[Konzert] Operettengala «Untern Linden, untern Linden» / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

mit Musik von Paul Lincke, Eduard Künneke, Walter und Willi Kollo

Premiere: 6. Juni 2021 / besuchte Vorstellung: 6. Juni 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Szenische Einrichtung: Edison Vigil

Die Nachricht schlug bei mir ein wie eine Bombe! Die Theater dürfen wieder öffnen – ohne Ankündigung, ohne Vorwarnung, ohne Vorlauf – innerhalb kürzester Zeit!

Auch „unser“ Stadttheater präsentierte in dieser Kürze einen Spielplan für das Eröffnungswochenende. Zwangsläufig setzt sich das Programm vornehmlich aus Inszenierungen zusammen, die entweder im letzten Herbst schon Premiere feierten oder mit einem überschaubaren Aufwand auf die Bühne gebracht werden können. Dabei ist allen Inszenierungen gemein, dass sie aus dem hauseigenen Ensemble besetzt werden: Eine aufwendige Produktion (wie z.Bsp. das Musical Chicago), deren Cast u.a. aus Gastkünstlern besteht, unter diesen Voraussetzungen wieder aufzunehmen, wäre für die Disposition eines Theaters nicht nur eine logistische Höchstleistung sondern in der Kürze der Zeit für die Gäste auch mehr als unzumutbar. Und obwohl die Saison 2020/21 so gut wie beendet schien, bäumt sich nun die Theatermaschinerie nochmals auf und beginnt zu routieren.

Und ich…? Ich routiere mit, setze mich ans Telefon, informiere Freunde und reserviere Eintrittskarten – alles, damit wir schon am Eröffnungswochenende endlich wieder Theaterluft schnuppern dürfen.

So betraten wir das Große Haus am Stadttheater Bremerhaven beinah andächtig. Auf der großen Bühne hatten sich die Damen und Herren des Philharmonischen Orchesters versammelt und blickten in einen mehr als dürftig besetzten Zuschauer-Saal: Anscheinend sind nicht alle Theaterliebhaber – so wie ich – in einen freudentaumelnden Zustand der Routation verfallen…!

Doch meine Freude war dafür umso überwältigender: Während ich der Ouvertüre aus der Operette „Grigri“ lauschte, liefern mir Tränen über das Gesicht und sammelten sich unter meiner FFP2-Maske. Ich konnte nichts dagegen tun – es passierte einfach…! Vielleicht mag diese Reaktion der Einen oder dem Anderen aus meiner Leserschaft übertrieben erscheinen, und ich gestatte Euch gerne diese persönliche Haltung. Doch für mich war/ist/bleibt Kultur immer „existenziell“, und ohne sie habe ich das Gefühl, sowohl intellektuell als auch emotional zu vertrocknen.

Dieser Sonntagnachmittag stand ganz im Zeichen der Berliner Operette. Im Vergleich zu ihrer Wiener Schwester ist die Berlinerin frecher, moderner und näher an der Revue als an der Oper. Auch musikalisch fühlt sie sich mehr zu einem zünftigen Marsch hingezogen als zu dem ¾-Takt des Walzers. Und so bot dieses Konzert einen abwechslungsreichen Querschnitt aus dem Oeuvre der Komponisten-Stars der Berliner Operette: Paul Lincke, Eduard Künneke sowie Walter und Willi Kollo. Edison Vigil sorgte in seiner szenischen Einrichtung dafür, dass die Sängerinnen und Sänger – auch trotz Abstand – auf Mimik und Gestik des Gegenübers reagierten und sie so miteinander agierten.

Das exzellent aufspielende Philharmonische Orchester verwebte die oft bekannten Melodien in einen üppigen Klangteppich und bereitete so den Sängerinnen und Sängern den Boden für ihre Kunst. Es war ein solcher Genuss, endlich wieder einem großen Orchester lauschen zu dürfen. Tijana Grujic gefiel mit perlenden Sopran. Tenor MacKenzie Gallinger überzeugte nicht nur gesanglich, sondern konnte bei den elegant gemeisterten Tanzeinlagen auch seine Musical-Vorbildung nicht leugnen. Marcin Hutek gab den Schwerenöter Stanislaus von Methusalem aus Kollos Operette „Wie einst im Mai“ mit sonorem Bariton.

