[Oper] Erich Wolfgang Korngold – DIE TOTE STADT / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Erich Wolfgang Korngold / Libretto vom Paul Schott / frei nach dem Roman Bruges-la-Morte von Georges Rodenbach // in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 2. Mai 2026 / besuchte Vorstellung: 17. Mai 2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Johannes Pölzgutter
KOSTÜME Katharina Heistinger
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Ich warf einen Blick auf die Handlung dieser Oper und fühlte mich direkt an den Film VERTIGO – AUS DEM REICH DER TOTEN aus dem Jahre 1958 erinnert. Sollte sich da etwa Alfred Hitchcock bei Erich Wolfgang Korngold bedient haben, oder liegt beiden Werken etwa dieselbe literarische Vorlage zugrunde? Hitchcock bezieht sich bei seinem Film auf den Krimi D’ENTRE LES MORTS (1954) der Franzosen Pierre Boileau und Thomas Narcejac, während Korngold auf den Roman BRUGES-LA-MORTE des belgischen Schriftstellers Georges Rodenbach verweist, der bereits 1892 erschienen ist.

Doch die Ähnlichkeiten der Handlungen sind so frappierend: Da liegt der Verdacht, dass da irgendjemand von irgendwem geklaut hat, auf der Hand. Das wäre doch mal ein spannendes Forschungsprojekt!


HANDLUNG

1. BILD – DIE OBSESSION. Seit dem Tod seiner Frau Marie lebt Paul zurückgezogen in Brügge. In seinem Haus hat er eine Erinnerungswelt errichtet, eine «Kirche des Gewesenen», in der alles der Verstorbenen geweiht ist. Sein Freund Frank und die Haushälterin Brigitta sorgen sich um ihn. Doch plötzlich scheint Paul verwandelt, als er der Tänzerin Marietta begegnet und glaubt, in ihr Marie wiederzusehen. Gegen Franks Warnungen verliert er sich in der Vorstellung, die Tote könne durch die Lebende zu ihm zurückkehren. In Mariettas Gesang verschwimmen Wunsch und Wirklichkeit zu einem gefährlichen Rausch. // 2. BILD – DER RAUSCH. Getrieben von Sehnsucht und religiösem Schuldbewusstsein sucht Paul Mariettas Nähe, während sein Umfeld zerbricht: Die Haushälterin wendet sich ab, der beste Freund wird zum Rivalen. Als Marietta mit ihrer Theatertruppe erscheint, prallen Pauls morbider Totenkult und die sinnliche, vitale Welt der Bühne gewaltsam aufeinander. Im ausgelassenen Spiel einer Szene aus der Oper Robert der Teufel entlädt sich Pauls Verwirrung. In einem Moment grausamer Klarheit erkennt Paul, dass er in Marietta nur ein Medium sucht. Doch verletzt und fasziniert zugleich, zieht Marietta ihn tiefer in ihren Bann. // 3. BILD – DIE ESKALATION. Nach der gemeinsamen Nacht drängen religiöse Bilder mit neuer Macht auf Paul ein. Während Marietta auf Liebe, Gegenwart und Leben besteht, klammert er sich verzweifelt an die Tote und ihre Heiligkeit. Die Situation gerät außer Kontrolle. Als Marietta das aufbewahrte Haar Maries an sich nimmt und die Verstorbene herausfordert, kippt die Szene. Paul verliert sich. Wirklichkeit und Vision geraten unauflöslich ineinander. Am Ende steht er zwischen den Welten – zwischen einer Frau aus Fleisch und einer Frau seiner Erinnerung, die er um jeden Preis bewahren möchte.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Ob der Entstehungsprozess zur Uraufführung der Oper ebenso spannend war wie die Handlung, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Entstehungsprozess zur aktuellen Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven war hingegen extrem spannend. Vier Tage vor der Premiere erkrankte der Sänger der Hauptpartie: Die Stimmbänder, diese zwei zarten Gewebefalten im Kehlkopf, die durch Schwingungen Töne erzeugen, hatten ihren Dienst quittiert. Die Premiere ausfallen zu lassen oder zu verschieben, waren für die Verantwortlichen am Stadttheater Bremerhaven keine Optionen. Somit war die Not nach einem Ersatz groß, der dann direkt (naja, beinah) vor der eigenen Haustür gefunden wurde. Tenor Michael Müller-Kasztelan von der Oper Kiel ist in Bremerhaven kein Unbekannter und zudem als Einspringer bestens erprobt.

