[Rezension] Alan Riding & Leslie Dunton-Downer – DIE OPER. EINE ZEITREISE IN OPULENTEN BILDERN

🎼 Heute ist der WELTOPERNTAG! 🎼


Meine Liebe zur Oper wurde in der Saison 1991/1992 mit dem Besuch einer Inszenierung von LA BOHÈME am Stadttheater Bremerhaven entfacht. Auch nach all den Jahren, nach all den vielen weiteren Opern, die ich kennenlernen durfte, zählt sie nach wie vor zu meiner absoluten Lieblingsoper. Denn in ihr vereint sich alles, was ich an der Kunstgattung Oper so sehr liebe: Wundervolle Musik, traumhafter Gesang, mitreißende Dramatik und höchste Emotionalität. Nach ihrer Uraufführung im Jahre 1896 schrieb eine Turiner Zeitung „So wie LA BOHÈME nur ein schwacher Eindruck beim Publikum hinterließ, so wird sie auch in der Operngeschichte kaum Spuren hinterlassen.“ Tja, so kann man sich täuschen.

Wundervolle Musik, traumhafter Gesang, mitreißende Dramatik und höchste Emotionalität: Steckt dies hinter dem Geheimnis, warum die Oper auch nach all den vielen Jahren nichts an ihrer Faszination eingebüßt hat? Ich bin auf jedem Fall nach wie vor von dieser außergewöhnlichen musikalischen Kunstform fasziniert.

Das Duo Alan Riding und Leslie Dunton-Downer befeuert mit ihrem Prachtband DIE OPER diese Faszination noch zusätzlich und verspricht mit EINE ZEITREISE IN OPULENTEN BILDERN wahrlich nicht zu viel. Nach einer kompetenten Einführung, in der sie die formalen Merkmale einer Oper aufzeigen, auf den Einfluss der Librettisten auf die von ihnen betreuten Werke eingehen und auch den Stellenwert von Opernhäusern und Festivals auf die Popularität des Genres sowie den Starkult um die Sänger*innen nicht unbeachtet lassen, vertiefen sie sich intensiver mit diesem Thema.

Das Hauptaugenmerk dieses Bildbandes liegt natürlich auf den Komponisten und ihren Werken. Es beginnt mit den frühen Opern von Monteverdi bis Mozart und führt uns dann zu den Italienischen, deutschsprachigen, französischen, russischen und tschechischen Opern, denen allen ein eigenes Kapitel gewidmet wurde. Auch ein Abstecher in die moderne Oper ist zu finden. Es gibt zudem Werke, die durchaus Genre-Grenzen überwinden und manchmal wie z. Bsp. bei Franz Lehár, Leonard Bernstein und George Gershwin nicht immer eindeutig einer Kunst-Gattung explizit zugeordnet werden können.

Ich halte eh sehr wenig davon, musikalische Bühnen-Werke strickt einem Genre zuzuordnen. Dies impliziert eine Wertung, die meiner Meinung nach völlig unnötig ist. Es erfolgt so eine Unterteilung in E- oder U-Musik, d.h. dass das eine Werk der Hochkultur zugeschrieben wird, während ein anderes Werk nur der schnöden Unterhaltung dient. Unabhängig, ob es sich nun um Oper, Operette oder Musical handelt, ich möchte unterhalten werden, und ich erwarte vom Produktionsteam eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Werk und dessen professionelle Umsetzung auf die Bühne. Es geht mir um die qualitative Substanz eines Werkes, und da gibt es sowohl bei der Oper, wie auch der Operette sowie dem Musical viele herausragende Stücke aber ebenso auch so manches Schmonzes.

Was bei einem Bildband im Format eines Coffee Table Books wie diesem selbstverständlich nicht fehlen darf, ist – neben einer ansprechenden Ausstattung – die scheinbar unendliche Fülle an Fotos. Hier überzeugt, ja, überwältigt DIE OPER. EINE ZEITREISE IN OPULENTEN BILDERN mit historischen Aufnahmen, Szenenbildern neueren Datums, Grafiken und Plakaten zu div. Inszenierungen, üppigen Ansichten von Opernhäusern, Kostüm- und Bühnenbild-Entwürfen u.v.m.

Dieses Buch bietet einen wunderbar kurzweiligen Überblick: Es informiert auf hohem Niveau, überfordert aber nicht, indem sich allzu detailliert in das Thema vertieft wird. Somit ist es die perfekte „Einstiegs-Droge“ für alle, die bisher nur wenige Berührungspunkte mit der Kunstgattung Oper hatten aber gerne mehr erfahren möchten.


erschienen bei Dorling Kindersley / ISBN: 978-3831047376 / in der Übersetzung von Andreas Kellermann, Cordula Wehrmeyer & Christiane Wagler

[Rezension] Rebecca Gugger & Simon Röthlisberger – DIE FABELHAFTE GESCHICHTE VON HERRN LEOPOLD, DER SCHWEBEN KONNTE

Es gibt sie, diese Menschen, die ein einzigartiges Talent besitzen, gar reichlich von der Muse geküsst oder mit Genialität überschüttet wurden. Es gibt sie, diese Menschen, die vor Sex-Appeal sprühen, mit Charisma für sich einnehmen oder besondere mentale wie physische Merkmale ihr Eigen nennen.

Es sind Menschen, die absolut außergewöhnlich sind und so von der Norm abweichen, dass sie andere Menschen, die weniger mit Außergewöhnlichem bedacht wurden bzw. ihre ganz eigene Außergewöhnlichkeit für sich noch nicht entdeckt haben, verunsichern, ja, wenn nicht sogar ängstigen können. Auch kann hierbei durchaus Neid und Missgunst eine Antriebsfeder für deren weiteres Verhalten sein. Diese bemitleidenswerten Menschen erkennen das Außergewöhnliche nicht als ein Zugewinn für ihr Leben. Vielmehr wird es als Gefahr betrachtet, da die eigene Mittelmäßigkeit umso deutlicher in den Vordergrund tritt.

