[Rezension] Willem Elsschot – Maria in der Hafenkneipe

„Maria van Dam, Kloosterstraat 15“ steht auf dem Stückchen Pappe, das drei orientalische Seeleute dem Ich-Erzähler unter die Nase halten und mit gebrochenem Englisch nach dem Weg fragen. An diesem nassen Novemberabend sind sie auf der Suche nach dem bezaubernden Mädchen, das am selben Tag an Bord gekommen war, um die Säcke zu flicken. Unter der angegebenen Adresse ist keine Maria zu finden. Doch statt aufzugeben, suchen sie weiter: Und so führt unser Erzähler die Seeleute gleich ein Hirte die heiligen drei Könige durch die Straßen der Hafenstadt von Haus zu Haus, von Ort zu Ort, von Begegnung zu Begegnung. Doch Maria bleibt unauffindbar, und so verabschieden sich die vier Männer zur späten Stunde und ziehen getrennte Wege…!

Der flämische Schriftsteller Alfons De Ridder veröffentlichte unter dem Pseudonym Willem Elsschot im Jahre 1946 diese unspektakulär anmutende Erzählung, die 1948 sogar mit dem belgischen Staatspreis ausgezeichnet wurde. Auf knapp 90 Seiten in einem kleinen Büchlein folgen wir den Männern durch das nächtliche Antwerpen auf der Suche nach einer Vision. Die unbekannte Maria gleicht einem Irrlicht (Originaltitel der Geschichte: Het dwaallicht), verspricht die Verheißung und steht als Sinnbild für die Träume und Wünsche aber auch für die Enttäuschungen, die die Protagonisten auf ihrer Wanderschaft erleben müssen.

Denn die Reaktionen der Mitmenschen, denen sich die ausländischen Matrosen aussetzen, fallen recht unterschiedlich aus: Sie erhalten dort Unterstützung, wo sie es nicht erwartet hätten, und erfahren Ablehnung, wo sie nicht damit rechnen. Elsschot beschreibt manche Einheimische wenig schmeichelhaft (Zitat: „Ein würdiges Exemplar des Herrenvolkes, das wir Weißen schließlich sind.“) und demaskiert sie, indem er ihnen beschämende Worte des Fremdenhasses in den Mund legt.

Da fungiert unser Ich-Erzähler dankenswerter Weise als ausgleichender Katalysator, der für Menschlichkeit und Toleranz steht und eine wohltuende Wandlung vom widerwillig Helfenden zum engagierten Unterstützer vollzieht. Der Autor porträtiert seine „heiligen drei Könige aus dem Morgenland“ äußerst respektvoll und lässt sie die Menschen in ihrem Umfeld mit Höflichkeit begegnen. Zwischen diesen Männern aus zwei unterschiedlichen Kulturen entspinnt sich ein Gespräch über Glaube, Liebe und Familie. Ethnische Unterschiede treten zutage, und Lebensentwürfe werden verglichen, was in gegenseitiger Akzeptanz mündet. Und so trennen sie sich am Ende nicht unbedingt als Freunde doch durchaus als sich gegenseitig Verstehende,…

…und Maria? Sie bleibt nebulös im Verborgenen, und Esschot verrät uns nicht, für welche Maria sie sinnbildlich steht (die Heilige oder die Hure). Das bleibt der Interpretation des Lesers überlassen.

Knapp 90 Seiten in einem kleinen Büchlein: Manchmal braucht eine Geschichte nicht mehr, um sich gänzlich zu entfalten, seine Leserschaft zu fesseln und zum Nachdenken anzuregen!


erschienen bei Unionsverlag/ ISBN: 978-3293004108 / Neuauflage erschienen bei Unionsverlag/ ISBN: 978-3293005648

[Rezension] René Goscinny – Weihnachten mit dem kleinen Nick/ mit Illustrationen von Jean-Jacques Sempé

Als ich selbst noch Kind war (Mir fällt gerade auf, dass ich bei der diesjährigen „Lektüre zum Fest“ recht häufig einen Blick in die Vergangenheit werfe!), waren meine Klassenkameraden von „Der kleine Nick“ ganz begeistert: „Das ist sooo lustig! Das musst Du unbedingt lesen!“ So lieh ich mir aus der Gemeindebücherei eines der vielen Nick-Bücher aus, begann zu lesen und fand es gar nicht sooo lustig. Was – bitteschön – sollte daran nun so witzig sein? Ich las das Buch erst gar nicht zu Ende, sondern brachte es enttäuscht in die Bücherei zurück.

Jahrzehnte später (2009) saß ich mit meinem Mann im Kino, und endlich erlag ich dem Charme vom kleinen Nick. Den Heimweg konnten wir nur in Etappen zurücklegen, da wir – vor Lachen geschüttelt – immer wieder die Fahrt unterbrechen mussten und uns somit nicht auf den Verkehr konzentrieren konnten. Und trotzdem griff ich auch danach nicht zum Buch: Die Erinnerung an die Enttäuschung in der Kinderzeit war wohl noch sehr präsent!

