[Konzert] Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – DORNRÖSCHEN / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Märchenballett mit Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky / nach dem Märchen von Charles Perrault

Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Ballettschule Dance Art Bremerhaven

Premiere: 31. Mai 2026 / besuchtes Konzert: 31. Mai 2026

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG & MODERATION Hartmut Brüsch 
CHOREOGRAFIE Irina und Marius Manole

Es war der 1. Juni 2025: Die Spielzeit 2024/2025 war für mich beendet, und ich versuchte mir die Theaterfreie Zeit mit entsprechender Lektüre zu versüßen. Meine Wahl fiel u.a. auf das musikalische Bilderbuch DORNRÖSCHEN aus dem Annette Betz-Verlag. Damals schrieb ich…

Mit DORNRÖSCHEN, dem zauberhaften Märchenballett von Peter Iljitsch Tschaikowsky habe ich mir ein Werk ausgesucht, das in der nächsten Saison auch an meinem Stamm-Theater zur Aufführung kommen wird. Beim 3. Familienkonzert wird das Philharmonische Orchesters Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Hartmut Brüsch die gelungene Kooperation mit der Ballettschule Dance Art fortführen. Irina und Marius Manole werden mit den Schüler*innen ihrer Ballettschule sicherlich wieder eine wunderbar kindgerechte wie phantasievolle Choreografie für das junge Publikum erstellen. Bis es soweit ist, muss ich mich leider beinah ein Jahr gedulden.

Wie schnell doch so ein Jahr vergeht. Es klingt wie eine Floskel, fühl sich für mich aber genauso an. Doch woran mag es liegen, dass für mich die Monate (gefühlt) so schnell verflogen waren? Meine Begründung: Es ist in meinem Leben eine Menge passiert – weniger Angenehmes aber auch viel Schönes. Das Schöne, und somit das, was das weniger Angenehme erträglicher gemacht hat, waren u.a. meine vielen Konzert- und Theater-Besuche. Kultur ist für mich existentiell wichtig, und so saß ich auch diesmal wieder voller Vorfreude im Publikum.

Um mich herum ging es zu wie im viel zitierten Bienenstock: Es summte und brummte, es wuselte und wimmelte. Eltern, Großeltern, Geschwisterkinder, Onkel, Tanten sowie Freunde schienen beinah ebenso aufgeregt, wie die 82 Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in wenigen Minuten die Bühne für sich erobern sollten. Der musikalische Leiter des heutigen Konzerts Hartmut Brüsch betrat die Bühne, griff zum Mikrophon, hielt es sich an die Lippen, und es passierte erstmal recht wenig. Die Tücken der Ton-Technik hatten zugeschlagen. Als Orchesterwart Thomas Wehnert die Bühne betrat, um die Mikros auszutauschen, nutze Brüsch diesen Umstand geschickt und erklärte dem Publikum spontan, welch wichtige Aufgaben ein Orchesterwart innehat. Wie selbstverständlich war er wieder ganz in die Rolle des Vermittlers geschlüpft, der seinem jungen Publikum die Besonderheiten eines Philharmonischen Orchesters näher brachte und ihnen charmant die einzelnen Instrumentengruppen vorstellte – und wir, die Erwachsenen im Publikum, wurden dadurch auch nicht dümmer.


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Dass Hartmut Brüsch gemeinsam mit den Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven die traumhaften Kompositionen vom Meister Tschaikowsky gar wundervoll zu Gehör bringen würden, stand für mich außer Frage. So rückte das Orchester auch ein wenig aus dem Fokus, da die Bühne im großen Haus des Stadttheaters Bremerhaven eine Stunde lang ganz und gar den kleinen und nicht mehr ganz so kleinen Tanzstars gehörte. Irina und Marius Manole hatten sich wieder eine entzückende Choreografie erdacht, die vom klassischen Ballett geprägt und dem Können ihrer Elevinnen und Eleven angepasst war. Zudem standen beide selbst auf der Bühne und verkörperten hoheitsvoll das Königspaar, die Eltern unserer Titelheldin.

Doch bis diese in Erscheinung treten konnte, wurde vorab die Vorgeschichte gezeigt, die viel Raum für ausgefeilte Choreografien bot – sei es vom eleganten Tanz der Hofgesellschaft über den graziösen Spitzentanz der guten Feen bis zum markanten Auftritt der bösen Fee, die von einem putzigen Schwarm Mini-Fledermäuse umschwirrt wurde. Rebecca Pagel gab die böse Fee CARABOSSE mit dynamischen Bewegungen und einem expressiven Minenspiel. Paulina Dieckvoß war als FLIEDERFEE der gewichtige Gegenpart zur bösen Fee und sorgte voller Anmut in Tanz und Ausdruck dafür, dass deren Zauber gemildert wurde. Thomas Brannemann amüsierte als kleiner ZEREMONIENMEISTER, der stets überfordertet schien.

Dabei wurde immer wieder eine große Spindel als Zeichen der drohenden Gefahr raffiniert in die Inszenierung integriert. Geschickt visualisierten Irina und Marius Manole auch die stetig wachsende Dornenhecke durch die Tänzerinnen in verschiedenen Formationen: Es begann mit dem zauberhaften Tanz der zarten Rosenknospen und gipfelte in der vollen Pracht der aufgeblühten Rosen im kraftvollen Rot, die Auroras (Dornröschens) Schlafstätte beschützend umrankten. Zoe Busch Barbosa gab eine reizende AURORA und meisterte die anspruchsvolle Choreografie mit viel Grazie. Als PRINZ DÉSIRÉ stand ihr Mats Tietjen zur Seite, der mit natürlicher Ausstrahlung gefiel und seinem Dornröschen bei den Pirouetten und Hebefiguren ein verlässlicher Partner war.

Bei einem Märchenballett dürfen auch gerne weitere Märchenfiguren in Erscheinung treten: David Caibet als DER GESTIFELTE KATER und Eva Lee Hilz als seine Partnerin DIE WEISSE KATZE erinnerten mich mit ihrer Energie und Quirligkeit an Mungojerrie und Rumpleteazer aus dem Musical CATS. Selbst Rotkäppchen und der Wolf schauten „zur Feier des Tages“ vorbei: Da wurde ROTKÄPPCHEN Vivien Radeck von WOLF Argenis Rodriguez höchst amüsant über die Bühne gescheucht – es half kein Bitten und Flehen – bis es ihr zu bunt wurde, sie den Spieß umdrehte und sehr zur Freude des Publikums den Wolf über das Parkett jagte.

Mit Respekt für alle Beteiligten beobachtete ich das Treiben auf der Bühne und zog voller Hochachtung meinen imaginären Hut vor Irina und Marius Manoles Leistung, 82 junge Menschen zu koordinieren, zu choreografieren und so zu motivieren, dass am Schluss diese äußerst gelungene, abwechslungsreiche und märchenhafte Aufführung präsentiert werden konnte.

💛💜❤️ ES WAR BEZAUBERND…! ❤️💜💛


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

LESE-HIGHLIGHTS 2025…

Nun ist das Jahr 2025 beinah Geschichte, und wieder frage ich mich, ob es für mich ein gutes oder ein schlechtes Jahr war. Wobei so ein Jahr für sich betrachtet weder das eine noch das andere Extrem sein kann. Das Jahr ist neutral. Vielmehr liegt es an mir (und an vielen Faktoren, die von Außen Einfluss nehmen), wie ich die mir zur Verfügung stehenden 12 Monate fülle und sich das Jahr dadurch für mich entwickelt.

