[Rezension] Caspar Salmon – Wie man bis eins zählt (Und fang erst gar nicht mit größeren Zahlen an!)/ mit Illustrationen von Matt Hunt

Kicher! Kicher! – Hihi! – Gnigger! Gnigger!

Da sitze ich also in meinem Ohrensessel über ein Bilderbuch gebeugt, lese den Text, betrachte die bunten Bilder dazu und gackere vor Vergnügen vor mich hin. Ganz unversehens bin ich zu diesem humorvollen Bilderbuch gekommen: Zum Welttag des Buches veranstaltete der Kunstmann-Verlag auf Instagram ein Gewinnspiel, und – Tata! – ich habe gewonnen!

Nochmals: Meinen herzlichsten Dank!

Darum sitze ich also in meinem Ohrensessel über dieses Bilderbuch gebeugt, das mich zunehmend begeistert, da es Kinder ganz raffiniert zum Zählen animiert, auch wenn der Titel etwas anderes suggeriert. Auch wenn z. Bsp. sich 5 Enten über die Seiten tummeln, so betont Autor Caspar Salmon in seinen Texten immer wieder vehement, dass nur bis EINS! gezählt werden darf. Es geht immer nur um die EINS! Wir dürfen immer nur bis EINS! zählen.

Caspar Salmon. WIE MAN BIS EINS ZÄHLT – Illustration Matt Hunt

Beinah scheint es, als wolle Salmon uns das Weiterzählen verbieten, wohlwissend, dass das, was verboten, umso reizvoller ist. Es erinnerte mich an meine eigene Kindheit: Die Eltern hatten etwas verboten, und ab diesem Zeitpunkt war das Verbotene äußerst verführerisch (Vorher war es mir pups-egal!). Und obwohl etwas verboten war, tastete ich mich langsam vor, lotete die Grenzen des Tolerablen aus und genoss das kribbelige Gefühl, etwas „Verbotenes“ getan zu haben. In diesem Buch versucht es der Autor sogar immer wieder selbst, uns zum Weiterzählen zu verführen. Ganz und gar hinterhältig nutzt er dazu die gelungenen Illustrationen von Matt Hunt.

Hunt schuf für dieses Buch witzige Bilder, die mich immer wieder durch skurrile Details amüsierten und so auch zum bloßen Betrachten (ohne Zählen) einluden. Dabei staunte ich über die scheinbare Schlichtheit, die meine Phantasie doch so sehr anregte, dass ich eigene Ideen entwickelte: Die Bilder animieren nicht nur zum Weiterzählen – Nein! – auch zum Weitererzählen, indem zu diesen Bildern Geschichten selbst erdacht werden könnten. So käme dieses Buch immer wieder und wieder zum Einsatz und könnte sich einen dauerhaften Platz in den Kinderzimmern sichern. Das Potential, ein Klassiker zu werden, hätte es allemal!

Am Schluss durfte ich dann endlich weiter als bis EINS! zählen: Puh, länger hätte ich es auch nicht mehr ausgehalten!


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956144912

Ich danke dem Verlag herzlich für diesen wunderbaren Gewinn!

[Rezension] John Bude – Mord an der Riviera

Strahlender Sonnenschein, klarer Himmel, weißer Strand am blauen Ozean – dumm nur, dass selbst vor der Postkartenidylle der französischen Riviera das Verbrechen nicht Halt macht und sich keine Pause gönnt. Detectiv-Inspector Meredith und sein junger Kollege Acting-Sergeant Freddy Strange sind im Auftrag des Scotland Yards vor Ort, um mit Unterstützung der hiesigen Gendarmerie eine Bande von Geldfälschern aufzuspüren, die unter der Ägide des talentierte englischen Graveurs Chalky Cobbett die Côte d’Azur mit Blüten überschwemmt. Dreh- und Angelpunkt scheint die Villa Paloma der reichen wie resoluten Witwe Nesta Hedderwick zu sein, die hier mit ihrer Nichte Dilys und einer Schar mysteriöser, wenn nicht sogar verdächtiger Gäste residiert. Während Meredith versucht, eine mögliche Beteiligung der Villa-Bewohner am Geldfälscherring nachzuweisen, erliegt Freddy Strange zunehmend dem Charme der reizenden Dily. Nach etlichen Fehlschlägen kommen die beiden Spürnasen den gesuchten Kriminellen endlich auf die Spur. Beinah scheint es so, als könnten sie ihren Auftrag erfolgreich beenden, bis sich plötzlich ein Mord ereignet, der alles nur noch verzwickter macht…!

1952, nur wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg, dürsteten die Leser nach Spannung vor exotischer Kulisse, um so dem eigenen grauen Alltag zu entfliehen. John Bude, damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere, gab ihnen genau dieses. So spielt die französische Riviera eine nicht unbedeutende Rolle in diesem unterhaltsamen Krimi. Bei etlichen Orts-Beschreibungen fühlte ich mich zwangsläufig an den Film-Klassiker „Über den Dächern von Nizza“ erinnert, da der Autor detailliert die Atmosphäre dieses Landstriches vor den Augen seiner Leserschaft aufleben lässt.

Wie schon in Mord in Sussex ist auch hier Detectiv-Inspector Meredith den Ideen der Jugend durchaus zugeneigt und überlässt seinem Sergeant gerne die Bühne – allerdings nicht ohne einen wachsam-schützenden Blick auf ihn zu werfen. Könnte ihre Beziehung zueinander durchaus als kollegial bezeichnet werden, so bleibt Bude in der Zeichnung der Figuren der damals gängigen Tradition treu, indem Meredith für Strange als der erfahrenere Kollege nichtsdestotrotz auch sein Vorgesetzter ist. Die Dialoge zwischen unseren beiden Helden sind äußerst kurzweilig zu lesen und amüsierten mich durch ihre heiter-ironischen Neckereien. Aber auch das Verhältnis zur hiesigen Polizei wird als äußerst kollegial beschrieben: Meredith und Strange sind eben nicht die Super-Bullen, die sich überall als „einsame Wölfe“ allein durchschlagen. Vielmehr wird hier ein äußerst respektvoller Umgangston gepflegt sowie partnerschaftlich ermittelt.

