sich von dieser Last zu befreien, oder zumindest ein wenig Erleichterung zu erfahren. Ihre Schicksale liefern die nachvollziehbaren Beweggründe für die jeweiligen Taten, für die jeweiligen Entscheidungen. Das Nobelhotel, dieser Ort des Wohlstands und des Glamours dient als Projektionsfläche der Wünsche und Sehnsüchte: Hier scheint jede*r aus der Gewohnheit entflohen. Werte werden neu definiert.

Dieser über 90 Jahre alte Roman hatte mich schon nach wenigen Seiten gepackt: Ich war überrascht, mit welcher modern anmutenden Frische Vicki Baum ihre Sätze formulierte. Bar jeglicher Sentimentalität aber mit viel Einfühlungsvermögen offenbarte sie die Geschichten ihrer Held*innen und zeigte dabei viel Sympathie für deren Handlungen. So waren auch mir als Leser die Charaktere nie unsympathisch: Vielmehr verspürte ich Mitgefühl und Verständnis. Jeder Charakter war gleichsam interessant. Geschickt verwebte die Autorin die Handlungsstränge von Hotel-Gästen und -Personal miteinander und lieferte ein wechselvolles Sittenbild der damaligen Gesellschaft.

Der Roman wirkte auf mich, als würde ich einen Blick durch ein buntes Kaleidoskop wagen: nur eine kurze Drehung/ nur wenige Seiten und ein neues Bild entsteht. Gerade diese Vielschichtigkeit und das Hoffen auf Unvorhersehbares erzeugten für mich als Leser die Spannung bei der Lektüre. Ich konnte durchaus nachvollziehen, warum dieser Roman bei seiner Veröffentlichung so außerordentlich erfolgreich war und auch weiterhin seine Leserschaft verdient.

Vicki Baums Heldinnen & Helden haben das Hotel längst verlassen. Neue Gäste sind eingetroffen. Es herrscht ein emsiges Kommen und Gehen, und die Drehtür rotiert weiter und weiter und weiter…!


erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462037982

[Rezension] Joanna Nadin – Meine Mutter, unser wildes Leben und alles dazwischen

Dido Sylvia Jones ist gerade erst 6 Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter Edie in das geerbte Haus in einer Kleinstadt in Essex zieht. In dieser geordneten, gutbürgerlichen Umgebung fällt die flippige Edie schnell auf und sorgt für Aufregung in der Nachbarschaft; sehr zum Leidwesen ihrer Tochter Dido, die so gerne ein etwas unauffälligeres Leben führen würde. Direkt nebenan entdeckt sie ihr persönliches Narnia: Durch eine Tür in der Gartenmauer schlüpft sie in die saubere und strukturierte Welt der Familie Trevelyan mit Vater, Mutter und zwei Kindern. Mit der gleichaltrigen Tochter Harry freundet sich Dido an. Für deren älteren Bruder Tom schwärmt sie vom ersten Moment. Edie kann die Begeisterung ihrer Tochter an dieser spießigen Bilderbuchfamilie nicht teilen: Sie zieht es vor, ihr Leben ohne Konventionen öffentlich zu zelebrieren und reizt damit den Widerstand ihrer Tochter, die Konventionen benötigt, um Halt in ihrem Leben zu finden. So verfliegen die Jahre, und jede für sich taumelt durch ihr Leben mit falschen Jobs, falschen Freunden, falschen Liebhabern, da das/der Richtige immer irgendwie abwesend zu sein scheint…!

Dieses Jahr steht bei mir anscheinend ganz im Zeichen der Mutter-Tochter-Konflikte: Nach Anne Enrights Die Schauspielerin und Zwei Wochen im Juni von Anne Müller flutsche mir nun mit diesem Werk die dritte literarische Umsetzung zu diesem Thema zwischen die Finger. Joanna Nadin lässt in ihrem komplexen Roman die Geschehnisse aus der Sicht von Dido Revue passieren. Dieser Roman wirkt beinah wie ein scheinbar nie enden wollender Brief, den Dido ihrer Mutter Edie schreibt. So sind die Zeilen natürlich sehr persönlich gefärbt und spiegeln die jeweilige Lebenssituation von Dido wieder, offenbaren aber auch peu à peu die Geschichten ihrer Mutter und der Menschen in ihrem Umfeld.

