[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – DER JULI

Still ruht die Stadt. Es wogt die Flur.
Die Menschheit geht auf Reisen
oder wandert sehr oder wandelt nur.
Und die Bauern vermieten die Natur
zu sehenswerten Preisen.

Sie vermieten den Himmel, den Sand am Meer,
die Platzmusik der Ortsfeuerwehr
und den Blick auf die Kuh auf der Wiese.
Limousinen rasen hin und her
und finden und finden den Weg nicht mehr
zum Verlorenen Paradiese.

Im Feld wächst Brot. Und es wachsen dort
auch die zukünftigen Brötchen und Brezeln.
Eidechsen zucken von Ort zu Ort.
Und die Wolken führen Regen an Bord
und den spitzen Blitz und das Donnerwort.
Der Mensch treibt Berg- und Wassersport
und hält nicht viel von Rätseln.

Er hält die Welt für ein Bilderbuch
mit Ansichtskartenserien.
Die Landschaft belächelt den lauten Besuch.
Sie weiß Bescheid.
Sie weiß, die Zeit
überdauert sogar die Ferien.

Sie weiß auch: Einen Steinwurf schon
von hier beginnt das Märchen.
Verborgen im Korn, auf zerdrücktem Mohn,
ruht ein zerzaustes Pärchen.
Hier steigt kein Preis, hier sinkt kein Lohn.
Hier steigen und sinken die Lerchen.

Das Mädchen schläft entzückten Gesichts.
Die Bienen summen zufrieden.
Der Jüngling heißt, immer noch, Taugenichts.
Er tritt durch das Gitter des Schattens und Lichts
in den Wald und zieht, durch den Schluß des Gedichts,
wie in alten Zeiten gen Süden.

Erich Kästner

Ein Porträt: Erich Kästner [zum 45. Todestag]

Erich Kästner (* 23. Februar 1899/ † 29. Juli 1974)

Unbenommen ist er einer unserer größten deutschen Schriftsteller. Aber auch als Publizist, Drehbuchautor und Kabarettdichter war er zeitlebens aktiv. Schon während der Weimarer Republik veröffentlichte er Gedichte, Glossen und Essays in verschiedenen Periodika.

Sein Vater war Sattlermeister in einer Kofferfabrik. Die Mutter war Dienstmädchen und Heimarbeiterin und wurde später Friseurin. Zur Mutter hatte Kästner eine äußerst intensive Beziehung: Das Mutter-Motiv taucht später immer wieder in seinen Romanen und Erzählungen auf. Das Gerücht, dass der Hausarzt der Familie sein leiblicher Vater wäre, konnte nie bestätigt werden.

Kästner besuchte ab 1913 das Lehrerseminar, brach die Ausbildung zum Volksschullehrer allerdings drei Jahre später kurz vor Beendigung ab. 1917 wurde er zum Militärdienst eingezogen. Die dort erfahrene Brutalität während der Ausbildung hinterließ nicht nur eine lebenslange Herzschwäche bei Kästner sondern verstärkte seine antimilitärische Haltung. Nach Ende des ersten Weltkrieges holte er sein Abitur mit Auszeichnung nach.

Im Jahr 1919 begann Kästner an der Universität Leipzig das Studium der Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft und promovierte 1925 mit einer Dissertation zum Thema „Friedrich der Große und die deutsche Literatur“. Die Studentenjahre waren geprägt durch seine prekäre finanzielle Situation u.a. aufgrund der Inflation. So musste er sein Studium mehrfach unterbrechen, um es nach Nebenjobs als Parfümverkäufer oder Einnahmen als Journalist und Theaterkritiker für das Feuilleton der Neuen Leipziger Zeitung wieder aufnehmen zu können.

Nach Beginn der NS-Diktatur war er einer der wenigen intellektuellen und zugleich prominenten Gegner des Nationalsozialismus, die in Deutschland blieben, obwohl seine Werke zur Liste der im Mai 1933 als „undeutsch“ diffamierten verbrannten Bücher zählten, und im Herrschaftsbereich des NS-Regimes verboten wurden. Trotz verschiedener Repressalien konnte er sich unter Pseudonym beispielsweise mit Drehbucharbeiten für einige komödiantische Unterhaltungsfilme und Einkünften aus der Veröffentlichung seiner Werke im Ausland wirtschaftlich absichern. Mit einer Ausnahmegenehmigung lieferte Kästner 1942 unter dem Pseudonym „Berthold Bürger“ das Drehbuch zum prestigeträchtigen Jubiläumsfilm der Ufa „Münchhausen“.