Doch bleiben wir beim Jahr 2025: Die vergangenen Monate waren emotional, arbeitsintensiv, kraftraubend, aufwühlend und brachten schlussendlich eine entscheidende Veränderung. Doch hatte sich diese Veränderung nicht schon am Anfang des Jahres angekündigt? Hatte ich den Beitrag 7 WOCHEN ANDERS LEBEN: …fasten, wem fasten gegeben! nicht bereits mit den Worten „Anscheinend steht dieses Jahr bei mir ganz im Zeichen des Aufbruchs…!“ eingeleitet? Ja, die Veränderungen warfen schon ihren Schatten, doch ich benötigte offenbar deutlichere Impulse, bevor ich den Mut fand, Neues zu wagen.

Ich bin so dankbar, dass ich in all dem Chaos so viel Halt und Unterstützung erfahren durfte. Darum schicke ich voller Dankbarkeit einen herzlichen Gruß an meinen geliebten Gatten, meine wunderbare Familie und an liebe Freunde. Einen besonderen Dank sende ich an meine geschätzten Kolleg*innen, mit denen ich bisher zusammenarbeiten durfte, sowie an frühere Kolleg*innen, die mir abermals ihr Vertrauen schenken und zukünftig mit mir arbeiten werden.

Und ich merke besonders in diesen herausfordernden Phasen in meinem Leben, dass ich die Kultur so sehr brauche. Die Auseinandersetzung mit der Kultur in ihren vielfältigen Facetten ist mir Inspiration, Trost und Zerstreuung zugleich. Neben den Besuchen von Theatern, Konzerten und Ausstellungen zählt für mich natürlich auch die Literatur dazu, und so durfte ich meine Nase auch in diesem Jahr wieder in einige wundervolle Bücher versenken.

Und hier sind sie nun endlich, meine Lese-Highlights des Jahres 2025…



  • Der März begann mit der Entdeckung der äußerst gelungenen Graphic Novel DER PASSAGIER DER POLARLYS nach einem Roman von Georges Simenon. José-Louis Bocquet und Christian Cailleaux haben die düstere Atmosphäre des Originales sehr gut eingefangen.
  • Ebenfalls im März besuchte mich nach fünf langen Jahren der Abwesenheit eine meiner liebsten Schnüfflerinnen: FLAVIA DE LUCE. DES HENKERS LETZTE MAHLZEIT. Ich hoffe, dass ihr Schöpfer Alan Bradley uns nicht wieder so lange auf ihr nächstes Abenteuer warten lässt.
  • Im April entführte mich Štěpán Zavřel mit seinen absolut traumhaften Illustrationen im Bilderbuch TRAUM VON VENEDIG in die sagenhafte Lagunenstadt.
  • Der Mai brachte mir die Bekanntschaft mit der Autorin Kate Atkinson: Ihr neuster Roman NACHT ÜBER SOHO ist spannend, fesselnd und absolut vielschichtig.
  • Im Juni amüsierte mich Winifred Watsons charmanter wie humorvoller Roman MISS PETTIGREWS GROSSER TAG ganz famos und bescherte mir kurzweilige Stunden.
  • Im Juli traute ich mich abermals an Tomasz Jedrowskis IM WASSER SIND WIR SCHWERELOS. Bereits zwei Mal hatte ich diesen Roman zu lesen begonnen und wieder abgebrochen. Es lag definitiv nicht an der literarischen Qualität der Geschichte.
  • Ich liebe Musik: Sie umgibt mich täglich und zu (beinah) jeder Lebenslage. Doch wie entwickelt sich der persönliche Musik-Geschmack? Im August fand ich dank Michel Faber und seinem Buch HÖR ZU! Was Musik mit uns macht darauf und zu vielen weiteren Fragen die Antwort.
  • Ebenfalls im August tauchte ich mit den Illustrationen in ALLE FARBEN DES LEBENS in die wunderbar poetische Welt der Künstlerin Lisa Aisato.
  • Der Oktober überraschte mich mit der bisher besten Adaption eines Agatha Christie-Klassikers, die ich bisher lesen durfte. Als Graphic Novel konnte mich DIE MORDE DES HERRN ABC von Frédéric Brémaud und Alberto Zanon völlig überzeugen.
  • Im November startete ich mit meiner alljährlichen Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST:  Beim Lauschen der Hörspiele TOD UNTER LAMETTA. Teil 1+2 von Kai Magnus Sting bekam ich vor Lachen Schnappatmung. Kein Wunder bei dieser exquisiten Besetzung!
  • Doch auch Ernsteres hielt der November und somit die Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST bereit: Kirsten Boies Erzählung DER WEIHNACHTSFRIEDEN, zu der Claire Harrup stimmungsvolle Illustrationen geschaffen hatte, rührte mich zu Tränen.

…und das war er wieder, mein Lese-Rückblick auf das Jahr 2025, das viel zu schnell vergangen ist. Da bleibt mir nur noch eines zu erwähnen:

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2026!

Liebe Grüße
Andreas

[Konzert] Kazuyo Nozawa – DIE BREMER STADTMUSIKANTEN / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik & Text von Kazuyo Nozawa / basierend auf dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm

Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Premiere: 1. Juni 2025 / besuchtes Konzert: 1. Juni 2025

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG & MODERATION Hartmut Brüsch 
ERZÄHLER Victor Seraphin Feuchte
SOPRAN (HAHN) Victoria Kunze
MEZZOSOPRAN (KATZE) Boshana Milkov
TENOR (HUND) Andrew Irwin
BASS (ESEL) Ulrich Burdack

Da sind sie wieder, die vier selbsternannten Musikanten, auf ihrem Weg nach Bremen, das sie nachweislich nie erreicht haben. Doch Geschichten wie diese eignen sich hervorragend dazu, Legenden zu erschaffen. Aber Legenden sind ja auch dafür da, um gepflegt zu werden, und so haben sie schon die Phantasie von so machen kreativen Köpfen angestachelt. In diesem Fall gehörte der kreative Kopf der japanischen Komponistin Kazuyo Nozawa, die Gesang und Komposition in Tokio und Wien studierte und für ihre Kompositionen internationale Auszeichnungen erhielt. Zur Seestadt Bremerhaven hat sie eine besondere Bindung: Von 1978 bis 2010 war sie Mitglied des Opernchores des Stadttheaters Bremerhaven. Ihr musikalisches Märchen DIE BREMER STADTMUSIKANTEN kam im Jahre 2014 im Stadttheater Bremerhaven zur Uraufführung, wo es gestern anlässlich des Kindertages (und zu Ehren des 80. Geburtstages der Komponistin) nochmals zur Aufführung kam.

Diese und viele weitere Informationen verriet uns der musikalische Leiter Hartmut Brüsch gleich zu Beginn des Konzertes und lenkte unser Augenmerk auf einige Besonderheiten des Stücks. So hatte Kazuyo Nozawa einige bekannte Melodien mit ihrer Komposition verwoben: Da gab es Anleihen zu Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven, aber es erklangen auch Zitate aus bekannten Volks- und Weihnachtsliedern wie „Am Brunnen vor dem Tore“ und „Morgen kommt der Weihnachtsmann“. Selbst die Eurovisions Fanfare kam beim dramatischen Finale zum Einsatz. Dieser Kniff wurde von der Komponistin nicht etwa angewandt, weil ihr selbst nichts Gescheites mehr einfiel, vielmehr liegt ihr die Musikvermittlung an junge Menschen sehr am Herzen, und sie schuf so für ihre jungen Zuhörer*innen musikalische Anknüpfungspunkte.

