[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2026/2027 / Stadttheater Bremerhaven

mit der Sinfonia bzw. Ouvertüre zu LUISA MILLER von Giuseppe Verdi sowie Arien, Songs und Musiken von Bedřich Smetana, Camille Saint-Saëns, Johann Strauss (Sohn), Giuseppe Verdi, Herbert Grönemeyer und Norbert Schultze

mit Ausschnitten aus TRUE CRIME. DIE THOMASKATASTROPHE von Coco Plümer, DIE MAUSEFALLE von Agatha Christie, DIE LEBEN DER ANDERSEN von John von Düffel und Kai Tietje, AALI MUSS LOS von Dita Zippel und Finn-Ole Heinrich, DIDO AND AENEAS – A LOVE STORY? frei nach Henry Purcell sowie aus dem Tanzabend TANZRAUSCH von Kinsun Chan und Alfonso Palencia

Premiere: 5. September 2026 / besuchte Vorstellung: 5. September 2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marco Comin, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
CHOR Kristina Pernat Ščančar
MODERATION Lars Tietje, Marco Comin, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Alfonso Palencia, Markus Tatzig
SZENISCHE EINRICHTUNG Annika Ellen Flindt
REGIEASSISTENZ Finn Lorenz
INSPIZIENZ Mahina Gallinger

Musiktheater: Kellan Dunlap, Timothy Edlin, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Kai Preußker, Weilian Wang
Ballett: Melissa Festa, Marco Marongiu, Pedro Alves Marques, Kiko Noguchi, Melissa Panetta, Adrián Sánchez, Ming-Hung Wenig, Dawon Yang, Javier Zotano Bermúdez
Schauspiel: Frank Auerbach, Marscha B Zimmermann, Anna Caterina Fadda, Lotta Hackbeil, Leon Häder, Ulrike Knospe, Kay Krause, Gernot Schmidt, Alexander Smirzitz, Marc Vinzing, Henning Z Bäcker
JUB: Ümran Algün, Sander Lybeer, Coco Plümer, Tobias Sill

Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Kinderchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Ich hatte diesem Wochenende so sehr entgegengefiebert und vorab vehement Wünsche für den Dienstplan eingefordert, damit auch nichts, absolut gar nichts meiner Teilnahme an der turbulenten Spielzeiteröffnung an meinem Stadttheater Bremerhaven im Wege stand. Und wehe, irgendjemand hätte sich mir in den Weg gestellt…!!!

Die Zuschauer*innen strömten ins Theater. Überall war die Lust auf den Beginn der neuen Spielzeit spürbar. Voller Enthusiasmus begrüßte ich bekannte Gesichter und schmetterte ihnen vergnügt strahlend „Auf ein Neues!“ oder „Schön, dass es wieder losgeht!“ entgegen. Dann saß ich voller Vorfreude endlich wieder im Zuschauersaal, der rote Samtvorhang öffnete sich, und eine weitere Saison voller Theaterzauber sollte beginnen.

Bereits Ende August hatte Marco Comin, der neue GMD am Haus, sein Antrittskonzert mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven vor begeisterten Konzertbesuchern gegeben. Nun stellte er auch seine Qualitäten für das Musiktheater unter Beweis und konnte uns ebenso mit seinem Dirigat der Sinfonia zu LUISA MILLER begeistern. Diese eher selten gespielte Oper von Giuseppe Verdi wird die Spielzeit im Musiktheater eröffnen.

Intendant Lars Tietje führte souverän durch das Programm und holte sich gerne zu den einzelnen Programmpunkten mit Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia die Leitung der jeweiligen Sparte auf die Bühne.

So berichtete Alfonso Palencia vom spannenden Entstehungsprozess des dreigeteilten Tanzabends TANZRAUSCH, zu dem er zwei befreundete Choreografinnen eingeladen hat, um dem Publikum wie auch den Tänzer*innen die Möglichkeit zu geben, unterschiedliche Stile erleben zu können. Als Appetizer präsentierte die Ballettcompagnie aus TANZRAUSCH einerseits die Arbeit mit dem Titel „Storm“ der Choreografin Kinsun Chan sowie direkt nach der Pause „Rush Rojo“ von Alfonso Palencia. Die Tänzer*innen erstaunten mich abermals mit einer schier unendlich scheinenden Ausdruckskraft ihrer Körper. Es ist für mich immer wieder faszinierend, wie Musik über den Tanz visualisiert werden kann.

Das Jahr 2027 wird ganz im Zeichen des Stadtjubiläums von Bremerhaven stehen, und so werden auch am Stadttheater Bremerhaven einige Produktionen zu sehen sein, die einen unmittelbaren Bezug zur Stadt haben. Im kleinen Haus startet die Saison mit TRUE CRIME. DIE THOMASKATASTROPHE und erinnert an einen furchtbaren Tag im Dezember 1875 als im Bremerhavener Hafen eine Bombe explodierte. In diesem Live-Hörspiel, bei dem Frank Auerbach, Lotta Hackbeil und Marc Vinzing unzählige Rollen verkörpern und so ihre enorme Wandelbarkeit zeigen, werden die Geräusche von einer Sounddesignerin ebenso live vor Ort produziert. Der hier gezeigte Prolog machte Lust auf diesen sicherlich spannenden Theaterabend.

Davide Perniceni übernahm den Taktstock und somit die musikalische Leitung bei den Arien aus DIE VERKAUFTE BRAUT von Bedřich Smetana. Sopranistin Victoria Kunze gestaltete die beiden Arien „Gern ja will ich dir vertrauen“ und „Wie fremd und tot ist alles um mich her“ mit schlichter Würde und fein dosierter Melancholie und zeigte so überzeugend den Wandel der Figur von „hoffnungsvoll in die Zukunft schauend“ zu „verzweifelnd über den Verlust ihres Liebsten“. Ergreifend!

Natürlich durfte auch in diesem Jahr die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden, nicht fehlen. Insider werfen einen wissenden Blick auf den Programmzettel. Die Wahrscheinlichkeit ist immer recht hoch, dass der Programmpunkt, der nach der Verleihung an der Reihe ist, im direkten Zusammenhang mit dieser steht. In diesem Jahr nützte mir dieses Wissen „nüscht“, da eine Szene mit acht Schauspieler*innen aus dem Krimi DIE MAUSEFALLE folgen sollte. Es blieb somit auch für mich spannend. Preisträger wurde in diesem Jahr der Schauspieler Leon Häder, der in der vergangenen Spielzeit durch sein exzellentes Spiel überzeugen konnte. Die ausführliche Laudatio der Jury versüßte er – sehr zum Vergnügen des Publikums – mit humoristischen Akzenten in Gestik, Mimik und Haltung. Lieber Leon: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Ich jubilierte inner- wie äußerlich als ich erfuhr, dass ein Kriminalstück von Agatha Christie wieder auf dem Spielplan stehen sollte. Mit Marscha B Zimmermann, Anna Caterina Fadda, Leon Häder, Ulrike Knospe, Kay Krause, Gernot Schmidt, Alexander Smirzitz und Henning Z Bäcker standen nun Künstler*innen auf der Bühne, die in der dargebotenen Szene aus DIE MAUSEFALLE ganz wunderbar Christies Figuren zum Leben erweckten. Es wird mir eine immense Freude sein, mich in „Monkswell Manor“ (wiederholt) einzumieten.

Doch die Würdigungen des Abends waren noch nicht vorbei: In diesem Jahr gab es zusätzlich den Herzlieb-Kohut-Sonderpreis zu vergeben, den der Kinderchor des Stadttheaters für DIDO AND AENEAS – A LOVE STORY? in Empfang nehmen durfte. Mit Unterstützung von Edward Mauritius Münch, Bianca Sue Henne, Katharina Diegritz und Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters erarbeiteten sich die Kinder und Jugendlichen eine sehr eigene, höchst individuelle Variation von Henry Purcells Oper, indem sie dessen Musik mit modernen Songs und persönlichen Gedanken rund um das Thema Liebe kombinierten. Wie sehr die Kids diesen Preis verdient hatten, zeigten sie mit ihrer stimmschönen und emotionalen Interpretation von Herbert Grönemeyers „Demo (Letzter Tag)“. Gänsehaut! Auch an euch: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Dann wurde es plötzlich glitschig: Das JUB – Junges Theater Bremerhaven bringt mit AALI MUSS LOS ein Stück über Veränderung und Abschied aus Sicht der Tiere am und im Fluss auf die Bühne. Daraus boten uns die Schauspieler*innen Ümran Algün, Coco Plümer, Tobias Sill und Sander Lybeer einen äußerst vergnüglichen wie auch erstaunlich beweglichen Ausschnitt.

„Und ewig lockt das Weib“, das war schon in der Bibel so, und so ist es auch noch heute. Mezzosopranistin Boshana Milkov ließ ihre samtene Stimme lockend und gurrend in der Arie „Amour, viens aider ma faiblesse!“ erklingen. Wehe allen Kerlen, die ihrem bezirzenden Ruf verfallen. Die Oper SAMSON ET DALILA von Camille Saint-Saëns kommt als beeindruckendes Konzerterlebnis auf die Bühne.

Deutlich fröhlicher ging es in der Operette EINE NACH IN VENEDIG zu, aus der die beiden Neuzugänge des Musiktheaters Ausschnitte zeigten. Die musikalische Leitung lag in den bewerten Händen von Hartmut Brüsch. Tenor Kellan Dunlop gab mit „Evviva Caramello“ den Barbier Caramello mit leichter flexibler Stimme. Kai Preußker stellte bei „Wenn vom Lido sacht … Pappacoda ist da“ den Makkaronikoch Pappacoda mit seinem charakteristischen Bariton männlich-markant auf die Bretter. Flankiert wurden die Beiden von einem bestens aufgelegten Opernchor.

Es ist immer eine besondere Herausforderung, einen Song zu interpretieren, der im kollektiven Gedächtnis so eng mit der Ursprungsinterpretin verankert ist. Einerseits sollte eine eigene Interpretation gefunden werden, andererseits darf sich auch nicht zu sehr vom Original entfernt werden. Schauspielerin Ulrike Knospe stand sichtbar nervös auf der Bühne. Doch sie gestaltet den bekannten Evergreen „Lili Marleen“ von Lale Andersen so schön und so berührend. Bravo! Als Background-Chor standen ihr die Mannen Frank Auerbach, Marc Vinzing und Henning Z Bäcker mit harmonischem Gesang zur Seite. Auch das Schauspiel mit Musik DIE LEBEN DER ANDERSEN hat wieder einen engen Bezug zur Seestadt und deren Geburtstag.

Mit LUISA MILLER hatte diese Eröffnungsgala begonnen, und mit LUISA MILLER sollte sie nun auch enden. Bei „Ti desta, o Luisa“ zeigten die Sänger*innen des Chores, dass sie nicht nur die leichte Operette beherrschen sondern ebenso im musikalischen Drama brillieren können. Bassbariton Timothy Edlin ließ seine Stimme bei der Arie „Ah! Tutto m´arride … Il mio sangue, la vita darei“ mit fein nuancierter Koloratur erklingen. Weilian Wang brachte seinen potenten Tenor bei „Oh! fede negar potessi … Quando le sere al placido“ vom auftrumpfenden Fortissimo bis zum sensiblen Piano zum Strahlen. So sorgten diese zwei stimmlichen „Schwergewichte“ gemeinsam mit dem Opernchor für den fulminanten Schluss dieser rundum gelungenen Gala.

Beschwingt verließ ich das Theater und machte ich mich bestens gelaunt auf den Heimweg,…


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THEATERFEST 2026 …um nur wenige Stunden später meine Karosse wieder gen Bremerhaven zu lenken: Das Stadttheater Bremerhaven hatte zum Theaterfest geladen und versprach ein pickepackevolles Programm mit Konzerten, Führungen, Besuche der verschiedenen Werkstätten, Einblicke in Proben, Lesungen, div. Workshops, Mitmach-Aktionen für Groß und Klein, einer Mini-Gala und vielem mehr. Da fiel es mir wahrlich schwer, eine Entscheidung zu treffen. Wählte ich den einen Programmpunkt würde ich einen anderen ebenso spannenden aber bedauerlich zeitgleich stattfindenden Programmpunkt verpassen. Luxusprobleme „at its best“!

