[Blog-Ge-„switch“-er] Januar 2021…

Erstaunlich: Das so genannte Neue Jahr hat zwar erst nur einige wenige Tage auf dem Buckel aber fühlt sich für mich gar nicht mehr so neu an. Vielleicht liegt es daran, dass ich den Jahreswechsel arbeitend verbracht habe, und Silvester mir eh ziemlich schnuppe ist. Zudem empfand ich das Böllerverbot als ausgesprochen angenehm: keine übelriechenden Nebelschwaden über der Stadt, kein Dreck auf den Straßen, keine verirrten Raketenreste im Vorgarten, auf dem Dach oder sonst wo…! Der Krach hielt sich somit ebenfalls in Grenzen, und unser Kater konnte diesen Jahreswechsel absolut tiefenentspannt erleben.

Dafür haben meine lieben Blogger-Kolleg*innen in den vergangenen Wochen wieder ordentlich „Krach geschlagen“ und erfreuten mich (und nun hoffentlich auch Euch) wieder mit einigen unterhaltsamen und somit lesens- wie beachtenswerten Beiträgen. Ich wünsche Euch viel Spaß!

  • Wie auch schon zuvor bei „Der Hund der Baskervilles“ von Sir Arthur Conan Doyle gönnt Stefan Heidsiek auf seinem Blog „Crimealley“ mit Das geheimnisvolle Verbrechen in Styles auch dem Erstlingswerk von Agatha Christie eine profunde Rezension incl. (Foto-)Bericht von einem Ortstermin am Schauplatz des Geschehens. Er war leibhaftig dort, wo die Handlung des Romans „Das fehlende Glied in der Kette“ spielt: …mein neidvolles Erblassen (mit einem Stich ins Grünliche) versuche ich gerade mit einer Lage Make-Up zu übertünchen! 
  • Ihr liebt es kriminalistisch?! Dann rate ich Euch, einen Blick auf den Blog „Krimiautoren von Abel bis Zeltserman“ zu werfen. Der Name ist Programm: Schnörkellos aber voller Informationen lädt diese Seite dazu ein, vergessene Krimiautor*innen aufzuspüren und neu für sich zu entdecken. Unter Meine Top-Krimis 2020 war mir nicht ein einziger Autorenname bekannt. Ich fürchte, dass ich eine Menge aufzuholen habe…!
  • Am 5. Januar wäre Friedrich Dürrenmatt 100 Jahre alt geworden: Anlässlich dieses Jubiläums möchte ich mich endlich intensiver mit einem seiner Kriminalromane beschäftigen. Meine Wahl habe ich schon getroffen, und sie fiel weder auf den Roman „Der Richter und sein Henker“ (Schullektüre in der 9. Klasse) noch auf dessen Fortsetzung „Der Verdacht“. Beim Letztgenannten ist mir David Wonschewski auf seinem Blog mit dem Beitrag Absturz auf halber Strecke… zuvorgekommen. Wobei ich zu einem späteren Zeitpunkt beide Romane noch- bzw. erstmals lesen werde, um mir eine eigene Meinung zu bilden!
  • Am Anfang eines jeden Jahres haben Horoskope Hochkonjunktur: Marion Rave von „schiefgelesen“ amüsierte mich mit Dein Bücher-Horoskop für 2021 mit einem Blick in die Sterne der literarischen Art, indem sie aus ihrem reichen Fundus an Rezensionen die passende Lektüre zum jeweiligen Charakter des Sternzeichens auswählte. Ob sie damit richtig liegt, müsst Ihr selbst herausfinden! 
  • Bleiben wir mal bei den guten Vorsätzen zum Neuen Jahr: Viele Menschen setzen sich Ziele, einige erreichen diese, andere erreichen sie nicht. Liegt es vielleicht daran, dass die/der Betreffende ein kleines Plappermäulchen ist? Christoph Wassermann gibt uns auf seinem Blog „Skill Up Your Life“ den Rat Erzähle niemandem von deinen Zielen, denn dann bist Du erfolgreicher. Warum? Lest selbst…!
  • …und dann erreichte mich völlig überraschend am Silvestertag eine Mail von Neal Treadwell, einer der Autoren von LOVING: Männer, die sich lieben, mit der Bitte, ob er meinen Blogbeitrag auf seinem Instagram-Account erwähnen dürfte. Natürlich hat er von mir mit Freude eine Zusage erhalten: Ich fühlte mich geehrt und war auch ein klitzekleines bisschen stolz! 💖 
  • DAS KLEINE „GOODIE“ ZUM SCHLUSS: Da ich in der Nachbarschaft besagter Hansestadt lebe, habe ich sowohl mit Interesse als auch mit Bestürzung den Artikel Tatort Märchen: Das wahre Gesicht der Bremer Stadtmusikanten gelesen, in dem Peer Gahmert und Philipp Feldhusen einen erschütternden Skandal um diese scheinbar lustigen Gesellen aufdecken. Investigativer Journalismus in Reinkultur! 😂