Aber auch das übrige, durchaus üppige Personal wird klar gezeichnet und raffiniert mit der Handlung verwoben: Da kennt jemand jemanden, der jemanden kennt, der zufällig jemanden kennengerlernt hat, der wiederum mit jemanden bekannt ist. Bude beherrscht dabei bravourös die Kunst, die einzelnen Handlungsfäden erst zu verwirren, um sie dann geschickt wieder zu entknoten. Dabei behält er stets sein Ziel im Fokus: Nach ca. 200 Seiten fragte ich mich, wann im Roman der titelgebende Mord passiert. Zu diesem Zeitpunkt war die Handlung nämlich schon soweit fortgeschritten, dass Meredith und Strange sich bzgl. Überführung der Geldfälscher schon auf der Zielgerade befanden. Und so hegte ich den leisen Verdacht, dass besagter Mord womöglich als Anhängsel verreckt bzw. als Seitenfüller fungiert.

Doch weit gefehlt: John Bude war ein Kriminal-Autor alter Schule, der – wie auch div. seiner Kolleg*innen aus der goldenen Ära des britischen Krimis – sein Handwerk aus dem Effeff verstand und sich so von seinen Leser*innen mit einem überraschenden Twist verabschiedete.


erschienen bei Klett-Cotta/ ISBN: 978-3608980837

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Rainer Moritz – Unbekannte Seiten. Kuriose Literaturgeschichte(n)

Anekdoten, diese kleinen Geschichten und Geschichtchen, die oft witzig und kurios aus dem Leben einer Person berichten und diese so oftmals sehr treffend charakterisieren. In ihrer Reduzierung auf das Wesentliche steuert die Handlung zwangsläufig auf eine Pointe hin und sorgt so oftmals für Erheiterung beim Publikum. Aber um dies zu erreichen, muss die vortragende Person sie aber auch zu erzählen wissen, da eine mittelprächtige Anekdote durchaus durch die Kunst des Vortragenden aufgewertet werden kann. Bei der Weitergabe einer Anekdote wird hier ein wenig ausgeschmückt, dort ein wenig weggelassen, und schlussendlich ist sowohl die Urheberschaft als auch der Wahrheitsgehalt nicht mehr nachweisbar.

Rainer Moritz beherrscht einerseits die Kunst der geistreichen Plauderei aus dem Effeff, andererseits kennt er als Mann mit Hang zur Bibliophilie so manches pikantes Histörchen aus dem Literaturbetrieb. Und so greift er für diese Sammlung in den großen Topf der Anekdoten und kredenzt uns eine appetitliche Vielfalt an Geschichten quer durch die Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte. Und so erfahren wir…

Warum…
…Marcel Proust einen Kritiker zum Duell aufforderte, um seine Ehre zu retten?
…Hellmuth Karasek zu einer Lesung aufgrund kulinarischer Versuchungen verspätet erschien?
…Francoise Sagans Maserati für Aufruhr bei den Studentenrevolten sorgte?
…Oscar Wilde mit dem Muster der Tapete in seinem Pariser Hotel-Zimmer haderte?
…Friedrich Dürrenmatt sich am Brand eines Nobel-Hotels schuldig fühlte?
…Agatha Christie ihr eigenes Verschwinden inszenierte, um den untreuen Gatten zu strafen?
…Charles Dickens nach der Abreise von Hans Christian Andersen eine Bemerkung auf den Spiegel des Gästezimmers schrieb?
…Colettes niederschmetternde Kritik an George Simenons Prosa diesen auf den rechten literarischen Weg führte?

Diese und 30 weitere Kuriose Literatur-Geschichte(n) finden sich in diesem unterhaltsamen Büchlein: Einige waren mir durchaus schon bekannt. Doch die Meisten las ich zum ersten Mal, und sie amüsierten mich prächtig. Dies war natürlich auch dem ironischen aber nie verletzenden Ton von Rainer Moritz zu verdanken, der angenehm eloquent dieses Brevier aus Klatsch und Tratsch zusammenstellte, mit der ich meine Zeit äußerst kurzweilig verplemperten durfte.

Beim Lesen dieser amüsanten Berichte hatte ich oftmals das Gefühl, dass der/die Held*in die entsprechende Aufmerksamkeit selbst herausforderte, um so an der eigenen Historienbildung zu feilen. Denn: So viele Zufälle auf einem Haufen erscheinen beinah unvorstellbar. Doch: Wer bin ich, um darüber zu richten. Und schlussendlich: Wer weiß schon, was wirklich geschah? 😉


erschienen bei Oktopus (bei Kampa)/ ISBN: 978-3311300243

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Siegfried Lenz – Der Ostertisch/ mit Illustrationen von Jacky Gleich