So wählte ich mit Bedacht. Nach der Begrüßung durch Intendant Lars Tietje lauschte ich sowohl dem Opernchor unter der Leitung der neuen Chordirektorin Kristina Pernat Ščančar wie auch den solistischen Auftritten von Tenor Kellan Dunlap und Mezzosopranistin Boshana Milkov. Der von Boshana Milkov brillant vorgetragene Gershwin-Song „Summertime“ schien beinah programmatisch. Die sommerlichen Außentemperaturen trieben mich ins Theaterinnere direkt zum Kuchenbüfett der Landfrauen („Köstlich!“). Bestens gestärkt wartete ich im Foyer auf den Beginn der Theaterführung mit Sopranistin Victoria Kunze, die uns einmal kreuz, einmal quer durch das Theater führte und neben interessanten Infos zum Theateralltag auch köstliche Anekdoten parat hatte, wozu sie gerne die launige Unterstützung von Chefmaskenbildner Henrik Pecher in Anspruch nahm. Beim öffentlichen Balletttraining bestaunte ich voller Hochachtung abermals die Grazie und die Eleganz der Tänzer*innen.

Apropos Anekdote: Ich bog auf der Seitenbühne um die Ecke und stand unvermutet einem Tisch mit  Lebensmitteln gegenüber. Angewidert blickte ich auf einen Teller und dachte „Wie kann man nur ein Mettbrötchen hier ungekühlt liegen lassen? Da tanzen die Salmonellen vor Freude Samba.“ Ich benötigte einige Sekunden, bis ich registrierte, dass hier die Requisite ihre Kunst der täuschend echten Imitation präsentierte.

Nach einem ereignisreichen Nachmittag voller Begegnungen und Eindrücke trug mich meine brave Karosse müde aber sehr, sehr glücklich wieder zurück in Richtung Heimat.


Mit der Eröffnungsgala und dem Theaterfest beginnt offiziell die SAISON 2026/2027 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit einem vielfältigen Programm begeistert.

[Rezension] Kristina Dumas – MEIN LEBEN IST MUSIK. Die 21 wichtigsten Frauen der klassischen Musik/ mit Illustrationen von Malin Neumann

Nun ist sie wieder da, die theaterlose Zeit: Ganze 8 Wochen muss ich darben, bis an meinem Stamm-Theater am ersten Wochenende im September offiziell die Spielzeit 2026/2027 eingeläutet wird. Doch auch in diesem Jahr werde ich versuchen, diese öde Zeit mit der Lektüre entsprechender Literatur zu füllen. Ich bin da ganz zuversichtlich, dass es mir mit den von mir ausgewählten Büchern sehr gut gelingen wird.

Beginnen möchte ich mit dem musikalischen Bilderbuch MEIN LEBEN IST MUSIK aus dem Annette Betz-Verlag. 21 äußerst musikalische Frauen aus Vergangenheit und Gegenwart wurden hier von Kristina Dumas in Kurzporträts vorgestellt. Da tauchen nicht nur die Namen herausragender Komponistinnen auf, wie Hildegard von Bingen und Emilie Mayer, deren Wirken selbst in einem relativ aktuellen Werk leider keine Erwähnung finden. Auch Dirigentinnen, Sängerinnen, Solistinnen und Tänzerinnen, die ihr Leben der klassischen Musik geweiht haben, werden hier geehrt.

Neben den bereits erwähnten Damen gehören auch Fanny Hensel, Florence Beatrice Price, Alma Deutscher, Nadia Boulanger, Antonia Brico, Oksana Lyniv, Han-Na Chang, Fransesca Caccini, Maria Callas, Leontyne Price, Anja Harteros, Clara Schumann, Marianne Kirchgeßner, Anne-Sophie Mutter, Martha Argerich, Mademoiselle De Lafontaine, Pina Bausch, Misty Copeland und Yang Liping zur illustren Runde wunderbarer Künstlerinnen.

Die Wahl auf diese Frauen scheint mit Bedacht gewählt, zeigt sie doch den historischen, kulturellen wie auch gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem die Frauen agieren mussten. Wobei diese Namen durchaus exemplarisch stehen für alle Frauen, die sich im Genre der klassischen Musik behauptet haben und auch weiterhin behaupten. Kristina Dumas vergisst in ihren markanten Kurzporträts auch nicht den inneren Drang, den persönlichen Impuls zu verheimlichen – beides oftmals so stark, dass den Künstlerinnen nichts anderes übrig blieb, als sich ihrer Kunst zu öffnen und sich ihr hinzugeben – allen Widrigkeiten zum Trotz. Malin Neumann schuf dazu ganz wundervolle Illustrationen, die den Charakter der jeweils Porträtierten stimmig einfangen und so manches Mal ganz individuelle Merkmale hervorheben.


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Doch bei einem musikalischen Bilderbuch gibt es natürlich nicht nur einiges zu sehen, sondern auch reichlich zu hören: Dies geschieht entweder digital oder per CD. Die Texte zu den Kapiteln wie auch zu den einzelnen Künstlerinnen wurden von der Schauspielerin Jasmin Tabatabai eingesprochen, die mich mit ihrer exquisiten Diktion begeisterte (Ja, darauf achte ich auch!), und die mal kess, mal frech, mal aufmüpfig aber immer voller Selbstbewusstsein der Damenriege ihre Stimme lieh. Doch auf der CD findet sich zu jeder Künstlerin auch ein passendes Musikbeispiel. Hierbei wurde sich – mit einigen wenigen Ausnahmen – aus dem Archiv des renommierten Labels NAXOS bedient.

Die Musikauswahl war so perfekt auf dem auch durchaus emotionalen Text abgestimmt, dass mir beim Zuhören so manches Mal die Augen feucht wurden. Wie Perlen auf einer Kette reihten sich die Musikstücke aneinander, schlängelten sich wie ein roter Faden um Text und Illustration und bildeten so gemeinsam eine gelungene Harmonie.

HINWEIS Vom Philharmonischen Orchester Bremerhaven unter der Leitung des damaligen GMD Marc Niemann gibt es eine ganz und gar wundervolle Einspielung mit zwei Sinfonien der Komponistin Emilie Mayer, die sogar für den Musikpreis OPUS KLASSIK nominiert war. Diese Einspielung krönte die erfolgreiche Konzert-Saison 2021/2022 des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven, in der unter dem leider nur allzu passenden Titel MUSIK IM SCHATTEN die Werke von Komponistinnen wieder zu Gehör kamen.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219119589

SAISON-RÜCKBLICK 2025/2026

Am Ende eines Jahres präsentiert jede*r Buchverrückte gerne die persönlichen LESE-HIGHLIGHTS: Auch ich praktiziere dieses beinah schon traditionelle Ritual mit Freude, da es mir die wunderbare Chance ermöglicht, dass ich die gelesenen Bücher nochmals Revue passieren lassen kann.

Seit einiger Zeit gönnte ich mir auch einen Rückblick auf die vergangene Spielzeit. Ich kann es nur immer wieder und wieder betonen: Die Kultur ist für mich ein so essenzieller Bestandteil meines Lebens, der Einfluss auf mein Wohlbefinden, meine Phantasie, meine Gedanken und meine Emotionalität nimmt, dass ich mir nicht vorstellen könnte, ohne sie zu sein.

Da habe ich mir gedacht, ich mache aus diesem SAISON-RÜCKBLICK auch mein höchst persönliches Ritual und schwelge nochmals in vielen schönen Erinnerungen. Es gab in der vergangenen Monaten so wunderbare kulturelle Glücksmomente für mich, und ich hoffe natürlich, dass die Zukunft noch viele weitere für mich bereithält.

Doch genug geplaudert: Hier kommt sie nun, meine kleine Hommage an die zurückliegende Saison 2025/2026!

Ich wünsche euch viel Spaß! 💖


VORSPANN

1: ALLTAGSMENSCHEN / 2: ERÖFFNUNGSGALA / 3: THEATERFEST
KOSTPROBE „Die Liebe zu den drei Orangen“ / 4: DIE STILLE REVOLTE DER DINGE
5: BÜCHERPLAUSCH / 6: DIE BAGAGE / 7: THEATERSNACK „Catch Me If You Can“
8: KOSTPROBE „Der Nussknacker“ / 9: DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN
10: DREE FROONS NÖÖMT SCHMIDT / 11: DER NUSSKNACKER
12: DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN / 13: CATCH ME IF YOU CAN

14: OSTERHOLZER WINTERLICHTER / 15: NILS HOLGERSSON
16: ADVENTSKONZERT / 17: MACHT MEDIEN! / KOSTPROBE „Sweeney Todd“
18: SWEENEY TODD / 19: ERINNERN HEISST KÄMPFEN! / KOSTPROBE „La Traviata“
20: LA TRAVIATA / 21: THEATERSNACK „La Traviata“ / 22: HEROES
23: BUCHKUNST / 24: DIE TOTE STADT / 25: SCHENKT MAN SICH ROSEN IN TIROL
26: SING, SING, SING! / 27: DORNRÖSCHEN

ABSPANN


HINWEIS Zu den nummerierten Events wird im Video ein entsprechendes Foto gezeigt. Bei den verlinkten Events gibt es zusätzlich einen von mir verfassten Beitrag. Zu den nicht nummerierten sowie nicht verlinkten Events gibt es weder Foto noch Beitrag.

[Konzert] Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – DORNRÖSCHEN / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Märchenballett mit Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky / nach dem Märchen von Charles Perrault

Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Ballettschule Dance Art Bremerhaven

Premiere: 31. Mai 2026 / besuchtes Konzert: 31. Mai 2026

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG & MODERATION Hartmut Brüsch 
CHOREOGRAFIE Irina und Marius Manole

Es war der 1. Juni 2025: Die Spielzeit 2024/2025 war für mich beendet, und ich versuchte mir die Theaterfreie Zeit mit entsprechender Lektüre zu versüßen. Meine Wahl fiel u.a. auf das musikalische Bilderbuch DORNRÖSCHEN aus dem Annette Betz-Verlag. Damals schrieb ich…

Mit DORNRÖSCHEN, dem zauberhaften Märchenballett von Peter Iljitsch Tschaikowsky habe ich mir ein Werk ausgesucht, das in der nächsten Saison auch an meinem Stamm-Theater zur Aufführung kommen wird. Beim 3. Familienkonzert wird das Philharmonische Orchesters Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Hartmut Brüsch die gelungene Kooperation mit der Ballettschule Dance Art fortführen. Irina und Marius Manole werden mit den Schüler*innen ihrer Ballettschule sicherlich wieder eine wunderbar kindgerechte wie phantasievolle Choreografie für das junge Publikum erstellen. Bis es soweit ist, muss ich mich leider beinah ein Jahr gedulden.

Wie schnell doch so ein Jahr vergeht. Es klingt wie eine Floskel, fühl sich für mich aber genauso an. Doch woran mag es liegen, dass für mich die Monate (gefühlt) so schnell verflogen waren? Meine Begründung: Es ist in meinem Leben eine Menge passiert – weniger Angenehmes aber auch viel Schönes. Das Schöne, und somit das, was das weniger Angenehme erträglicher gemacht hat, waren u.a. meine vielen Konzert- und Theater-Besuche. Kultur ist für mich existentiell wichtig, und so saß ich auch diesmal wieder voller Vorfreude im Publikum.

