[Konzert] Operettengala «Untern Linden, untern Linden» / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

mit Musik von Paul Lincke, Eduard Künneke, Walter und Willi Kollo

Premiere: 6. Juni 2021 / besuchte Vorstellung: 6. Juni 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Szenische Einrichtung: Edison Vigil

Die Nachricht schlug bei mir ein wie eine Bombe! Die Theater dürfen wieder öffnen – ohne Ankündigung, ohne Vorwarnung, ohne Vorlauf – innerhalb kürzester Zeit!

Auch „unser“ Stadttheater präsentierte in dieser Kürze einen Spielplan für das Eröffnungswochenende. Zwangsläufig setzt sich das Programm vornehmlich aus Inszenierungen zusammen, die entweder im letzten Herbst schon Premiere feierten oder mit einem überschaubaren Aufwand auf die Bühne gebracht werden können. Dabei ist allen Inszenierungen gemein, dass sie aus dem hauseigenen Ensemble besetzt werden: Eine aufwendige Produktion (wie z.Bsp. das Musical Chicago), deren Cast u.a. aus Gastkünstlern besteht, unter diesen Voraussetzungen wieder aufzunehmen, wäre für die Disposition eines Theaters nicht nur eine logistische Höchstleistung sondern in der Kürze der Zeit für die Gäste auch mehr als unzumutbar. Und obwohl die Saison 2020/21 so gut wie beendet schien, bäumt sich nun die Theatermaschinerie nochmals auf und beginnt zu routieren.

Und ich…? Ich routiere mit, setze mich ans Telefon, informiere Freunde und reserviere Eintrittskarten – alles, damit wir schon am Eröffnungswochenende endlich wieder Theaterluft schnuppern dürfen.

So betraten wir das Große Haus am Stadttheater Bremerhaven beinah andächtig. Auf der großen Bühne hatten sich die Damen und Herren des Philharmonischen Orchesters versammelt und blickten in einen mehr als dürftig besetzten Zuschauer-Saal: Anscheinend sind nicht alle Theaterliebhaber – so wie ich – in einen freudentaumelnden Zustand der Routation verfallen…!

Doch meine Freude war dafür umso überwältigender: Während ich der Ouvertüre aus der Operette „Grigri“ lauschte, liefern mir Tränen über das Gesicht und sammelten sich unter meiner FFP2-Maske. Ich konnte nichts dagegen tun – es passierte einfach…! Vielleicht mag diese Reaktion der Einen oder dem Anderen aus meiner Leserschaft übertrieben erscheinen, und ich gestatte Euch gerne diese persönliche Haltung. Doch für mich war/ist/bleibt Kultur immer „existenziell“, und ohne sie habe ich das Gefühl, sowohl intellektuell als auch emotional zu vertrocknen.

Dieser Sonntagnachmittag stand ganz im Zeichen der Berliner Operette. Im Vergleich zu ihrer Wiener Schwester ist die Berlinerin frecher, moderner und näher an der Revue als an der Oper. Auch musikalisch fühlt sie sich mehr zu einem zünftigen Marsch hingezogen als zu dem ¾-Takt des Walzers. Und so bot dieses Konzert einen abwechslungsreichen Querschnitt aus dem Oeuvre der Komponisten-Stars der Berliner Operette: Paul Lincke, Eduard Künneke sowie Walter und Willi Kollo. Edison Vigil sorgte in seiner szenischen Einrichtung dafür, dass die Sängerinnen und Sänger – auch trotz Abstand – auf Mimik und Gestik des Gegenübers reagierten und sie so miteinander agierten.

Das exzellent aufspielende Philharmonische Orchester verwebte die oft bekannten Melodien in einen üppigen Klangteppich und bereitete so den Sängerinnen und Sängern den Boden für ihre Kunst. Es war ein solcher Genuss, endlich wieder einem großen Orchester lauschen zu dürfen. Tijana Grujic gefiel mit perlenden Sopran. Tenor MacKenzie Gallinger überzeugte nicht nur gesanglich, sondern konnte bei den elegant gemeisterten Tanzeinlagen auch seine Musical-Vorbildung nicht leugnen. Marcin Hutek gab den Schwerenöter Stanislaus von Methusalem aus Kollos Operette „Wie einst im Mai“ mit sonorem Bariton.

