[Rezension] Christopher Isherwood – Leb wohl, Berlin

Willkommen! Bienvenue! Welcome!

Berlin, Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts: Der junge Schriftsteller Christopher Isherwood kommt in diese pulsierende Metropole auf der Suche nach Inspiration für einen Roman. Inspiration findet er nicht – dafür verleiten ihn die vielen Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten: Persönlichkeiten, die nur eine Stadt wie Berlin hervorbringen oder anlocken kann.

Inspiration! – Inspiration brauchte der reale Isherwood nicht zu suchen! Inspiration hatte Isherwood zuhauf direkt vor seiner Nase!

Da ist seine ältliche Zimmerwirtin Fräulein Schroeder, die ihren besseren Zeiten hinterher träumt und trauert, über ihre Mieter stellvertretend am Leben teilnimmt und sich gezwungenermaßen mit jeglicher Regierung akklimatisiert. Was bleibt ihr auch übrig: Wo soll sie sonst hin?

Da ist der junge Otto Nowak, der mit seiner Familie in einem Hinterhof des Hinterhofs eines Hinterhofs lebt, und die in ihrer erbärmlichen Trostlosigkeit willig den Nährboden bietet für die Versprechungen der Nazis.

Da ist der intellektuelle Bernhard Landauer, Geschäftsmann aus dem noblen Villenviertel, der in seiner passiven Resignation gegenüber der Realität zwangsläufig zum Opfer für die Gräueltaten der Nazis wird.

Da ist die kapriziöse Sally Bowles, semi-talentiert aber dafür selbst-überschätzend, mit einem Hauch Verrücktheit, einer sexuellen Freigiebigkeit und einem hohen Maß an Unkompliziertheit, die in der damaligen Zeit sowohl für Faszination wie für Verwirrung bei ihren Mitmenschen sorgt.

 „Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich nehme auf, ich denke nicht.“

Der Autor wirkt beinah neutral und begegnet seinen Protagonisten wertfrei: Er ist Beobachter, nicht Analytiker. Er beschreibt die Szenerie durchaus detailliert aber unvoreingenommen. Trotzdem schafft er Atmosphäre ohne indifferent zu erscheinen.

Er porträtiert seine Protagonisten mit Witz, vermeidet es indes, sie der Lächerlichkeit preiszugeben – im Gegenteil: Oftmals offenbart sich in den alltäglichen Szenen und den scheinbar belanglosen Begegnungen eine bemitleidenswerte Tragik. Während die ersten Kapitel noch sehr detailliert das Geschehen wiedergeben, wirkt das letzte Kapitel mit seinen kurzen Episoden wie schnelle Schlaglichter, die eine wahrgenommenen Situation fragmentiert wiederspiegeln und trotz ihrer Kürze das Vage einer zunehmend unsicheren Wirklichkeit vermitteln.

Somit ist Christopher Isherwoods Episodenroman aus dem Jahre 1939 ein literarisches Zeugnis seiner Zeit und spiegelt eine Gesellschaft im Umbruch wieder: Das Weltoffene und Tolerante der Weimarer Republik ist noch spürbar, das Kleingeistige und Menschenverachtende des Nationalsozialismus ist schon zu erahnen. Das Berlin einer Sally Bowles wird bald Vergangenheit sein: Eine Epoche neigt sich dem Ende entgegen…!

Auf Wiedersehen! A bientôt! Good night!

Foto Gedenktafel, Nollendorfstraße 17 in Berlin-Schöneberg.jpg
Foto: Gedenktafel am Haus Nr. 17 in der Nollendorfstraße in Berlin-Schöneberg

erschienen bei Hoffmann & Campe/ ISBN: 978-3455405002

[Rezension] P. G. Wodehouse – Auf geht’s, Jeeves!