Ein kleiner Hinweis am Schluss: Dies ist keine Rubrik, die regelmäßig erscheint. Darum lasst Euch überraschen, wann das nächste [Blog-Ge-„switch“-er] das Licht der Blogger-Welt erblickt…!!! 😊

[Rezension] Agatha Christie – Hercule Poirots Weihnachten

Mein lieber James,

Du bist immer einer meiner treuesten und wohl-
wollendsten Leser gewesen, weshalb ich ernstlich
verstört war, als ich ein kritisches Wort von Dir hörte.
Du hast Dich beschwert, meine Morde seien mittler-
weile zu raffiniert, regelrecht anämisch. Du würdest
Dich nach einem „guten brutalen Mord mit viel Blut“
sehnen. Einen Mord, bei dem kein Zweifel daran
besteht, dass es sich um einen Mord handelt!
Hier ist sie also, Deine Geschichte – extra für Dich
geschrieben. Ich hoffe, sie gefällt Dir.

Deine Dich liebende Schwägerin
Agatha

*

Weihnachten auf dem Landsitz Gorston Hall: Mit durchschnittener Kehle liegt der alte Simeon Lee tot in einer Lache aus Blut in seinem Arbeitszimmer. Im Zimmer herrscht ein heilloses Chaos als hätte ein erbitterter Kampf stattgefunden, und aus dem Tresor wurden wertvolle Roh-Diamanten entwendet. Die einzige Tür ist verschlossen, und der Schlüssel steckt von innen im Schloss. Eine Flucht des Täters durch eines der Fenster ist nicht möglich, da sich der Raum in einer der oberen Stockwerke befindet. So deutet alles darauf hin, dass einer von der Familie, den Gästen oder der Dienerschaft der Täter zu sein scheint. Und alle Anwesende hätten mehr als einen triftigen Grund, einen tiefen Groll gegenüber dem Opfer zu hegen. Superintendent Sugden von der örtlichen Polizei steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe und bittet den Chief Constable Colonel Johnson um Unterstützung. Dieser hat über die Feiertage niemand geringeren als Hercule Poirot zu Gast. Mit vereinten Kräften stürzt sich das ungleiche Trio in die Ermittlungen, wobei Poirot seine Mitstreiter immer wieder mit seinen unorthodoxen Ermittlungsmethoden irritiert und die Verdächtigen mit unberechenbaren Fragen aus der Fassung bringt. Poirots kleinen grauen Zellen arbeiten auch zu Weihnachten wie ein präzises Uhrwerk, und so verwundert es nicht, dass er – „et voilà“ – auch diesmal eine verblüffende Lösung des Falls bietet…!

Je mehr Romane ich von Agatha Christie lese, umso mehr muss ich den Hut vor dieser Lady ziehen, die völlig zu Recht als „Queen of Crime“ betitelt wird. Sie nimmt die Zutaten eines klassischen britischen Krimis, schüttelt und rüttelt sie durcheinander, um (Wen wundert’s!?) einen klassischen britischen Krimi mit dem gewissen Etwas ihrer Anhängerschaft zu präsentieren. Dabei sind ihre Dialoge wieder so brillant, dass diese durchaus eins-zu-eins zum Drehbuch umgewandelt werden könnten. Die Handlungspersonen werden sehr präzise beschrieben und prägnant charakterisiert.

Häppchenweise offenbart die Autorin ihren Leser*innen sowohl die Hinter- als auch Beweggründe der Verdächtigen. Dabei behält sie alle Fäden der Handlung in ihren versierten Händen, verknotet diese bei passender Gelegenheit, um uns zu verwirren und auf eine falsche Fährte zu locken. Am Ende sind jedoch alle Fäden entwirrt, alle Handlungsstränge finden logisch zueinander und keine Frage bleibt unbeantwortet. Christie war, ist und bleibt eine Klasse für sich!!!