Natürlich wäre es bei einer solch überzeugenden Gesamtleistung ungerecht einzelne Namen hervorzuheben. Doch als Zuschauer gestatte ich mir ein Stückchen „Subjektivität“ und bin einfach mal parteiisch: Ich hatte meine „heimlichen“ Lieblinge! Vorab muss Hartmut Brüsch genannt werden, der nicht nur für die versierte musikalische Leitung des Abends verantwortlich zeichnete, sondern uns humorvoll mit Anekdoten unterhielt und ebenso charmant durch das Konzert führte.

Ich gebe es unumwunden zu, dass ich die beiden jungen Damen, deren Namen ich Euch gleich verraten werde, schon jede für sich als Sängerin sehr schätze und mich immer freue, eine von ihnen auf der Bühne bewundern zu dürfen. Aber in Kombination sind die beiden der absolute Knaller: Victoria Kunze (Sopran) und Patricia Häusermann (Mezzo). Ihr stimmschönes und harmonisch gestaltetes „Glühwürmchenidyll“ aus der Operette „Lysistrata“ von Paul Lincke setzte dem gelungenen ersten Teil des Abends die Krone auf und lies mich träumen: Vielleicht darf ich ja hoffen, dass diese beiden Künstlerinnen sich irgendwann dem Blumenduett aus der Oper „Lakmé“ von Léo Delibes annehmen werden. Beim Can-Can aus „Wie einst im Mai“ tobten die beiden Ladies dank passendem Outfit frivol bestrapst über die Bühne und sorgten für gute Laune im Auditorium. Mit einem deftigen „Die Männer sind alle Verbrecher“ ließen sie den musikalischen Rausschmeißer anklingen, bevor das gesamte Ensemble zu „Untern Linden, untern Linden“ der vom Publikum reichlich beklatschten Zugabe frönte.

Nach über 8 Monaten der erzwungenen (und evtl. auch notwendigen) Abstinenz von der Kultur war dies endlich wieder Futter für Herz und Hirn, für Geist und Seele und für alles, was sonst noch so dazwischen liegt…! ❤


Diese wunderbar-schmissige Operettengala Untern Linden, untern Linden wir nur noch an einigen wenigen Terminen am Stadttheater Bremerhaven gegeben.

[Operette] Carl Millöcker – Der Bettelstudent / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Carl Millöcker / Text von Friedrich Zell und Richard Genée

Premiere: 1. Februar 2020 / besuchte Vorstellung: 16. Februar 2020

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Inszenierung: Eike Ecker
Bühne & Kostüme: Ulrich Schulz
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Ohje, die Operetten-Puristen werden bei dieser Inszenierung erschüttert aufschreien: Alles – und wenn ich schreibe „alles“, dann meine ich wirklich „ALLES“ – wurde durch die Regisseurin Eike Ecker gegen den Strich gebürstet – und es war köstlich albern und herrlich überzeichnet! Aber nur so kann Operette heutzutage funktionieren: Entweder du nimmst als Regisseur*in die Handlung einer Operette ernst (wenn es das Sujet hergibt!) oder du machst – nachdem du einen Blick auf die oftmals hanebüchene Story geworfen hast – das genaue Gegenteil.

Ecker fischt sich aus dem großen Topf der Unterhaltung all die Zutaten heraus, die sie für einen abwechslungsreichen Operetten-Cocktail benötigt: Ein ordentliche Portion „Boulevard“, eine reelle Prise „Revue“ und einen Hauch „Trash“, und fertig ist eine bunte Seifenblase ohne Inhalt aber schön-schillernd anzusehen.

Die Irrungen und Wirrungen dieser Operette beginnen mit einem Kuss auf die Schulter einer jungen Dame und deren Schlag mit dem Fächer gegenüber dem Übeltäter, und schon ist die schönste Verwicklung im Gang. Einzelheiten erspare ich Euch und mir, denn auch die Handlung dieser Operette lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Sie lernen sich kennen! Sie verlieben sich! Sie trennen sich! Sie finden wieder zueinander! Sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende! ENDE!

Was bleibt ist eine locker-leichte Unterhaltung, die den Zuschauern eine ordentliche Portion Spaß bereitet, und alle Abteilungen eines Stadttheaters fordert. Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Hartmut Brüsch lässt Millöckers Musik so herrlich süffig erklingen. Auch optisch erstrahlt diese Inszenierung dank der Kreativität von Ulrich Schulz im satten Technicolor und punktet neben der Ausstattung mit farbenfrohen Kostümen und gewagten Frisuren.

