[Rezension] Émile Gaboriau – DIE AFFAIRE LEROUGE

Er gilt als einer der ersten Kriminalromane der Welt: Ursprünglich im Jahre 1863 erfolgreich als Fortsetzungsroman für eine Zeitung entstanden, errang DIE AFFAIRE LEROUGE 1866 auch als Roman eine enorme Popularität. Vielleicht lag es daran, dass der Autor sich von der damals gängigen romantisierenden Form des Geschichtenerzählens abwandte. Vielmehr beruhten die Beschreibung der Ermittlungen auf realistische Gegebenheiten und fußten auf den neuesten kriminalistischen Erkenntnissen der Epoche. Zudem hatte Gaboriau sehr viel Augenmerk auf eine naturalistische Milieubeschreibung gelegt, die einen entscheidenden Einfluss auf die Atmosphäre des Romans nahm.

Gaboriau wusste genau, wovon er schrieb, da er auf eine Fülle an eigenen Erfahrungen zurückgreifen konnte. Hatte er doch selbst bereits eine erstaunliche Anzahl an Berufen vorzuweisen: So war er als Mitarbeiter eines Rechtsanwalts tätig, erkundete Afrika als Husar und verpflichtete sich, wenn auch nur kurzzeitig, bei der Armee. Über dem Verfassen von Chroniken und seiner Tätigkeit als Sekretär bei einem Schriftsteller fand er schlussendlich zum Journalismus. Hier tat sich für ihn – mit den vielen Geschichten aus dem realen Leben – eine unversiegbare Quelle der Inspiration auf.

Eine alte Dame wird ermordet in ihrem Haus aufgefunden. Schmuck ist verschwunden, Papiere wurden verbrannt. Madame Lerouge hatte noch nicht lange in dem kleinen Dorf gelebt. Die Kriminalisten aus Paris erfahren von den Nachbarn nur, dass die Ermordete ab und zu Besuch bekam und immer Geld hatte. Zusammen mit dem Untersuchungsrichter Monsieur Daburon versucht Monsieur Tabaret, der alte Detektiv von eigenen Gnaden, hinter das Geheimnis der Toten zu kommen. Dem Mörder ist er auch schon bald auf der Spur. Doch hat er den richtigen erwischt?

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Die ursprüngliche Praxis, diese Kriminalgeschichte als Fortsetzungsroman in einer Zeitung zu veröffentlichen, kommt auch der Romanfassung sehr entgegen. Die Geschichte präsentiert sich voller Cliffhanger, die mich immer wieder verleiteten, „mal eben“ ein weiteres Kapitel zu lesen. So zog die Handlung – Seite für Seite – spürbar mühelos an meinen Augen vorbei und lieferte mir einen packenden Spannungsbogen voller Überraschungen.

Allerdings ist dieser Umstand wohl auch der sensiblen Überarbeitung des Romans zu verdanken: Um dem damals vorherrschenden Geschmack der Leserschaft gerecht zu werden, hatte Émile Gaboriau ursprünglich ausführliche, wenn nicht sogar ausufernde Beschreibungen der Familienverhältnisse des Handlungspersonals in eben jene Handlung einfließen lassen. Diese hemmten allerdings den Ablauf bzw. den zügigen Aufbau der Geschichte. Die vorliegende Fassung wurde von diesem überflüssigen Ballast befreit, wobei sich bemüht wurde, die Haupt-Geschichte nicht zu verfälschen.

Die Personenzeichnung ist sehr präzise. Hier werden die Figuren durchaus ambivalent mit Ecken und Kanten, mit kleinen und größeren menschlichen Schwächen, mal derb-rustikal, mal durch Standesdünkel gehemmt skizziert. Dabei porträtiert der Autor die einfachen Menschen vom Hafen ebenso respektvoll wie die Haute Volée von Paris. Er ergreift wohltuend keine Partei: Jede Figur scheint ihm gleich lieb.

Statt schwülstigen Pathos schlägt Gaboriau eher einen beinah nüchternen Ton an, wie ich ihn aus den Werken von Georges Simenon kennen und lieben gelernt habe. Es sind genau diese Simenon-Vibes, die ich so sehr an DIE AFFAIRE LEROUGE mochte, und die zu einer atmosphärischen Dichte des Romans beitrugen. Eine äußerst gelungene Wieder-Entdeckung…!

HINWEIS // Ich habe mir erlaubt, die Inhaltsangabe bzgl. des Handlungspersonals anzupassen. Im Originaltext, wie er auf der Homepage des Verlages zu finden ist, wird Inspector Lecoq erwähnt. Im Roman tritt eine Figur namens Lecoq als Gehilfe des Chefs der Sicherheitspolizei Monsieur Gévrol nur am Rande in Erscheinung. In weiteren Romanen von Émile Gaboriau soll sich diese Figur sogar bis zu einem gewieften Inspektor mausern, der die Fälle dank seines genialen Verstandes löst. In DIE AFFAIRE LEROUGE spielen sowohl Lecoq wie auch Gévrol eher untergeordnete Rollen. Hier liegt der Fokus definitiv mehr auf Monsieur Daburon und Monsieur Tabaret.


erschienen bei Anaconda / ISBN: 978-3730616345 / in der Übersetzung von Erich Flonger

[Rezension] Loriot – LORIOTS PETER UND DER WOLF & DER KARNEVAL DER TIERE (Hörbuch)

Es gibt Stimmen, die mit ihrem Klang unwillkürlich ein Lächeln auf meine Lippen zaubern. Loriot hatte so eine Stimme, auf die ich auch noch heute mit positiven Gefühlen reagiere. Da ist es gar nicht nötig, dass ich den gesprochenen Text rein akustisch verstehe. Allein dieses unverkennbare Timbre, die Modulation der Wörter und seine höchst eigene Diktion genügen, um mich in den Zustand einer wohltuenden Erheiterung zu versetzen.