Ein Schrei tönt über das Deck des Schleppkahns von Alec Puch und lässt dessen drei Söhne Sybba, Schissomir und Quaken, benannt nach den masurischen Ortschaften in denen sie zur Welt kamen, erst aus dem Schlaf und dann aus den Hängematten schrecken. Ihr Vater steht weinend an Deck: Ostern naht und noch nichts ist für den Ostertisch parat. Wenn sie da nicht schleunigst Abhilfe schaffen, wird das Osterlamm sich mit seinem Erscheinen wohl ebenfalls Zeit lassen. Doch der schöne und prachtvolle Alec Puch ist ein wahrer Stratege und hat schon so einiges zustande gebracht – und damit sind nicht nur seine schönen und prachtvollen Söhne von drei ebenso schönen und prachtvollen Frauen gemeint. Und so machen sie sich auf den Weg ins nahe gelegene Örtchen und schlawinern sich die Zutaten für ihr Ostermahl zusammen: Stehlen könnte man es nicht nennen, vielmehr handelt es sich um eine Umverteilung der Güter. Doch zurück auf dem Kahn geht Papa Puchs Klagen von vorne los, denn was wäre ein richtiger Ostertisch ohne Ostergäste. So strömen die Knaben wieder in dem Örtchen aus, um Einladungen auszusprechen. Viele können nicht kommen, da schon andere Verpflichtungen sie vereinnahmen. Und die drei Gäste, die erscheinen, sind justemang die, denen Puch und seine Racker um die Leckereien für ihren Ostertisch erleichtert haben. Doch noch bevor die feierliche Stimmung kippt, steht plötzlich ein weißes, unschuldiges Lamm am Ufer des Flusses. Wer mag da nicht an ein friedvolles Wunder glauben…!

Wie schon in Das Wunder von Striegeldorf lässt Lenz auch hier den Flair seiner ostpreußischen Heimat wiederaufleben und zeichnet seine Figuren voller liebenswerten Witz. Der Hallodri Alec Puch steht dabei so einnehmend sympathisch im Mittelpunkt des Geschehens und amüsiert mit seinen kruden Ideen und seinem unkonventionellen Handeln. Dabei bringt er seinen drei Söhnen so viel Herzenswärme und Liebe entgegen, dass man ihm so manche Unzulänglichkeit verzeiht. Und auch die drei diebischen Knaben sind so schelmisch porträtiert, dass man ihnen einfach nicht böse sein kann. Haben sie doch alle gemein, dass sie das Herz am rechten Fleck tragen und uns so durch ihren Charme bezaubern.

Jacky Gleichs Illustrationen greifen den Ton der Erzählung gut auf, karikieren die Dorfbewohner amüsant und gefallen mir besonders in der Darstellung des Vaters und seiner Söhne.

Bei so viel entzückender Naivität erscheint das Lamm als Symbol für Reinheit sehr passend. Gleichzeitig gilt es allerdings auch als Symbol des Lebens und steht für Christis Auferstehung zu Ostern, der sich für die Menschheit geopfert und diese von ihren Sünden erlöst hat. Und so scheint es mir beinah, als würde mit dem Erscheinen des Lamms auch der Held in unserer Geschichte von seinen Sünden freigesprochen werden. Er hätte es verdient.

Beinah beiläufig flicht Lenz die Auferstehungsgeschichte mit dezenter Symbolik in sein Werk ein und präsentiert sich wieder als ein hinreißender Märchenerzähler.


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-3455013313

[Rezension] Rayk Wieland – Beleidigung dritten Grades

Herrn Oskar B. Markow, Reinhardstr. 22, 10117 Berlin
Mit dieser Ihnen persönlich per Sekundant zugehenden Depesche fordere ich Sie auf, mir Genugtuung zu geben. Eine andere Möglichkeit zur Wiederherstellung meiner Ehre, die durch Ihre geschmacklose Verführung von Constanze Kamp verletzt wurde, besteht leider nicht. Konkret heißt das, dass ich Sie bitten muss, sich zum nächstmöglichen Termin von mir erschießen zu lassen.

Eben jener Oskar B. Markow, seines Zeichens Psychiater und Schlafcoach und mit der besagten Constanze Kamp liiert, staunt nicht schlecht, als er von deren Verflossenen Alexander Schill dieses Schreiben erhält, in dem dieser u.a. den Ablauf des Duells detailliert festlegt und klar verdeutlicht, dass ein Entrinnen zwecklos wäre. Da staunt auch die Oberkommissarinnen Eva Tannenschmidt von der Berliner Polizei nicht schlecht, an der sich Markow mit immer blanker liegenden Nerven mit der Bitte um Hilfe wendet. Allein der Umstand, dass das letzte in Deutschland verbriefte Duell schon Jahrzehnte zurückliegt und die Versicherung, dass Duelle in der heutigen Zeit gesetzlich verboten sind, können die Nerven von Markow nicht beruhigen. Schließlich sind Banküberfälle und Autodiebstähle auch gesetzlich verboten und werden trotzdem begangen. Eben jenes Duell ereignete sich im Jahre 1937 zwischen dem SS-Hauptsturmführer Roland Strunk, der Horst Krutschinna, persönlicher Adjutant von Reichsjugendführer Baldur von Schirach, herausforderte, weil dieser angeblich mit seiner Gattin angebandelt haben soll, und endete mit dem Tod von Strunk. Und genau dieses Duell heizt die Phantasie von Alexander Schill an, der sich mit einer abnormen Besessenheit dieser Thematik widmet und in ihr die Wiedergeburt wahrhaft männlicher Tugenden sieht…!

Was wäre, wenn…? Was wäre, wenn etwas passiert, was nicht passieren kann, da es nicht passieren darf? Was wäre, wenn wir im heutigen „Hier & Jetzt“ eine absurde Einladung zur Wiederherstellung der Ehre erhalten würden, die wie ein fossiles Relikt aus der Vergangenheit erscheint? Wir würden zweifeln – zuerst an der Echtheit dieser Einladung, dann am Geisteszustand des Absenders und zuletzt an der eigenen mentalen Gesundheit. Rayk Wieland scheint sich diesen Grundgedanken zu Eigen gemacht zu haben, bemächtigt sich den historisch belegten Fakten des letzten in Deutschland durchgeführten Duells zwischen zwei SS-Männer, und verknüpft diese mit der Gegenwart.