Doch in diesem Jahr lasse ich Enttäuschung Enttäuschung sein und taste mich „todesmutig“ mit „Weihnachten mit dem kleinen Nick“ an seine Welt heran. Schon bei der Eröffnungsgeschichte, in der Nick einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann schreibt und selbstlos sich selbst nichts wünscht, kichere ich entzückt vor mich hin. Bei den lebhaft geführten Diskussionen der Kinder auf dem Schulhof, wer nun welches Geschenk vom Weihnachtsmann bekommt und wessen Geschenk am meisten Eindruck schindet, lachte ich mehrfach laut auf. Ich fühlte mich ein wenig ertappt, als ich von den Tücken des Weihnachtsbaum-Kaufs am Heiligabend las, denn gemeinsam mit dem Baum kann auch schnell die häusliche Stimmung kippen. Beinah empfand ich Mitleid mit Nicks Papa, der mit einer starken Erkältung lieber ins Büro geht, da er nur dort seine Ruhe hat und sich so ordentlich auskurieren kann.

René Goscinny schaute den liebenswerten Gören sehr genau auf’s Maul und traf deren kindlichen Ton genial: In ihrer schlichten und naiven Art erklären Nick und seine Freunde uns die Welt, hinterfragen die Handlungen der Erwachsenen und führen so einiges „ad absurdum“. Dabei steckt hinter ihren Taten weder Böswilligkeit noch ein spontaner, unbedachter Aktionismus, – Nein! Nein! – denn vor der Tat werden sich tiefschürfende Gedanken gemacht. Ihre Beweggründe sind aus ihrer Sicht absolut logisch, haben Hand und Fuß und somit ihre Berechtigung. Schließlich können sie ja nichts dafür, dass die Erwachsenen diese Logik nicht begreifen. Jean-Jacques Sempés Illustrationen fangen diesen kindlichen Zauber wunderbar ein, sind pointiert, humorvoll und absolut liebenswert. Gemeinsam mit dem Text bilden die Zeichnungen eine berückende Einheit.

Nachdem ich nun einen Blick auf die Original-Vorlage werfen durfte, wuchs meine Hochachtung auf die Filmemacher, die so liebevoll detailreich Nicks Welt auf Zelluloid gebannt haben. Wie schon im Film waren auch in den Geschichten zwei Personen meine beiden heimlichen Helden: Chlodwig und der Hühnerbrüh! Insgesamt zehn Geschichten vom kleinen Nick und seinen Freunden versammeln sich in diesem weihnachtlichen Band, und ich fand sie alle „Echt prima!“

Doch wieso gefielen sie mir nicht, als ich selbst noch ein Kind war? Ich kann es mir nur so erklären: Die kindliche Logik von Nick und seinen Freunden entsprach damals meiner eigenen kindlichen Logik. Die Denkweise der Figuren erschien mir völlig normal, und so konnte ich den Humor nicht verstehen. Heute ist es anders: Heute schließe ich mich der Meinung meiner Klassenkameraden von damals an und gestehe begeistert:

„Das ist sooo lustig!“


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257011807

[Rezension] Französische Weihnachten/ herausgegeben von Annette Wassermann & Italienische Weihnachten/ herausgegeben von Klaus Wagenbach

Andere Länder andere Sitten! Oder auch: Andere Länder andere Weihnachts-Rieten! Das kann auch die moderne Globalisierung nicht verhindern. Nie waren wir uns so „nah“ (!) wie heute. Via Internet kommunizieren wir mit der ganzen Welt und haben dank Social Media überall „Freunde“. Manches wirkt dabei auf mich recht oberflächlich und wie auf Massenkompatibilität getrimmt, denn nur dann gibt es von den Mitgliedern der Community einen „Daumen hoch“. Gleichheit ist so herrlich unangestrengt!

Ich will mich aber anstrengen – gerne sogar! Ich will auch keine Gleichheit, – im Gegenteil – ich will es bunt, abwechslungsreich und vielfältig. Ich will die ganze kulturelle Bandbreite. Ich will andere Menschen und ihre Kulturen kennenlernen und mit ihnen in Beziehung treten. Denn in Beziehung treten, bedeutet, sich mit Menschen auseinandersetzten, und das macht Arbeit! Ich will mir von anderen Kulturen gerne das abgucken, was mir gefällt und mich dabei trotzdem auf meine Wurzeln besinnen. Denn ich habe eine eigene Identität, die sich u.a. aus Genen, Wissen und Erfahrungen zusammensetzt und mit der familiären Vergangenheit verknüpft ist.

Weihnachten ist ein wunderbares Paradebeispiel für Vielfalt: In vielen Ländern der Erde wird die Geburt Jesu Christie mit diesem Fest gefeiert. Viele Völker dieses Erde feiern somit aus dem gleichen Grund und doch wieder recht unterschiedlich. Ein Blick zu unseren europäischen Nachbarn genügt…!

