[Rezension] DIE SCHÖNSTEN ANEKDOTEN AUS DER MUSIK/ herausgegeben von Friederike C. Raderer & Rolf Wehmeier

Und weiter geht’s: Nun sind es nur noch 5 Wochen bis mein Stamm-Theater seine Türen wieder öffnet und am ersten September-Wochenende mit einer fulminanten Eröffnungs-Gala sowie einem tollen Theaterfest in die Spielzeit 2026/2027 startet. Bis dahin tröste ich mich weiterhin mit der passenden Lektüre.

Gustav Mahler stand fasziniert vor
den Niagarafällen und meinte:
„Endlich Fortissimo!“

Lieben wir sie nicht alle, diese pikanten Anekdötchen, die vieles aussagen und manches verschweigen. Kurz und knackig sollten sie sein, bestenfalls typische Charaktereigenschaften bekannter Persönlichkeiten offenbaren und mit einer schmissigen Pointe enden.

Friederike C. Raderer und Rolf Wehmeier haben in DIE SCHÖNSTEN ANEKDOTEN AUS DER MUSIK reichlich von diesen humoristischen Appetithappen gesammelt und sie unter den Rubriken SÄNGER-, BLÄSER-, STREICHER-, SCHLAGZEUG-, EXPERIMENIER-, TECHNIK-, PIANISTEN-, PROBEN-, ORGANISTEN- und ORCHESTER-GESCHICHTEN eingeteilt. Anscheinend gibt es auch in der Musik auf allen Ebenen kleine Geschichtchen voller Kuriosität zu berichten.

Bei den meisten Anekdoten stehen die Eitelkeiten der Künstlerinnen und Künstler allzu deutlich im Mittelpunkt und erzählen von Selbstüberschätzung sowie von Neid und Eifersucht gegenüber Konkurrent*innen. Auch das so manches Mal ambivalente Verhältnis zwischen Orchester, Instrumental-Solisten, Sänger*innen und/oder Dirigent hält gar herrliche Verbal-Scharmützel parat. Doch auch die Tücken der Technik, z. Bsp. während einer Aufnahme-Session im Studio, sorgen für Verwirrung und liefern ebenso amüsante Stories, wie der Zusammenstoß von traditionellen Hörgewohnheiten mit eher avantgardistischen Kompositionen und einer modernen Aufführungspraxis.

Neben der Aufteilung der Anekdoten in die oben genannten Rubriken, schafft es das Herausgeber-Duo sogar einen kleinen roten Faden abzuspulen: Da tauchen einige Stichpunkte wiederholt und unter verschiedenen Rubriken auf, seien es die Wiener Philharmoniker, Franz Liszt, Yehudi Menuhin, Beethovens 5. Sinfonie sowie der weltbekannte Steinway-Flügel. Doch auch bei Aufführungen von Werken des göttergedämmerten Richard Wagners scheint gerne so einiges Unvorhergesehenes zu passieren, das Stoff für süffige Geschichten liefert. Abgerundet wird diese durchaus üppige Anekdoten-Sammlung durch ein detailliertes Personenregister.

Und wieder schaffte es der Reclam-Verlag mit Leichtigkeit, dass ich „in einem Waschgang“ kurzweilig unterhalten wurde und spielerisch lernen konnte: Da verwandelte sich die „schnöde“ Wissensvermittlung zum amüsanten Entertainment!


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150145883

[Rezension] Johanna Sebauer – POPÓM

„Ja, was soll denn das werden?“ stammelte ich und blinzelte erstaunt mit den Augen. Nach der herrlich schwarzhumorigen Satire DAS GURKERL hatte ich vom neuesten Werk von Johanna Sebauer erwartet, dass…! Ja, was hatte ich denn erwartet? Zumindest hatte ich etwas anderes erwartet als das, was ich nun in den Händen hielt. Einige Seiten des Romans waren bereits gelesen, und die Handlung plätscherte vor sich hin – stetig im Fluss aber ohne Wellengang. Die Lektüre abzubrechen, war für mich aber trotzdem keine Option. Irgendetwas hielt mich. Irgendwie wollte ich mehr erfahren, wollte erfahren, wie die Autorin diese unglaubliche Geschichte auflöst.

Seine Endzwanziger hat sich Hendrik Popom anders vorgestellt. Nichts will ihm so richtig gelingen. In seinem Agenturjob sitzt er seine Zeit ab, mit seiner Freundin lief es schon einmal besser, und dann ist da plötzlich dieser Mann – Popóm. Er ist fast doppelt so alt und dennoch weiß Hendrik: Dieser Mann bin ich. Zögerlich nähern sich die beiden einander an. Ihre Beziehung ist voller Rätsel, Zuneigung und Widerstände. Hendrik hofft, in seinem anderen Ich das zu finden, was ihm in seinem Leben fehlt – Halt und Zuversicht. Doch je stärker er sich an Popóm klammert, desto mehr weicht dieser zurück. Als er sich einer Kollegin anvertraut, begreift er, welch hohen Preis man zahlt, wenn man sich dem Leben entzieht.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Was wäre, wenn…? Was wäre, wenn es von mir eine (noch) ältere Version geben würde? Würde dieser Umstand mich ängstigen oder beruhigen? Zeigt es mir, dass in dieser momentan verrückten Welt ein Weiterleben, in diesen momentan verrückten Zeiten ein Älterwerden nicht nur machbar sondern auch erstrebenswert sei? Wäre ein Blick in meine eigene Zukunft durchaus wünschenswert? Könnte diese Möglichkeit, wenn sie sich mir bieten würde, viele meiner offenen Fragen beantworten oder vielmehr weitere Fragen aufwerfen? Bei all diesen Unsicherheiten war ich mir in einem Punkt sicher: Ich wäre danach kein zufriedenerer Mensch.