Um mich herum ging es zu wie im viel zitierten Bienenstock: Es summte und brummte, es wuselte und wimmelte. Eltern, Großeltern, Geschwisterkinder, Onkel, Tanten sowie Freunde schienen beinah ebenso aufgeregt, wie die 82 Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in wenigen Minuten die Bühne für sich erobern sollten. Der musikalische Leiter des heutigen Konzerts Hartmut Brüsch betrat die Bühne, griff zum Mikrophon, hielt es sich an die Lippen, und es passierte erstmal recht wenig. Die Tücken der Ton-Technik hatten zugeschlagen. Als Orchesterwart Thomas Wehnert die Bühne betrat, um die Mikros auszutauschen, nutze Brüsch diesen Umstand geschickt und erklärte dem Publikum spontan, welch wichtige Aufgaben ein Orchesterwart innehat. Wie selbstverständlich war er wieder ganz in die Rolle des Vermittlers geschlüpft, der seinem jungen Publikum die Besonderheiten eines Philharmonischen Orchesters näher brachte und ihnen charmant die einzelnen Instrumentengruppen vorstellte – und wir, die Erwachsenen im Publikum, wurden dadurch auch nicht dümmer.


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Dass Hartmut Brüsch gemeinsam mit den Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven die traumhaften Kompositionen vom Meister Tschaikowsky gar wundervoll zu Gehör bringen würden, stand für mich außer Frage. So rückte das Orchester auch ein wenig aus dem Fokus, da die Bühne im großen Haus des Stadttheaters Bremerhaven eine Stunde lang ganz und gar den kleinen und nicht mehr ganz so kleinen Tanzstars gehörte. Irina und Marius Manole hatten sich wieder eine entzückende Choreografie erdacht, die vom klassischen Ballett geprägt und dem Können ihrer Elevinnen und Eleven angepasst war. Zudem standen beide selbst auf der Bühne und verkörperten hoheitsvoll das Königspaar, die Eltern unserer Titelheldin.

Doch bis diese in Erscheinung treten konnte, wurde vorab die Vorgeschichte gezeigt, die viel Raum für ausgefeilte Choreografien bot – sei es vom eleganten Tanz der Hofgesellschaft über den graziösen Spitzentanz der guten Feen bis zum markanten Auftritt der bösen Fee, die von einem putzigen Schwarm Mini-Fledermäuse umschwirrt wurde. Rebecca Pagel gab die böse Fee CARABOSSE mit dynamischen Bewegungen und einem expressiven Minenspiel. Paulina Dieckvoß war als FLIEDERFEE der gewichtige Gegenpart zur bösen Fee und sorgte voller Anmut in Tanz und Ausdruck dafür, dass deren Zauber gemildert wurde. Thomas Brannemann amüsierte als kleiner ZEREMONIENMEISTER, der stets überfordertet schien.

Dabei wurde immer wieder eine große Spindel als Zeichen der drohenden Gefahr raffiniert in die Inszenierung integriert. Geschickt visualisierten Irina und Marius Manole auch die stetig wachsende Dornenhecke durch die Tänzerinnen in verschiedenen Formationen: Es begann mit dem zauberhaften Tanz der zarten Rosenknospen und gipfelte in der vollen Pracht der aufgeblühten Rosen im kraftvollen Rot, die Auroras (Dornröschens) Schlafstätte beschützend umrankten. Zoe Busch Barbosa gab eine reizende AURORA und meisterte die anspruchsvolle Choreografie mit viel Grazie. Als PRINZ DÉSIRÉ stand ihr Mats Tietjen zur Seite, der mit natürlicher Ausstrahlung gefiel und seinem Dornröschen bei den Pirouetten und Hebefiguren ein verlässlicher Partner war.

Bei einem Märchenballett dürfen auch gerne weitere Märchenfiguren in Erscheinung treten: David Caibet als DER GESTIFELTE KATER und Eva Lee Hilz als seine Partnerin DIE WEISSE KATZE erinnerten mich mit ihrer Energie und Quirligkeit an Mungojerrie und Rumpleteazer aus dem Musical CATS. Selbst Rotkäppchen und der Wolf schauten „zur Feier des Tages“ vorbei: Da wurde ROTKÄPPCHEN Vivien Radeck von WOLF Argenis Rodriguez höchst amüsant über die Bühne gescheucht – es half kein Bitten und Flehen – bis es ihr zu bunt wurde, sie den Spieß umdrehte und sehr zur Freude des Publikums den Wolf über das Parkett jagte.

Mit Respekt für alle Beteiligten beobachtete ich das Treiben auf der Bühne und zog voller Hochachtung meinen imaginären Hut vor Irina und Marius Manoles Leistung, 82 junge Menschen zu koordinieren, zu choreografieren und so zu motivieren, dass am Schluss diese äußerst gelungene, abwechslungsreiche und märchenhafte Aufführung präsentiert werden konnte.

💛💜❤️ ES WAR BEZAUBERND…! ❤️💜💛


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

[Konzert] Operettengala SCHENKT MAN SICH ROSEN IN TIROL / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

mit Melodien aus DER OPERNBALL von Richard Heuberger und DER VOGELHÄNDLER von Carl Zeller

Premiere: 21. Mai 2026 / besuchtes Konzert: 21. Mai 2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


DIRIGENT & MODERATION Hartmut Brüsch

SOLIST:INNEN  Meredith Hoffmann-Thomson, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Weilian Wang, Andrew Irwin
CHOR Edward Mauritius Münch

Opernchor des Stadttheaters Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Die gute, alte Operette: Nun hat sie schon so viele Jahre auf dem Buckel und ist nicht tot zu kriegen. Gerne taucht sie als sichere Bank, als Zuschauermagnet im Spielplan so mancher Theater auf und darf mit ihren guten Auslastungszahlen diejenigen Werke, die weniger in der Gunst des Publikums stehen, mitfinanzieren, und doch wird sie gerne belächelt und abschätzig betrachtet. Dabei bedarf es ein immenses Können, um die kleine Schwester der Oper mit pikanter Leichtigkeit und perlender Champagnerlaune über die Rampe zu bringen. Einerseits sollten das Regieteam wie auch das Ensemble die Figuren und deren Motivationen ernst nehmen, andererseits darf die Szenerie gerne etwas „over the top“ sein. Der Grat zwischen glaubhaften Emotionen und peinlicher Übertreibung ist extrem schmal.

Doch prinzipiell ist Realismus das Letzte, was ich von einer Operette erwarte. Ich möchte mich fallen lassen und meine kleinen wie auch großen Alltagssorgen vergessen. Ich möchte für ein paar kostbare Stunden mein profanes Leben ausblenden und mich gänzlich der Musik und dem Gesang hingeben. Ich schmachte zwar die verführerisch schönen Männer an, aber meine uneingeschränkte Sympathie gilt den Frauen. Denn es ist vielleicht nicht immer so offensichtlich, aber in der Operette sind die Frauen oft sehr emanzipiert, selbstbewusst sowie klug und nehmen ihr Schicksal mit einem erfrischenden Pragmatismus selbst in die Hand. Oder wie es Sopranistin Signe Heiberg anlässlich ihres Abschieds vom Stadttheater Bremerhaven in einem Interview mit der NORDSEE-ZEITUNG so treffend formulierte: „Ich liebe es, Operette zu singen. In meinem Fach sitzt man ja oft in der Ecke und leidet oder stirbt, aber die Operettendamen haben Wumms, Spaß und ein bissel – wie sagt man? – Eier in der Hose.“

Am Stadttheater Bremerhaven wird die Operette bereits seit Jahrzehnten liebevoll gehegt und gepflegt – sowohl mit geschmackvollen Inszenierungen als auch mit der konzertanten Operettengala, da mit Hartmut Brüsch ein wahrer Kenner des Genres am Haus zu finden ist. Humorvoll und eloquent führte er uns auch diesmal durch die manchmal etwas verwirrenden Handlungen der beiden Operetten, die jeweils mit einem „Best-of“ zu Gehör kamen.

In der ersten Programm-Hälfte wurden wir auf einen illustren Pariser Maskenball entführte. Hartmut Brüsch schwärmte von der wunderbar komponierten und raffiniert arrangierten Ouvertüre zu DER OPERNBALL von Richard Heuberger. Gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven brachte er diese feinnervig differenziert zu Gehör und führte uns so rein musikalisch bereits durch die Höhepunkte der Handlung. Ein tenorales Power-Duo, bestehend aus Weilian Wang und Andrew Irwin, lieferte mit „Man lebt nur einmal in der Welt“ höchst amüsant die fadenscheinige Ausrede, warum man(n) sich einem Tête-à-Tête nicht verweigern sollte.

Im Jahr der Uraufführung galt das Walzerduett „Geh’n wir ins Chambre séparée“ zwischen Sopran und Mezzo (in einer Hosenrolle) als höchst frivol. Nun sind die Mezzo-Partien in der Operette per se äußerst rar: Sopran und Tenor findet man im Überfluss, Mezzos sind da eher Mangelware. Umso schöner, dass uns bei dieser Gala der bekannte Operettenschlager nicht vorenthalten wurde, zumal Victoria Kunze und Boshana Milkov abermals (nach DER ROSENKAVALIER, HÄNSEL UND GRETEL und LE NOZZE DI FIGARO) bewiesen, wie wundervoll ihre Stimmen miteinander harmonieren.


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HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DEM BESPROCHENEN KONZERT SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.

Nach der Pause eröffnete Andrew Irwin die zweite Programm-Hälfte mit einem süffigen „Grüß‘ euch Gott, alle miteinander“ als Titelheld in der Operette DER VOGELHÄNDLER von Carl Zeller – unterstützt von den Damen und Herren vom Opernchor, die unter der versierten Leitung von Edward Mauritius Münch wieder stimmlich bestens aufgelegt waren. Im Duett „Schenkt man sich Rosen in Tirol“ war Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson ihm eine kongeniale Partnerin. Die Arie „Als geblüht der Kirschbaum“ gestaltete sie wunderbar zart und äußerst gefühlvoll.

Weilian Wang behauptete kokett „Mir scheint, ich kenn‘ dich, spröde Fee“, bekam dafür von seiner charmanten Duett-Partnerin Victoria Kunze allerdings nur die kalte aber wohlgeformte Schulter gezeigt. Vorab tauchte Kunze unvermittelt im Zuschauersaal auf, trällerte voller Esprit und Spielfreude den Operetten-Evergreen „Ich bin die Christel von der Post“ und rekrutierte für diese Nummer kurzerhand einen nichtsahnenden Herrn aus dem Publikum, um diesen sinnlich anzuschmachten (Selber schuld: Warum sitze ich auch in der ersten Reihe?! 😆). Den Abschluss dieser rundum gelungenen Gala, die noch mit vielen weiteren traumhaften Melodien gespickt war, bildete der wohlgemeinte Rat an alle Männer „Kämpfe nie mit Frau’n“ – gemeinsam vorgetragen von allen Künstler*innen.

Bestens gelaunt verließ ich das Theater, beschwingt die kurz zuvor gehörten Weisen summend. Hartnäckige Ohrwürmer haben sich nun bei mir eingenistet, geistern durch meinen Kopf und entfleuchen meinen Lippen. Anscheinend bin ich ganz fies vom Operetten-Virus befallen. Hätte ich doch nur folgendes beachtet…

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage
und fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke.


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison eine Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

[Oper] Erich Wolfgang Korngold – DIE TOTE STADT / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Erich Wolfgang Korngold / Libretto vom Paul Schott / frei nach dem Roman Bruges-la-Morte von Georges Rodenbach // in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 2. Mai 2026 / besuchte Vorstellung: 17. Mai 2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Johannes Pölzgutter
KOSTÜME Katharina Heistinger
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Ich warf einen Blick auf die Handlung dieser Oper und fühlte mich direkt an den Film VERTIGO – AUS DEM REICH DER TOTEN aus dem Jahre 1958 erinnert. Sollte sich da etwa Alfred Hitchcock bei Erich Wolfgang Korngold bedient haben, oder liegt beiden Werken etwa dieselbe literarische Vorlage zugrunde? Hitchcock bezieht sich bei seinem Film auf den Krimi D’ENTRE LES MORTS (1954) der Franzosen Pierre Boileau und Thomas Narcejac, während Korngold auf den Roman BRUGES-LA-MORTE des belgischen Schriftstellers Georges Rodenbach verweist, der bereits 1892 erschienen ist.