Auch dem Philharmonischen Orchester ist die Musikvermittlung an Kinder und Jugendliche sehr wichtig. Es gibt bei den Familienkonzerten immer ein musikalisches Vorprogramm im oberen Foyer des Stadttheaters, bei dem die Kids unter Anleitung der Orchester-Profis Instrumente kennenlernen und ausprobieren können. Und so nehmen die Musiker*innen ein Familienkonzert natürlich ebenso ernst wie ein großes philharmonisches Konzert.

Kazuyo Nozawas schuf wunderbar melodische Kompositionen, die charmant die einzelnen Stationen, die die Musikanten auf ihrer Wanderschaft durchlebten, untermalten und von Hartmut Brüsch und dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven mit Verve dargeboten wurden. Zudem gab es einige amüsante musikalische Anspielungen zu entdecken: Da durfte die Katze ihr Schicksal in Flamenco-Rhythmen à la CARMEN beklagen, oder der Hahn gackerte ganz aufgeregt eine Koloratur, wenn er die Bäuerin, die ihn in den Topf stecken wollte, als „Königin der Macht“ betitelte, was einen deutlichen  Bezug zur „Königin der Nacht“ aus Mozarts DIE ZAUBERFLÖTE darstellte.


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Doch all dieses Wissen trat gänzlich in den Hintergrund als unsere Star-Musikanten in der Verkörperung von Ulrich Burdack (Bass), Andrew Irwin (Tenor), Boshana Milkow (Mezzosopran) und Victoria Kunze (Sopran) die Bühne betraten. Schon allein optisch waren die Unterschiede dieser Vier nicht zu übersehen und deuteten auf die jeweilige Charakterisierung des Tieres hin.

Bei Ulrich Burdacks erstem Erscheinen als Esel fragte ich mich, warum er kein Kostüm trug. Doch dann entdeckte ich den grauen Schwanz unter dem Sakko des schwarzen Anzugs hervorlugen  und verstand, dass hier die graue Eminenz auf der Bühne stand, die voller Weisheit und in sich ruhend die Geschicke seiner kleinen Truppe lenkte. Andrew Irwin als Hund jaulte zum Steinerweichen. Er erschien gänzlich in Straßenköter-Beige gekleidet – bis hin zu den zwei Socken, die ihm als Schlappohren dienten, und so seinen bemitleidenswerten Zustand zusätzlich unterstrichen. Boshana Milkovs Katze hatte sich auch in ihrem hohen Alter ihre Eleganz bewahrt und betrauerte ihr Schicksal mit Noblesse. Wurde das schwarze Fell im Laufe der Jahre auch stumpf, so präsentierte sie wenigstens ihren Brustlatz noch im strahlenden Weiß. Victoria Kunzes Hahn war auch im Alter noch eine schillernde Erscheinung, dem man den in die Jahre gekommenen Gockel allerdings durchaus ansah, da er in seinem bunten Federkleid so manchen geknickten Kiel nicht verbergen konnte.

Galt es für die Sänger*innen in den Solis, dass sie die eigene Stimmlage für die Kids im Publikum besonders hervorhoben, so vereinten sie sich absolut harmonisch in den mehrstimmigen Passagen.

Victor Seraphin Feuchte lieferte souverän den erzählerischen Rahmen zu diesem musikalischen Märchen und sorgte so dafür, dass auch die jüngsten Zuschauer*innen die Zusammenhänge verstanden. Auch die stimmigen Hintergrundprojektionen dürfen nicht unerwähnt bleiben, da hierzu die Schüler*innen der Pestalozzischule in Bremerhaven ganz zauberhafte Bilder kreiert haben.

Die Kinder im Publikum folgten sehr aufmerksam dem Geschehen auf der Bühne und reagiertem mit ansteckendem Lachen auf die humorvollen Wendungen in der Geschichte. Mit viel Jubel und Klatschen, was auch einer sichtlich gerührten Kazuyo Nozawa galt, wurden alle Künstler*innen von ihren jungen Zuschauer*innen verabschiedet. Doch allzu lange sollte dieser Abschied nicht dauern, denn, wie es sich für echte Stars gehörte, gaben sie nach dem Konzert noch eine Autogrammstunde für und mit ihren Fans.

💛💜❤️ ES WAR BEZAUBERND…! ❤️💜💛


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

LESE-HIGHLIGHTS 2024…

Altes Jahr vergeht.
Wange in die Hand gestützt,
blicke ich ihm nach.

Chô-i

So wie der japanische Dichter Chô-i es zwar knapp aber treffend schon vor hunderten von Jahren beschrieben hatte, erging es mir beim Schreiben dieses Beitrags.

Ich schaue auf das Jahr 2024 mit gemischten Gefühlen: Da gab es so manche Krisen bzw. krankheitsbedingte Rückschläge, die mich zum Nachdenken zwingen… (Nein! Ich werde nicht gezwungen. Vielmehr werde ich aufgefordert.) …die mich zum Nachdenken auffordern. Ich empfinde es wahrlich nicht als Zwang. Ich sehe es vielmehr als Chance! Im Neuen Jahr wird es Veränderungen geben: Wie und in welchem Umfang wird sich noch entscheiden. Um langfristig gesund zu bleiben, sollte sich in meinem Leben allerdings einiges ändern.

Doch natürlich gab es nicht nur Krisen: Gottlob wurde ich mit vielen Glücksmomenten – kleinen wie größeren – beschenkt. Ich durfte viel Qualitätszeit mit meinen Herzensmenschen verbringen, erlebte etliche inspirierende Stunden im Theater und Konzert und las einige wunderbare Bücher.

Diese Aspekte meines Lebens werde ich ganz sicher nicht ändern!

Bei der Auswahl der Bücher bin ich mir gänzlich treu geblieben. Die Zeiten, in denen ich dachte, ich müsste hier mit der Vorstellung intellektuell herausfordernder Literatur meine Follower*innen beeindrucken, sind längst passé. Ich lese, was mir gefällt – unabhängig vom Alter des Werkes bzw. für welches Lesealter es ursprünglich vorgesehen war. Es gibt für mich nur eine einzige Voraussetzung: Ich möchte mich unterhalten fühlen!