All diese Gedanken (und noch viele mehr) gingen mir währen der Lektüre des Romans durch den Kopf. Da kam mir der eingangs bekriddelte Umstand, dass die Handlung vor sich hin plätscherte, eher entgegen und ermöglichte es mir, meinen eigenen Gedanken nachzuhängen ohne den Handlungsfaden zu verlieren. Johanna Sebauer beschrieb den Alltag unseres Helden äußerst prosaisch, wie wir es aus unzähligen Romane kennen und gewöhnt sind. Hingegen die Dialoge von Hendrik Popom mit seinem älteren Ich löste sie aus der prosaischen Erzählstruktur heraus, hob sie auf eine weitere Ebene und verlieh ihnen somit etwas Unwirkliches, beinah Erhabenes. Es schien so, als wären diese Begegnungen nicht von dieser Welt. Lange Zeit dachte ich, dass sich diese Begegnungen nur im Kopf des Helden abspielten. Die Autorin gestaltete diese Skurrilität mit einer wohltuenden Ernsthaftigkeit und gab so keiner ihrer Figuren der Lächerlichkeit preis. Vielmehr löste sie diese verzwickte Geschichte sehr geschickt und absolut nachvollziehbar auf und krönte sie mit einem Ende „hinter dem Ende“, das diese geschmackvoll abrundete.

Je mehr die Handlung voranschritt, umso mehr gelangte ich gemeinsam mit unserem Helden Hendrik Popom zu der Erkenntnis, dass ein Blick in die persönliche Zukunft alles andere als erstrebenswert wäre. Ein Denken, Bangen und Hoffen auf das, was noch kommt, würde mich blockieren und somit handlungsunfähig, wenn nicht sogar lebensuntüchtig machen. Die Gegenwart ist es, die es zu gestalten gilt.

POPÓM von Johanna Sebauer ist ein interessanter (!) Roman, der mich zum Nachdenken anregte. Ich kann allerdings weder eine große Lobeshymne anstimmen, noch kann ich Schlechtes über ihn sagen bzw. schreiben. Er ist einfach „nur“ da, überzeugt eher durch Zurückhaltung und könnte darum leicht übersehen werden. Doch ich bin mir sicher, dass er bei denen, die ihn lesen, nachwirken wird. Er hat in mir etwas anklingen lassen, und darüber bin ich selbst mehr als erstaunt.


erschienen bei DuMont / ISBN: 978-3755800798
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kristina Dumas – MEIN LEBEN IST MUSIK. Die 21 wichtigsten Frauen der klassischen Musik/ mit Illustrationen von Malin Neumann

Nun ist sie wieder da, die theaterlose Zeit: Ganze 8 Wochen muss ich darben, bis an meinem Stamm-Theater am ersten Wochenende im September offiziell die Spielzeit 2026/2027 eingeläutet wird. Doch auch in diesem Jahr werde ich versuchen, diese öde Zeit mit der Lektüre entsprechender Literatur zu füllen. Ich bin da ganz zuversichtlich, dass es mir mit den von mir ausgewählten Büchern sehr gut gelingen wird.

Beginnen möchte ich mit dem musikalischen Bilderbuch MEIN LEBEN IST MUSIK aus dem Annette Betz-Verlag. 21 äußerst musikalische Frauen aus Vergangenheit und Gegenwart wurden hier von Kristina Dumas in Kurzporträts vorgestellt. Da tauchen nicht nur die Namen herausragender Komponistinnen auf, wie Hildegard von Bingen und Emilie Mayer, deren Wirken selbst in einem relativ aktuellen Werk leider keine Erwähnung finden. Auch Dirigentinnen, Sängerinnen, Solistinnen und Tänzerinnen, die ihr Leben der klassischen Musik geweiht haben, werden hier geehrt.

Neben den bereits erwähnten Damen gehören auch Fanny Hensel, Florence Beatrice Price, Alma Deutscher, Nadia Boulanger, Antonia Brico, Oksana Lyniv, Han-Na Chang, Fransesca Caccini, Maria Callas, Leontyne Price, Anja Harteros, Clara Schumann, Marianne Kirchgeßner, Anne-Sophie Mutter, Martha Argerich, Mademoiselle De Lafontaine, Pina Bausch, Misty Copeland und Yang Liping zur illustren Runde wunderbarer Künstlerinnen.

Die Wahl auf diese Frauen scheint mit Bedacht gewählt, zeigt sie doch den historischen, kulturellen wie auch gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem die Frauen agieren mussten. Wobei diese Namen durchaus exemplarisch stehen für alle Frauen, die sich im Genre der klassischen Musik behauptet haben und auch weiterhin behaupten. Kristina Dumas vergisst in ihren markanten Kurzporträts auch nicht den inneren Drang, den persönlichen Impuls zu verheimlichen – beides oftmals so stark, dass den Künstlerinnen nichts anderes übrig blieb, als sich ihrer Kunst zu öffnen und sich ihr hinzugeben – allen Widrigkeiten zum Trotz. Malin Neumann schuf dazu ganz wundervolle Illustrationen, die den Charakter der jeweils Porträtierten stimmig einfangen und so manches Mal ganz individuelle Merkmale hervorheben.


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Doch bei einem musikalischen Bilderbuch gibt es natürlich nicht nur einiges zu sehen, sondern auch reichlich zu hören: Dies geschieht entweder digital oder per CD. Die Texte zu den Kapiteln wie auch zu den einzelnen Künstlerinnen wurden von der Schauspielerin Jasmin Tabatabai eingesprochen, die mich mit ihrer exquisiten Diktion begeisterte (Ja, darauf achte ich auch!), und die mal kess, mal frech, mal aufmüpfig aber immer voller Selbstbewusstsein der Damenriege ihre Stimme lieh. Doch auf der CD findet sich zu jeder Künstlerin auch ein passendes Musikbeispiel. Hierbei wurde sich – mit einigen wenigen Ausnahmen – aus dem Archiv des renommierten Labels NAXOS bedient.

Die Musikauswahl war so perfekt auf dem auch durchaus emotionalen Text abgestimmt, dass mir beim Zuhören so manches Mal die Augen feucht wurden. Wie Perlen auf einer Kette reihten sich die Musikstücke aneinander, schlängelten sich wie ein roter Faden um Text und Illustration und bildeten so gemeinsam eine gelungene Harmonie.