Als versierter Klassik- und vor allem Opern-Liebhaber erstarrte er keineswegs voller Ehrfurcht vor der hehren Hochkultur. Dafür liebte er sie allzu sehr, als dass er sich von einem Zuviel an Ernst den Spaß hätte verderben lassen. Er hatte durchaus Respekt vor Komponist*innen, Kompositionen und Künstler*innen, aber Respekt muss sich ja nicht in ehrerbietiger Zurückhaltung äußern.

Hier nun hat er sich zwei Kompositionen zur Brust genommen, die insbesondere für ein jüngeres Publikum eine wunderbare Möglichkeit darstellen, sich der klassischen Musik zu nähern. Aber auch ein älteres Publikum, zu dem ich mich durchaus zählen würde, wird seinen Spaß an diesen beiden Aufnahmen haben.


PETER UND DER WOLF von Sergei Prokofjew (1982) / Text (frei nach Prokofjiew) & Erzähler: Loriot / English Chamber Orchestra / Dirigent: Daniel Barenboim

HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um Ausschnitte aus der besprochenen CD. Es ist eine ältere Aufnahme und dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln.

DER KARNEVAL DER TIERE von Camille Saint-Saëns (1984) / Text & Erzähler: Loriot / Klaviere: Julius Katchen & Gary Graffmann / Violoncello: Kenneth Heath / London Symphony Orchestra / Dirigent: Skitch Henderson

HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um Ausschnitte aus der besprochenen CD. Es ist eine ältere Aufnahme und dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln.

Nun kann die Fallhöhe bei so bekannten Werken durchaus erschreckend sein. Schließlich haben viele renommierte Orchester unter der musikalischen Leitung bekannter Dirigenten diese Kompositionen bereits eingespielt, und sie wurden von einer stattlichen Anzahl an internationalen wie heimischen Sprecher*innen verschönt. Da haben die geneigten Zuhörer*innen die Qual der Wahl und können ganz nach persönlichem Gusto wählen: Es darf ebenso den Stimmen von David Bowie, Sting, Alice Cooper oder Dame Edna Everage gelauscht werden wie denen von Otto Walkes oder Reinhard Mey. Und selbst Sissi und Franzl aka Romy Schneider und Karl-Heinz Böhm haben jeweils eine eigene Fassung eingesprochen.

Doch Loriot brauchte sich nie um „Fallhöhe“ zu sorgen: Dafür ist er in seiner Kunst der unschlagbare Meister der humoristischen Feinheiten, der sprachliches Vermögen mit literarischer Expertise vereinte. So hat er sich in seiner unnachahmlichen Art den Originaltext von Sergei Prokofjew zur Brust genommen und diesen mit Ingredienzien seines Sprachschatzes gewürzt. Bei Camille Saint-Saëns konnte er weitaus freier agieren bzw. interpretieren. Er hielt sich durchaus an der vorgegebene Reihenfolge bei den Auftritten der Tiere, gönnte uns allerdings eine höchst individuelle Interpretation und verfeinerte diese mit einer Vielzahl an amüsanten Petitessen. Ich hätte nie zu träumen gewagt, dass ich je einen Satz wie „Der Mehlwurm wirft den Schildkröten Kusshändchen zu.“ hören würde, der mich zudem in schallendes Gelächter ausbrechen ließ.

Die Deutsche Grammophon verfügt über ein umfangreiches musikalisches Archiv, und so sind beide Einspielungen auf höchstem Niveau und schenkten mir als Zuhörer den vollendeten Musik-Genuss.

Stellt sich schlussendlich vielleicht nur noch die Frage, ob dies nun ein Hörbuch ist, das mit klassischer Musik untermalt wurde, oder ob ist es sich um eine klassische symphonische Aufnahme handelt, bei der auch ein wenig gesprochen wurde? Für alle, die eine klare Zuordnung benötigen, sei folgendes gesagt: Ich weiß es nicht, und es ist mir auch schnuppe! Fakt ist, dass ich sehr viel Freude an dieser CD hatte.

HINWEIS: In der nächsten Saison wird PETER UND DER WOLF im Stadttheater Bremerhaven beim 3. FAMILIENKONZERT des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Hartmut Brüsch und mit dem Schauspieler Kay Krause als Erzähler zu Gehör gebracht.

Bereits im Jahre 2020 stand das Stück auf dem Spielplan des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven: Die Karten waren geordert, doch dann machte der Corona-Lookdown Konzert- und Theateraufführungen unmöglich. Kurzerhand produzierte das Orchester bzw. das Stadttheater Bremerhaven ein Video, das für eine begrenzte Zeit zur Verfügung stand. Damals war ich so dankbar für diese wunderbare Möglichkeit, Kultur erleben zu dürfen. Doch nichts geht über das Live-Erlebnis: Ich freue mich schon sehr auf dieses Konzert!


erschienen bei Deutsche Grammophon / EAN: 0028943964821

[Rezension] Karsten Dusse – FILMRISS AUF IMMENHOF. Trippel. Trappel. Tot.

„Trippel trappel trippel trappel Pony…“

Ich las den ersten Satz aus Karsten Dusses neustem Krimi FILMRISS AUF IMMENHOF, und eine Melodie fraß sich unaufhaltsam in meinen Gehörgang, um dort zu einem handfesten Ohrwurm zu mutieren. Selbst abseits der Lektüre erwischte ich mich dabei, wie ich diese Melodie verträum vor mich hin summte.

Dieser erste Satz war vom Autor schlau gewählt. So hatte er mich blitzschnell an der Angel – oder vielmehr am Zügel. Ein Entkommen schien zwecklos!