Und hier sind sie nun endlich, meine Lese-Highlights des Jahres 2024…


Lese-Highlights 2024 - Buchcover


  • Ende Februar wurde der 125. Geburtstag von Erich Kästner gefeiert. Und auch ich ließ es mir nicht nehmen, diesen großartigen Romancier – neben einer kleinen RETROSPEKTIVE – mit Rezensionen zu DAS MÄRCHEN VOM GLÜCK und DAS MÄRCHEN VON DER VERNUFT zu gratulieren. Beide Bücher wurden phantasievoll von Ulrike Möltgen illustriert.
  • Im März tat ich etwas, was längst überfällig war: Es war mir eine große Freude, Heinrich Spoerls „Loblied auf die Schule“ DIE FEUERZANGENBOWLE zu lesen.
  • Ebenfalls im März begeisterte mit Kathrin Aehnlich mit ihrem Roman DER KÖNIG VON LINDEWITZ. Immer wieder schafft sie es, den Menschen im Osten unsere Landes eine Stimme zu geben.
  • Im April hielt ich dann das wunderbare Lese- und Bilderbuch FESTE DER WELT mit den Texten von Joanna Kończak in den Händen, das von Ewa Poklewska-Koziełło ebenso wunderbar illustriert wurde.
  • Der Mai bescherte mir mit DER TWYFORD-CODE von Janice Hallett einen ganz ungewöhnlichen Roman, der komplett aus Transkriptionen von Audiodateien bestand. Spannend!
  • Absolut Entzückendes erwartete mich im August mit SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN von Siegfried Lenz. Dieses kleine ostpreußische Dorf im Masurenland mit seinen liebenswert-kauzigen Menschen war mir schnell ans Herz gewachsen.
  • Im September feierte auch ich den Weltkindertag: Grund genug mich mit MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ. Das Original aus den 70ern der Brüder Grimm auf eine kleine Zeitreise in meine eigene Kindheit zu begeben.
  • Der September überraschte mich auch mit dem Erzählband MÖCHTE DIE WITWE ANGESPROCHEN WERDEN, PLATZIERT SIE AUF DEM GRAB DIE GIESSKANNE MIT DEM AUSGUSS NACH VORN von Saša Stanišić, das mich so sehr begeistern konnte.
  • Im Oktober wurde es schaurig-schön mit DAS PHANTOM DER OPER von Gaston Leroux in der überzeugenden Neu-Übersetzung Rainer Moritz.
  • Der Oktober blieb weiter spannend, da ich mit Sasha Filipenko und seinem Krimi  DER SCHATTEN EINER OFFENEN TÜR einen sehr interessanten Autor entdeckte.
  • Ende November geschah ein kleines Wunder, das mich selbst überraschte: Mit Agatha Christies HERCULE POIROTS WEIHNACHTEN von Isabelle Bottier (Text) und Callixte (Illustrationen) konnte mich endlich eine Graphic Novel überzeugen.
  • Im Dezember wurde es humorvoll-besinnlich mit den entzückenden Geschichten wie DER GESTOHLENE WEIHNACHTSBAUM von Hans Fallada, zu denen Ulrike Möltgen (wie schon bereits bei Erich Kästner) ihre zauberhaften Illustrationen beisteuerte.

…und das war er wieder, mein Lese-Rückblick auf das Jahr 2024, das wir in wenigen Tagen ad acta legen können. Da bleibt mir nur noch eins:

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2025!

Liebe Grüße
Andreas

[Rezension] ESEL HUND KATZE HAHN. Geschichten, Gedichte und Lieder von den Bremer Stadtmusikanten/ Anna Lott (Hrsg.)

Ist es nicht erstaunlich? Da werden vier altersschwache Gesellen die bekanntesten Botschafter einer Stadt, die sie nachweislich nie erreicht haben. Es klingt wie im Märchen.

Es war einmal…

…im Jahre 1819, als DIE BREMER STADTMUSIKANTEN erstmals in der Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm auftauchten. Doch erst 80 Jahre später entdeckten die Bremer selbst das (Werbe-)Potenzial der vier Musikanten und wussten es als Wahrzeichen für ihre Stadt zu nutzen.

Doch irgendwie hatte ich immer schon dieses undefinierbare Gefühl, dass die Geschichte nicht zu Ende erzählt wurde: Da blieben mir zu viele Fragen unbeantwortet. Glücklicherweise kann da nun Anna Lott mit diesem Bilder-Lese-Buch Licht ins märchenhaft-nebulöse Dunkel bringen. Gemeinsam mit einer Vielzahl ihrer Schreiber- und Illustrations-Kolleg*innen, die allesamt in, um oder drumherum von Bremen zuhause sind, bleiben (beinah) keine Fragen mehr offen.

Neben Herausgeberin Anna Lott steuerten ebenfalls Michael Augustin, Carolin Helm, Jörg Isermeyer, Ulrike Kuckero, Hendrik Lambertus, Johanna Lindemann, Florian Müller und Hortense Ullrich ihre phantasievollen Geschichten, Lieder oder Gedichte bei. Die Künstler*innen Anke Bär, Bettina Bexte, Lois Brendel, Ina Clement, Mario Ellert, Martin Ernsting, Ruben Hilgert, Marie-Lulu Högemann, Olaf Kock, Tessa Rath und Valeska Scholz haben das Geschriebene wunderbar in Szene gesetzt. Entstanden ist ein ganz und gar unterhaltsames und abwechslungsreiches Buch, das mir beim Anschauen und darin Schmökern eine Menge Spaß bereitet hat.

Habt ihr euch am Ende eines Märchens nicht auch schon oft gefragt, wie es weiterging? Denn irgendwie ist eine Schlusssatz wie „…und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende!“ sehr unbefriedigend, lässt Raum für Spekulationen und verführt zu einem fordernden

„Ja, und? Was passierte DANN?“

Da lieferte das Original-Märchen unseren Kreativen sowohl Impulse, die Geschichte in mannigfaltigen Richtungen weiterzuspinnen, als auch Inspiration, sich an einer moderneren Deutung zu wagen. So eröffnet das Buch mit „Des Märchens zweiter Teil“ von Michael Augustin in den farbenfrohen Pastell-Illustrationen von Marie-Lulu Högemann und erzählt die Geschichte nicht nur logisch nachvollziehbar weiter, sondern präsentiert gleichzeitig die schon längst überfällige Auflösung zum Märchen DER RATTENFÄNGER VON HAMELN. Bei „Im Taxi durch Bremen“ begleiten wir den Dachs, wie er seine tierischen Fahrgäste per Daxi (!) durch die Hansestadt zum Weserstadion kutschiert, nichtsahnend, dass einige Fahrgäste die berühmten Musiker sind, die in eben jenem Weserstadium ihren großen Auftritt haben werden. In den drolligen Illustrationen von Valeska Scholz erkannte ich viele Orte und Sehenswürdigkeiten Bremens wieder. Aber auch den vertriebenen Räubern wird eine Geschichte bzw. eine Räuberballade gewidmet: Hendrik Lambertus berichtet in „Der kleine Räuber Balduin“ von einem raffinierten Komplott zwischen den Stadtmusikanten und dem kleinsten Räuber aus der kriminellen Bande.

Bei Jörg Isermeyer scheint es sich um einen Tolkien-Fan zu handeln: Anders kann ich es mir nicht erklären, dass er die zwei Teile seines Endzeit-Märchens „Der Lauf der Dinge“ mit „Die Gefährten“ und „Die zwei Türme“ untertitelte. Natürlich schickt er in seiner modernen Version andere Tiere (Eisbär, Rentier, Orang-Utan und eine Hummel) auf eine wichtige Mission, die mit einer reduzierten aber stimmungsvollen Farbgebung von Bettina Bexte visualisiert wurde.