Dabei pendelt er gekonnt zwischen den Zeiten und sorgt dafür, dass beide Erzählstränge sich gegenseitig befruchten. Jeder für sich betrachtet wäre zwar durchaus lesenswert. Allerdings erst die Verknüpfung miteinander und der direkte Vergleich eines Vorgangs, der im Jahre 1937 angemessen bzw. heute inakzeptabel erscheint, lässt diesen Roman zur fesselnden Groteske voller Ironie aufblühen. Wieland porträtiert seine „Helden“ zwar durchaus ambivalent aber nicht unsympathisch – im Gegenteil – meine Sympathien schwankten zwischen dem Herausforderer und seinem „Opfer“ immer wieder hin und her.

Dank der Freude des Autors am Fabulieren, skizziert er beinah belanglose Alltagssituationen so vergnüglich leichtfüßig und deckt somit deren Absurdität auf. Doch gerade hinter dieser unterhaltsamen Fassade versteckt sich das Grauen: Habe ich von den SS-Schergen auch nichts anderes als ein verkorkstes Ehrempfinden erwartet, so packte mich der Schrecken bei dem Gedanken, jemand würde in der heutigen Zeit zu einem solchen Mittel greifen. Wäre ich der Betroffene, ich würde um meine Sicherheit fürchten. Dabei scheint mir gerade die heutige Zeit prädestiniert zu sein, um sich mit Begriffen wie „Ehre“ und „ehrenhaftes Verhalten“ aber auch mit „Ehrerbietung“ auseinanderzusetzten.

Ich gebe es zu, dass ein Ausspruch wie „Es ist eine Frage der Ehre.“ wie ein verstaubtes Relikt aus einer längst vergangenen Zeit wirkt, und ich ihn eher in einen patriarchalisch geprägten Kulturkreis verorten würde. Doch gilt dies für mich nicht gleichermaßen für „ehrenhaftes Verhalten“: Mit diesem Ausspruch verbinde ich Tugenden wie Toleranz, Rücksichtnahme und Respekt. Wobei sicherlich die Interpretation von Mensch zu Mensch variieren könnte.

Dank der Lektüre von Rayk Wielands Roman, der gespickt ist voller hintersinnigem Irrwitz, war ich „gezwungen“, mir einige Begrifflichkeiten ins Gedächtnis zurückzurufen bzw. sie für mich neu zu definieren.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956144813

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Nita Prose – The Maid. Ein Zimmermädchen ermittelt

Im altehrwürdigen Regency Grand Hotel in London geht Molly Gray Tag für Tag ihrer Arbeit nach, denn Molly Gray ist Zimmermädchen und zwar ein ganz besonders Zimmermädchen: Sie hat einen Blick für Details, ein fotografisches Gedächtnis und einen Hang zu Regeln. Allgemein liebt sie Rationalität und Ordnung, und so erfüllt sie ein Blick in ein makellos geputztes Zimmer mit Genugtuung. Dafür kann sie die Blicke ihrer Mitmenschen umso weniger deuten. Es fällt ihr schwer, die Empfindungen anderer wahrzunehmen und einzuschätzen. Als ihre Großmutter noch lebte, war sie ihr rettender Anker, der liebevoll für die nötige Struktur in ihrem Leben sorgte. Die einzigen Menschen, zu denen Molly nun Kontakt hat, sind ihre Kolleg*innen und die Gäste im Hotel. Da ist Juan Manuel, der in der Spülküche arbeitet und seinen kargen Lohn seiner Familie in Mexiko schickt. Zu Rodney Stiles, dem Chefbarkeeper des Hauses, der immer so nett zu ihr ist, füllt sie sich romantisch hingezogen. Und Giselle Black, die aktuelle Ehefrau des Stammgastes und Finanz-Tycoons Mr Charles Black, bezeichnet sie sogar als eine Art Freundin. Doch diese fragile Freundschaft wird arg erschüttert, als Molly eines Tages in der Suite der Blacks erscheint, um diese wie gewohnt zu säubern, und dabei Mr Black tot auf dem Bett vorfindet. Die Polizei ist überzeugt, dass er keines natürlichen Todes gestorben ist, und somit rückt Giselle in den Mittelpunkt der polizeilichen Ermittlungen. Beim Versuch ihrer „Freundin“ zu helfen, gerät Molly selbst in den Fokus der Aufmerksamkeit: Es wird ihr unterstellt, sie hätte Mr Black getötet. Ihre wohlgeordnete Welt gerät dermaßen aus den Fugen, dass sie nicht mehr einschätzen kann, wer ihr Freund und wer ihr Feind ist…!

Ermittler*innen mit dem Asberger-Syndrom scheinen gerade im Krimi-Genre sehr beliebt zu sein. Nachdem Autoren wie Gil Ribeiro und Jeff Cohen schon äußerst erfolgreich ihre männlichen Kriminalisten ins Rennen um die Gunst der Leserschaft geschickt haben, versucht nun Nita Prose mit ihrer femininen Version den Krimi-Olymp zu erklimmen. Ob sie den Gipfel erreichen wird? Ich wage da keine Prognose. Im Vorfeld waren mir nur positive Meinungen zu Ohren bzw. vor’s Auge gekommen. Mir persönlich fällt es nach der Lektüre leider schwer, in die allgemeine Lobhudelei mit einzustimmen, und so befürchte ich, dass dies eine für meine Verhältnisse ungewohnt kritische Rezension werden wird.