Natürlich wäre es bei einer solch überzeugenden Gesamtleistung ungerecht einzelne Namen hervorzuheben. Doch als Zuschauer gestatte ich mir ein Stückchen „Subjektivität“ und bin einfach mal parteiisch: Ich hatte meine „heimlichen“ Lieblinge! Vorab muss Hartmut Brüsch genannt werden, der nicht nur für die versierte musikalische Leitung des Abends verantwortlich zeichnete, sondern uns humorvoll mit Anekdoten unterhielt und ebenso charmant durch das Konzert führte.

Ich gebe es unumwunden zu, dass ich die beiden jungen Damen, deren Namen ich Euch gleich verraten werde, schon jede für sich als Sängerin sehr schätze und mich immer freue, eine von ihnen auf der Bühne bewundern zu dürfen. Aber in Kombination sind die beiden der absolute Knaller: Victoria Kunze (Sopran) und Patricia Häusermann (Mezzo). Ihr stimmschönes und harmonisch gestaltetes „Glühwürmchenidyll“ aus der Operette „Lysistrata“ von Paul Lincke setzte dem gelungenen ersten Teil des Abends die Krone auf und lies mich träumen: Vielleicht darf ich ja hoffen, dass diese beiden Künstlerinnen sich irgendwann dem Blumenduett aus der Oper „Lakmé“ von Léo Delibes annehmen werden. Beim Can-Can aus „Wie einst im Mai“ tobten die beiden Ladies dank passendem Outfit frivol bestrapst über die Bühne und sorgten für gute Laune im Auditorium. Mit einem deftigen „Die Männer sind alle Verbrecher“ ließen sie den musikalischen Rausschmeißer anklingen, bevor das gesamte Ensemble zu „Untern Linden, untern Linden“ der vom Publikum reichlich beklatschten Zugabe frönte.

Nach über 8 Monaten der erzwungenen (und evtl. auch notwendigen) Abstinenz von der Kultur war dies endlich wieder Futter für Herz und Hirn, für Geist und Seele und für alles, was sonst noch so dazwischen liegt…! ❤


Diese wunderbar-schmissige Operettengala Untern Linden, untern Linden wir nur noch an einigen wenigen Terminen am Stadttheater Bremerhaven gegeben.

[Musical] John Kander – Chicago / Stadttheater Bremerhaven

Musik von John Kander / Gesangstexte von Fred Ebb / Buch von Fred Ebb und Bob Fosse  nach dem Stück Chicago von Maurine Dallas Watkins / Deutsch von Erika Gesell und Helmut Baumann / mit englischen Songs und deutschen Dialogen

Premiere: 19. September 2020/ besuchte Vorstellung: 27. September 2020

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Felix Seiler
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Bühne: Hartmut Schörghofer
Kostüme: Julia Schnittger
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Roxie Hart ist ihre Ehe mit dem soliden aber unscheinbaren Amos überdrüssig und stürzt sich in Affären. Als ihr Liebhaber Fred Casely sie abservieren will, greift sie zum Colt und schießt ihn über den Haufen. Denn: Eine Roxie Hart verlässt man(n) nicht so einfach. Eine Roxie Hart ist ein Mädchen mit Ambitionen. Sie will die große Show auf einer noch größeren Bühne, so wie ihr Idol Velma Kelly, die sie prompt im Frauenknast kennenlernt. Velma wartet auf ihren Prozess: Sie hat ihren Ehemann im Bett mit ihrer Schwester erwischt und in einem Anfall von geistiger Unzurechnungsfähigkeit (ihre Verteidigungsstrategie vor Gericht) beide kurzerhand getötet. Nun wartet sie im Gefängnis unter der eisernen Führung von Mama Morton auf ihre Verhandlung. Die Presse ist begeistert von den mörderischen Mädels: Besonders Klatschkolumnistin Mary Sunshine bringt immer neue haarsträubende Enthüllungen, die ihr von Staranwalt Billy Flynn charmant-skrupellos in die Feder diktiert werden. Geschickt manipuliert er die Presse und prägt so die öffentliche Meinung. Das Ergebnis: Velma und Roxie werden freigesprochen und starten gemeinsam eine fulminante Karriere auf der Vaudeville-Bühne.

Musical in Zeiten von Corona: Geht das überhaupt? Blechernd klingt das Orchester aus den Boxen. Roxie liegt in ihrem Bett, wartet auf ihren Liebhaber und träumt von ihren Idol Velma Kelly, die plötzlich aus dem Schrank hüpft und gemeinsam mit drei Tänzern zu „All That Jazz“ Roxie und ihren Lover umtanzt. Statt großer Shownummer sah dies für mich eher nach Kammerspiel aus. Statt mit einem grandiosen „BÄHM!“ begann die Show mit einem verhaltenen „Pling!“. Ich stellte mir ängstlich die Frage „Geht das nun so weiter?“.

Nein! Es ging nicht so weiter! Erst der Mord an Fred Casely ermöglicht es Roxie, der Enge ihrer kleinen, unbedeutenden Welt zu entfliehen. Und so öffnet sich die Bühne wie die Büchse der Pandora und präsentiert das Spiel um Mord, Korruption und Manipulation: Spätestens beim „Cell Block Tango“ hatte ich sie, meine große Show!

Musical in Zeiten von Corona: Geht das überhaupt? Ja, es geht, und dazu auch noch ganz großartig! Selten griffen die Künste von Regie, Choreografie, Bühne und Kostüm so ineinander wie in dieser Inszenierung. Regisseur Felix Seiler machte aus der Not eine Tugend und zauberte aus den vorgegebenen 90 Minuten Spielzeit ohne Pause eine straffe Inszenierung, in der ein Highlight vom nächsten Highlight abgelöst wird. Fein differenziert zeigte sich seine Personenführung und überraschte mit ungewöhnlichen und witzigen Ideen. Großes Lob: Trotz Kürzung bzw. Straffung der Handlung hatte ich nicht das Gefühl, dass mir wesentliche Inhalte gefehlt hätten. Andrea Danae Kingston bot eine kreative und anspruchsvolle Choreografie und sorgt so – trotz Abstandsregelung – für abwechslungsreiche Bewegungsabläufe. Seiler und Kingston scheinen ein eingespieltes Team zu sein: Häufig war nicht nachvollziehbar, wo die Regie aufhörte und die Choreografie begann. Das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer schafft stimmige Spielebenen und unterstützt die vorgegebene Distanz zwischen den Darstellern ohne an Atmosphäre einzubüßen. Die ansprechenden Kostüme von Julia Schnittger glänzen im 20er-Jahre-Look mit einem Touch Modernität.

Vier von den sechs Hauptrollen sind mit Musical-Profis besetzt: Valentina Inzko Fink gibt das naive Blondchen Roxie Hart mit einer gehörigen Prise Durchtriebenheit. Die Velma Kelly von Jasmin Eberl trieft vor ordinärem Selbstbewusstsein, lässt durchaus hinter der taffen Fassade Verletzlichkeit durchschimmern. Beide Ladies punkten mit grandiosen Stimmen, tänzerischem Können und einer Menge Sex-Appeal. Frank Winkels als Billy Flynn ist ein absoluter WoMenizer (😉) mit markantem Charme und markiger Stimme. Mona Graws Mama Morton ist als Oberaufseherin im Frauengefängnis Puff- und Beichtmutter in Personalunion mit dem Herz am rechten Fleck.

Aber auch die hauseigenen Kräfte aus dem Opernensemble verstehen sich in diesem Musical zu behaupten: MacKenzie Gallinger gibt seinen trotteligen, bemitleidenswerten Amos Hart mit nuancierter Stimme. Victoria Kunze glänzt mit Spielfreude und tiriliert sich bravourös durch die Koloraturen der Mary Sunshine. Die Damen vom Opernchor überraschen herrlich überdreht beim „Cell Block Tango“, während ansonsten der Opernchor dank der versierten Leitung von Mario Orlando El Fakih Hernández aus dem Off für stimmlich-stimmige Unterstützung sorgt.

In dieser Inszenierung, die aus einem Guss erscheint und voller Höhepunkte steckt, fällt es schwer, einzelne Leistungen hervorzuheben. Doch ich muss einfach das wunderbare Ballett-Ensemble loben, dass die Choreografie von Andrea Danae Kingston mit einer absoluten tänzerischen Brillanz umsetzte und auch in ihren Solis glänzte: BRAVO!

Corona-bedingt sitzt das (reduzierte) Orchester nicht im Graben vor der Bühne sondern wird live von der großen Probenbühne in den Zuschauerraum übertragen und dies mit einer für mich überraschend guten Ton-Qualität. Davide Perniceni führt seine Musiker mit straffen Dirigat und sorgt so für einen satten Music Hall-Sound.

Auch wenn ich bei einem Blick in den Zuschauersaal mit den massiv reduzierten Plätzen kurzzeitig einen Kloß im Hals verspürte und mir die Augen feucht wurden, konnte dies meine Freude an diesem ersten Theaterbesuch nach Monaten des Vermissens nicht mindern: Es geht weiter! HURRA!

So verließ ich nach der Show beschwingt das Theater und machte mich gut gelaunt einen Song pfeifend mit meiner Begleitung auf den Weg ins nahe Theater-Restaurant: Lasst uns (besonders in diesen Zeiten) das Leben genießen!


Wer einen Blick hinter die Kulissen des Musicals Chicago werfen möchte, dem kann ich nur wärmstens den Beitrag von Ilka D’Alessandro, Leiterin Marketing und Öffentlichkeitsarbeit am Stadttheater Bremerhaven, ans Herz legen. Zudem gibt es auf musicalzentrale ein lesenswertes Mini-Interview mit Regisseur Felix Seiler zu entdecken.


Bis zum Ende des Jahres sind vorerst weitere Aufführungstermine für Chicago am Stadttheater Bremerhaven geplant. Hoffen wir, dass es danach mit den mörderischen Mädels weitergeht…!

[Operette] Carl Millöcker – Der Bettelstudent / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Carl Millöcker / Text von Friedrich Zell und Richard Genée

Premiere: 1. Februar 2020 / besuchte Vorstellung: 16. Februar 2020

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Inszenierung: Eike Ecker
Bühne & Kostüme: Ulrich Schulz
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Ohje, die Operetten-Puristen werden bei dieser Inszenierung erschüttert aufschreien: Alles – und wenn ich schreibe „alles“, dann meine ich wirklich „ALLES“ – wurde durch die Regisseurin Eike Ecker gegen den Strich gebürstet – und es war köstlich albern und herrlich überzeichnet! Aber nur so kann Operette heutzutage funktionieren: Entweder du nimmst als Regisseur*in die Handlung einer Operette ernst (wenn es das Sujet hergibt!) oder du machst – nachdem du einen Blick auf die oftmals hanebüchene Story geworfen hast – das genaue Gegenteil.

Ecker fischt sich aus dem großen Topf der Unterhaltung all die Zutaten heraus, die sie für einen abwechslungsreichen Operetten-Cocktail benötigt: Ein ordentliche Portion „Boulevard“, eine reelle Prise „Revue“ und einen Hauch „Trash“, und fertig ist eine bunte Seifenblase ohne Inhalt aber schön-schillernd anzusehen.

Die Irrungen und Wirrungen dieser Operette beginnen mit einem Kuss auf die Schulter einer jungen Dame und deren Schlag mit dem Fächer gegenüber dem Übeltäter, und schon ist die schönste Verwicklung im Gang. Einzelheiten erspare ich Euch und mir, denn auch die Handlung dieser Operette lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Sie lernen sich kennen! Sie verlieben sich! Sie trennen sich! Sie finden wieder zueinander! Sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende! ENDE!

Was bleibt ist eine locker-leichte Unterhaltung, die den Zuschauern eine ordentliche Portion Spaß bereitet, und alle Abteilungen eines Stadttheaters fordert. Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Hartmut Brüsch lässt Millöckers Musik so herrlich süffig erklingen. Auch optisch erstrahlt diese Inszenierung dank der Kreativität von Ulrich Schulz im satten Technicolor und punktet neben der Ausstattung mit farbenfrohen Kostümen und gewagten Frisuren.

Rainer Zaun gibt als vom Fächer getroffenen und Intrigen spinnenden Oberst Ollendorf eine imposante Figur, überzeugt mit schelmischen Spiel und seinem sonoren Bass. Cornelia Zink singt die auf der Schulter geküsste Komtesse Laura naiv-blond mit brillierendem Sopran. Als ihre Schwester Komtesse Bronislawa überzeugt Victoria Kunze nicht nur mit Stimme sondern auch mit einer immensen Spielfreude und ihrem ausgeprägten Talent für Komik. Deren Mutter, die Gräfin Nowalska mimt Sünne Peters mit witzigen Anleihen einer bösen Stiefmutter aus dem Märchen. Die beiden Bettelstudenten, scheinbaren Grafen und somit Objekte der Begierde für die Komtessen werden von MacKenzie Gallinger und Christopher Busietta mit tenoralem Verve und einem Hang zum Broadway verkörpert. Patrick Ruyters, Róbert Tóth, Shin Yeo und Patrizia Häusermann (in einer Hosenrolle) warfen sich mit Elan in ihre Rollen als dusseliger Sidekick von Oberst Ollendorf. In doppelter Funktion als Kerkermeister Enterich und Diener Onuphrie gefiel Schauspieler Guido Fuchs, der viele Lacher auf seiner Seite hatte.

Wenn ich mir eine Operette im Theater anschaue, dann erwarte ich keine intellektuelle Herausforderung. Im Gegenteil: Ich möchte mich schlicht und ergreifend „nur“ amüsieren. So kann ich dem Stadttheater Bremerhaven aus Überzeugung attestieren:

Bei Eurem „Bettelstudenten“ kommt das Amüsement wahrlich nicht zu kurz!


Der Bettelstudent bietet noch bis zum Ende der Spielzeit „Schmalz“ vom Feinsten.

[Musical] Frank Wildhorn – Der Graf von Monte Christo / Stadttheater Bremerhaven

Musical von Frank Wildhorn / Buch und Songtexte von Jack Murphy / Orchestrierung und Arrangements von Kim Scharnberg und Koen Schoots / Deutsch von Kevin Schroeder

Premiere: 21. September 2019 / besuchte Vorstellung: 26. Oktober 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Felix Seiler
Bühne & Kostüme: Hartmut Schörghofer
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Fechtchoreographie: Jean-Loup Fourure
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Bombastisch wie eine Welle rollt die Musik vom Philharmonischen Orchester unter dem dynamischen Dirigat von Davide Perniceni aus dem Graben Richtung Publikum. Der Chor eröffnet mit einem dramatischen Sopran-Solo, und schon sind wir mitten im Intrigenspiel rund um den jungen Seemann Edmond Dantès, das im Original vom Romancier Alexandre Dumas erdacht wurde.

Eine schändlichen Intrige von Fernand Mondego, Gérard von Villefort und dem Baron Danglars, die alle selbstsüchtig aus persönlichen Beweggründen (Begierde, politisches Kalkül, Geldgier) agieren, trennt Edmond Dantè von seiner Angebeteten Mercédès. Er wird unschuldig zu lebenslanger Haft im Kerker Château d’If verurteilt. Mit der Hilfe seines Mitgefangenen, dem alten Abbé Faria gelingt ihm nach 14 Jahren die Flucht. Der sterbende Abbé verrät ihm das Versteck eines sagenhaften Schatzes auf der Insel Monte Christo. Ein Piratenschiff unter der Führung der Kapitänin Luisa Vampa bringt ihn dorthin. Mit einer neuen Identität als wohlhabender Graf von Monte Christo kehrt Dantè in seine Heimat zurück, um zu erkennen, dass seine große Liebe Mercédès mit seinem Widersacher Fernand Mondego unglücklich verheiratet ist. Deren gemeinsamer Sohn Albert steht kurz vor der Verlobung mit der reizenden Valentine. Die Freundschaft mit ihm nutzt der Graf von Monte Christo um sich seinen Widersachern zu nähern. Sein Spiel aus Rache und Richten beginnt…!