Die Autorin entblättert Seite für Seite die zarte Seele eines Kindes, das auf der Suche nach Liebe, Halt und Anerkennung ist. Dies kann sie allerdings bei ihrer eigenen Mutter nicht finden, da diese selbst an den Wunden ihrer verletzte Seele krankt. So sind Missverständnisse und gegenseitig zugefügte Kränkungen zwangsläufig unabwendbar. Wie Naturgewalten prallen diese Frauen aufeinander, die so unterschiedlich sind aber gleichzeitig so vertraut miteinander, dass jede die wunden Punkte der anderen nicht bloß kennt sondern auch zielsicher trifft. Doch gerade diese Vertrautheit wirkt wie ein eng geknüpftes Band: Mutter und Tochter sind untrennbar miteinander verbunden!

Joanna Nadin erzählt ihre Geschichte in einer wunderschönen Sprache, die vor Energie strotzt und mit ihren Worten Bilder malt. Sie schafft es, dass ihre Leserschaft nie Mitleid aber immer Mitgefühl für die Protagonist*innen entwickelt. Alle agieren nachvollziehbar im Rahmen ihres vorgegebenen gesellschaftlichen Gefüges. Niemand wird bloßgestellt! In Nadins Charakterzeichnungen spürte ich sehr viel Herz und Verständnis für die Fehler „ihrer“ Menschen. Trotz aller vorhandener Ernsthaftigkeit mit ihren Dramen und den Tränen entlockten mir die humorvollen Beschreibungen der skurrilen Situationen, in die Dido, Edie & Co. stolpern, durchaus auch ein Lächeln.

Dido ist schonungslos – mit ihrer Mutter aber auch mit sich selbst. Doch am Ende steht die weise Erkenntnis, dass alles im Leben einen Sinn ergibt und erst mit dem Verzeihen die eigene innere Ruhe einkehren kann.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension von Günter Keil.


erschienen bei Limes/ ISBN: 978-3809027072

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Anne Müller – Zwei Wochen im Juni

Ada ist auf dem Weg Richtung Ostsee. Nach dem überraschenden Tod der Mutter steht das Elternhaus an der Küste leer und soll verkauft werden. Zwei Wochen im Juni bleiben Ada und ihrer älteren Schwester Toni, um das Zuhause ihrer Kindheit und Jugend zu entrümpeln. Doch mit jedem Zimmer, das sie ausräumen, mit jedem Schrank, den sie öffnen, mit jeder Kiste, deren Deckel sie heben, tauchen scheinbar vergessene Begebenheiten vom Grund ihrer Erinnerungen an die Oberfläche und kratzen bei den ungleichen Schwestern an der dünnen Schicht aus Konventionen und Routinen. Die Trauer um den Tod der Mutter ist noch frisch, und die Nerven liegen blank. Frühere Animositäten kommen wieder zutage, und Eifersüchteleien werden wieder spürbar. Die Schwestern rutschen in alte Rollen-Klischees. Und doch ist eine intensive Verbundenheit zwischen den beiden Frauen vorhanden. Sie begegnen sich mit einer Offenheit, die für sie neu, überraschend und gleichzeitig wunderschön ist, und sie zwingt, das eigene bisherige Leben zu rekapitulieren. Zwei Wochen im Juni reichen aus, um die Weichen im Leben dieser beiden Frauen neu zu stellen.

Schon Anne Müllers Erstlingswerk Sommer in Super 8 hatte mich vor zwei Jahren gepackt und aufgerüttelt und war für mich die Neu-Entdeckung des Jahres. So war meine Freude auf diesen Roman groß und meine Erwartungshaltung entsprechend hoch. Vielleicht lag hier auch der Grund verborgen, warum dieser Roman mich nicht gänzlich für sich einnehmen konnte. Es war eine Berg- und Tal-Fahrt zwischen fesselnden und weniger fesselnden Lesemomenten: Einige Dialoge zwischen den Schwestern plätscherten scheinbar belanglos dahin. Dann gab es wieder Szenen voller Intensität und Emotionen. Irgendwie hoffte ich, dass bei mir der Spirit von „Sommer in Super 8“ wieder spürbar wird. Dieser Roman traf mich genau zur richtigen Zeit, im richtigen Moment, in der richtigen Stimmung. Unter diesen Voraussetzungen konnte „Zwei Wochen im Juni“ nur verlieren, und gleichzeitig war das Lesen dieses Romans für mich kein Verlust. Widersprüchlich…? Ja, das ist es! Ich habe das Gefühl, das ich gegenüber „Zwei Wochen im Juni“ nicht fair bin. Beide Romane stammen von ein und derselben Autorin, und so tappe ich in die Falle und vergleiche und wäge ab. Leider war es mir nicht möglich, mich aus diesem Zwiespalt zu befreien, um beide Romane als jeweils eigenständiges Werk zu sehen. „Zwei Wochen im Juni“ ist ein guter Roman und hätte es wahrlich verdient.