Laut Verlagswerbung wurde mir ein „liebenswert-humorvoller“ „cosy Krimi“ versprochen, der „mit unerwarteten Twists“ aufwartet, „die auch beim Miträtseln großen Spaß machen.“ Auch die Art der Cover-Gestaltung lässt auf eben jene Attribute schließen, was zur Folge hatte, dass meine in den Roman gesetzten Erwartungen leider nur in Ansätzen erfüllt wurden.

Ich vermisste schlicht und ergreifend den Humor in diesem Roman (oder er war vorhanden und wurde von mir nicht wahrgenommen, da er leider nicht meinem Humor-Verständnis entsprach). Mollys Leben erscheint mir so freudlos. Die Menschen in ihrer Umgebung scheinen nur auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein und darauf, sie zu diskreditieren. Niemand bringt ihr ehrliche positive Gefühle entgegen. Als Leser bemerkte ich diese Verlogenheit, Molly bemerkt es nicht. Aufgrund ihrer Beeinträchtigung in der Wahrnehmung versteht sie weder Ironie noch die leisen Untertöne einer Kommunikation. Für sie ist der gesprochene Satz ganz „pur“ in seiner Bedeutung. Und gerade mit diesem „Handicap“ hätte die Autorin wunderbare Szenen voller Situationskomik kreieren können. So spürte ich nur eine Tristesse, die kaum zu ertragen war.

Erst ab ca. dem 20. Kapitel nimmt nicht nur die Geschichte an Fahrt auf, auch ist endlich ein Ansatz von „cosy“ zu erahnen. Vielleicht hat die Autorin diese Entwicklung der Geschichte auch ganz bewusst gewählt, um so das Ende mehr glänzen zu lassen. Plötzlich war eine gewisse Leichtigkeit wahrnehmbar, die ich mir für den gesamten Roman gewünscht und die so Mollys Trostlosigkeit etwas erträglicher gestaltet hätte. Das Ende überrascht dann tatsächlich mit einem kleinen Twist, den ich so nicht vorhergesehen hatte.

Was bleibt, ist das Gefühl, dass Nita Prose leider ihre Chance versäumt hat, die bunte Palette der kurzweiligen Cosy-Krimis mit einer weiteren schillernden Farbe zu bereichern.


erschienen bei droemer/ ISBN: 978-3426283844

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] O. Henry – Die besten Geschichten

William Sydney Porter – wie O. Henry mit richtigem Namen hieß – erblickt im Jahre 1892 das Licht der Welt und war zeitlebens ein wahrer „Tausendsassa“, der nichts unversucht ließ, um sich und die Seinen finanziell halbwegs über Wasser zu halten. So verdingte er sich u.a. als Verkäufer, Cowboy und Bankangestellter. Die letztere Tätigkeit hätte er lieber lassen sollen: Verführte sie ihn doch zu einer „kleinen“ Unterschlagung, bei der er (dummerweise) geschnappt wurde und daraufhin eine mehrjährige Haftstrafe verbüßen musste. Kaum wieder auf freiem Fuß trat er eine Stelle als Journalist bei der Houston Post an, konnte somit seiner bisher vernachlässigten Leidenschaft dem Schreiben frönen und avancierte in kürzester Zeit zu einem der bestbezahlten Schriftsteller Amerikas. Sein Pseudonym „O. Henry“ fand er übrigens in einem Arzneimittelhandbuch, als er sich im Gefängnis zum Apothekergehilfen weiterbildete.

Zu O. Henrys bekanntesten Geschichten zählt mit Sicherheit Das Geschenk der Weisen. Diese bitter-süße Erzählung über zwei junge Menschen, die sich so sehr zugetan sind, dass sie bereit sind, das Wertvollste was sie besitzen für den anderen herzugeben. Diese wunderschöne Geschichte ist auch bei uns in div. Übersetzungen und mannigfaltigen Aufmachungen erhältlich. Wobei ich von den vier mir bekannten Fassungen immer noch die Übersetzung von Theo Schumacher für den NordSüd-Verlag bevorzuge. Dabei möchte ich die Leistung von Alexandra Berlina zu dieser Anthologie nicht schmälern. Manchmal sind es nur die kleinen Feinheiten, die Einfluss auf den Tonfall einer Geschichte nehmen und so eher dem persönlichen Gusto entsprechen. Somit beschert uns Alexandra Berlina keine schlechtere Übersetzung als ihre Vorgänger*innen. Zumal wir in den Genuss kommen, uns weiteren Stories widmen zu dürfen.

Zur schon erwähnten Geschichte gesellen sich hier 14 weitere, die zwischen den Jahren 1906 bis 1911 entstanden sind, und uns so einen Einblick aus seinen New Yorker-Erzählungen ebenso geben, wie aus den Kurzgeschichten, die vom Leben im Wilden Westen erzählen. Diese Anthologie bietet somit einen abwechslungsreichen Querschnitt aus seinem Œuvre und ermöglicht uns, einen absoluten Meister der „short story“ näher kennenzulernen.

O. Henrys Held*innen sind immer gestrauchelte Persönlichkeiten, die oftmals am Rande des Existenzminimums leben und zu Beginn der Geschichte mit einer scheinbar ausweglosen Situation konfrontiert werden. Dabei zeichnet er das Setting nicht erdrückend düster, sondern lässt immer einen hoffnungsvollen Lichtblick in seiner Beschreibung erahnen. Ebenso spürbar ist die Sympathie, die er seinen Held*innen gegenüber empfindet. So werden sie mit ihren Gefühlen, Handlungen und Entscheidungen nie entblößt, sondern immer mit Respekt porträtiert. Am Schluss belohnt er sie mit einer geglückten Lösung.