HINWEIS Vom Philharmonischen Orchester Bremerhaven unter der Leitung des damaligen GMD Marc Niemann gibt es eine ganz und gar wundervolle Einspielung mit zwei Sinfonien der Komponistin Emilie Mayer, die sogar für den Musikpreis OPUS KLASSIK nominiert war. Diese Einspielung krönte die erfolgreiche Konzert-Saison 2021/2022 des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven, in der unter dem leider nur allzu passenden Titel MUSIK IM SCHATTEN die Werke von Komponistinnen wieder zu Gehör kamen.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219119589

[Rezension] Wolfgang Menge – STAHLNETZ. DAS HAUS AN DER STÖR (Hörspiel)

Straßenfeger, das waren TV-Formate, die die Menschen an die Fernseher fesselten. Da saßen ganze Familien mit Freunden und Nachbarn zuhause im Wohnzimmer, oder Gleichgesinnten trafen sich in der Kneipe: Gebannt wurde auf die Glotze gestarrt. Die Straßen waren einsam und verlassen – wie leergefegt.

Ähnliches erhofften sich die Fans vielleicht auch zur diesjährigen Fußballweltmeisterschaft. Leider kam für die deutsche Nationalmannschaft das frühzeitige Aus. Doch dieser Umstand tangierte uns, die wenig Interesse am Fußball haben, eher peripher: Zur überbordenden Fußballpräsenz auf allen Kanälen setzten wir die Krimi-Serie STAHLNETZ, einen wahren Straßenfeger aus den Anfängen des Fernsehens, entgegen. Jede Folge begann mit folgendem Hinweis…

Dieser Fall ist wahr!
Er hat sich so zugetragen, wie wir es zeigen.

…und nach diesem Hinweis ertönte die markante Titelmelodie.


1 CD/ STAHLNETZ. DAS HAUS AN DER STÖR von Wolfgang Menge (1963/2005)/ Buch: Wolfgang Menge/ Regie: Jürgen Roland/ Musik: Gerhard Gregor/ Titelmusik: Walter Schumann, Ray Anthony & Erwin Halletz/ mit Rudolf Platte, Andrea Grosske, Mady Rahl, Richard Lauffen, Fritz Beckhaus, Ernst H. Hilbich, Harry Wüstenhagen, Helga Feddersen, Hela Gruel, Henry Vahl, Gerda Maria Jürgens, Friedrich Schütter, Katrin Schaake, Kurt Jaggbert, Dorothea Moritz, Christa Siems, Otto Lüttje, Karl-Heinz Gerdesmann u.a.


Kurz nach Kriegsende, im grausam kalten Winter 1947, die Bundesrepublik ist noch sehr jung und das Wirtschaftswunder noch eine unerfüllte Hoffnung, da finden zwei Kinder beim Spielen in einem Teich eine Leiche, in einem mit Schweißdraht verschlossenen und mit Steinen beschwerten Seesack, die nicht identifiziert werden kann. Der Fall bleibt offen. Jahre später nimmt sich Hauptkommissar Roggenburg dieses ungeklärten Verbrechens an und rollt in minutiöser Kleinarbeit diesen alten Fall wieder auf. Bis er schließlich mit der Oberbeamtin Johannsen einen endgültigen Schlussstrich unter diese lange zurückliegende Tat ziehen kann.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Mit STAHLNETZ etablierte Jürgen Roland nicht nur den Krimi im deutschen Fernsehen, er lieferte auch die erste „True-Crime“-Serie, noch bevor es diesen Begriff in unserem Sprachgebrauch überhaupt gab. Sein Interesse an dieser Form der TV-Unterhaltung lag in seiner früheren Tätigkeit als Polizeireporter begründet. Mit Wolfgang Menge stand ihm ebenfalls ein ehemaliger Reporter zur Seite, der mit seinen Drehbüchern einerseits den dokumentarischen Ton bestens traf, andererseits die Atmosphäre im Nachkriegs-Deutschland so treffend wiedergab. Von 1958 bis 1968 flimmerten 22 Folgen STAHLNETZ über den Bildschirm, die noch heute ein beeindruckendes Zeitzeugnis darstellen.

Alle Folgen sind großartig: Doch sollte ich wirklich meine Lieblings-Folge benennen müssen, würde ich ohne lange zu überlegen DAS HAUS AN DER STÖR nennen.

Im Jahre 2005 verwandelte der NDR gemeinsam mit DER AUDIO VERLAG unter Berücksichtigung der Original-Tonspuren einige Folgen der Serie zu Hörspielen. Für diesen Transfer (um sprachlich beim Fußball zu bleiben) war nicht jede Folge gleichermaßen geeignet. DAS HAUS AN DER STÖR eignete sich hervorragend, und so saß ich nun gemütlich in meinem Sessel und lauschte den Stimmen der bekannten Miminnen und Mimen. Wohlüberlegt wurde die Geschichte für das Hörspiel gekürzt, ohne an Spannung einzubüßen oder den Erzählfluss zu beeinträchtigen. Jürgen Roland arbeitete gern mit einem festen Stamm an Schauspieler*innen (wie Gerda Maria Jürgens und Hela Gruel) zusammen, streute für die markanten Nebenrollen gerne Typen der Hamburger Theaterszene (wie Otto Lütje, Christa Siems, Helga Feddersen und Henry Vahl) dazwischen und würzte das Ensemble mit populären TV-Namen (wie Rudolf Platte und Mady Rahl).

Ohne die visuelle Ablenkung konnte ich mich gänzlich auf die herausragende Arbeit von Wolfgang Menge konzentrieren, der kluge Dialoge schuf, die von einem großartigen Ensemble nahbar und sensibel umgesetzt wurden. Dabei lag der Fokus auf Rudolf Platte als Kommissar Roggenburg, der die Hauptlast zu tragen hatte: So fungierte er als Erzähler der Geschichte, der seiner Kollegin Frl. Johannsen während einer Zugfahrt alle Einzelheiten des Falls schilderte. Plattes Kommissar zeigte viel Empathie für das Schicksal der Menschen und berichtete über die ersten Jahre nach Kriegsende durchaus mit Betroffenheit aber gänzlich ohne Pathos und Selbstmitleid. Regisseur Jürgen Roland umgab ihn mit einem talentierten Ensemble, das durch ein Höchstmaß an Individualität überzeugte.

