[Rezension] Georges Simenon – Weihnachten in Paris

„Vielleicht gibt es Paris überhaupt nicht,
und es ist nur eine Erfindung von Simenon.“
The New York Times

Beinah könnte ein Leser, der noch nie leibhaftig in Paris war, tatsächlich den Eindruck gewinnen, diese Stadt wäre der Phantasie eines genialen Kopfes entsprungen.

Simenons „Weihnachten in Paris“: Das ist weit entfernt von „Heile Welt“, romantischen Gassen und sonstigen Weihnachtskitsch. Zwei Erzählungen vereinen sich in diesem Band und unterhalten den Leser. Wobei die Unterhaltung nicht luftig-locker-leicht hereinschneit, sondern sehr dramatisch und brutal ehrlich auftritt. Und doch erzählen beide Geschichten jeweils von kleinen Wundern zur Weihnachtszeit.

Beginnen möchte ich gerne mit der zweiten, kleineren Erzählung: Bei „Das kleine Restaurant bei der Place des Ternes“ brauchte ich meine Zeit, um die Beweggründe der handelnden Personen zu begreifen. Weihnachten ist die Zeit, in der die meisten Selbstmorde in Paris passieren. Zwei Frauen, die sich vorher anscheinend nicht kannten, werden unfreiwillig Zeuge eines jenes Selbstmordes. Dieses Ereignis veranlasst die ältere der beiden Frauen, die seit einigen Jahren als Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdingt, Einfluss auf den Verlauf des weiteren Abends zu nehmen, um der Jüngeren ein ähnliches Schicksal zu ersparen. Dabei erscheint Simenons Heldin alles andere als heldinnenhaft: Mit ihrem schnoddrig-ordinären Auftreten pfeift sie hemmungslos auf gängige Konventionen.

Simenon erzählt äußerst dicht und detailreich. In der Erzählung „Sieben Kreuzchen in einem Notizbuch“ schafft er eine beinah intime Atmosphäre, indem er die Handlung in nur einem Raum spielen lässt. In der Schaltzentrale der Polizei laufen alle Fäden zusammen. Auf einem Stadtplan blinken Lämpchen auf, wenn irgendwo in Paris an einer Notrufsäule Alarm geschlagen wird. Plötzlich blinken Lämpchen für Lämpchen auf, und die Inspektoren ahnen, dass hier wieder der Serienmörder zuschlägt, der schon seit Wochen die Polizei in Atem hält. Nun wird an der einen Notrufsäule das blutbeschmierte Taschentuch eines Kindes gefunden, und der Fall entwickelt sich in eine gänzlich neue und überraschende Richtung…!

Wäre ich schon ein Simenon-Experte, würde ich vollmundig behaupten, mit dieser Erzählung erlebt der Leser „Simenon at his best“. Ich bin kein Simenon-Experte, aber durchaus in der Lage, eine exzellente Geschichte zu erkennen: Hier ist eine solche…!!! Diese Geschichte habe ich, ohne eine einzige Pause, ohne ein einziges Mal das Buch abzusetzen, gelesen. Seite für Seite steigerte sich die (An-)Spannung bis zum erlösenden Schluss, bei dem mir vor Erleichterung Tränen über die Wangen rannen. Kammerspielartig hat der Autor die Geschichte aufgebaut. Nur durch die Dialoge des Handlungspersonals erfährt der Leser Einzelheiten, die sich außerhalb des Raumes abspielen.

Schonungslos erzählt Simenon vom Leben der kleinen Leute von Paris, von ihren Überlebenskämpfen und Niederlagen, von ihren kleinen Glücksmomenten, die ja so selten und somit umso flüchtiger sind. Grandiose Erzählkunst!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311134305

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Hermann Hesse – In Weihnachtszeiten

Ich liebe die kleinen, bibliophilen Bände der Insel-Bücherei, die mit ihrer klassischen Optik und der wertigen Haptik mich immer wieder erfreuen und so verführen, mich auch bisher unbekannten Themen und Autor*innen zuzuwenden.

