[Oper] Erich Wolfgang Korngold – DIE TOTE STADT / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Erich Wolfgang Korngold / Libretto vom Paul Schott / frei nach dem Roman Bruges-la-Morte von Georges Rodenbach // in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 2. Mai 2026 / besuchte Vorstellung: 17. Mai 2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Johannes Pölzgutter
KOSTÜME Katharina Heistinger
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Ich warf einen Blick auf die Handlung dieser Oper und fühlte mich direkt an den Film VERTIGO – AUS DEM REICH DER TOTEN aus dem Jahre 1958 erinnert. Sollte sich da etwa Alfred Hitchcock bei Erich Wolfgang Korngold bedient haben, oder liegt beiden Werken etwa dieselbe literarische Vorlage zugrunde? Hitchcock bezieht sich bei seinem Film auf den Krimi D’ENTRE LES MORTS (1954) der Franzosen Pierre Boileau und Thomas Narcejac, während Korngold auf den Roman BRUGES-LA-MORTE des belgischen Schriftstellers Georges Rodenbach verweist, der bereits 1892 erschienen ist.

Doch die Ähnlichkeiten der Handlungen sind so frappierend: Da liegt der Verdacht, dass da irgendjemand von irgendwem geklaut hat, auf der Hand. Das wäre doch mal ein spannendes Forschungsprojekt!


HANDLUNG

1. BILD – DIE OBSESSION. Seit dem Tod seiner Frau Marie lebt Paul zurückgezogen in Brügge. In seinem Haus hat er eine Erinnerungswelt errichtet, eine «Kirche des Gewesenen», in der alles der Verstorbenen geweiht ist. Sein Freund Frank und die Haushälterin Brigitta sorgen sich um ihn. Doch plötzlich scheint Paul verwandelt, als er der Tänzerin Marietta begegnet und glaubt, in ihr Marie wiederzusehen. Gegen Franks Warnungen verliert er sich in der Vorstellung, die Tote könne durch die Lebende zu ihm zurückkehren. In Mariettas Gesang verschwimmen Wunsch und Wirklichkeit zu einem gefährlichen Rausch. // 2. BILD – DER RAUSCH. Getrieben von Sehnsucht und religiösem Schuldbewusstsein sucht Paul Mariettas Nähe, während sein Umfeld zerbricht: Die Haushälterin wendet sich ab, der beste Freund wird zum Rivalen. Als Marietta mit ihrer Theatertruppe erscheint, prallen Pauls morbider Totenkult und die sinnliche, vitale Welt der Bühne gewaltsam aufeinander. Im ausgelassenen Spiel einer Szene aus der Oper Robert der Teufel entlädt sich Pauls Verwirrung. In einem Moment grausamer Klarheit erkennt Paul, dass er in Marietta nur ein Medium sucht. Doch verletzt und fasziniert zugleich, zieht Marietta ihn tiefer in ihren Bann. // 3. BILD – DIE ESKALATION. Nach der gemeinsamen Nacht drängen religiöse Bilder mit neuer Macht auf Paul ein. Während Marietta auf Liebe, Gegenwart und Leben besteht, klammert er sich verzweifelt an die Tote und ihre Heiligkeit. Die Situation gerät außer Kontrolle. Als Marietta das aufbewahrte Haar Maries an sich nimmt und die Verstorbene herausfordert, kippt die Szene. Paul verliert sich. Wirklichkeit und Vision geraten unauflöslich ineinander. Am Ende steht er zwischen den Welten – zwischen einer Frau aus Fleisch und einer Frau seiner Erinnerung, die er um jeden Preis bewahren möchte.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Ob der Entstehungsprozess zur Uraufführung der Oper ebenso spannend war wie die Handlung, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Entstehungsprozess zur aktuellen Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven war hingegen extrem spannend. Vier Tage vor der Premiere erkrankte der Sänger der Hauptpartie: Die Stimmbänder, diese zwei zarten Gewebefalten im Kehlkopf, die durch Schwingungen Töne erzeugen, hatten ihren Dienst quittiert. Die Premiere ausfallen zu lassen oder zu verschieben, waren für die Verantwortlichen am Stadttheater Bremerhaven keine Optionen. Somit war die Not nach einem Ersatz groß, der dann direkt (naja, beinah) vor der eigenen Haustür gefunden wurde. Tenor Michael Müller-Kasztelan von der Oper Kiel ist in Bremerhaven kein Unbekannter und zudem als Einspringer bestens erprobt.

Was ich hier so flapsig lapidar formuliere, soll nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass eine solche Situation nur durch den Mut des beteiligten Künstlers und mit der Unterstützung des gesamten Teams zu meistern ist. Müller-Kasztelan hatte die Partie des PAULs in dieser eher selten gespielten Oper zwar bereits vor vier Jahren gesungen, doch dazwischen lagen viele weitere Partien, die die Erinnerung an DIE TOTE STADT immer weiter in den Hintergrund drängten. Diese Erinnerungen galt es, aus dem Gedächtnis-Archiv zu befreien, und zudem sah er sich nun auch mit einem gänzlich neuen Regie-Konzept konfrontiert. Doch er stellte sich dieser Herausforderung mit Bravour. Sein PAUL trauerte mit jeder Faser seines Körpers: nicht enervierend jammernd sondern eher selbstzerstörerisch leidend, gefangen in einer Schattenwelt, die ihm mehr und mehr zu überrollen drohte. Müller-Kasztelan zeigte diesen psychischen Niedergang seiner Figur auch in seinem stimmlichen Ausdruck: Weniger Belcanto, dafür ließ er seinen mächtigen Charakter-Tenor voluminös erklingen und verdeutlichte die stetig ansteigende Anspannung seiner Bühnenrolle auch mit einer nuancierten Phrasierung. Neben diesen vokalen Ausbrüchen schaffte er es mit kleinen Gesten, z. Bsp. wenn er vorsichtig den Staub von den Bilderrahmen pustet, dass das Publikum mit PAUL fühlte und seine tiefe Trauer nachvollziehen konnte.