Ein großartiger TV-Krimi-Klassiker erfuhr hier als spannendes Hörspiel seine gelungene Wiederauferstehung.


erschienen bei DAV / ISBN: 978-3898134590

[Rezension] Vratislav Manák – MIT WITTGENSTEIN IN DER SCHWULENSAUNA. Soziologische Betrachtungen

Ich schäme mich nicht, es offen zuzugeben: Das Cover dieses Buches hatte mich sofort gepackt, noch ehe ich etwas über dessen Inhalt wusste. Da bestaunte ich auf dem Titel ausgiebig die schönen muskulösen Männerkörper in grünen Fluten, bevor mir der Gedanke kam, ich sollte mich vielleicht auch mit dem Geschriebenen im Inneren beschäftigen. „Sex sells!“ eben auch in der Buchbranche, und auch ich bin nicht vor ihm gefeit. Der Inhalt kann in seiner Komplexität aber durchaus mit dem appetitlichen Cover mithalten.

Aspekte schwulen Lebens im heutigen Mitteleuropa: Nicht nur Ludwig Wittgenstein, auch Didier Eribon, Claudio Magris und viele andere stehen Vratislav Manák zur Seite, wenn er männliche Homosexualität im gegenwärtigen Mitteleuropa untersucht und zu deren sexuellen Wurzeln zurückkehrt. Er weist auf, dass Themen, die üblicherweise mit dem Leben schwuler Männer verbunden werden, durchaus Erfahrungen der Mehrheitsgesellschaft entsprechen können. Warum erregt uns das Überschreiten eines Verbots? Wie erleben wir unseren Körper? Und wo verlaufen die Grenzen der Männlichkeit? Antworten sucht Vratislav Manák in sieben delikaten Texten, die soziologische Reportage mit literarischem Essay verbinden. Hierzu besucht er Orte, die als gay spaces bezeichnet werden können, unter anderem in Berlin, Wien und Budapest. Vratislav Manák zeichnet ein vielschichtiges Panorama schwuler Lebenswelten jenseits stereotyper Vorstellungen und lädt mit seinen Essays dazu ein, Identität, Begehren und Kultur neu zu betrachten – mit Offenheit und Neugier.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

In sieben Essays beleuchtet der Autor das schwule Leben im heutigen Mitteleuropa und findet dazu recht unterschiedliche, voneinander abweichende Vorgehensweisen. In seinem Vorwort betont er ausdrücklich, dass „das Buch dreht sich nicht um die queere Identität in der ganzen Vielfalt und Ausprägung, sondern um die männliche Homosexualität. Eine solche thematische Wahl mag heute ein wenig altmodisch wirken; die schwule Identität selbst ist es jedoch keineswegs.“. Und er erhielt meine volle Zustimmung, als er beichtete „Gerade weil die queere Welt nicht eindimensional ist, wollte ich mir keinen Moment lang eine Stimme anmaßen, die mir nicht zusteht.“. Wobei seine benannten Themen nicht nur den schwulen Mann betreffen, sondern durchaus auf Menschen aus unterschiedlichen sozialen Strukturen übertragen werden können: Wie nehmen wir unseren eigenen Körper aber auch fremde Körper wahr? Was macht den Reiz beim Überschreiten von Verbote aus? Kann Männlichkeit zweifelsfrei so klar definiert werden, wie konservativ Denkende es gerne hätten? Bedient der schwule Mann tatsächlich gängige Klischees oder bricht er vielmehr mit ihnen?

Vratislav Maňáks Beiträge speisen sich aus Erfahrungen und Betrachtungen, die er höchst persönlich bei seinen Reisen nach Budapest, Bratislava, Wien, Prag und Berlin machen durfte. Dass solche Texte stets auch eine Momentaufnahme darstellen, beweist der aktuelle politische Wechsel in Ungarn. Einige Beiträge werden dank ihrer literarischen Kraft (Ludwig Wittgenstein/Wien) für einen langen Zeitraum allgemeingültig bleiben, andere wirken eher wie Auszüge aus einem Reiseführer (Prag), die mit Insider-Tipps punkten. Dann bemüht der Autor die griechische Mythologie als Basis für die Situation vor Ort (Bratislava) oder erklärt, wie ein literarisches Werk (LEB WOHL, BERLIN von Christopher Isherwood) den Boden bereiten konnte für die anhaltende Faszination Berlins auf den schwulen Mann.

Beinah anachronistisch wirkte in dieser Runde auf mich Maňáks kurzweiliges Essay über die unverbrüchliche Liebe des schwulen Mannes zur Kunstgattung Oper. Sein Nachwort beschäftigt sich mit der Wahrnehmung und der Einflussnahme schwuler Identität im sozialen Kontext zwischen Popkultur und Populismus und den daraus resultierenden Widersprüchen.

Vratislav Maňák schreibt abwechslungsreich, spannend und informativ, dann schwelgerisch, ausufernd und detailverliebt. Dabei schaut er abwechselnd mal durch die poetische, mal durch die analytische Brille und zeichnet so gekonnt ein vielschichtiges Porträts des schwulen Lebens abseits gängiger Stereotypen.

Gerade in Zeiten, in denen der Rechtsruck so deutlich spürbar ist und immer wieder Versuche unternommen werden, die Rechte, die queere Menschen über Jahrzehnte hart für sich erkämpft haben, einzuschränken, brauchen wir solche Texte, die – in diesem Fall – das schwule Leben in den Fokus rücken. Dinge, die vor einigen Jahren bereits selbstverständlich waren, werden bedauerlicherweise nun wieder in Frage gestellt. Umso wichtiger ist es, dass wir sichtbar bleiben, am besten, indem wir Flagge zeigen – eine Flagge, die in all ihren wundervollen Farben des Regenbogens die Vielfalt feiert. ❤️🧡💛💚💙💜


erschienen bei Karl Rauch / ISBN: 978-3792002438 / in der Übersetzung von Lena Dorn
Ich danke der Presseagentur Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Simon Van Booy – EINE MAUS NAMENS MERLIN

Die ersten 58 Seiten waren gelesen: Nachdenklich legte ich das Buch zur Seite. Ich war mir nicht sicher, ob ich es bis zum Ende lesen wollte. Ich las von der Monotonie im Leben der Hauptperson, die für mich beinah spürbar war. Detailliert schilderte der Autor ihre tagtäglich sich wiederholenden Rituale. Es gibt wahrlich Spannenderes zwischen zwei Buchdeckeln.