In „Französische Weihnachten“ gibt Herausgeberin Annette Wassermann uns einen vielfältigen Querschnitt der französischen Literaturszene u.a. mit Erzählungen von Olivia Rosenthal, Leila Slimani, Colette, Marcel Pagnol oder Michel Houellebecq. Irgendwie dachte ich bei Weihnachten in Frankreich (Achtung: Klischee) an verschneite Gassen in Paris und „Savoir-vivre“ in federleichte Worte verpackt. Diese Anthologie offenbart uns sozusagen eine andere Seite der französischen Seele. In den Geschichten dreht sich alles um Beziehungen (Geht es nicht immer um Beziehungen?): Mutter/Vater vs. Tochter/Sohn, Ehefrau vs. Ehemann, Geliebte vs. Geliebter, Schwester/Bruder vs. Bruder/Schwester und.so.weiter.und.so.fort! Die Erzählungen speisen sich aus der Melancholie des Vergänglichen und aus den Erinnerungen der Vergangenheit. Vieles bleibt unausgesprochenes. Es wird getan, als freue man sich über die Geschenke, da sich über Geschenke gefreut werden muss – es gehört sich so! Und wie überall auf der Welt, wenn Menschen, die sich als Familie bezeichnen, zusammenkommen, wird viel zu viel geredet und viel zu wenig gesagt.

Auch in den Geschichten in „Italienische Weihnachten“ dreht sich vieles um Beziehungen. Doch Herausgeber Klaus Wagenbach wählte für seine Sammlung auch Werke aus, in denen es eher mystisch und märchenhaft und durchaus auch humorvoll zugeht. Da hat durchaus das südländische Temperament der Italiener seinen Einfluss auf die Sicht der Dinge. Zudem resultiert der Witz in einigen Geschichten aus der Absurdität in alltäglichen Begebenheiten und dem scheinbaren Hang der Italiener zur Dramatisierung. Hier wird (im Vergleich zu den Franzosen) prinzipiell über alles gesprochen, und dies erfolgt möglichst temperamentvoll. Autor*innen wie Sebastiano Vassalli, Andrea Camilleri, Natalia Ginzburg, Leonardo Sciascia und Laura Mancinelli kreierten Erzählungen zwischen Fiktion und Realität, zwischen Moderne und Tradition.

Beiden Anthologien sind gemein, dass sie weder anbiedernd gefällig daherkommen noch leicht-bekömmliche Fast-Food-Kost anbieten. Dem Leser wird die Auseinandersetzung mit dem Gelesenem abverlangt, und dies kann durchaus die Erinnerung an eigene Erfahrungen wiederaufleben lassen. Diese Erzählungen eignen sich nur bedingt als launige Feiertagslektüre unter dem Tannenbaum: Sie sind erwachsen.


erschienen bei Wagenbach Salto/ ISBN: 978-3803113467 (Französische Weihnachten) & ISBN: 978-3803113221 (Italienische Weihnachten)

[Rezension] Raymond Briggs – O je, du fröhliche & Der Schneemann

Weihnachten: Was war das doch für eine schöne Zeit, als ich selbst noch Kind war und an den Weihnachtsmann glaubte. Es war eine Zeit voller (Vor-)Freude, Träume und mit so manchen Geheimnissen. Es war eine Zeit mit Rituale, Besinnlichkeit und einer spürbaren Entschleunigung. Es war eine Zeit, als es noch einen „richtigen“ Winter gab, und somit der Wunsch nach weißen Weihnachten durchaus in den Bereich des Möglichen rückte.

Ach ja! Seufz!

Genau diesen Zauber lässt der britische Illustrator und Autor Raymond Briggs in seinen entzückenden Bilderbüchern wieder aufleben. Die Entstehungsjahre dieser beiden Werke fallen genau in jene Zeit, als ich selbst noch Kind war.

O je, du fröhliche (1973)

Der Weihnachtsmann: gemütlich, nachsichtig, geduldig? Briggs Weihnachtsmann ist das genaue Gegenteil. Er grummelt und grantelt. Er meckert und motzt. Er beklagt sich über zu enge Schornsteine und schlechte Wetterverhältnisse und ist generell „mit der Gesamtsituation unzufrieden“. Und doch verrichtet er pünktlich und fleißig seine Arbeit und trotzt dabei so manchen Unwägbarkeiten.

Comicstrip-artig lässt uns der Schöpfer am Arbeitstag des Weihnachtsmannes teilhaben. In klaren, farbenfrohen Bildern steigen wir mit ihm durch die Schornsteine in recht unterschiedliche Behausungen und amüsieren uns über seine knappen Kommentare mit denen er recht wortkarg Situationen beschreibt. Am Ende eines arbeitsreichen Tages gönnt er sich ein Bierchen am Kamin und blättert in Reisebroschüren über wärmere Gefilde. Und nachdem er seine dritten Zähne ins Glas gelegt hat, trinkt er seinen Schlummer-Kakao und begibt sich zur wohlverdienten Nachtruhe. So ein Weihnachtsmann ist eben auch nur ein Mensch…!

Der Schneemann (1978)

Es schneit, und ein kleiner Junge baut einen Schneemann. Der Gedanke an diesen eisigen Gesellen lässt ihn nicht los und schleicht sich in seine Träume: Der Schneemann wird lebendig, und der Junge lädt ihn in sein Zuhause ein, um ihm seine Welt zu zeigen. Mit einer kindlichen Naivität begegnet der Schneemann recht alltäglichen Dingen, die für ihn durchaus eine Gefahr darstellen könnten. Danach zeigt der Schneemann dem Jungen seine (unsere) Welt: Gemeinsam fliegen sie über Länder und Ozeane, über Wälder, Dörfer und Städte. Erst als der Morgen rot am Horizont zu erahnen ist, kehren sie um und verabschieden sich voneinander. Als der Junge am Morgen erwacht, strahlt die Sonne vom Himmel:  Der Schneemann ist geschmolzen.