Die Kriminalpsychologin Sophia, geschieden, zweifache Teenager-Mutter und gerade wieder frisch getrennt, schenkt sich zum 45. Geburtstag ein Wochenende auf dem Immenhof. Das zum Hotel umgebaute Landgut ist für sie der Inbegriff von heiler Welt und Geborgenheit ihrer Kindheitsfilme. Nach einer Retro-Party mit Pony-Romantik und Wodka Red Bull wacht sie am nächsten Morgen allerdings mit einem Filmriss neben der abgetrennten Hand ihres Ex-Freundes auf. Sie hat keine Ahnung, wer dafür verantwortlich ist – weiß aber, dass sie am Tag vorher noch den perfekten Plan hatte, ihren Ex ohne Spuren zu ermorden. Zwischen Kindheitsidyll und schlechtem Gewissen rekonstruiert sie die Nacht – und findet dabei überraschend zu sich selbst zurück.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich tat mich etwas schwer, nach Beendigung dieses Romans passende Worte der Wertschätzung zu finden. Man möge mich bitte nicht missverstehen: Diese (nennen wir es mal) Zurückhaltung lag nicht in der Tatsache begründet, dass es nichts zu wertschätzen gäbe.

Ganz im Gegenteil: Karsten Dusse hat wieder einen süffigen Krimi abgeliefert. Sein Handlungspersonal ist prall und lebendig (die einen mehr, die anderen weniger). Er spielt unterhaltsam mit Genre-Klischees, baut die Handlung raffiniert auf und liefert mit Rückblenden die nötigen Erklärungen für die Motivation der Protagonist*innen. Und wie bereits in seinem Erfolgsroman ACHTSAM MORDEN versteht er es auch hier vortrefflich, die Opfer so unsympathisch zu porträtieren, dass ich moralisch keinerlei Bedenken hatte, diese über die Klinge springen zu lassen. Vielmehr entfleuchten mir hin und wieder Ausrufe wie „Das geschieht dir recht, du Schuft!“ oder „Selber schuld!“.

Diese Gräueltaten paart er mit detaillierten Beschreibungen des Heile-Welt-Sehnsuchtsortes Immenhof à la „Midsomer Murders“, denn hier wie dort passieren die unfassbarsten und skurrilsten Morde im Umfeld ländlicher Idylle. Doch gerade dieses Aufeinanderprallen scheinbar konträrer Komponenten erhöhte den Unterhaltungswert und damit meine Freude beim Lesen des Romans.

Doch woher kam nun meine eingangs erwähnte Zurückhaltung? Ich hatte das Buch zugeklappt, zufrieden geseufzt und gedacht „Schön war’s!“. Ich wollte das Buch nochmals in Ruhe „nachschmecken“ und nicht – wie so oft – darüber nachdenken, wie ich eine Rezension formuliere. Ich wollte dieses „Schön war’s!“ nicht erklären müssen.

FILMRISS AUF IMMENHOF ist ein wunderbar leichter und (im besten Sinne des Wortes) unkomplizierter Krimi, der mich vom ersten Satz an gefesselt hat und beste Unterhaltung bietet. Es klingt nach wenig, ist aber ganz, ganz viel!


erschienen bei Heyne / ISBN: 978-3453274549
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] DIE SCHÖNSTEN ANEKDOTEN AUS DER MUSIK/ herausgegeben von Friederike C. Raderer & Rolf Wehmeier

Und weiter geht’s: Nun sind es nur noch 5 Wochen bis mein Stamm-Theater seine Türen wieder öffnet und am ersten September-Wochenende mit einer fulminanten Eröffnungs-Gala sowie einem tollen Theaterfest in die Spielzeit 2026/2027 startet. Bis dahin tröste ich mich weiterhin mit der passenden Lektüre.

Gustav Mahler stand fasziniert vor
den Niagarafällen und meinte:
„Endlich Fortissimo!“

Lieben wir sie nicht alle, diese pikanten Anekdötchen, die vieles aussagen und manches verschweigen. Kurz und knackig sollten sie sein, bestenfalls typische Charaktereigenschaften bekannter Persönlichkeiten offenbaren und mit einer schmissigen Pointe enden.

Friederike C. Raderer und Rolf Wehmeier haben in DIE SCHÖNSTEN ANEKDOTEN AUS DER MUSIK reichlich von diesen humoristischen Appetithappen gesammelt und sie unter den Rubriken SÄNGER-, BLÄSER-, STREICHER-, SCHLAGZEUG-, EXPERIMENIER-, TECHNIK-, PIANISTEN-, PROBEN-, ORGANISTEN- und ORCHESTER-GESCHICHTEN eingeteilt. Anscheinend gibt es auch in der Musik auf allen Ebenen kleine Geschichtchen voller Kuriosität zu berichten.

Bei den meisten Anekdoten stehen die Eitelkeiten der Künstlerinnen und Künstler allzu deutlich im Mittelpunkt und erzählen von Selbstüberschätzung sowie von Neid und Eifersucht gegenüber Konkurrent*innen. Auch das so manches Mal ambivalente Verhältnis zwischen Orchester, Instrumental-Solisten, Sänger*innen und/oder Dirigent hält gar herrliche Verbal-Scharmützel parat. Doch auch die Tücken der Technik, z. Bsp. während einer Aufnahme-Session im Studio, sorgen für Verwirrung und liefern ebenso amüsante Stories, wie der Zusammenstoß von traditionellen Hörgewohnheiten mit eher avantgardistischen Kompositionen und einer modernen Aufführungspraxis.

Neben der Aufteilung der Anekdoten in die oben genannten Rubriken, schafft es das Herausgeber-Duo sogar einen kleinen roten Faden abzuspulen: Da tauchen einige Stichpunkte wiederholt und unter verschiedenen Rubriken auf, seien es die Wiener Philharmoniker, Franz Liszt, Yehudi Menuhin, Beethovens 5. Sinfonie sowie der weltbekannte Steinway-Flügel. Doch auch bei Aufführungen von Werken des göttergedämmerten Richard Wagners scheint gerne so einiges Unvorhergesehenes zu passieren, das Stoff für süffige Geschichten liefert. Abgerundet wird diese durchaus üppige Anekdoten-Sammlung durch ein detailliertes Personenregister.