Doch die Ähnlichkeiten der Handlungen sind so frappierend: Da liegt der Verdacht, dass da irgendjemand von irgendwem geklaut hat, auf der Hand. Das wäre doch mal ein spannendes Forschungsprojekt!


HANDLUNG

1. BILD – DIE OBSESSION. Seit dem Tod seiner Frau Marie lebt Paul zurückgezogen in Brügge. In seinem Haus hat er eine Erinnerungswelt errichtet, eine «Kirche des Gewesenen», in der alles der Verstorbenen geweiht ist. Sein Freund Frank und die Haushälterin Brigitta sorgen sich um ihn. Doch plötzlich scheint Paul verwandelt, als er der Tänzerin Marietta begegnet und glaubt, in ihr Marie wiederzusehen. Gegen Franks Warnungen verliert er sich in der Vorstellung, die Tote könne durch die Lebende zu ihm zurückkehren. In Mariettas Gesang verschwimmen Wunsch und Wirklichkeit zu einem gefährlichen Rausch. // 2. BILD – DER RAUSCH. Getrieben von Sehnsucht und religiösem Schuldbewusstsein sucht Paul Mariettas Nähe, während sein Umfeld zerbricht: Die Haushälterin wendet sich ab, der beste Freund wird zum Rivalen. Als Marietta mit ihrer Theatertruppe erscheint, prallen Pauls morbider Totenkult und die sinnliche, vitale Welt der Bühne gewaltsam aufeinander. Im ausgelassenen Spiel einer Szene aus der Oper Robert der Teufel entlädt sich Pauls Verwirrung. In einem Moment grausamer Klarheit erkennt Paul, dass er in Marietta nur ein Medium sucht. Doch verletzt und fasziniert zugleich, zieht Marietta ihn tiefer in ihren Bann. // 3. BILD – DIE ESKALATION. Nach der gemeinsamen Nacht drängen religiöse Bilder mit neuer Macht auf Paul ein. Während Marietta auf Liebe, Gegenwart und Leben besteht, klammert er sich verzweifelt an die Tote und ihre Heiligkeit. Die Situation gerät außer Kontrolle. Als Marietta das aufbewahrte Haar Maries an sich nimmt und die Verstorbene herausfordert, kippt die Szene. Paul verliert sich. Wirklichkeit und Vision geraten unauflöslich ineinander. Am Ende steht er zwischen den Welten – zwischen einer Frau aus Fleisch und einer Frau seiner Erinnerung, die er um jeden Preis bewahren möchte.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Ob der Entstehungsprozess zur Uraufführung der Oper ebenso spannend war wie die Handlung, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Entstehungsprozess zur aktuellen Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven war hingegen extrem spannend. Vier Tage vor der Premiere erkrankte der Sänger der Hauptpartie: Die Stimmbänder, diese zwei zarten Gewebefalten im Kehlkopf, die durch Schwingungen Töne erzeugen, hatten ihren Dienst quittiert. Die Premiere ausfallen zu lassen oder zu verschieben, waren für die Verantwortlichen am Stadttheater Bremerhaven keine Optionen. Somit war die Not nach einem Ersatz groß, der dann direkt (naja, beinah) vor der eigenen Haustür gefunden wurde. Tenor Michael Müller-Kasztelan von der Oper Kiel ist in Bremerhaven kein Unbekannter und zudem als Einspringer bestens erprobt.

Was ich hier so flapsig lapidar formuliere, soll nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass eine solche Situation nur durch den Mut des beteiligten Künstlers und mit der Unterstützung des gesamten Teams zu meistern ist. Müller-Kasztelan hatte die Partie des PAULs in dieser eher selten gespielten Oper zwar bereits vor vier Jahren gesungen, doch dazwischen lagen viele weitere Partien, die die Erinnerung an DIE TOTE STADT immer weiter in den Hintergrund drängten. Diese Erinnerungen galt es, aus dem Gedächtnis-Archiv zu befreien, und zudem sah er sich nun auch mit einem gänzlich neuen Regie-Konzept konfrontiert. Doch er stellte sich dieser Herausforderung mit Bravour. Sein PAUL trauerte mit jeder Faser seines Körpers: nicht enervierend jammernd sondern eher selbstzerstörerisch leidend, gefangen in einer Schattenwelt, die ihm mehr und mehr zu überrollen drohte. Müller-Kasztelan zeigte diesen psychischen Niedergang seiner Figur auch in seinem stimmlichen Ausdruck: Weniger Belcanto, dafür ließ er seinen mächtigen Charakter-Tenor voluminös erklingen und verdeutlichte die stetig ansteigende Anspannung seiner Bühnenrolle auch mit einer nuancierten Phrasierung. Neben diesen vokalen Ausbrüchen schaffte er es mit kleinen Gesten, z. Bsp. wenn er vorsichtig den Staub von den Bilderrahmen pustet, dass das Publikum mit PAUL fühlte und seine tiefe Trauer nachvollziehen konnte.

Ihm zur Seite stand Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson als MARIETTA, die überzeugend das Verruchte, Verführerische und Manipulative aus dieser Partie herauskitzelte. MARIETTA ist nicht unbedingt eine Sympathieträgerin – steht sie doch in ständiger Konkurrenz zu einer verherrlichten Verstorbenen. Da muss die Sängerin dieser Partie schon eine gehörige Portion Charisma mitbringen, um gegen eine (imaginäre) Heilige zu bestehen. Hoffmann-Thomson bestand und zeigte mit großer Stimme und wandlungsfähigem Spiel die Ambivalenz der Partie. Gemeinsam mit Müller-Kasztelan gefiel sie im gefühlvollen Duett im 1. Akt „Glück, das mir verblieb“ (Hit-Song Nr. 1).

Marcin Hutek veredelte die Doppel-Partie FRANK/FRITZ mit seinem warmen Bariton, bot im 2. Akt eine empfindsame Interpretation der Arie „Mein Sehnen, mein Wähnen“ (Hit-Song Nr. 2) und komplementierte die wunderbar aufeinander eingespielte Gauklertruppe, bestehend aus Victoria Kunze, Paula Meyer, Andrew Irwin und Anton Kononchenko, die gemeinsam so herrlich anarchisch und respektlos die Szenerie belebten und so für die humoristischen Momente in dieser Oper sorgten.

Klein aber fein: Mezzosopranistin Boshana Milkov überzeugte in der kleineren Partie der BRIGITTA und gestaltete diese mit schlichter Würde. Als ich sie im strengen schwarzen Kleid mit weißem Kragen auf der Bühne sah, erinnerte mich dies unwillkürlich an eine Figur aus einem weiteren Hitchcock-Klassiker, der es auch auf die Musiktheater-Bühne geschafft hat: MRS. DANVERS aus REBECCA (Nach MRS. LOVETT vielleicht ihre nächste lohnende Partie im Musical-Fach?).

Erich Wolfgang Korngold ließ bei der farbenreichen und schwelgerischen Partitur von DIE TOTE STADT seine spätere berufliche Tätigkeit (Komponist von Filmmusiken in Hollywood) bereits erahnen, und mit den beiden Hit-Songs konnte er auch seine Liebe zur Operette nicht verhehlen. Marc Niemann dirigierte seine letzte Oper als GMD, gönnte sich zum Abschied „das ganz große Besteck“ und schöpfte mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven aus den Vollen: Da fand er die feine Balance zwischen orchestraler Wucht, dem intensivierenden „Underscoring“ und einem beseelten Klang bei den Arien. Marc Niemann verlässt zum Ende der Saison das Stadttheater Bremerhaven und übernimmt die Aufgaben des Intendanten und Geschäftsführers beim Sendesaal Bremen. Ich wünsche ihm viel Erfolg. 

Regisseur und Bühnenbildner Johannes Pölzgutter schuf ein atmosphärisch dichtes Bühnenbild, das je nach Ausleuchtung und Positionierung bei mir unterschiedliche Assoziationen auslöste. Beinah beklemmend wirkte PAULs Refugium mit den unzähligen auf dem Boden verteilten Bilderrahmen auf mich, die beim Senken der Bühne unweigerlich an Grabsteine erinnerten. Die Totenmaske von MARIE erschien bedrohlich als Projektion. Auch die ständige Anwesenheit vom SCHATTEN VON MARIE (Mareile Melcher-Tönissen) ließ mich frösteln, insbesondere in der Szene, in der der SCHATTEN auf der Oberbühne die Hand hob, um sie PAUL, der sich auf der Unterbühne befand, imaginär auf die Schulter zu legen, und gleichzeitig auf PAULs Schulter eine echte Hand erschien. Es war gruselige und äußerst effektvoll.

Pölzgutter überzeugte mit einem extrem klug durchdachten Regie-Konzept. Die Sänger*innen schienen einem minutiös getakteten Ablauf zu folgen, bei dem Aktion und Reaktion eine sich ständig gegenseitig begünstigende Wechselwirkung eingingen. PAULs psychischen Niedergang empfand ich als so beklemmend, dass ich das Gefühl hatte, ich werde wie im Sog mit in den Abgrund gezogen. So schraubte der Regisseur gekonnt an der Spannung und dehnte diese bis ins Unerträgliche. Erst zum Finale schenkte er uns eine befreiende und alle Unklarheiten beseitigende Auflösung – ganz genau so, wie ich es von einem gut konzipierten Thriller gewohnt war.  Der „Master of Suspence“ wäre sicherlich mit seiner Arbeit zufrieden gewesen.


ANMERKUNG In einigen Zeitungsberichten zur Produktion wurde betont, wie bedauerlich es ist, dass Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson nach nur einer Spielzeit das Stadttheater Bremerhaven bereits wieder verlässt. Auch ich bedaure es. Doch ich gebe auch ehrlich zu, dass mich dieser Umstand (da dies seit Anfang der Spielzeit bekannt) weit weniger berührte, als die Nachricht, dass zwei langjährige Ensemble-Mitglieder das Theater verlassen werden. Nach meinem Kenntnisstand wurde darüber in der Presse kein Wort verloren. Bariton Marcin Hutek und Tenor Andrew Irwin verabschieden sich nach sechs bzw. fünf Jahren vom Haus. Ich hatte als Zuschauer das große Glück, sie in ihrer künstlerischen Entwicklung begleiten (vielmehr beobachten) zu dürfen. Beide haben ihre jeweiligen Partien – unabhängig vom Umfang – mit Professionalität, Feingefühl und Herzblut lebendig werden lassen. Es war mir immer eine Freude, sie auf der Bühne erleben zu dürfen.

Jungs, ich schätze euch als Künstler sehr, danke euch für die tollen Jahre in Bremerhaven und wünsche euch für die Zukunft von Herzen alles Gute! 💜


Dramatische Einblicke in die Proben vor der Premiere von DIE TOTE STADT gewährt uns die NORDSEE-ZEITUNG.

Ein lesenswertes Interview mit Tenor Michael Müller-Kasztelan gibt es auf DER OPERNFREUND zu entdecken.


Eile ist geboten: Der Opern-Thriller DIE TOTE STADT steht nur noch an wenigen Tagen im Mai auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. 