Die ersten 58 Seiten waren gelesen: Ich hatte schon Bücher nach weniger Seiten abgebrochen. Doch in diesem Fall tat ich es nicht. Irgendetwas an dieser Geschichte rührte mich und ließ mich weiterlesen. Ich hoffte, dass es zwischen den Schilderungen des wöchentlichen Einkaufs am Montag, des Anschauens von alten Filmen und des täglichen Bades in der Wanne doch noch mehr gebe – auch im Leben einer reiferen Protagonistin…

Helen Cartwright ist 83 Jahre alt und hat keine großen Erwartungen mehr an ihre Zukunft. Nach sechzig Jahren in Australien kehrt sie in den kleinen Ort in der Nähe von Oxford zurück, in dem sie geboren wurde. Sie kauft ein kleines Haus mit senfgelber Tür und führt ein zurückgezogenes Leben: Jeder Tag eine Wiederholung des vorherigen, als ob es sogar für den Tod eine Warteschlange gäbe. Doch dann nimmt Helens Leben eine plötzliche Wendung, als ein unerwarteter Gast in Form einer gutmütigen Maus auftaucht. Ihre anfänglichen Versuche, die Maus wieder loszuwerden, führen sie in den Tierhandel, die Bibliothek, den Eisenwarenladen. Während die Maus in der Küchenspüle aus einem kleinen Flaschendeckel trinkt, tritt Helen wieder in Kontakt mit ihren Nachbarn – und begibt sich auf eine unerwartete Reise zurück zu sich selbst. Denn egal, was wir für uns geplant haben: Manchmal hat das Leben seine eigenen Pläne.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Auch im Alter muss es doch mehr geben als festgefahrene Rituale, bei denen ein Abweichen von der Norm Unsicherheiten, vielleicht sogar Ängste bei der betroffenen Person auslösen. Ich grübelte. Warum beschäftigte mich diese Geschichte so sehr? Vielleicht weil sie Themen in mir anklingen ließ, über die ich mir selbst bereits Gedanken gemacht hatte. Wie wird es mir im Alter ergehen? Sind meine bisher gepflegten sozialen Kontakte stark genug, um einer Vereinsamung entgegenwirken zu können? Was wird von mir bleiben? Bereits nun ist es an der Zeit, die Weichen für mein Leben im fortgeschrittenen Alter zu stellen. Jetzt ist die Zeit dafür, denn später wäre es zu spät!

Also, was ließ mich an diesem Roman festhalten? Vielleicht war es der Blick in eine Zukunft, die potentiell auch mich ereilen könnte. Es war ein Blick in eine Zukunft, der mich mahnte, rührte und doch auch hoffnungsvoll war.

Simon Van Booy schreibt ruhig und ohne Pathos, dafür empathisch und detailreich. Ich spürte, dass er seine Figuren mochte. Sie sind Individuen, fehlerhaft und menschlich. Inmitten der unaufgeregten Handlung schenkt er unserer Heldin Helen die überraschende Erkenntnis, dass sie bereits vor Jahren mit dem Spinnen ihres ganz persönlichen soziales Netzes begonnen hatte, das sie nun auch im reiferen Alter trägt. Um dies wieder deutlich zu erkennen, braucht es manchmal nur einen kleinen Impuls – und wenn es die Bekanntschaft mit einer winzigen Maus ist.

Und genau dies durfte auch ich – ohne Maus – vor wenigen Monaten erleben: Nach 13 Jahren Abstinenz war ich wieder zu einem Arbeitgeber zurückgekehrt, bei dem ich bereits 13 Jahre gearbeitet hatte. Ich wurde überwältigt von einer warmen Welle der Sympathie, mit der ich empfangen wurde. Es war ein schönes Gefühl, zu spüren, dass auch mein soziales Netz gut geknüpft ist.

Und da wunderte ich mich, dass dieser feinsinnige und warmherzige Roman mich nicht loslassen wollte. Literatur ist dann am wertvollsten, wenn sie mein Innerstes zum Schwingen bringt.


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608966787 / in der Übersetzung von Dorothee Merkel
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Johanna Sebauer – DAS GURKERL/ mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach

48 Seiten feinste Ironie – in Wort UND Bild: Völlig zurecht wurde der Text von Johanna Sebauer mehrfach prämiert. Mit diabolischem Ernst gepaart mit einem lakonischen Witz treibt sie die Absurdität der Situation auf die Spitze. Da wird eine unschuldige saure Gurke zum Füllmaterial der „Sauren-Gurken-Zeit“ der Journaille.

Sommerzeit in den Zeitungsredaktionen der Stadt. Ein wahrhaft bedeutender Redakteur schreitet zur Zubereitung seiner Frühstückssemmel. Beilage: knackige Gurkerl. Als er hineinbeißt, spritzt ihm das Essigwasser direkt ins Auge. Das Geschrei ist groß, der Redakteur kurz vor der Erblindung! Der Zwischenfall zieht Kreise: Aus dem Missgeschick wird eine Kolumne, dann ein Thema für Leserbriefe, Interviews, schließlich eine öffentliche Debatte. Gurkerl werden verboten, Proteste formieren sich, die Redaktion spaltet sich in Lager.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich las und lachte, doch nur wenige Sekunden später blieb mir das Lachen im Halse stecken und der Schmunzler gefror auf meinem Gesicht. Da schilderte die Autorin zwar herrlich lapidar und gleichzeitig so erfrischend bitterböse die Geschehnisse rund um den Biss in eine Gurke, dass man meinen müsste, dass diese Fülle an Absurdität niemals in der Realität passieren könnte. Doch genau in deren Nähe ist diese Satire punktgenau gelandet.