Mein einziger (augenzwinkernder) Kritikpunkt an dieser Geschichte: Es geht so un-weihnachtlich zu. Im ganzen Roman taucht kein Mistelzweig, kein Weihnachtsbaum und nicht der klitzekleinste Plumpudding auf. Nur Mord & Totschlag…!

„Schwager James, ich hoffe, Du warst zufrieden!“

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Daniela Kaufmann-Strässle von „read eat live“.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455600308

Lektüre zum Fest…

Seit Wochen (ver-)lockt das s.g. Herbstgebäck die Kunden im Supermarkt zum Kauf. In etlichen Geschäften wird von der Lichterkette, über Bastelmaterial bis zur Ausstechform schon alles angeboten, was das Herz des Weihnachtsjunkies begehrt. Und auch für die Aufführungen der Weihnachtsmärchen an den div. Theatern der Republik können schon Eintrittskarten geordert werden. Da liege ich gen Ende Oktober genau im Trend: Unter dem Schlagwort „Lektüre zum Fest“ möchte ich Euch in den kommenden Wochen eine vielfältige Auswahl an literarischen Werken zum schönsten Fest des Jahres vorstellten.

Beginnen werde ich mit vier spannenden Weihnachtskrimis, die – mit einer Ausnahme – gerade erst erschienen sind. Dabei muss ich beschämt zugeben, dass meine Auswahl (drei britische Krimis und ein französischer Krimi) nicht gerade sehr kreativ und innovativ scheint. Aber Weihnachten und Mord & Totschlag auf einem englischen Landsitz oder in der französischen Seine-Metropole passen so wunderbar zueinander: Da ziehen Kreativität und Innovation leider den Kürzeren!

  • Nicholas Blake – Das Geheimnis von Dower House
  • Agatha Christie – Hercule Poirots Weihnachten
  • Alex Lépic – Lacroix und die stille Nacht von Montmartre
  • Reginald Hill – Mord in Dingley Dell

Als kleine „Wiedergutmachung“ biete ich Euch mit meinen weiteren Buch-Vorstellungen ein abwechslungsreiches Potpourri aus klassischen Märchen im neuen Gewand, Bilder- und Bastelbücher sowie internationalen Erzählungen und Geschichten. Da ist bestimmt für jede*n und (beinah) jedes Alter etwas dabei!

  • Hans Jürgen Press – Mein Dezemberbuch
  • Jan Brandt – Der magische Adventskalender/ mit Illustrationen von Daniel Faller
  • E.T.A. Hoffmann – Der Nussknacker / Hans Christian Andersen – Die Schneekönigin & Der Tannenbaum/ mit Illustrationen von Sanna Annukka
  • Raymond Briggs – O je, du fröhliche & Der Schneemann
  • Französische & Italienische Weihnachten/ herausgegeben von Annette Wassermann & Klaus Wagenbach
  • René Goscinny – Weihnachten mit dem kleinen Nick/ mit Illustrationen von Jean-Jacques Sempé
  • Willem Elsschot – Maria in der Hafenkneipe

Bei meiner Auswahl habe ich die diesjährigen Neu-Erscheinungen an Weihnachtsbüchern völlig außer Acht gelassen und mich stattdessen der so genannten Backlist der Verlage gewidmet. Vorgestellt werden somit nur Werke, die schon seit ein/ zwei/ einigen Jahren auf dem Markt sind und verdient haben, dass wir uns wieder an sie erinnern!

Ich wünsche Euch viel Freude mit meinen Neu- und Wiederentdeckungen sowie besinnliche Lese-Stunden!

Liebe Grüße
Andreas

MONTAGSFRAGE #96: Welches (Cover-)Design eines Buches hat euch in letzter Zeit besonders gefallen?

Wer wählt schon ein Buch nur aufgrund eines gelungenen Cover-Designs aus? Wir doch nicht! („Hüstel!“) Schließlich kommt es doch einzig und allein auf den Inhalt an. Gerne bemühe ich hierzu einen gelungenen Vergleich meines geschätzten Blogger-Kollegen Frank Wolf vom „reisswolfblog“:

„Wenn ich mir im Restaurant um die Ecke eine Lebensmittelvergiftung zugezogen habe,
lobe ich ja auch nicht wenigstens noch die hübsche Tischdekoration.“

Wohl wahr…!!! Aber machen wir uns nichts vor: Wir alle obliegen der Versuchung der Optik! Oder, um beim Restaurant-Beispiel zu bleiben: Wären die Tische abgeranzt, die Stühle unbequem und der Fußboden klebrig, dann könnte die Küche noch so exquisit sein, ich würde dieses Restaurant nicht besuchen.