In den meisten seiner Stories überraschte er mich zudem mit unvorhersehbaren Wendungen: So lässt er die Handlung einer vermeintlichen Pointe entgegensteuern, nur um kurz vor dem Ende mit einem unvorhersehbaren Twist eine gänzlich neue Pointe zu präsentieren. Dabei erscheinen die Wendungen absolut nachvollziehbar. Zudem lässt er es mit einer erfrischenden Leichtigkeit geschehen. Dies zeugt von seiner brillanten Erzählkunst, die ich so bisher in dieser Qualität noch nicht „erlesen“ durfte.

Mit dieser gelungenen Anthologie haben wir die Chance, einen wunderbaren Geschichtenerzähler wiederzuentdecken.


erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3730610992

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Die Büchse der Pandora. Kurzkrimis mit Tommy und Tuppence

Da ist es ja wieder – unser kriminalistisches Duo, unsere „Partners in Crime“, unser pfiffiges Pärchen mit Spürnase, Klasse und Esprit. Diesmal machen wir mit ihnen eine Reise in die Vergangenheit: Waren wir mit Lauter reizende alte Damen schon im Jahre 1968 gelandet und durften die Beiden als gereiftes Paar beobachten, so werfen wir nun einen Blick zurück ins Jahr 1929.

Tommy und Tuppence Beresford sind frisch verheiratet und chronisch gelangweilt. Da kommt ihnen der verlockende Auftrag vom britischen Geheimdienst nur allzu recht, inkognito eine Detektei zu übernehmen. Der ursprüngliche Eigentümer erholt sich gerade während eines Urlaubs auf Staatskosten und scheint seine Detektei als Briefkasten für feindliche Spione genutzt zu haben. Um dies auf den Grund zu gehen, schlüpft Tommy in die Rolle des Leiters dieser internationalen Detektivagentur Mr. Theodore Blunt, während Tuppence seine tüchtige Sekretärin Miss Robinson mimt. Ihr besonderes Augenmerk sollen sie auf eine dubiose Korrespondenz legen – insbesondere auf blaue Briefumschläge mit russischer Marke. Doch diese Post lässt auf sich warten, und so lösen die detektivischen Fachkräfte so ganz nebenbei auch einige „reguläre“ Fälle. So suchen sie u.a. nach einer Erklärung für scheinbar paranormale Phänomene in einem alten Haus, spüren eine vermisste Ehefrau in einer delikaten Institution auf, überprüfen nicht nur eins sondern gleich zwei Alibis ein und derselben jungen Dame und rätseln über einen vertauschten Diplomatenkoffer. Diese interessanten wie skurrilen Fälle sind aber gänzlich harmlos im Vergleich zu dem Abenteuer, das sie erwartet, als sie plötzlich tatsächlich einen blauen Brief mit der Post erhalten…!

Agatha Christie ließ ihr gewieftes Detektiv-Paar nicht nur in vier Romanen (zwischen deren Erscheinen teilweise Jahrzehnte lagen) auf Verbrecherjagd gehen, sondern gönnte ihnen ebenfalls eine Sammlung unterhaltsamer Kurzkrimis, die nun endlich wieder im neuen Gewand erschienen sind. Dabei legte sie bei diesen Geschichten den Schwerpunkt eher auf das kurzweilige Rätselraten als auf die „das Blut in den Adern gefrierende“ Spannung. So kann sich die verehrte Leserschaft auf so manchen herrlichen verbalen Schlagabtausch unserer beiden sympathischen Protagonisten freuen, die sich die Bälle nicht nur geschickt zuspielen, sondern je nach Auftrag auch gerne alle Bälle in der Luft behalten. Dabei agieren beide – wie gewohnt – auf Augenhöhe und demonstrieren eine äußerst emanzipierte Partnerschaft, wie sie zur Entstehungszeit der Geschichten höchstwahrscheinlich selten in der Realität zu bewundern war.

Gerne ziehen sie dabei die jeweils passenden Klassiker des Genres zu Rate und versuchen, sich in die erdachten Personen von weltberühmten Krimiautoren wie Edgar Wallace, G. K. Chesterton, Arthur Conan Doyle & Co. hineinzuversetzen, um so von deren „Spiritus Rector“ zu profitieren. Bei der Lektüre der letzten Geschichte Der Mann, der Nummer 16 war brach ich in schallendes Gelächter aus, da diesmal Tommy und Tuppence ihre Inspiration beim kleinen, pedantischen Belgier mit den genialen grauen Zellen suchten. Die „Queen of Crime“ nahm somit sich selbst höchst humorvoll „auf die Schippe“. Chapeau!

Ein bisschen Irritation verursachte bei mir die Aufteilung der Kapitel: So sind die meisten Geschichten jeweils unter einem Titel in zwei Kapitel unterteilt, die deutlich mit I und II gekennzeichnet sind. Bei drei Geschichten sind die einzelnen Kapitel jeweils mit einem eigenen Titel versehen, im Inhaltsverzeichnis entsprechend notiert und hinterlassen so den Eindruck, als wären sie eigenständige Geschichten. Somit beinhaltet diese Sammlung nicht 17 sondern „nur“ (!) 14 Kurzkrimis. Da hätte ich mir bei dieser überarbeiteten Wiederveröffentlichung ein wenig mehr Sorgfalt beim Editieren der Texte gewünscht.

Doch abgesehen von diesem klitzekleinen Wehrmutstropfen haben wir es hier (meines Wissens) mit der vollständigsten Sammlung der Beresford-schen Kurzkrimis zu tun, die mir ein überaus kuschliges Lesevergnügen schenkte.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455012064

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gaston Leroux – Das Phantom der Oper (Hörspiel)

Lieben wir nicht alle Schauergeschichten – egal ob literarisch, filmisch oder rein akustisch: Dieses wohlige Gruseln während die Anspannung stetig steigt. Das Entgegenfiebern bis zum erlösenden Ende. Das Nachspüren der Atmosphäre, wenn uns hinterher unser Gang durch die dunkle und verdächtig stille Wohnung ins Schlafzimmer führt, und wir es uns kaum verkneifen können, einen prüfenden Blick in den Schrank und unter das Bett zu werfen…!