Ich persönlich liebe außergewöhnliche Menschen, da ich mich an ihrer Außergewöhnlichkeit erfreuen und vieles lernen kann. Für mich stellt der Austausch mit diesen außergewöhnlichen Menschen eine enorme Bereicherung für mein Leben dar und eröffnet mir unbekannte und spannende Welten, die mir sonst im Verborgenen geblieben wären.

DIE FABELHAFTE GESCHICHTE VON HERRN LEOPOLD, DER SCHWEBEN KONNTE hebt das Besondere an einem Menschen hervor, feiert die Vielfältigkeit und macht Mut, den eigenen Talenten zu vertrauen.

Herr Leopold konnte schweben – und das schon seit seiner Geburt. Niemand hatte dafür eine Erklärung, nicht einmal die Schwebe-Forscher und -Forscherinnen. Leopold störte das nicht, doch die anderen fanden: Schweben ist nichts für Menschen! Da bemühte er sich, am Boden zu bleiben. Um auf Nummer sicher zu gehen, hängte man ihm auch allerlei Gepäck um. So kam Leopold eines Tages wirklich die Leichtigkeit abhanden. Bis, ja bis er die kleine Mathilda traf und sich wieder an die Unbeschwertheit und seine besondere Fähigkeit erinnerte.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)



Das erfolgreiche Erzähler-Duo Rebecca Gugger und Simon Röthlisberger haben wieder zugeschlagen, indem sie ihre Talente abermals gar wunderbar bündelten, um eine außergewöhnliche Geschichte zu kreieren.

(Das Wort „außergewöhnlich“ wird in dieser Rezension sicherlich noch häufiger auftauchen!)

Denn so vieles ist an dieser Geschichte wahrlich außergewöhnlich. Da ist zum einen unser Held, der älterer Herr Leopold, dem mit jedem Jahr, das er älter wurde, immer mehr von seiner außergewöhnlichen Fähigkeit abhandenkam. Die Leichtigkeit ging ihm verloren, und so nimmt die mentale Gesundheit Einfluss auf das sehr eigene, höchst individuelle Befinden. Doch manchmal braucht es nur einen Anstoß von außen, um sich zu erinnern. Es muss nichts Großes sein. Da reicht es völlig, wenn die kleine Mathilda an ihm vorbeischwebt, um ihn daran zu erinnern, welche außergewöhnliche Fähigkeit er mal besessen hatte. Es ist nie zu spät, diese verschütteten Talente aus dem tiefsten Keller der Erinnerungen wieder ans Tageslicht zu befördern, und – vor allem – man ist nie zu alt, um sich an diesen Talenten zu erfreuen. Denn genau sie sind es, die die Würze in die Suppe des Lebens bringen und sie wahrhaft schmackhaft macht.

Auch die Illustrationen sind so wunderbar außergewöhnlich, indem sie eine bezaubernde Leichtigkeit ausstrahlen. Sie sind so beschwingt und amüsieren mit ihren skurrilen Typen und einer Vielzahl an witzigen Ideen und liebevollen Details. Der positive Eindruck wird durch die geschmackvolle, fein abgestimmte Farbgebung der Illustrationen noch unterstrichen, die alles ordinär Plakative tunlichst vermeidet.

Rebecca Gugger und Simon Röthlisberger schenkten ihren kleinen und großen Fans eine warmherzige Geschichte voller Humor, die mit zarter Melancholie bestäubt wurde und sie so aufs Schönste verfeinerte und zum Funkeln brachte.


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107788
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Élodie Lécadieu – PARIS. STADT DES LICHTS/ mit Fotografien von David Vincent-Sully

„Wenn der liebe Gott sich im Himmel langweilt,
dann öffnet er das Fenster
und betrachtet die Boulevards von Paris.“
Heinrich Heine

Es gibt eine bestimmte Stadt auf unserer wunderbar bunten Welt, die ich als Sehnsuchtsort ganz tief in mein Herz geschlossen habe. Es ist eine Stadt, die wie keine zweite mein Empfinden für Ästhetik und Schönheit, für Kunst und Kultur, für Romantik und Savoir-vivre zum Vibrieren bringt. Es ist eine Stadt, die nichts versprechen und noch weniger halten muss und trotzdem stets erfüllt. Es ist eine Stadt, bei der ich, wenn ihr Name fällt, immer denke „Da möchte ich unbedingt einmal hin!“. Doch je älter ich werde, umso weniger Möglichkeiten wie auch Zeit verbleiben mir noch, um diesen Sehnsuchtsorte in der Realität erleben, erobern und erspüren zu dürfen. Gleichzeitig macht sich in mir ein ängstliches Bangen breit, dass das, was ich mir von dieser Stadt erhoffe und erträume, nicht der Realität entspricht sondern nur in meiner Phantasie von mir romantisiert wurde. In diesen Momenten lege ich den Traum, diesen Sehnsuchtsort irgendwann einmal selbst aufzusuchen, wehmütig beiseite und versuche, nicht mehr an ihn zu denken. Doch dann fallen mir Bücher wie dieses in die Hände, und – BÄHM! – da ist es wieder dieses Sehnen.

PARIS. STADT DES LICHTS ist schwelgerischer Bildband, informativer Reiseführer und attraktives Coffee Table Book vereint zwischen zwei Buchdeckeln. So hat die Journalistin Élodie Lécadieu fünfzehn recht unterschiedliche Routen ausgearbeitet. Jede Route führt uns unter einem besonderen Thema durch die französische Hauptstadt mit ihren zwanzig Arrondissements. Es sind Themen, die einerseits die Geschichte Paris zwischen Vergangenheit und Moderne widerspiegeln, andererseits die kulturelle Vielfalt der Seine-Metropole feiern.