Mit zarten Bleistiftstrichen in gedeckten Farben lässt Briggs uns an diesem fantasievollen Traum teilhaben. Beinah unschuldig wirken seine Zeichnungen und rücken so das Traumhafte und das Unwirkliche der Geschichte in den Vordergrund. Dabei verzichtet er auf jegliches Wort sondern lässt vielmehr die Gestik und die Mimik seiner Helden „sprechen“.

Diese beiden Bilderbücher, die übrigens in mehreren Sprachen übersetzt wurden und auch eine Umsetzung für Film und Bühne erhielten, zeugen von Raymond Briggs Talent, seine Maltechnik im Dienst des jeweiligen Werkes zu stellen, um so das individuelle Flair und den sehr eigenen Charakter einer Geschichte hervorzuheben.


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257011678 (O je, du fröhliche) / erschienen bei Aladin/ ISBN: 978-3848901647 (Der Schneemann)

[Rezension] E.T.A. Hoffmann – Der Nussknacker / Hans Christian Andersen – Der Tannenbaum & Die Schneekönigin/ mit Illustrationen von Sanna Annukka

„Märchen schreibt die Zeit…!“

Weihnachtszeit ist Märchenzeit: Keine andere Zeit des Jahres verbinde ich so sehr mit zauberhaften Geschichten, spannenden Sagen und magischen Begebenheiten wie diese. Zu keiner anderen Zeit finden Märchen ihren Weg so häufig auf die Bretter, die die Welt bedeuten: So hüpfen Urmel, Pippi und Robin Hood ebenso über die bundesdeutschen Bühnen wie auch „Hänsel und Gretel“ in der entzückenden Märchenoper von Engelbert Humperdinck. Und von sicherer Quelle war zu erfahren, dass im TV auch in diesem Jahr wieder drei Haselnüsse die Wünsche von Aschenbrödel erfüllen werden, und das gleich mehrmals über den gesamten Dezember verteilt!

Doch auch wunderbar gestaltete Märchenbücher haben nun bei Klein und Groß Hochkonjunktur, und selbst wenn die Geschichten in anderer Form schon in meinem Bücherregal zu finden sind, so verleiten mich häufig die zauberhaften Illustrationen zu einem weiteren Einkauf in der Buchhandlung meines Vertrauens.

In diesem Fall handelt es sich um drei klassische Märchen, deren Handlungen hinlänglich bekannt sind, wo die literarischen Fähigkeiten ihrer Schöpfer völlig außer Frage stehen und einen märchenhaften Lesegenuss garantieren. Vielmehr ist in diesen Fällen mein Augenmerk auf die Ausstattung der Bücher und die Kunst der Illustratorin gerichtet.

Der Knesebeck-Verlag erfreut den bibliophilen Märchen-Fan mit edlen Einbänden in Halbleinen, auf denen Figurinen u.a. in glamourösem Gold bzw. Silber abgebildet sind und so auf den Stil der Illustrationen schließen lassen. Die Finnin Sanna Annukka studierte an der „University of Brighton“ und entdeckte dort ihre Leidenschaft für den Siebdruck. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie als Illustratorin u.a. für die Zeitschrift „Vogue“ und der britischen Kaufhauskette „Selfridges“ und war ebenso als Designerin der finnischen Textil- und Modemarke „Marimekko“ tätig.

Und genau an diesem Stil fühlte ich mich erinnert – ohne Details aus der Vita der Künstlerin zu kennen – als ich einen ersten Blick in eines dieser Bücher warf: Die Illustrationen bestechen durch ihre sachliche Formgebung mit den geometrischen Elementen. Durch die Reduzierung in Form und Farbe wird der Blick bewusst gelenkt. Erst der zweite Blick offenbart Details, die „im Dunkeln“ bzw. im Hintergrund und somit beinah im Verborgenen wirken. Und doch bricht die Künstlerin immer wieder ihre selbst gewählte Form auf und sorgt für Abwechslung im scheinbar so sachlichen Gefüge. Ihre Kunstwerke gestaltet sie immer wohltuend harmonisch aus der Farb-Palette einer Farbfamilie und sind trotzdem alles andere als „farblos“. Im Gegenteil: „Bunt“ wird hier neu definiert!

Dabei bleibt sie dem märchenhaften Duktus der Vorlagen treu und schafft Bilder in einer beinah ätherische Reinheit: Eine wahre Freude voller Ästhetik und Poesie…!


erschienen bei Knesebeck/ ISBN: 978-3957282224 (Der Nussknacker), ISBN: 978-3868736311 (Der Tannenbaum/leider nicht mehr lieferbar) & ISBN: 978-3868738735 (Die Schneekönigin)

[Rezension] Jan Brandt – Der magische Adventskalender/ mit Illustrationen von Daniel Faller