Denn mein Blick auf so manche Nachricht – sei es in gedruckter oder digitaler Form – lässt den Verdacht in mir aufkeimen, dass sich hinter einigen „dramatischen“ Schlagzeilen eher ein laues Lüftchen, eine Belanglosigkeit allererster Güte verbirgt. Da werden kaum erwähnenswerte Nichtigkeiten aufgebläht, um von der Leere der Berichterstattung abzulenken. Alles wird zum Drama hochstilisiert, und überall wird der Skandal gewittert. Da wird aus der Mücke nicht nur ein einzelner Elefant gemacht, sondern eine ganze Elefantenherde gezaubert.

Johanna Sebauer schaute da ebenso genau auf die dubiosen Methoden gewisser Berichterstatter und das Geltungsbedürfnis von einigen Politiker*innen, wie sie auch den Drang nach Aufmerksamkeit einzelner Mitmenschen beschrieb, die sich nach ihren persönlichen „15 Minuten Ruhm“ sehnen.

„In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes.“ prophezeite Andy Warhol bereits Ende der 60er Jahre und bezog sich dabei auf die Flüchtigkeit des Ruhms, der nur allzu schnell verfliegt, sobald ein anderes Objekt die Aufmerksamkeit der Massen auf sich zieht. Genau dies passiert auch unserem Gurkerl: Gestern noch eine Gefahr für Leib, Seele und Gesellschaft, heute bereits vergessen.

Die Erzählung wird durch Nikolaus Heidelbachs wunderbaren Illustrationen flankiert, der in seinen detailreichen Bildern markante Typen porträtiert, die mir beängstigend bekannt vorkamen.

Eine wundervolle, scharf beobachtete Satire – herrlich böse und zutiefst schwarzhumorig.

erschienen bei DuMont / ISBN: 978-3755800781
Ich danke dem Verlag herzlich dafür, dass er meiner lieben Blogger-Kollegin Vera ein Leseexemplar zur Verfügung stellte, die es nun an mich weiterverschenkt hat!

[Rezension] Meike Winnemuth – EINE SEITE NOCH. Warum Lesen uns so glücklich macht

Da meint die Autorin doch tatsächlich, mir mit diesem Buch erklären zu müssen, warum Lesen mich glücklich macht. Ich lese seit meinem 5. Lebensjahr: Im Laufe der Jahrzehnte konnte ich reichlich Lese-Erfahrung sammeln, um sehr genau zu wissen, warum mich Lesen glücklich macht. Wäre dieser Zustand nicht eingetroffen, dann würde ich schlussendlich auch nicht lesen. Also: Brauche ich dieses Buch? Habe ich durch die Lektüre dieses Buches irgendeinen Mehrwert? Beeinflusst dieses Buch mein bisheriges Lese-Verhalten?

„Ja! Jaaa! Jaaaaa!“ brülle ich laut und erschrecke mich über mich selbst. Denn: Dieses Buch ist ein Geschenk an alle Lesenden, eine Bestätigung all meiner beim Lesen aufgewühlten Emotionen, Labsal für meine geschundene Seele, Balsam für mein gebeuteltes Herz und Trost für alle sinnbefreiten Kommentare, die ich mir im Laufe meines Leser-Lebens von verständnislosen Nicht-Lesern anhören musste. Ich lese, also bin ich! Punkt! Mehr gibt es nicht zu wissen. Doch Meike Winnemut kleidet es in ihrem Essay EINE SEITE NOCH in so wunderbare Formulierungen, gibt Denkanstöße – ja, auch Literaturtipps – doch diese fließen wie selbstverständlich so nebenbei in den Text. Vielmehr beobachtet die Autorin sich selbst über mehrere Monate und reflektiert ihr Handeln. Und gerade in Bezug auf Bücher sind wir Lesenden uns so ähnlich. Da können wir noch so sehr unsere Individualität wie einen Schutzpanzer vor uns her tragen.

So egoistisch der Akt des Lesens auch ist, gänzlich alleine mit uns (und einem Buch) schotten wir uns vor der Außenwelt ab und verweigern ihr unsere Verfügbarkeit, danach spüren wir nur allzu deutlich den unbändigen Wusch, uns über das Gelesene auszutauschen. Auch Meike Winnemuth frönt dem Austausch, sei es im Hause einer von ihr verehrten Autorin, in Lese-Zirkeln der Bibliotheken oder Chat-Gruppen, die sich mit den Büchern der Shortlist des Deutschen Buchpreises beschäftigen. Stichwort Buchpreise: Unterschiedliche Bücher in einem Wettbewerb miteinander zu vergleichen, erschien auch mir immer etwas paradox. Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, und wer bin ich, einen Text, der mir nicht zusagt, schlechter zu bewerten als einen Text, der zufällig meinen Geschmack trifft. Zumal ein und derselbe Text von verschiedenen Lesenden subjektiv interpretiert wird – jede*r von uns speist seine Interpretation aus höchst individuellen Erfahrungen, die Einfluss auf unser Lesen nehmen. Wie zur Bestätigung meiner These lese ich…

Ein Buch wird mit jeder Lektüre neu erfunden.
Lesen ist nicht nur passives Konsumieren eines Textes,
sondern ein aktiver kreativer Prozess…

„Ja! Jaaa! Jaaaaa!“ brülle ich abermals, doch diesmal erschrecke ich nicht. Vielmehr atme ich erleichtert auf: Ich wurde gesehen. Ich bin nicht allein. Da ist ein Mensch, der mich versteht. Und es gibt dieser Sätze voller Weisheit noch viele in diesem Buch. Beinah bin ich versucht, sie farblich zu markieren. Als Bibliophiler tue ich diesen Frevel dem Buch natürlich nicht an. Das Buch wäre dadurch auch sehr bunt geworden. Und so lese und lese und lese ich, dabei merke ich mir diese vielen klugen Sätze bewusst nicht, vielmehr versuche ich die Erinnerungen an die Gefühle, die sie bei mir während des Lesens heraufbeschworen haben, zu bewahren.