Was ich hier so flapsig lapidar formuliere, soll nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass eine solche Situation nur durch den Mut des beteiligten Künstlers und mit der Unterstützung des gesamten Teams zu meistern ist. Müller-Kasztelan hatte die Partie des PAULs in dieser eher selten gespielten Oper zwar bereits vor vier Jahren gesungen, doch dazwischen lagen viele weitere Partien, die die Erinnerung an DIE TOTE STADT immer weiter in den Hintergrund drängten. Diese Erinnerungen galt es, aus dem Gedächtnis-Archiv zu befreien, und zudem sah er sich nun auch mit einem gänzlich neuen Regie-Konzept konfrontiert. Doch er stellte sich dieser Herausforderung mit Bravour. Sein PAUL trauerte mit jeder Faser seines Körpers: nicht enervierend jammernd sondern eher selbstzerstörerisch leidend, gefangen in einer Schattenwelt, die ihm mehr und mehr zu überrollen drohte. Müller-Kasztelan zeigte diesen psychischen Niedergang seiner Figur auch in seinem stimmlichen Ausdruck: Weniger Belcanto, dafür ließ er seinen mächtigen Charakter-Tenor voluminös erklingen und verdeutlichte die stetig ansteigende Anspannung seiner Bühnenrolle auch mit einer nuancierten Phrasierung. Neben diesen vokalen Ausbrüchen schaffte er es mit kleinen Gesten, z. Bsp. wenn er vorsichtig den Staub von den Bilderrahmen pustet, dass das Publikum mit PAUL fühlte und seine tiefe Trauer nachvollziehen konnte.

Ihm zur Seite stand Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson als MARIETTA, die überzeugend das Verruchte, Verführerische und Manipulative aus dieser Partie herauskitzelte. MARIETTA ist nicht unbedingt eine Sympathieträgerin – steht sie doch in ständiger Konkurrenz zu einer verherrlichten Verstorbenen. Da muss die Sängerin dieser Partie schon eine gehörige Portion Charisma mitbringen, um gegen eine (imaginäre) Heilige zu bestehen. Hoffmann-Thomson bestand und zeigte mit großer Stimme und wandlungsfähigem Spiel die Ambivalenz der Partie. Gemeinsam mit Müller-Kasztelan gefiel sie im gefühlvollen Duett im 1. Akt „Glück, das mir verblieb“ (Hit-Song Nr. 1).

Marcin Hutek veredelte die Doppel-Partie FRANK/FRITZ mit seinem warmen Bariton, bot im 2. Akt eine empfindsame Interpretation der Arie „Mein Sehnen, mein Wähnen“ (Hit-Song Nr. 2) und komplementierte die wunderbar aufeinander eingespielte Gauklertruppe, bestehend aus Victoria Kunze, Paula Meyer, Andrew Irwin und Anton Kononchenko, die gemeinsam so herrlich anarchisch und respektlos die Szenerie belebten und so für die humoristischen Momente in dieser Oper sorgten.

Klein aber fein: Mezzosopranistin Boshana Milkov überzeugte in der kleineren Partie der BRIGITTA und gestaltete diese mit schlichter Würde. Als ich sie im strengen schwarzen Kleid mit weißem Kragen auf der Bühne sah, erinnerte mich dies unwillkürlich an eine Figur aus einem weiteren Hitchcock-Klassiker, der es auch auf die Musiktheater-Bühne geschafft hat: MRS. DANVERS aus REBECCA (Nach MRS. LOVETT vielleicht ihre nächste lohnende Partie im Musical-Fach?).