„Da weiß Jeeves sicher einen Rat!“, „Mit diesem Problem wende ich mich an Jeeves!“, „Was meint Jeeves denn dazu?“ Jeeves hier! Jeeves da! Immer nur heißt es „Jeeves“! Natürlich hat es auch durchaus seine angenehmen Vorteile, einen intelligenten Butler zu haben, den Freunde wie Verwandte gerne konsultieren. Aber deshalb bräuchte man ihm, Bertram „Bertie“ Wooster, ja nicht gleich die Intelligenz gänzlich abzusprechen. Er findet, es wäre höchste Zeit, seinen Butler in die Schranken zu weisen, und so übernimmt er flugs persönlich die Lösung einiger Problemchen im Freundes- und Familienkreis. Und da gibt es so einiges zu erledigen: Die Ent-lobung seiner Cousine Angela mit Tuppy Glossop muss unter allen Umständen rückgängig gemacht werden. Die Ver-lobung zwischen seinem Freund Gussie Fink-Nottle und Madeline Bassett muss unter allen Umständen forciert werden. Und die drohende Trennung von Onkel und Tante aufgrund Tante Dahlias Spielschulden muss unter allen Umständen verhindert werden.

Also spinnt Bertram Wooster in seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung seine hirnrissigen Ideen und spielt höchstpersönlich den Schicksalsgott. Nur leider sind seine Ideen – wie gewohnt – sehr unausgegoren: Er lässt mögliche Konsequenzen gänzlich unberücksichtigt und hinterlässt so eine Schneise der emotionalen Verwüstung. Die Welt der oberen 10.000 versinkt im Chaos, bis Jeeves eingreift…!

Ich sitze auf meinem Sofa mit der Nase in diesem Buch, kichere vor mich hin oder lache schallend auf und ertappe mich dabei, wie ich ganze Passagen laut lese: Welch ein grenzenlos alberner Spaß…!!!

P. G. Wodehouse ist ein absoluter Könner der leichten Posse, ein nimmermüder Verfasser humoristisch-ironischer Dialoge und ein kolossaler Profi im Verteilen von satirischen Seitenhieben auf die gehobene Gesellschaft. Wer in den „Jeeves“-Geschichten von Wodehouse irgendeinen Realismus sucht, der wird sehr, sehr lange suchen müssen und schlussendlich erschöpft und erfolglos aufgeben. Hier verbinden sich die Übertreibung, das Hemmungslose und die Frechheit zu einer respektlosen Leichtigkeit. Nährwert: Fehlanzeige! Spaßfaktor: „…bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter!“

Teilweise sind die Dialoge so fein-gemein-spitzzüngig, dass sie mich schier verführt haben, sie laut vorzulesen, um noch eine größere Wirkung zu erzielen: Da buddelte sich in mir der Vor-Leser, die alte Rampensau, wieder einmal hemmungslos an die Oberfläche!

Zudem möchte ich Thomas Schlachter meinen allerhöchsten Respekt für seine gelungene Übersetzung zollen: Ich kann sicher nur ansatzweise erahnen, wie herausfordernd es für einen Übersetzer sein musste, die vielfältigen Bonmots, fantasievollen Beschimpfungen und bildhaften Beschreibungen aus dem Englischen adäquat ins Deutsche zu übersetzen – ohne den Witz des Originals zu schmälern und den Lesefluss zu behindern. Chapeau! Das Nachwort von Denis Scheck liefert ferner aufschlussreiche Hintergründe über Wodehouses Leben.

Nur bedauerlicherweise habe ich nun ein äußerst verzwicktes Problem: Wodehouse lesen macht süchtig – süchtig nach einem Mehr an Geschichten, bei denen ich mich beim Lesen so heiter „sophisticated“ fühle, während in meinem Kopf alte Cole Porter-Songs den idealen Soundtrack bilden und so meine Seele gänzlich unbeschwert zum „Swingen“ bringt.

Book-Dealer, ich komme!


erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458177036

[Rezension] Ben Aaronovitch – Die Flüsse von London

Dies ist keine Rezension!

Was könnte ich Euch mit einer Rezension noch Neues mitteilen, dass nicht schon längst auf Buch-Portalen und Internet-Foren die div. Rezensierenden mehr als ausführlich mit ihren Rezensionen getan haben? Wie könnte ich Euch diesen Roman noch origineller näher bringen, ohne meine Vor-Rezensierenden zu kopieren und somit deren geistiges Eigentum schamlos zu missbrauchen? Mir fällt nix ein!