Rainer Zaun gibt als vom Fächer getroffenen und Intrigen spinnenden Oberst Ollendorf eine imposante Figur, überzeugt mit schelmischen Spiel und seinem sonoren Bass. Cornelia Zink singt die auf der Schulter geküsste Komtesse Laura naiv-blond mit brillierendem Sopran. Als ihre Schwester Komtesse Bronislawa überzeugt Victoria Kunze nicht nur mit Stimme sondern auch mit einer immensen Spielfreude und ihrem ausgeprägten Talent für Komik. Deren Mutter, die Gräfin Nowalska mimt Sünne Peters mit witzigen Anleihen einer bösen Stiefmutter aus dem Märchen. Die beiden Bettelstudenten, scheinbaren Grafen und somit Objekte der Begierde für die Komtessen werden von MacKenzie Gallinger und Christopher Busietta mit tenoralem Verve und einem Hang zum Broadway verkörpert. Patrick Ruyters, Róbert Tóth, Shin Yeo und Patrizia Häusermann (in einer Hosenrolle) warfen sich mit Elan in ihre Rollen als dusseliger Sidekick von Oberst Ollendorf. In doppelter Funktion als Kerkermeister Enterich und Diener Onuphrie gefiel Schauspieler Guido Fuchs, der viele Lacher auf seiner Seite hatte.

Wenn ich mir eine Operette im Theater anschaue, dann erwarte ich keine intellektuelle Herausforderung. Im Gegenteil: Ich möchte mich schlicht und ergreifend „nur“ amüsieren. So kann ich dem Stadttheater Bremerhaven aus Überzeugung attestieren:

Bei Eurem „Bettelstudenten“ kommt das Amüsement wahrlich nicht zu kurz!


Der Bettelstudent bietet noch bis zum Ende der Spielzeit „Schmalz“ vom Feinsten.

[Schauspiel] Günter Grass – Die Blechtrommel / Stadttheater Bremerhaven

Schauspiel nach Günter Grass / für die Bühne bearbeitet von Peter Schanz

Premiere: 9. November 2019 / besuchte Vorstellung: 17. November 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Inszenierung: Mark Zurmühle
Bühne: Eleonore Bircher
Kostüme: Ilka Kobs
Video: Aaron Bircher
Musikalische Einstudierung: Hartmut Brüsch

„Zugegeben: Ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus den Augen.“

…dies ist nicht nur der erste Satz des Romans „Die Blechtrommel“, so beginnt auch das Schauspiel. Oskar Matzerath blickt zurück sowohl auf 50 Jahre Familiengeschichte als auch auf 50 Jahre deutscher Geschichte. Der Junge, der mit drei Jahren beschließt, nicht mehr weiterzuwachsen, ist Unschuld und Verkommenheit zugleich. Scheinbar harmlos wirkend beobachtet er mit einem beinah sezierenden Blick die Entwicklungen in der Familie und der Gesellschaft und zieht an den Schicksalsfäden ganz nach seinem Gusto. Mit dem Klang seiner Trommel und der Fähigkeit, Glas mit seiner Stimme zum Zerspringen zu bringen, manipuliert er erbarmungslos seine Umwelt.

Dem Regisseur Mark Zurmühle ist mit seinem 7-köpfigen Ensemble eine stringente, aufwühlende Inszenierung gelungen, in der – außer Max Roenneberg als Oskar Matzerath – alle übrigen Schauspieler*innen mehrere Rollen verkörpern. Das Schauspiel beginnt in der besagten Heil- und Pflegeanstalt: Beinah steril wirkt das Bühnenbild mit seinem runden Pavillon und den weißen Stühlen. Oskar liegt angeschnallt auf einer Behandlungsliege und wird von Ärzten, Pflegern und Schwestern in weißer, uniformierter Kluft beobachtet. Und während Oskar mit dem Erzählen beginnt, verwandelt sich das Personal der Heil- und Pflegeanstalt mit wenigen Requisiten und Kostümteilen in die Protagonisten seiner Geschichte…!

Ein aufwendiges Bühnenbild wird nicht benötigt: Das Können der Schauspieler*innen fesselt das Publikum. Die Kraft ihrer Darstellung macht Hilfsmittel wie ein üppiges Bühnenbild überflüssig.