Komponist Frank Wildhorn hat sich im Laufe der Jahrzehnte einen Namen mit der Vertonung klassischer Stoffe (Jekyll & Hyde, The Scarlet Pimpernel, Cyrano de Bergerac, Carmen, Bonnie & Clyde) gemacht. Sein kompositorischer Stil passt auch hervorragend zu diesen Sujets und bietet eine Mischung aus symphonischen Klang und üppigen Chorsätzen, filmischen Underscore und emotionalen Balladen. Dabei liefert er immer wieder eine effektvolle Musik, die der Handlung durchaus dient, aber leider auch innerhalb seiner Werke austauschbar erscheint. Trotz aller Gefälligkeit gibt es kaum Melodien, die länger im Ohr bleiben. Auch in Bremerhaven ist er kein Unbekannter: In der Saison 2016/17 zeigte das Stadttheater eine moderne Inszenierung von „Dracula“ mit Anna Preckeler als Mina, Maximilian Mann als Jonathan Harker und Christian Alexander Müller in der Titelrolle.

Regisseur Felix Seiler bietet mit Bühnenbildner Hartmut Schörghofer dem Publikum eine sensationelle Inszenierung. Seiler lotet mit seinem Ensemble die Beziehungen der Protagonisten zueinander aus und kreierte so eine dichte Inszenierung mit einer überzeugenden Personenführung. Er erlaubte sich den Spaß und versteckte kleine „Easter Eggs“ aus Film (Titanic) und Musical (The Phantom oft he Opera) in die Handlung (Zumindest war ich der Meinung, diese dort entdeckt zu haben!).

Vikrant Subramanian überzeugte in der Titelrolle mit klassischem Bariton, den er musical-like zurücknahm, um so mit flexibler Stimme zu glänzen. Auch darstellerisch hat er sich in den letzten Jahren zu einem „Leading Man“ des Hauses gemausert. Sein Widersacher Fernand Mondego wurde von Marco Vassalli beinah unangenehm schmierig verkörpert: In seinem dunkel-gefärbten Bariton schwang immer ein gehöriges Maß an Gefährlichkeit mit. Anna Preckeler glänzte als Gast (nach Dracula) wieder in einem Wildhorn-Musical, sei es als junge leidenschaftliche Frau oder als ältere verzweifelte Mutter, und bot auch gesanglich große Momente. Die größte Überraschung präsentierte allerdings Victoria Kunze in der Doppelrolle Luisa Vampa/ Valentine: Während sie die Piratenkapitänin rollendeckend robust-vulgär mit einem Hang zur Komik anlegte, gestaltete sie die Rolle der Valentine sehr zart mit lyrischem Sopran und emotionalem Spiel.

Seiler versteht es nicht nur seine Protagonisten sondern auch den Opernchor geschickt zu führen. Selten habe ich den Chor so spielfreudig und variabel erlebt. Mein besonderes Lob gilt hierbei den Damen, die nicht nur als Piratinnen und Ladies der feinen Gesellschaft gefielen: Auch als „Mädchen der Nacht“ waren sie ungewohnt kokett-frivol! Das Ballett des Hauses zeigte in der Choreografie von Andrea Danae Kingston sein Können und war weit mehr als „nur“ schmückendes Beiwerk, während Jean-Loup Fourure für die Einstudierung der rasanten Fechtchoreografie verantwortlich war.