Erich Wolfgang Korngold ließ bei der farbenreichen und schwelgerischen Partitur von DIE TOTE STADT seine spätere berufliche Tätigkeit (Komponist von Filmmusiken in Hollywood) bereits erahnen, und mit den beiden Hit-Songs konnte er auch seine Liebe zur Operette nicht verhehlen. Marc Niemann dirigierte seine letzte Oper als GMD, gönnte sich zum Abschied „das ganz große Besteck“ und schöpfte mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven aus den Vollen: Da fand er die feine Balance zwischen orchestraler Wucht, dem intensivierenden „Underscoring“ und einem beseelten Klang bei den Arien. Marc Niemann verlässt zum Ende der Saison das Stadttheater Bremerhaven und übernimmt die Aufgaben des Intendanten und Geschäftsführers beim Sendesaal Bremen. Ich wünsche ihm viel Erfolg. 

Regisseur und Bühnenbildner Johannes Pölzgutter schuf ein atmosphärisch dichtes Bühnenbild, das je nach Ausleuchtung und Positionierung bei mir unterschiedliche Assoziationen auslöste. Beinah beklemmend wirkte PAULs Refugium mit den unzähligen auf dem Boden verteilten Bilderrahmen auf mich, die beim Senken der Bühne unweigerlich an Grabsteine erinnerten. Die Totenmaske von MARIE erschien bedrohlich als Projektion. Auch die ständige Anwesenheit vom SCHATTEN VON MARIE (Mareile Melcher-Tönissen) ließ mich frösteln, insbesondere in der Szene, in der der SCHATTEN auf der Oberbühne die Hand hob, um sie PAUL, der sich auf der Unterbühne befand, imaginär auf die Schulter zu legen, und gleichzeitig auf PAULs Schulter eine echte Hand erschien. Es war gruselige und äußerst effektvoll.

Pölzgutter überzeugte mit einem extrem klug durchdachten Regie-Konzept. Die Sänger*innen schienen einem minutiös getakteten Ablauf zu folgen, bei dem Aktion und Reaktion eine sich ständig gegenseitig begünstigende Wechselwirkung eingingen. PAULs psychischen Niedergang empfand ich als so beklemmend, dass ich das Gefühl hatte, ich werde wie im Sog mit in den Abgrund gezogen. So schraubte der Regisseur gekonnt an der Spannung und dehnte diese bis ins Unerträgliche. Erst zum Finale schenkte er uns eine befreiende und alle Unklarheiten beseitigende Auflösung – ganz genau so, wie ich es von einem gut konzipierten Thriller gewohnt war.  Der „Master of Suspence“ wäre sicherlich mit seiner Arbeit zufrieden gewesen.


ANMERKUNG In einigen Zeitungsberichten zur Produktion wurde betont, wie bedauerlich es ist, dass Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson nach nur einer Spielzeit das Stadttheater Bremerhaven bereits wieder verlässt. Auch ich bedaure es. Doch ich gebe auch ehrlich zu, dass mich dieser Umstand (da dies seit Anfang der Spielzeit bekannt) weit weniger berührte, als die Nachricht, dass zwei langjährige Ensemble-Mitglieder das Theater verlassen werden. Nach meinem Kenntnisstand wurde darüber in der Presse kein Wort verloren. Bariton Marcin Hutek und Tenor Andrew Irwin verabschieden sich nach sechs bzw. fünf Jahren vom Haus. Ich hatte als Zuschauer das große Glück, sie in ihrer künstlerischen Entwicklung begleiten (vielmehr beobachten) zu dürfen. Beide haben ihre jeweiligen Partien – unabhängig vom Umfang – mit Professionalität, Feingefühl und Herzblut lebendig werden lassen. Es war mir immer eine Freude, sie auf der Bühne erleben zu dürfen.

Jungs, ich schätze euch als Künstler sehr, danke euch für die tollen Jahre in Bremerhaven und wünsche euch für die Zukunft von Herzen alles Gute! 💜


Dramatische Einblicke in die Proben vor der Premiere von DIE TOTE STADT gewährt uns die NORDSEE-ZEITUNG.

Ein lesenswertes Interview mit Tenor Michael Müller-Kasztelan gibt es auf DER OPERNFREUND zu entdecken.