…und manche Geschichten schaffen es, Jahre/Jahrzehnte/Jahrhunderte ebenso zu überdauern wie kurzlebige Mode-Erscheinungen unbeschadet zu überleben, um so in den Olymp der Klassiker aufzusteigen und sich in eine illustre Schar von Mitstreiter*innen einzureihen. Legte Mary Shelley im Jahre 1818 mit „Frankenstein“ einen fulminanten „Grundstein“ für das Horror-Genre, der von keinem geringeren als Edgar Allan Poe und seinen Werken meisterhaft ausgebaut wurde. Doch auch nach dessen rätselhaften Tod im Jahre 1849 war es nur eine Frage der Zeit bis neue Schocker ihre Leserschaft zum Schaudern brachten, wie Robert Louis Stevenson im Jahre 1886 mit Dr. Jekyll & Mr. Hyde und Bram Strokers „Dracula“ aus dem Jahre 1897. Im Vergleich zu diesen Werken erscheint „Das Phantom der Oper“ aus dem Jahre 1909 beinah wie das „Nesthäkchen“.

Seit geraumer Zeit setzt ein dubioses Wesen die Direktion der Pariser Oper unter Druck und Künstler und Bühnenarbeiter in Angst und Schrecken. Er hat ganz klare Vorstellungen, wie „seine“ Oper zu führen sei, und nimmt Einfluss an der künstlerischen Arbeit des Hauses. Sollten seine Anweisungen nicht befolgt werden, geschieht Schreckliches. Zu aller Überraschung protegiert er die junge, unerfahrene Sängerin Christine Daaé, die sich dank seinem Unterricht auf der Bühne als brillante Sängerin profiliert. Doch auch Raoul, Vicomte de Chagny, ein Jugendfreund von Christine, ist von ihr entzückt. Doch die Liebe der beiden jungen Menschen bleibt dem Phantom nicht verborgen, und er setzt skrupellos alles daran, um Christine für ewig an sich zu binden…!


CDs/ Das Phantom der Oper nach Gaston Leroux (2019)/ Hörspielbearbeitung & Regie: Regine Ahrem/ mit Matthias Habich, Mirco Kreibich, Fabian Hinrichs, Marina Frenk, Regina Lemnitz, Ursina Lardi, Carmen-Maja Antoni, Gerd Wameling u.a./ Kompositionen: Michael Rodach

Ein Roman wie „Das Phantom der Oper“, dessen Schauplatz ein Opernhaus ist und der von einem geheimnisvollen Gesangslehrer und seiner betörenden Schülerin handelt, ist natürlich geradezu prädestiniert für eine musikalische Umsetzung. Schon bei den ersten Stummfilmen wurde die Handlung auf der Leinwand vom Kino-Pianisten vor Ort mit klassischer Musik unterlegt. In späteren Verfilmungen waren üppige Opern-Szenen immer ein wichtiger Teil der Handlung. Und selbst Andrew Lloyd Webber zitiert in seinem Musical-Welterfolg die Musik des Meisters der französischen Grand opéra Giacomo Meyerbeer. Für mich ist dies auch eine der gelungensten (wenn nicht sogar die gelungenste) Umsetzung(en) dieses Stoffes, und ich glaube, mir ein Urteil erlauben zu können: Ich habe dieses wunderschöne Musical bisher sechs Mal auf der Bühne bewundern dürfen (1991, 1995, 1996, 2001 und am 14.02.2014 in „Neue Flora“ in Hamburg und am 08.11.2001 in „Det Ny Teater“ in Kopenhagen).

Und gerade von dieser Version voller opulenter Klangfülle musste ich mich beim Anhören des Hörspiels wieder lösen bzw. kurzfristig vergessen, um einen neutraleren Blick auf diese Umsetzung des Romans werfen zu können. Regisseurin Regine Ahrem besann sich bei ihrer Hörspielbearbeitung auf den Original-Roman, den Leroux in einem beinah journalistisch-nüchternen Ton verfasste. Während in anderen Adaptionen der erzählerische Schwerpunkt eher auf der Konstellation Christine-Phantom liegt, darf hier Raoul seine Stimme erheben und bekommt diese gleich von zwei Sprechern geliehen. Matthias Habich spricht den gealterten Raoul, der, nach dem Tod seiner geliebten Gattin Christine und mit dem Abstand von Jahren, seine Sicht der damaligen Ereignisse zum Besten gibt. Habich fungiert hier als ein souveräner Erzähler und gibt so den Rahmen der Handlung vor. Die dynamische Stimme von Mirco Kreibich als sein jüngeres Ego harmoniert sehr gut mit der reifen, gesetzten Stimme von Habich. Marina Frenk gestaltet die Christine weniger als passiv-duldende Schöne. Vielmehr agiert sie sehr selbstbewusst, ließ allerdings auch ein wenig den Reiz vermissen, den ihre Rolle auf die beiden männlichen Kontrahenten ausüben sollte. Mit einem beinah androgynen Ton verleiht Fabian Hinrichs der Titelfigur Profil und changiert in seiner Interpretation von sanft-verführerisch über diabolisch-gefährlich bis mitfühlend-sensibel. Regina Lemnitz gefällt in der Rolle der mütterlich-verständnisvollen Mme Giry. Doch auch die Nebenrollen sind dank der Talente u.a. von Ursina Lardi, Carmen-Maja Antoni und Gerd Wameling mit prägnanten Stimmen besetzt.