Nun war Hermann Hesse mir nicht gänzlich unbekannt – das eine oder andere Gedicht hatte ich durchaus schon gelesen – aber in dieser komprimierten Form hatte ich mich mit seinem Werk noch nicht beschäftigt. So vereint dieses Büchlein immerhin Werke aus über 50 Jahren seines Schaffens und offenbart die beide Professionen des Künstlers: Neben ausgesuchten Erzählungen und Gedichten Hesses können auch einige seiner Aquarelle bewundert werden.

Die Aquarelle zeigen vornehmlich winterliche Landschaften (passend zum Sujet des Buches) und wirken wie Skizzen, die mit leichtem Pinselstrich auf das Papier geworfen wurden.

Hermann Hesses Erzählungen „In Weihnachtszeiten“ offenbaren einerseits den Romantiker, der mit verklärtem Blick, die Kindheit zurücksehnt. Andererseits hebt er mahnend die Stimme und verarbeitet Autobiografisches aus seinem Leben: So klingt immer der Pazifist in seinen Texten durch, der sich deutlich gegen Krieg und Patriotismus ausspricht. Andere Geschichten wirken mit ihren philosophischen Elementen beinah spirituell oder haben von ihrer Aktualität (erschreckenderweise) nichts eingebüßt.

Die Insel-Bücherei schafft mit diesem Büchlein für Neulinge einen gelungenen Einstieg in die literarische Welt eines der meist gelesenen deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

In Weihnachtszeiten reis‘ ich gern
Und bin dem Kinderjubel fern
Und geh‘ in Wald und Schnee allein.
Und manchmal, doch nicht jedes Jahr,
Trifft meine gute Stunde ein,
Daß ich von allem, was da war,
Auf einen Augenblick gesunde
Und irgendwo im Wald für eine Stunde
Der Kindheit Duft erfühle tief im Sinn
Und wieder Knabe bin…


erschienen bei Insel-Bücherei/ ISBN: 978-3458178118

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Nichts als Weihnachten im Kopf/ herausgegeben von Céleste Blum / mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach

Weihnachtsbücher gibt es wie Sand am Meer: Jahr für Jahr kommen neue hinzu, die – bei näherer Betrachtung – gar nicht so neu sind. Gerne wärmen einige Verlage ältere Auflagen wieder auf, verpassen ihnen ein zeitgemäßes Outfit und einen frischen Titel, um so die Leserschaft zum Kauf zu animieren. Oder es werden die allseits bekannten Geschichten neu gemischt und erscheinen so in einer aktuellen Weihnachts-Anthologie. Wobei diese Geschichten nicht die schlechtesten sind, nur eben leider schon x-mal veröffentlicht.

Aber mit Weihnachtsbüchern lässt sich Umsatz machen: Was bleibt somit einem jungen, aufstrebenden Verlag anderes übrig, als auf diesen lukrativen Zug aufzuspringen. Der Kampa-Verlag besteht seit gut einem Jahr, überzeugt als Heimstätte von Simenons Kommissar Maigret und verlegt die frisch gebackene Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. In diesem Jahr legt der Verlag nun sein erstes Weihnachtsbuch vor.

Dieses Weihnachtsbuch ist wohltuend traditionell und gleichzeitig erfrischend anders. „Hä?“ werden sich jetzt der eine oder die andere Leser*in fragen „Ist dies nicht ein Widerspruch?!“ So antworte ich voller Überzeugung „Nein, ist es nicht!“

Auf der traditionellen Seite finden sich die klassischen Gedichte von Rainer Maria Rilke, Theodor Storm und August Heinrich Hoffmann von Fallersleben sowie die Geschichten „Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu“ von Joachim Ringelnatz, Thomas Manns „Weihnachten bei den Buddenbrooks“ und „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Ludwig Thoma. Gleichwertig stehen ihnen die moderneren Werke gegenüber, seien es Gedichte u.a. von Jan Weiler oder Geschichten von Gerhard Henschel („Adventskalender und Adventskranz“), Axel Hacke („Zeit der Rituale“) und der prämierten Olga Tokarczuk („Bardo. Die Weihnachtskrippe“).

Nikolaus Heidelbach schafft mit seinen Illustrationen einen humorvollen Rahmen: Seine Grafiken wirken scheinbar klassisch gefällig und lassen mit ihrer klaren Formgebung erst auf dem zweiten Blick die versteckte Ironie erkennen.