Optimal wäre es natürlich, wenn Cover und Inhalt eine Einheit bilden, bzw. der Inhalt hält, was das Cover verspricht. Jede*r von uns reagiert da auf unterschiedliche Reiz-Merkmale, wobei viele individuelle Faktoren eine nicht unerhebliche Rolle spielen: Alter, Geldbeutel, persönliche Präferenz – um nur einige wenige zu nennen.

Als Liebhaber alter britischer Krimis reagiere ich auf Covers, auf denen ein Cottage, Landhaus oder sonstiges gediegenes Anwesen abgebildet ist. Die Verlage „Klett-Cotta“ und „DuMont“ arbeiten bei ihren Krimi-Ausgrabungen gerne nach diesem Prinzip: Zugegeben, diese Vorgehensweise ist nicht unbedingt originell, aber es funktioniert.

Der „Atlantik-Verlag“, Heimstätte von Agatha Christies Werken, ist in seiner Cover-Gestaltung deutlich kreativer. Hier stehen die Cover-Illustrationen immer im unmittelbaren Zusammenhang mit der Geschichte. So bildet die Jubiläumsausgabe zu Das fehlende Glied in der Kette: Poirots erster Fall eher die Ausnahme, da „ein Cottage, Landhaus oder sonstiges gediegenes Anwesen abgebildet ist.“ Trotzdem hat mich dieses Cover mit der reduzierten Wahl der Farben bzw. Farbabstufung sofort angesprochen. Durch diese Reduzierung wirkt das Cover – trotz der leichten Düsternis – elegant.

Bei Maigret macht Ferien von Georges Simenon war es das genaue Gegenteil: Eine sommerlich-leichte Strandidylle wird durch eine wärmende Sonne, die in den Schriftzug „Maigret“ übergeht, überstrahlt. Soll dies etwa andeuten, dass Kommissar Maigret der Sonne gleich auch die finsterste Ecke erhellt? Dazu schaukeln Boote auf dem Wasser, der Himmel ist blau, und der Strand lädt zum Flanieren ein. Ich fühlte förmlich die flirrende Atmosphäre des kleinen Städtchen Les Sables-d’Olonne, in dem die Geschichte spielt. Zudem liebe ich diesen Retro-Touch.

Bei der besonderen Ausgabe der Büchergilde Gutenberg zu „Der talentierte Mr. Ribley“ gab es auf dem Cover weder irgendwelche englischen Landhäuser noch einen Retro-Touch zu bewundern. Trotzdem fühlte ich mich von der Gestaltung angesprochen! Beim ersten Blick auf das Cover war ich eher irritiert und glaubte, verschwommen zu sehen. Schnell wurde mir jedoch bewusst, dass dieser Effekt auf die Art und Weise der Gestaltung zurückzuführen war. Alexandra Rügler hat für diesen klassischen Kriminalroman von Patricia Highsmith faszinierende Illustrationen in 3D-Optik kreiert (entsprechende Brille liegt bei), „die den Betrachter mit dem Buch interagieren lassen und so eine zweite Leseebene schaffen“ (Klappentext). Ob dies tatsächlich gelingt, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt berichten, da ich diesen Roman noch nicht gelesen habe.

Optik + Inhalt = Einheit: Das wäre bei einem Buch natürlich das Optimum!!!

…und lasst Ihr Euch auch von ein hinreißendes Äußeres verführen, oder zählen bei Euch nur die inneren Werte???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Agatha Christie – Das fehlende Glied in der Kette: Poirots erster Fall

15. Juni 2020/ 10:43 Uhr: Es klingelt an der Haustür! Ich öffne. Die Postbotin begrüßt mich freundlich und drückt mir mit einen Lächeln ein Päckchen in die Hand. Der Absender ist der renommierte Verlag „Hoffmann und Campe“ aus meiner Lieblingsstadt Hamburg. Ich bin verdutzt, hatte ich doch kein Leseexemplar angefordert. Flugs wird das Päckchen aufgerissen, und ein Buch zusammen mit einer Karte fällt mir in die Hände:

„Lieber Herr Kück, 
heute möchte ich Ihnen diesen tollen Band ans Herz legen, der im Juli bei uns erscheint. Poirots erster Fall jährt sich in diesem Jahr ja zum 100. Mal.
Ich hoffe, Sie haben viel Freude mit dem Buch. 
Herzliche Grüße
Svenja Schwentker“

Natürlich ist mir bewusst, dass außer mir noch einige weitere Buch-Blogger*innen diese Post erhalten haben. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich ein wenig geschmeichelt: Es scheint in Hamburg aufgefallen zu sein, dass hier ein Christie-Fan lebt. Und so gönne ich allen anderen Buch-Blogger*innen von Herzen ebenfalls ihre Post und hoffe, sie haben sich ebenso wie ich darüber gefreut. Liebe Frau Schwentker, herzlichen Dank!!!