Darum erspare ich mir die Mühe, eine Rezension zu verfassen, versuche mich stattdessen, kurz und knapp zu halten und erkläre Euch nur…

a). Worum es in dieser Roman-Reihe eigentlich geht, bzw. womit sie zu vergleichen ist?

und

b). Warum Ihr die Bücher durchaus lesen solltet?

Also…

a). Stellt Euch folgendes vor: Ein etwas naiver aber sympathischer Constable Ben Jones geht bei einem Inspector Tom Barnaby, der einen „besonderen“ Abschluss per Fernstudium an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei absolviert hat, in die Lehre und darf sich seitdem mit allerlei kriminellen Gestalten aus dem Dies- und Jenseits herumschlagen.

und

b). Da ich schon div. Krimis innerhalb einer Serie sammle (und natürlich auch lese), wollte ich „eigentlich“ auf GAR KEINEM FALL mit einer weiteren beginnen. Doch nun nenne ich auch schon den zweiten Band mein Eigen (…und die weiteren, schon erschienenen Bände tummeln sich auf meiner Wunschliste.). Das konnte selbst die mythologisch-angehauchte und völlig unnötige Nebenhandlung nicht verhindern! Ich finde, dies spricht eindeutig für die Qualität des restlichen Romans.

Nur wünschte ich mir ebenfalls einen Zauberspruch, wenigstens um mir mehr Zeit zum Lesen zu erzaubern!!! (Furunculus! – Oh, verdammt, das war der falsche…!)


erschienen bei dtv/ ISBN: 978-3423213417

[Rezension] Eva Woska-Nimmervoll – Heinz und sein Herrl

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Kennt Ihr das auch? Ihr lest ein Buch! Es ist wahrlich nicht schlecht, aber trotzdem…!?

So erging es mir mit „Heinz und sein Herrl“, das mich während der Lektüre immer wieder etwas ratlos innehalten lies. Nun sitze ich vor dem Computer-Bildschirm, starre auf die Tatstatur und versuche, eine Begründung dafür zu finden. Mehrfach habe ich hier schon betont, dass ich Bücher, die mir nicht gefallen, nicht bis zum Ende lese und somit auch keine Rezension darüber verfasse. Diesen Roman habe ich bis zum Ende gelesen! Also muss er mir gefallen haben! Irgendwie…!

Ich habe schlicht und ergreifend etwas anderes erwartet! Anhand der Ankündigung des Verlages habe ich eine witzige, leichte, doch schwarzhumorige Geschichte erwartet, die mich immer wieder vergnügt auflachen lässt. Dass meinen Erwartungen nicht entsprochen wurden, dafür kann ich erstmal weder der Autorin noch ihrer Geschichte einen Vorwurf machen.

„Auf halber Strecke“ empfand ich die Lebensentwürfe der Protagonisten weniger erheiternd als vielmehr deprimierend. Manchmal ertappte ich mich dabei, dass die Protagonisten mich merkwürdig unbeteiligt und somit ein Mitleiden und –fühlen nicht zuließen. Ich wollte dieses Werk schon unter der Rubrik „Falscher Roman zur falschen Zeit“ verbuchen, als plötzlich der Knoten platze.

Unversehens war sie da, die von mir so erhoffte Leichtigkeit: Nachdem ich meine Erwartungen „abgehakt“ und meine Enttäuschung überwunden hatte, konnte ich mit freiem Blick diesen Roman weiterlesen.

Hund Heinz lebt mit seinem Herrchen in einem Wiener Gemeindebau. Ihr Leben läuft in für sie sicheren, monotonen Bahnen, bis der unfreundliche Nachbar, der Heinz immer mit „Scheißköter“ beschimpft, nach einem Streit stürzt und später im Krankenhaus verstirbt. Heinz Herrchen macht sich große Vorwürfe, ob er nun am Tod des unfreundlichen Nachbarn die Schuld trägt und macht sich zum Zwecke der Selbstanzeige auf den Weg zur Polizei. Dabei wäre sein geruhsames Leben schon ohne diesen Vorfall gänzlich durcheinander, hatte er doch zufällig eine wunderbare Frau kennengelernt. Zu allem Überfluss flattert auch noch ein Erpresser-Schreiben in sein Mail-Postfach…!