Meike Winnemuth ermutigt uns, mit dem Hang zur Selbstgeißelung zu brechen. Wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben – weder wegen Büchern, die nicht bis zum Ende gelesen wurden, noch wegen einem sich auftürmenden Stapel ungelesener Bücher. Auch wird niemand gezwungen, irgendeine Liste abzuarbeiten, auf der Bücher zu finden sind, die angeblich jede*r (ein)gebildete*r Leser*in im Leben unbedingt gelesen haben sollte. Wobei die Autorin uns durchaus den Rat ans Herz legt, einen der großen seitenstarken klassischen Meisterwerke zu lesen. Die Lektüre bzw. die Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk über eine längere Zeit hinweg kann durchaus lebensverändernd und persönlichkeitsformend sein. Dies kann ich nur bestätigen: Bei mir war DIE ELENDEN von Victor Hugo sehr prägend.

Für mich wenig überraschend war die Erkenntnis der Autorin, dass oft ein Buch an ein anderes anknüpft. Da wird in einem Roman aus einem anderen Roman zitiert, oder eine der handelnden Personen findet Trost und/oder Hilfe beim Lesen in einem bestimmten Buch, schon gehen bei mir die Antennen auf Empfang. Wenn ich auch nicht jedes Mal das erwähnte Werk selbst lesen muss, so ertappe ich mich zumindest recht häufig dabei, dass ich nach weiteren Informationen recherchiere. Zudem ist es auch mir schon passiert, dass sich passende Sekundär-Literatur bereits in meinem Besitz befindet. Für alle, die wie ich über eine stattliche (An)Sammlung an Büchern verfügen und nicht sicher sind, wo entsprechende Sekundär-Literatur zu finden ist – im Zweifelsfall ist der bereits erwähnte Stapel mit ungelesenen Büchern ein guter Ausgangspunkt, um mit der Suche zu beginnen.

EINE SEITE NOCH ist ein wunderbar humorvolles Kompendium, das mir eine Fülle an Anknüpfungspunkte zu Büchern schenkte und die Vielfalt der Literatur feiert. Meike Winnemuth schuf so eine warmherzige Hommage an das Buch und ein überzeugendes Plädoyer für das Lesen.

Ich lese, also bin ich! Das genügt! Punkt!


erschienen bei Penguin / ISBN: 978-3328604785
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Frances Stickley – MÄUSCHENS ÄPFEL/ mit Illustrationen von Kristyna Litten

„Ach, herrjeh, wie entzückend!“ entfleuchte es mir spontan, als ich dieses Bilderbuch aufschlug und die ersten Illustrationen bewunderte. Schnell hatte mich diese charmante Geschichte für sich eingenommen.

Heute ist ein Glückstag für das kleine Mäuschen: Es hat vier köstlich glänzende Äpfel für sein Abendessen gefunden. Aber, ojemine, da kommt Bär! Er ist sehr hungrig und furchtbar schlecht gelaunt. Bär will alle Äpfel für sich allein haben. Mäuschen braucht nun schnell einen klugen Plan.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Frances Stickley erzählt ihre „David gegen Goliath“-Geschichte in melodischen Reimen, die mich animierten, sie laut vorzutragen. Dabei schlüpfte ich abwechselnd voller Freude in die Rolle von Mäuschen, dann wieder in die Rolle von Bär: So wurde immer im Wechsel mal gefiept und mal gebrummt. Auch der Part des Erzählers wurde von mir mit Enthusiasmus interpretiert und die Reime entsprechend mit Leben gefüllt. Es war für mich als Vorleser eine Wonne, mich in diese liebenswerte Geschichte fallen zu lassen.

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Einen nicht unerheblichen Anteil an meiner Begeisterung hatten auch die gar wundervollen Illustrationen von Kristyna Litten, die eine phantasievolle Welt zwischen „Alice im Wunderland“ und Wimmelbuch zeigten. Bereits das Vorsatzpapier zeigte einen reizenden Lageplan, auf dem alle wichtigen Schauplätze unserer Erzählung zu finden waren. Die Flora und Fauna boten so reichlich märchenhafte Details, dass mein Blick immer wieder aufs Neue gefesselt wurde. Zudem war ihre Farbauswahl so duftig leicht, dass nichts allzu bedrohlich erschien. Da war der Wald zwar dunkel aber nicht düster. Es gab nichts, wovor sich die Jüngsten beim Betrachten dieses Buches fürchten müssten. Selbst der grantelnde Bär hatte eher mein Mitgefühl: Wir kennen es doch sicherlich alle, wie übellaunig und elendig man sein kann, wenn der Magen gar mächtig knurrt.

Ebenso duftig leicht schlich sich „die Moral von der Geschicht’“ in mein Bewusstsein. Sie war so duftig und so leicht, dass ich sie anfangs gar nicht als Moral wahrnahm: „Häh? Moral? Was denn für eine Moral?“. Und diesen Umstand bitte ich als Kompliment zu sehen. Mir sind Bilderbücher, die mir ihre Moral wie mit einem Vorschlaghammer ins Gehirn prügeln, mehr als suspekt.

Hier geht es um das Miteinanderteilen, um Fairness und um den Umgang mit Macht. Nur weil jemand größer und lauter ist, bedeutet dies nicht, dass er mehr Rechte hat, als jemand, der kleiner und leiser ist. Denn manchmal sind es genau diese vermeintlichen Schwächen, die sich nur allzu oft als Stärken entpuppen.