So fühlte ich mich nun sanft genötigt, eine Rezension zu verfassen. Wobei ich fürchte, dass es weniger eine Rezension als vielmehr eine Hommage an eine der faszinierendsten Kriminalfiguren geworden ist.

Vor beinah genau 100 Jahren erschien mit dem ersten Roman der damals 30-jährigen Autorin ein kleiner penibler Belgier, der erst 55 Jahre, 33 Romane und etliche Kurzgeschichten später wieder von der Bildfläche verschwinden sollte. Obwohl Agatha Christie ihn in Vorhang: Poirots letzter Fall sterben lies, verschwand er nie gänzlich. Im Gegenteil: In unzähligen Gestalten wurde er wieder und wieder zum Leben erweckt. Schon in der ersten Bühnenfassung einer Poirot-Geschichte spielte im Jahre 1928 niemand geringerer als der Charakter-Mime Charles Laughton den belgischen Privatdetektiv. Einer bis heute anhaltenden Beliebtheit erfreuen sich auch die Verfilmungen aus den 70er Jahren mit großem Staraufgebot: Während Albert Finney in „Mord im Orient-Express“ schon deutliche Züge des literarischen Vorbilds erkennen ließ, spielte Peter Ustinov in den darauf folgenden Filmen durchaus unterhaltsam eher sich selbst. Erst mit der TV-Adaption „Agatha Christie’s Poirot“, die zwischen 1989 und 2013 produziert wurde, stand mit dem brillanten David Suchet ein Schauspieler vor der Kamera, der bis ins Detail der literarischen Vorlage gerecht wurde. Für mich ist dies die beste filmische Umsetzung der Poirot-Geschichten und wurde bisher auch von keiner neueren Verfilmung übertroffen. In ihnen wird Poirot recht unterschiedlich und für mich auch durchaus ambivalent porträtiert: Während im Kino Kenneth Branagh eher den maskulinen Abenteurer mimt, legt John Malkovich ihn für das Fernsehen eher als gebrochene Kreatur an. Aber auch in anderen Medien trat Poirot erfolgreich in Erscheinung u.a. als Comic bzw. Graphic Novel, in Hörspiele und einer japanischen Manga-Serie. Seit einigen Jahren gibt es sogar s.g. „neue“ Fälle von Hercule Poirot, geschrieben von Sophie Hannah und von Agatha Christies Erben autorisiert.

Für mich allerdings begann das literarische Leben von Hercule Poirot mit „Das fehlende Glied in der Kette“ und endete mit „Vorhang“. In beiden Romanen lässt Christie die Handlung aus Sicht von Captain Arthur Hastings für die Leser Revue passieren und wählte dazu einen identischen Handlungsort. So bilden diese beiden Romane eine Klammer und sorgen für eine Einheit der verschiedenen Geschichten und Romane rund um Hercule Poirot. Schon in ihrem Erstlingswerk zeigt die Autorin viele Details, die sie in späteren Werken perfektionierte und die ihren Ruf als „Queen of Crime“ festigten: ein mysteriöser Mord in einem geschlossenen Raum, ein Verdächtiger mit Alibi, interessantes Handlungspersonal, spannender und abwechslungsreicher Plot-Aufbau, ungewöhnliche Erzählperspektive…!

Es ist mir eine Freude, dass diese Jubiläums-Ausgabe nun in gebundener Form vorliegt (…was ich mir für alle Christie-Romane wünschen würde! ACHTUNG: Leiden auf hohem Niveau!). Und so wird dieser ansprechende Band dauerhaft meinen Lesetisch in unserer Mediothek zieren. Dabei ist er in bester Gesellschaft mit „The Mystery oft he Blue Train“ (dt.: „Der blaue Express“) von Agatha Christie. Als Fremdsprachenlegastheniker habe ich mir dieses englische Exemplar selbstverständlich nicht gekauft, um es zu lesen, sondern einzig und allein, weil mir die Aufmachung so sehr gefiel. Zwecks Lektüre greife ich natürlich nach der deutschen Taschenbuch-Ausgabe aus dem Atlantik-Verlag.