Kinderliedermacher Florian Müller widmet dem dynamischen Quartett gleich fünf Songs, die von Martin Ernsting eindrucksvoll verschönt wurden. Dank Anke Bär und Max Görgen dürfen wir einen exklusiven Blick in das Tour-Tagebuch der fantastischen Vier (😉) werfen und erhalten so einen humorvollen Eindruck vom Leben dieser Superstars. Anna Lott verrät uns charmant, „Wie die Bremer Stadtmusikanten unter die Erde gekommen sind“, und liefert so die Erklärung, warum aus einem Gully vor der Bremer Bürgerschaft tierische Töne zu hören sind.

Silhouette DIE BREMER STADTMUSIKANTEN

Ach, und wer von euch nun unbedingt wissen möchte, „Warum die Bremer Stadtmusikanten nie in Bremen ankamen…!“, dem wird die entsprechende Antwort von Johanna Lindemann in ihrer zwei-geteilten Geschichte beschert, die übrigens herrlich skurril von Mario Ellert verschönt wurde. Doch natürlich darf auch das Original-Märchen von 1819 nicht fehlen, das nach wie vor seinen ganz besonderen Charme hat. Lois Brendel hat das Märchen mit eleganten Illustrationen in einer Art Linoldruck verschönt, die an die wundervollen Reliefs erinnern, wie sie noch in einigen Alt-Bremer Häusern zu finden sind.

Es gibt in diesem Buch noch so viel mehr zu entdecken, und jede*r, ob nun klein oder groß, wird dabei sicherlich seine Favoriten küren: Der einen gefällt mehr diese Geschichte, dem anderen gefällt mehr jenes Gedicht. Doch genau so soll/muss es bei einem guten Bilder-Lese-Buch sein, das so sehr verführerisch ist, dass es immer wieder nur allzu gerne in die Hand genommen wird.

Stellte sich mir nur noch die (nicht ernst gemeinte) Frage, ob der Carl Schünemann-Verlag nun zu früh oder zu spät mit diesem Buch auf dem Markt kam? Der 200. Geburtstag der vier Musiker wurde schon im Jahre 2019 ganz groß gefeiert, und ihren 205. Geburtstag haben sie erst im nächsten Jahr.

Doch im Endeffekt spielt es keine Rolle, da dieses Buch einfach nur durch und durch Freude bereitet!


Schon so einige Male sind sie mir über den Weg gelaufen, und darum gibt es hier auf meinem Blog unter dem Schlagwort DIE BREMER STADTMUSIKANTEN auch bereits einiges zu entdecken.


erschienen bei Carl Schünemann / ISBN: 978-3796112089
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Brüder Grimm – MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ. Das Original aus den 70ern


👧 Heute ist WELTKINDERTAG!👦


Ja, auch ich bin ein Kind der 70er: Aufgewachsen mit Heidi und Priel-Blume, eingekleidet mit Pullundern in grellen Farben und Strumpfhosen ohne Füße (Eine Erfindung, die den Begriff „Strumpfhose“ ad absurdum führte und erst ein Jahrzehnt später durch den Begriff „Leggins“ ersetzt wurde.). Musikalisch fuhr ich – Dalli Dalli – mit einem Zug nach nirgendwo, nach Mendocino oder sonst wo hin, und auf die Frage „Was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?“ gab ich im Brustton der Überzeugung als Berufswunsch „Ziegenhüter auf der Alm“ an. Wie jedes Jahrzehnt hatten auch die 70er ihre ganz eigene Ästhetik,…

…und diese Ästhetik hatte natürlich ihren Einfluss auf die Bildsprache in Kinderbüchern und war somit auch ein Ausdruck des jeweiligen Zeitgeschmacks. Dieser Umstand kann so prägend sein, dass ein Wiedersehen mit Illustrationen aus dieser Zeit zwangsläufig Erinnerungen heraufbeschwören. Ich habe damals mein Papp-Märchenbuch ständig mit mir herumgeschleppt und bei jeder Gelegenheit – egal, ob zur Tages- oder auch Schlafenszeit – darin geblättert und mir stundenlang die Bilder angeschaut. Mein Exemplar war irgendwann so abgestoßen, dass die Ecken schon ausgefranst waren und der graue Karton hervorlugte.

So war das Blättern in diesem Jubiläumsband von MEIN GROSSER MÄRCHENSCHATZ für mich ein einziges großes Déjà-vu: Über Jahrzehnte nicht an sie gedacht, sprangen nun beim ersten Blick auf die Illustrationen die Schubladen meiner Erinnerungs-Kommode auf und bescherten mir eine Lawine an wohligen Empfindungen. Da waren sie wieder, die zauberhaften Märchengestalten mit den etwas überproportionierten Köpfen, dem ausdrucksvollen Blick und den rosigen Wangen. Da gab es runde Formen und leuchtende, doch nie grelle Farben. Der Wolf war nie zu böse, der Wald nie zu dunkel, und Stiefmütter wie auch böse Feen waren nie zu garstig.

Ebenso gemäßigt präsentieren sich die Märchentexte: Sind die Originaltexte manchmal doch recht brutal, wurden hier die Geschichten dem Verständnis eines eher jüngerem Publikums angepasst und werden so nie allzu gruselig. Wobei die Texte sich ganz famos zum Vor-Lesen eignen: Wenn man sich dann noch nebeneinander gemütlich auf das Sofa kuschelt, besteht für die kleinen Zuhörer die Möglichkeit, sich währen des Vor-Lesens die wunderbaren Illustrationen anzuschauen.


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An der Illustration der vorliegenden 14 Märchen waren drei Künstlerinnen beteiligt: Während Gerti Mauser-Lichtl ihren Beitrag bei „nur“ einem Märchen leistete, und Anny Hoffmann mit zwei Märchen auf sich aufmerksam machen konnte, kreierte Felicitas Kuhn die bunten Welten für üppige elf Märchen und prägte so die Sehgewohnheit einer ganzen Kindergeneration.

Folgende Märchen sind in diesem prächtigen Sammelband enthalten:
Felicitas Kuhn Rotkäppchen / Hänsel und Gretel / Dornröschen / Die Bremer Stadtmusikanten / Der Wolf und die sieben Geißlein / Aschenputtel / Der gestiefelte Kater / Frau Holle / Das tapfere Schneiderlein / Tischlein deck dich / Der kleine Däumling
Anny Hoffmann Der Froschkönig / Rumpelstilzchen
Gerti Mauser-Lichtl Schneewittchen

Glücklicherweise vermeidet der Verlag eine absolut entbehrliche Aktualisierung der Märchen, die ursprünglich in Einzelbänden erschienen sind, und schenkt uns so eine wunderbar nostalgische Neu-Auflage dieses Märchenbuch-Klassikers aus den 70ern. So erhält die heutige Großeltern-Generation die unschätzbare Gelegenheit, sich gemeinsam mit ihren Enkeln in die Bilderwelt der eigenen Kindheit fallen zu lassen.


erschienen bei Esslinger / ISBN: 978-3480238705

[Rezension] Märchenhafte Weihnachten. Wintermärchen aus aller Welt

Weihnachtszeit ist Märchenzeit!

So war es schon immer, und so wird es hoffentlich auch für immer bleiben. Landauf und landab öffnen die Theater ihre Pforten und präsentieren Märchen und Familienstücke zur Weihnachtszeit. Und auch in den heimischen vier Wänden wird näher zueinander gerückt, um einem Märchen zu lauschen. Dazu eignen sich Bilderbücher ganz besonders, bei denen dem Vorleser „über die Schulter geschaut“ werden kann, um so die Illustrationen bewundern zu können.