[Oper] Giuseppe Verdi – LA TRAVIATA / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Giuseppe Verdi / Libretto vom Francesco Maria Piave / nach dem Roman Die Kameliendame von Alexandre Dumas d.J. // in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 14. März 2026 / besuchte Vorstellungen: 14. März 2026 & 23. Mai 2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG Katharina Kastening
BÜHNE & KOSTÜME Matthias Kronfuss
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Daniel Lang

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
MITARBEIT KOSTÜM Edin Spahic
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Es war der 6. März 1853 als sich im Teatro La Fenice in Venedig der Vorhang zur Uraufführung von LA TRAVIATA hob. Die Begeisterung der Zuschauer*innen hielt sich in überschaubaren Grenzen. Da wagte es dieser Verdi doch tatsächlich das Leben einer Prostituierten, die zudem auch noch mitten auf der Bühne an Schwindsucht stirbt, auf die Bretter zu stellen. Die Hautevolee von Venedig war empört. Doch was waren die Gründe für diesen Aufruhr? Ich wage zu spekulieren. Wahrscheinlich hatte das auf der Bühne gezeigte viel zu viel mit der Realität der Zuschauenden zu tun: Entweder saßen im Publikum Männer, die selber sich den Luxus einer Mätresse gönnten, und deren anwesende Gattinnen sicherlich nicht an diese Schmach erinnert werden wollten, oder es waren eben jene Damen des entsprechenden Gewerbes zugegen, die zwar stillschweigend geduldet wurden, aber nun befürchteten, dass ihr Berufsstand durch die Oper zu viel Aufmerksamkeit erfährt. Denn schließlich funktionierten besagte Arrangements nur dank strikter Diskretion.

173 Jahre später und ca. 1.000 km (Luftlinie) nördlicher hob sich abermals der Vorhang zu einer Premiere von LA TRAVIATA und löste schlussendlich auch hier beim Publikum einen kleinen Tumult aus. Allerdings erzürnte sich hier niemand über das auf der Bühne Gezeigte. Bremerhaven an der Weser blickt auf eine so facettenreiche Geschichte der Seefahrt, da gehören die „leichten Mädels“ zum Flair einer anständigen Hafenstadt einfach dazu. Vielmehr wurden diesmal die künstlerischen Leistungen der beteiligten Künstler*innen mit viel Jubel gefeiert – einem Jubel, dem ich mich nur allzu gerne anschloss, auch wenn einige Fragen für mich unbeantwortet blieben.


HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.

HANDLUNG

1. AKT Violetta Valéry arbeitet in einem Edel-Escort-Club. Sie ist schwer krank, nimmt aber weiter an den berüchtigten Feiern ihrer Freundin Flora Bervoix teil. Dort gesteht der Charmeur Alfredo Germont ihr seine Liebe. Sie gibt ihm eine Kamelie und bittet ihn, zurückzukommen, sobald die Blume verblüht ist. Die Gäste verabschieden sich. Die beiden kommen sich näher. Doch Violetta spürt schon den Tod im Nacken. // 2. AKT Wenige Monate später leben die beiden zusammen. Violetta hat ihr Leben als Escort-Dame aufgegeben. Doch Alfredos Vater sieht den guten Ruf seiner Familie und die Verlobung seiner Tochter gefährdet. Die beiden sollen sich trennen. Schweren Herzens gibt Violetta nach – wissend, dass ihr sowieso nicht mehr viel Zeit bleibt. Sie schreibt Alfredo einen Brief, ihr früheres Leben wiederaufnehmen zu wollen. Alfredo findet sie auf einer Feier von Flora wieder – zusammen mit Barone Douphol, den sie schon länger kennt. Alfredo wird wütend. Zum Ärger der Gäste und seines Vaters stellt er Violetta bloß. Der Barone fordert Alfredo zum Duell. // 3. AKT Violetta liegt im Sterben. Als Escort-Dame kann sie schon lange nicht mehr arbeiten, ihren Besitz musste sie aufgeben. Alfredo hat das Duell überlebt und sucht Violetta reumütig auf, um sich zu entschuldigen. Auch sein Vater fühlt sich schuldig, den beiden so viel Leiden bereitet zu haben. Noch einmal zieht Violettas Leben an ihr vorbei. War alles nur ein Traum? 

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Das Stadttheater Bremerhaven bietet jungen Regisseur*innen immer wieder gerne die Möglichkeit, ihre Profession zu verfeinern und sich weitere Sporen zu verdienen. Für LA TRAVIATA warf Katharina Kastening einen frischen Blick auf die bekannte Geschichte, fand einige bemerkenswerte Neuinterpretationen und versetzte die Handlung ins Heute: VIOLETTA ist auf ihrer Flucht vor dem Krieg in der Ukraine mit ihren beiden Kindern in Paris gestrandet. Der Vater ihrer Kinder ist an der Kriegsfront ums Leben gekommen. VIOLETTAs Handlungen erhielten dadurch eine gänzlich andere Motivation. Diese Hintergrundinformationen erfuhren wir in den Krankenhaus-Szenen dank der gelungenen Videoeinspielungen. Der Chor war nicht nur „schmückendes Beiwerk“, sondern wurde bei Kastening zur machtvollen Einheit, zur dunklen Bedrohung, zum nahenden Tod, der VIOLETTA stets auf den Fersen war, und dem sie nicht entkommen konnte. Als der Tod unausweichlich schien, ließ die Regisseurin die Kulissen der vorangegangenen Szenen abermals vom Schnürboden schweben, beinah so als würde sich vor VIOLETTAs inneren Augen ihr Leben wie im Film zum letzten Mal abspulen.

Katharina Kastening ließ sich von Matthias Kronfuss, der gemeinsam mit Edvin Spahic auch die stimmigen Kostüme schuf, ein Bühnenbild entwerfen, das sehr viel fürs Auge bot und mich durch seinen Realismus zum Staunen brachte: vom noblen Nachtclub im samtenen Rot und dem stylische Loft von FLORA über die sanierungsbedürftige Altbauwohnung von VIOLETTA und ALFREDO und dem sterilen Krankenhausflur. Doch leider konnten mich die Szenen im Nachtclub und im Loft wenig berühren: Hier schien die Optik den Emotionen im Weg zu stehen und diese zu überdecken bzw. zu erdrücken. Aber vielleicht war genau dies die Intention der Regisseurin, die VIOLETTA und ihre Hostessen-Kolleginnen in einem uniformierten Style auftreten ließ: Individualität überfordert die Kundschaft, gewollt ist der gefällige Einheits-Look – beinah so als würde ich mir die aufgepimpten Accounts so mancher Influencerinnen anschauen. Erst als VIOLETTA ihre helmartige Perücke abstriff, erschien ein echter Mensch unter dieser Maskerade.

Da wundert es nicht, dass mich die intimeren Szenen in der Altbauwohnung und auf dem Krankenhausflur umso mehr berührten. Hier schuf Kastening für ihre Figuren Spielräume, in denen sie ganz privat sein konnten, und wo es ihnen ein Verstecken hinter Masken und Konventionen unmöglich machte. Klug war es, dem Publikum stets eine Möglichkeit zu bieten, um hinter die Kulisse, hinter die Fassade zu blicken. Denn hier auf einer eigenen Tribüne mit bestem Blick auf das Geschehen lauerte der Tod in Form des Chores und wartete auf die Gelegenheit, um zuzuschlagen.

Die Sänger*innen des Opernchores sowie des Extra-Chores boten unter der versierten Leitung von Edward Mauritius Münch nicht nur eine gesanglich runde Leistung, sondern waren individuell schwarz gewandet und mit wächsernen Gesichtern als stets präsenter Tod sehr bedrohlich. Marc Niemann entlockte dem Philharmonischen Orchester eine detailreiche Interpretation von Verdis Kompositionen – einerseits voller Klangfülle, dann wieder sehr klar und feinnervig differenziert.

Vielleicht war dieser Bruch zwischen den beiden Lebenswelten auch der Grund, dass Timothy Edlin, Andrew Irwin, Masahiro Yamada und James Bobby als spendable Kunden auf FLORAs Partys in plakative Stereotypen verharren mussten und so in ihrer Darstellung der Figuren nur hohle Klischees bedienten. Im Gegenteil dazu stellte Paula Meyer (Neuzugang im Opernchor) als ANNINA eine Figur auf die Bühne, die atmete und so ehrliche Emotionen vermittelte. Boshana Milkov konnte bei den wenigen Phrasen, die sie als FLORA BERVOIX solistisch zu leisten hatte, leider nur wenig von ihrem Gesangstalent zeigen, glich dies mit einer immensen Bühnenpräsenz aus und bot in den sensationellen Kostümen rassig-mondäne Auftritte.

Weilian Wang zeigte optisch einen markigen ALFREDO GERMONT und sang die Partie mit tenoraler Kraft, dann wieder zart und mit fein-nuancierter Phrasierung. Leider konnte (evtl. auch: sollte) er mit seiner Interpretation nicht gänzlich meine Sympathie gewinnen. Auf mich wirkte er wie ein verwöhnter Schnösel, bei dem ich mir seiner Beweggründe nie völlig sicher war: Litt er wahrhaftig mit VIOLETTA, oder war es eher Selbstmitleid gepaart mit gekränkter Eitelkeit? Umso sicherer galt meine Sympathie dem GIORGIO GERMONT von Marcin Hutek, der weniger als der alles beherrschende Patriarch auftrat, als vielmehr der liebende Vater, der um das Wohl seiner Familie besorgt war und dem es das Herz bricht, dass er zum Wohle seiner Tochter einer anderen jungen Frau das Glück verwehrte. Seinen warmen, noblen Bariton paarte Hutek mit einem gefühlvollen und nuancenreichen Spiel und war so für Victoria Kunzes VIOLETTA ein viel intimerer Gegenpart als ALFREDO. Vielleicht hatte die Regisseurin aber auch hier bewusst die tradierten Rollenbilder von Vater und Sohn umgekehrt, um neue Blickwinkel auf die Partien zu ermöglichen.

Hatte ich am Abend der ERÖFFNUNGSGALA nach dem Vortrag der Arie „Libiamo, ne´lieti calici“ noch die Befürchtung, dass bei dieser LA TRAVIATA der eher lyrische Sopran von Victoria Kunze durch den potenten Tenor von Weilian Wang überdeckt werden würde, so zeigte sie nun mit einer bewundernswerten Sicherheit die Fülle ihrer Stimme, ohne an Flexibilität und lyrischer Ausdruckskraft einzubüßen. Da stimmten die großen Gesangslinien ebenso wie die anspruchsvollen Koloraturen. Kompromisslos schlüpfte sie in die Haut von VIOLETTA VALÉRY. Auch sie ließ ihre Figur atmen und verschaffte ihr so Substanz und emotionale Tiefe. Manchmal genügte nur eine kleine Geste oder auch ein Blick, um die Tragik zu offenbaren. Und gerade diese kleinen Gesten und Blicke, die auf der großen Bühne allzu oft übersehen werden, waren es, die umso mehr mein Herz rührten und mich mit dieser starken Frau mitleiden ließen. Victoria Kunzes Rollendebüt als VIOLETTA VALÉRY war absolut grandios! BRAVISSIMO!

Ja, durchaus, bei dieser Inszenierung blieben einige Fragen für mich unbeantwortet. Tja, dann muss ich mich wohl oder übel ein weiteres Mal auf den Weg nach Bremerhaven machen, um Antworten auf diese unbeantworteten Fragen zu erhalten. Nicht nur VIOLETTA ist zu einem Opfer bereit! 😉


Wer erfahren möchte, wie „glamourös“ das Leben einer Diva neben und hinter der Bühne ist, der kann Sopranistin Victoria Kunze gerne dabei über die Schulter schauen.

Zusätzliche Eindrücke vom Bühnenbild erhaltet ihr hier.


Selten wird auf der Bühne so herzzerreißend gelitten wie in der beliebten Verdi-Oper: Insgesamt nur 8 Mal steht LA TRAVIATA auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Also: hurtig Karten ordern!

