MONTAGSFRAGE #81: Wie steht ihr zu Kurzgeschichten?

Ich liebe sie…!

Ich liebe sie…! Zwangsläufig…! Was bleibt mir als Vorleser auch anderes übrig! 😉

Kurzgeschichten bzw. Erzählungen sind die von mir bevorzugte literarische Form des Vortrages. Ich gestalte voller Freude Lesungen mit Texten verschiedener Autoren. Und so überprüfe ich immer (zwangsläufig) die Texte, die ich lese, ob sie zum Vorlesen geeignet sind. Und da spielen viele Komponenten eine Rolle: Wie ist die Geschichte aufgebaut? Gibt es einen Spannungsbogen, und wie wird er eingesetzt? Reichen die Beschreibungen der Szenerie aus, um in meinem Kopf ein Bild zu kreieren? Agiert das Handlungspersonal für mich nachvollziehbar, und zeigt es eine Persönlichkeit, die mich fesselt? Wie setzt die Autorin/ der Autor Dialoge ein? Wie ist die Qualität im sprachlichen Ausdruck?

Das mag nun alles sehr theoretisch, verkopft und kompliziert klingen. Ist es aber nicht! Dieser Vorgang läuft bei mir ganz automatisch und völlig mühelos im Hintergrund ab. Ich mache mir darüber keine Gedanken.

Kurzgeschichten zu schreiben ist für mich die literarische Königsdisziplin: In einem Roman auf 200 bis 300 Seiten (oder mehr), die o.g. Punkte zu berücksichtigen, kann jeder (Naja! Nicht jeder! Ich kann’s nicht!). Aber eine ganze Welt auf 10 bis 15 Seiten zu erschaffen, ist die große Kunst. Da werde ich als Leser ohne Vorwarnung, ohne Einleitung in die Geschichte hinein katapultiert. Plötzlich spult sich auf nur wenigen Seiten eine ganze Welt vor mir ab und bietet Emotionen in allen Schattierungen zwischen Komödie und Tragödie. Wenn ein*e Autor*in diese Königsdisziplin beherrscht, dann wird es einfach magisch – magisch, es allein für mich zu lesen; magisch, es vorlesen zu dürfen.

Hier zum Nachlesen eine kleine Auswahl an Werken von Könner*innen:

  • Elke Heidenreich: Nurejews Hund
  • Agatha Christie: Der unfolgsame Esel
  • Anton Čechov: Kleiner Scherz
  • Carl Nixon: Seines Auges Apfel
  • Ria Neumann: Meines Vaters Ringelrosen

Ich wünsche Euch viel Spaß an der Neu- bzw. Wieder-Entdeckung von Kurzgeschichten!

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Anton Čechov – Wintergeschichten

Anton Čechov, der große russische Dramatiker, der so bedeutende Bühnen-Werke wie „Die Möwe“, „Onkel Wanja“ und „Der Kirschgarten“ hervorgebracht hat, war auch als Schriftsteller und Novellist äußerst produktiv. Wer bisher mit der russischen Literatur – oder vielleicht auch im Besonderen mit Čechov – eine gewisse Schwere verband, darf nun aufatmen: Diese Anthologie mit Wintergeschichten offenbaren einen Autoren voller Witz und Ironie, mit Charme und Grazie und natürlich auch mit der gewissen Schwere.

Viele seiner Geschichten spielen in der Provinz, karikieren das Leben des Kleinbürgertums ebenso wie den schwindenden Einfluss des Adels und trafen dank des satirischen Grundtons mein Humorzentrum. Auf tragisch-komischer Weise wird die Monotonie des Lebens beschrieben, ohne eine gewisse Kritik an den damaligen Gesellschaftsnormen zu verheimlichen.

Bei anderen Geschichten meinte ich als Leser, die erdrückende Enge des gesellschaftlichen Korsetts förmlich zu spüren. Seine Protagonist*innen versuchen dieser Enge zu entfliehen – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Beinah psychologisch beschreibt er die Beziehungen der Menschen untereinander, innerhalb ihres Standes oder auch Standes übergreifend und lässt die Leserschaft an seinen desillusionierten Beobachtungen teilhaben. Bei der Lektüre dieser Geschichten musste ich zwangsläufig den einen oder anderen befreienden Seufzer ausstoßen.

Doch plötzlich erfreute er mich mit drolligen Erzählungen voller Situationskomik, in denen er die Banalitäten des Alltags persifliert. Scheinbar mit einem verschmitzten Augenzwinkern beschreibt er die kleinstädtische, provinzielle Idylle und gestattet uns so einen tiefen Blick in die russische Seele.

Dann offenbart er wieder anrührende Geschichten, die voller Reinheit und Anmut sind, beinah märchenhaft die Sehnsüchte der Menschen beschreiben und mit sanften Flügeln die Seele des Lesers streifen. Auch DAS ist Anton Čechov! Besonders diese Geschichten wärmten mein Herz und versetzten mich in eine zarte Stimmung sanfter Melancholie,…

…und auch hier habe ich geseufzt: voller Sehnen und wohliger Zustimmung!

Mit dieser Sammlung an Erzählungen schenkt der Diogenes Verlag uns eine funkelnde Auswahl aus Čechovs umfangreichem Œuvre und präsentiert ihn als einen äußerst vielseitigen wie vielschichtigen Romancier.


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257070767

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!