Bei diesem Hörspiel wurde mit einer besonderen Aufnahmetechnik namens „Kunstkopf“ gearbeitet. Dabei wird nicht wie gewöhnlich klassisch im Studio mit einem herkömmlichen Mikrophon gearbeitet. Vielmehr ist der „Kunstkopf“ in der Lage, die akustischen Besonderheiten eines Raumes aufzunehmen, d.h. die Aufnahme erfolgt nicht in mehrere Takes, die später geschnitten und durch entsprechende Hintergrundgeräusche ergänzt werden. Vielmehr befinden sich alle an diesem Aufnahmeprozess Beteiligte in eine für die Szene passenden Räumlichkeit und spielen eben besagte Szene in einem Rutsch durch. Ob auch die gelungene Originalmusik von Michael Rodach wie auch die Opernpartien vor Ort (ab)gespielt oder diese nachträglich hinzugefügt wurden, lässt sich aus dem Booklet nicht in Erfahrung bringen. Beides schmiegt sich aber perfekt in die Geschichte ein und sorgt so für einen enorm atmosphärischen Klang. Die Kombination all dieser Zutaten macht dieses Hörspiel zu einem ungewohnt räumlichen Hörerlebnis.


erschienen bei DAV/ ISBN: 978-3742410016

[Rezension] Tage des Lesens. Lektüre zwischen den Jahren/ herausgegeben von Gesine Dammel

„Lektüre zwischen den Jahren“: Damit könnte durchaus die Zeit des Jahreswechsels gemeint sein. Es sind nur vier Tage zwischen Weihnachten und Silvester, an denen die Welt sich langsamer zu drehen scheint, an denen die Hektik des Alltags plötzlich ausgebremst wird und Zeit bleibt, um Inne zu halten und zur Besinnung zu kommt. Und so könnten es wahrlich gar wunderbare „Tage des Lesens“ werden…!

Aber auch eine andere Interpretation wäre denkbar: Die Zeit zwischen den Lese-Lebens-Jahren! Und diese Zeit birgt Veränderung in sich: Wir machen Erfahrungen und reifen an ihnen, Sichtweisen wandeln sich, neue Perspektiven werden eingenommen, ein individueller Stil entsteht. Diese Veränderung hat zwangsläufig ihren Einfluss auf die Wahl unserer Lektüre. Eine solche Veränderung habe auch ich durchlebt: Vor 30 Jahren wären ein Dürrenmatt oder ein Kästner nicht unbedingt meine erste Wahl gewesen. Stattdessen habe ich mir mit dem Lesen gar drolliger Katzenkrimis die Zeit vertrieben.

Herausgeberin Gesine Dammel hat in diesem kleinen Büchlein eine abwechslungsreiche, kurzweilige und anspruchsvolle Sammlung mit Geschichten zusammen getragen, die sich um das Lesen, das Leben und die Liebe zum Buch drehen…!

Cornelia Funke lädt uns ein, gemeinsam mit Meggie und Mo einen Blick in Elinors Bibliothek zu werfen. Eugen Roth zeigt auf, wie prägend ein spezielles Exemplar eines Buches für ein Kind sein kann. Elke Heidenreich wundert sich über einen lesenden Taxifahrer. Claire Beyer schenkt uns eine entzückende Geschichte über eine pensionierte Lehrerin, die die Liebe zum Lesen bei den Kindern in ihrer Nachbarschaft weckt. Hanns-Josef Ortheil lässt uns an einer Reise nach Paris teilhaben, bei der er sich auf den Spuren von Ernest Hemingway begab. Amir Hassan Cheheltan entdeckt mit der Bibliothek seiner Eltern die Freude an der Literatur und träumt sich dank unzähliger Geschichten aus seiner staubigen Realität fort. Marco Lodoli vergleicht die Gänge einer Bibliothek mit einem Labyrinth: Schon bei der nächste Ecke lernt man eine andere Welt und neue Menschen kennen. Ildikó von Kürthy schwärmt von ihren alten, geliebten Büchern, deren Eselsohren vom Lesen und vom Leben zeugen. Von Petra Hartlieb erfahren wir, wie ermüdend es sein kann, wenn das Lesen sowohl dem Vergnügen dient und gleichzeitig als Brotberuf fungiert. Marcel Proust sinniert über die Tage der Kindheit, wo Zeit im Überfluss vorhanden schien, und die so zu herrlichen Tagen des Lesens wurden. Thomas Bernhard macht sich Gedanken über die Effizienz beim Lesen: Müssen wir immer das ganze Werk lesen, oder reichen nicht auch nur die prägnanten Passagen, um die Intension der/des Autorin/Autors zu erfassen.

Dabei stellte sich mir zwangsläufig folgende Frage: Woher weiß ich, welche für mich persönlich die prägnanten Passagen sind, wenn ich vorher nicht das ganze Werk gelesen habe? Gesine Dammel schaffte es mit ihrer gelungenen Auswahl an Geschichten und Anekdoten, dass ich nicht „nur“ las sondern auch (nach-)dachte.

Häufig gibt es bei einer Anthologie, Erzählungen unterschiedlicher Qualität zu bewundern: Ohne Licht gibt es eben auch keinen Schatten! Selbstverständlich sprachen mich nicht alle Beiträge gleichermaßen an. Doch dies sagt nichts über deren literarische Qualität aus, sondern vielmehr über meinen persönlichen Geschmack. So kann ich gutem Gewissens der Auswahl von Gesine Dammel attestieren, dass ich höchstens einen leichten Halb-Schatten wahrnehmen konnte.

…ein kleines feines Büchlein!!!


erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458681632