Ein weiterer „Hauptdarsteller“ war das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer: Er schafft auf der variablen Drehbühne immer wieder neue Spielebenen, arbeitet mit dem Wechsel der Perspektiven, bei denen auch Licht und Schatten eine besondere Bedeutung spielten, und nutzt alle Möglichkeiten der Bühnentechnik. Auf der rechten Bühnenseite wurden mit Hilfe von Vorhängen, Versatzstücken und dem geschickten Einsatz von Projektionen die unterschiedlichen Handlungsorte dargestellt. Die linke Bühnenseite sowie die spiralförmig ansteigende Drehbühne erschienen dagegen wie aus Stein: Auf der Drehbühne führten lange Kreidestriche in verschiedene Richtungen und wirkten wie Verbindungen innerhalb eines Beziehungsgefüges bzw. einer Figurenkonstellation. Die linke Wand war dafür übersät mit vielen kleinen Strichen, die die Tage/ Monate/ Jahre symbolisieren sollten, die Edmond Dantè in Château d’If verbrachte.

Es war erstaunlich und eine Freude zu erleben, wie sich aus allen Einzelteilen dieser Inszenierung ein großes, fulminantes Ganzes formte. Das Stadttheater Bremerhaven hat (wieder) nachdrücklich bewiesen, dass durchaus auch ein kleines Haus in der Lage ist, seinem Publikum exzellente Musical-Unterhaltung zu bieten.


Der Graf von Monte Christo kämpft noch bis zum Ende der Spielzeit um Rache und Gerechtigkeit.

[Operette] Emmerich Kálmán – Die Herzogin von Chicago / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Emmerich Kálmán / Libretto von Julius Brammer und Alfred Grünwald

Premiere: 9. Februar 2019 / besuchte Vorstellung: 28. Februar 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Inszenierung: Felix Seiler
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Bühne & Kostüme: Barbara Bloch

Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


Wie? Sie waren noch nie in einer Operette? Dann werde ich ihnen mal eben die Handlung skizzieren,…

Sie lernen sich kennen! Sie verlieben sich! Sie trennen sich! Sie finden wieder zueinander! Sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende! ENDE!

…und diese Zusammenfassung lässt sich auf nahezu ALLE Operetten übertragen!

Aber wer eine Operette wegen der intellektuellen Herausforderung besucht, ist schlicht und ergreifend am falschen Platz. Operette ist bestenfalls ein locker-leichtes Soufflé mit herrlicher Süße und zartem Schmelz (Nährwert: Fehlanzeige, Wohlfühlfaktor: reichlich).

In diesem Fall trafen wir auf Emmerich Kálmáns lang verschollene und darum selten gespielte Operette „Die Herzogin von Chicago“. Wie der Titel es schon erahnen lässt, trifft hier die neue auf die alte Welt, die Moderne auf die Tradition und der Charleston auf den Csárdás. Kálmáns Musik ist voller ironischer Zitate: Ich saß im Publikum und amüsierte mich über die versteckten Anspielungen an seine damaligen Kollegen der E- und U-Musik.

Das Stadttheater Bremerhaven bot in der Inszenierung von Felix Seiler vieles für Auge und Ohr: die Kulissen glitzerten, die Kostüme funkelten, die Sänger*innen „gaben dem Affen Zucker“ (Hier wurde sehr zur Freude des Publikums schamlos übertrieben!), die Tänzer*innen vom Ballett tanzten famos, und das fulminant aufspielende Philharmonische Orchester unter dem Dirigat von Hartmut Brüsch schmachtete durch die wunderbaren Melodien (Schon allein die Ouvertüre hätte ich gerne ein 2. Mal gehört).

Selten habe ich ein so komödiantisch aufgelegtes Opern-Ensemble gesehen – allen voran das Buffo-Paar mit Victoria Kunze (Prinzessin Rosemarie) und MacKenzie Gallinger (James Jonny Jacques Bondy), während das „seriöse“ Paar bestehend aus Tijana Grujic (Miss Mary Lloyd) und Christopher Busietta (Sándor Boris) sich mit Schmelz durch die Arien sang. Schauspieler John Wesley Zielmann brillierte wieder mit seinem perfekten Timing für Komik. Das Ballett-Ensemble absolvierte in der abwechslungsreichen Choreografie von Andrea Danae Kingston eine Tour de Force und meistert diese mit Bravour!