Eva Woska-Nimmervolls Sprache ist locker, leicht und durchaus pointiert. Ihre Personen entsprechen so ganz und gar nicht dem gängigen Mainstream: Es sind Personen mit Ecken und Kanten, mit Problemen und „Zuständen“, nicht schön aber individuell und somit gezeichnet vom Leben. Nachdem der Knoten bei mir geplatzt war, nahm die Geschichte für mich an Fahrt auf und schenkte mir „mit einem Augenzwinkern“ ein kleines, feines Happy End.

Am Schluss waren „Heinz und sein Herrl“ und ich miteinander versöhnt, so dass ich ihm und mir eine gemeinsame zweite Chance zugestehe und den Roman nach einiger Zeit nochmals lesen werde – diesmal mit realistischen Erwartungen!

erschienen bei Kremayr & Scheriau/ ISBN: 978-3218011556

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Birand Bingül – Der Hodscha und die Piepenkötter

Passend zu den anstehenden Wahlen am 26. Mai (Neben der Europawahl wird in einigen Bundesländern auch der Land- bzw. Kreistag gewählt.) habe ich einen etwas älteren Roman aus meinem Regal gekramt:

In einer mittelgroßen Stadt unserer Republik geschehen merkwürdige Dinge: Die Oberbürgermeisterin Frau Ursel Piepenkötter kämpft mit harten Bandagen um jede Stimme im Wahlkampf zu ihrer Wiederwahl, und der neue Vorsteher der islamischen Gemeinde Nuri Hodscha kämpft mit nicht minder harten Bandagen um die Bau-Genehmigung einer adäquaten Moschee für sich und seine Glaubensbrüder und -schwestern. Und schon liegen sich diese beiden Dickköpfe, beide von ihrer Mentalität her Alpha-Tiere, kräftig in den Haaren: Mal behält sie Oberwasser, mal hat er die Trümpfe in der Hand. Ein amüsanter, verbaler Schlagabtausch beginnt und steigert sich zunehmend zur spannenden Polit-Satire.

Hierbei scheuen die beiden Streithähne nicht davor zurück, ihre Kinder in ihre Machenschaften mit hineinzuziehen. Während sich zwischen Hülya, der Tochter von Nuri Hodscha, und Patrick, dem Sohn von Ursel Piepenkötter, eine scheue Liebesbeziehung anbahnt, sind die beiden ständig hin und her gerissen zwischen Loyalität zu ihrem jeweiligen Elternteil und Verwunderung bzw. Wut über so viel Unverstand – und zeigen dabei deutlich mehr Vernunft und Reife als ihre Eltern.

Birand Bingül schafft es ganz ausgezeichnet, glaubhafte Personen zu beschreiben, die sehr menschlich agieren. Hier gibt es nicht nur SCHWARZ und WEISS – sondern er kreiert die Personen in allen Fassetten, in allen Farbtönen des Lebens und ergreift dabei nie Partei (außer in seiner Ablehnung gegenüber radikale Islamisten und Rechtsradikale). Dabei nutzt der Autor auch die Einteilung der Kapitel, um dem Leser die zunehmende Spannung zu vermitteln, werden hier doch die noch verbleibenden Tage bis zur Wahl angegeben.

Beim Lesen musste ich immer wieder schmunzelnd feststellen, wie ähnlich sich diese beiden Kontrahenten sind und als Team mit Sicherheit unschlagbar wären.

Besonders amüsierten mich auch die Zwiegespräche Nuri Hodschas mit Allah, bei denen mir bestätigt wurde, was ich immer vermutet hatte: Allah ist mächtig, Allah ist weise, und (vor allem) Allah ist sehr modern und weltoffen. Und Allah darf diesen Roman auch schließen, indem er den Leser mit einer leichten Ahnung, dass wir vom Hodscha und von der Piepenkötter noch weiteres hören bzw. lesen werden, entlässt.

