[Operette] Carl Millöcker – Der Bettelstudent / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Carl Millöcker / Text von Friedrich Zell und Richard Genée

Premiere: 1. Februar 2020 / besuchte Vorstellung: 16. Februar 2020

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Inszenierung: Eike Ecker
Bühne & Kostüme: Ulrich Schulz
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Ohje, die Operetten-Puristen werden bei dieser Inszenierung erschüttert aufschreien: Alles – und wenn ich schreibe „alles“, dann meine ich wirklich „ALLES“ – wurde durch die Regisseurin Eike Ecker gegen den Strich gebürstet – und es war köstlich albern und herrlich überzeichnet! Aber nur so kann Operette heutzutage funktionieren: Entweder du nimmst als Regisseur*in die Handlung einer Operette ernst (wenn es das Sujet hergibt!) oder du machst – nachdem du einen Blick auf die oftmals hanebüchene Story geworfen hast – das genaue Gegenteil.

Ecker fischt sich aus dem großen Topf der Unterhaltung all die Zutaten heraus, die sie für einen abwechslungsreichen Operetten-Cocktail benötigt: Ein ordentliche Portion „Boulevard“, eine reelle Prise „Revue“ und einen Hauch „Trash“, und fertig ist eine bunte Seifenblase ohne Inhalt aber schön-schillernd anzusehen.

Die Irrungen und Wirrungen dieser Operette beginnen mit einem Kuss auf die Schulter einer jungen Dame und deren Schlag mit dem Fächer gegenüber dem Übeltäter, und schon ist die schönste Verwicklung im Gang. Einzelheiten erspare ich Euch und mir, denn auch die Handlung dieser Operette lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Sie lernen sich kennen! Sie verlieben sich! Sie trennen sich! Sie finden wieder zueinander! Sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende! ENDE!

Was bleibt ist eine locker-leichte Unterhaltung, die den Zuschauern eine ordentliche Portion Spaß bereitet, und alle Abteilungen eines Stadttheaters fordert. Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Hartmut Brüsch lässt Millöckers Musik so herrlich süffig erklingen. Auch optisch erstrahlt diese Inszenierung dank der Kreativität von Ulrich Schulz im satten Technicolor und punktet neben der Ausstattung mit farbenfrohen Kostümen und gewagten Frisuren.

Rainer Zaun gibt als vom Fächer getroffenen und Intrigen spinnenden Oberst Ollendorf eine imposante Figur, überzeugt mit schelmischen Spiel und seinem sonoren Bass. Cornelia Zink singt die auf der Schulter geküsste Komtesse Laura naiv-blond mit brillierendem Sopran. Als ihre Schwester Komtesse Bronislawa überzeugt Victoria Kunze nicht nur mit Stimme sondern auch mit einer immensen Spielfreude und ihrem ausgeprägten Talent für Komik. Deren Mutter, die Gräfin Nowalska mimt Sünne Peters mit witzigen Anleihen einer bösen Stiefmutter aus dem Märchen. Die beiden Bettelstudenten, scheinbaren Grafen und somit Objekte der Begierde für die Komtessen werden von MacKenzie Gallinger und Christopher Busietta mit tenoralem Verve und einem Hang zum Broadway verkörpert. Patrick Ruyters, Róbert Tóth, Shin Yeo und Patrizia Häusermann (in einer Hosenrolle) warfen sich mit Elan in ihre Rollen als dusseliger Sidekick von Oberst Ollendorf. In doppelter Funktion als Kerkermeister Enterich und Diener Onuphrie gefiel Schauspieler Guido Fuchs, der viele Lacher auf seiner Seite hatte.

Wenn ich mir eine Operette im Theater anschaue, dann erwarte ich keine intellektuelle Herausforderung. Im Gegenteil: Ich möchte mich schlicht und ergreifend „nur“ amüsieren. So kann ich dem Stadttheater Bremerhaven aus Überzeugung attestieren:

Bei Eurem „Bettelstudenten“ kommt das Amüsement wahrlich nicht zu kurz!


Der Bettelstudent bietet noch bis zum Ende der Spielzeit „Schmalz“ vom Feinsten.

[Operette] Ralph Benatzky – Im weißen Rössl / Weyher Theater

Operette von Ralph Benatzky / Text von Ralph Benatzky, Hans Müller-Einigen, Erik Charell / Liedtexte von Robert Gilbert

Premiere: 23. August 2019 / besuchte Vorstellung: 12. September 2019

Weyher Theater


Inszenierung: Frank Pinkus
Musikalische Leitung: Patrick Kuhlmann
Bühne: Hermes Schmid und Lisa Kück
Kostüme: Anika Töbelmann


„Im weißen Rössl am Wolfgangsee“, „Es muss was wunderbares sein“, „Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein“, „Als der Herrgott Mai gemacht“, „Die ganze Welt ist himmelblau“, „Zuschau’n kann i net“, „Was kann der Sigismund dafür“, „’s ist einmal im Leben so“, „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“…

…wenn ein musikalisches Werk eine solche Hit-Dichte aufweisen kann, bei dem das Publikum bei jedem Lied mitsingen kann, dann spricht man wohl mit Fug und Recht von einem Evergreen.