So, und nun beende ich endgültig diese schamlose Lobhudelei! 😀


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455008838

Ich danke dem Verlag und besonders Frau Schwentker herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Vorhang: Poirots letzter Fall

Alt, krank und gebrechlich kehrt Meisterdetektiv Hercule Poirot an den Ort seines ersten Triumphes zurück: Auf dem Landsitz Styles verbringt er seine letzten Tage – nicht aus Sentimentalität sondern um einem perfiden Mörder das Handwerk zu legen. Unter den Anwesenden vermutet er einen Psychopathen, der nie selbst Hand anlegte, dafür aber schon häufig andere Menschen durch geschickte Manipulation zum Morden verleitete. Doch hinter welcher, der scheinbar harmlos wirkenden Fassaden der Anwesenden, verbirgt sich ein perfider Verbrecher? Poirot bittet seinen langjährigen Freund Captain Hastings, ihn zu unterstützen: Hastings soll als Poirots Augen und Ohren fungiert. Doch trotz Hastings Wachsamkeit geschieht ein weiteres Unglück, und selbst Hastings ist vor dem Einfluss des Mörders nicht gefeit. Der Tod seiner Frau und die Anwesenheit seiner Tochter Judith lösen ambivalente Gefühle bei ihm aus. Hercule weiß, dass er schnell handeln muss: Seine kleinen grauen Zellen arbeiten nach wie vor brillant, doch sein Körper wird zunehmend schwächer. Er stirbt und hinterlässt eine überraschende Lösung des Falls…!

„Vorhang: Poirots letzter Fall“ ist der 33. und letzte Krimi mit dem belgischen Meisterdetektiv und gleichzeitig auch der letzte Roman, der zu Lebzeiten Agatha Christies erscheinen sollte. Mit Poirot und Styles begann und endete ihre sagenhafte Karriere: Kreise schließen sich! Kurioserweise war dies aber nicht der letzte Roman, den sie geschrieben hatte: Das Manuskript zu „Vorhang“ lag über 30 Jahre im Tresor der Bank und war so etwas wie Christies Rücklage für schlechte Zeiten. Da der Roman im Jahre 1975 erschien, entstand das Manuskript somit in den 40er Jahren. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache empfinde ich es umso erstaunlicher, mit welcher Raffinesse Christie diese Geschichte aufbaute: Einerseits lässt sie den Leser die Handlung – nach klassischer Manier – stellvertretend durch die Person Arthur Hastings erleben und lässt beide, Hastings und den Leser, bis zum Schluss im Dunkeln tappen. Andererseits erfährt der Leser prägnante Einzelheiten durch die schriftlichen Aufzeichnungen von Hercule Poirot.

Zudem überraschte Christie gerne ihre Leser*innen, indem sie in ihren Romanen heikle Themen ansprach: So folgte ich als Leser einer konträr geführten Diskussion zwischen Captain Hastings und seiner Tochter Judith, bei der ich mich fragte, ob hier noch über Sterbehilfe oder schon über Euthanasie gesprochen wird. Häufig wurde der Autorin Antisemitismus vorgeworfen: Agatha Christie war ein Kind ihrer Zeit, nahm gesellschaftliche Ströme wahr, und so sind ihre Werke im historische Kontext der damaligen Epoche zu bewerten. Ich selbst habe schon viele ihrer Werke gelesen, empfand diese nie als rassistisch und hatte dabei eher den Eindruck, dass Christie bestimmten Personen der Handlung provokante Thesen in den Mund legte, um so ihrer Leserschaft und somit der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Dies ist selbstverständlich meine persönliche Interpretation, und eine Interpretation kann sowohl zu der einen wie auch zur anderen Richtung tendieren: Wer sucht wird finden!

In der gewohnten und von ihr perfektionierten „Whodunit“-Manier erfreut die Autorin auch bei diesem Roman mit einem spannenden Plot und interessanten Charakteren. Gleichzeitig schwingt Melancholie und ein Hauch Vergänglichkeit durch die Szenerie: Alle Personen sind an einem Scheideweg angelangt, blicken auf ihr bisheriges Leben zurück, hadern mit sich und ihrer momentanen Situation und sind unentschlossen, was die Zukunft ihnen bringen mag. Nur für den großen Meisterdetektiv wird es keine Zukunft mehr geben.