Übrigens: Personen und Handlung sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist natürlich rein zufällig – NATÜRLICH!


erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3862520152

 

[Rezension] Regina Scheer – Gott wohnt im Wedding

Das alte Haus im Wedding knackt…
…und lauscht den Geschichten der Menschen, die in seinen Wänden nun wohnen, und erinnert sich an seine eigene Geschichte mit all den Menschen mit ihren Schicksalen, die in seinen Wänden gewohnt, gelebt und geliebt haben. Es ist erstaunt, wie eng diese Schicksale miteinander verknüpft sind – für die Menschen manchmal nicht begreifbar…

Das alte Haus im Wedding knarrt…
…und blickt auf Laila Fidler, einer jungen Sintiza, die in sein Hinterhaus gezogen ist, nichtsahnend, dass ihre Vorfahren ebenfalls hier einmal Zuflucht gefunden haben. Laila, die mit ihrer Familie als Spätaussiedler aus Polen nach Deutschland gekommen ist, fühlt sich zerrissen: Ist sie eine Deutsche? Ist sie eine „Zigeunerin“? Wohin gehört sie? Sie hadert mit ihrer Herkunft und verschweigt sie lieber aus Angst, geächtet zu werden. Sie ist eine Vertriebene in der eigenen Heimat…

Das alte Haus im Wedding stöhnt…
…und erkennt in dem alten Mann, der seit einigen Tagen unter seinem Torbogen steht, Leo Lehmann wieder, der in den Jahren des Nationalsozialismus als Jude untertauchen musste und mit seinem besten Freund Manfred Neumann im Untergrund operierte. Mit dem Mut und der Kraft der Verzweifelten kämpften sie ums Überleben, bis Manfred hier in der Wohnung von Gertrud Romberg verhaftet wurde. Leo überlebte und wanderte nach Israel aus. Nun ist er nach Jahrzehnten wieder in Berlin in Begleitung seiner Enkelin, die in dieser Stadt ihre Zukunft sieht…

Das alte Haus im Wedding knarzt…
…und schaut voller Sorge auf Gertrud Romberg, die seit ihrer Geburt hier lebt. Sogar die traumatischen Geschehnisse rund um die Verhaftung von ihrem geliebten Manfred konnten sie nicht zum Wegzug bewegen. Wo sollte sie auch hin? Jetzt ist es zu spät: Sie ist alt! Doch die neuen Investoren des Hauses möchten sie gerne loswerten, aber sie wird sich nicht vertreiben lassen. Wenn sie stirbt, dann hier in diesem Haus im Wedding…

Das alte Haus im Wedding brennt…
…und muss so dem Fortschritt weichen. Aber ist Fortschritt nicht auch nur eine andere Form von Vertreibung?

Die Figuren in Regina Scheers Roman sind allesamt Flüchtende: Sie fliehen vor Bedrohungen wie Krieg und Verfolgung. Sie fliehen vor Armut und Unterdrückung. Sie fliehen aber auch vor der eigenen Geschichte.

Und doch suchen sie alle eine Identität und ein kleines Stückchen Heimat, eine Ahnung von „zuhause sein“. Diese Sehnsucht nach Heimat und das Gefühl der ständigen Entwurzelung formen die Seelen dieser Menschen.

Sehnsucht: Endlich angekommen sein! Regina Scheer packte mich als Leser emotional am Schlafittchen und rüttelte am Fundament meiner Existenz. Eine spürbare Trauer durchzieht diesen Roman und lässt mich nachdenklich zurück. Bei der Lektüre schwirrten mir immer wieder Fragen durch meinen Kopf: „Was bedeutet Heimat für mich?“ und „Was wäre ich, wenn ich plötzlich heimatlos wäre?“. Ich musste dann die Lektüre unterbrechen, Luft holen, Gedanken ordnen…! Trauer…!

…und doch verlässt uns der Roman auch wieder mit dem Funken der Hoffnung nach einem Neubeginn: Das alte Haus im Wedding ist nun Geschichte! Aber eine neue Geschichte beginnt…!


erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328600169

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] George Simenon – Der Mörder

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„Hochverehrter Herr Doktor, es tut weh, mit anzusehen, wenn ein Mann wie Sie insgeheim der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Jemand, der Sie schätzt, teilt Ihnen mit, dass Frau Kuperus Sie betrügt, jedes Mal wenn Sie unterwegs sind. Sie trifft sich mit einem Ihrer Freunde, Herrn de Schutter, in dessen Bungalow am See und verbringt dort manchmal auch die Nacht.“