Mit der Niederlage des NS-Regimes im Zweiten Weltkrieg war Kästner ab Mitte 1945 wieder eine freie publizistische Entfaltung möglich. Von 1951 bis 1962 war er Präsident des westdeutschen P.E.N.-Zentrums. Als Pazifist nahm er in den 1950er und 1960er Jahren bei mehreren Gelegenheiten gegen die Politik der Regierung Adenauer öffentlich Stellung, unter anderem im Zusammenhang mit der Remilitarisierung, der Spiegel-Affäre und der Anti-Atomwaffenbewegung.

Populär machten ihn vor allem seine Kinderbücher, wie „Emil und die Detektive“ (1929), „Das fliegende Klassenzimmer“ (1933) und „Das doppelte Lottchen“ (1949), sowie seine mal nachdenklich, mal humoristisch, oft satirisch formulierten gesellschafts- und zeitkritischen Gedichte, Epigramme und Aphorismen. Eine seiner bekanntesten Lyrik-Sammlungen erschien erstmals 1936 im Schweizer Atrium Verlag unter dem Titel „Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke“. Noch heute ist der Atrium Verlag die Heimat von Kästners Werken.

Erich Kästner war ein wahrer Könner seines Fachs: Schaute er auch sehr genau auf die menschliche Natur, so blieb er doch durch und durch ein Menschenfreund und kommentierte als Satiriker und Romancier die Schwächen der Leute immer mit einem Augenzwinkern. Seine Texte zeugen von einer feinen Ironie, seinem sensiblen Humor und der genauen Beobachtungsgabe. Bei allem Amüsement bei der Lektüre seiner Werke kommen auch Herz und Seele nicht zu kurz: So liegen Lachen und Weinen bei ihm sehr nah beieinander! Und so manches Mal legte er auch schmerzhaft seinen literarischen Finger auf eine Wunde der Gesellschaft, um auf Missstände und Ungerechtigkeiten hinzuweisen.


Auswahl seiner Werke:

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – FRÜHLINGSLÄCHELN

Die Sonne lockt nach einem Weilchen
die schönsten Dinge an das Licht,
zum Beispiel: Birkengrün und Veilchen,
und Reiselust und Liederzeilchen,
und manches lächelnde Gesicht.

Der Frühling neckt uns. Wir erwachen.
Die Welt wird wieder froh und grün
und möchte sich vertausendfachen.
Die Blumen blühen, wenn sie lachen.
Die Frauen lächeln, wenn sie blühn.

Erich Kästner

[Rezension] Erich Kästner – Drei Männer im Schnee

Drei Männer im Schnee.JPG

So, ausgelesen! Schade! Schön war´s…!

In meiner momentanen Situation (Stichwort: Jahresanfangsmüdigkeit) brauchte ich dringend Balsam für die Seele: Der Roman „Drei Männer im Schnee“ von Erich Kästner…

…und ich erfreute mich wieder an den intelligent-witzigen Dialogen

…und genoss die feine Kästner’sche Ironie, die so leicht zu überlesen wäre, wenn der geneigte Leser zu oberflächlich lesen würde.

Erich Kästner war ein wahrer Könner seines Fachs: Schaute er auch sehr genau auf die menschliche Natur, so blieb er doch durch und durch ein Menschenfreund und kommentierte als Satiriker und Romancier die Schwächen der Leute immer mit einem Augenzwinkern,…

…und so rollten hin und wieder auch die Tränen: vor Lachen & vor Rührung.

Ein richtiger Seelentröster…!!!

erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3038820161


Gabriela Wendt hat auf ihrem Blog „Buchperlenblog“ die tolle Aktion Perlentauchen ins Leben gerufen: Hier werden literarische Kostbarkeiten wieder-vorgestellt, die schon einige Jahre/ Jahrzehnte/ Jahrhunderte auf den Buckel haben aber nicht in Vergessenheit geraten sollten.