Mit einer Melodie im Ohr machten wir uns auf den Heimweg: Ob es nun ein Charleston oder ein Csárdás war, ist doch völlig egal. Denn: „…so ein Charleston ist doch gar nix anderes als amerikanischer Csárdás!“

Definitiv: „BEST OF SCHMALZ“


Die Herzogin von Chicago swingt noch bis zum Ende dieser Spielzeit über die Bühne des Stadttheaters Bremerhaven!

[Oper] Wolfgang Amadeus Mozart – Die Zauberflöte / Stadttheater Bremerhaven

Große Oper in zwei Aufzügen von Wolfgang Amadeus Mozart / Text von Emanuel Schikaneder

Premiere: 3. November 2018 / besuchte Vorstellung: 18. Januar 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann
Inszenierung: Roland Hüve
Bühne & Kostüme: Dorit Lievenbrück

Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


„Pa – Pa – Pa – Pa! Pa – Pa – Pa – Pa! Papapapapa – Papapapapa!“

Schikaneder hebt sein Glas zum Mund und nimmt einen Schluck Wein, bevor er weiterspricht: „Ich brauche für mein neues Theater etwas Sensationelles, etwas Einmaliges, etwas noch nie Dagewesenes. Ich will das große Bühnen-Spektakel mit Mörder-Arien und großem Chor, mit Liebe, Leidenschaft und Verzicht, mit verfeindeten Parteien und einem Mutter-Tochter-Konflikt und selbstverständlich mit einer Bomben-Rolle für mich. Handlung? Ach was, Handlung wird überbewertet – ebenso wie die Logik. Wir nehmen einfach von allem das Beste!“ Er klopft Mozart jovial auf die Schulter. „Gell, Wolfl! Du schaffst das schon!“ Dann prostet er ihm voller Zuversicht zu, bevor er das Glas in einem Zug leert…!

Wolfl hat es geschafft,…

…und seitdem zählt diese Oper zu den meistgespielten Werken weltweit. Und von keiner gibt so viele widersprüchliche Interpretationen, die auf der besonderen Dramaturgie begründet sind.

Regisseur Roland Hüve fand auch keine spektakuläre Neu-Deutung, setzte hier und da Akzente und legte seinen Schwerpunkt auf die Beziehungen der handelnden Personen zueinander…

…und verließ sich auf den Zauber der Musik: GMD Marc Niemann schwelgte mit den Philharmonischen Orchester Bremerhaven in Mozarts verschwenderischen Melodien und bereitete seinem Sänger-Ensemble einen Klangteppich, der sie sicher durch die etwas wirre Handlung führte.

Tijana Grujic glänzte mit zartem Schmelz und berührte mit ihrer Darstellung der Pamina. Christopher Busietta als Tamino verströmte mit leichtem, jugendlichem Tenor jungenhaften Charme.

Marie-Christine Haase meisterte die Mörder-Koloraturen der Königin der Nacht bravourös mit metallenem Timbre und löste damit beim Publikum einen Beifallssturm aus.

Als Sympathieträger Papageno konnte Vikrant Subramanian mit seinem leichten Bariton punkten und gab den liebenswerten Schelm mit sehr viel Witz. Victoria Kunze war als Papagena stückbedingt leider viel zu selten auf der Bühne, nutze dies aber voller Spielfreude und Komik.

Die drei Damen von Judith Kuhn, Patrizia Häusermann und Sünne Peters harmonierten gesanglich ganz wunderbar und amüsierten das Publikum als einen nach Tamino schmachtenden „Fan-Club“.

Besondere Erwähnung verdienen die Kinder Julian, Jacob und Keno vom Knabenchor Unser Lieben Frauen Bremen, die optisch als Wunderkind Mozart gewandet als drei Knaben entzückten und so als eine Art Schutzengel Pamina, Tamino und Papageno in ihrer Mission zur Seite standen. Schön zu sehen, wie Marc Niemann sie fürsorglich im Blick hatte und so sicher durch die anspruchsvolle Partitur führte.

„Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen!

…nicht bei dieser musikalischen Darbietung: Da kochte mein Herz über vor lauter Wonne!


Die Zauberflöte verzaubert ihre Zuschauer in dieser Spielzeit nur noch am 17.02.2019!