Jonas ist ein introvertierter Junge, der sich nach dem Tot der Großmutter noch weiter zurückgezogen hat. Weder sein Vater noch seine jüngere Schwester Sonja finden einen Zugang zu ihm. Auch in der Schule häufen sich die Probleme: Er ist unaufmerksam und kommt mit Verspätung zum Unterricht. Zudem wird er von seinem Mitschüler Maik Mirscheidt gemoppt. Auch der beginnenden Adventszeit kann er nur wenig abgewinnen, bis er plötzlich einen geheimnisvollen Kasten mit 24 Türchen auf der Straße vor seinem Zuhause findet. Jedes Türchen ist mit einem anderen Symbol gekennzeichnet, und Jonas erkennt schnell, dass nicht er allein diese Türchen öffnen kann. Er muss sich auf die Suche begeben und den passenden Menschen zum jeweiligen Symbol finden. Nur widerwillig und sehr zögerlich verlässt er sein Schneckenhaus. Doch die Neugier, zu erfahren, was es mit diesem merkwürdigen Adventskalender auf sich hat, ist größer. So ist Jonas quasi gezwungen mit den Menschen, die für das jeweilige Symbol stehen, in Kontakt zu treten. Hilfe bekommt er von seiner Schwester Sonja, die ihn auch gegen Maik Mirscheidt unterstützt. Der würde nur zu gerne den  Kalender in die Finger bekommen. Zudem scheint dieser magische Kalender noch ein weiteres Geheimnis zu hüten…!

Auf dem Markt gibt es Adventskalender zuhauf wie der sprichwörtliche „Sand am Meer“: ob mit Schokolade, Wein, Knabbereien oder Beauty-Produkte – je nach persönlichem Gusto und für jeden Geldbeutel. Und auch aus einer Fülle an (mehr oder minder gelungenen) literarischen Adventskalendern kann der lese-affine Kunde wählen. Bisher fiel es mir leicht, dieser Versuchung zu widerstehe (s.a. MONTAGSFRAGE #16), und ich fürchte, auch zukünftig werden es literarische Adventskalender schwer haben, mich zu überzeugen. Doch warum nun diese Ausnahme…???

Jan Brandts erzählt die Geschichte unaufgeregt und mit Bodenhaftung. Er verzichtet wohltuend auf übermäßigen Zuckerguss, ertränkt die Geschichte nicht im Weihnachtskitsch und lässt der Handlung so den nötigen Spielraum, um zu „atmen“. Dabei switscht er gekonnt zwischen Jonas Wirklichkeit und seiner Fantasie hin und her. So wirkt einiges für den Leser beinah surreal: Seine Personenzeichnung ist zwar nah an der Realität aber (wie es sich für eine „ordentliche“ Weihnachtsgeschichte gehört) nicht bedrohlich realistisch. Die Menschen in Jonas Umfeld sind Personen mit Ecken und Kanten, mal mehr und mal weniger liebenswert. Trotzdem muss Jonas mit ihnen in Kontakt treten, sich mit ihnen auseinandersetzen und arrangieren. Nicht immer läuft alles nach Jonas Sinn, häufig muss er auch Kompromisse eingehen.

Und doch passiert in Brandts Geschichte durchaus Magisches: Aufgrund des Kalenders ist Jonas gezwungen, mit Menschen in Verbindung zu treten, sie anders/neu wahrzunehmen und einmal gefällte Vorurteile zu überdenken. Die Menschen verändern sich: Diese kleine Aufmerksamkeit, die ihnen durch den Kalender zuteilwird, öffnet ihre Türen und ihre Herzen und schafft die Möglichkeit zur Kommunikation. Neue Bindungen entstehen, und selbst „Feindschaften“ (Jonas vs. Maik Mirscheidt) werden neu definiert.

Die Illustrationen von Daniel Faller sind sehr detailreich und unterstreichen den durchaus surrealen Charakter der Geschichte. Durch die reduzierte Farbwahl und dem Einsatz von Licht/Schatten erzeugen sie Spannung und schaffen Atmosphäre. Zudem unterstützen sie die Handlung kongenial.

Apropos Spannung: Dem Autor gelingt es, seine Leserschaft „bei der Stange“ zu halten und deren Neugier für diese durchaus manchmal abstrus wirkende Geschichte zu wecken: Unbedingt wollte ich erfahren, was es mit diesem magischen Adventskalender auf sich hatte, und wer sein Urheber schlussendlich war. So mag die Auflösung am Ende vielleicht nicht allzu überraschen, doch sie war für mich stimmig. Und offen gesagt: Anders möchte ich das Ende einer Weihnachtsgeschichte auch nicht haben wollen!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Andrea Schuster von „Lesen… in vollen Zügen“.


erschienen bei DuMont/ ISBN: 978-3832183578

[Rezension] Hans Jürgen Press – Mein Dezemberbuch

Die Advents- und Weihnachtszeit: voller Lichter und Glanz, voller Kitsch und Kommerz, voller Überfluss und doch nie das Passende, voller heimeliger und stressiger Momente. Wie in jedem Jahr wird „Last Christmas“ sich aus Radio-, Kaufhaus- und Fahrstuhl-Lautsprechern über uns ergießen, bis wir das Gefühl haben, unsere Ohren müssten bluten.