Der Wunderhaus-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, sowohl bekannte wie auch weniger bekannte Märchen im neuen Glanz erstrahlen zu lassen und veröffentlicht hierzu thematische Märchenbücher. Unter dem Titel „Märchenhafte Weihnachten. Wintermärchen aus aller Welt“ fanden folgende Märchen ihren Weg ins Buch…

  1. Volksmärchen „Von den zwölf Monaten“
  2. H. C. Andersen „Der standhafte Zinnsoldat“
  3. Brüder Grimm „Sterntaler“
  4. H. C. Andersen „Der Tannenbaum“
  5. Brüder Grimm „Frau Holle“
  6. Manfred Kyber „Der Schneemann“
  7. Brüder Grimm „Die Wichtelmänner“
  8. H. C. Andersen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“
  9. Pavel Bazhov „Silberhuf“
  10. Selma Lagerlöf „Die Heilige Nacht“

…mit Illustrationen von Nina Ignatova, Olesia Kosmodemianskaia, Natalia Grebtsova, Svetlana Kondesyuk, Daria Pneva, Agata Dorobek, Elena Schweitzer und Vlada Shamova.

Nun könnte ich durchaus unken: Einerseits ist „aus aller Welt“ etwas hochgegriffen, wenn man bedenkt, dass mit jeweils drei Märchen der wohl bekanntesten Märchenerzähler zwei Länder sehr überrepräsentiert sind. Andererseits hätte mich bei den anderen Märchen durchaus interessiert, aus welchen Ländern sie ihren Ursprung haben. Auch fehlten mir sowohl entsprechende Hinweise zu den Übersetzer*innen als auch eine Zuordnung, welche Künstlerin zu welchem Märchen ihre wundervollen Illustrationen beigesteuert hat. Zugegeben: Dieser „Makel“ traf zuallererst meinen bibliophilen Nerv und dürfte einem jüngeren Klientel, das ja schließlich die Zielgruppe dieses Buches ist, völlig schnuppe sein.

Die Geschichten wurden mit individuellen Illustrationen geschmückt, die die Stimmung des Märchens jeweils sehr schön einfangen. Auch habe ich es sehr begrüßt, dass die Übersetzung nicht krampfhaft bemüht war, einen modernen, zeitgemäßen Ton anzuschlagen. Vielmehr entspinnen sich die Poesie einer Erzählung und die Schönheit einer Sprache aus dem Klang ungewohnter, wenn nicht gar altmodischer Formulierungen.

Mir hat ebenfalls sehr gefallen, dass die Märchen eine weite Spanne an Emotionen und Empfindungen abdecken: von heiter zu geheimnisvoll, über spannende bis melancholisch-traurig. Ja, auch ergreifend traurige Märchen ohne Happy End sind vertreten – müssen in Kinderbüchern, die wahrhaftig sein wollen, auch vertreten sein (Beispiel: „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“). Einigen mag diese Haltung brutal erscheinen, doch ist das Leben von so manchem Kind nicht genau dies? Ich halte mich da an den großen Erich Kästner:

„Schließlich nahm ich ein Kinderbuch vor, das mir der Verfasser geschickt hatte, und las darin. Aber ich legte es bald wieder weg. So sehr ärgerte ich mich darüber! Ich will euch auch sagen, warum. Jener Herr will den Kindern, die sein Buch lesen, doch tatsächlich weismachen, dass sie ununterbrochen lustig sind und vor lauter Glück nicht wissen, was sie anfangen sollen! Der unaufrichtige Herr tut, als ob die Kindheit aus prima Kuchenteig gebacken sei. Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können? […] Es ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint oder weil man, später einmal, einen Freund verliert. Es kommt im Leben nie darauf an, worüber man traurig ist, sondern nur darauf, wie sehr man trauert. Kindertränen sind, bei Gott, nicht kleiner und wiegen oft genug schwerer als die Tränen der Großen.“ (aus „Das fliegende Klassenzimmer“)

Märchen bzw. Bücher sind da eine ganz und gar wunderbare Möglichkeit, dass sich Kinder auch den ernsteren Themen annähern. Die Aufgabe von uns Erwachsenen ist es, ihnen dies zu ermöglichen, für ihre Fragen, Ängste und Sorgen empfänglich zu sein und ihnen den Halt zu geben, den sie brauchen und verdienen.


erschienen bei Wunderhaus / ISBN: 978-3963720314 / in der Übersetzung u.a. von Karin Ruppelt („Silberhuf“)

[Rezension] Yoshi Yoshitani – Das Buch der Mythen und Märchen. 78 inspirierende Geschichten aus aller Welt

Märchen schreibt die Zeit,
immer wieder wahr,
eben kaum gekannt,
dann doch zugewandt,
unerwartet klar.

…summte ich vor mich hin, als ich erstmals durch die Seiten dieses Buches blätterte. Ein Blick auf die Vita der Künstlerin offenbarte mir, dass ich instinktiv den passenden Song geträllert hatte. So hatte Yoshi Yoshitani u.a. schon für Produktionsfirmen wie Disney und Dreamworks gearbeitet. Dabei sind die Illustrationen zu diesem Buch fern jeglicher Disney-Romantik. Vielmehr hat Yoshitani Geschichten aus aller Welt ausgewählt, deren Handlung sich so manches Mal recht drastisch entwickelt und sich somit nicht als Gute-Nacht-Geschichte für die Kleinen eignet. Dies war von der Künstlerin auch nicht beabsichtigt: Vielmehr wendet sie sich an eine erwachsene(re) Leserschaft, die aus den Märchen und Mythen Inspirationen für das eigene Leben ziehen sollen. Passend zum Buch (und nicht im Buch inbegriffen) gibt es ein Tarot mit allen 78 Illustrationen als Karten-Set. So tauchen bei den Bildern immer wieder die aus dem klassischen Tarot geläufigen Symbole, wie Schwerter, Kelche, Münzen und Stäbe, auf. Besonders bei den Illustrationen zu den mir bekannten Geschichten irritierten mich anfangs diese Symbole etwas, da sie für mich keinen nachvollziehbaren Bezug zur Handlung hatten. Später nach wiederholter Betrachtung der Bilder konnte ich dies gut als ein rein gestalterisches Element akzeptieren.

Für jedes Märchen hält die Künstlerin eine Doppelseite bereit: Während die linke Seite eine farbenfrohe Illustration ziert, wird auf der rechten Seite der Inhalt wiedergegeben. Hierbei handelt es sich allerdings eher um Nacherzählungen aus der Feder der Autorin und weniger um die Wiedergabe des Original-Textes. So sind die Nacherzählungen zwar durchaus gelungen, komprimieren die Geschichten allerdings zwangsläufig auf die nötigsten Handlungselemente. Am Ende des Buches hätte ich mir darum einen Anhang mit Quellenangaben bzw. Literaturhinweise sehr gewünscht, um so auf die Original-Texte zugreifen zu können.

Die Ursprungsländer der Original-Geschichten umspannen den gesamten Erdball. Da sind die uns bekannten Märchen von Hans Christian Andersen und den Brüdern Grimm ebenso vertreten, wie die Märchen aus Frankreich oder England. Persische bzw. orientalische Volksmärchen finden sind neben Mythen aus West- und Nordafrika. Auch Geschichten aus Japan, China und Vietnam dürfen hier nicht fehlen. Die Nordischen Sagen aus Alaska oder Norwegen stehen ebenbürtig neben Erzählungen aus Indien, Ägypten und Griechenland. Und auch der amerikanische Kontinent, Australien und Russland werden mit ihren oft jahrhundertealten Überlieferungen nicht vergessen.