Eile ist geboten: Der Opern-Thriller DIE TOTE STADT steht nur noch an wenigen Tagen im Mai auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. 

[Oper] Sergei Prokofjew – DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Sergei Prokofjew / Libretto vom Komponisten und Vera Janacópulos / nach Wsewolod Meyerholds Adaption eines Stückes von Carlo Gozzi / deutsche Textfassung von Werner Hintze / reduzierte Orchestrierung von Philipp Haag // in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 13. September 2025 / besuchte Vorstellung: 16. Oktober 2025

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Julius Theodor Semmelmann
KOSTÜME Devin McDonough
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Regina Wittmar
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Ja, Donnerlittchen! Potz Blitz! Himmel, Arsch und Wolkenbruch! Was ist denn hier passiert? Welche halluzinogenen Substanzen hatte sich Komponist Sergei Prokofjew eingeworfen, bevor er diesen überdrehten Spaß zusammenschusterte? Oder gönnte er sich – nachdem er aufgrund der Oktoberrevolution in Russland Exil in den USA suchte – die Freiheit, mit allen Opern-Konventionen zu brechen? Gemäß dem Motto „Neues Land – neues Glück: Ich erfinde mich neu!“.

Alles, was sich der durchschnittliche Opernkonsument von einer Oper erhofft, wird bei DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN gänzlich gegen den Strich gebürstet. Ouvertüre: Fehlanzeige! Koloraturarie und Tenorschmelz: Fehlanzeige! Gassenhauer: Fehlanzeige! Logik: Fehlanzeige! Realismus (Okay! Kann beim Genre Oper manchmal durchaus hinterfragt werden.): Fehlanzeige!

Und Regisseur und Bühnenbildner Julius Theodor Semmelmann machte sich noch nicht einmal die Mühe, irgendeinen Sinn aus dieser kruden Geschichte herauszukitzeln (Frechheit!). Es darf übertrieben werden! Es darf so übertrieben werden, dass es manches Mal beim Zuschauen beinah schmerzt! Es muss übertrieben werden!

Doch werfen wir zum besseren Verständnis (oder zur gänzlichen Verwirrung) einen Blick auf die so genannte (!) Handlung…


HANDLUNG

PROLOG Im Theater kracht es. Das Publikum ist sich uneinig, welches Stück gespielt werden soll. Die Bühnentechniker bringen Ordnung ins Chaos. Heute Abend: Die Liebe zu den drei Orangen. // 1. AKT Im Palast gibt es nichts zu lachen. Zumindest nicht für den Prinzen, der trübselig im Bett liegt und keinen Spaß versteht. Truffaldino soll ihn aufmuntern – bisher ohne Erfolg. In einem albtraumhaften Kartenspiel unterliegt der gute Magier Tschelio der bösen Zauberin Fata Morgana. Währenddessen schmieden Prinzessin Clarice und ihr Handlanger Leander Pläne für den Sturz der Königsfamilie. // 2. AKT Im Palast wird gefeiert. Der Prinz soll mit einem absurden Fest geheilt werden. Im Tumult mit Truffaldino geht Fata Morgana zu Boden – und der Prinz lacht! Im Zorn verwünscht die Zauberin diesen: Er soll sich in drei Orangen verlieben. Trotz aller Warnungen macht sich der Prinz mit Truffaldino auf die Reise. // 3. AKT Im Rückenwind des Luftgeists Farfarello erreichen der Prinz und Truffaldino das Zauberschloss der Riesin Cremona. In der Küche bewacht die Köchin die drei Orangen. Mit der Hilfe des Zauberers überlisten der Prinz und Truffaldino diese, schnappen sich die Früchte und ziehen in die Wüste. Durstig und erschöpft öffnet Truffaldino heimlich zwei Orangen, die sich als die verzauberten Prinzessinnen Linetta und Nicoletta entpuppen – und kurzerhand verdursten. Aus der dritten Orange schlüpft Prinzessin Ninetta. Eine plötzlich erscheinende Wasser-flasche ist ihre Rettung. Der Prinz ist verliebt. Listig verzaubert Fata Morgana die Prinzessin in eine Ratte und ersetzt sie durch Smeraldina als falsche Braut. Tschelio und Fata Morgana streiten erneut. // 4. AKT Im Palast wird Hochzeit gefeiert. Die Pläne von Fata Morgana werden durchkreuzt. Tschelio verwandelt die Ratte zurück in Ninetta. Dieses Märchen kennt ein glückliches Ende. Vielleicht sogar für arglose Bösewichte.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Im Vergleich zu seinen bekannteren Werken – beispielsweise zum später entstandenen Musikmärchen PETER UND DER WOLF (1936) – ist DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN nicht das Werk von Prokofjew, das aufgrund seiner eingängigen Melodien in meinem Gedächtnis haften bleiben wird. Aus dem Orchestergraben musizierte das Philharmonische Orchester Bremerhaven unter der Leitung von Marc Niemann natürlich wieder auf höchstem Niveau, und auch die Solist*innen, der Opernchor sowie der Extrachor zeigten eine so wunderbar ausgewogene Ensembleleistung, dass man es mir verzeihen möge, wenn ich den musikalischen wie gesanglichen Aspekten diesmal weniger Beachtung schenke.