Bereits während der ersten Tour DEM HIMMEL SO NAH lässt sie uns einen Blick aus der Vogelperspektive auf diese außergewöhnliche Stadt werfen, damit wir die Komplexität der über die Jahrhunderte gewachsenen Strukturen erfassen können. // Dann schlendert sie mit uns AN DER SEINE entlang, an der sich Museen, der Eifelturm und sonstige Sehenswürdigkeiten wie an einer Kette aufreihen und so manche imposante Brücken ein Überqueren ermöglichen. // IM LAUFE DER ZEIT verändert sich natürlich auch eine Stadt wie Paris, die zwar durch die Haussmann’sche Architektur geprägt ist, die aber schon so selbstverständlich zum Alltag der Pariser*innen gehört, dass sie kaum mehr wahrgenommen wird. Hier hilft uns die dritte Route diese „übersehenen“ Gebäude neu zu entdecken. // Der vierte Rundgang widmet sich der HAUTE COUTURE, die in Paris einen enormen Stellenwert hat, indem hier die großen Mode-Label ebenso zu finden sind wie auch kreative Designer*innen, die ihren eigenen, höchst individuellen Stil pflegen. // Literaten, die etwas auf sich hielten, verbrachten im Laufe ihres Lebens gerne eine gewisse Zeit in Paris – sei es zur Inspiration oder um das Nachtleben der Stadt zu „erforschen“. Die Tour LITERATUR führt uns zu Cafés, Buchhandlungen und Bibliotheken, in denen Colette, Wilde oder Hemingway verkehrt haben könnten, und wo noch heute der Odem der ganz großen Genies der Literaturszene zu spüren ist. // Wie keine andere Stadt steht Paris als Sinnbild für die Liebe. Da wäre dieses Buch selbstverständlich nicht komplett, würde in ihm eine ROMATISCHe Tour fehlen, die uns zu verträumten Parks, entzückenden Museen und verschwiegenen Orten führt.

Auch bei den weiteren in diesem Buch zu findenden Touren überzeugt Élodie Lécadieu sowohl durch ihre informativen wie kurzweiligen Texte, denen man ihre Liebe zu Paris anmerkt, als auch durch die wohldurchdachte Auswahl an Orten, Etablissements und Institutionen. So sind bekannte wie beliebte Touristen-Magnete zu finden, wie auch versteckte Plätze, die einen ganz eigenen Zauber, eine ganz eigene Melancholie ausstrahlen.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


David Vincent-Sully fängt in seinen Bildern das Flair dieser Stadt ganz und gar wundervoll ein. Da lenkt er eben noch unsere Aufmerksamkeit auf Details einer Hausfassade, um auf der nächsten Seiten einen Blick hinab auf die Straßenschluchten zu werfen. Panorama- und Momentaufnahmen wechseln einander ab. Die Fotos wirken nicht inszeniert sondern atmen durch die auf ihnen zu sehenden Menschen, die mit ihrer Dynamik wesentlich zur Atmosphäre beitragen. Paris erscheint in Vincent-Sullys Fotos nie als museale Stätte voller Vergangenheit sondern strahlt eine enorme Lebendigkeit aus, mit der die Stadt ganz im Hier und Jetzt ist. Es ist ein Ort, an dem gelebt wird.

Auch wenn Élodie Lécadieu und David Vincent-Sully mit ihrer Kunst den Hauptpart zu diesem traumhaften Buch beigetragen haben, so möchte ich auch Manon Bucciarelli nicht unerwähnt lassen und ihr für die edle und geschmackvolle Gestaltung dieses Buches danken.

PARIS. STADT DES LICHTS hat mich auf so vielen Ebenen begeistert, mich emotional berührt, mich staunend gemacht und meine Lust am Träumen erneut entfacht. Hach, so ein schönes Buch!


erschienen bei Prestel / ISBN: 978-3791394923 / in der Übersetzung von Cornelia Panzacchi und Claire Schmartz
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Émile Gaboriau – DIE AFFAIRE LEROUGE

Er gilt als einer der ersten Kriminalromane der Welt: Ursprünglich im Jahre 1863 erfolgreich als Fortsetzungsroman für eine Zeitung entstanden, errang DIE AFFAIRE LEROUGE 1866 auch als Roman eine enorme Popularität. Vielleicht lag es daran, dass der Autor sich von der damals gängigen romantisierenden Form des Geschichtenerzählens abwandte. Vielmehr beruhten die Beschreibung der Ermittlungen auf realistische Gegebenheiten und fußten auf den neuesten kriminalistischen Erkenntnissen der Epoche. Zudem hatte Gaboriau sehr viel Augenmerk auf eine naturalistische Milieubeschreibung gelegt, die einen entscheidenden Einfluss auf die Atmosphäre des Romans nahm.

Gaboriau wusste genau, wovon er schrieb, da er auf eine Fülle an eigenen Erfahrungen zurückgreifen konnte. Hatte er doch selbst bereits eine erstaunliche Anzahl an Berufen vorzuweisen: So war er als Mitarbeiter eines Rechtsanwalts tätig, erkundete Afrika als Husar und verpflichtete sich, wenn auch nur kurzzeitig, bei der Armee. Über dem Verfassen von Chroniken und seiner Tätigkeit als Sekretär bei einem Schriftsteller fand er schlussendlich zum Journalismus. Hier tat sich für ihn – mit den vielen Geschichten aus dem realen Leben – eine unversiegbare Quelle der Inspiration auf.

Eine alte Dame wird ermordet in ihrem Haus aufgefunden. Schmuck ist verschwunden, Papiere wurden verbrannt. Madame Lerouge hatte noch nicht lange in dem kleinen Dorf gelebt. Die Kriminalisten aus Paris erfahren von den Nachbarn nur, dass die Ermordete ab und zu Besuch bekam und immer Geld hatte. Zusammen mit dem Untersuchungsrichter Monsieur Daburon versucht Monsieur Tabaret, der alte Detektiv von eigenen Gnaden, hinter das Geheimnis der Toten zu kommen. Dem Mörder ist er auch schon bald auf der Spur. Doch hat er den richtigen erwischt?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Die ursprüngliche Praxis, diese Kriminalgeschichte als Fortsetzungsroman in einer Zeitung zu veröffentlichen, kommt auch der Romanfassung sehr entgegen. Die Geschichte präsentiert sich voller Cliffhanger, die mich immer wieder verleiteten, „mal eben“ ein weiteres Kapitel zu lesen. So zog die Handlung – Seite für Seite – spürbar mühelos an meinen Augen vorbei und lieferte mir einen packenden Spannungsbogen voller Überraschungen.