An dieser Aktion beteilige ich mich sehr gerne: Gute Geschichten sind zeitlos!

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – SPRUCH FÜR DIE SILVESTERNACHT

Man soll das Jahr nicht mit Programmen
beladen wie ein krankes Pferd.
Wenn man es allzu sehr beschwert,
bricht es zu guter Letzt zusammen.

Je üppiger die Pläne blühen,
um so verzwickter wird die Tat.
Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,
und schließlich hat man den Salat!

Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.
Es nützt nichts, und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!

Erich Kästner

[Rezension] Erich Kästner – Kästner für Kinder & Kästner für Erwachsene

Gesamtwerk von Erich Kästner.JPG

„Ich las und las und las – kein Buchstabe war vor mir sicher.“ Erich Kästner

Erich Kästner – Kästner für Kinder: Jubiläumsausgabe/ 12 Bände in 2 Büchern

Längst sind sie Klassiker geworden – die Bücher für „die Kleinen“ von Erich Kästner – und dank der wunderbaren Verfilmungen von damals und heute auch immer in Erinnerung von Generationen von Kindern geblieben.

In dieser Jubiläumsausgabe sind die humorvollen Geschichten mit ihren wunderbaren Heldinnen und Helden in 2 stattlichen Büchern versammelt. Auch in seinen Kinderbüchern konnte und wollte Kästner den Moralisten nicht verheimlichen: So zeugen seine Geschichten von seiner feinen Beobachtungsgabe und machen auch vor Sozialkritik nicht Halt.

Wobei „Kästner für Kinder“ eher weniger etwas für Kinderhände sind: Zu voluminös sind die einzelnen Bücher, zu klein die Typografie der Schrift. Vielmehr ist hier der erwachsene Leser bzw. Vorleser angesprochen. Sehr schön, dass auch auf die Originalzeichnungen von Walter Trier und Horst Lemke nicht verzichtet wurden, über die ich mich schon als Kind amüsieren konnte.

erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855359547


„Die Erde soll früher einmal ein Paradies gewesen sein. Möglich ist alles. Die Erde könnte wieder ein Paradies werden. Alles ist möglich.“ Erich Kästner

Erich Kästner – Kästner für Erwachsene: 4 Bände

Auch Kästners Werk für „die Großen“ ist von opulenten Ausmaß: Eingeleitet wird diese Sammlung durch ein Vorwort von Hermann Kesten und beinhaltet selbstverständlich alle großen Romane (incl. meine geliebten „Drei Männer im Schnee“) und alle großen Gedichtbände – und kann somit als nahezu vollständige Sammlung für den erwachsenen Leser gelten.

Kästners Werke durchziehen sowohl die feine Ironie des Satirikers als auch die ungeschönte Wahrheit des Realisten. Dabei blieb er, der Literat, immer Menschenfreund und sehr nah am Volk und favorisierte den gesunden Menschenverstand.

Komplementiert wird dieses Werk durch Illustrationen von Erich Ohser, einem ausführlichen Kästner-Porträt sowie einer detaillierten Zeittafel. Neben dem literarischen Inhalt verführt auch die edle Optik mit grünem Leinen und Prägedruck, diese Bücher immer und immer wieder in die Hand zu nehmen.

erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855359646

Erich Kästner – DER SEPTEMBER

Das ist ein Abschied mit Standarten
aus Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack und Astern flaggt der Garten,
und tausend Königskerzen glühn.

Das ist ein Abschied mit Posaunen,
mit Erntedank und Bauernball.
Kuhglockenläutend ziehn die braunen
und bunten Herden in den Stall.

Das ist ein Abschied mit Gerüchen
aus einer fast vergessenen Welt.
Mus und Gelee kocht in den Küchen.
Kartoffelfeuer qualmt im Feld.

Das ist ein Abschied mit Getümmel,
mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.
Luftschaukeln möchten in den Himmel.
Doch sind sie wohl nicht fromm genug.

Die Stare gehen auf die Reise.
Altweibersommer weht im Wind.
Das ist ein Abschied laut und leise.
Die Karussells drehn sich im Kreise.
Und was vorüber schien, beginnt.

Erich Kästner