Der Herausgeberin Céleste Blum ist das Kunststück gelungen, dass Sentimentalität, Ironie, Schwermut und Witz sich in dieser Zusammenstellung gekonnt die Waage halten. Als Leser bemerkte ich mit Freude, dass die Beiträge mit Bedacht ausgewählt wurden: So beziehen sich die Geschichten durchaus aufeinander, sei es, dass sie aus der Feder eines Autoren stammen (Hans Fallada) oder der Phantasie zweier Köpfe (Salomon Friedländer/ Kurt Tucholsky) entsprungen sind. So befruchten sich diese Geschichten gegenseitig und lassen einen roten Faden innerhalb dieser Anthologie erkennen.

Die „Gebrauchsanweisung für das familienfreundliche Absingen der wichtigsten Weihnachtslieder“ von Daniel Glattauer habe ich persönlich stimmstark erprobt. Bei „Das Weihnachtsfest des alten Schauspielers Nesselgrün“ von Salomon Friedländer schaufelte sich der Vor-Leser (die alte Rampensau) in mir an die Oberfläche: Ich konnte der Versuchung nicht wiederstehen, dieses kleine humoristische Kabinettsstückchen laut vorzutragen.

Der Sammlung „Nichts als Weihnachten im Kopf“ ist es gelungen, mir neue Impulse für zukünftige Lesungen zu schenken. Somit kann ich nur attestieren: Alles richtig gemacht, Kampa-Verlag!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311250074

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[Rezension] Anton Čechov – Wintergeschichten

Anton Čechov, der große russische Dramatiker, der so bedeutende Bühnen-Werke wie „Die Möwe“, „Onkel Wanja“ und „Der Kirschgarten“ hervorgebracht hat, war auch als Schriftsteller und Novellist äußerst produktiv. Wer bisher mit der russischen Literatur – oder vielleicht auch im Besonderen mit Čechov – eine gewisse Schwere verband, darf nun aufatmen: Diese Anthologie mit Wintergeschichten offenbaren einen Autoren voller Witz und Ironie, mit Charme und Grazie und natürlich auch mit der gewissen Schwere.

Viele seiner Geschichten spielen in der Provinz, karikieren das Leben des Kleinbürgertums ebenso wie den schwindenden Einfluss des Adels und trafen dank des satirischen Grundtons mein Humorzentrum. Auf tragisch-komischer Weise wird die Monotonie des Lebens beschrieben, ohne eine gewisse Kritik an den damaligen Gesellschaftsnormen zu verheimlichen.

Bei anderen Geschichten meinte ich als Leser, die erdrückende Enge des gesellschaftlichen Korsetts förmlich zu spüren. Seine Protagonist*innen versuchen dieser Enge zu entfliehen – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Beinah psychologisch beschreibt er die Beziehungen der Menschen untereinander, innerhalb ihres Standes oder auch Standes übergreifend und lässt die Leserschaft an seinen desillusionierten Beobachtungen teilhaben. Bei der Lektüre dieser Geschichten musste ich zwangsläufig den einen oder anderen befreienden Seufzer ausstoßen.

Doch plötzlich erfreute er mich mit drolligen Erzählungen voller Situationskomik, in denen er die Banalitäten des Alltags persifliert. Scheinbar mit einem verschmitzten Augenzwinkern beschreibt er die kleinstädtische, provinzielle Idylle und gestattet uns so einen tiefen Blick in die russische Seele.

Dann offenbart er wieder anrührende Geschichten, die voller Reinheit und Anmut sind, beinah märchenhaft die Sehnsüchte der Menschen beschreiben und mit sanften Flügeln die Seele des Lesers streifen. Auch DAS ist Anton Čechov! Besonders diese Geschichten wärmten mein Herz und versetzten mich in eine zarte Stimmung sanfter Melancholie,…

…und auch hier habe ich geseufzt: voller Sehnen und wohliger Zustimmung!

Mit dieser Sammlung an Erzählungen schenkt der Diogenes Verlag uns eine funkelnde Auswahl aus Čechovs umfangreichem Œuvre und präsentiert ihn als einen äußerst vielseitigen wie vielschichtigen Romancier.


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257070767

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[Rezension] Brian Flynn – Die Morde von Mapleton

Familie, Freund und Feind haben sich auf Einladung von Sir Eustace Vernon auf seinem Anwesend versammelt, um gemeinsam Heiligabend zu feiern. Während des Festdinners erhält er jedoch eine dubiose Nachricht, die ihm veranlasst, die Gesellschaft eilig zu verlassen. Einige Stunden später werden die Gäste durch einen Schrei aufgescheucht: ein Unbekannter ist in das Arbeitszimmer von Sir Eustace eingedrungen, und der Butler wird ermordet aufgefunden. Was niemand zu diesem Zeitpunkt ahnt ist, dass die Leiche von Sir Eustace einige Kilometer entfernt an einem Bahnübergang auf den Gleisen durch Zufall vom Polizeipräsidenten höchstpersönlich Sir Austin Kemble und dem äußerst talentierten Privatdetektiv Anthony Bathurst aufgefunden wurde. Zusammen mit Inspector Craig vom ortsansässigen Polizeirevier nehmen sie die Ermittlungen auf und stolpern über Ungereimtheiten, Widersprüche und Geheimnisse der Gäste, die sich wünschten, dass diese lieber im Dunklen verborgen blieben…!

Seit einiger Zeit gräbt der Dumont Verlag alte Schätze aus der goldenen Ära des britischen Krimis wieder aus und serviert sie in einer äußerst ansprechenden Optik den Krimi-Freunden. In diesem Fall handelt es sich um den im Jahre 1929 erschienenen ersten Roman um den gewieften Ermittler Anthony Brathurst.

Das Alter merkt der Leser diesem Krimi durchaus an: So ist der Roman ein Zeugnis seiner Zeit in Bezug auf die Geschlechterrollen, der Hierarchie innerhalb der Polizei und dem gesellschaftlichen Gefüge. Einige Dialoge muten aus heutiger Sicht etwas „geziert“ – wenn nicht sogar „spröde“ – an, versprühen fraglos ihren speziellen Charme und entlockten mir so manches Mal ein Schmunzeln.

Autor Brian Flynn hält sich nicht mit einer umfangreichen Personenbeschreibung auf, vielmehr überlässt er es der Phantasie des Lesers, aus den Dialogen und Reaktionen der Protagonisten ein Bild der jeweiligen Person vor dem inneren Auge zu kreieren. Leider entschlüpft ihm hin und wieder doch ein Detail: Hatte ich mir Anthony Brathurst schon als Mann in den besten Jahren und mit einer gewissen Reife vorgestellt, platzte diese Vorstellung wie eine Seifenblase, da der Autor nach ca. ¾ des Romans sich genötigt sah, auf dessen junges Alter (ohne eine genaue Anzahl an Jahren zu nennen) hinzuweisen. Ich weiß nicht wie es anderen Leser*innen geht: Aber je nachdem, wie ich die Rollen innerhalb eines Romans skizziere, erhalten die Personen vor meinem inneren Auge eine eigene Dynamik.

Dafür versteht es der Autor geschickt, falsche Fährten zu legen und den Leser mit allerlei Details zu verwirren.

„Die Morde von Mapelton“ ist nicht der große, brilliante Wurf, dafür eine nostalgische und durchaus kurzweilige Krimi-Unterhaltung für die Feiertage.


erschienen bei Dumont/ ISBN: 978-3832181062

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Dezember – Gedichte/ herausgeben von Evelyne Polt-Heinzl & Christine Schmidjell

Von dieser kleinen, feinen Reihe mit Gedichten zu jedem Monat hatte ich Euch ja schon im Februar dieses Jahres berichtet. Nun möchte ich die Gelegenheit nutzen, um Euch einerseits an diese Reihe zu erinnern, andererseits ist Weihnachtszeit auch Gedichte-Zeit: Wer punktet bei der betrieblichen Weihnachtsfeier oder an Heiligabend vor der Verwandtschaft nicht gerne mit dem einen oder anderen auswendig vorgetragenen Vers.

Diesmal haben die Herausgeberinnen ihre bunte Schar von Poet*innen unter den Überschriften Erwartungsvoller Auftakt samt Nikolaus, Schneefall im Advent, Traurig-schöne Dezembertage, Christnacht – damals und heute, Weihnachtsfeiern vielerorts und Das Jahr klingt aus versammelt. Natürlich verwundert es nicht, dass die namhaften Vertreter*innen der schreibenden Zunft besonders über diesen Monat ihr Füllhorn an lyrischen Ergüssen ausschütteln und ihre Leserschaft mit bekannten und weniger bekannten Werken erfreuen. Da treffen die zarten Verse einer Mascha Kaléko ebenso auf die geschüttelten (nicht gerührten) Reime von Joachim Ringelnatz, wie Alfred Andersch sich mit Robert Walser vergnügt, während Else Lasker-Schüler und Annette von Droste-Hülshoff gemeinsam das Jahr ausklingen lassen.

Wie bei jedem Monat der Reihe ist auch der Dezember in der Reclam-typischen Größe erhältlich, passt in Hose- oder Handtasche und ist somit schnell zur Hand, um Langeweile im Keim zu ersticken.

Auf der Verlagsseite des Reclam-Verlages findet Ihr die komplette Reihe. Übrigens: Die Gedicht-Heftchen mit ihrer wunderbaren Gestaltung der Umschläge eignen sich auch hervorragend als Mitbringsel für Geburtstagskinder…

…oder zum Selberschenken: Ich habe mir vorgenommen, so peu à peu das Jahr „vollzumachen“! Macht doch mit!


erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150191224

[Rezension] Weihnachten mit Astrid Lindgren/ herausgegeben von Anne-Kristin zur Brügge

Dies war eines dieser Bücher, um das ich in den Buchhandlungen Jahr für Jahr drum rum geschlichen bin, immer mit dem Satz im Kopf „Du brauchst es nicht wirklich: Du findest die Geschichten sicherlich in all den Lindgren-Büchern, die Du schon besitzt!“ Dann war die Saison vorbei, und meine Gedanken an dieses Buch verblassten. Doch in der nächsten Saison drehte ich wieder meine Runden und hinterließ eine Spurrille im Parkett so mancher Buchhandlung. Doch nun habe ich es mir selbst zu meinem 50. Geburtstag geschenkt (Glückwünsche nehme ich nach wie vor gerne huldvoll entgegen!), da es einfach nur wunderbar ist, die zauberhaften Winter- und Weihnachtsgeschichten von Astrid Lindgren gesammelt zwischen zwei Buchdeckel zu besitzen.

Zudem entzünden wir morgen die erste Kerze auf dem Adventskranz, die besinnliche Zeit beginnt, und so könnte kein anderes Buch passender sein, um meine kleine Reihe „Lektüre zum Fest“ zu eröffnen.

Hallo! Da seid ihr ja wieder: ihr Rotzlöffel und Abenteurer, ihr Angsthasen und Weltenerkunder, ihr Naseweise und Frechdachse. Und wie sehr liebe ich Euch alle!

Da ist Pelle, der vor der Ungerechtigkeit der Welt in Form seines Papas flieht und demonstrativ in das kleine Gartenhäuschen zieht. Da ist Johann, der um seine geliebte Kuh trauert und dem wie aus heiterem Himmel ein Kälbchen vor die Füße fällt. Da ist Tomte Tummetott, der Jahr für Jahr über seinen Hof, seine Tiere und seine Menschen wacht. Da ist Pippi, die außer- und ungewöhnlich aber nicht weniger stimmungsvoll Weihnachten feiert. Da ist Michel, der nach einem turbulenten Weihnachtsfest seinen letzten Willen aufschreibt. Und natürlich feiern die Kinder aus Bullerbü das Weihnachtsfest gemeinsam und tanzen fröhlich um den festlich geschmückten Weihnachtsbaum.

Allein die Geschichten von Astrid Lindgren rühren das Herz, lassen Kindheitserinnerungen an vergangene Weihnachten aufleben und pflanzen ihre Botschaft ganz sachte in die Seele.

Veredelt wird diese Anthologie durch die Talente der Illustrator*innen Björn Berg, Katrin Engelking, Lars Klinting, Rolf Rettich, Jutta Timm, Harald Wiberg und Ilon Wikland. Sie schaffen mit ihren Bildern für die jeweilige Geschichte eine stimmige Atmosphäre: schelmisch-drollig, rührend-poetisch, bunt-humorvoll, modern-verspielt oder klassisch-dezent. Jede und jeder überzeugt mit einem individuellen Stil.

Dieses Buch werde ich zur Advents- und Weihnachtszeit sicherlich sehr häufig zur Hand nehmen, in ihm blättern und mich in die Geschichten meiner kleinen Held*innen vertiefen,…

…und dazu benötige ich nicht unbedingt das liebste Patenkind der Welt als Alibi: Wobei das Vorlesen der Geschichten und das gemeinsame Betrachten der Illustrationen uns beiden ein großes Vergnügen bereiten werden.


erschienen bei Oetinger/ ISBN: 978-3789141843

[Rezension] Erich Kästner – Drei Männer im Schnee

So, ausgelesen! Schade! Schön war´s…!

In meiner momentanen Situation (Stichwort: Jahresanfangsmüdigkeit) brauchte ich dringend Balsam für die Seele: Der Roman „Drei Männer im Schnee“ von Erich Kästner…

…und ich erfreute mich wieder an den intelligent-witzigen Dialogen

…und genoss die feine Kästner’sche Ironie, die so leicht zu überlesen wäre, wenn der geneigte Leser zu oberflächlich lesen würde.

Erich Kästner war ein wahrer Könner seines Fachs: Schaute er auch sehr genau auf die menschliche Natur, so blieb er doch durch und durch ein Menschenfreund und kommentierte als Satiriker und Romancier die Schwächen der Leute immer mit einem Augenzwinkern,…

…und so rollten hin und wieder auch die Tränen: vor Lachen & vor Rührung.

Ein richtiger Seelentröster…!!!

erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3038820161


Gabriela Wendt hat auf ihrem Blog „Buchperlenblog“ die tolle Aktion Perlentauchen ins Leben gerufen: Hier werden literarische Kostbarkeiten wieder-vorgestellt, die schon einige Jahre/ Jahrzehnte/ Jahrhunderte auf den Buckel haben aber nicht in Vergessenheit geraten sollten.

An dieser Aktion beteilige ich mich sehr gerne: Gute Geschichten sind zeitlos!

[Rezension] Jill McGown – Mord im alten Pfarrhaus: Ein Weihnachtskrimi

Dieses stimmungsvolle Cover verspricht einen amüsanten Cosy-Krimi mit einer liebenswert-kauzigen Amateur-Ermittlerin, die mit ihren gar putzigen Ermittlungsmethoden in ihrem kleinen, idyllischen Dörfchen auf Mörderjagd geht. Doch weit gefehlt…!

Der Untertitel „Ein Weihnachtskrimi“ lässt Fantasien frei von einem verschneiten Cottage, wo vor dem prasselnden Kaminfeuer direkt neben dem festlich geschmückten Christbaum ein schändlicher aber nicht allzu grausiger Mord geschieht. Doch weit gefehlt…!

Wer das denkt, denkt leider – oder vielmehr glücklicherweise – falsch! Nachdem ich mich von meinem ersten „Schock“ erholt hatte, offenbarte sich mir ein 1A-Krimi…

Es liegt hoher Schnee im englischen Ort Byford und im Hause von Pfarrer Wheeler eine Leiche: Der Schwiegersohn des Pfarrers wurde brutal erschlagen aufgefunden. Die Verdächtigen verstricken sich in Widersprüche, halten Fakten zurück oder legen falsche Fährten. Kein leichter Job für das  Ermittlerduo bestehend aus Chief Inspector Lloyd und Detective Sergeant Judy Hill, das ebenfalls zwischen professionellem Handeln und privaten Zwistigkeiten hin und her schwankt.

Jill McGown ist ein flüssig zu lesender Krimi gelungen, der durch glaubhafte Charaktere überzeugt: So verbirgt der Pfarrer und seine Familie allzu weltliche Sehnsüchte hinter ihrer Fassade, die Dorfbewohner sind prall portraitiert, und die Ermittler sind weit von unfehlbaren Superbullen entfernt. Der Krimi zieht seine Spannung aus der Dynamik des sozialen Gefüges dieser Zwangsgemeinschaft: Wer ver- bzw. misstraut wem? Was sind die jeweiligen Beweggründe?

Im Original erschien dieser Roman im Jahre 1988, liegt nun erstmals in der deutschen Übersetzung vor und wirkt ein wenig „wie aus der Zeit gefallen“: Ein moderner Krimi mit realistischen Personen, die ohne die heute übliche Telekommunikation auskommen (müssen) – sehr angenehm!

Beim Lesen beschlich mich zudem das Gefühl, eine gelungene Filmvorlage in den Händen zu halten, die sich mit ihren süffigen Dialogen wunderbar als Mini-Serie machen würde.

…und – Ja! – Die Handlung des Krimis spielt zwar zur Weihnachtszeit: Von „gnadenbringend“ ist allerdings wenig zu spüren!

„Welt ging verloren, Christ ward geboren: Freue, freue dich, oh Christenheit!“

erschienen bei DuMont/ ISBN: 978-3832198848

[Rezension] Winter. Das große Lesebuch für die ganze Familie/ herausgegeben von Ulrike Schrimpf/ mit Illustrationen von Lisa Manneh

Im Großen und Ganzen bin ich sehr begeisterungsfähig und sehr wohlwollend gegenüber den Büchern, die auf meine Rezension warten. Es gibt allerdings ein Genre, bei dem ich äußerst kritisch bin: Das ist das Genre der Weihnachts-Lektüre!

Allzu häufig gehen die Verlage „auf Nummer sicher“, nehmen die immer gleichen Geschichten in ihre Sammlung auf oder verpassen einer vergriffenen Auflage ein neues Gewand samt neuem Titel. So schaute ich etwas skeptisch auf dieses Winter-Buch aus dem Herder Verlag.

Die Betonung liegt auf WINTER, denn das Buch ist in mehrere Kapitel aufgeteilt – beginnend mit „Herbststürme und Schneegestöber“ und begrüßt 7 Kapitel weiter mit „Schneeglöckchen und erste Sonnenstrahlen“ die ersten Frühlingsboten. „Pfiffig gemacht!“ dachte ich bei mir „So ist dieses Buch nicht nur zur Weihnachtszeit präsent!“…

…und „präsent“ trifft es genau! An diesem Buch stimmt einfach alles: Angefangen vom wunderbaren Cover, über die wohlüberlegte Text-Auswahl bis zu den entzückenden Illustrationen. Neben einigen bekannten Märchen, Geschichten und Gedichten findet sich auch eine Menge weniger Bekanntes.

Zudem wurden aus Kinderbuchklassikern (z. Bsp. Johanna Spyris „Heidi“ und „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler) passende Passagen übernommen, die zur besseren Einordnung eine kurze Einleitung erhielten.

Die Auswahl der Autor*innen spricht mehrere Generationen an. Somit ist dies definitiv ein Lesebuch „für die ganze Familie“. So findet man Hans Christian Andersen und die Brüder Grimm neben Robert Walser, Hoffmann von Fallersleben gibt sich ein Stelldichein mit Erich Kästner, und Kurt Tucholsky ist in bester Gesellschaft mit Astrid Lindgren.

Als Goodies gibt es Lieder mit Text und Notenbeispielen, kinderleichte Rezepte und kleine, kindgerechte Rätsel in Reim-Form.

Einen wesentlichen Anteil am Charme dieses Buches haben die wunderbaren Illustrationen: äußerst geschmackvoll, ansprechend und sehr harmonisch in der Wahl von Farbe und Form.

Seit einigen Wochen liegt dieses Buch nun schon griffbereit auf meinem Couchtisch, wird beinah täglich zur Hand genommen, intensiv geprüft, be-blättert und be-schaut.

Ich habe mich redlich bemüht, negatives zu entdecken: Ich finde nichts!!!

erschienen bei Herder/ ISBN: 978-3451383397

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!