Und doch verspüre ich in jedem Jahr erneut die (Vor-)Freude auf diese Zeit. Auch ich gebe mich der Versuchung hin und beginne zu dekorieren, zu backen und zu basteln. Dabei schweifen meine Gedanken ab und wandern zu den Weihnachtsfesten der Vergangenheit. In meiner Kindheit war es noch gang und gäbe, die Geschenke für die Familie selbst herzustellen: Gekauftes war verpönt und wurde auch nicht von mir als Kind erwartet. Während ich heute zunehmend das Gefühl habe, die Zeit verfliegt wie im Fluge viel zu schnell, konnte es mir als kleiner Steppke nie schnell genug gehen bis zum Heiligabend. Ein Buch mit „Spiele und Rätsel für die Weihnachtszeit“ zum Zeitvertreib hätte mir damals außerordentlich gut gefallen.

Bei meiner Recherche zur diesjährigen „Lektüre zum Fest“ stolperte ich über „Mein Dezemberbuch“ von Hans Jürgen Press. Press war der Schöpfer von Die Abenteuer der „schwarzen hand“, die ich damals zu Helden meiner Kindheit erkor. Seitdem bin ich ein Fan seiner Kunst, die darin besteht, innerhalb eines einzigen Bildes eine ganze Welt, eine ganze Geschichte entstehen zu lassen. Dabei sind Press’ Illustrationen durchaus gefällig aber nicht verniedlichend: Sie bilden in kindgerechter Form die damalige Alltags-Realität ab. Seine Zeichnungen strotzen vor charmanten Details und verlieren auch beim wiederholten Betrachten nichts von ihrem Reiz.

In „Mein Dezemberbuch“ versammelt er jeweils auf einer Doppelseite für jeden Tag des Monats eine Fülle an Bastel- und Spielideen, Experimente, Rätsel und Zaubertricks sowie Such- und Wimmelbilder.

Ich sitze auf dem Sofa und versinke in diesem Buch, suche begeistert noch der Lösung in einem Wimmelbild, erfreue mich an den vielen Details und staune über die lehrreichen Rätsel. Beim Betrachten der Bilder macht sich ein Hauch Wehmut in mir breit: Dieses Buch ist für mich pure Nostalgie! Erstmals im Jahre 1984 im damals sehr beliebten Ravensburg-Verlag erschienen, spiegelt es eine völlig andere Zeit, eine völlig andere Wirklichkeit wieder. Damals war nicht unbedingt alles besser, nur anders…!

Damals gab es weder Handy noch Spielekonsole, vor denen die Kinder „geparkt“ wurden. Für die Basteleien und Experimente hätten wir kein elektrisches Equipment benötigt und so mit „weniger“ sehr viel Spaß gehabt!

Dies soll nicht bedeuten, dass ich das Rad der Zeit zurückdrehen und lieber wieder in der Vergangenheit leben möchte. Aber „Mein Dezemberbuch“ von Hans Jürgen Press erinnerte mich auf liebenswerter Weise daran, dass es auch noch heute „einfacher“ und gerne ein wenig schlichter sein darf!


erschienen bei cbj/ ISBN: 978-3570225769

[Rezension] Reginald Hill – Mord in Dingley Dell

„Träumen auch Sie von einem idyllischen Weihnachtsfest auf dem Lande zu Zeiten von Charles Dickens? Nach einem erfolgreichen Morgen auf der Jagd oder einer inspirierenden Kutschfahrt durch die urwüchsige Natur genießen Sie am prasselnden Feuer des Kamins wohlschmeckende Leckereien. Freuen Sie sich auf stimmungsvolle Feiertage im authentischen Ambiente von Dingley Dell…!“

So oder ähnlich hätte der Text der Werbebroschüre für diese „Dickens‘sche Weihnacht“, in das die junge Engländerin Arabella Allen unfreiwillig geraten ist, lauten können. Eine sowohl illustre wie internationale Gästeschar hat sich im Landsitz Dingley Dell versammelt. Der Gastgeber Jack Wardle verspricht zusammen mit dem designierten Experten Oscar Boswell ein Dickens‘sches Weihnachtsfest bis ins Detail. Doch wie passt der Tote, über den Isabella schon am ersten Abend stolpert, ins Bild. Als der Gastgeber auf mysteriöse Weise verschwindet, und ein Schneesturm den Kontakt von Dingley Dell zur Außenwelt abschneidet, wird schnell deutlich, dass einige Gäste nicht die sind, die sie vorgeben zu sein. Arabella Allen und Oscar Boswell finden sich unversehens in einer verzwickten Spionage-Affäre wieder…!

Wow, es passiert so einiges in diesem Roman aus dem Jahr 1972, der nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Er beginnt wie ein typischer englischer Krimi und bietet die allzeit beliebten wie ebenso typischen Ingredienzien dieses Genres. Doch im Laufe der Handlung änderte sich die Stimmung des Romans: Die heimelige Weihnachtskulisse entpuppte sich zum veritablen Agenten-Thriller mit Industriespionage, wilden Schießereien, Verfolgungen durch das Schneegestöber und einer Jagd mit Helikopter. So musste ich mich von meiner Erwartung auf einen traditionellen Weihnachtskrimi verabschieden. Dafür schienen James Bond und Konsorten mir „Grüße!“ zu schicken. 