Doch Anne Müller schafft es auch diesmal, ihre Leserschaft an die Hand zu nehmen, um mit ihr eine Reise in die Vergangenheit anzutreten. Diese Reise bleibt nicht nur ihren Protagonistinnen vorbehalten: Zwangsläufig schweiften meine Gedanken während der Lektüre ab. Ich dachte zurück, als ich vor einigen Jahren mein Elternhaus ausräumen musste. Nicht nur eine Welle – Nein! – ein ganzer Orkan an Emotionen überrollte mich mit jedem Stück, dass ich in die Hand nahm. Persönliche Gegenstände, Briefe und Unterlagen wurden von mir gesichtet und offenbarten die Facetten der elterlichen Persönlichkeit: einige waren überraschend, einige waren irritierend, viele waren bekannt. Der schnörkellose Blick auf das Leben meiner Eltern hatte eine schmerzhafte Rekapitulation meines eigenen Lebens zur Folge: Auf die Klärung der Frage „Wo komme ich her?“ folgten die Fragen „Wo stehe ich?“ und „Wo will ich hin?“, die beantwortet werden wollten. Sie wurden von mir beantwortet,…

…und ich gelang zu der traurigen Erkenntnis, dass recht wenig von einem Menschenleben zurück bleibt!


erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328601098

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Jerome K. Jerome – Drei Mann in einem Boot. Ganz zu schweigen vom Hund!

Drei überarbeitete Müßiggänger machen – samt Hund – eine Bootsfahrt entlang des Ufers der Themse, um ihre gestressten Nerven zu beruhigen und sich so von ihren eingebildeten Krankheiten zu erholen. Doch diese harmlos anmutende Bootsfahrt bietet ihnen tückische Missgeschicke, unverhoffte Bekanntschaften und wetterbedingte Herausforderungen am Busen der Natur und wird so zu einem Füllhorn an Anekdoten.

Dies ist die Handlung dieses Romans: Mehr passiert nicht!

Eine Gruppe von Individuen machen sich auf eine Reise von A nach B. In filmischer Form würden wir das Werk als „Road Movie“ bezeichnen. Doch als was charakterisieren wir es in seiner literarischen Form? Gerne schließe ich mich der Einschätzung von Harald Martenstein an, der in seinem Nachwort diesen Roman als „Road Novelle“ betitelt. Sie rudern los. Sie kommen an. Und dazwischen passiert eine ganze Menge und gleichzeitig reichlich wenig. Diese Form von Unterhaltungsroman bietet dem Autor eine willkommene Möglichkeit, etliche Geschichten und Geschichtchen, reichlich Weisheiten und kritische Ansichten über die Gesellschaft in eine lose Rahmenhandlung einzubinden.

Dies gelingt Jerome K. Jerome im Grunde auch ganz wunderbar: Wie Perlen auf einer Schnur reihen sich seine Anekdoten entlang des Laufs der Themse aneinander und bieten humoristische Bonmots, ironische Übertreibung, sozialkritische Seitenhiebe, Albernheiten und Slapstick. Die Nichtigkeiten des Alltags werden zu Wichtigkeiten und fordern unsere Helden immer wieder auf ein Neues heraus. Die Tücke des Objekts bietet unzählige Möglichkeiten des Scheiterns. Jerome blickt auf seine drei Männer durchaus liebevoll, überschüttet sie aber mit der nötigen Ironie und verhindert so, dass sie wie unsympathische Taugenichtse wirken. Wobei seine Freude am galanten Fabulieren und detaillierten Schwadronieren auf jeder Seite spürbar bleibt und so auch mir beim Lesen Freude bereitete.

Leider nutzen sich diese Talente bei einem Roman mit einem (vorliegenden) Umfang von über 350 Seiten etwas ab: Aufgrund Ermangelung einer echten Handlung mit Spannungsbogen, Konflikte etc. wirkte auf mich manches zu sehr austauschbar. Die Fülle an Geschichten lässt wenig Raum für erinnerungswürdige Highlights. Weniger wäre mehr gewesen!

Was mir bleibt ist eine schöne Erinnerung an eine literarische Seifenblase (in vielfältigen Farben schimmernd), die trotz des Alters (Erscheinungsjahr: 1889) noch eine überraschende Frische besitzt!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Janina Lehmann von „Frau Lehmann liest“.


erschienen bei Manesse/ ISBN: 978-3717524403