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Im Mittelpunkt der Geschichten steht oft ein Lebensumbruch mit dem die Held*innen umzugehen versuchen. Dabei verzichtet die Autorin wohltuend auf das abgegriffene Klischee der hilflosen Prinzessin, die darauf wartet, dass ein wagemutiger Prinz auf seinem weißen Pferd angetrottet kommt, um sie aus ihrer misslichen Lage zu erretten. Vielmehr strahlen gerade die weiblichen Figuren eine enorme mentale wie körperliche Stärke aus und brauchen sicherlich so einiges zur Lösung ihres Problems aber definitiv keinen depperten Prinzen.

Bei dieser üppigen Auswahl an internationalen Geschichten wird nur allzu deutlich, dass die Menschen – egal wo sie leben – ähnliche Ängste und Sehnsüchte haben. Wir sind im Grunde eben doch nur ein Erden-Volk, was sich auch anhand einer ähnlichen Grundstruktur von Märchen aus unterschiedlichen Ländern widerspiegelt. So findet Die kleine Meerjungfrau (Dänemark, Seite 23) ihre Schwester in Julnar die Meerfrau (Persien, Seite 145). Die Schöne und das Biest (Frankreich, Seite 121) könnten mit Der weiße Bär König Walemon (Norwegen, Seite 131) verwandt sein. Und sowohl Die wunderschöne Wassilissa (Russland, Seite 101) als auch Die gute Fee (Frankreich, Seite 167) zeigen deutliche Ähnlichkeiten zu „unserem“ Aschenputtel.

Dank ihrer Eltern vereinen sich in Yoshi Yoshitani sowohl die japanische wie auch die US-amerikanische Kultur und nehmen so Einfluss auf ihre Werke. So meinte ich (aus meiner europäischen Sichtweise heraus), die besondere Ästhetik japanischer Grafiken in den Illustrationen wiederzuerkennen. Ihre Farbwahl erzeugt eine Lebendigkeit, die so die Aufmerksamkeit des Betrachtenden auf die Details lenkt. Die Illustrationen strahlen zudem eine enorme Dynamik aus, und es wirkt beinah so, als wären die Figuren in einer stetigen Bewegung.

Die kulturellen Besonderheiten eines Landes werden durchaus wiedergegeben aber nie protzig hervorgehoben. Vielmehr wird vermittelt, dass das besagte Märchen zwar in einem bestimmten Land spielt, und somit die Kulisse passend gewählt wurde. Allerdings könnte sich die Geschichte auch in jedem anderen Land zugetragen haben. Stichwort: Erden-Volk!

Dank Yoshi Yoshitani kann ich meine Märchenbuch-Sammlung um ein weiteres interessantes Werk ergänzen, das mit seiner Auswahl an Geschichten ganz wunderbar einen Bogen um den Erdball spannt und so Länder und Völker miteinander verbindet.


erschienen bei Irisiana / ISBN: 978-3424154573 / in der Übersetzung von Sven Beier

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Heinz Janisch – Hans Christian Andersen. Die Reise seines Lebens/ mit Illustrationen von Maja Kastelic

„Buch des Monats“ im März 2020, Nominierung für „Jugendsachbuchpreis 2020 des Vereins für Leseförderung e. V.“ und eine Platzierung auf der Shortlist „Die schönsten Deutschen Bücher 2020“ – zudem war dieses Buch für drei Jahre ein fester Gast auf meiner Wunschliste. Und das ist wahrlich die größte Auszeichnung, da dies absolut nicht selbstverständlich ist. Denn die Wunschliste eines Buchbloggers ist einem stetigen Wandel ausgesetzt: Da sehe ich bei Blogger-Kolleg*innen, auf einer Verlagsseite oder in einschlägigen Foren ein Buch, dass mir interessant erscheint, und – Schwupps! – notiere ich mir den Titel auf meiner Wunschliste. Einige Monate später entdecke ich den Titel wieder auf eben jener Liste, frage ich mich, was mich daran interessiert hat, und – Schwupps! – ist der Titel wieder gestrichen. Doch einige Werke verbleiben auf dieser geheimnisvollen Wunschliste und landen dann bestenfalls im heimischen Bücherregal. So wie dieses Buch…

In einer Kutsche sitzt das Mädchen Elsa. Zusammen mit ihrer Mutter ist sie auf dem Weg nach Kopenhagen. Ihnen gegenüber sitzt ein weiterer Passagier, der Elsas Aufmerksamkeit erregt. Neugierig fragt sie ihn „Bist du alt?“. Ihre Mutter ist entsetzt, doch der Fremde entpuppt sich als der berühmte Schriftsteller Hans Christian Andersen, der nur allzu gerne auf die Fragen des wissbegierigen Kindes reagiert. Und so entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch zwischen den Beiden in dessen Verlauf Andersen Elsa erzählt, wie aus dem Sohn eines armen Schuhmachers der gefeierte Schriftsteller werden konnte. Beinah so phantastisch wie seine Märchen mutet auch diese Geschichte an…!


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Hans Christian Andersen war wahrlich keine einfache Persönlichkeit. Er galt als Außenseiter, der mit seinem unkonventionellen Verhalten bei gesellschaftlichen Anlässen aneckte. Auch sein Erscheinungsbild schien wenig für ihn einzunehmen. So beschrieb Friedrich Hebbel ihn als „lange, schlottrige, lemurenhaft-eingeknickte Gestalt mit einem ausnehmend hässlichen Gesicht“. Auch strapazierte er die Geduld von Gastgebern und ihm bekannten Schriftstellern über Gebühr: Ein anfangs auf 14 Tage angedachter Besuch bei Charles Dickens und dessen Familie verlängerte er unabgesprochen um weitere drei Wochen. Dabei legte er solch ausgefallene Allüren an den Tag, mit denen er gewaltig am Nervenkostüm seiner Gastgeber zerrte. So kann man durchaus die Notiz verstehen, die Dickens nach Andersens Abreise auf dem Spiegel des Gästezimmers hinterließ: „Hans Andersen schlief fünf Wochen in diesem Zimmer. Der Familie kam es vor wie eine Ewigkeit.“

Zeitlebens – selbst auf der Höhe seines Erfolges – schien der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Andersen das Gefühl zu haben, er würde zu wenig Anerkennung erhalten, und so forderte er diese vehement von seinem Gegenüber ein. Mit dem Wissen um die Hintergründe ist es umso erstaunlicher, dass diese komplizierte Dichter-Persönlichkeit so wunderbare Kunstmärchen voller Anmut und Zartheit schuf. Autor Heinz Janisch nimmt in seiner Geschichte die dichte Atmosphäre der Anderschen Märchen auf und zeichnet ein ansprechenderes Bild von Dänemarks berühmtesten Dichter: Aus dem exzentrischen Eigenbrötler wird die freundliche und zugewandte Reisebekanntschaft, die nur allzu gerne mit seiner kleinen Begleiterin plaudert. Dabei verknüpft Janisch gekonnt die Lebensgeschichte des Autors mit dessen Märchen und zeigt so mögliche Parallelen auf bzw. verdeutlicht Andersens Abneigung gegen die Pädagogik der damaligen Zeit. Dabei bedient er sich einer beinah poetischen Sprache, die ihren Zauber insbesondere beim Vorlesen entfaltet (Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe es erprobt!). Wunderbar flüssig perlen Sätze und Dialoge über die Zunge. Janisch schuf einen charmanten Spannungsbogen, bei dem er das Märchenhafte der Geschichte nie aus dem Fokus verliert.

