[Rezension] Siegfried Lenz – Das Wunder von Striegeldorf. Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Franziska Harvey

„Ich gestehe, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen.“
Siegfried Lenz

Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. In seinen Werken setzte er sich immer gerne mit gesellschaftskritischen Themen auseinander, hinterfragte hierarchische Strukturen oder thematisierte die Zeit des Nationalsozialismus bzw. seine Aufarbeitung. Dabei blieb er seiner Heimat bzw. seinen Wurzeln stets verbunden. Schon die Erzählungen seines Erstlingswerks „So zärtlich war Suleyken“ siedelte er im ostpreußischen Masuren an, und auch die im Jahre 1957 erschienene Novelle „Das Wunder von Striegeldorf“ zeigt ein verspieltes Bild seiner Heimat.

Der Besenbinder Heinrich Matuschitz und der Forstgehilfe Otto Mulz sitzen für ein halbes Jahr hinter Gittern und müssen sich eine Zelle teilen. Dabei hätte das, wofür sie eingebuchtet wurden, wirklich jedem passieren können: Matuschitz hatte sich zum wiederholten Male ein Motorrad „geborgt“, und Mutz hatte aus Gram, dass sein Weib ihm mit dem Wilddieb abhandengekommen ist, „versehentlich“ den Forst abgefackelt. Nun sitzen sie einträchtig nebeneinander im Kittchen und genießen die berühmten Striegeldorfer Sonnenuntergänge. So schön, so gut – würde nicht Weihnachten nahen: Vieles könnte ein Masure hinnehmen, aber auf einen Heiligen Abend in Freiheit könnte er nicht verzichten. So hecken die beiden Schlitzohren eine List aus, wie sie unbemerkt aus dem Gefängnis entwischen können, um diesen Abend in ihrem Sinne zu begehen. Danach würden sie auch ganz sicher wieder zurückkommen, um ihre restliche Strafe abzusitzen. Gesagt, getan – doch als die beiden Schwerenöter wieder ins Gefängnis hinein möchten, wird ihnen der Zugang verwehrt. Da sie ja nicht offiziell ausgebrochen sind, können sie somit auch nicht wieder einbrechen…!

Lenz lässt die Ereignisse seiner kleinen, charmanten Geschichte von einem namenlosen Ich-Erzähler im Plauderton berichten, der sich als Großneffe von Matuschitz outet. Der persönliche Aspekt bietet so die Möglichkeit, die Geschehnisse in einem wohlwollenden Licht zu beleuchten. Die beiden kriminellen Hallodris werden mit reichlich Sympathie bedacht, die auch auf die Leserschaft abfärbt. Man kann diesen beiden Schlawinern einfach nicht böse sein. Ganz im Gegenteil – vielmehr erhalten sie unsere volle moralische Unterstützung beim Überlisten der Obrigkeit, die dabei ganz und gar nicht vorteilhaft porträtiert wird. Voller urwüchsigem Charme und mit einer üppigen Portion Bauernschläue versehen, lassen sich die Beiden durch den Heiligen Abend treiben und gestalten diesen ganz nach ihrem Gusto. Dabei scheren sie sich nicht um Konventionen, sind in ihrem Spiel niemals böse, sondern vielmehr sehr darauf bedacht, dass niemand Schaden nimmt.

Franziska Harvey fängt in ihren drolligen Illustrationen die Atmosphäre des vergangenen Ostpreußens ganz wunderbar ein. Sie ironisiert wo nötig ohne den märchenhaften Charakter der Geschichte unbeachtet zu lassen. Dabei schafft sie eine solche Einheit zwischen Bild und Text, dass ich mir diese Geschichte ohne ihre Illustrationen nicht mehr vorstellen könnte.

Siegfried Lenz schuf eine ganz und gar herzerwärmende Geschichte, die durch die Kunst der Illustration noch verfeinert wurde…!!!


erschienen bei cadeau (bei Hoffmann und Campe)/ ISBN: 978-3455380835