Jede Person stand per se unter Verdacht, sich hinter einer falschen Identität zu verstecken. Selbst den beiden Hauptpersonen traute ich nicht über den Weg und rechnete ständig mit einer Überraschung, die noch im Hinterhalt zu lauern schien. Die Figuren werden durchaus ambivalent porträtiert, sodass ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich sie nun sympathisch oder doch eher unsympathisch finden sollte – was übrigens ebenso für die Hauptpersonen galt. Zudem erschwerten die Menge der Geschehnisse und die Vielzahl an Personen und Identitäten es mir, den roten Faden nicht zu verlieren. Wie schon erwähnt: Es passiert eine ganze Menge,…

…und gerade weil so viel passiert, liest sich dieser Roman „einfach so weg“: Ich kann wahrlich nicht behaupten, dass ich mich bei der Lektüre übermäßig gelangweilt hätte. Aber bei einer Handlung, die sich Seite für Seite, Schlag auf Schlag entwickelt bzw. verändert, besteht auch die Gefahr, dass wenig im Gedächtnis des Lesers haften bleibt. Zudem hatte es den Anschein, dass der Autor sein Augenmerk mehr auf „Action!“ und weniger auf eine tiefgehende Charakterisierung der Personen gerichtet hat.

Wer nun – auch aufgrund des Cover-Designs – einen gediegenen wie humorvollen Weihnachtskrimi erwartet, wird leider enttäuscht. Denn ebenso wie sich das Handlungspersonal hinter falschen Identitäten verbirgt, versteckt sich ein anderes Genre hinter diesem gefälligen Einband.


erschienen bei DuMont/ ISBN: 978-3832181406

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

 

[Rezension] Alex Lépic – Lacroix und die stille Nacht von Montmartre

Schnee fällt auf Paris und verwandelt die Seine-Metropole in eine weiße Winter-Weihnachts-Landschaft. Lichter erleuchten stimmungsvoll den beliebten Place du Tertre. Doch Moment: Wo am Tag zuvor noch die üppigen Lichterketten für weihnachtliches Ambiente sorgten, fehlt nun von ihnen jegliche Spur. Als Commissaire Lacroix vom Kommissariat des fünften Arrondissements von diesem Vorfall aus der Zeitung erfährt, vermutet er dahinter nur einen Dumme-Jungen-Streich. Als tags darauf die riesige Tanne bei Sacré-Cœur gefällt am Boden liegt, ist sein Interesse geweckt, und er bietet seiner dortigen Kollegin Rose Violet seine Unterstützung an. Zeit könnte er genügend erübrigen, da sein eigenes Revier gerade von einer vor-weihnachtliche Trägheit beherrscht wird. Beide Ermittler tippen zuerst auf einen Weihnachtsgegner als Täter. Doch als am darauf folgenden Tag ein Anschlag auf einen Kutscher erfolgt und dessen Pferd abgestochen wird, bekommt dieser Fall eine gänzlich andere Dimension…!

Seit seinem ersten Fall „Lacroix und die Toten vom Pont Neuf“ entwickelt sich der Commissaire aus Paris langsam zu einer modernen Variante von Kommissar Maigret. Parallelen sind schnell gefunden: So zitiert Autor Alex Lépic respektvoll doch offensichtlich die berühmte Vorlage, staffiert seinen Commissaire Lacroix mit Hut und Pfeife aus, charakterisiert ihn als besonnenen, vorausschauenden Mann, der dem Genuss nicht abgeneigt ist, und lässt ihn in den Straßen und Gassen von Paris agieren. Dabei liefert der Autor seinen Leser*innen vieles von dem, was sie auch an den Simenon-Romanen lieben und schätzen, vermeidet aber tunlichst, dass seine Romane als bloßes Plagiat eines großen Vorbildes erscheinen.

Locker, leicht und unangestrengt fließt die Handlung über die Seiten und bietet immer wieder abwechslungseiche Entwicklungen ohne in Hektik zu verfallen. Auch die Personenzeichnung gefällt mit ihren kauzigen Typen, die eine enorme Bandbreite an Charakteren abdeckt. Zudem verströmt der vorliegende Roman viel Atmosphäre durch die Beschreibung vom winterlichen Paris mit seinen typischen Bistros und Cafés, den verschneiten Parks und der Bohème des Künstlerviertels  – wie wir es auch aus den Maigret-Romanen kennen.

Doch so wie die dort handelnden Personen Kinder ihrer Zeit sind, so ist auch das Handlungspersonal der Lacroix-Romane der heutigen Zeit verbunden. Während Frauen im Polizeidienst bei Simenon eher Randerscheinungen sind, treten sie hier gleichberechtigt auf. Während Madam Maigret vornehmlich Hausfrau war, ist Madam Lacroix beruflich als Bürgermeisterin des siebten Arrondissements tätig. Während die weitere familiäre Bande bei Maigret im Dunkeln schlummert, kann Lacroix einen Zwillingsbruder vorweisen, der Geistlicher in der Kirche Sainte-Clotilde ist. Diese Konstellation an Personen ermöglicht eigenständige Verwicklungen unabhängig vom literarischen Vorbild.

Trotz aller Modernität hat sich Lacroix einen Hauch traditioneller Schrulligkeit bewahrt und weigert sich z. Bsp. ein Handy zu nutzen – eine Eigenart, die ihn mir sehr sympathisch macht, da auch ich kein Handy besitze. Lacroix und ich, wir sind die besten Beweise dafür, dass ein Leben ohne Handy möglich ist!