Ihm zur Seite stand Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson als MARIETTA, die überzeugend das Verruchte, Verführerische und Manipulative aus dieser Partie herauskitzelte. MARIETTA ist nicht unbedingt eine Sympathieträgerin – steht sie doch in ständiger Konkurrenz zu einer verherrlichten Verstorbenen. Da muss die Sängerin dieser Partie schon eine gehörige Portion Charisma mitbringen, um gegen eine (imaginäre) Heilige zu bestehen. Hoffmann-Thomson bestand und zeigte mit großer Stimme und wandlungsfähigem Spiel die Ambivalenz der Partie. Gemeinsam mit Müller-Kasztelan gefiel sie im gefühlvollen Duett im 1. Akt „Glück, das mir verblieb“ (Hit-Song Nr. 1).

Marcin Hutek veredelte die Doppel-Partie FRANK/FRITZ mit seinem warmen Bariton, bot im 2. Akt eine empfindsame Interpretation der Arie „Mein Sehnen, mein Wähnen“ (Hit-Song Nr. 2) und komplementierte die wunderbar aufeinander eingespielte Gauklertruppe, bestehend aus Victoria Kunze, Paula Meyer, Andrew Irwin und Anton Kononchenko, die gemeinsam so herrlich anarchisch und respektlos die Szenerie belebten und so für die humoristischen Momente in dieser Oper sorgten.

Klein aber fein: Mezzosopranistin Boshana Milkov überzeugte in der kleineren Partie der BRIGITTA und gestaltete diese mit schlichter Würde. Als ich sie im strengen schwarzen Kleid mit weißem Kragen auf der Bühne sah, erinnerte mich dies unwillkürlich an eine Figur aus einem weiteren Hitchcock-Klassiker, der es auch auf die Musiktheater-Bühne geschafft hat: MRS. DANVERS aus REBECCA (Nach MRS. LOVETT vielleicht ihre nächste lohnende Partie im Musical-Fach?).

Erich Wolfgang Korngold ließ bei der farbenreichen und schwelgerischen Partitur von DIE TOTE STADT seine spätere berufliche Tätigkeit (Komponist von Filmmusiken in Hollywood) bereits erahnen, und mit den beiden Hit-Songs konnte er auch seine Liebe zur Operette nicht verhehlen. Marc Niemann dirigierte seine letzte Oper als GMD, gönnte sich zum Abschied „das ganz große Besteck“ und schöpfte mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven aus den Vollen: Da fand er die feine Balance zwischen orchestraler Wucht, dem intensivierenden „Underscoring“ und einem beseelten Klang bei den Arien. Marc Niemann verlässt zum Ende der Saison das Stadttheater Bremerhaven und übernimmt die Aufgaben des Intendanten und Geschäftsführers beim Sendesaal Bremen. Ich wünsche ihm viel Erfolg. 

Regisseur und Bühnenbildner Johannes Pölzgutter schuf ein atmosphärisch dichtes Bühnenbild, das je nach Ausleuchtung und Positionierung bei mir unterschiedliche Assoziationen auslöste. Beinah beklemmend wirkte PAULs Refugium mit den unzähligen auf dem Boden verteilten Bilderrahmen auf mich, die beim Senken der Bühne unweigerlich an Grabsteine erinnerten. Die Totenmaske von MARIE erschien bedrohlich als Projektion. Auch die ständige Anwesenheit vom SCHATTEN VON MARIE (Mareile Melcher-Tönissen) ließ mich frösteln, insbesondere in der Szene, in der der SCHATTEN auf der Oberbühne die Hand hob, um sie PAUL, der sich auf der Unterbühne befand, imaginär auf die Schulter zu legen, und gleichzeitig auf PAULs Schulter eine echte Hand erschien. Es war gruselige und äußerst effektvoll.

Pölzgutter überzeugte mit einem extrem klug durchdachten Regie-Konzept. Die Sänger*innen schienen einem minutiös getakteten Ablauf zu folgen, bei dem Aktion und Reaktion eine sich ständig gegenseitig begünstigende Wechselwirkung eingingen. PAULs psychischen Niedergang empfand ich als so beklemmend, dass ich das Gefühl hatte, ich werde wie im Sog mit in den Abgrund gezogen. So schraubte der Regisseur gekonnt an der Spannung und dehnte diese bis ins Unerträgliche. Erst zum Finale schenkte er uns eine befreiende und alle Unklarheiten beseitigende Auflösung – ganz genau so, wie ich es von einem gut konzipierten Thriller gewohnt war.  Der „Master of Suspence“ wäre sicherlich mit seiner Arbeit zufrieden gewesen.