…einige wenige Zeilen auf das Papier geworfen und die wohlgeordnete Welt von Doktor Kuperus gerät aus den Fugen. Diese wohlgeordnete Welt hat er sich über Jahre aufgebaut: respektabler Haushalt in einer Kleinstadt mit Frau und Dienstmädchen, eine gutgehenden Arztpraxis, Mitglied im Billard-Club…

…und einmal im Monat nimmt er an einem Ärztetreffen in Amsterdam teil: Monat für Monat und Jahr für Jahr. Nur zwei Mal bleibt er diesem Treffen fern: Beim ersten Mal versichert er sich, ob die Behauptungen des anonymen Schreibens den Tatsachen entsprechen. Beim zweiten Mal erschießt er seine Frau und ihren Liebhaber und versenkt die Leichen im nahen Kanal. Dann wartet er auf seine Verhaftung. Doch nichts passiert, und er lebt weiter…! Leben…?

George Simenon entwirft das Psychogramm eines gebrochenen Mannes, dessen Fassade der Gutbürgerlichkeit durch diese Tat ins Wanken gerät. Der anfängliche Taumel des Unerhörten wird abgelöst durch Ängste des Überführtwerdens, um sich dann in manischen Verhaltensweisen zu manifestieren. Eine solch schändliche Tat hinterlässt tiefe Spuren in der Psyche und in der Seele des Täters, spiegelt sich ebenso in seiner Physiognomie wieder und offenbart sich in seinem Verhalten gegenüber seiner Umwelt.

George Simenon entwirft ebenso ein Soziogramm und beschreibt anschaulich, wie diese Tat Einfluss auf das Verhalten der Menschen in dieser Kleinstadt nimmt: Der Mörder ist unter ihnen. Sie vermuten es, sie befürchten es und können doch nichts beweisen. Das soziale Gefüge kommt ins Straucheln, wirkt verletzlich und angreifbar und sehnt sich nach dem schützenden Mantel der Gutbürgerlichkeit.

Als Krimi kann und möchte ich „Der Mörder“ nicht bezeichnen: Simenon lässt von Anfang an keinen Zweifel an den Täter aufkommen: Somit bleibt die klassische Aufklärung aus,…

…und doch liest sich dieser fesselnde Roman so spannend wie ein Krimi und beweist anschaulich, warum Simenon als der „meistgelesene, meistübersetzte, meistverfilmte, in einem Wort: der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts“ (Die Zeit) gilt!!!

erschienen bei Hoffmann & Campe/ ISBN: 978-3455005240

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Anne Cathrine Bomann – Agathe

„Wenn ich mit zweiundsiebzig in den Ruhestand ging, hatte ich noch fünf Monate zu arbeiten. Das entsprach zweiundzwanzig Wochen oder, falls alle Patienten kamen, genau achthundert Gesprächen. War jemand verhindert oder wurde krank, verringerte sich die Zahl natürlich. Darin lag, trotz allem, ein gewisser Trost.“

Das Leben des alternden Psychiaters hat Struktur. Das Leben des alternden Psychiaters läuft in gewohnten Bahnen. Das Leben des alternden Psychiaters birgt aber auch keine Überraschungen mehr. „Zum Glück!“, meint der alternde Psychiater. Doch überraschend taucht eine junge Patientin in seiner Praxis auf und verlangt nach Behandlung, und plötzlich bekommt seine Struktur Risse und die gewohnten Bahnen verwandeln sich in eine Achterbahn der Gefühle. Doch nicht nur diese junge Patientin mit Namen Agathe reißt ihn aus seiner Lethargie, in der er es sich so schön bequem gemacht hat, auch die anderen Menschen seiner Umgebung versagen ihm ihre gewohnten Reaktionen: Da ist seine korrekte Sekretärin Madame Surrugue, die urplötzlich der Arbeit fern bleibt, oder sein Nachbar, den er seit Jahren durch die Wand zwar hört, aber mit dem er noch nie auch nur ein einziges Wort gesprochen hat,…

…und immer wieder Agathe, die nach Äpfel und Zimt duftet: Ein Duft, der ihn an seine Kindheit erinnert!