Und wieder schaffte es der Reclam-Verlag mit Leichtigkeit, dass ich „in einem Waschgang“ kurzweilig unterhalten wurde und spielerisch lernen konnte: Da verwandelte sich die „schnöde“ Wissensvermittlung zum amüsanten Entertainment!


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150145883

[Rezension] Johanna Sebauer – POPÓM

„Ja, was soll denn das werden?“ stammelte ich und blinzelte erstaunt mit den Augen. Nach der herrlich schwarzhumorigen Satire DAS GURKERL hatte ich vom neuesten Werk von Johanna Sebauer erwartet, dass…! Ja, was hatte ich denn erwartet? Zumindest hatte ich etwas anderes erwartet als das, was ich nun in den Händen hielt. Einige Seiten des Romans waren bereits gelesen, und die Handlung plätscherte vor sich hin – stetig im Fluss aber ohne Wellengang. Die Lektüre abzubrechen, war für mich aber trotzdem keine Option. Irgendetwas hielt mich. Irgendwie wollte ich mehr erfahren, wollte erfahren, wie die Autorin diese unglaubliche Geschichte auflöst.

Seine Endzwanziger hat sich Hendrik Popom anders vorgestellt. Nichts will ihm so richtig gelingen. In seinem Agenturjob sitzt er seine Zeit ab, mit seiner Freundin lief es schon einmal besser, und dann ist da plötzlich dieser Mann – Popóm. Er ist fast doppelt so alt und dennoch weiß Hendrik: Dieser Mann bin ich. Zögerlich nähern sich die beiden einander an. Ihre Beziehung ist voller Rätsel, Zuneigung und Widerstände. Hendrik hofft, in seinem anderen Ich das zu finden, was ihm in seinem Leben fehlt – Halt und Zuversicht. Doch je stärker er sich an Popóm klammert, desto mehr weicht dieser zurück. Als er sich einer Kollegin anvertraut, begreift er, welch hohen Preis man zahlt, wenn man sich dem Leben entzieht.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Was wäre, wenn…? Was wäre, wenn es von mir eine (noch) ältere Version geben würde? Würde dieser Umstand mich ängstigen oder beruhigen? Zeigt es mir, dass in dieser momentan verrückten Welt ein Weiterleben, in diesen momentan verrückten Zeiten ein Älterwerden nicht nur machbar sondern auch erstrebenswert sei? Wäre ein Blick in meine eigene Zukunft durchaus wünschenswert? Könnte diese Möglichkeit, wenn sie sich mir bieten würde, viele meiner offenen Fragen beantworten oder vielmehr weitere Fragen aufwerfen? Bei all diesen Unsicherheiten war ich mir in einem Punkt sicher: Ich wäre danach kein zufriedenerer Mensch.

All diese Gedanken (und noch viele mehr) gingen mir währen der Lektüre des Romans durch den Kopf. Da kam mir der eingangs bekriddelte Umstand, dass die Handlung vor sich hin plätscherte, eher entgegen und ermöglichte es mir, meinen eigenen Gedanken nachzuhängen ohne den Handlungsfaden zu verlieren. Johanna Sebauer beschrieb den Alltag unseres Helden äußerst prosaisch, wie wir es aus unzähligen Romane kennen und gewöhnt sind. Hingegen die Dialoge von Hendrik Popom mit seinem älteren Ich löste sie aus der prosaischen Erzählstruktur heraus, hob sie auf eine weitere Ebene und verlieh ihnen somit etwas Unwirkliches, beinah Erhabenes. Es schien so, als wären diese Begegnungen nicht von dieser Welt. Lange Zeit dachte ich, dass sich diese Begegnungen nur im Kopf des Helden abspielten. Die Autorin gestaltete diese Skurrilität mit einer wohltuenden Ernsthaftigkeit und gab so keiner ihrer Figuren der Lächerlichkeit preis. Vielmehr löste sie diese verzwickte Geschichte sehr geschickt und absolut nachvollziehbar auf und krönte sie mit einem Ende „hinter dem Ende“, das diese geschmackvoll abrundete.

Je mehr die Handlung voranschritt, umso mehr gelangte ich gemeinsam mit unserem Helden Hendrik Popom zu der Erkenntnis, dass ein Blick in die persönliche Zukunft alles andere als erstrebenswert wäre. Ein Denken, Bangen und Hoffen auf das, was noch kommt, würde mich blockieren und somit handlungsunfähig, wenn nicht sogar lebensuntüchtig machen. Die Gegenwart ist es, die es zu gestalten gilt.

POPÓM von Johanna Sebauer ist ein interessanter (!) Roman, der mich zum Nachdenken anregte. Ich kann allerdings weder eine große Lobeshymne anstimmen, noch kann ich Schlechtes über ihn sagen bzw. schreiben. Er ist einfach „nur“ da, überzeugt eher durch Zurückhaltung und könnte darum leicht übersehen werden. Doch ich bin mir sicher, dass er bei denen, die ihn lesen, nachwirken wird. Er hat in mir etwas anklingen lassen, und darüber bin ich selbst mehr als erstaunt.


erschienen bei DuMont / ISBN: 978-3755800798
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kristina Dumas – MEIN LEBEN IST MUSIK. Die 21 wichtigsten Frauen der klassischen Musik/ mit Illustrationen von Malin Neumann

Nun ist sie wieder da, die theaterlose Zeit: Ganze 8 Wochen muss ich darben, bis an meinem Stamm-Theater am ersten Wochenende im September offiziell die Spielzeit 2026/2027 eingeläutet wird. Doch auch in diesem Jahr werde ich versuchen, diese öde Zeit mit der Lektüre entsprechender Literatur zu füllen. Ich bin da ganz zuversichtlich, dass es mir mit den von mir ausgewählten Büchern sehr gut gelingen wird.