Max Roenneberg gibt einen wendigen Oskar, der jungenhaft naiv und diabolisch abstoßend zugleich ist, und bildet mit seinen Kolleg*innen ein eingespieltes Ensemble, das wie Perlen auf einer Schnur die Geschehnisse vor den Augen des Publikums aufreiht. Sascha Maria Icks, Richard Lingscheidt, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Dominik Lindhorst-Apfelthaler, Kay Krause und Henning Bäcker bilden ein so homogenes Ensembles, dass es mir schwerfällt, einzelne Künstler hervorzuheben: Jede*r zeigte eine immense Wandlungsfähigkeit und hatte große, bewegende Momente. Mark Zurmühle verzichtet wohltuend auf plakative Gesten und greller Symbolik: Der Freitod mit dem Strick wird mit Hilfe einer Krawatte und einer Kartoffel dargestellt, und auch das Hakenkreuz wird nicht benötigt, um die Atmosphäre dieser Zeit zu repräsentieren.

Wer ein 60 Jahre altes Werk modern und eindrucksvoll auf der Bühne sehen möchte, sollte den Weg nach Bremerhaven nicht scheuen!


Oskar Matzerath wird Die Blechtrommel weiterhin für einige Vorstellungen am Stadttheater Bremerhaven schlagen…!

[Operette] Emmerich Kálmán – Die Herzogin von Chicago / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Emmerich Kálmán / Libretto von Julius Brammer und Alfred Grünwald

Premiere: 9. Februar 2019 / besuchte Vorstellung: 28. Februar 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Inszenierung: Felix Seiler
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Bühne & Kostüme: Barbara Bloch

Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


Wie? Sie waren noch nie in einer Operette? Dann werde ich ihnen mal eben die Handlung skizzieren,…

Sie lernen sich kennen! Sie verlieben sich! Sie trennen sich! Sie finden wieder zueinander! Sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende! ENDE!

…und diese Zusammenfassung lässt sich auf nahezu ALLE Operetten übertragen!

Aber wer eine Operette wegen der intellektuellen Herausforderung besucht, ist schlicht und ergreifend am falschen Platz. Operette ist bestenfalls ein locker-leichtes Soufflé mit herrlicher Süße und zartem Schmelz (Nährwert: Fehlanzeige, Wohlfühlfaktor: reichlich).

In diesem Fall trafen wir auf Emmerich Kálmáns lang verschollene und darum selten gespielte Operette „Die Herzogin von Chicago“. Wie der Titel es schon erahnen lässt, trifft hier die neue auf die alte Welt, die Moderne auf die Tradition und der Charleston auf den Csárdás. Kálmáns Musik ist voller ironischer Zitate: Ich saß im Publikum und amüsierte mich über die versteckten Anspielungen an seine damaligen Kollegen der E- und U-Musik.

Das Stadttheater Bremerhaven bot in der Inszenierung von Felix Seiler vieles für Auge und Ohr: die Kulissen glitzerten, die Kostüme funkelten, die Sänger*innen „gaben dem Affen Zucker“ (Hier wurde sehr zur Freude des Publikums schamlos übertrieben!), die Tänzer*innen vom Ballett tanzten famos, und das fulminant aufspielende Philharmonische Orchester unter dem Dirigat von Hartmut Brüsch schmachtete durch die wunderbaren Melodien (Schon allein die Ouvertüre hätte ich gerne ein 2. Mal gehört).

Selten habe ich ein so komödiantisch aufgelegtes Opern-Ensemble gesehen – allen voran das Buffo-Paar mit Victoria Kunze (Prinzessin Rosemarie) und MacKenzie Gallinger (James Jonny Jacques Bondy), während das „seriöse“ Paar bestehend aus Tijana Grujic (Miss Mary Lloyd) und Christopher Busietta (Sándor Boris) sich mit Schmelz durch die Arien sang. Schauspieler John Wesley Zielmann brillierte wieder mit seinem perfekten Timing für Komik. Das Ballett-Ensemble absolvierte in der abwechslungsreichen Choreografie von Andrea Danae Kingston eine Tour de Force und meistert diese mit Bravour!

Mit einer Melodie im Ohr machten wir uns auf den Heimweg: Ob es nun ein Charleston oder ein Csárdás war, ist doch völlig egal. Denn: „…so ein Charleston ist doch gar nix anderes als amerikanischer Csárdás!“

Definitiv: „BEST OF SCHMALZ“


Die Herzogin von Chicago swingt noch bis zum Ende dieser Spielzeit über die Bühne des Stadttheaters Bremerhaven!