Maja Kastelic unterstützt mit ihren Illustrationen die Erzählung von Heinz Janisch kongenial, indem sie Elemente eines klassischen Bilderbuchs mit denen der Graphic Novel kombiniert, und so eine ganz eigen Dynamik in der Erzählweise kreiert. Dabei variierte sie in der Farbgebung, um so die unterschiedlichen Erzählebenen hervorzuheben. So wählte sie für die Vergangenheit, also für den Teil der Geschichte, der vom Werdegang Andersen handelt, einen düsteren Sepia-Ton. Die Gegenwart leuchtet in den Farben eines sonnigen Sommertags, während die Märchenaspekte in bunten Farben erstrahlen.

Zudem verführt sie uns zum besonders aufmerksamen Betrachten des Buches, da sie in ihren Bildern sowohl einige Held*innen aus Kinderbüchern wie auch deren Schöpfer*innen versteckte – eine ganz und gar charmant-respektvolle Verbeugung vor dem Talent wunderbarer Kinderbuch-Autor*innen, denen wir als Kind vergnügliche Lese-Stunden verdankten, da sie uns die Welt erklärten und sie so erfahrbarer machten.


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314104220

[Rezension] E.T.A. Hoffmann – Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde/ mit Illustrationen von Alexander Pavlenko

E.T.A. Hoffmann: Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Romantik, der beeinflusst wurde von den Gespenstergeschichten des 18. Jahrhunderts, der englischen Schauerliteratur und den frühromantischen Märchen. Hieraus schuf er seinen sehr eigenen Stil für seine Novellen und Erzählungen, die wiederum prägend waren für nachfolgende Genrationen an Literaten. Aber seine Werke dienten auch bekannten Komponisten als Vorlage für ihre musikalischen Werke: Jacques Offenbach gestaltete aus seinen Geschichten die Oper Hoffmanns Erzählungen, und das Märchen Nussknacker und Mäusekönig inspirierte Pjotr Iljitsch Tschaikowsky zu seiner weltberühmten Ballettmusik.

Bei „Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde“ handelt es sich um ein so genanntes Kunstmärchen, das im Jahr 1822 erstmals erschienen ist. Nun würde jeder davon ausgehen, dass ein Märchen der Fantasie seines Autors entsprungen ist und somit viel Fiktion und wenig Realismus enthält. In diesem Fall scheint die satirische Adern Hoffmanns mit ihm durchgegangen zu sein: Die Erstfassung wurde zensiert und um zwei Kapitel gekürzt. Sie enthielt Details, die allzu deutlich auf einen Fall schließen ließen, den Hoffmann zuvor als Mitglied der „Immediat-Kommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ in Preußen zu untersuchen hatte. Und so erschien erst im Jahr 1908 die ursprüngliche Fassung.

Wir lernen in diesem Märchen als erstes nicht den Titelgeber kennen – Nein, der taucht erst im 3. Abenteuer auf! – sondern den jungen Kaufmannssohn Peregrinus Tyß aus Frankfurt, der sehr zurückgezogen ganz in seiner eigenen Welt lebt und Schwierigkeiten mit der Menschheit an sich und mit den jungen Damen im Besonderen hat. Eine Hauptrolle spielen dabei Meister Floh, das gelehrte Oberhaupt der Flöhe, und der intrigante Hofrat Knarrpanti, der Peregrinus Tyß die Entführung einer jungen Frau andichtet, die gar nicht stattgefunden hat. Doch der Hofrat erhofft sich einen Schub für seine Karriere, wenn er nicht nur eine Tat erfindet, sondern gleichzeitig den angeblichen Täter auf dem Silbertablett präsentiert. Doch wie im Märchen erhofft und erwünscht, kommt bei einem sensationellen Verhör die Wahrheit ans Licht, und der lächerliche Hofrat wird vom Rat der Stadt Frankfurt als intriganter Betrüger entlarvt und davongejagt. Die Gerechtigkeit hat gesiegt, und alle leben glücklich und zufrieden bis an ihr selig Ende…!

Ich gebe es gerne zu, dass ich meine Schwierigkeiten hatte, mich in die Geschichte hineinzufinden. Dies lag nicht an Hoffmanns Sprache, die ganz im Duktus der Romantik daherkommt und mit feiner Formulierung und charmant-antiquiert wirkenden Habitus den märchenhaften Charakter des Werkes eher noch unterstreicht. Vielmehr forderte er mich mit dem Aufbau seiner Geschichte heraus. Er verflechtet die verschiedenen Ebenen miteinander und lässt die Übergänge fließend ineinander verlaufen. So spielt er mit den Mitteln der Groteske indem er sowohl Märchenhaftes und Reales wie auch Wunderwelt und Alltagswelt aufeinandertreffen und miteinander verschmelzen lässt. Doch auch seine (reale) Kritik an sozialer Ungerechtigkeit, der Justiz und der Wissenschaft lässt er zwischen den Zeilen durchschimmern und setzt dieser einen Konterpart mit Themen wie Selbstverwirklichung, Kreativität und Liebe gegenüber.

Märchen „schreien“ geradezu nach einer optischen Umsetzung, oder kennt hier irgendjemand ein Märchenbuch, das ohne Illustrationen auskommt? Ich nicht, und wenn es eines gäbe, es würde sehr wenig Reiz auf mich ausüben. In diesem Fall schuf der deutsch-russische Künstler Alexander Pavlenko filigrane Scherenschnitte, die mit ihrer anmutenden Schwarz-Weiß-Ästhetik die romantische Note der Geschichte ganz wunderbar unterstreichen und dabei überraschende Details offenbaren.

In den letzten Jahren haben sich illustrierte Bücher eine treue Fangemeinde erobert und profitieren von einem größeren Format, um so die Illustrationen besser wirken zu lassen. Beim vorliegenden Buch ist dies mit den Maßen 13,5 x 19,5 cm leider nicht gegeben. Die Ausstattung wirkt eher „schlicht“: Es gibt weder einen Schutzumschlag, noch ein Lesebändchen. Auch hätte ich mir einen Anhang gewünscht, aus dem ich mehr aus dem Leben des Autors und zur Entstehungsgeschichte des Märchens erfahren hätte. Ebenso wäre eine kurze Biografie des Künstlers wünschenswert gewesen. Zumal sich dieses Buch in einem Preissegment einreiht, bei dem sonst die illustrierten Bücher der Büchergilde Gutenberg oder des Reclam Verlags zu finden sind.

So gilt meine Kritik ganz und gar nicht dem Inhalt sondern vielmehr der verlegerischen Umsetzung: Das Team „Hoffmann & Pavlenko“ hätte durchaus ein wenig „Mehr“ verdient…!


erschienen bei Edition Faust / ISBN: 978-3949774157

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

ebenfalls erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150142226 (ohne Illustrationen)