Beginnen möchte ich mit dem musikalischen Bilderbuch MEIN LEBEN IST MUSIK aus dem Annette Betz-Verlag. 21 äußerst musikalische Frauen aus Vergangenheit und Gegenwart wurden hier von Kristina Dumas in Kurzporträts vorgestellt. Da tauchen nicht nur die Namen herausragender Komponistinnen auf, wie Hildegard von Bingen und Emilie Mayer, deren Wirken selbst in einem relativ aktuellen Werk leider keine Erwähnung finden. Auch Dirigentinnen, Sängerinnen, Solistinnen und Tänzerinnen, die ihr Leben der klassischen Musik geweiht haben, werden hier geehrt.

Neben den bereits erwähnten Damen gehören auch Fanny Hensel, Florence Beatrice Price, Alma Deutscher, Nadia Boulanger, Antonia Brico, Oksana Lyniv, Han-Na Chang, Fransesca Caccini, Maria Callas, Leontyne Price, Anja Harteros, Clara Schumann, Marianne Kirchgeßner, Anne-Sophie Mutter, Martha Argerich, Mademoiselle De Lafontaine, Pina Bausch, Misty Copeland und Yang Liping zur illustren Runde wunderbarer Künstlerinnen.

Die Wahl auf diese Frauen scheint mit Bedacht gewählt, zeigt sie doch den historischen, kulturellen wie auch gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem die Frauen agieren mussten. Wobei diese Namen durchaus exemplarisch stehen für alle Frauen, die sich im Genre der klassischen Musik behauptet haben und auch weiterhin behaupten. Kristina Dumas vergisst in ihren markanten Kurzporträts auch nicht den inneren Drang, den persönlichen Impuls zu verheimlichen – beides oftmals so stark, dass den Künstlerinnen nichts anderes übrig blieb, als sich ihrer Kunst zu öffnen und sich ihr hinzugeben – allen Widrigkeiten zum Trotz. Malin Neumann schuf dazu ganz wundervolle Illustrationen, die den Charakter der jeweils Porträtierten stimmig einfangen und so manches Mal ganz individuelle Merkmale hervorheben.


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Doch bei einem musikalischen Bilderbuch gibt es natürlich nicht nur einiges zu sehen, sondern auch reichlich zu hören: Dies geschieht entweder digital oder per CD. Die Texte zu den Kapiteln wie auch zu den einzelnen Künstlerinnen wurden von der Schauspielerin Jasmin Tabatabai eingesprochen, die mich mit ihrer exquisiten Diktion begeisterte (Ja, darauf achte ich auch!), und die mal kess, mal frech, mal aufmüpfig aber immer voller Selbstbewusstsein der Damenriege ihre Stimme lieh. Doch auf der CD findet sich zu jeder Künstlerin auch ein passendes Musikbeispiel. Hierbei wurde sich – mit einigen wenigen Ausnahmen – aus dem Archiv des renommierten Labels NAXOS bedient.

Die Musikauswahl war so perfekt auf dem auch durchaus emotionalen Text abgestimmt, dass mir beim Zuhören so manches Mal die Augen feucht wurden. Wie Perlen auf einer Kette reihten sich die Musikstücke aneinander, schlängelten sich wie ein roter Faden um Text und Illustration und bildeten so gemeinsam eine gelungene Harmonie.

HINWEIS Vom Philharmonischen Orchester Bremerhaven unter der Leitung des damaligen GMD Marc Niemann gibt es eine ganz und gar wundervolle Einspielung mit zwei Sinfonien der Komponistin Emilie Mayer, die sogar für den Musikpreis OPUS KLASSIK nominiert war. Diese Einspielung krönte die erfolgreiche Konzert-Saison 2021/2022 des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven, in der unter dem leider nur allzu passenden Titel MUSIK IM SCHATTEN die Werke von Komponistinnen wieder zu Gehör kamen.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219119589

[Rezension] Wolfgang Menge – STAHLNETZ. DAS HAUS AN DER STÖR (Hörspiel)

Straßenfeger, das waren TV-Formate, die die Menschen an die Fernseher fesselten. Da saßen ganze Familien mit Freunden und Nachbarn zuhause im Wohnzimmer, oder Gleichgesinnten trafen sich in der Kneipe: Gebannt wurde auf die Glotze gestarrt. Die Straßen waren einsam und verlassen – wie leergefegt.

Ähnliches erhofften sich die Fans vielleicht auch zur diesjährigen Fußballweltmeisterschaft. Leider kam für die deutsche Nationalmannschaft das frühzeitige Aus. Doch dieser Umstand tangierte uns, die wenig Interesse am Fußball haben, eher peripher: Zur überbordenden Fußballpräsenz auf allen Kanälen setzten wir die Krimi-Serie STAHLNETZ, einen wahren Straßenfeger aus den Anfängen des Fernsehens, entgegen. Jede Folge begann mit folgendem Hinweis…

Dieser Fall ist wahr!
Er hat sich so zugetragen, wie wir es zeigen.

…und nach diesem Hinweis ertönte die markante Titelmelodie.


1 CD/ STAHLNETZ. DAS HAUS AN DER STÖR von Wolfgang Menge (1963/2005)/ Buch: Wolfgang Menge/ Regie: Jürgen Roland/ Musik: Gerhard Gregor/ Titelmusik: Walter Schumann, Ray Anthony & Erwin Halletz/ mit Rudolf Platte, Andrea Grosske, Mady Rahl, Richard Lauffen, Fritz Beckhaus, Ernst H. Hilbich, Harry Wüstenhagen, Helga Feddersen, Hela Gruel, Henry Vahl, Gerda Maria Jürgens, Friedrich Schütter, Katrin Schaake, Kurt Jaggbert, Dorothea Moritz, Christa Siems, Otto Lüttje, Karl-Heinz Gerdesmann u.a.