Mit „Agathe“ legt Anne Cathrine Bomann ihren ersten Roman vor und beweist mit diesem kleinen, 155-Seiten-schmalen Büchlein, dass große Literatur auch mit wenigen Worten auskommt, auch auskommen kann. Dabei beschreibt sie die Situationen mit einer Klarheit, einer atmosphärischen Dichte und gleichzeitig voller Leichtigkeit. Der Roman mutet an wie eine dieser wunderbaren französischen Komödien, die trotz der spürbaren Melancholie den Zuschauer/ Leser mit einem wohligen Gefühl zurücklassen und die Augen zum Leuchten und das Herz zum Strahlen bringen.

Bowmann ist ein ungewöhnliches Plädoyer für die Lebensfreude, die Spontanität und die Menschlichkeit gelungen. Ebenso wie die verkrusteten Strukturen ihres Hauptdarstellers bröckeln, so schenkt sie auch ihrem Leser die Möglichkeit, den eigenen Lebensentwurf ohne Zwang zu hinterfragen und zu überdenken,…

…damit er somit die Motivation nicht verliert, weiterhin auf das Leben mit all seinen Facetten und vielfältigen Möglichkeiten neugierig zu sein!


erschienen bei hanserblau/ ISBN: 978-3446261914

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Vea Kaiser – Rückwärtswalzer: oder Die Manen der Familie Prischinger

Lorenz Prischinger ist am Ende: seine Schauspiel-Karriere stagniert, seine Freundin verlässt ihn für irgendeinen Deppen, die Schulden stehen ihm bis zum Hals, weswegen er seine schicke Wiener Nobel-Wohnung untervermieten muss. Nun nächtigt er im ehemaligen Kinderzimmer seiner Cousine, denn er ist bei seiner Tante Hedi und seinem Onkel Willi untergeschlüpft und muss eine geballte Ladung Tanten-Power über sich ergehen lassen, da Hedis Schwestern Mirl und Wetti auch stets zur Stelle sind. Tiefer kann er nicht sinken, denn schlimmer kann es nicht werden! Doch! Kann er! Sicher! Wird es!

Überraschend stirbt Onkel Willi (ein schwaches Herz, hatte seine Mutter schon): Gemäß seinem letzten Wunsch soll er in seiner Heimat Montenegro beerdigt werden. Eine offizielle Überführung ist zu teuer, also wird zu einer unkonventionellen Lösung gegriffen: Lorenz macht sich im kleinen Fiat Panda mit dem toten, tiefgefrorenen Onkel auf dem Beifahrersitz und seinen drei Tanten auf dem Rücksitz auf den Weg in die 1029 km entfernte Heimat seines Onkels.

Vea Kaiser lässt – eingerahmt von diesem ausgefallenen „Road Trip“, der im hier und jetzt spielt – die Vergangenheit der Prischinger-Familie wiederaufleben. Dabei erscheint es, als würde sie einen Film zurückspulen, anhalten und ein Stück wieder laufen zu lassen, um dem Publikum (=Leser) eine weitere Szene als Rückblende vorzuführen. In Etappen verrät sie dem Leser die Lebensgeschichten der 5 Prischinger-Kinder: neben Mirl, Hedi und Wetti gibt es noch Sepp, den Vater von Lorenz, und Nenerl, den verstorbenen Zwillingsbruder von Mirl. In dieser schon äußerst abwechslungsreichen Familiengeschichte verwebt Vea Kaiser zusätzlich den Lebensweg von Onkel Willi. Mit all diesen parallel verlaufenden Handlungsstränge und Rückblenden hätte es für den Leser sehr schnell unübersichtlich und unverständlich werden können! Das wird es nicht, da Vea Kaiser immer die Zügel in der Hand behält, den Weg im Blick und somit das Ziel vor Augen hat.

Vea Kaiser liebt ihre Protagonisten mit all ihren Fehlern, Marotten und (Fehl-)Entscheidungen. Sie portraitiert die einzelnen Personen sehr detailliert und ironisch aber nie entlarvend. Ihr Humor ist manches Mal lakonisch, mit viel Mutterwitz (…oder sollte ich lieber „Tantenwitz“ sagen?) aber stets respektvoll.