Ich gebe zu, dass mir beim Tod von Poirot – und als ich seine letzten Zeilen las – eine Träne über die Wange rann: „Es waren gute Zeiten. Ja, es war eine gute Zeit…“

Ja, das war sie – definitiv!

Nachruf Hercule Poirot - New Yorker Times.jpg

Hercule Poirot war bisher der einzige fiktive Charakter, der nach Erscheinen seines letzten Falls einen Nachruf in der „New York Times“ erhielt – auf der Titel-Seite!!!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455008722

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Traudl Bünger – The Queen of Crime: Agatha Christie (Hörbuch)

Agatha Christie hat zu Lebzeiten tunlichst vermieden, ihre beiden beliebten kriminalistischen Spürnasen Miss Marple und Hercule Poirot gemeinsam ermitteln zu lassen, und tat gut daran: Bei den sehr unterschiedlichen Herangehensweisen und Ermittlungsmethoden der Beiden wäre womöglich ein erbitterter Konkurrenzkampf unumgänglich gewesen.

Erst Traudel Bünger, Autorin und bis 2018 als Programleitung des Literaturfestivals lit.COLOGNE tätig, wagte es, diese „heilige Kuh“ zu schlachten: Mit „The Queen of Crime: Agatha Christie“ lässt sie diese außergewöhnlichen Charaktere aufeinandertreffen. Mit Jürgen Tarrach als herrlich snobistischer Poirot mit französischen Akzent und Monica Bleibtreu als pfiffig-resolute Miss Marple mit Herz am rechten Fleck standen ihr zwei Vollblut-Akteure zur Verfügung.

Am 3. Dezember 1926 verschwand die damals 36-jährige Agatha Christie auf mysteriöse Weise, tauchte erst 11 Tage später wieder auf und machte aus diesem Umstand stets ein Geheimnis. Nach eigener Aussage war für Traudel Bünger, die „das Leben einer Kriminalschriftstellerin in einem literarischen Bühnenprogram erzählen will, ein solches Geheimnis ein Geschenk“. Und so nehmen Poirot & Marple alias Tarrach & Bleibtreu die Ermittlungen auf und liefern sich so einen verbalen Schlagabtausch auf Augenhöhe. Während Poirot die Tatsachen systematisch anhand der Chronologie der Ereignisse dem Publikum darlegt, unterbricht Marple ihn immer wieder, um anhand von Anekdoten aus ihrem Dorf St. Mary Mead die mitfühlende (zwischen-)menschliche Komponente nicht zu vernachlässigen. So stricken sie gemeinsam geschickt ein feines Netz der damaligen Ereignisse aus den wenigen bekannten Fakten, Zeitungsartikeln und Interviews von Agathas erstem Ehemann Archibald Christie und analysieren gemeinsam das Verhalten der beteiligten Personen.

Überzeugend arbeitet Traudel Bünger die sehr unterschiedlichen Methoden dieser gewieften Ermittler heraus: Während Poirot seine kleinen grauen Zellen sehr rational einsetzt und die reinen, unverfälschten Fakten berücksichtigt, achtet Miss Marple – sozusagen von Frau zu Frau – auf die Kleinigkeiten im Verhalten und auf Veränderungen im Auftreten von Mrs. Christie. Dabei diskutieren die Schöpfungen durchaus konträr über ihre Schöpferin.

So wagen sie eine Einschätzung, in wieweit die Geschehnisse im Dezember 1926 Einfluss auf die darauf folgenden Werke der Autorin Christie hatten. Auch werden sowohl ihr weiterer Lebensweg wie auch ihre Karriere pointiert beleuchtet: Scheidung vom ersten (untreuen) Ehemann, Reisen mit dem Orient-Express und in den Nahen Osten, Heirat mit dem 14 Jahre jüngeren Archäologen Max Mallowan, weltweite Erfolge als Autorin von Romanen und Bühnenstücke („Die Mausefalle“ wird seit dem Jahre 1952 ohne Unterbrechung in London aufgeführt), von der UNESCO zur erfolgreichsten britischen Schriftstellerin gekürt. Dabei wird deutlich, dass Agatha Christie zu ihrer Zeit schon eine sehr unkonventionelle Frau mit Humor war. So äußerte sie sich zu ihrer Ehe mit einem jüngeren Mann „Heiraten sie einen Archäologen: Je älter sie werden, desto interessanter findet er sie!“ Als sie am 12. Januar 1976 verstarb, zollte ihr die Theaterwelt von London Tribut: Von 22.00 bis 23.00 Uhr wurde das Westend dunkel und trauerte um die „Queen of Crime“.