Kurz nach Kriegsende, im grausam kalten Winter 1947, die Bundesrepublik ist noch sehr jung und das Wirtschaftswunder noch eine unerfüllte Hoffnung, da finden zwei Kinder beim Spielen in einem Teich eine Leiche, in einem mit Schweißdraht verschlossenen und mit Steinen beschwerten Seesack, die nicht identifiziert werden kann. Der Fall bleibt offen. Jahre später nimmt sich Hauptkommissar Roggenburg dieses ungeklärten Verbrechens an und rollt in minutiöser Kleinarbeit diesen alten Fall wieder auf. Bis er schließlich mit der Oberbeamtin Johannsen einen endgültigen Schlussstrich unter diese lange zurückliegende Tat ziehen kann.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Mit STAHLNETZ etablierte Jürgen Roland nicht nur den Krimi im deutschen Fernsehen, er lieferte auch die erste „True-Crime“-Serie, noch bevor es diesen Begriff in unserem Sprachgebrauch überhaupt gab. Sein Interesse an dieser Form der TV-Unterhaltung lag in seiner früheren Tätigkeit als Polizeireporter begründet. Mit Wolfgang Menge stand ihm ebenfalls ein ehemaliger Reporter zur Seite, der mit seinen Drehbüchern einerseits den dokumentarischen Ton bestens traf, andererseits die Atmosphäre im Nachkriegs-Deutschland so treffend wiedergab. Von 1958 bis 1968 flimmerten 22 Folgen STAHLNETZ über den Bildschirm, die noch heute ein beeindruckendes Zeitzeugnis darstellen.

Alle Folgen sind großartig: Doch sollte ich wirklich meine Lieblings-Folge benennen müssen, würde ich ohne lange zu überlegen DAS HAUS AN DER STÖR nennen.

Im Jahre 2005 verwandelte der NDR gemeinsam mit DER AUDIO VERLAG unter Berücksichtigung der Original-Tonspuren einige Folgen der Serie zu Hörspielen. Für diesen Transfer (um sprachlich beim Fußball zu bleiben) war nicht jede Folge gleichermaßen geeignet. DAS HAUS AN DER STÖR eignete sich hervorragend, und so saß ich nun gemütlich in meinem Sessel und lauschte den Stimmen der bekannten Miminnen und Mimen. Wohlüberlegt wurde die Geschichte für das Hörspiel gekürzt, ohne an Spannung einzubüßen oder den Erzählfluss zu beeinträchtigen. Jürgen Roland arbeitete gern mit einem festen Stamm an Schauspieler*innen (wie Gerda Maria Jürgens und Hela Gruel) zusammen, streute für die markanten Nebenrollen gerne Typen der Hamburger Theaterszene (wie Otto Lütje, Christa Siems, Helga Feddersen und Henry Vahl) dazwischen und würzte das Ensemble mit populären TV-Namen (wie Rudolf Platte und Mady Rahl).

Ohne die visuelle Ablenkung konnte ich mich gänzlich auf die herausragende Arbeit von Wolfgang Menge konzentrieren, der kluge Dialoge schuf, die von einem großartigen Ensemble nahbar und sensibel umgesetzt wurden. Dabei lag der Fokus auf Rudolf Platte als Kommissar Roggenburg, der die Hauptlast zu tragen hatte: So fungierte er als Erzähler der Geschichte, der seiner Kollegin Frl. Johannsen während einer Zugfahrt alle Einzelheiten des Falls schilderte. Plattes Kommissar zeigte viel Empathie für das Schicksal der Menschen und berichtete über die ersten Jahre nach Kriegsende durchaus mit Betroffenheit aber gänzlich ohne Pathos und Selbstmitleid. Regisseur Jürgen Roland umgab ihn mit einem talentierten Ensemble, das durch ein Höchstmaß an Individualität überzeugte.

Ein großartiger TV-Krimi-Klassiker erfuhr hier als spannendes Hörspiel seine gelungene Wiederauferstehung.


erschienen bei DAV / ISBN: 978-3898134590

[Rezension] Vratislav Manák – MIT WITTGENSTEIN IN DER SCHWULENSAUNA. Soziologische Betrachtungen

Ich schäme mich nicht, es offen zuzugeben: Das Cover dieses Buches hatte mich sofort gepackt, noch ehe ich etwas über dessen Inhalt wusste. Da bestaunte ich auf dem Titel ausgiebig die schönen muskulösen Männerkörper in grünen Fluten, bevor mir der Gedanke kam, ich sollte mich vielleicht auch mit dem Geschriebenen im Inneren beschäftigen. „Sex sells!“ eben auch in der Buchbranche, und auch ich bin nicht vor ihm gefeit. Der Inhalt kann in seiner Komplexität aber durchaus mit dem appetitlichen Cover mithalten.

Aspekte schwulen Lebens im heutigen Mitteleuropa: Nicht nur Ludwig Wittgenstein, auch Didier Eribon, Claudio Magris und viele andere stehen Vratislav Manák zur Seite, wenn er männliche Homosexualität im gegenwärtigen Mitteleuropa untersucht und zu deren sexuellen Wurzeln zurückkehrt. Er weist auf, dass Themen, die üblicherweise mit dem Leben schwuler Männer verbunden werden, durchaus Erfahrungen der Mehrheitsgesellschaft entsprechen können. Warum erregt uns das Überschreiten eines Verbots? Wie erleben wir unseren Körper? Und wo verlaufen die Grenzen der Männlichkeit? Antworten sucht Vratislav Manák in sieben delikaten Texten, die soziologische Reportage mit literarischem Essay verbinden. Hierzu besucht er Orte, die als gay spaces bezeichnet werden können, unter anderem in Berlin, Wien und Budapest. Vratislav Manák zeichnet ein vielschichtiges Panorama schwuler Lebenswelten jenseits stereotyper Vorstellungen und lädt mit seinen Essays dazu ein, Identität, Begehren und Kultur neu zu betrachten – mit Offenheit und Neugier.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