Vielmehr gab es inszenatorisch und somit auch darstellerisch so viel zu sehen, dass ich kaum entscheiden konnte, wohin ich zuerst blicken sollte, und Gefahr lief, mir einen Tennis-Nacken einzufangen. Julius Theodor Semmelmann hat die imaginäre 4. Wand gnadenlos zum Einstürzen gebracht: Schon vor Beginn trudelten peu à peu die Sängerinnen des Chores im Zuschauersaal ein, um – kaum vom realen Publikum zu unterscheiden – in der ersten Reihe Platz zu nehmen. Doch kaum hatte die Vorstellung begonnen, erhob sich aus besagter Reihe lautstark Protest und gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen, die aus dem Foyer hinzukamen, stürmten sie die Bühne. Dort hatte Semmelmann den Zuschauersaal über die Bühne hinweg verlängert, indem er die Konzert-Muschel, die normalerweise zwecks Verbesserung der Akustik bei philharmonischen Konzerten zu Einsatz kommt, frecherweise zum Königspalast umfunktioniert: das königliche Bett in die Mitte, Lüster drüber und fertig. Doch die erste Reihe blieb nicht ungenutzt: Auch einige Solist*innen durften dort im Laufe der Vorstellung Schutz suchen und boten dem Publikum so die Gelegenheit, die exaltierten Kostüme und Frisuren von Devin McDonough näher in Augenschein zu nehmen.

Semmelmanns Inszenierung ist gespickt mit kruden Ideen und aberwitzigen Details, die meine Phantasie beflügelten und mich animierten, ebensolchen wirren Mumpitz in einige Szenen hinein zu interpretieren. Beispiele gefällig? Sehr gerne!

  • Wenn eine studierte Harfenistin sich an der Alt-Panflöte abarbeitet.
  • Wenn beim Film-mäßigen Vorspann – statt der brüllende MGM-Löwe – ein ORANG-Utan (!) von der Leinwand lächelt.
  • Wenn Prinzessin Clarice sich probeweise die Hermelinschärpe vom Königsmantel um die Schulter wirft, obwohl der König noch im Mantel steckt.
  • Wenn die Köchin per Kamera auf eine große Leinwand, vor der Truffaldino agiert, übertragen wird, und so die Illusion entsteht, die Riesin würde den kleinen Zwerg in die Pfanne hauen.
  • Wenn ich meine im Küchen-Bild der Köchin, freche Easter-Eggs zu entdecken.
  • Wenn der ehrwürdige Magier Tschelio plötzlich in seiner schättrigen Long John Cowboy-Unterwäsche vor dem Publikum steht.
  • Wenn der Luftgeist Farfarello so aufgeblasen auftritt, dass selbst sein Kostüm wie ein Luftballon anschwillt.
  • Wenn die Zauberin Fata Morgana von den Bühnenarbeitern betäubt und in eine Plastikplane gehüllt wird, bei deren Anblick mir prompt der Werbe-Slogan einer Gefrierbeutel-Marke in den Sinn kommt.
  • Wenn eine wilde Verfolgungsjagd mit allen Beteiligten zu einer irrwitzigen Slapstick-Szene wie aus „Väter der Klamotte“ mutiert.
  • Wenn…! Wenn…! Wenn…!

