[Rezension] Anton Čechov – Frühlingsgefühle. Geschichten von der Liebe

„Wir verdanken Peter Urban einen deutschen Čechov, wie er schöner nicht sein könnte.“

…wird Manfred Papst von der Züricher „NZZ am Sonntag“ gerne auf den Rückseiten der Bücher von Anton Čechov zitiert. Durchaus könnte man meinen, dass sich ein solches Zitat mit der Zeit abnutzt, abnudelt, schal wird. Doch wenn man sich das Ergebnis Peter Urbans Arbeit ansieht, dann bleibt nichts anderes übrig, als diesem Übersetzer Respekt zu zollen.

So entschleiert er den großen russischen Romancier und Dramatiker als einen Meister der kurzweiligen, anspruchsvollen und intelligenten Unterhaltung, indem er seine Geschichten mit einer eleganten Leichtigkeit, einer wohltuenden Melancholie, einer spritzigen Dramatik und einem spitzbübischen Humor darbietet. Meine Ressentiments gegenüber der russischen Literatur im Allgemeinen und Anton Čechov im Besonderen konnte er schon mit den Wintergeschichten verscheuchen, und so gilt das, was ich dort zu sagen hatte, auch für diese Sammlung.

Diesmal steht – wie es der Untertitel verrät – die Liebe im Vordergrund. Čechov treibt seine Heldinnen und Helden durch einen Parcours an Emotionen: Es wird sich verliebt! Es wird glücklich geliebt! Es wird unglücklich geliebt! Es wird sich entliebt! Erstaunlich, wie vielfältig die Liebe sein und wie mannigfaltig sie in Erscheinung treten kann – von kleinen Ausbrüchen über die großen Gefühle, von der schmerzhaften Trauer bis zum stillen Glück. Der Autor versteht es ganz famos die Klaviatur der Empfindungen zu bedienen und ihnen individuelle Ausdrucksformen zu geben. Gerne würde ich dies an zwei Beispielen verdeutlichen…

In Verocka verabschiedet sich Ivan Alekseic Ognev, ein junger Statistiker, nach Erledigung eines Auftrages von seiner Gastfamilie. Auf dem Weg zu seiner Herberge schließt sich ihm Vera Gavriilovna, die Tochter des Hauses, an. Während die beiden jungen Menschen durch die stille, warme Nacht gehen, kommt ihr Gespräch nur zögerlich in Gang. Beide schweifen immer wieder mit ihren Gedanken ab und lassen so die gemeinsame Zeit Revue passieren. Nebel zieht fein und zart durch die Bäume und verschleiert leicht den Mond. Eva fasst sich ans Herz und gesteht Ivan ihre Liebe. Dieses Geständnis erschreckt den jungen pragmatischen Statistiker, der eher in der Theorie als der Praxis firm scheint, zutiefst. Zwar verehrt er die hübsche Tochter seines Gastvaters, aber lieben…?! Ivans eindeutige Reaktion veranlasst Vera, ihm für immer Lebewohl zu sagen. Ivan bleibt grübelnd allein zurück. Fragen kreisen unbeantwortet durch seinem Schädel und lassen ihn verzweifeln: Hier gibt es eine wunderbare junge Frau, die ihn liebt. Wieso kann er sie nicht ebenso lieben? Was ist falsch an ihm? Und er ahnt, dass er an diesem lauen Abend vielleicht versäumte, sein Glück zu finden.

Im Gegensatz zur vorherigen Geschichte scheint in Geplatztes Geschäft. Eine Art Vaudeville das Glück für den namenlosen Helden zum Greifen nah: eine hübsche Ehefrau, eine Mitgift in Höhe von 30 000, die Aussicht auf eine blendende Karriere. Wäre da nicht seine lockere Zunge diesen Plänen in die Quere gekommen. In seinem Größenwahn gibt er sich als Mann mit Prinzipien und schwafelt, dass er ihrer nicht wert sei, denn schließlich könne er ihr nie dauerhaft den gewohnten Lebensstandard bieten. In seine grenzenlosen Selbstüberschätzung kokettiert er beinah boshaft mit ihrer Loyalität. Je mehr sie ihre Liebe beteuert, umso heftiger schmückt er die Trostlosigkeit ihres gemeinsamen Lebens aus. Und während sie immer stiller und stiller wird, redet er sich um Kopf und Kragen. Schließlich dankt sie ihm dafür, dass er ihr die Augen geöffnet hat, um zu erkennen, dass sie seiner nicht würdig sei und nie die Ehefrau an seiner Seite sein könnte, die er verdiene. Sie geht, und er bleibt ernüchtert zurück.

Allein der Vergleich dieser beiden Geschichten zeigt Čechovs literarische Bandbreite: In Verocka meinte ich als Leser, das Fiebrige dieser Nacht zu spüren. Atmosphärisch fein lässt der Autor die Szenerie dieses Spaziergangs zweier junger Menschen vor unserem inneren Auge entstehen und verfeinert dies mit Tragik und Melancholie. Dafür erinnerte mich Geplatztes Geschäft. Eine Art Vaudeville an eine Boulevardkomödie, wo die Grenze zur Groteske fein ausgelotet wurde. Beiden Geschichten ist gemein, dass aus ihnen keine Sieger hervorgehen: Zurück bleiben jeweils zwei unglückliche Menschen. Doch während ich bei Verocka für beide gleichermaßen Sympathie wie auch Mitgefühl verspüre, konnte ich mir bei Geplatztes Geschäft. Eine Art Vaudeville ein gewisses Maß an Schadenfreude nicht verkneifen.

Nach der Lektüre dieser 22 Geschichten von der Liebe war es schier unumgänglich ebenso Anton Čechovs Sommergeschichten, die schon 2020 bei Diogenes ebenfalls in der Übersetzung von Peter Urban erschienen sind, meine Aufmerksamkeit zu schenken: Rezension folgt…! 🙃


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257071825

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!