Doch das Rätsel um die Geschehnisse im Dezember 1926 bleibt unaufgeklärt: Christie gab hierzu nur ein einziges Interview, dass so gut wie nichts zur Klärung beitrug, danach herrschte Schweigen…!

Aber Hercule Poirot und Miss Marple wären nicht DIE exzellenten Kriminologen, wenn sie nicht auch hierfür mit einer jeweils sehr persönlichen Lösung des Falls – jede/r im ganz eigenem Stil – glänzen würden. Und die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte…!

Die 78 Minuten dieses Live-Mitschnitts der lit.COLOGNE aus dem Jahre 2009 vergingen wie im Flug: Neben dem gelungenem Buch von Traudel Bünger ist dies in erster Linie den beiden vortrefflichen Darstellern Monica Bleibtreu und Jürgen Tarrach zu verdanken: Mit Charme und Humor hauchten sie ihren Charakteren Leben ein. Einziger (wirklich nur klitzekleiner) Wehrmutstropfen an dieser Einspielung ist der Umstand, dass der Zuhörer ihrer Performance hin und wieder die Lesung anmerkt, d.h. einige Dialoge wirken eher abgelesen als „frei“ interpretiert. Dafür lebt diese Aufnahme umso mehr von der Live-Atmosphäre mit den Reaktionen des Publikums.


erschienen bei Random House Audio/ ISBN: 978-3837104134

MONTAGSFRAGE #72: Was ist das älteste Buch, das ihr je gelesen habt?

Es ist nur eine schlichte Frage, und doch nicht so einfach zu beantworten.

Da könnte ich mich ganz gelassen zurücklehnen und auf die schon in der Montagsfrage der letzten Woche erwähnten Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm verweisen. Schließlich wurde deren erster Band bereits im Jahre 1812 veröffentlicht. Aber „einfach“ könnte ja jeder…! So krame ich tiefer in der Kommode meiner Erinnerung in der Hoffnung, dass nicht allzu viele Schubladen klemmen.

Vor genau hundert Jahren erblickte das Erstlingswerk einer jungen aufstrebenden Autorin das Licht der Öffentlichkeit, nichtsahnend, dass hier die zukünftige „Queen of Crime“ einen ihrer erfolgreichsten Detektive ins Rennen schickt: 1920 war das Geburtsjahr von Hercule Poirot, der mit „Das fehlende Glied in der Kette“ seinen Einstand gab. Selbstverständlich wurde vor ein paar Jahren meine wiederentdeckte Liebe zu Agatha Christie mit der Lektüre eben dieses Krimis neu entfacht.

Eine der ersten Sherlock-Holmes-Geschichten, die ich je gelesen habe, war „Der Hund von Baskerville“, die im Jahre 1902 erschienen ist und sicherlich als eine der erfolgreichsten Werke von Sir Arthur Conan Doyle gelten darf. Im Laufe der Jahre habe ich diese spannende Geschichte nicht nur unzählige Male gelesen, auch die vielfältigen Film- und TV-Adaptionen fanden mein Interesse, und sogar eine gelungene Bühnenadaption schenkte mir spannende Unterhaltung.

1977 flimmerten die ersten Folgen der Zeichentrickserie „Heidi“ über die Mattscheibe, und ich wurde ein bekennender Fan. So fand auch das literarische Vorbild von der Autorin Johanna Spyri, das beinah 100 Jahre zuvor (1879) veröffentlicht wurde, schnell Eingang in meinem Kinderzimmer. Zudem handelte es sich hierbei um die Kinderbuchausgabe meiner Mutter aus den 40er Jahren. Doch leider hat dieses Exemplar die div. Umzüge nicht überlebt!

Im September 2018 wagte ich mich doch tatsächlich an Dante Alighieris „Die göttliche Komödie“, die er erst kurz vor seinem Tod im Jahre 1321 vollendete. Dieses Werk wird gerne von mir als meine „literarische Lebensaufgabe“ bezeichnet, und damit habe ich wahrlich nicht übertrieben. Dieses Werk ist alles andere als „leichte Kost“. Ganz im Gegenteil: Es liegt eher schwer im Magen oder auf dem Magen – je nachdem, wie ich den seitenstarken Schinken bei der Lektüre positioniere.

…und welche antiken Leseschätze habt Ihr in Eurer Erinnerungskommode versteckt?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.