Allerdings ist dieser Umstand wohl auch der sensiblen Überarbeitung des Romans zu verdanken: Um dem damals vorherrschenden Geschmack der Leserschaft gerecht zu werden, hatte Émile Gaboriau ursprünglich ausführliche, wenn nicht sogar ausufernde Beschreibungen der Familienverhältnisse des Handlungspersonals in eben jene Handlung einfließen lassen. Diese hemmten allerdings den Ablauf bzw. den zügigen Aufbau der Geschichte. Die vorliegende Fassung wurde von diesem überflüssigen Ballast befreit, wobei sich bemüht wurde, die Haupt-Geschichte nicht zu verfälschen.

Die Personenzeichnung ist sehr präzise. Hier werden die Figuren durchaus ambivalent mit Ecken und Kanten, mit kleinen und größeren menschlichen Schwächen, mal derb-rustikal, mal durch Standesdünkel gehemmt skizziert. Dabei porträtiert der Autor die einfachen Menschen vom Hafen ebenso respektvoll wie die Haute Volée von Paris. Er ergreift wohltuend keine Partei: Jede Figur scheint ihm gleich lieb.

Statt schwülstigen Pathos schlägt Gaboriau eher einen beinah nüchternen Ton an, wie ich ihn aus den Werken von Georges Simenon kennen und lieben gelernt habe. Es sind genau diese Simenon-Vibes, die ich so sehr an DIE AFFAIRE LEROUGE mochte, und die zu einer atmosphärischen Dichte des Romans beitrugen. Eine äußerst gelungene Wieder-Entdeckung…!

HINWEIS // Ich habe mir erlaubt, die Inhaltsangabe bzgl. des Handlungspersonals anzupassen. Im Originaltext, wie er auf der Homepage des Verlages zu finden ist, wird Inspector Lecoq erwähnt. Im Roman tritt eine Figur namens Lecoq als Gehilfe des Chefs der Sicherheitspolizei Monsieur Gévrol nur am Rande in Erscheinung. In weiteren Romanen von Émile Gaboriau soll sich diese Figur sogar bis zu einem gewieften Inspektor mausern, der die Fälle dank seines genialen Verstandes löst. In DIE AFFAIRE LEROUGE spielen sowohl Lecoq wie auch Gévrol eher untergeordnete Rollen. Hier liegt der Fokus definitiv mehr auf Monsieur Daburon und Monsieur Tabaret.


erschienen bei Anaconda / ISBN: 978-3730616345 / in der Übersetzung von Erich Flonger

[Rezension] Loriot – LORIOTS PETER UND DER WOLF & DER KARNEVAL DER TIERE (Hörbuch)

Es gibt Stimmen, die mit ihrem Klang unwillkürlich ein Lächeln auf meine Lippen zaubern. Loriot hatte so eine Stimme, auf die ich auch noch heute mit positiven Gefühlen reagiere. Da ist es gar nicht nötig, dass ich den gesprochenen Text rein akustisch verstehe. Allein dieses unverkennbare Timbre, die Modulation der Wörter und seine höchst eigene Diktion genügen, um mich in den Zustand einer wohltuenden Erheiterung zu versetzen.

Als versierter Klassik- und vor allem Opern-Liebhaber erstarrte er keineswegs voller Ehrfurcht vor der hehren Hochkultur. Dafür liebte er sie allzu sehr, als dass er sich von einem Zuviel an Ernst den Spaß hätte verderben lassen. Er hatte durchaus Respekt vor Komponist*innen, Kompositionen und Künstler*innen, aber Respekt muss sich ja nicht in ehrerbietiger Zurückhaltung äußern.

Hier nun hat er sich zwei Kompositionen zur Brust genommen, die insbesondere für ein jüngeres Publikum eine wunderbare Möglichkeit darstellen, sich der klassischen Musik zu nähern. Aber auch ein älteres Publikum, zu dem ich mich durchaus zählen würde, wird seinen Spaß an diesen beiden Aufnahmen haben.


PETER UND DER WOLF von Sergei Prokofjew (1982) / Text (frei nach Prokofjiew) & Erzähler: Loriot / English Chamber Orchestra / Dirigent: Daniel Barenboim

HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um Ausschnitte aus der besprochenen CD. Es ist eine ältere Aufnahme und dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln.

DER KARNEVAL DER TIERE von Camille Saint-Saëns (1984) / Text & Erzähler: Loriot / Klaviere: Julius Katchen & Gary Graffmann / Violoncello: Kenneth Heath / London Symphony Orchestra / Dirigent: Skitch Henderson

HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um Ausschnitte aus der besprochenen CD. Es ist eine ältere Aufnahme und dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln.

Nun kann die Fallhöhe bei so bekannten Werken durchaus erschreckend sein. Schließlich haben viele renommierte Orchester unter der musikalischen Leitung bekannter Dirigenten diese Kompositionen bereits eingespielt, und sie wurden von einer stattlichen Anzahl an internationalen wie heimischen Sprecher*innen verschönt. Da haben die geneigten Zuhörer*innen die Qual der Wahl und können ganz nach persönlichem Gusto wählen: Es darf ebenso den Stimmen von David Bowie, Sting, Alice Cooper oder Dame Edna Everage gelauscht werden wie denen von Otto Walkes oder Reinhard Mey. Und selbst Sissi und Franzl aka Romy Schneider und Karl-Heinz Böhm haben jeweils eine eigene Fassung eingesprochen.

Doch Loriot brauchte sich nie um „Fallhöhe“ zu sorgen: Dafür ist er in seiner Kunst der unschlagbare Meister der humoristischen Feinheiten, der sprachliches Vermögen mit literarischer Expertise vereinte. So hat er sich in seiner unnachahmlichen Art den Originaltext von Sergei Prokofjew zur Brust genommen und diesen mit Ingredienzien seines Sprachschatzes gewürzt. Bei Camille Saint-Saëns konnte er weitaus freier agieren bzw. interpretieren. Er hielt sich durchaus an der vorgegebene Reihenfolge bei den Auftritten der Tiere, gönnte uns allerdings eine höchst individuelle Interpretation und verfeinerte diese mit einer Vielzahl an amüsanten Petitessen. Ich hätte nie zu träumen gewagt, dass ich je einen Satz wie „Der Mehlwurm wirft den Schildkröten Kusshändchen zu.“ hören würde, der mich zudem in schallendes Gelächter ausbrechen ließ.

Die Deutsche Grammophon verfügt über ein umfangreiches musikalisches Archiv, und so sind beide Einspielungen auf höchstem Niveau und schenkten mir als Zuhörer den vollendeten Musik-Genuss.

Stellt sich schlussendlich vielleicht nur noch die Frage, ob dies nun ein Hörbuch ist, das mit klassischer Musik untermalt wurde, oder ob ist es sich um eine klassische symphonische Aufnahme handelt, bei der auch ein wenig gesprochen wurde? Für alle, die eine klare Zuordnung benötigen, sei folgendes gesagt: Ich weiß es nicht, und es ist mir auch schnuppe! Fakt ist, dass ich sehr viel Freude an dieser CD hatte.

HINWEIS: In der nächsten Saison wird PETER UND DER WOLF im Stadttheater Bremerhaven beim 3. FAMILIENKONZERT des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Hartmut Brüsch und mit dem Schauspieler Kay Krause als Erzähler zu Gehör gebracht.

Bereits im Jahre 2020 stand das Stück auf dem Spielplan des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven: Die Karten waren geordert, doch dann machte der Corona-Lookdown Konzert- und Theateraufführungen unmöglich. Kurzerhand produzierte das Orchester bzw. das Stadttheater Bremerhaven ein Video, das für eine begrenzte Zeit zur Verfügung stand. Damals war ich so dankbar für diese wunderbare Möglichkeit, Kultur erleben zu dürfen. Doch nichts geht über das Live-Erlebnis: Ich freue mich schon sehr auf dieses Konzert!


erschienen bei Deutsche Grammophon / EAN: 0028943964821

[Rezension] Karsten Dusse – FILMRISS AUF IMMENHOF. Trippel. Trappel. Tot.

„Trippel trappel trippel trappel Pony…“

Ich las den ersten Satz aus Karsten Dusses neustem Krimi FILMRISS AUF IMMENHOF, und eine Melodie fraß sich unaufhaltsam in meinen Gehörgang, um dort zu einem handfesten Ohrwurm zu mutieren. Selbst abseits der Lektüre erwischte ich mich dabei, wie ich diese Melodie verträum vor mich hin summte.

Dieser erste Satz war vom Autor schlau gewählt. So hatte er mich blitzschnell an der Angel – oder vielmehr am Zügel. Ein Entkommen schien zwecklos!



Die Kriminalpsychologin Sophia, geschieden, zweifache Teenager-Mutter und gerade wieder frisch getrennt, schenkt sich zum 45. Geburtstag ein Wochenende auf dem Immenhof. Das zum Hotel umgebaute Landgut ist für sie der Inbegriff von heiler Welt und Geborgenheit ihrer Kindheitsfilme. Nach einer Retro-Party mit Pony-Romantik und Wodka Red Bull wacht sie am nächsten Morgen allerdings mit einem Filmriss neben der abgetrennten Hand ihres Ex-Freundes auf. Sie hat keine Ahnung, wer dafür verantwortlich ist – weiß aber, dass sie am Tag vorher noch den perfekten Plan hatte, ihren Ex ohne Spuren zu ermorden. Zwischen Kindheitsidyll und schlechtem Gewissen rekonstruiert sie die Nacht – und findet dabei überraschend zu sich selbst zurück.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich tat mich etwas schwer, nach Beendigung dieses Romans passende Worte der Wertschätzung zu finden. Man möge mich bitte nicht missverstehen: Diese (nennen wir es mal) Zurückhaltung lag nicht in der Tatsache begründet, dass es nichts zu wertschätzen gäbe.

Ganz im Gegenteil: Karsten Dusse hat wieder einen süffigen Krimi abgeliefert. Sein Handlungspersonal ist prall und lebendig (die einen mehr, die anderen weniger). Er spielt unterhaltsam mit Genre-Klischees, baut die Handlung raffiniert auf und liefert mit Rückblenden die nötigen Erklärungen für die Motivation der Protagonist*innen. Und wie bereits in seinem Erfolgsroman ACHTSAM MORDEN versteht er es auch hier vortrefflich, die Opfer so unsympathisch zu porträtieren, dass ich moralisch keinerlei Bedenken hatte, diese über die Klinge springen zu lassen. Vielmehr entfleuchten mir hin und wieder Ausrufe wie „Das geschieht dir recht, du Schuft!“ oder „Selber schuld!“.

Diese Gräueltaten paart er mit detaillierten Beschreibungen des Heile-Welt-Sehnsuchtsortes Immenhof à la „Midsomer Murders“, denn hier wie dort passieren die unfassbarsten und skurrilsten Morde im Umfeld ländlicher Idylle. Doch gerade dieses Aufeinanderprallen scheinbar konträrer Komponenten erhöhte den Unterhaltungswert und damit meine Freude beim Lesen des Romans.

Doch woher kam nun meine eingangs erwähnte Zurückhaltung? Ich hatte das Buch zugeklappt, zufrieden geseufzt und gedacht „Schön war’s!“. Ich wollte das Buch nochmals in Ruhe „nachschmecken“ und nicht – wie so oft – darüber nachdenken, wie ich eine Rezension formuliere. Ich wollte dieses „Schön war’s!“ nicht erklären müssen.

FILMRISS AUF IMMENHOF ist ein wunderbar leichter und (im besten Sinne des Wortes) unkomplizierter Krimi, der mich vom ersten Satz an gefesselt hat und beste Unterhaltung bietet. Es klingt nach wenig, ist aber ganz, ganz viel!


erschienen bei Heyne / ISBN: 978-3453274549
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] DIE SCHÖNSTEN ANEKDOTEN AUS DER MUSIK/ herausgegeben von Friederike C. Raderer & Rolf Wehmeier

Und weiter geht’s: Nun sind es nur noch 5 Wochen bis mein Stamm-Theater seine Türen wieder öffnet und am ersten September-Wochenende mit einer fulminanten Eröffnungs-Gala sowie einem tollen Theaterfest in die Spielzeit 2026/2027 startet. Bis dahin tröste ich mich weiterhin mit der passenden Lektüre.

Gustav Mahler stand fasziniert vor
den Niagarafällen und meinte:
„Endlich Fortissimo!“

Lieben wir sie nicht alle, diese pikanten Anekdötchen, die vieles aussagen und manches verschweigen. Kurz und knackig sollten sie sein, bestenfalls typische Charaktereigenschaften bekannter Persönlichkeiten offenbaren und mit einer schmissigen Pointe enden.

Friederike C. Raderer und Rolf Wehmeier haben in DIE SCHÖNSTEN ANEKDOTEN AUS DER MUSIK reichlich von diesen humoristischen Appetithappen gesammelt und sie unter den Rubriken SÄNGER-, BLÄSER-, STREICHER-, SCHLAGZEUG-, EXPERIMENIER-, TECHNIK-, PIANISTEN-, PROBEN-, ORGANISTEN- und ORCHESTER-GESCHICHTEN eingeteilt. Anscheinend gibt es auch in der Musik auf allen Ebenen kleine Geschichtchen voller Kuriosität zu berichten.

Bei den meisten Anekdoten stehen die Eitelkeiten der Künstlerinnen und Künstler allzu deutlich im Mittelpunkt und erzählen von Selbstüberschätzung sowie von Neid und Eifersucht gegenüber Konkurrent*innen. Auch das so manches Mal ambivalente Verhältnis zwischen Orchester, Instrumental-Solisten, Sänger*innen und/oder Dirigent hält gar herrliche Verbal-Scharmützel parat. Doch auch die Tücken der Technik, z. Bsp. während einer Aufnahme-Session im Studio, sorgen für Verwirrung und liefern ebenso amüsante Stories, wie der Zusammenstoß von traditionellen Hörgewohnheiten mit eher avantgardistischen Kompositionen und einer modernen Aufführungspraxis.

Neben der Aufteilung der Anekdoten in die oben genannten Rubriken, schafft es das Herausgeber-Duo sogar einen kleinen roten Faden abzuspulen: Da tauchen einige Stichpunkte wiederholt und unter verschiedenen Rubriken auf, seien es die Wiener Philharmoniker, Franz Liszt, Yehudi Menuhin, Beethovens 5. Sinfonie sowie der weltbekannte Steinway-Flügel. Doch auch bei Aufführungen von Werken des göttergedämmerten Richard Wagners scheint gerne so einiges Unvorhergesehenes zu passieren, das Stoff für süffige Geschichten liefert. Abgerundet wird diese durchaus üppige Anekdoten-Sammlung durch ein detailliertes Personenregister.

Und wieder schaffte es der Reclam-Verlag mit Leichtigkeit, dass ich „in einem Waschgang“ kurzweilig unterhalten wurde und spielerisch lernen konnte: Da verwandelte sich die „schnöde“ Wissensvermittlung zum amüsanten Entertainment!


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150145883

[Rezension] Johanna Sebauer – POPÓM

„Ja, was soll denn das werden?“ stammelte ich und blinzelte erstaunt mit den Augen. Nach der herrlich schwarzhumorigen Satire DAS GURKERL hatte ich vom neuesten Werk von Johanna Sebauer erwartet, dass…! Ja, was hatte ich denn erwartet? Zumindest hatte ich etwas anderes erwartet als das, was ich nun in den Händen hielt. Einige Seiten des Romans waren bereits gelesen, und die Handlung plätscherte vor sich hin – stetig im Fluss aber ohne Wellengang. Die Lektüre abzubrechen, war für mich aber trotzdem keine Option. Irgendetwas hielt mich. Irgendwie wollte ich mehr erfahren, wollte erfahren, wie die Autorin diese unglaubliche Geschichte auflöst.

Seine Endzwanziger hat sich Hendrik Popom anders vorgestellt. Nichts will ihm so richtig gelingen. In seinem Agenturjob sitzt er seine Zeit ab, mit seiner Freundin lief es schon einmal besser, und dann ist da plötzlich dieser Mann – Popóm. Er ist fast doppelt so alt und dennoch weiß Hendrik: Dieser Mann bin ich. Zögerlich nähern sich die beiden einander an. Ihre Beziehung ist voller Rätsel, Zuneigung und Widerstände. Hendrik hofft, in seinem anderen Ich das zu finden, was ihm in seinem Leben fehlt – Halt und Zuversicht. Doch je stärker er sich an Popóm klammert, desto mehr weicht dieser zurück. Als er sich einer Kollegin anvertraut, begreift er, welch hohen Preis man zahlt, wenn man sich dem Leben entzieht.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Was wäre, wenn…? Was wäre, wenn es von mir eine (noch) ältere Version geben würde? Würde dieser Umstand mich ängstigen oder beruhigen? Zeigt es mir, dass in dieser momentan verrückten Welt ein Weiterleben, in diesen momentan verrückten Zeiten ein Älterwerden nicht nur machbar sondern auch erstrebenswert sei? Wäre ein Blick in meine eigene Zukunft durchaus wünschenswert? Könnte diese Möglichkeit, wenn sie sich mir bieten würde, viele meiner offenen Fragen beantworten oder vielmehr weitere Fragen aufwerfen? Bei all diesen Unsicherheiten war ich mir in einem Punkt sicher: Ich wäre danach kein zufriedenerer Mensch.

All diese Gedanken (und noch viele mehr) gingen mir währen der Lektüre des Romans durch den Kopf. Da kam mir der eingangs bekriddelte Umstand, dass die Handlung vor sich hin plätscherte, eher entgegen und ermöglichte es mir, meinen eigenen Gedanken nachzuhängen ohne den Handlungsfaden zu verlieren. Johanna Sebauer beschrieb den Alltag unseres Helden äußerst prosaisch, wie wir es aus unzähligen Romane kennen und gewöhnt sind. Hingegen die Dialoge von Hendrik Popom mit seinem älteren Ich löste sie aus der prosaischen Erzählstruktur heraus, hob sie auf eine weitere Ebene und verlieh ihnen somit etwas Unwirkliches, beinah Erhabenes. Es schien so, als wären diese Begegnungen nicht von dieser Welt. Lange Zeit dachte ich, dass sich diese Begegnungen nur im Kopf des Helden abspielten. Die Autorin gestaltete diese Skurrilität mit einer wohltuenden Ernsthaftigkeit und gab so keiner ihrer Figuren der Lächerlichkeit preis. Vielmehr löste sie diese verzwickte Geschichte sehr geschickt und absolut nachvollziehbar auf und krönte sie mit einem Ende „hinter dem Ende“, das diese geschmackvoll abrundete.

Je mehr die Handlung voranschritt, umso mehr gelangte ich gemeinsam mit unserem Helden Hendrik Popom zu der Erkenntnis, dass ein Blick in die persönliche Zukunft alles andere als erstrebenswert wäre. Ein Denken, Bangen und Hoffen auf das, was noch kommt, würde mich blockieren und somit handlungsunfähig, wenn nicht sogar lebensuntüchtig machen. Die Gegenwart ist es, die es zu gestalten gilt.

POPÓM von Johanna Sebauer ist ein interessanter (!) Roman, der mich zum Nachdenken anregte. Ich kann allerdings weder eine große Lobeshymne anstimmen, noch kann ich Schlechtes über ihn sagen bzw. schreiben. Er ist einfach „nur“ da, überzeugt eher durch Zurückhaltung und könnte darum leicht übersehen werden. Doch ich bin mir sicher, dass er bei denen, die ihn lesen, nachwirken wird. Er hat in mir etwas anklingen lassen, und darüber bin ich selbst mehr als erstaunt.


erschienen bei DuMont / ISBN: 978-3755800798
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kristina Dumas – MEIN LEBEN IST MUSIK. Die 21 wichtigsten Frauen der klassischen Musik/ mit Illustrationen von Malin Neumann

Nun ist sie wieder da, die theaterlose Zeit: Ganze 8 Wochen muss ich darben, bis an meinem Stamm-Theater am ersten Wochenende im September offiziell die Spielzeit 2026/2027 eingeläutet wird. Doch auch in diesem Jahr werde ich versuchen, diese öde Zeit mit der Lektüre entsprechender Literatur zu füllen. Ich bin da ganz zuversichtlich, dass es mir mit den von mir ausgewählten Büchern sehr gut gelingen wird.

Beginnen möchte ich mit dem musikalischen Bilderbuch MEIN LEBEN IST MUSIK aus dem Annette Betz-Verlag. 21 äußerst musikalische Frauen aus Vergangenheit und Gegenwart wurden hier von Kristina Dumas in Kurzporträts vorgestellt. Da tauchen nicht nur die Namen herausragender Komponistinnen auf, wie Hildegard von Bingen und Emilie Mayer, deren Wirken selbst in einem relativ aktuellen Werk leider keine Erwähnung finden. Auch Dirigentinnen, Sängerinnen, Solistinnen und Tänzerinnen, die ihr Leben der klassischen Musik geweiht haben, werden hier geehrt.

Neben den bereits erwähnten Damen gehören auch Fanny Hensel, Florence Beatrice Price, Alma Deutscher, Nadia Boulanger, Antonia Brico, Oksana Lyniv, Han-Na Chang, Fransesca Caccini, Maria Callas, Leontyne Price, Anja Harteros, Clara Schumann, Marianne Kirchgeßner, Anne-Sophie Mutter, Martha Argerich, Mademoiselle De Lafontaine, Pina Bausch, Misty Copeland und Yang Liping zur illustren Runde wunderbarer Künstlerinnen.

Die Wahl auf diese Frauen scheint mit Bedacht gewählt, zeigt sie doch den historischen, kulturellen wie auch gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem die Frauen agieren mussten. Wobei diese Namen durchaus exemplarisch stehen für alle Frauen, die sich im Genre der klassischen Musik behauptet haben und auch weiterhin behaupten. Kristina Dumas vergisst in ihren markanten Kurzporträts auch nicht den inneren Drang, den persönlichen Impuls zu verheimlichen – beides oftmals so stark, dass den Künstlerinnen nichts anderes übrig blieb, als sich ihrer Kunst zu öffnen und sich ihr hinzugeben – allen Widrigkeiten zum Trotz. Malin Neumann schuf dazu ganz wundervolle Illustrationen, die den Charakter der jeweils Porträtierten stimmig einfangen und so manches Mal ganz individuelle Merkmale hervorheben.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Doch bei einem musikalischen Bilderbuch gibt es natürlich nicht nur einiges zu sehen, sondern auch reichlich zu hören: Dies geschieht entweder digital oder per CD. Die Texte zu den Kapiteln wie auch zu den einzelnen Künstlerinnen wurden von der Schauspielerin Jasmin Tabatabai eingesprochen, die mich mit ihrer exquisiten Diktion begeisterte (Ja, darauf achte ich auch!), und die mal kess, mal frech, mal aufmüpfig aber immer voller Selbstbewusstsein der Damenriege ihre Stimme lieh. Doch auf der CD findet sich zu jeder Künstlerin auch ein passendes Musikbeispiel. Hierbei wurde sich – mit einigen wenigen Ausnahmen – aus dem Archiv des renommierten Labels NAXOS bedient.

Die Musikauswahl war so perfekt auf dem auch durchaus emotionalen Text abgestimmt, dass mir beim Zuhören so manches Mal die Augen feucht wurden. Wie Perlen auf einer Kette reihten sich die Musikstücke aneinander, schlängelten sich wie ein roter Faden um Text und Illustration und bildeten so gemeinsam eine gelungene Harmonie.

HINWEIS Vom Philharmonischen Orchester Bremerhaven unter der Leitung des damaligen GMD Marc Niemann gibt es eine ganz und gar wundervolle Einspielung mit zwei Sinfonien der Komponistin Emilie Mayer, die sogar für den Musikpreis OPUS KLASSIK nominiert war. Diese Einspielung krönte die erfolgreiche Konzert-Saison 2021/2022 des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven, in der unter dem leider nur allzu passenden Titel MUSIK IM SCHATTEN die Werke von Komponistinnen wieder zu Gehör kamen.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219119589

[Rezension] Wolfgang Menge – STAHLNETZ. DAS HAUS AN DER STÖR (Hörspiel)

Straßenfeger, das waren TV-Formate, die die Menschen an die Fernseher fesselten. Da saßen ganze Familien mit Freunden und Nachbarn zuhause im Wohnzimmer, oder Gleichgesinnten trafen sich in der Kneipe: Gebannt wurde auf die Glotze gestarrt. Die Straßen waren einsam und verlassen – wie leergefegt.

Ähnliches erhofften sich die Fans vielleicht auch zur diesjährigen Fußballweltmeisterschaft. Leider kam für die deutsche Nationalmannschaft das frühzeitige Aus. Doch dieser Umstand tangierte uns, die wenig Interesse am Fußball haben, eher peripher: Zur überbordenden Fußballpräsenz auf allen Kanälen setzten wir die Krimi-Serie STAHLNETZ, einen wahren Straßenfeger aus den Anfängen des Fernsehens, entgegen. Jede Folge begann mit folgendem Hinweis…

Dieser Fall ist wahr!
Er hat sich so zugetragen, wie wir es zeigen.

…und nach diesem Hinweis ertönte die markante Titelmelodie.


1 CD/ STAHLNETZ. DAS HAUS AN DER STÖR von Wolfgang Menge (1963/2005)/ Buch: Wolfgang Menge/ Regie: Jürgen Roland/ Musik: Gerhard Gregor/ Titelmusik: Walter Schumann, Ray Anthony & Erwin Halletz/ mit Rudolf Platte, Andrea Grosske, Mady Rahl, Richard Lauffen, Fritz Beckhaus, Ernst H. Hilbich, Harry Wüstenhagen, Helga Feddersen, Hela Gruel, Henry Vahl, Gerda Maria Jürgens, Friedrich Schütter, Katrin Schaake, Kurt Jaggbert, Dorothea Moritz, Christa Siems, Otto Lüttje, Karl-Heinz Gerdesmann u.a.


Kurz nach Kriegsende, im grausam kalten Winter 1947, die Bundesrepublik ist noch sehr jung und das Wirtschaftswunder noch eine unerfüllte Hoffnung, da finden zwei Kinder beim Spielen in einem Teich eine Leiche, in einem mit Schweißdraht verschlossenen und mit Steinen beschwerten Seesack, die nicht identifiziert werden kann. Der Fall bleibt offen. Jahre später nimmt sich Hauptkommissar Roggenburg dieses ungeklärten Verbrechens an und rollt in minutiöser Kleinarbeit diesen alten Fall wieder auf. Bis er schließlich mit der Oberbeamtin Johannsen einen endgültigen Schlussstrich unter diese lange zurückliegende Tat ziehen kann.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Mit STAHLNETZ etablierte Jürgen Roland nicht nur den Krimi im deutschen Fernsehen, er lieferte auch die erste „True-Crime“-Serie, noch bevor es diesen Begriff in unserem Sprachgebrauch überhaupt gab. Sein Interesse an dieser Form der TV-Unterhaltung lag in seiner früheren Tätigkeit als Polizeireporter begründet. Mit Wolfgang Menge stand ihm ebenfalls ein ehemaliger Reporter zur Seite, der mit seinen Drehbüchern einerseits den dokumentarischen Ton bestens traf, andererseits die Atmosphäre im Nachkriegs-Deutschland so treffend wiedergab. Von 1958 bis 1968 flimmerten 22 Folgen STAHLNETZ über den Bildschirm, die noch heute ein beeindruckendes Zeitzeugnis darstellen.

Alle Folgen sind großartig: Doch sollte ich wirklich meine Lieblings-Folge benennen müssen, würde ich ohne lange zu überlegen DAS HAUS AN DER STÖR nennen.

Im Jahre 2005 verwandelte der NDR gemeinsam mit DER AUDIO VERLAG unter Berücksichtigung der Original-Tonspuren einige Folgen der Serie zu Hörspielen. Für diesen Transfer (um sprachlich beim Fußball zu bleiben) war nicht jede Folge gleichermaßen geeignet. DAS HAUS AN DER STÖR eignete sich hervorragend, und so saß ich nun gemütlich in meinem Sessel und lauschte den Stimmen der bekannten Miminnen und Mimen. Wohlüberlegt wurde die Geschichte für das Hörspiel gekürzt, ohne an Spannung einzubüßen oder den Erzählfluss zu beeinträchtigen. Jürgen Roland arbeitete gern mit einem festen Stamm an Schauspieler*innen (wie Gerda Maria Jürgens und Hela Gruel) zusammen, streute für die markanten Nebenrollen gerne Typen der Hamburger Theaterszene (wie Otto Lütje, Christa Siems, Helga Feddersen und Henry Vahl) dazwischen und würzte das Ensemble mit populären TV-Namen (wie Rudolf Platte und Mady Rahl).

Ohne die visuelle Ablenkung konnte ich mich gänzlich auf die herausragende Arbeit von Wolfgang Menge konzentrieren, der kluge Dialoge schuf, die von einem großartigen Ensemble nahbar und sensibel umgesetzt wurden. Dabei lag der Fokus auf Rudolf Platte als Kommissar Roggenburg, der die Hauptlast zu tragen hatte: So fungierte er als Erzähler der Geschichte, der seiner Kollegin Frl. Johannsen während einer Zugfahrt alle Einzelheiten des Falls schilderte. Plattes Kommissar zeigte viel Empathie für das Schicksal der Menschen und berichtete über die ersten Jahre nach Kriegsende durchaus mit Betroffenheit aber gänzlich ohne Pathos und Selbstmitleid. Regisseur Jürgen Roland umgab ihn mit einem talentierten Ensemble, das durch ein Höchstmaß an Individualität überzeugte.

Ein großartiger TV-Krimi-Klassiker erfuhr hier als spannendes Hörspiel seine gelungene Wiederauferstehung.


erschienen bei DAV / ISBN: 978-3898134590