[Musical] Stephen Sondheim – SWEENEY TODD / Stadttheater Bremerhaven

Musik und Gesangstexte von Stephen Sondheim / Buch von Hugh Wheeler / nach dem gleichnamigen Stück „Sweeney Todd – The Demon Barber Of The Fleet Street“ von Christopher Bond / Orchestrierung von Jonathan Tunick / deutsche Fassung von Wilfried Steiner und Roman Hinze  // in deutscher Sprache

Premiere: 31. Januar 2026 / besuchte Vorstellungen: 31.01.2026, 07.03.2026 & 18.04.2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Davide Perniceni / Tonio Shiga (07.03. & 18.04.)
INSZENIERUNG Toni Burkhardt
BÜHNE Wolfgang kurima Rauschning
KOSTÜME Adriana Mortelliti
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Daniel Lang

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
THEATERPÄDAGOGIK Katharina Dürr
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Es war der Montag vor der Premiere. Die Kostprobe zu SWEENEY TODD war vorüber: Über 2 Stunden boten uns das Produktionsteam und das Ensemble einen informativen wie kurzweiligen Einblick ins Werk. Vollbepackt mit Eindrücken begaben wir uns Richtung Ausgang, als eine Stimme vor mir mich aufhorchen ließ. Ich erblickte ein typisches Paar des Bildungsbürgertums: Während er raumgreifend und unüberhörbar palaverte, hing sie an seinen Lippen und ließ sich von ihm die Welt erklären. So nölte er recht lautstark, dass diese Musik „typisches Musical-Pling-Pling“ sei und somit wenig anspruchsvoll wäre. Komisch, mir persönlich erschienen bisher die Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart immer gefälliger und zugänglicher als die von Stephen Sondheim. Doch leider (!) firmiert sich SWEENEY TODD unter der Rubrik „Musical“. Stände auf dem Etikett „zeitgenössische Oper“, dann hätte er wahrscheinlich die innovative Komposition über alle Maßen gelobt. So pflegte er hingebungsvoll seinen Standesdünkel und suhlte sich genüsslich in einer fragwürdigen Gewissheit, dass er ein Kenner der Materie sei. Er wäre nicht der Erste (und leider auch nicht der Letzte), der aufgrund einer vorgefassten wie unumstößlichen Meinung einen spannenden Theaterabend verpassen würde. Bleibt ihm nur zu wünschen, dass er aufgrund der enganliegenden Scheuklappen nicht ins Straucheln gerät.

Apropos Spannung: Der Tag der Premiere war da! Wir saßen fiebernd vor Spannung im Zuschauersaal und schraken zusammen als aus dem Orchestergraben die ersten dunklen, unheilvollen Töne der Orgel, die die Ouvertüre einleitete, erklangen. Das tückische Spiel um Liebe, Leid, Wahnsinn und Rache konnte beginnen. Ein geläufiges Sprichwort lautet „Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.“ und bedeutet, dass Rache genussvoller ist, wenn sie weniger impulsiv sondern vielmehr wohlüberlegt und mit Bedacht ausgeführt wird. SWEENEY TODD bildet da die Ausnahme: Hier wird die Rache heiß serviert, so heiß wie Mrs. Lovetts Pasteten – frisch und dampfend direkt aus dem Ofen…


HANDLUNG

VORGESCHICHTE Der Barbier Benjamin Barker führte einst ein glückliches Leben mit seiner Frau Lucy und der gemeinsamen Tochter Johanna, bis Richter Turpin ihn unschuldig nach Australien verbannen ließ. Turpin missbrauchte Lucy und nahm Johanna als Mündel bei sich auf. Barker verschwand. Sein Glück blieb zerstört zurück. // 1. AKT Fünfzehn Jahre später kehrt Barker unter dem Namen Sweeney Todd nach London zurück – begleitet vom jungen Seefahrer Anthony Hope. Von Rache getrieben, sucht Sweeney seine alte Heimat auf und trifft auf Mrs. Lovett, die Besitzerin eines heruntergekommenen Pastetenladens. In ihren Räumen nimmt er sein früheres Handwerk als Barbier wieder auf. Eine geheimnisvolle Bettlerin scheint mehr zu wissen, als gut ist. Anthony verliebt sich in Johanna und fasst den Entschluss, sie aus Turpins Gewalt zu befreien. Sweeney und Mrs. Lovett begegnen dem selbsternannten Wunderbarbier Adolfo Pirelli und dessen Gehilfen Tobias Ragg. Ein öffentlicher Wettstreit entscheidet über Können und Ruhm. Sweeney gewinnt. Doch Pirelli will ihn erpressen. Ein fataler Fehler: Sweeney bringt ihn um. Kurz darauf steht ausgerechnet Richter Turpin vor seiner Tür. Die Rache ist greifbar nah. Doch Anthony platzt dazwischen, Turpin entkommt. Außer sich vor Wut fasst Sweeney einen mörderischen Entschluss: Von nun an soll kein Kunde seinen Laden lebend verlassen. Mrs. Lovett liefert die pragmatische Idee zur Verwertung der Leichen: als Pasteten. // 2. AKT Mrs. Lovetts Geschäft floriert. Sie träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit Sweeney. Johannas Situation hingegen verschlimmert sich dramatisch: Weil sie Turpin die Ehe verweigert, wird sie in eine Irrenanstalt gesperrt. Sweeney und Anthony planen ihre Befreiung und nutzen Johanna zugleich als Köder. Turpins Ende scheint besiegelt. Doch Rache fordert ihren Preis.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Regisseur-Tausendsassa Toni Burkhardt brachte die Drehbühne zum Rotieren. Filmische Abläufe, in denen sich Szene an Szene reiht und so die Handlung im stetigen Fluss bleibt, sind anscheinend sein Markenzeichen und bei einem Werk wie SWEENEY TODD auch unabdingbar – zumal einige Szenen sich parallel zueinander abspielen. Er vermied wohltuend allzu Plakatives, Klamaukhaftes bzw. Burlesques. Seine Personenzeichnung war präzise, seine Figuren durften ambivalent sein, ihre Intentionen waren glaubhaft und nachvollziehbar. Fein steigerte er die Emotionalität seiner Inszenierung und dehnte Millimeter für Millimeter den Faden der Spannung, bis es beinah für uns als Zuschauende unerträglich erschien.

Bühnenbildner Wolfgang kurima Rauschning schuf auf der Drehbühne ein verschachteltes wie wohldurchdachtes Konstrukt über mehrere Ebenen, mit dem je nach Grad der Drehung bzw. durch die effektvolle Ausleuchtung immer wieder neue Spielräume geschaffen wurden. Stimmungsvolle Hintergrundprojektionen vervollständigen diesen Look. Adriana Mortelliti zitierte in ihren Kostümentwürfen den beliebten Steampunk und schlug so einen gelungenen Bogen von der viktorianischen Epoche zur modernen industriellen Zeit. Zudem passte dieser Stil ganz hervorragend zur dystopischen Grundstimmung dieses Werks, aus dessen Dunkel Mortelliti die Kostüme von Mrs. Lovett (pink-orange, blutrot) und Johanna (weiß, hellblau) zueinander konträr leuchten ließ und so bereits optisch Rückschlüsse auf den Charakter der jeweiligen Figur ermöglichte.

Die anspruchsvolle Partitur von Stephen Sondheim war beim musikalischen Leiter Davide Perniceni und dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven in den allerbesten Händen. Differenziert und fein nuanciert kamen Balladen und Duette zu Gehör, um dann mit dem nötigen Druck die Chorpassagen voluminös zu umrahmen.

Die Sänger*innen des Chores am Stadttheater Bremerhaven (Leitung: Edward Mauritius Münch) boten wieder Erlesenes: Beeindruckend kraftvoll in den Ensemble-Passagen, dann wieder reduziert wie ein griechischer Chor der Antike, der das Geschehen reflektiert und das Handeln der Solist*innen kommentiert.

Gustavo Oliva schlüpfte höchst amüsant in die Schuhe des Quacksalbers ADOLFO PIRELLI. Róbert Tóth gab einen diabolischen MR. FOGG. Der BÜTTEL BAMFORD von MacKenzie Gallinger war einerseits ekelerregend schmierig, zeigte andererseits komische Attitüden. Iris Wemme-Baranowski bot als BETTLERIN eine ergreifende Performance zwischen Wahnsinn und Wut, zwischen Mitleid und Abscheu.

Nuno Dehmel porträtierte TOBIAS RAGG als unbedarften, jungen Mann, der aufgrund seiner kognitiven Einschränkung manches nicht versteht aber dafür sensibler auf Zwischenmenschliches reagiert. Den Song  „Not While I’m Around“ gestaltete er mit schlichter Würde. Timothy Edlin lieferte als RICHTER TURPIN mit seinem dunklen Bass und einem nuancierten Spiel eine beängstigend abstoßende Charakterstudie eines Machtmenschen, der eben jene Macht wie selbstverständlich missbrauchte und sich von seinen Trieben leiten lässt.

Als JOHANNA BARKER wirkte Caroline Hat ebenso zerbrechlich und zwitscherte ebenso zart wie die Vögelchen, mit denen sie sich beschäftigte, zeigte sich allerdings als mutige und charakterfeste junge Frau. Im Laufe seines Engagements am Stadttheater Bremerhaven hat Andrew Irwin sich zu einem exzellenten Liedinterpreten entwickelt. Als ANTHONY HOPE zeigte er abermals sein Können u.a. bei „Johanna“, das er mit feinen Nuancen und höchst sensibel intonierte.

In der Vergangenheit gewann ich den Eindruck, dass die Partie der MRS. LOVETT gerne unterschätzt wird. Viele haben da die Filmfassung mit Helena Bonham Carter in Erinnerung, die eher haucht als singt. Auf der Bühne schlüpften gerne prominente Schauspielerinnen (Christine Baranski, Emma Thompson, Imelda Staunton) in die Rolle, die alle aus ihrer reichhaltigen Expertise schöpften und ihr so ihren persönlichen Stempel aufdrückten. Dabei wurde allerdings mal mehr, mal weniger dem Sprechgesang gehuldigt. Wobei für mich von allen MRS. LOVETTs, die ich bisher auf Tonträger hören durfte, die wunderbare Angela Lansbury unerreicht ist. Die Partie ist sehr schnell, und es gibt viele Wechsel in der Betonung. Da ist es unumgänglich, dass die Darstellerin genauestens vorbereitet sein muss, um höchst präzise arbeiten zu können.

In Bremerhaven band sich nun Mezzosopranistin Boshana Milkov die Schürze der geschäftstüchtigen Pastetenbäckerin um und meisterte diese musikalisch wie technisch herausfordernde Partie bravourös. Dabei zeigte sie allein aufgrund ihres jungen Alters eine gänzlich neue Facette dieser Rolle. Beinah mädchenhaft naiv ließ Milkov ihre MRS. LOVETT sich in eben jene Jungmädchenträume verlieren. Da sehnte sie sich nach Zweisamkeit, Zärtlichkeit, Familie und dem eigenen Kind. All dies hatte das Objekt ihrer Begierde SWEENEY TODD in der Vergangenheit bereits besessen (Verständlich, dass sie alles, was ihn an diese Vergangenheit erinnerte, auf Abstand hielt.). Sie war so voller Sehnsucht, da schien ihr auf dem Weg zum Ziel jedes Mittel recht. Gekonnt switchte Milkov zwischen den Extremen. Da war sie einerseits die mütterliche Freundin für TOBIAS RAGG, andererseits die durchtriebene Mord-Komplizin unseres Titelhelden, den sie mit üppiger Erotik für sich zu gewinnen versuchte: Da vibrierte die Stimme, da bebte der Busen. Wie bisher ihre Pasteten an die Kundschaft, bot sie nun sich selbst dem Manne feil. Zudem war es ein Genuss, in dieser Rolle endlich einer Darstellerin zu lauschen, die auch tatsächlich singen kann.

Den Song „A Little Priest“, in dem sich MRS. LOVETT gemeinsam mit SWEENEY TODD fragt, wie wohl welche Berufsgruppe schmecken könnte, gestaltete Boshana Milkov gemeinsam mit Frank Josef Winkels so köstlich boshaft und triefend vor schwarzem Humor. Frank Josef Winkels ließ seinen markanten Bariton im gleichen Maße gefährlich brummend wie auch warm einlullend erklingen. Sein SWEENEY TODD war nicht der kalte Rächer sondern zeigte auch sehr viel Menschlichkeit und Humor: Da umspielte ein Lächeln seine Lippen und ein schelmischer Blick blitzte aus seinen Augen. Beinah beiläufig ließ er die Morde an sich abgleiten, dabei wirkte er weniger emotionslos als vielmehr erschöpft von der Welt – durch das, was er im Leben erdulden musste. Frank Josef Winkels stattete seinen SWEENEY TODD mit einer wohldosierten Aura der Melancholie aus, die auch bei seiner Interpretation der Songs zum Tragen kam, wie z. Bsp. beim Reprise von „Johanna“ als Quartett im 2. Akt (Gänsehaut!). Doch dann brachen wie bei „Epiphany“ die Emotionen wieder mit einer solchen Macht aus ihm heraus, dass er zwangsläufig ein Feld der Verwüstung hinterließ. Winkels bot ein absolut rundes Rollenprofil zwischen Bad Guy und geschundener Kreatur.

Standing Ovation mit Johlen, Pfeifen und Bravo-Rufe sowie einem Applaus, der mich in die Nähe eines Erschöpfungszustands brachte: Es war einer jener wunderbaren Theaterabende, die nachhallen und so lange in Erinnerung bleiben. Das Stadttheater Bremerhaven hatte es wieder einmal geschafft, spannendes Musiktheater auf hohem Niveau zu präsentieren!


Nachtrag zum 7. März 2026: Da hatte die Grippe auch mich gefordert und mich schweren Herzens gezwungen, die geplante Abo-Vorstellung am 1. März auszusetzen. Ich hatte es so sehr bedauert, dass ich nicht widerstehen konnte und sechs Tage später für die Vorstellung an diesem Tag eine der letzten Karten ergatterte. So saß ich voller Vorfreude bereits auf meinem Platz im Zuschauersaal, als ich mich nochmals erheben musste, um einen Herren durchzulassen, der direkt neben mir Platz nahm. Ich grübelte noch, woher mir sein Gesicht so bekannt vorkam, als er Notiz-Block und Kugelschreiber zückte und begann, die ersten Stichworte zu notieren. Neben mir saß Kai Wulfes, Redakteur vom Online-Portal MUSICALZENTRALE. Bereits in der vergangenen Saison saßen wir am selben Tag in einer Vorstellung von MY FAIR LADY. Damals holte er nach seinem Besuch zu einem so handfesten Verriss aus, dass ich mich ernsthaft fragte, ob wir beide tatsächlich dieselbe Vorstellung gesehen hatten. Mir hatte die Inszenierung ausgesprochen gut gefallen. Nun saß er direkt neben mir, und ich überlegte kurz, ob ich mich als „Kollege“ zu erkennen geben sollte. Doch ich entschied mich, lieber dezent im Hintergrund zu bleiben. Stattdessen brüllte ich ihm meine Bravo-Rufe so laut in die Ohren, dass sicherlich seine Trommelfelle vibrierten. Sein Kurz-Fazit, das er noch am selben Abend veröffentlichte, war schon sensationell. Doch seine Rezension zu SWEENEY TODD war absolut grandios.

Lieber Herr Wulfes, herzlichen Dank für diese wundervolle Kritik. Da verzeihe ich ihnen auch gerne den Verriss zu MY FAIR LADY. ☺️


Am Stadttheater Bremerhaven bieten der rachsüchtige SWEENEY TODD und seine durchtriebenen Komplizin Mrs. Lovett noch bis April 2026 „die schlechtesten Pasteten in London“ feil. Von einer Verkostung wird dringend abgeraten! 😆

[Konzert] Adventskonzert MERRY CHRISTMAS / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy, Georg Friedrich Händel, Tom A. Kennedy, César Franck, Morten Lauridsen, Johann Sebastian Bach, Gustav Holst, Georges Bizet, Jesse Edgar Middleton, James Bobby, John Williams sowie traditionelle Weihnachtslieder

Premiere: 30. November 2025/ besuchtes Konzert: 27. Dezember 2025

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


DIRIGENT & MODERATION Hartmut Brüsch 
CHOR Edward Mauritius Münch
SOLIST:INNEN  Meredith Hoffmann-Thomson, Boshana Milkov, Weilian Wang, Timothy Edlin

Opernchor des Stadttheaters Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Kinderchor des Stadttheaters Bremerhaven
Kinder- und Jugendchöre der Musikschule Geestland

ORGANISATION & STIMMBILDUNG KINDERCHOR Katharina Diegritz
EINSTUDIERUNG KINDER- UND JUGENDCHÖRE DER MUSIKSCHULE GEESTLAND Gabriele Brüsch


An den Tagen zwischen den Feiertagen habe ich in jedem Jahr erneut das Gefühl, als würde sich die Welt langsamer drehen, so als würde sie – nur für diese wenigen Tage – ausgebremst werden. Natürlich ist mir bewusst, dass dies leider nicht der Fall ist: Die Welt dreht und dreht und dreht sich unbeirrbar, und irgendwo auf ihr passieren ungeheure Ungerechtigkeit – auch jetzt in diesem Moment, in dieser Sekunde.

Doch ich brauche am Ende eines ereignisreichen Jahres diese kurze Zeitspanne so sehr, um atmen zu können, zur Ruhe zu kommen und auch um zu träumen. Die Wochen vor Weihnachten brachten mir noch eine gehörige Portion Aufregung und sorgten so für reichlich Verwirrung. Doch nun waren alle Unsicherheiten beseitigt, und auch die vor-weihnachtliche Hektik war von mir abgefallen. Entsprechend entspannt machte ich mich auf den Weg in Richtung Bremerhaven, um einen Tag nach Weihnachten beim Adventskonzert MERRY CHRISTMAS die besinnliche Zeit nochmals „nachzuschmecken“. Der Weihnachtsmarkt in der Seestadt dauert traditionell bis zum 30. Dezember an, und so drehte sich auf dem Theodor-Heuss-Platz vor dem Theater immer noch das bunt beleuchtete Riesenrad. Von den geschmückten Buden wehten köstliche Düfte zu mir herüber: Bratwürstchen und Churros munden auch nach Weihnachten gar köstlich!

Nachdem der Leib im ausreichenden Maße gefüttert wurde, waren nun Herz und Hirn an der Reihe, um genussvoll gesättigt zu werden. Magnetisch zog mich das warme Licht durch die geöffneten Türen ins Innere des Theaters, wo zahlreiche Weihnachtsbäume und Lichterketten für ein festliches Ambiente sorgten. Auf der stimmungsvoll dekorierten Bühne hatten bereits vereinzelt Musiker*innen des Philharmonischen Orchester Platz genommen, um an ihren Instrumenten die eine oder andere tückische Passage nochmals zu üben.

Peu à peu füllte sich das Orchesterpodium. Das Licht im Zuschauersaal wurde gedimmt, und unter Applaus betrat der musikalische Leiter Hartmut Brüsch mit den Sänger*innen des Opernchors die Bühne, um gemeinsam das Konzert mit „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von Felix Mendelsohn Bartholdy musikalisch prachtvoll zu eröffnen. Hartmut Brüsch erwies sich abermals als versierter Moderator, der es verstand, Wissen so leicht und humorvoll zu vermitteln, das wir im Publikum kaum wahrnahmen, dass wir etwas lernten.


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Das Programm führte uns durch 400 Jahre Musikgeschichte (vom Barock über die Romantik zu zeitgenössischen Werken), ließ uns musikalisch – neben Deutschland – auch Länder wie England, USA, Kanada und Frankreich bereisen und war so imposant gefüllt mit so vielen bemerkenswerten Momenten, dass es mir unmöglich ist, die mitwirkenden Künstler*innen für alle ihrer Darbietungen gebührend zu würdigen.

Boshana Milkovs samtener Mezzo umschmeichelte mit feiner Koloratur insbesondere die Oboe bei „Bereite dich, Zion“ aus WEIHNACHTSORATORIUM von Johann Sebastian Bach. Weilian Wangs schön timbrierter Tenor schien bei „Panis Angelicus“ von César Franck mit dem Klang des Orchesters zu verschmelzen. Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson entzückte mit einem zauberhaft beseelten „In the Bleak Midwinter“ von Gustav Holst. Timothy Edlin gestaltete mit seinem warmen Bass äußerst gefühlvoll „O little Town of Bethlehem“ und bot so dem nachfolgenden Kinderchor einen wunderbaren Einstieg in seinen ersten Auftritt.

Der Kinderchor setzte sich aus dem Kinderchor des Stadttheaters Bremerhaven (Einstudierung: Edward Mauritius Münch und Katharina Diegritz) und den Kinder- und Jugendchören der Musikschule Geestland (Einstudierung: Gabriele Brüsch) zusammen, der die englischen Carols ebenso entzückend zu Gehör brachte wie zu einem späteren Zeitpunkt die deutschen traditionellen Weihnachtslieder. Manche Kinder und Jugendlichen waren so hochkonzentriert bei der Sache, dass ihnen vor Aufregung der Text entfiel. Ich erkannte es an ihrem leicht verschreckten Gesichtsausdruck, was mir ein verständnisvolles Schmunzeln entlockte. Zumal sie bravourös auch anspruchsvolle Chorpartien meisterten, so das älteste kanadische Weihnachtslied „The Huron Carol“ von Jesse Edgar Middleton, das sie gemeinsam mit dem Opernchor a cappella vortrugen.

Auch das mystisch-sphärische „O Magnum Mysterium“ von Morten Lauridsen erklang stimmgewaltig a cappella durch den Opernchor. Beim würdigen Finale mit „Merry Christmas“ aus KEVIN ALLEIN IN NEW YORK von John Williams verband sich die orchestrale Kraft des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven mit dem brillanten Gesang der Sänger*innen des exzellenten Opernchors.

Traditionell endete auch dieses ADVENTSKONZERT mit einem fulminanten Chor – bestehend aus Solist*innen, Opern- und Kinderchor sowie den 685 Zuschauer*innen – im gänzlich ausverkauften Großen Haus des Stadttheaters Bremerhaven. Mit „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „Dat Joahr geiht to End“ endete ein so beglückendes Konzert, das mich beseelt nach Hause fahren ließ und einen versöhnlichen Abschluss für dieses herausfordernde Jahr bildete.

„Du denkst still bi di: Wedder een Joahr vorbi,
un wat wür, wür dat schlecht oder good?“

Ich sende ein großes Dankeschön an alle, die dieses wunderbare Konzert möglich gemacht haben: Euch ist es zu verdanken, dass ich nun zuversichtlicher in mein persönliches Neues Jahr 2026 blicke!


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr!

[Operette] Emmerich Kálmán – DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Emmerich Kálmán / Libretto vom Leo Stein und Béla Jenbach // in deutscher Sprache

Premiere: 8. November 2025 / besuchte Vorstellungen:  08.11.2025, 21.12.2025 & 12.04.2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Hartmut Brüsch / Edward Mauritius Münch (12.04.)
INSZENIERUNG Sebastian Kranner
BÜHNE & KOSTÜME Anna Kreinecker
CHOREOGRAFIE Katharina Glas
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
ASSISTENZ KOSTÜME & BÜHNE Elisabeth Pscheidl
DANCE CAPTAIN Melissa Panetta, Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Regina Wittmar
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Hach! Es ist manchmal so wohltuend, sich dem Schmalz hinzugeben und in eine Phantasie-Welt abzutauchen, wo die Probleme überschaubar sind und sich die Liebenden nach einigen unterhaltsamen Irrungen und Wirrungen schlussendlich in die Arme fallen. Happy End! Welches Genre wäre da besser geeignet als die gute alte, oftmals schon todgesagte Operette. Doch wie heißt es so schön:

„Todgesagte leben länger!“.