Und ich bin sehr sicher, dass mir bei einem zweiten Besuch der ORANGEN noch viele weitere Details auffallen würden.

Und das Ensemble nutze diese Möglichkeit zur schamlosen Übertreibung mit spürbarer Freude hemmungslos aus: Timothy Edlin wirkte als KÖNIG TREFF so introvertiert ehrwürdig und gleichzeitig so grau und farblos, als wäre er von einer Krankheit betroffen und nicht sein Sohn, der frisch und gesund seine hypochondrische Depression pflegte. Als herrlich schräge KÖCHIN à la Julia Child war Edlin dann extraordinär-extrovertiert und ging darin gänzlich aus sich heraus. Weilian Wang zeigte als PRINZ „der traurigen Gestalt“ seine hypochondrische Depression so bewundernswert konsequent in Körperhaltung und Mimik, dass mich ein kurzzeitig auftauchendes Lächeln auf seinem Gesicht völlig irritierte. Victoria Kunze bot an der Alt-Panflöte ein komödiantisches Kabinettstückchen, um dann als PRINZESSIN NINETTA (Orange Nr. 3) völlig sphärisch wie von einem anderen Stern zu sein. Andrew Irwin gab TRUFFALDINO mit vollem Körpereinsatz und dem burlesquen Charme eines Schmierenkomödianten. Boshana Milkov hauchte PRINZESSIN CLARICE alle nötigen Attitüden einer waschechten, karrieregeilen Intrigantin à la Lucrezia Borgia ein, gefiel aber auch in der kleinen Partie der PRINZESSIN LINETTA (Orange Nr. 1). LINETTAs Handlanger LEANDER lieh Kai Preußker seine männlich-markante Gestalt, der – stets auf seinen Vorteil bedacht – auch schamlos mit FATA MORGANA flirtete. Meredith Hoffmann-Thomson gab FATA MORGANA im glamourösen 50er Jahre Hollywood-Outfit mit divenhafter Exaltiertheit. Ihren Kontrahenten ZAUBERER TSCHELIO versuchte Frederic Mörth erfolglos würdevoll erscheinen zu lassen und scheiterte bereits daran, seinen festgeklemmten Zauberstab aus dem Bühnenboden zu befreien. Marcin Hutek wirkte als PANTALON, der rechten Hand von KÖNIG TREFF, bemitleidenswert überfordert und somit kurz vor dem Nervenzusammenbruch, war dafür als FARFARELLO (im wahrsten Sinne des Wortes) ganz wunderbar aufgeblasen. Katharina Diegritz verkörperte die undankbare Rolle der SMERALDINA mit Souveränität: Immer dann, wenn die Handlung neue Impulse brauchte oder eine Wendung benötigte, war SMERALDINA zur Stelle. Auch die entzückende PRINZESSIN NICOLETTA (aka Orange Nr. 2) von Minji Kim und der jugendliche, hochmotivierte ZEREMONIEMEISTER von Anton Kononchenko sollen nicht unerwähnt bleiben.

Bedauerlicherweise blieben bei der von mir besuchten Vorstellung viele Plätze im Zuschauerraum unbesetzt. Jaja, mit dem Humor ist es halt so eine Sache: Je weniger massenkompatibel der gezeigte Humor ist, umso schwerer lassen sich Menschen für ihn begeistern, bzw. umso weniger sind sie bereit, sich dem Unbekannten zu stellen.

Mein Humorzentrum hingegen wurde an diesem Abend ganz wunderbar wachgekitzelt und entlockte noch auf dem Heimweg meiner Kehle wieder und wieder ein amüsiertes Gekicher.


Vitamine sind ja so gesund – besonders im Herbst: Darum darf von diesen Frücht(ch)en weiterhin genascht werden. Noch bis zum Ende des Jahres steht DIE LIEBE ZU DEN FREI ORANGEN auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven.