[Rezension] Simon Van Booy – EINE MAUS NAMENS MERLIN

Die ersten 58 Seiten waren gelesen: Nachdenklich legte ich das Buch zur Seite. Ich war mir nicht sicher, ob ich es bis zum Ende lesen wollte. Ich las von der Monotonie im Leben der Hauptperson, die für mich beinah spürbar war. Detailliert schilderte der Autor ihre tagtäglich sich wiederholenden Rituale. Es gibt wahrlich Spannenderes zwischen zwei Buchdeckeln.

Die ersten 58 Seiten waren gelesen: Ich hatte schon Bücher nach weniger Seiten abgebrochen. Doch in diesem Fall tat ich es nicht. Irgendetwas an dieser Geschichte rührte mich und ließ mich weiterlesen. Ich hoffte, dass es zwischen den Schilderungen des wöchentlichen Einkaufs am Montag, des Anschauens von alten Filmen und des täglichen Bades in der Wanne doch noch mehr gebe – auch im Leben einer reiferen Protagonistin…

Helen Cartwright ist 83 Jahre alt und hat keine großen Erwartungen mehr an ihre Zukunft. Nach sechzig Jahren in Australien kehrt sie in den kleinen Ort in der Nähe von Oxford zurück, in dem sie geboren wurde. Sie kauft ein kleines Haus mit senfgelber Tür und führt ein zurückgezogenes Leben: Jeder Tag eine Wiederholung des vorherigen, als ob es sogar für den Tod eine Warteschlange gäbe. Doch dann nimmt Helens Leben eine plötzliche Wendung, als ein unerwarteter Gast in Form einer gutmütigen Maus auftaucht. Ihre anfänglichen Versuche, die Maus wieder loszuwerden, führen sie in den Tierhandel, die Bibliothek, den Eisenwarenladen. Während die Maus in der Küchenspüle aus einem kleinen Flaschendeckel trinkt, tritt Helen wieder in Kontakt mit ihren Nachbarn – und begibt sich auf eine unerwartete Reise zurück zu sich selbst. Denn egal, was wir für uns geplant haben: Manchmal hat das Leben seine eigenen Pläne.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Auch im Alter muss es doch mehr geben als festgefahrene Rituale, bei denen ein Abweichen von der Norm Unsicherheiten, vielleicht sogar Ängste bei der betroffenen Person auslösen. Ich grübelte. Warum beschäftigte mich diese Geschichte so sehr? Vielleicht weil sie Themen in mir anklingen ließ, über die ich mir selbst bereits Gedanken gemacht hatte. Wie wird es mir im Alter ergehen? Sind meine bisher gepflegten sozialen Kontakte stark genug, um einer Vereinsamung entgegenwirken zu können? Was wird von mir bleiben? Bereits nun ist es an der Zeit, die Weichen für mein Leben im fortgeschrittenen Alter zu stellen. Jetzt ist die Zeit dafür, denn später wäre es zu spät!

Also, was ließ mich an diesem Roman festhalten? Vielleicht war es der Blick in eine Zukunft, die potentiell auch mich ereilen könnte. Es war ein Blick in eine Zukunft, der mich mahnte, rührte und doch auch hoffnungsvoll war.

Simon Van Booy schreibt ruhig und ohne Pathos, dafür empathisch und detailreich. Ich spürte, dass er seine Figuren mochte. Sie sind Individuen, fehlerhaft und menschlich. Inmitten der unaufgeregten Handlung schenkt er unserer Heldin Helen die überraschende Erkenntnis, dass sie bereits vor Jahren mit dem Spinnen ihres ganz persönlichen soziales Netzes begonnen hatte, das sie nun auch im reiferen Alter trägt. Um dies wieder deutlich zu erkennen, braucht es manchmal nur einen kleinen Impuls – und wenn es die Bekanntschaft mit einer winzigen Maus ist.

Und genau dies durfte auch ich – ohne Maus – vor wenigen Monaten erleben: Nach 13 Jahren Abstinenz war ich wieder zu einem Arbeitgeber zurückgekehrt, bei dem ich bereits 13 Jahre gearbeitet hatte. Ich wurde überwältigt von einer warmen Welle der Sympathie, mit der ich empfangen wurde. Es war ein schönes Gefühl, zu spüren, dass auch mein soziales Netz gut geknüpft ist.

Und da wunderte ich mich, dass dieser feinsinnige und warmherzige Roman mich nicht loslassen wollte. Literatur ist dann am wertvollsten, wenn sie mein Innerstes zum Schwingen bringt.


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608966787 / in der Übersetzung von Dorothee Merkel
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Johanna Sebauer – DAS GURKERL/ mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach

48 Seiten feinste Ironie – in Wort UND Bild: Völlig zurecht wurde der Text von Johanna Sebauer mehrfach prämiert. Mit diabolischem Ernst gepaart mit einem lakonischen Witz treibt sie die Absurdität der Situation auf die Spitze. Da wird eine unschuldige saure Gurke zum Füllmaterial der „Sauren-Gurken-Zeit“ der Journaille.

Sommerzeit in den Zeitungsredaktionen der Stadt. Ein wahrhaft bedeutender Redakteur schreitet zur Zubereitung seiner Frühstückssemmel. Beilage: knackige Gurkerl. Als er hineinbeißt, spritzt ihm das Essigwasser direkt ins Auge. Das Geschrei ist groß, der Redakteur kurz vor der Erblindung! Der Zwischenfall zieht Kreise: Aus dem Missgeschick wird eine Kolumne, dann ein Thema für Leserbriefe, Interviews, schließlich eine öffentliche Debatte. Gurkerl werden verboten, Proteste formieren sich, die Redaktion spaltet sich in Lager.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich las und lachte, doch nur wenige Sekunden später blieb mir das Lachen im Halse stecken und der Schmunzler gefror auf meinem Gesicht. Da schilderte die Autorin zwar herrlich lapidar und gleichzeitig so erfrischend bitterböse die Geschehnisse rund um den Biss in eine Gurke, dass man meinen müsste, dass diese Fülle an Absurdität niemals in der Realität passieren könnte. Doch genau in deren Nähe ist diese Satire punktgenau gelandet.

Denn mein Blick auf so manche Nachricht – sei es in gedruckter oder digitaler Form – lässt den Verdacht in mir aufkeimen, dass sich hinter einigen „dramatischen“ Schlagzeilen eher ein laues Lüftchen, eine Belanglosigkeit allererster Güte verbirgt. Da werden kaum erwähnenswerte Nichtigkeiten aufgebläht, um von der Leere der Berichterstattung abzulenken. Alles wird zum Drama hochstilisiert, und überall wird der Skandal gewittert. Da wird aus der Mücke nicht nur ein einzelner Elefant gemacht, sondern eine ganze Elefantenherde gezaubert.

Johanna Sebauer schaute da ebenso genau auf die dubiosen Methoden gewisser Berichterstatter und das Geltungsbedürfnis von einigen Politiker*innen, wie sie auch den Drang nach Aufmerksamkeit einzelner Mitmenschen beschrieb, die sich nach ihren persönlichen „15 Minuten Ruhm“ sehnen.

„In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes.“ prophezeite Andy Warhol bereits Ende der 60er Jahre und bezog sich dabei auf die Flüchtigkeit des Ruhms, der nur allzu schnell verfliegt, sobald ein anderes Objekt die Aufmerksamkeit der Massen auf sich zieht. Genau dies passiert auch unserem Gurkerl: Gestern noch eine Gefahr für Leib, Seele und Gesellschaft, heute bereits vergessen.

Die Erzählung wird durch Nikolaus Heidelbachs wunderbaren Illustrationen flankiert, der in seinen detailreichen Bildern markante Typen porträtiert, die mir beängstigend bekannt vorkamen.

Eine wundervolle, scharf beobachtete Satire – herrlich böse und zutiefst schwarzhumorig.

erschienen bei DuMont / ISBN: 978-3755800781
Ich danke dem Verlag herzlich dafür, dass er meiner lieben Blogger-Kollegin Vera ein Leseexemplar zur Verfügung stellte, die es nun an mich weiterverschenkt hat!

[Rezension] Meike Winnemuth – EINE SEITE NOCH. Warum Lesen uns so glücklich macht

Da meint die Autorin doch tatsächlich, mir mit diesem Buch erklären zu müssen, warum Lesen mich glücklich macht. Ich lese seit meinem 5. Lebensjahr: Im Laufe der Jahrzehnte konnte ich reichlich Lese-Erfahrung sammeln, um sehr genau zu wissen, warum mich Lesen glücklich macht. Wäre dieser Zustand nicht eingetroffen, dann würde ich schlussendlich auch nicht lesen. Also: Brauche ich dieses Buch? Habe ich durch die Lektüre dieses Buches irgendeinen Mehrwert? Beeinflusst dieses Buch mein bisheriges Lese-Verhalten?

„Ja! Jaaa! Jaaaaa!“ brülle ich laut und erschrecke mich über mich selbst. Denn: Dieses Buch ist ein Geschenk an alle Lesenden, eine Bestätigung all meiner beim Lesen aufgewühlten Emotionen, Labsal für meine geschundene Seele, Balsam für mein gebeuteltes Herz und Trost für alle sinnbefreiten Kommentare, die ich mir im Laufe meines Leser-Lebens von verständnislosen Nicht-Lesern anhören musste. Ich lese, also bin ich! Punkt! Mehr gibt es nicht zu wissen. Doch Meike Winnemut kleidet es in ihrem Essay EINE SEITE NOCH in so wunderbare Formulierungen, gibt Denkanstöße – ja, auch Literaturtipps – doch diese fließen wie selbstverständlich so nebenbei in den Text. Vielmehr beobachtet die Autorin sich selbst über mehrere Monate und reflektiert ihr Handeln. Und gerade in Bezug auf Bücher sind wir Lesenden uns so ähnlich. Da können wir noch so sehr unsere Individualität wie einen Schutzpanzer vor uns her tragen.

So egoistisch der Akt des Lesens auch ist, gänzlich alleine mit uns (und einem Buch) schotten wir uns vor der Außenwelt ab und verweigern ihr unsere Verfügbarkeit, danach spüren wir nur allzu deutlich den unbändigen Wusch, uns über das Gelesene auszutauschen. Auch Meike Winnemuth frönt dem Austausch, sei es im Hause einer von ihr verehrten Autorin, in Lese-Zirkeln der Bibliotheken oder Chat-Gruppen, die sich mit den Büchern der Shortlist des Deutschen Buchpreises beschäftigen. Stichwort Buchpreise: Unterschiedliche Bücher in einem Wettbewerb miteinander zu vergleichen, erschien auch mir immer etwas paradox. Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, und wer bin ich, einen Text, der mir nicht zusagt, schlechter zu bewerten als einen Text, der zufällig meinen Geschmack trifft. Zumal ein und derselbe Text von verschiedenen Lesenden subjektiv interpretiert wird – jede*r von uns speist seine Interpretation aus höchst individuellen Erfahrungen, die Einfluss auf unser Lesen nehmen. Wie zur Bestätigung meiner These lese ich…

Ein Buch wird mit jeder Lektüre neu erfunden.
Lesen ist nicht nur passives Konsumieren eines Textes,
sondern ein aktiver kreativer Prozess…

„Ja! Jaaa! Jaaaaa!“ brülle ich abermals, doch diesmal erschrecke ich nicht. Vielmehr atme ich erleichtert auf: Ich wurde gesehen. Ich bin nicht allein. Da ist ein Mensch, der mich versteht. Und es gibt dieser Sätze voller Weisheit noch viele in diesem Buch. Beinah bin ich versucht, sie farblich zu markieren. Als Bibliophiler tue ich diesen Frevel dem Buch natürlich nicht an. Das Buch wäre dadurch auch sehr bunt geworden. Und so lese und lese und lese ich, dabei merke ich mir diese vielen klugen Sätze bewusst nicht, vielmehr versuche ich die Erinnerungen an die Gefühle, die sie bei mir während des Lesens heraufbeschworen haben, zu bewahren.

Meike Winnemuth ermutigt uns, mit dem Hang zur Selbstgeißelung zu brechen. Wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben – weder wegen Büchern, die nicht bis zum Ende gelesen wurden, noch wegen einem sich auftürmenden Stapel ungelesener Bücher. Auch wird niemand gezwungen, irgendeine Liste abzuarbeiten, auf der Bücher zu finden sind, die angeblich jede*r (ein)gebildete*r Leser*in im Leben unbedingt gelesen haben sollte. Wobei die Autorin uns durchaus den Rat ans Herz legt, einen der großen seitenstarken klassischen Meisterwerke zu lesen. Die Lektüre bzw. die Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk über eine längere Zeit hinweg kann durchaus lebensverändernd und persönlichkeitsformend sein. Dies kann ich nur bestätigen: Bei mir war DIE ELENDEN von Victor Hugo sehr prägend.

Für mich wenig überraschend war die Erkenntnis der Autorin, dass oft ein Buch an ein anderes anknüpft. Da wird in einem Roman aus einem anderen Roman zitiert, oder eine der handelnden Personen findet Trost und/oder Hilfe beim Lesen in einem bestimmten Buch, schon gehen bei mir die Antennen auf Empfang. Wenn ich auch nicht jedes Mal das erwähnte Werk selbst lesen muss, so ertappe ich mich zumindest recht häufig dabei, dass ich nach weiteren Informationen recherchiere. Zudem ist es auch mir schon passiert, dass sich passende Sekundär-Literatur bereits in meinem Besitz befindet. Für alle, die wie ich über eine stattliche (An)Sammlung an Büchern verfügen und nicht sicher sind, wo entsprechende Sekundär-Literatur zu finden ist – im Zweifelsfall ist der bereits erwähnte Stapel mit ungelesenen Büchern ein guter Ausgangspunkt, um mit der Suche zu beginnen.

EINE SEITE NOCH ist ein wunderbar humorvolles Kompendium, das mir eine Fülle an Anknüpfungspunkte zu Büchern schenkte und die Vielfalt der Literatur feiert. Meike Winnemuth schuf so eine warmherzige Hommage an das Buch und ein überzeugendes Plädoyer für das Lesen.

Ich lese, also bin ich! Das genügt! Punkt!


erschienen bei Penguin / ISBN: 978-3328604785
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Frances Stickley – MÄUSCHENS ÄPFEL/ mit Illustrationen von Kristyna Litten

„Ach, herrjeh, wie entzückend!“ entfleuchte es mir spontan, als ich dieses Bilderbuch aufschlug und die ersten Illustrationen bewunderte. Schnell hatte mich diese charmante Geschichte für sich eingenommen.

Heute ist ein Glückstag für das kleine Mäuschen: Es hat vier köstlich glänzende Äpfel für sein Abendessen gefunden. Aber, ojemine, da kommt Bär! Er ist sehr hungrig und furchtbar schlecht gelaunt. Bär will alle Äpfel für sich allein haben. Mäuschen braucht nun schnell einen klugen Plan.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Frances Stickley erzählt ihre „David gegen Goliath“-Geschichte in melodischen Reimen, die mich animierten, sie laut vorzutragen. Dabei schlüpfte ich abwechselnd voller Freude in die Rolle von Mäuschen, dann wieder in die Rolle von Bär: So wurde immer im Wechsel mal gefiept und mal gebrummt. Auch der Part des Erzählers wurde von mir mit Enthusiasmus interpretiert und die Reime entsprechend mit Leben gefüllt. Es war für mich als Vorleser eine Wonne, mich in diese liebenswerte Geschichte fallen zu lassen.

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Einen nicht unerheblichen Anteil an meiner Begeisterung hatten auch die gar wundervollen Illustrationen von Kristyna Litten, die eine phantasievolle Welt zwischen „Alice im Wunderland“ und Wimmelbuch zeigten. Bereits das Vorsatzpapier zeigte einen reizenden Lageplan, auf dem alle wichtigen Schauplätze unserer Erzählung zu finden waren. Die Flora und Fauna boten so reichlich märchenhafte Details, dass mein Blick immer wieder aufs Neue gefesselt wurde. Zudem war ihre Farbauswahl so duftig leicht, dass nichts allzu bedrohlich erschien. Da war der Wald zwar dunkel aber nicht düster. Es gab nichts, wovor sich die Jüngsten beim Betrachten dieses Buches fürchten müssten. Selbst der grantelnde Bär hatte eher mein Mitgefühl: Wir kennen es doch sicherlich alle, wie übellaunig und elendig man sein kann, wenn der Magen gar mächtig knurrt.

Ebenso duftig leicht schlich sich „die Moral von der Geschicht’“ in mein Bewusstsein. Sie war so duftig und so leicht, dass ich sie anfangs gar nicht als Moral wahrnahm: „Häh? Moral? Was denn für eine Moral?“. Und diesen Umstand bitte ich als Kompliment zu sehen. Mir sind Bilderbücher, die mir ihre Moral wie mit einem Vorschlaghammer ins Gehirn prügeln, mehr als suspekt.

Hier geht es um das Miteinanderteilen, um Fairness und um den Umgang mit Macht. Nur weil jemand größer und lauter ist, bedeutet dies nicht, dass er mehr Rechte hat, als jemand, der kleiner und leiser ist. Denn manchmal sind es genau diese vermeintlichen Schwächen, die sich nur allzu oft als Stärken entpuppen.

Und so endet diese herzerwärmende Geschichte absolut positiv dank der Stärke von Mäuschen, auch verzeihen zu können…

💜


erschienen bei Bohem / ISBN: 978-3959392556 / in der Übersetzung von Nils Aulike
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Ethel Lina White – DIE FRAU IM ZUG

Der „Master of Suspense“ Alfred Hitchcock griff bei der Wahl seiner Film-Sujets gerne auf literarische Vorlagen zurück. So entstand u.a. einer seiner bekanntesten Stummfilme DER MIETER/THE LODGER (1927) nach einem Roman von Marie Adelaide Belloc Lowndes. Seine DIE 39 STUFEN/THE 39 STEPS (1935) nach dem gleichnamigen Roman von John Buchan erfreuen sich auch Jahre später als aberwitzige Bühnenfassung großer Beliebtheit. Auch Daphne Du Mauriers Roman REBECCA (1940) schaffte es dank Hitchcock auf die große Kinoleinwand. Und auch der Roman IMMER ÄRGER MIT HARRY/THE TROUBLE WITH HARRY von Jack Trevor Story amüsiert das Publikum weiterhin als schwarzhumorige Filmkomödie (1955).

Nur zwei Jahre nach Erscheinen des Romans EINE DAME VERSCHWINDET/ THE LADY VANISHES von Ethel Lina White nahm sich Alfred Hitchcock dieser Geschichte an und schuf daraus den gleichnamigen Mystery-Thriller (1938).

Warum nun der Dörlemann-Verlag bei der aktuellen Neuauflage des Romans den eher neutralen Titel DIE FRAU IM ZUG wählte (Die vorliegende Übersetzung von Leni Sobez erschien bereits im Jahre 1996 unter dem bekannten Titel im Heyne Verlag), wird wohl ein Mysterium bleiben.

Die junge Urlauberin Iris Carr unterhält sich im Zug nach Triest mit der wie sie aus England stammenden Gouvernante Miss Froy. Doch als Iris nach einem kurzen Schläfchen aufwacht, ist die Mitreisende verschwunden, und deren ehemalige Arbeitgeberin, die im selben Zug reist, bestreitet, sie je darin gesehen zu haben. Bald zweifelt Iris, die vor der Abreise einen Sonnenstich erlitten hat, an ihrem eigenen Verstand. Aber sie sucht weiter nach der verschwundenen Frau, und allmählich wird klar, dass auf dieser Reise etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Es beginnt eher unspektakulär: Die reiche und verwöhnte Weise Iris Carr verbringt gemeinsam mit ihren „Freunden“ den Sommerurlaub in einem Berg-Hotel irgendwo in Europa. Diese Meute junger Menschen frönt dem guten Leben, nervt mit ihrer Oberflächlichkeit und verärgert durch ein unverschämtes und rücksichtsloses Verhalten sowohl ihre Mit-Gäste als auch das Hotelpersonal. Ausgerechnet die Gönnerin dieser Meute Iris Carr verspürt überraschenderweise den Wünsch nach Ruhe und ist dieser Meute überdrüssig. So bleibt sie alleine im Hotel zurück, um mit dem Zug erst am nächsten Tag abzureisen. Gegenüber den noch anwesenden Gästen verhält sie sich so wenig taktvoll, dass sie deren Unmut erregt. Doch eben jenen Menschen wird sie später im Zug wieder begegnen.

Da hatte ich bereits 100 Seiten gelesen, und es war bisher nichts Spektakuläres passiert. Oft hätte ich an diesem Punkt der Lektüre abgebrochen. Doch irgendwie spürte ich, dass die Autorin Ethel Lina White diesen langen Vorlauf bewusst verfasst hatte, um die Reaktionen der Personen auf die nachfolgenden Geschehnisse zu begründen. Ich sollte Recht behalten. Unsere Heldin wie auch die Nebenrollen werden gar wunderbar charakterisiert und liefern uns so glaubhafte Begründung auf ihr späteres Verhalten im Zug. Warum sollten sie Iris diese irrwitzige Geschichte einer verschwundenen Frau glauben, wo dieses verwöhnte Balg schon im Hotel so unhöflich ihnen gegenüber war? Zudem haben alle Mitreisende höchst persönliche Beweggründe, sich nicht in diese fragliche Entführungsgeschichte hineinziehen zu lassen.

Raffiniert spielt die Autorin mit den Tücken der objektiven Wahrnehmung: Im Laufe der Handlung war auch ich mir nicht mehr sicher, ob die besagte Miss Froy tatsächlich „real“ existiert, oder ob sie als Trugbild dem durch einen Sonnenstich in Mitleidenschaft gezogenem Gehirn von Iris entsprungen war – zumal alle logisch erscheinenden Indizien dagegen sprachen. White kreierte ein im Krimi gern bemühtes Setting, das auch diesmal seine Wirkung nicht verfehlte, und schuf durch die ablehnende Haltung der Mitreisenden gegenüber unserer Heldin eine beklemmende Atmosphäre. So spitzten sich die Ereignisse weiter zu und nahmen schnell an Fahrt auf, ebenso wie der Zug, der rasant durch die Landschaft raste, um pünktlich seinen Zielbahnhof zu erreichen.

Unvermittelt schwenkte die Autorin den Fokus auf die Familie von Miss Froy, und schlagartig wurde mir als Leser bewusst, dass sie nicht Iris Phantasie entschlüpft war, sondern tatsächlich in Gefahr schwebte. Diese Gegenüberstellung der angespannten Situation im Zug zu der schlichten Freude Miss Froys Familie auf ein baldiges Wiedersehen hatte etwas Rührendes und zutiefst Menschliches und erhöhte die Tragik.

Iris Carr hatte mit der vehementen Suche nach ihrer Reisebekanntschaft in ein Wespennest gestochert. Und ebenso wie die aufgescheuchten Wespen verhielten sich auch die Menschen im Zug: Während die Verbrecher sich verzweifelt um Vertuschung bemühten, und die unschuldigen Mitreisenden mit ihrem Gewissen kämpften, wagte Iris eine letzten verzweifelte Tat und rettete so Miss Froy das Leben…!

Wir Lesende haben so ein Glück, dass die Verlage die guten klassischen Krimis wiederentdecken: Uns wären so viele spannende Geschichten von tollen Autor*innen wie auch vergnügliche Lesestunden durch die Lappen gegangen.

Das wäre doch äußerst bedauerlich, oder?


erschienen bei Dörlemann (Alibi) / ISBN: 978-3038201960 / in der Übersetzung von Leni Sobez
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Walt Disney – LUSTIGES TASCHENBUCH. Musical

Das hätte ich mir nicht in meinen kühnsten Träumen ausdenken können, dass ich irgendwann hier auf meinem Blog ein LUSTIGES TASCHENBUCH rezensieren würde. Aber wie oft kommt es auch vor, dass ein Disney-Musical 25 Jahre non-stop an einem Ort gespielt wird?

Disneys DER KÖNIG DER LÖWEN in Hamburg hat diese Großtat vollbracht: Seine Premiere feierte dieses großartige Musical am 2. Dezember 2001 im Stage Theater im Hafen. Seitdem habe ich es mir im Laufe der Jahrzehnte bereits fünf Mal angesehen, und es war – dank der fulminanten Künstler*innen – immer äußerst emotional und mitreißend. Und ich glaube, es wäre höchste Zeit für den Besuch Nummer 6…!

Zu diesem bemerkenswerten Jubiläum scheint ein eigenes LUSTIGES TASCHENBUCH mehr als gerechtfertigt: Neben einer brandneuen Geschichte mit Donald, Onkel Dagobert und den Neffen Tick, Trick und Track, die gemeinsam bei ihrem Musicalbesuch im Hamburger Hafen viel erleben, gibt es noch 8 weitere (ältere) Geschichten rund um Bühne und Musik, die thematisch hervorragend zusammenpassen. Dabei zeigen sie eine überraschend abwechslungsreiche künstlerische Bandbreite – von Bollywood über Comedy bis klassischem Sprechtheater – mit dem Disney-eigenem Charme. Dazwischen gibt es viele Informationen zu DER KÖNIG DER LÖWEN im Besonderen und dem Genre Musical im Allgemeinen.

Beim Schmökern dieser liebenswerten Geschichten fühlte ich mich direkt in meine Kindheit versetzt, wo ein LUSTIGES TASCHENBUCH gerne unter meinem Kopfkissen griffbereit auf seinen Einsatz wartete.

Diese besondere Ausgabe von Disneys LUSTIGES TASCHENBUCH ist ein wunderbares Souvenir für Fans von Donald & Co., dem Musical und DER KÖNIG DER LÖWEN – also genau die passende Lektüre für mich! 💖


Neugierig geworden? Dann lest gerne meinen Beitrag zu unserem letzten Besuch bei DER KÖNIG DER LÖWEN.


erschienen bei Egmont Ehapa Media / ISBN: 978-3841329332

[Rezension] Pascal Davoz (nach Agatha Christie) – UND DANN GAB’S KEINES MEHR/ mit Illustrationen von Callixte

Auf zum nächsten Streich! Die Nummer 6 reiht sich nun beim Carlsen-Verlag in die gelungene wie erfolgreiche Agatha Christie Classics-Reihe ein und bietet auch diesmal Lese-Spaß für die Freunde von Graphic Novellen.

„Warum etwas ver(schlimm)bessern, wenn das Original so brillant ist?“ dachte sich wohl auch Pascal Davoz und hielt sich bei seiner Konzeption des Szenarios zu UND DANN GAB’S KEINES MEHR sehr nah am Roman von Agatha Christie, und er tat gut daran. Absolut schlüssig lässt er die Ereignisse auf der geheimnisvollen Insel Soldier’s Island ablaufen und hält sich selbst bei den Dialogen recht nah am Originalbuch.

Ja, auch im Falle dieser Graphic Novel wurde der für die Handlung so prägende aber in seiner Ursprungsfassung nicht mehr akzeptable Kinderreim zu „Zehn kleine Kriegerlein“ umgedichtet. Wie bereits in der aktuellen Übersetzung des Romans schmiegt sich dieser Kniff absolut harmonisch und somit ohne Brüche in die Handlung ein.

Zehn Männer und Frauen aus ganz unterschiedlichen Kreisen bekommen eine Einladung, die sie auf eine abgeschiedene Insel vor der Küste Devons lockt. Der Gastgeber, ein gewisser U.N. Owen, bleibt unsichtbar. Erst als die Gesellschaft beim Dinner zusammensitzt, ertönt seine Stimme aus einem alten Grammophon und verheißt Unheil. Ein Gast nach dem anderen kommt zu Tode, während die Verbleibenden verzweifelt versuchen, den Mörder zu enttarnen…

(Inhaltsangabe der Verlagsseite des Romans entnommen!)


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Auch Callixte (alias Damien Schmitz) war wieder mit an Bord und lieferte Illustrationen auf bekannt hohem Niveau. Das Setting, die Farbgebung sowie die sehr individuellen Physiognomien zum Handlungspersonal, die den Charakter der jeweiligen Person sehr passend wiedergab – alles entsprach wieder einem hohen Standard. Allerdings fehlte mir ein wenig das Unvorhersehbare, die Überraschung in der Darstellung, der Mut zum künstlerischen Risiko. So wirkte es auf mich ein wenig routiniert.

Interessanterweise wurde der Epilog, der als Erklärung für die Geschehnisse auf Soldier’s Island dringend benötigt wird, von Georges Van Linthout gezeichnet, der sich mit seinen Illustrationen sehr bemühte, nah am Stil von Callixte zu bleiben, dessen Qualität aber leider nicht gänzlich erreicht wurde.

Doch dies ist wahrlich nur ein Jammern auf hohem Niveau: Schlussendlich hielt ich eine gut umgesetzte Adaption eines Christie-Klassikers in meinen Händen und wurde durch sie abermals bestens unterhalten.


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551809100 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455016949 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3844550672
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Saša Stanišić – MEIN UNGLÜCK BEGINNT DAMIT, DASS DER STROMKREIS ALS RECHTECK ABGEBILDET WIRD. Eine Ermutigung

Ich las den Titel und dachte so bei mir „Stimmt! Warum wird eigentlich ein StromKREIS als RECHTECK dargestellt?“. Da hatte ich im jugendlichen Alter jahrelang den von mir so verhassten Physik-Unterricht beim Lehrer Herrn Tute (Er hieß tatsächlich so!), habe Schaltkreis über Schaltkreis mit dem Geodreieck fein säuberlich rechteckig auf das Papier gepinselt, und nie fiel mir dieser Widerspruch auf. Schade! Nur allzu gerne wüsste ich, welche Begründung Herr Tute dafür parat gehabt hätte.

Insgesamt neun Reden sind in diesem 160 Seiten umfassenden Büchlein versammelt. Acht Reden hat Saša Stanišić tatsächlich bei div. Veranstaltungen (u.a. Verleihung von Literaturpreisen, Vorlesung an einer Hochschule, Preisgala, Eröffnung eines Literaturhauses) bereits öffentlich vorgetragen. Bei einer der hier vereinten Reden hatte er bisher noch keine Gelegenheit, sie öffentlich – vorzugsweise in Graz – halten zu dürfen. Aber da sollte sich doch eine passende Gelegenheit finden, zumal – wie er betont – ihm der Anlass egal wäre.

So sind diese Reden natürlich sehr mit dem jeweiligen Kontext verbunden. Ist deren Inhalt dann trotzdem für Uneingeweihte nachvollziehbar und verständlich? Ja, er ist es, denn Stanišić spricht im Rahmen der jeweiligen Reden Themen an, die universell verstanden werden können. Dies macht er in seiner unnachahmlichen Art, persönliches Erleben und individuell Wahrgenommenes mit Humor einzurahmen. Da nimmt er – insbesondere wenn er aus seiner eigenen Biografie berichtet – der Tragik das allzu Schwere, ohne die Relevanz zu verwässern. Und genau dieser lakonische Ton, der gänzlich auf Mitleid verzichtet, traf mich umso intensiver ins Herz.

Saša Stanišić sieht sich als Pate für all die schwachen und verletzten Seelen und leiht den Sprachlosen seine Stimme. Stimme, Sprache, Verständigung – nur darüber kann Integration funktionieren.

Denn, wenn der Stromkreis der Veränderung unterbrochen ist, kann die Glühbirne der Weiterentwicklung nicht strahlen. So fordert er insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, sie sensibel an die deutsche Sprache heranzuführen und deren Liebe zu Wörtern und Geschichten zu fördern. Er bindet eigene Erlebnisse in seine Reden ein, die dadurch an Fülle gewinnen und mich umso mehr berührten. Da verlassen die Wörter das Schematische der Rede und formen sich zu einer Erzählung, die lebendig und unterhaltsam ist, da der Autor eine Vielzahl an Bildern in meinem Kopf entstehen ließ.

Seine Reden sind voller Leben und voller Weisheit. Sie nähren sich aus seinen Erfahrungen und seinen Erinnerungen. Er fordert uns auf nachzudenken, zu prüfen und zu hinterfragen. Denn jeder von uns trägt den Mut und die Kraft in sich, die Welt ein klein wenig besser zu machen.


erschienen bei Luchterhand / ISBN: 978-3630878409
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Rashin Kheiriyeh – WILLKOMMEN, ONKEL NOURUZ! WIR FEIERN DEN FRÜHLING

Frühling! – Ich bin so sehr reif für ihn! Nach Schnee, Glätte und Kälte sehne ich mich so sehr nach den ersten Sonnenstrahlen, die mit einem Hauch von Wärme auf meiner Haut kitzeln. Ich begrüße es so sehr, dass die Tage zwar langsam aber doch durchaus spürbar länger werden.

Licht! Ich brauche Licht so sehr! Und Farben! Licht und Farben!

Jedes Jahr wartet Naneh Sarma auf ihren alten Freund Onkel Nouruz. Unglücklicherweise verpasst sie ihn jedes Mal! Das ist schade, kündigt Onkel Nouruz doch den Frühling an. Zu seinen Ehren bereitet sie ihm ein rauschendes Fest. Gemeinsam mit ihren Enkelkindern wird das Haus gründlich geputzt, und es wird festlich aufgetischt. Wenn der Onkel eintrifft, döst Naneh Sarma aber bereits – wie jedes Jahr.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Mit Nouruz, was „neuer Tag“ bedeutet, beginnt sowohl das persische Neujahr als auch der Frühling. Seit mehr als 3.000 Jahren wird das Fest im Iran, in Zentralasien und auch jenseits davon gefeiert und ist eine sehr symbolträchtige Zeit der Freude – ein Fest der Erneuerung, Wiedergeburt und Hoffnung.“

…beginnt Rashin Kheiriyeh das Nachwort zu ihrem Bilderbuch, das mich mit seiner Farbigkeit belebte und erfrischend wie ein Frühlingswind auf mich wirkte. Ihre Illustrationen erscheinen, als hätte die Künstlerin zur Realisation Filzstifte wie auch Wachsmalstifte verwendet, und genauso abwechslungsreich die Farben in ihrem Stiftköcher waren, so bunt erstrahlen auch diese Bilder. Da leuchten die Farben mit aller Kraft und vertreiben mit ihrer Vitalität das Trübe und das Düstere. Beim Betrachten der Bilder bekam ich unweigerlich gute Laune, zumal Rashin Kheiriyeh so wunderbar mit Formen und Mustern spielte und ihre Figuren so warmherzig porträtierte.

Nouruz ist „ein Fest der Erneuerung, Wiedergeburt und Hoffnung“, aber es steht für mich auch für Gemeinschaft, Freundschaft und Gastlichkeit. Zusammenhalt: Wir Menschen brauchen in dieser momentan heraufordernden Zeit das Gefühl, dass wir zusammenhalten – im besten Sinne des Wortes. Gemeinsam Feste feiern könnte da helfen – unabhängig von Herkunft und Glaube, über Länder und Grenzen aber vor allem auch über dem eigenen Gartenzaun hinweg.

„Wer Bücher liest schaut in die Welt und nicht nur bis zum Zaune.“ sagte einst Johann Wolfgang von Goethe so weise. Und insbesondere so wertvolle Bilderbücher wie WILLKOMMEN, ONKEL NOURUZ! WIR FEIERN DEN FRÜHLING ermöglichen es den Kindern sich spielerisch auf eine phantasievolle Reise zu begeben, um unbekannte Kulturen besser kennenzulernen und so die inneren Hürden zu überwinden.

In Rashin Kheiriyehs Geschichte steckt Onkel Nouruz der schlafenden Naneh Sarma zärtlich eine Hyazinthe ins weiße Haar, als stände dies sinnbildlich für die ersten Frühlingsblüher, die ihre zarten Knospen durch die Schneedecke recken. Und in mir erwachte das Bedürfnis, auch mein Heim mit Narzissen, Tulpen und natürlich vielen Hyazinthen zu schmücken, um so vielleicht den Zauber des Frühlings in mein Haus zu locken.

Frühling! – Sei mir willkommen!


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107610 / in der Übersetzung von Susanne Seidita
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Vera Conny Jack – ACHT (UN)GEPLANTE TAGE MIT DIR

Ich habe bisher immer einen großen Bogen um Bücher gemacht, die aus der Feder von Menschen stammen, die mir persönlich bekannt sind. Damit meine ich nicht den eher oberflächlichen Kontakt, den man zu Autor*innen während einer Lesung hat. Ich meine eher Menschen, die ich in einem ganz anderen Zusammenhang kennengelernt habe, und die (rein zufällig) irgendwann ein Buch geschrieben und veröffentlicht haben. Da hoffe ich jedes Mal, dass von mir nicht erwartet wird, dieses Buch zu lesen und eine Rezension darüber zu verfassen. Denn wie verhalte ich mich, wenn mir besagtes Buch nicht gefallen sollte? Diplomatisches aber ängstliches Drumherum-Reden oder ehrliche und respektvolle Meinungsäußerung? Schließlich möchte ich die Gefühle der mir bekannten Person nicht verletzten. Versteht ihr nun, in welchem Dilemma ich stecke?

Doch warum habe ich nun eine Ausnahme gemacht? In diesem Fall handelt es sich um das Erstlingswerk meiner geschätzten Blogger-Kollegin Vera Conny Jack. Seit einer gefühlten Ewigkeit sorgen wir beide – gemeinsam mit zwei lieben Blogger-Kolleginnen – auf Instagram für die Themenauswahl am s.g. Challenge-Montag unter dem Hashtag #4x(+Name des Themas). Vera hätte mich nie in das eingangs beschriebene Dilemma hineinmanövriert, da wir ziemlich genau voneinander wissen, wer welche Genres gerne liest. So hat Vera höchstwahrscheinlich auch nie mit meinem Interesse an ihren Roman gerechnet. Doch dann dachte ich mir, dass Veras Werk vielleicht genau die richtige Lektüre ist, die mein Krimi-geschundenes Herz für Liebesromane erweichen könnte.

Also: „Here we go!“

Sie lässt sich gern treiben. Er plant jedes Detail. Vor ihnen liegen acht Tage New York. Übersetzerin Hazel darf für ihre beste Freundin eine gewonnene Reise nach New York antreten. Der Haken daran? Ihr Travelbuddy ist deren etwas nerdiger Bruder. Lukas ist nicht nur gar nicht ihr Typ, sondern zu allem Übel extrem durchgeplant, während Hazel gern die Atmosphäre vom Big Apple aufsaugen möchte. Was als Zweckgemeinschaft beginnt, wird zu einer wunderschönen Zeit in der Stadt, die niemals schläft. Sie kommen sich näher, dabei bleiben ihnen nur diese acht Tage. Und so schließen sie einen ungewöhnlichen Deal: Ein Time-out von ihren Leben…

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Okay, dass ich euch ausgerechnet am heutigen Valentinstag einen Liebesroman präsentiere, passiert natürlich nicht von ungefähr: Sehr bewusst habe ich diesen speziellen Tag für die Präsentation meiner Rezension gewählt. Dabei musste ich mich schon sehr zügeln, dass ich diesen Roman nicht früher rezensiere, zumal Vera ihn mir bereits im letzten Jahr direkt nach der Frankfurter Buchmesse zugeschickt hatte. Doch schnell war mir klar, dass ich euch diesen Roman – trotz meiner persönlichen Neugier – als Valentin-Schmankerl offerieren möchte.

Und so tauchte ich ein in eine literarische Welt, die sich mir bisher eher höchst selten erschlossen hatte, da sie nicht zu meinem präferierten Roman-Genre passt. Der Stil des Romans erinnerte mich an eine dieser wunderbaren, atmosphärisch dichten Romantik-Filme, wo das Flair einer Stadt nicht nur als Kulisse fungiert, sondern vielmehr eine wesentliche Hauptrolle spielt. So ist auch in dieser luftig-leichten Romanze Veras Liebe zu New York deutlich spürbar. Ihre Beschreibung dieser Stadt war so detailreich. Ich gewann den Eindruck, dass ich mich auf den Spuren von Hazel und Lukas begeben könnte, und würde die erwähnten Schauplätze eins zu eins in der Realität wiederfinden. Dabei belässt Vera es nicht bei einem simplen Sightseeing, sondern erlaubt ihren Figuren auch eine verständliche Emotionalität beim Besuch der Orte, wo das Schicksal tiefe Wunden in die Seele der Stadt gerissen hat.

Tagebuchartig lässt die Autorin mal die Heldin, mal den Helden zu Wort kommen. So schauen wir abwechselnd aus dem jeweiligen Blickwinkel von Hazel bzw. Lukas auf ihre „(un)geplanten Tage“ im Big Apple und erfahren so die sehr individuellen Eindrücke zu den gemeinsam erlebten Situationen. Dabei gelingt es Vera, den Charakter dieser Berichte den Persönlichkeiten der Beiden anzupassen. Der Lesende wird somit zum allwissenden Verbündeten, der beinah, wie mit seherischen Fähigkeiten ausgestattet, kommende Komplikationen erahnen kann. Da darf natürlich auch ein Hauch Erotik nicht fehlen, den Vera durchaus prickelnd doch äußerst geschmackvoll beschreibt.

Glücklicherweise vermeidet Vera es, entbehrliche wie unglaubwürdige Irrungen und Wirrungen in die Handlung einzubauen, die nur den Zweck erfüllen würden, künstlich Drama zu erzeugen und zusätzliche Masse ergo Seiten zu generieren. Somit konnte ich mich gänzlich auf die sich anbahnende Romanze, die sich schlussendlich als klassische „Boy meets girl, boy loses girl, boy gets girl back“-Story entpuppte, konzentrieren und nebenher ein wenig am reichhaltigen Bouquet der Welt-Metropole New York schnuppern.

Nein, auch diese Lektüre konnte mein Krimi-geschundenes bzw. (vielmehr) mein Krimi-liebendes Herz nicht für Liebesromane erweicht, aber es war eine charmante Abwechslung zu den vielen Schurken, Halunken und Gesetzesbrechern, die mir sonst zahlreich zwischen zwei Buchdeckeln über den Weg laufen.


erschienen bei Flamingo Tales / ISBN: 978-3989425118