Insbesondere am Stadttheater Bremerhaven wird eine jahrzehntelange Operetten-Tradition gepflegt. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da gab es sowohl ein Opern- wie auch Operetten-Ensemble. Letzteres bediente pro Saison neben mind. zwei Operetten auch noch das Musical. Ob die Qualität der Inszenierungen mit der Quantität der Aufführungen mithalten konnte, wage ich nicht mehr zu beurteilen (In meinem hohen Alter sieht man einiges auch schon sehr verklärt. 😁). Heutzutage widmen sich am Stadttheater Bremerhaven dieselben Sänger*innen der so genannten leichten Muse, die sonst auch in der Oper brillieren, und garantieren so Gesangskunst auf hohem Niveau.

In dieser Saison stand nach langer Zeit wieder einmal ein Werk von einem der Begründer der Silbernen Operettenära auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Denn wenn ich mich richtig erinnere, dann „verirrte“ sich zuletzt in der Spielzeit 2018/2019 mit DIE HERZOGIN VON CHICAGO ein Werk von Emmerich Kálmán auf die große Bühne meines Stammtheaters.

Sylva Varescu ist der Star der Budapester Varietészene. Der adlige Edwin Lippert-Weylersheim ist unsterblich in sie verliebt. Seine Freunde Boni und Feri raten ihm, die Finger von ihr zu lassen und das leichte Leben zu genießen. Edwins Eltern, Anhilte und Leopold Maria, sind gegen Edwins Verbindung. Sie schicken den Vetter Eugen von Rohnsdorff, um Edwin zum Militärdienst zu rufen und an seine Verlobung mit Cousine Anastasia Eggenberg, genannt Stasi, zu erinnern. Edwin verspricht, seinen Dienst anzutreten, macht Sylva aber zuvor einen Heiratsantrag – den sie annimmt. Als sie erfährt, dass Edwin bereits verlobt ist, beschließt sie, nach Amerika zu gehen. Edwin hat sich damit abgefunden, Stasi heiraten zu müssen. Seine Eltern bleiben aber skeptisch. Boni und Sylva – mittlerweile zurück aus Amerika – tauchen als vermeintliches Grafen-Ehepaar auf. Sie wollen Edwins Eifersucht wecken. Es funktioniert. Edwin bittet Sylva erneut, ihn zu heiraten. Sie sagt wieder Ja. Gleichzeitig gesteht Boni Stasi seine Liebe. Edwin will, dass Sylva ihren erfundenen Titel als Gräfin behält, um die Zustimmung seiner Eltern zu gewinnen. Sylva lehnt ab und verlässt Edwin. Boni versucht, Sylva wieder mit Edwin zu versöhnen. Erfolglos. Stattdessen ermuntert Feri Sylva, auf die Bühne zurückzukehren. Als Feri Edwins Vater begegnet, erzählt er von seiner eigenen Liebe zu einer Chansonette, die später adlig geheiratet hat. Leopold Maria erkennt, dass diese Frau seine eigene Ehefrau ist. Er gibt seinen Widerstand auf – und der Liebe von Edwin und Sylva steht nichts mehr im Weg.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Es passiert viel, es muss auch viel passieren, und Regisseur Sebastian Kranner tat auch gut daran, viel passieren zu lassen. So gestaltete er die Übergänge zwischen Sprechtext, Gesang und Tanz sehr fließend, setzte dafür gekonnt die Drehbühne ein und erfreute mit originellen Ideen: Da schaute via Gemälde hoch oben über der Bühne Kaiser Franz Joseph mahnend auf die Gesellschaft herab und drohte bei allzu vielen Verfehlungen auch schon mal mit Absturz. Oder das fürstliche Paar LEOPOLD MARIA und ANHILTE kehrte pompös vom Ausritt heim, der sich als Hobby Horsing entpuppte. Doch auch ernste Töne lässt der Regisseur zu: Da klingt der gesellschaftlichen Wandel der damaligen Zeit ebenso an wie der Umgang mit der Prostitution. Dies machte er durchaus sehr deutlich aber ohne den moralinsauren erhobenen Zeigefinger.

Allerdings sorgten einige Szenen bei mir auch für Irritation, da ich nicht ergründen konnte, durch welche der beiden Brillen (Ironie oder Ernsthaftigkeit) der Regisseur sie betrachtet hatte. Diese Szenen wirkten irgendwie so „dazwischen“. Dabei gab es sie durchaus, die herrlich komischen Szenen voller Ironie und Witz, die purer Spaß waren, ebenso wie Momente der Ernsthaftigkeit, die den Mantel der Operetten-Seligkeit abwarfen und dafür umso mehr berührten.

Bedauerlicherweise hatte ich auch den Eindruck, dass Kranner nicht ausreichend mit den Solist*innen an den Dialogen gearbeitet hat. Bei der Operette wird auch sehr viel gesprochen, da über die Dialoge Informationen transportiert und so wichtige Einzelheiten zur Handlung bzw. zu den Figuren dem Publikum offenbart werden. Hier litt am Premierenabend leider manchmal die Textverständlichkeit (unabhängig vom individuellen sprachlichen Hintergrund): Betonungen wurden ungewöhnlich gesetzt, Gesprochenes hatte keinen natürlichen Fluss und wirkte dadurch hölzern. Da wünschte ich mir einen Otto Schenk herbei: Der legendäre österreichische Schauspieler und Regisseur, der vornehmlich Opern aber auch Operetten inszenierte, war bekannt für seine exzellente Dialog-Regie. Oder zumindest hätten mir zum besseren Verständnis deutsche Übertitel sicherlich geholfen. So hoffe ich sehr, dass die Sänger*innen sich im Laufe der weiteren Vorstellungen freispielen, und sie die Worte selbstverständlicher über die Lippen bringen.

Denn gesungen wurde – wie eingangs bereits erwähnt – auf hohem Niveau: Meredith Hoffmann-Thomson gab die Titelfigur SYLVA VARESCU mit großer Stimme und geschmackvoller Erotik und machte auch tänzerisch – insbesondere bei den Revue-Szenen – eine gute Figur. Stimmlich ihr ebenbürtig und von attraktiver Gestalt war Alexander Geller. Allerdings zeigte sein EDWIN RONALD sehr wenig Rückgrat bzw. hatte „keine Eier in der Hose“ (Von der Regie so gewollt?). Da hätte ich der CSÁRDÁSFÜRSTIN einen schneidigeren Galan gewünscht.

Einen Mangel an Schneid konnte man GRAF BONI KÁNCSIÁNU von Andrew Irwin nicht vorwerfen: Da wurde mit Elan vorangeprescht, um aus vollen Zügen das Leben und (vor allem) die Liebe zu genießen. Wie gut, dass Irwins BONI mit der lebenslustigen KOMTESSE STASI von Victoria Kunze eine kongeniale Partnerin zur Seite gestellt wurde. Kunze brillierte abermals mit ihrem wunderbaren Timing für Komik und der Fähigkeit, auch den irrwitzigsten Dialogen Leben einzuhauchen.

Timothy Edlin als väterlicher Freund FERI VON KEREKES ruhte gänzlich in sich selbst, war der ausgleichende Pol gegenüber seinen jugendlichen Freunden und schaffte es, einen wohldosierten Hauch von Melancholie und Vergänglichkeit zu versprühen. James Bobby als LEOPOLD MARIA und Iris Wemme-Baranowski als dessen Gattin ANHILTE sorgten für reichlich Amüsement als herrlich exaltiertes „Sissi & Franzl-Look alike“. Róbert Tóth gab einen (nach Außen) polternden, doch (innerlich) gutmütigen EUGEN VON ROHNSDORFF, und Ines Mayhew-Begg, Yvonne Blunk und Elena Zehnoff gefielen als handfeste MÄDIS.

Doch für mich waren die heimlichen Stars der Inszenierung der prachtvoll singende wie ebenso agierende Opernchor sowie die großartigen Tänzer*innen vom Ballett-Ensemble, die die spritzige Choreografie von Katharina Glas schwungvoll über die Rampe brachten. Wenn sie auftraten, passierte in jeder Ecke der Bühne immer so viel, dass ich meinen Blick so manches Mal förmlich von ihnen losreißen musste, um mich wieder auf die Hauptpartien konzentrieren zu können.

Ausstatterin Anna Kreinecker schuf stimmige Kostüme, die die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten klar voneinander trennten. Die Kostüme in den Revue-Szenen strahlten extravagant im Stil der legendären 20er Jahre, während der Adel allzu üppig und immer etwas „Over the Top“ gewandet war. Zudem stellte sie ein wandlungsfähiges Bühnenbild auf die Drehbühne, das nach vorne glitzerte und prunkte, nach hinten eher nüchtern bzw. heruntergewirtschaftet wirkte und so symbolisierte, dass alles „mehr Schein als Sein“ ist.

„Last“ doch definitiv „not least“: Operetten-Spezialist Hartmut Brüsch kitzelte aus dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven wieder so herrlich süffig schmelzend die Kálmán’schen Melodien hervor, die längst schon zu Evergreens geworden sind. Dabei pendelten die Musiker*innen gekonnt zwischen folkloristischen Pusta-Klängen, sehnsuchtsvollen Duetten und schmissigen Tanz-Nummern.

Auf meiner „Tanz-Karte“ stehen mindestens noch zwei weitere Vorstellungen von DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN: Endlich ein Naschwerk, das nach Verzehr nicht sofort eins zu eins auf meiner Hüfte landet!


Nachtrag zum 12. April 2026: Da saßen „meine“ Ute und ich am vergangenen Sonntag wieder im Stadttheater Bremerhaven und sahen uns die Operette DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN an. Ute lebt in einer Wohngemeinschaft der Lebenshilfe, und ich begleite sie seit über 10 Jahren bei Kultur- und Freizeitaktivitäten – anfangs dienstlich, nun ehrenamtlich.

Wir werden alle nicht jünger, so manches Zipperlein kommt. Da macht auch Ute keine Ausnahme, die seit einiger Zeit einen Rollator nutzt. Ein „normal“-mobiler Mensch macht sich manchmal keine Gedanken, welche Hürden ein Menschen mit Handicap überwinden muss. Das direkte Parken in der Tiefgarage war mangels Lift nicht möglich. Somit habe ich Ute vor dem Theater abgesetzt, bevor ich den Wagen parkte. Behindertenparkplätze sind vorm Haus vorhanden: Allerdings besitzt Ute keine entsprechende Parkerlaubnis, da sie dafür noch zu mobil ist. Über eine Rampe gelangte Ute ins Foyer des Theaters. Angebote im kleinen Haus sowie Aktionen im oberen Foyer des großen Hauses bleiben Ute mangels Aufzüge verwehrt. Die Behindertentoilette befindet sich innerhalb der Damentoilette: Ute schlängelte sich mit ihrem Rollator vorbei an den wartenden Besucherinnen.

Meine Worte möchte ich nicht als Kritik am Stadttheater Bremerhaven verstanden wissen: Es handelt sich um ein altes Gebäude, wo mit architektonischen Vorgaben umgegangen werden muss und der Denkmalschutz sicherlich zusätzliche Grenzen setzt. Das Team versucht sein Möglichstes: Die Damen der Theaterkasse sorgen immer dafür, dass Ute einen tollen Platz erhält, von dem sie der Aufführung bestmöglich folgen kann, und das Serviceteam im Foyer ist immer sehr hilfsbereit.

Vielmehr war für mich dieser Theaterbesuch mit Ute wieder eine lehrreiche Möglichkeit, mein gewohntes Umfeld aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. So vieles ist für mich selbstverständlich: Ich parke mein Auto in der Tiefgarage, schlendere über die Treppen ins Theater und nutze jedwedes Angebot, unabhängig in welchem Stockwerk es stattfindet.

Für Ute ist vieles in ihrem Leben nicht selbstverständlich. Doch beklagt sie ihre Situation? Nein! Sie genießt den Augenblick und erfreut sich an einer bunten und schwungvollen Vorstellung. 💜


Operetten-Seligkeit bis ins Neue Jahr: Dies verspricht DIE CSÁDÁSFÜRSTIN am Stadttheater Bremerhaven allen Fans beschwingter Unterhaltung.