All diejenigen, die nun versuchen sollten, mehr über den Autor in Erfahrung zu bringen, seien gesagt „Spart Euch die Mühe!“. Alex Lépic ist ein geschlossenes Pseudonym. Um die Person, die sich dahinter verbirgt, ranken sich beinah schon Mythen, und die Namen einiger namhafter Autoren sind in diesem Zusammenhang schon genannt worden. Da nützten auch nicht die „investigativen“ Frage, die BuchMarkt dem Verleger Daniel Kampa stellte: Er blieb und bleibt standhaft!

Doch wer sich auch immer hinter diesem Pseudonym verbirgt: Ihm ist ein für sich einnehmender Roman gelungen, der über eine gehörige Portion Pariser Charme verfügt und so beim Lesen viel Freude bereitet.

P.S.: Manchmal überschlagen sich die Ereignisse, und eben noch Aktuelles ist im nächsten Augenblick nur noch eine „olle Kamelle“. Hinter dem Pseudonym „Alex Lépic“ versteckte sich Journalist und Autor Alexander Oetker.


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311125174

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Hercule Poirots Weihnachten

Mein lieber James,

Du bist immer einer meiner treuesten und wohl-
wollendsten Leser gewesen, weshalb ich ernstlich
verstört war, als ich ein kritisches Wort von Dir hörte.
Du hast Dich beschwert, meine Morde seien mittler-
weile zu raffiniert, regelrecht anämisch. Du würdest
Dich nach einem „guten brutalen Mord mit viel Blut“
sehnen. Einen Mord, bei dem kein Zweifel daran
besteht, dass es sich um einen Mord handelt!
Hier ist sie also, Deine Geschichte – extra für Dich
geschrieben. Ich hoffe, sie gefällt Dir.

Deine Dich liebende Schwägerin
Agatha

*

Weihnachten auf dem Landsitz Gorston Hall: Mit durchschnittener Kehle liegt der alte Simeon Lee tot in einer Lache aus Blut in seinem Arbeitszimmer. Im Zimmer herrscht ein heilloses Chaos als hätte ein erbitterter Kampf stattgefunden, und aus dem Tresor wurden wertvolle Roh-Diamanten entwendet. Die einzige Tür ist verschlossen, und der Schlüssel steckt von innen im Schloss. Eine Flucht des Täters durch eines der Fenster ist nicht möglich, da sich der Raum in einer der oberen Stockwerke befindet. So deutet alles darauf hin, dass einer von der Familie, den Gästen oder der Dienerschaft der Täter zu sein scheint. Und alle Anwesende hätten mehr als einen triftigen Grund, einen tiefen Groll gegenüber dem Opfer zu hegen. Superintendent Sugden von der örtlichen Polizei steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe und bittet den Chief Constable Colonel Johnson um Unterstützung. Dieser hat über die Feiertage niemand geringeren als Hercule Poirot zu Gast. Mit vereinten Kräften stürzt sich das ungleiche Trio in die Ermittlungen, wobei Poirot seine Mitstreiter immer wieder mit seinen unorthodoxen Ermittlungsmethoden irritiert und die Verdächtigen mit unberechenbaren Fragen aus der Fassung bringt. Poirots kleinen grauen Zellen arbeiten auch zu Weihnachten wie ein präzises Uhrwerk, und so verwundert es nicht, dass er – „et voilà“ – auch diesmal eine verblüffende Lösung des Falls bietet…!

Je mehr Romane ich von Agatha Christie lese, umso mehr muss ich den Hut vor dieser Lady ziehen, die völlig zu Recht als „Queen of Crime“ betitelt wird. Sie nimmt die Zutaten eines klassischen britischen Krimis, schüttelt und rüttelt sie durcheinander, um (Wen wundert’s!?) einen klassischen britischen Krimi mit dem gewissen Etwas ihrer Anhängerschaft zu präsentieren. Dabei sind ihre Dialoge wieder so brillant, dass diese durchaus eins-zu-eins zum Drehbuch umgewandelt werden könnten. Die Handlungspersonen werden sehr präzise beschrieben und prägnant charakterisiert.

Häppchenweise offenbart die Autorin ihren Leser*innen sowohl die Hinter- als auch Beweggründe der Verdächtigen. Dabei behält sie alle Fäden der Handlung in ihren versierten Händen, verknotet diese bei passender Gelegenheit, um uns zu verwirren und auf eine falsche Fährte zu locken. Am Ende sind jedoch alle Fäden entwirrt, alle Handlungsstränge finden logisch zueinander und keine Frage bleibt unbeantwortet. Christie war, ist und bleibt eine Klasse für sich!!!

Mein einziger (augenzwinkernder) Kritikpunkt an dieser Geschichte: Es geht so un-weihnachtlich zu. Im ganzen Roman taucht kein Mistelzweig, kein Weihnachtsbaum und nicht der klitzekleinste Plumpudding auf. Nur Mord & Totschlag…!

„Schwager James, ich hoffe, Du warst zufrieden!“

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Daniela Kaufmann-Strässle von „read eat live“.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455600308