Und so endet diese herzerwärmende Geschichte absolut positiv dank der Stärke von Mäuschen, auch verzeihen zu können…

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erschienen bei Bohem / ISBN: 978-3959392556 / in der Übersetzung von Nils Aulike
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Ethel Lina White – DIE FRAU IM ZUG

Der „Master of Suspense“ Alfred Hitchcock griff bei der Wahl seiner Film-Sujets gerne auf literarische Vorlagen zurück. So entstand u.a. einer seiner bekanntesten Stummfilme DER MIETER/THE LODGER (1927) nach einem Roman von Marie Adelaide Belloc Lowndes. Seine DIE 39 STUFEN/THE 39 STEPS (1935) nach dem gleichnamigen Roman von John Buchan erfreuen sich auch Jahre später als aberwitzige Bühnenfassung großer Beliebtheit. Auch Daphne Du Mauriers Roman REBECCA (1940) schaffte es dank Hitchcock auf die große Kinoleinwand. Und auch der Roman IMMER ÄRGER MIT HARRY/THE TROUBLE WITH HARRY von Jack Trevor Story amüsiert das Publikum weiterhin als schwarzhumorige Filmkomödie (1955).

Nur zwei Jahre nach Erscheinen des Romans EINE DAME VERSCHWINDET/ THE LADY VANISHES von Ethel Lina White nahm sich Alfred Hitchcock dieser Geschichte an und schuf daraus den gleichnamigen Mystery-Thriller (1938).

Warum nun der Dörlemann-Verlag bei der aktuellen Neuauflage des Romans den eher neutralen Titel DIE FRAU IM ZUG wählte (Die vorliegende Übersetzung von Leni Sobez erschien bereits im Jahre 1996 unter dem bekannten Titel im Heyne Verlag), wird wohl ein Mysterium bleiben.

Die junge Urlauberin Iris Carr unterhält sich im Zug nach Triest mit der wie sie aus England stammenden Gouvernante Miss Froy. Doch als Iris nach einem kurzen Schläfchen aufwacht, ist die Mitreisende verschwunden, und deren ehemalige Arbeitgeberin, die im selben Zug reist, bestreitet, sie je darin gesehen zu haben. Bald zweifelt Iris, die vor der Abreise einen Sonnenstich erlitten hat, an ihrem eigenen Verstand. Aber sie sucht weiter nach der verschwundenen Frau, und allmählich wird klar, dass auf dieser Reise etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Es beginnt eher unspektakulär: Die reiche und verwöhnte Weise Iris Carr verbringt gemeinsam mit ihren „Freunden“ den Sommerurlaub in einem Berg-Hotel irgendwo in Europa. Diese Meute junger Menschen frönt dem guten Leben, nervt mit ihrer Oberflächlichkeit und verärgert durch ein unverschämtes und rücksichtsloses Verhalten sowohl ihre Mit-Gäste als auch das Hotelpersonal. Ausgerechnet die Gönnerin dieser Meute Iris Carr verspürt überraschenderweise den Wünsch nach Ruhe und ist dieser Meute überdrüssig. So bleibt sie alleine im Hotel zurück, um mit dem Zug erst am nächsten Tag abzureisen. Gegenüber den noch anwesenden Gästen verhält sie sich so wenig taktvoll, dass sie deren Unmut erregt. Doch eben jenen Menschen wird sie später im Zug wieder begegnen.

Da hatte ich bereits 100 Seiten gelesen, und es war bisher nichts Spektakuläres passiert. Oft hätte ich an diesem Punkt der Lektüre abgebrochen. Doch irgendwie spürte ich, dass die Autorin Ethel Lina White diesen langen Vorlauf bewusst verfasst hatte, um die Reaktionen der Personen auf die nachfolgenden Geschehnisse zu begründen. Ich sollte Recht behalten. Unsere Heldin wie auch die Nebenrollen werden gar wunderbar charakterisiert und liefern uns so glaubhafte Begründung auf ihr späteres Verhalten im Zug. Warum sollten sie Iris diese irrwitzige Geschichte einer verschwundenen Frau glauben, wo dieses verwöhnte Balg schon im Hotel so unhöflich ihnen gegenüber war? Zudem haben alle Mitreisende höchst persönliche Beweggründe, sich nicht in diese fragliche Entführungsgeschichte hineinziehen zu lassen.

Raffiniert spielt die Autorin mit den Tücken der objektiven Wahrnehmung: Im Laufe der Handlung war auch ich mir nicht mehr sicher, ob die besagte Miss Froy tatsächlich „real“ existiert, oder ob sie als Trugbild dem durch einen Sonnenstich in Mitleidenschaft gezogenem Gehirn von Iris entsprungen war – zumal alle logisch erscheinenden Indizien dagegen sprachen. White kreierte ein im Krimi gern bemühtes Setting, das auch diesmal seine Wirkung nicht verfehlte, und schuf durch die ablehnende Haltung der Mitreisenden gegenüber unserer Heldin eine beklemmende Atmosphäre. So spitzten sich die Ereignisse weiter zu und nahmen schnell an Fahrt auf, ebenso wie der Zug, der rasant durch die Landschaft raste, um pünktlich seinen Zielbahnhof zu erreichen.

Unvermittelt schwenkte die Autorin den Fokus auf die Familie von Miss Froy, und schlagartig wurde mir als Leser bewusst, dass sie nicht Iris Phantasie entschlüpft war, sondern tatsächlich in Gefahr schwebte. Diese Gegenüberstellung der angespannten Situation im Zug zu der schlichten Freude Miss Froys Familie auf ein baldiges Wiedersehen hatte etwas Rührendes und zutiefst Menschliches und erhöhte die Tragik.

Iris Carr hatte mit der vehementen Suche nach ihrer Reisebekanntschaft in ein Wespennest gestochert. Und ebenso wie die aufgescheuchten Wespen verhielten sich auch die Menschen im Zug: Während die Verbrecher sich verzweifelt um Vertuschung bemühten, und die unschuldigen Mitreisenden mit ihrem Gewissen kämpften, wagte Iris eine letzten verzweifelte Tat und rettete so Miss Froy das Leben…!

Wir Lesende haben so ein Glück, dass die Verlage die guten klassischen Krimis wiederentdecken: Uns wären so viele spannende Geschichten von tollen Autor*innen wie auch vergnügliche Lesestunden durch die Lappen gegangen.

Das wäre doch äußerst bedauerlich, oder?


erschienen bei Dörlemann (Alibi) / ISBN: 978-3038201960 / in der Übersetzung von Leni Sobez
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!