In sieben Essays beleuchtet der Autor das schwule Leben im heutigen Mitteleuropa und findet dazu recht unterschiedliche, voneinander abweichende Vorgehensweisen. In seinem Vorwort betont er ausdrücklich, dass „das Buch dreht sich nicht um die queere Identität in der ganzen Vielfalt und Ausprägung, sondern um die männliche Homosexualität. Eine solche thematische Wahl mag heute ein wenig altmodisch wirken; die schwule Identität selbst ist es jedoch keineswegs.“. Und er erhielt meine volle Zustimmung, als er beichtete „Gerade weil die queere Welt nicht eindimensional ist, wollte ich mir keinen Moment lang eine Stimme anmaßen, die mir nicht zusteht.“. Wobei seine benannten Themen nicht nur den schwulen Mann betreffen, sondern durchaus auf Menschen aus unterschiedlichen sozialen Strukturen übertragen werden können: Wie nehmen wir unseren eigenen Körper aber auch fremde Körper wahr? Was macht den Reiz beim Überschreiten von Verbote aus? Kann Männlichkeit zweifelsfrei so klar definiert werden, wie konservativ Denkende es gerne hätten? Bedient der schwule Mann tatsächlich gängige Klischees oder bricht er vielmehr mit ihnen?

Vratislav Maňáks Beiträge speisen sich aus Erfahrungen und Betrachtungen, die er höchst persönlich bei seinen Reisen nach Budapest, Bratislava, Wien, Prag und Berlin machen durfte. Dass solche Texte stets auch eine Momentaufnahme darstellen, beweist der aktuelle politische Wechsel in Ungarn. Einige Beiträge werden dank ihrer literarischen Kraft (Ludwig Wittgenstein/Wien) für einen langen Zeitraum allgemeingültig bleiben, andere wirken eher wie Auszüge aus einem Reiseführer (Prag), die mit Insider-Tipps punkten. Dann bemüht der Autor die griechische Mythologie als Basis für die Situation vor Ort (Bratislava) oder erklärt, wie ein literarisches Werk (LEB WOHL, BERLIN von Christopher Isherwood) den Boden bereiten konnte für die anhaltende Faszination Berlins auf den schwulen Mann.

Beinah anachronistisch wirkte in dieser Runde auf mich Maňáks kurzweiliges Essay über die unverbrüchliche Liebe des schwulen Mannes zur Kunstgattung Oper. Sein Nachwort beschäftigt sich mit der Wahrnehmung und der Einflussnahme schwuler Identität im sozialen Kontext zwischen Popkultur und Populismus und den daraus resultierenden Widersprüchen.

Vratislav Maňák schreibt abwechslungsreich, spannend und informativ, dann schwelgerisch, ausufernd und detailverliebt. Dabei schaut er abwechselnd mal durch die poetische, mal durch die analytische Brille und zeichnet so gekonnt ein vielschichtiges Porträts des schwulen Lebens abseits gängiger Stereotypen.

Gerade in Zeiten, in denen der Rechtsruck so deutlich spürbar ist und immer wieder Versuche unternommen werden, die Rechte, die queere Menschen über Jahrzehnte hart für sich erkämpft haben, einzuschränken, brauchen wir solche Texte, die – in diesem Fall – das schwule Leben in den Fokus rücken. Dinge, die vor einigen Jahren bereits selbstverständlich waren, werden bedauerlicherweise nun wieder in Frage gestellt. Umso wichtiger ist es, dass wir sichtbar bleiben, am besten, indem wir Flagge zeigen – eine Flagge, die in all ihren wundervollen Farben des Regenbogens die Vielfalt feiert. ❤️🧡💛💚💙💜


erschienen bei Karl Rauch / ISBN: 978-3792002438 / in der Übersetzung von Lena Dorn
Ich danke der Presseagentur Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Simon Van Booy – EINE MAUS NAMENS MERLIN

Die ersten 58 Seiten waren gelesen: Nachdenklich legte ich das Buch zur Seite. Ich war mir nicht sicher, ob ich es bis zum Ende lesen wollte. Ich las von der Monotonie im Leben der Hauptperson, die für mich beinah spürbar war. Detailliert schilderte der Autor ihre tagtäglich sich wiederholenden Rituale. Es gibt wahrlich Spannenderes zwischen zwei Buchdeckeln.

Die ersten 58 Seiten waren gelesen: Ich hatte schon Bücher nach weniger Seiten abgebrochen. Doch in diesem Fall tat ich es nicht. Irgendetwas an dieser Geschichte rührte mich und ließ mich weiterlesen. Ich hoffte, dass es zwischen den Schilderungen des wöchentlichen Einkaufs am Montag, des Anschauens von alten Filmen und des täglichen Bades in der Wanne doch noch mehr gebe – auch im Leben einer reiferen Protagonistin…

Helen Cartwright ist 83 Jahre alt und hat keine großen Erwartungen mehr an ihre Zukunft. Nach sechzig Jahren in Australien kehrt sie in den kleinen Ort in der Nähe von Oxford zurück, in dem sie geboren wurde. Sie kauft ein kleines Haus mit senfgelber Tür und führt ein zurückgezogenes Leben: Jeder Tag eine Wiederholung des vorherigen, als ob es sogar für den Tod eine Warteschlange gäbe. Doch dann nimmt Helens Leben eine plötzliche Wendung, als ein unerwarteter Gast in Form einer gutmütigen Maus auftaucht. Ihre anfänglichen Versuche, die Maus wieder loszuwerden, führen sie in den Tierhandel, die Bibliothek, den Eisenwarenladen. Während die Maus in der Küchenspüle aus einem kleinen Flaschendeckel trinkt, tritt Helen wieder in Kontakt mit ihren Nachbarn – und begibt sich auf eine unerwartete Reise zurück zu sich selbst. Denn egal, was wir für uns geplant haben: Manchmal hat das Leben seine eigenen Pläne.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Auch im Alter muss es doch mehr geben als festgefahrene Rituale, bei denen ein Abweichen von der Norm Unsicherheiten, vielleicht sogar Ängste bei der betroffenen Person auslösen. Ich grübelte. Warum beschäftigte mich diese Geschichte so sehr? Vielleicht weil sie Themen in mir anklingen ließ, über die ich mir selbst bereits Gedanken gemacht hatte. Wie wird es mir im Alter ergehen? Sind meine bisher gepflegten sozialen Kontakte stark genug, um einer Vereinsamung entgegenwirken zu können? Was wird von mir bleiben? Bereits nun ist es an der Zeit, die Weichen für mein Leben im fortgeschrittenen Alter zu stellen. Jetzt ist die Zeit dafür, denn später wäre es zu spät!