Dabei scheinen auch immer die Verstorbenen der Familie aus dem Jenseits, Einfluss auf die Protagonisten zu nehmen und somit deren Handeln zu prägen: „Die Manen der Familie Prischinger“ lautet nicht ohne Grund der Untertitel dieses Romans. Der Begriff „Manen“ kommt aus dem lateinischen und meint die Geister der Toten der römischen Mythologie. Ist unser aller Handeln nicht ebenso geprägt durch Begegnungen und Erfahrungen aus der Vergangenheit? Erschrecken wir nicht über uns selbst, wenn wir Eigenarten eines Elternteils an uns entdecken, die wir „nie und nimmer“ annehmen wollten? Erkennen wir es nicht auch selbst, dass die Taten unserer Ahnen, Einfluss auf unser Werden hatten?

Dieser Roman öffnet sich dem Leser nur Seite für Seite, Szene für Szene, Stück für Stück…!

Ich habe über dieses komplexe Handlungsgerüst, die vielschichtigen Charaktere und intelligenten Dialoge gestaunt: Nie gab es für mich einen Moment der Langeweile. Im Gegenteil: Stets wollte ich mehr über diese Familie erfahren, amüsierte mich über die humorvollen Situationen, die durchaus in Richtung Slapstick hätten abgleiten können aber immer rechtzeitig ausgebremst wurden, oder war gerührt von der Wärme, mit der die allzu menschlichen und somit verständlichen Schwächen der Familienmitglieder beschrieben wurden.

Vea Kaiser liebt ihre Protagonisten, und darum lieben wir sie ebenso!


erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462051421

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Wer noch eine 2. oder gar 3. Meinung benötigt, der wird bei Lesen… in vollen Zügen und bei Leseschatz fündig!

Welche Freude: Am 22. Mai wird Vea Kaiser mit einer Lesung aus diesem Roman bei uns zu Gast sein!

 

[Rezension] Matias Faldbakken – The Hills

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„The Hills“ hat eine Vergangenheit! Der Gast bemerkt dies kurz nach dem Eintreten schon: Der Garderobier bittet freundlich um den Mantel, der Maître kreiert mit kulinarischer Raffinesse das Dîner, und die Barchefin erfüllt mit stoischer Ruhe die Getränkewünsche der Gäste, während der Hauspianist Tafelmusik spielt.

„The Hills“ hat eine Vergangenheit! Der Gast bemerkt dies an den vielen kleinen Indizien: Der Marmor der Tischplatten wirkt ein wenig abgenutzt, die Spiegel erscheinen matt in ihren goldenen Rahmen, und die Bilder der Künstler, die alle schon hier gespeist haben, welken hinter Glas.

Aber „The Hill“ hat nicht nur seinen Stil bewahrt – Nein! Es verteidigt diesen als letztes Great European mitten in Oslo vehement und verwehrt sich den schnöden Errungenschaften der modernen Zeit! Hier scheinen die Uhren langsamer zu ticken, wenn nicht gar die Zeit gänzlich stehengeblieben ist.

Im Mittelpunkt steht der Kellner mit Würde und verrichtet seinen Dienst Tag für Tag, Jahr für Jahr mit gleichbleibender Akkuratesse. Er kennt seine Stamm-Gäste sehr genau und erkennt an deren Körperhaltung, wann diese eine Bestellung zu tätigen wünschen. Jegliche Veränderungen der gewohnten Abläufe erregen bei ihm, dem „Hochsensiblen“, absolutes Missfallen und werden höfflich aber bestimmt unterbunden.

Matias Faldbakken gelingt es, einen unterhaltsamen Blick auf die unterschiedlichen Menschentypen, die er zwar ironisch aber nie entlarvend portraitiert, zu werfen. Gleichzeitig ist dieser Roman klug durchdacht, mit interessanten beinah philosophischen Ansätzen zu den Veränderungen in unserer Welt. Faldbakken formuliert völlig unaufgeregt und ohne jegliche Sensationslust: In seinem nostalgischen Kosmos stehen Stil, Noblesse und der gute Ton als oberste Tugenden im Vordergrund. Ein ruhiger, unaufgeregter und intelligenter Roman…!

„The Hills“ hat eine Vergangenheit! Doch hat es auch eine Zukunft?

erschienen bei Heyne/ ISBN: 978-3453271906

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!