ANMERKUNG In einigen Zeitungsberichten zur Produktion wurde betont, wie bedauerlich es ist, dass Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson nach nur einer Spielzeit das Stadttheater Bremerhaven bereits wieder verlässt. Auch ich bedaure es. Doch ich gebe auch ehrlich zu, dass mich dieser Umstand (da dies seit Anfang der Spielzeit bekannt) weit weniger berührte, als die Nachricht, dass zwei langjährige Ensemble-Mitglieder das Theater verlassen werden. Nach meinem Kenntnisstand wurde darüber in der Presse kein Wort verloren. Bariton Marcin Hutek und Tenor Andrew Irwin verabschieden sich nach sechs bzw. fünf Jahren vom Haus. Ich hatte als Zuschauer das große Glück, sie in ihrer künstlerischen Entwicklung begleiten (vielmehr beobachten) zu dürfen. Beide haben ihre jeweiligen Partien – unabhängig vom Umfang – mit Professionalität, Feingefühl und Herzblut lebendig werden lassen. Es war mir immer eine Freude, sie auf der Bühne erleben zu dürfen.

Jungs, ich schätze euch als Künstler sehr, danke euch für die tollen Jahre in Bremerhaven und wünsche euch für die Zukunft von Herzen alles Gute! 💜


Dramatische Einblicke in die Proben vor der Premiere von DIE TOTE STADT gewährt uns die NORDSEE-ZEITUNG.

Ein lesenswertes Interview mit Tenor Michael Müller-Kasztelan gibt es auf DER OPERNFREUND zu entdecken.


Eile ist geboten: Der Opern-Thriller DIE TOTE STADT steht nur noch an wenigen Tagen im Mai auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. 

[Oper] Jüri Reinvere – PEER GYNT (UA) / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Jüri Reinvere / Libretto vom Komponisten nach dem gleichnamigen Schauspiel von Henrik Ibsen // Uraufführung der originalen deutschsprachigen Fassung / in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 3. Mai 2025 / besuchte Vorstellung: 25. Mai 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Johannes Pölzgutter
KOSTÜME & VIDEO Tassilo Tesche
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ BÜHNE & KOSTÜME Mina Purešić
ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham & Tonio Shiga
INSPIZIENZ Regina Wittmar
SOUFFLAGE Mahina Gallinger
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Tyler Wefer 


Mit „Es war eine Herausforderung,…“ habe ich hier schon den einen oder anderen Beitrag begonnen, um dann den Satz mit „…der ich mich gerne gestellt habe!“ zu beenden. In diesem Fall stimmte der erste Teil des Satzes vollumfänglich. Doch beim zweiten Teil des Satzes muss ich leider attestieren „Nein, ich habe es nicht gerne getan!“.

Die Oper PEER GYNT von Jüri Reinvere war für mich – Hm! Wie umschreibe ich es am besten? – verwirrend? …verstörend? …belastend?

Noch nie habe ich eine Opernkomposition gehört, bei der die Töne so schräg und (in meiner Wahrnehmung) willkürlich aneinander gereiht wurden, wie es bei diesem Werk der Fall war. Melodik? Fehlanzeige! So manches Mal fragte ich mich, ob es noch Töne seien oder doch eher nur Krach. Zumal diese massive Disharmonie auch physische Reaktionen bei mir auslösten: Da brach unvermittelt der Schweiß bei mir aus, und ich spürte, wie meine Nackenmuskulatur sich zunehmend verspannte. Als ein Mensch, der öfter unter Migräne zu leiden hat, reagiere ich bedauerlicherweise sensibler auf eine laute Geräuschkulisse und vermeide darum nach Möglichkeit, mich allzu viel Lärm auszusetzen. Einige Zuschauer*innen waren nach der Pause nicht mehr zu ihrem Platz zurückgekehrt. Warum ich trotzdem der Oper bis zum Ende beigewohnt habe, lag an dem Respekt, den ich für die Künstler*innen empfand. Zumal mir einige Sängerinnen und Sänger des Ensembles persönlich bekannt sind, und ich sowohl sie wie auch das restliche Ensemble für deren Leistung sehr bewundere.

Die Oper wurde zwar auf Deutsch vorgetragen, doch aufgrund der ungewöhnlichen Formulierungen, der fragwürdigen Betonungen und einem Gesang, der manchmal an der Grenze zum Schreien kratzte, war die Sprache irgendwann nebensächlich. Zudem manche für mich unlogische Antwort/Reaktion bei den Duetten (Ich nenne es mal so, da mir kein besserer Begriff einfällt.) bei mir für zusätzliche Verwirrung sorgte.

Apropos Verwirrung:

Peer Gynt ist ein Aufschneider. Ein Fantast. Ein Träumer. Seine Geschichten sind größer als das Leben im norwegischen Dorf. Auf einer Hochzeit überschreitet er alle Grenzen: Er reißt Ingrid, die Braut eines anderen, mit sich in den Wald. Sie scheint ihm zu verfallen. Doch Peer stößt sie von sich. Er flieht in die Berge. Im Reich der Trolle begegnen ihm groteske Figuren. Peer soll die Grüne heiraten, die triebhafte, animalische Tochter des Trollkönigs. Doch Peer entkommt – vor allem sich selbst. Solveig, ein Mädchen aus dem Dorf, sucht Peer mit dessen Mutter Åse. Geduldig findet sie Verständnis für Peers wankelmütiges Treiben. Sie könnte seine Wahrheit werden. Doch Peer geht wieder. Ein Luftgeist warnt ihn: «Du fliehst nicht.» Doch Peer flieht weiter. Åse stirbt. Peer bleibt allein und verlässt seine Heimat. In Marokko wird Peer Geschäftsmann, Prophet, Betrüger. Man feiert ihn als norwegischen Messias. In Rom sieht er in einem Schlachthaus Menschen, die sich aufgegeben haben. Die Macht der Zerstörung verführt ihn und legt seine brutalen Charakterzüge frei. Solveig erscheint ihm – wie eine Erinnerung an seinen Ursprung. Zerrissen landet Peer in einer Irrenanstalt in Ägypten. Er zweifelt: Wer bin ich? Was ist Wahrheit? Was ist Lüge? Ihm wird vor Augen geführt: Er ist nur ein Denkmal seiner selbst, eine Projektionsfläche für die Möglichkeiten eines gelebten Lebens. Die Grinsekatze erscheint – spöttisch und allwissend. Sie entlarvt Peers Lügen. Er bleibt allein. Zurück in Norwegen gerät Peer auf einen Friedhof. Bei Nacht wird ein junger Mann begraben. Peer ahnt: Dieses Begräbnis gilt auch ihm. Solveig erscheint. Vergangenheit und Gegenwart berühren sich für einen Moment. Die junge Solveig singt ein Schlaflied des Friedens und der Vergebung. In der späten Vereinigung mit seiner Seelenverwandten findet Peer endlich Frieden. Und seine Geschichten Unendlichkeit.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Ob Regisseur und Ausstatter Johannes Pölzgutter eine stringente Inszenierung gelungen ist, mag ich nicht beurteilen, da sich die Handlung alles andere als schlüssig, geschweige denn stringent aufbaut. Vielmehr sind es aneinandergereihte Tableaus, die Pölzgutter auf der Drehbühne um einen offenen Quader herum schuf. Hier sind ihm einige eindrückliche Szenen gelungen, sei es der Auftritt der Trolle, der Tod von Åse, das Marokko-Bild sowie die Szenen im Schlachthaus, im Irrenhaus und auf dem Friedhof. Auch die Projektionen von Tassilo Tesche, die überlebensgroß das Gesicht des Hauptdarstellers auf die Wand warfen, und so PEER GYNTs innere Zerrissenheit bzw. seine ambivalenten Gefühle widerspiegelten, waren sehr gelungen. Tesche war auch für die kreativen Kostüme zuständig.

GMD Marc Niemann stand am Dirigentenpult und lotste mit sicherer Hand Orchester wie Sänger*innen durch die tobenden Wogen der Partitur. Hier möchte ich die Orchestermusiker*innen loben, die hochkonzentriert der Partitur folgten, mit nur wenigen Tönen ihren Beitrag zu diesem Klang-Konglomerat beitrugen, um danach wieder auf den nächsten Einsatz zu warten. Der Orchestergraben war so überfüllt, dass das Percussion-Instrumentarium auf die Seitenbühne ausweichen musste. Ein großes Lob möchte ich auch dem Opernchor, dem Kinderchor sowie dem Extrachor aussprechen, die unter der Leitung von Edward Mauritius Münch aus ihren Stimmen einen beeindruckenden Klangteppich woben und in jeder Szene mit schauspielerischer Präsenz überzeugten.

Die Solist*innenriege bot Bewundernswertes: Michael Müller-Kasztelan verausgabte sich in der Titelrolle PEER GYNT bis zur Erschöpfung, forderte seinen kräftigen Tenor abseits des Schöngesangs, um dann in den ruhigeren Passagen mit feinem Pianissimo zu überraschen. Alle anderen Solist*innen hatten mehrere Rollen zu bewältigen. Kristín Anna Guðmundsdóttir war als INGRID, GRÜNE oder auch ANITRA mit ihrem durchschlagenden Sopran eine ebenbürtige Partnerin zu Müller-Kasztelans PEER GYNT und scheute sich auch nicht vor Töne an der Grenze des Wohlklangs. Boshana Milkov berührte mit ihrem sensiblen Spiel und hüllte ÅSE und die ALTE SOLVEIG in ihren Rolleninterpretationen in einen Mantel voller Melancholie. Victoria Kunze als SOLVEIG bzw. SOLVEIGS ERSCHEINUNG war mit ihrem zarten Sopran nicht nur ein Lichtblick im Leben des PEER GYNT sondern verkörperte auch einfühlsam die Hoffnung und die Unschuld. Ulrich Burdack überzeugte gleich in vier prägnanten Rollen (DER ALTE VOM BERGE aka Trollkönig, VON EBERKOPF, BEGRIFFELDFELDT und FRIEDHOFSWÄRTER) und führte seinen flexiblen Bass scheinbar mühelos durch die Partitur. Marcin Hutek (PFARRER, MONSIEUR BALLON, SCHLACHTER, HUSSEIN und PROBST) und Andrew Irwin (SCHMIED, HERR TRUMPETERSTRALE, HUHU und GEALTETER SCHMIED) zeigten auch in diesen kleineren Rollen ihre solistischen Qualitäten, indem sie jeweils überzeugend sehr individuelle Rollenporträts kreierten. Countertenor Gerben van der Werf als DER LUFTGEIST und GRINSEKATZE gestaltete seine Auftritte sehr geheimnisvoll und wirkte so beinah auf mich, als wäre er der Teufel, der PEER GYNT im Nacken sitzt.

Am Ende der Vorstellung spendete ich voller Überzeugung reichlich Applaus – nicht für das Werk, dafür umso herzlicher für alle Beteiligten. 💖

P.S.: Liebes Team am Stadttheater Bremerhaven, bitte bietet mir weiterhin Stücke abseits des gängigen Repertoires. Doch beim nächsten Mal hoffe ich, dass ich dann den Satz „Es war eine Herausforderung,…“ voller Überzeugung mit „…der ich mich gerne gestellt habe!“ beenden darf. 🙂


So schnell wie er aufgetaucht ist, so rasch verschwindet PEER GYNT auch wieder vom Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Opernabend.

[Oper] Antonín Dvořák – RUSALKA / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Antonín Dvořák / Libretto von Jaroslav Kvapil / in tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 25. Dezember 2023 / besuchte Vorstellung: 7. Januar 2024

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG Johannes Pölzgutter
BÜHNE & KOSTÜME Michael Lindner
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Mario El Fakih Hernández
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
INSPIZIENZ Mahina Gallinger


Wenn das nicht der Trend für den Städte-Tourismus 2024 wird: Nicht nur Kopenhagen hat eine Meerjungfrau, auch andere Hafenstädte können mit einer eigenen Version aufwarten. Nun schickt auch Bremerhaven eine Meerjungfrau ins Rennen um die Gunst des Publikums. Allerdings sitzt diese nicht auf einem Stein im Hafenbecken und schaut verträumt in die Ferne. Vielmehr robbt sie höchst athletisch über die Bühne des Stadttheaters und hört auf den Namen RUSALKA.

An einem nächtlichen Waldsee necken drei Waldelfen den alten Wassermann. Doch der hat ganz andere Sorgen: Seine Tochter Rusalka träumt von einer Seele, die sie fühlen, vor allem aber lieben lässt, und die den Wasserwesen nicht gegeben ist. Rusalka hat sich in einen Prinzen verliebt, den sie bei einer nächtlichen Jagd gesehen hatte. Ihr Vater ist entsetzt und warnt sie vor der Menschenwelt, bevor er wieder zum Grund des Sees abtaucht. Doch Rusalkas Sehnsucht nach Liebe ist so groß, dass sie die heimtückische Hexe Ježibaba um Hilfe bittet. Diese macht aus ihrem Fischschwanz zwei Beine, nimmt ihr aber die Sprache. Auf der Jagd ist der Prinz vom Weg abgekommen und findet sich schließlich am Ufer des Sees wieder. Hier trifft er auf die stumme, hilflose Rusalka. Er nimmt sie, bereits in sie verliebt, mit auf sein Schloss. Dort löst die stumme Unbekannte mit ihrem eigentümlichen Benehmen bei der Schloss-Gesellschaft Befremden aus. Als Wasserwesen ist sie für die Liebe nicht geschaffen und kann den Avancen des Prinzen nicht nachgeben. Dieser tröstet sich mit einer fremden Fürstin, die den Prinzen nur aus Eitelkeit, nicht aus Liebe verführt. Diese Untreue bricht Rusalka das Herz, und sie wünscht sich zurück in die Wasserwelt. Ihr Vater erscheint und erlaubt ihr, ihm in die Wasserwelt zu folgen. Doch aufgrund ihrer Verzauberung kann sie kein Wasserwesen mehr sein, vielmehr ist sie gezwungen, als ein todbringendes Irrlicht umherzuwandern. Dem Prinzen quält die Reue über seinen Verrat, und obwohl er nun weiß, dass Rusalka kein menschliches Wesen ist, liebt er sie weiterhin. Der Jäger und der Küchenjunge wagen sich zur Hexe Ježibaba mit der Bitte, ihren scheinbar von Rusalka verhexten Prinzen von diesem Fluch zu befreien. Die Hexe verspottet sie und jagt sie davon. Dann erscheint der Prinz persönlich am See und bittet Rusalka reumütig um einen Kuss als Vergebung. Rusalka, die ihn immer noch liebt, warnt ihn, dass ihr Kuss ihn töten würde. Doch der Prinz verzehrt sich so sehr nach ihr, dass er sie abermals um diesen Kuss bittet. Rusalka erfüllt die Bitte und küsst den Prinzen, der darauf stirbt. Sie entschwindet daraufhin auf ewig in den dunklen Wald.

Märchenseligkeit á la Disney?! Nein, damit erfreut Regisseur Johannes Pölzgutter das Publikum nicht. Er lässt durchaus das Märchenhafte der Geschichte in seiner Interpretation durchschimmern, kredenzt aber auch sehr vieles, was kantig, sperrig, beinah urwüchsig anmutet. Seine Inszenirung besticht durch eine präzise Personenführung und der Fokussierung auch auf die Nebenrollen, die dadurch deutlich an Profil gewinnen. Klar voneinander abgegrenzt zeigt er die Menschen- gegenüber der Mythenwelt. Rusalka wünscht sich eine Seele: In der Interpretation von Pölzgutter werden die Menschen oberflächlich und gefühlskalt dargestellt, denen Prestige und eine öffentlichkeitswirksame Selbstdarstellung über alles geht. Im Vergleich dazu konzentrieren sich die Wasserwesen auf das Wesentliche, auf die inneren Werte. Da zeigen die angeblich kalten „Fische“ viel mehr Seele als die ach so gefühlvollen Menschen.

Stichwort „Fische“: Ausstatter Michael Lindner schuf ein stimmiges Ambiente, bei dem die Welt der Wasserwesen permanent präsent war, sei es bei den schuppenartigen Kleidern von Rusalka und der Hexe, dem Neoprenanzug des Jägers, der Wandgestaltung im Schloss oder mit einem überdimensionalem Glaskasten, der an ein Aquarium erinnerte.


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In der Titelrolle überzeugte abermals Sopranistin Signe Heiberg auf ganzer Linie. Es gelang ihr mit Haltung, Gestik und Mimik, aber vor allem mit ihrem seelenvollen Blick ihrer Rusalka mit einer Aura der andauernden Melancholie zu umgeben. Mit nuanciert-geführter Stimme brillierte sie beim „Měsíčku na nebi hlubokém / Lied an den Mond“, mit expressiven Sopran gestaltete sie bei „Necitelná vodní moci / Unendlich Herzeleid“ die Empfindungen Rusalkas von Resignation bis Schmerz. Zudem zeigte sie in dieser Partie erneut, welch exzellente Schauspielerin sie ist.

Rein Optisch entsprach Konstantinos Klironomos dem Idealbild eines Prinzen aus dem Märchen. Dabei ist dieser Prinz ein oberflächlicher Fatzke, ein egoistisches und verwöhntes Bürschchen, gewohnt, das Bedienstete hinter ihm herräumen und Bewunderer ihn schmeichelnd umgarnen. Es verwundert kaum, dass die gefühlvolle Rusalka mit diesem „schönen Schein“ wenig anzufangen weiß. Auch hier sorgt Pölzgutter mit einer kleinen Änderung, dass die Figur ein differenzierteres Profil erhält: In dieser Inszenierung lässt sich der Prinz nicht von Rusalka den todesbringenden Kuss geben, vielmehr greift er zum Messer und sticht sich selbst in die Brust. Meine Interpretation: Er möchte Rusalka nicht die Schuld aufbürden, für seinen Tod verantwortlich zu sein, und zeigt hier erstmals ein selbstloses Verhalten. Klironomos sang diese Partie anfangs mit protziger tenoraler Kraft, um im emotionalen Finale dann schöne lyrische Töne anzuschlagen.

Charakterlich würde die fremde Fürstin viel besser zum Prinzen passen, die Julia Mintzer mit üppigen Sopran und reichlich Sex-Appeal ausstattet. Dabei wirkte sie berechnend und emotionslos und war so viel mehr eine Antipathie-Trägerin als die böse Hexe Ježibaba.

Boshana Milkov punktete schon bei ihrer ersten Arie „Čury mury fuk / Abra, cabra, fort“ mit ihrem satten Mezzo-Sopran, zeigte in ihrer Rollengestaltung der Hexe alle Attitüden einer Bösewichtin und spielte diese genüsslich aus. Trotzdem blitzten immer wieder hinter der Fassade der Bosheit auch tragische Züge hervor, die diese Figur so ambivalent machten. Johannes Pölzgutter schuf ein unsichtbares Band zwischen Rusalka und Ježibaba, indem er die beiden Sängerinnen sich teilweise synchron zueinander bewegen ließ. Dann wieder schienen sich die Bewegungen der Beiden zu spiegeln, als würde die Jüngere das Schicksal der Älteren wiederholen.

Der Regisseur arbeitete mit Doppelsymbolik: So reproduzierte sich Rusalkas Verlust ihrer Flosse durch das Messer der Hexe mit der Häutung eines erlegten Tieres durch den Jäger. Charisma und Maskulinität (Attribute, die gemeinhin bei der Rolle eines Prinzen vermutet wird) zeigte Marcin Hutek mit warmen Bariton als Jäger, der zwar unter den Allüren seines Herren litt, trotzdem loyal hinter ihm stand und so seine edle Haltung zeigte. Ansonsten kann ich hier nur nochmals meinen Wunsch anbringen, den ich schon bei TOSCA geäußert hatte: Wann darf ich Marcin Hutek endlich in einer großen Partie erleben? Victoria Kunze sorgte als drolliger Küchenjunge für die wenigen humorigen Momente des Stücks,  amüsierte mit quirligem Spiel und überzeugte mit ihrem blendenden Sopran. Als Waldelfe war sie zudem – gemeinsam mit Minji Kim und Maria Rosenbusch – ganz und gar entzückend.

Ulrich Burdack verbrachte in der Rolle des Wassermanns ca. 90% seiner Spielzeit – körperlich sicherlich sehr herausfordernd – robbend und rollend auf dem Bühnenboden. Mit deformiertem Schädel und einem Körper, der übersäht war mit Warzen und Haaren, glich er eher einer Kröte als einem stattlichen Meermann. Bei dieser anspruchsvollen Bass-Partie gibt es ungewöhnlich hohe Passagen, mit denen sich Burdack außerhalb seiner gesanglichen Komfortzone wagte. „Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“ lautet ein Sprichwort. Würden wir alle immer auf Nummer sicher gehen, gäbe es keine Weiterentwicklung. Dies gilt für Sänger*innen ebenso wie für mich als Krankenpfleger. Mit lyrischem Bass beklagte er mitleidsvoll in „Celý svět nedá ti, nedá / Wehe dir, Rusalka, wehe“ das Schicksal seiner Tochter. Durch sein nuancenreiches und sensibles Spiel schaffte es Burdack, dass der noble Charakter des Wassermanns die weniger ansprechende Optik überstrahlte und diese vergessen machte.

Getragen wurden die Stimmen der Sänger*innen durch das bestens disponierte Philharmonische Orchester Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Marc Niemann. Niemann schuf mit den Musiker*innen eine enorme Klangfülle. Er lässt er das Orchester bei den dramatischen Szenen musikalisch auftrumpfen, um wenige Augenblicke später die filigranen Arien sensibel zu untermalen. Dabei besticht das Orchester durch seine instrumentale Feinheit.

Anmerkung: Die Oper wird auf Tschechisch vorgetragen. Als ich dies erfuhr, war auch ich nicht vor Vorurteilen gefeit. Erwartete ich doch ein eher ungewohntes, wenn nicht sogar irritierendes Hör-„Vergnügen“. Umso mehr überraschte mich die Melodik dieser Sprache, die zusammen mit Dvořáks Musik eine wunderbare Einheit bildete.


Leider steht RUSALKA nur noch für einige wenige Vorstellungen auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven.

[Oper] Jacques Offenbach – HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN (Les Contes d’Hoffmann) / Stadttheater Bremerhaven

Fantastische Oper in  fünf Akten von Jacques Offenbach / Libretto von Jules Barbier / nach dem gleichnamigen Drama von Jules Barbier und Michel Carré / in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 25. September 2021 / besuchte Vorstellung: 3. Oktober 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann
Inszenierung: Johannes Pölzgutter
Bühne & Kostüme: Julius Semmelmann
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Zum ersten Mal in dieser Saison sitzen wir im Rahmen unseres Abonnements im Stadttheater Bremerhaven und starten mit der Eröffnungs-Inszenierung: „Big – Bigger – Biggest“ könnte über diesen Abend stehen, den es wird die ganz große Oper zelebriert. Dabei bezieht sich diese Aussage nicht etwa auf eine Gigantomanie in der Ausstattung – hier wird eher auf eine zurückhaltende doch äußerst elegante Optik gesetzt – sondern vielmehr auf die Macht der Gefühle und den Reiz der Musik.

Der Dichter E.T.A. Hoffmann sieht sich am Ende seiner Schaffenskraft: Wo ihn früher die Muse mit Inspiration überschüttete, fühlt er nun nur eine Leere, die er mit Alkohol zu füllen versucht. Doch die Muse hat ihn nie verlassen. Vielmehr ist sie nach wie vor an seiner Seite und bemüht sich, seinen göttlichen Funken nicht verlöschen zu lassen. Ein schweres Unterfangen, da Hoffmann mehr auf seine Saufkumpane hört. Sie stacheln ihn an, von seiner großen Liebe Stella zu erzählen. Nach anfänglichem Zögern ist er dazu bereit und versucht, seine Liebste anhand von drei Frauentypen zu beschreiben, wo jede eine andere Facette von Stella zeigt.

Da wäre als erste seiner Auserwählten Olympia, das mechanische Wunderwerk des genialen Konstrukteurs Spalanzani, die wunderbar singt, wunderbar tanzt und wunderbar aussieht. Leider hat sie einen großen Nachteil: Sie hat kein Herz, und sobald ihr der Strom abgedreht wird, sackt sie in sich zusammen. Doch Hoffmann ist von dieser perfekten Puppe geblendet, zumal ihm der zwielichtige Coppélius eine Brille verkaufte, durch die er die Welt nur in den schönsten Farben wahrnimmt. Da muss die Muse erst den Stecker ziehen, damit er unsanft auf den Boden der Tatsachen fällt.

Seine zweite Auserwählte ist die sterbenskranke Antonia, die von ihrem Vater Crespel behütet wird. Singen bedeutet für die junge Frau alles, doch gerade diese Leidenschaft würde ihr den Tot bringen. Hoffmann hat ihr seine schönsten Verse gewidmet, die nun nie über ihre Lippen kommen werden. Doch die Liebe zu ihr ist größer als sein Ego. Der Quacksalber Miracle hypnotisiert die Menschen in Antonias Nähe und verführt diese, trotz aller Warnungen zu singen. Tot bricht sie zusammen. Hoffmann ist verzweifelt.

Die dritte Auserwählte ist die Kurtisane Giulietta, die bewusst ihre Reize einsetzt, um so rücksichtslos die Männer für ihre Vorteile zu manipulieren. Auch Hoffmann verfällt dieser „Femme fatal“, die ihn zu einem Verbrechen anstachelt. Trotz aller Mühe seiner Muse, ihn aufzuhalten, begeht er einen Mord, indem er seinen Nebenbuhler erwürgt. Doch seine Angebetete ist längst mit dem diabolischen Dapertutto über alle Berge.

Die Saufkumpane bedauern das Leid, das die Liebe verursacht, und gönnen sich einen weiteren Schluck. Doch Hoffmann wurde von seinen eigenen Erzählungen wach gerüttelt und sieht deutlich seine Muse vor sich, die ihm Papier und Stift reicht…!

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Kaum eine andere Oper wurde so häufig umgeschrieben, gekürzt, Akte umgestellt wie bei Les contes d’Hoffmann, zumal Jacques Offenbach noch vor der Uraufführung verstarb und so keine endgültig redigierte Fassung hinterließ. So bietet dieses Werk schon über Jahrhunderte reichlich Interpretationsspielraum für kreative Theatermacher. Für Bremerhaven besah sich Regisseur Johannes Pölzgutter das Werk, das wie ein zerfranster Teppich anmutet, nahm die losen Enden auf, verknotete sie und verwebte sie dann zu einem stringenten Bild. Heraus kam eine Inszenierung ohne Effekthascherei, bei der die Konstellation der Personen zueinander im Mittelpunkt steht. Die Dynamik auf der Bühne entsteht somit nicht aus einer Hyperaktion des Ensembles sondern aus den Emotionen des Handlungspersonals. So wandelt sich im Laufe der Handlung zunehmend „Comique“ zu „Dramatique“.

Unterstützung in seinem Regiekonzept fand Pölzgutter im Bühnen- und Kostümbildner Julius Semmelmann, der Hoffmanns Welt in herrschaftlich-eleganten Räumen spielen lässt, mit dem Öffnen der Wände bzw. der Verschiebung des kompletten Bühnenbilds neue Perspektiven zaubert und zusätzlich mit raffinierten Überraschungen überzeugt. Auch bei seinen Kostümen ist der rote Faden sichtbar: So gewandete er die Damen in einer einheitlichen Farbpalette, erlaubt ihnen durch prägnante Einzelheiten aber auch Individualität. Dafür muten Hoffmanns Saufkumpane wie Klone des Dichters an. Die Muse schwirrt im eleganten Grau und einem Hauch Androgynität mit ihren Engels-Flügelchen durch die Szenerie. Hoffmann bleibt immer Hoffmann. Er ist die Titelfigur: Eine großartige Verkleidung ist hierbei nicht nötig.

Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Marc Niemann schien Offenbachs Melodien zu zelebrieren. Niemann führte Solisten und den vorzüglichen Chor sicher durch die Partitur und vollbrachte u.a. das Wunder, dass die zum Schlager verkommene Barcarole im 4. Akt dank aller Beteiligten zu einem musikalischen Genuss wurde.

Mirko Roschkowski gab den Hoffmann sowohl mit tenoraler Verve als auch mit nuanciertem Spiel. Seine Nebenbuhler in den einzelnen Akten wurden alle von Marian Pop verkörpert, der es mit seinem vollen Bariton schaffte, nicht „nur“ böse zu sein, sondern auch die Persönlichkeiten der jeweiligen Figur offenzulegen. Tenor Andrew Irwin zeigte in seinen Auftritten eine enorme Wandlungsfähigkeit: sei es als ein verschrobener „Big Bang Theory“-Nerd bei der Erschaffung von Olympia, als voluminös-robuste Haushälterin bei Antonia oder als der exaltierte Assistent von Giulietta. Ulrich Burdack hatte in der kleinen Rolle als Antonias Vater Crespel leider nur sehr wenige Gelegenheiten, seinen warmen, volltönenden Bass zu präsentieren.

Auch wenn wir hier den Erzählungen eines Mannes lauschen, so steht das Weib (die Weiber) im Mittelpunkt dieser Oper: Victoria Kunze brilliert als Olympia, meistert die Koloraturen wieder mit Leichtigkeit und liefert ein komödiantisches Kabinettstückchen ab. Marie-Christine Haase überzeugt als totgeweihte Künstlerin, die an ihrer Kunst zerbricht, und singt mit empfindsamen Sopran. Signe Heiberg gibt das Vollblutweib Giulietta mit üppiger Erotik und triumphierender Stimme. Die Muse von Patrizia Häusermann ist kein zartes Vögelchen, vielmehr greift sie beherzt ins Geschehen ein, um „ihren“ Hoffmann vor Schlimmeren zu bewahren. Dass sie singen kann, muss sie niemanden mehr beweisen, und doch erfreut es mich immer, wenn innerhalb einer überzeugenden Inszenierung ein zusätzliches Highlight aufblitzt: Hier gestaltet sie die schon erwähnte Barcarole gemeinsam mit Signe Heiberg äußerst geschmackvoll und fern jeglicher Schlager-Seligkeit.

Im Stadttheater Bremerhaven wurde (wird) GROSSE Oper präsentiert, das vom Publikum absolut zu Recht mit einem frenetischen Schluss-Applaus gewürdigt wurde.


Wann HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN wieder präsentieren werden, erfahrt Ihr auf der Homepage vom Stadttheater Bremerhaven.