Also, was ließ mich an diesem Roman festhalten? Vielleicht war es der Blick in eine Zukunft, die potentiell auch mich ereilen könnte. Es war ein Blick in eine Zukunft, der mich mahnte, rührte und doch auch hoffnungsvoll war.

Simon Van Booy schreibt ruhig und ohne Pathos, dafür empathisch und detailreich. Ich spürte, dass er seine Figuren mochte. Sie sind Individuen, fehlerhaft und menschlich. Inmitten der unaufgeregten Handlung schenkt er unserer Heldin Helen die überraschende Erkenntnis, dass sie bereits vor Jahren mit dem Spinnen ihres ganz persönlichen soziales Netzes begonnen hatte, das sie nun auch im reiferen Alter trägt. Um dies wieder deutlich zu erkennen, braucht es manchmal nur einen kleinen Impuls – und wenn es die Bekanntschaft mit einer winzigen Maus ist.

Und genau dies durfte auch ich – ohne Maus – vor wenigen Monaten erleben: Nach 13 Jahren Abstinenz war ich wieder zu einem Arbeitgeber zurückgekehrt, bei dem ich bereits 13 Jahre gearbeitet hatte. Ich wurde überwältigt von einer warmen Welle der Sympathie, mit der ich empfangen wurde. Es war ein schönes Gefühl, zu spüren, dass auch mein soziales Netz gut geknüpft ist.

Und da wunderte ich mich, dass dieser feinsinnige und warmherzige Roman mich nicht loslassen wollte. Literatur ist dann am wertvollsten, wenn sie mein Innerstes zum Schwingen bringt.


erschienen bei Klett-Cotta / ISBN: 978-3608966787 / in der Übersetzung von Dorothee Merkel
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Johanna Sebauer – DAS GURKERL/ mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach

48 Seiten feinste Ironie – in Wort UND Bild: Völlig zurecht wurde der Text von Johanna Sebauer mehrfach prämiert. Mit diabolischem Ernst gepaart mit einem lakonischen Witz treibt sie die Absurdität der Situation auf die Spitze. Da wird eine unschuldige saure Gurke zum Füllmaterial der „Sauren-Gurken-Zeit“ der Journaille.

Sommerzeit in den Zeitungsredaktionen der Stadt. Ein wahrhaft bedeutender Redakteur schreitet zur Zubereitung seiner Frühstückssemmel. Beilage: knackige Gurkerl. Als er hineinbeißt, spritzt ihm das Essigwasser direkt ins Auge. Das Geschrei ist groß, der Redakteur kurz vor der Erblindung! Der Zwischenfall zieht Kreise: Aus dem Missgeschick wird eine Kolumne, dann ein Thema für Leserbriefe, Interviews, schließlich eine öffentliche Debatte. Gurkerl werden verboten, Proteste formieren sich, die Redaktion spaltet sich in Lager.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich las und lachte, doch nur wenige Sekunden später blieb mir das Lachen im Halse stecken und der Schmunzler gefror auf meinem Gesicht. Da schilderte die Autorin zwar herrlich lapidar und gleichzeitig so erfrischend bitterböse die Geschehnisse rund um den Biss in eine Gurke, dass man meinen müsste, dass diese Fülle an Absurdität niemals in der Realität passieren könnte. Doch genau in deren Nähe ist diese Satire punktgenau gelandet.

Denn mein Blick auf so manche Nachricht – sei es in gedruckter oder digitaler Form – lässt den Verdacht in mir aufkeimen, dass sich hinter einigen „dramatischen“ Schlagzeilen eher ein laues Lüftchen, eine Belanglosigkeit allererster Güte verbirgt. Da werden kaum erwähnenswerte Nichtigkeiten aufgebläht, um von der Leere der Berichterstattung abzulenken. Alles wird zum Drama hochstilisiert, und überall wird der Skandal gewittert. Da wird aus der Mücke nicht nur ein einzelner Elefant gemacht, sondern eine ganze Elefantenherde gezaubert.

Johanna Sebauer schaute da ebenso genau auf die dubiosen Methoden gewisser Berichterstatter und das Geltungsbedürfnis von einigen Politiker*innen, wie sie auch den Drang nach Aufmerksamkeit einzelner Mitmenschen beschrieb, die sich nach ihren persönlichen „15 Minuten Ruhm“ sehnen.

„In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes.“ prophezeite Andy Warhol bereits Ende der 60er Jahre und bezog sich dabei auf die Flüchtigkeit des Ruhms, der nur allzu schnell verfliegt, sobald ein anderes Objekt die Aufmerksamkeit der Massen auf sich zieht. Genau dies passiert auch unserem Gurkerl: Gestern noch eine Gefahr für Leib, Seele und Gesellschaft, heute bereits vergessen.

Die Erzählung wird durch Nikolaus Heidelbachs wunderbaren Illustrationen flankiert, der in seinen detailreichen Bildern markante Typen porträtiert, die mir beängstigend bekannt vorkamen.

Eine wundervolle, scharf beobachtete Satire – herrlich böse und zutiefst schwarzhumorig.

erschienen bei DuMont / ISBN: 978-3755800781
Ich danke dem Verlag herzlich dafür, dass er meiner lieben Blogger-Kollegin Vera ein Leseexemplar zur Verfügung stellte, die es nun an mich weiterverschenkt hat!