Das kleine Weyher Theater hat sich an diesen Gassenhauer der leichten Muse gewagt und im Großen und Ganzen auch gewonnen. In „Niedersachsens größtem Privattheater“ – so die Eigenwerbung – wurde in der reduzierten Orchesterfassung der „Bar jeder Vernunft“ ganz auf den boulevardesken Charakter des Werkes gesetzten. Mit Boulevardkomödien kennt sich das Weyher Theater aus, macht diese Gattung doch den Hauptteil des Spielplans aus.

Schon vor Betreten des Zuschauersaals wird der Gast auf das Stück eingestimmt: Rot-weiße Wimpelgirlanden und Tannengrün zieren das Foyer, und zünftige Laugenbrezel und „Berliner Weiße mit Schuss à la Giesecke“ werden von den freundlichen Damen vom Servicepersonal mit schmückenden Blütenkränzen im Haar feilgeboten. Im Saal reicht das Alpenpanorama bis in den Zuschauerraum hinein. Das Bühnenbild offenbart eine bunte Postkarten-Idylle und bietet ausreichend Raum für all die Irrungen und Wirrungen rund um die Liebe am Wolfgangsee.

Antje K. Klattenhoff als Wirtin Josepha Vogelhuber und Kay Kruppa als Zahlkellner Leopold schrammten als primäres Leading-Paar hin und wieder gefährlich nah am Chargieren vorbei. Glücklicherweise fanden sie in ihrer gemeinsamen Szene zum Happy-End doch noch ruhigere Töne und gestalteten diese sehr charmant. Großes Lob: Die Pointen saßen bei den boulevard-erprobten Profis punktgenau!

Auch Frank Pinkus in der Doppelfunktion als Regisseurs und Darsteller im Stück „litt“ an einem Hang zur Übertreibung: Sein Wilhelm Giesecke rollte gefährlich häufig mit den Augen und fand einmal zu oft „…dat is mir lieba!“. Ein wenig weniger laut und dafür ein etwas differenzierteres Spiel wäre mir „lieba“ gewesen. Da stellt sich mir in diesem Zusammenhang folgende Frage: Wenn der Regisseur selbst auf der Bühne steht, wer übernimmt dann bei ihm die Spielleitung? Seine Inszenierung setzte auf Tempo ohne in Hektik zu verfallen und amüsierte mit witzigen Details.

Sarah Kluge als Ottilie Giesecke und Christian Hamann als Otto Siedler entwickelten sich zum heimlichen Leading-Paar und zeigten weniger Klamauk dafür mehr Gefühl im Zusammenspiel. Warum die aparte Sarah Kluge in farbloses 70er-Jahre-Beige gehüllt wurde, blieb mir unverständlich. Sicher sollte ihr Outfit als junge Frau aus der Großstadt Berlin optisch einen Gegenpart zur volkstümlichen Kluft der übrigen Damen bilden. Dies wäre allerdings deutlich besser mit der Mode der 50er gelungen: Accessoires wie Hut, Handschuhe und Handtasche wirken (mit wenig Aufwand) manchmal Wunder. Abgesehen davon gab sie gemeinsam mit dem schmucken Christian Hamann ein äußerst attraktives Paar, das sowohl darstellerisch – auch in den leisen Tönen – wie auch im Gesang völlig überzeugte.

Apropos leise Töne: Diese waren – neben Kluge und Hamann – Hermes Schmid als Professor Dr. Hinzelmann und Joachim Börker als Kaiser Franz Joseph vorbehalten. Wenn Professor Hinzelmann bescheiden berichtet, wie er und seine Tochter Klärchen zwei Sommer lang jeden Taler sparen, um im dritten Sommer auf „große Reise“ zu gehen, oder der Kaiser weise und unaufgeregt sein „’s ist einmal im Leben so“ intoniert, da spürt der Zuschauer im großen Spektakel aus Witz und Spaß ein kleines Stückchen Gefühl.

Apropos Klamauk: Es gibt zwei Rollen im Stück, die von vornherein dafür prädestiniert sind und von der Übertreibung „leben“. Marco Linke stürzte sich mit vollem Körpereinsatz (oder sollte ich lieber sagen: mit voller Körpersprache) in die Rolle des schönen Sigismund Sülzheimer, flatterte hemmungslos über die Bühne und bezirzte seine Angebetete voller Inbrunst. Das Klärchen von Isabell Christin Behrendt er-lispelte sich herrlich komisch die Sympathien des Publikums, lies am Schluss unter der versierten Schulung ihres Sigismunds alle Hemmungen fallen und mutierte von der schüchternen Maid zur leidenschaftlichen Geliebten.

Die kleine, feine Theaterband mit Patrick Kuhlmann (auch musikalische Leitung), Michael Haupt und Kevin Kuhlmann sorgten gekonnt dafür, dass ein großes Orchester nicht vermisst wurde und überraschte mit dem einen oder anderen musikalischen Gag.

Das kleine Weyher Theater wagte sich an die große Operette und landete – mit kleinen Einschränkungen – eine Punktlandung: So gesehen sind meine „Kritikpunkte“ auch nur Nuancen, die einem anderen Besucher vielleicht/sicherlich nicht auffallen und auch meine Freude am positiven Gesamtbild nicht schmälerten.

Ich kann Euch einen vergnüglichen und kurzweiligen Theaterabend versprechen und bin mir sicher, dass Ihr das Theater mit einem Lied auf den Lippen verlassen werdet.


HOLDRIOH! Im weißen Rössl wird noch – mit Unterbrechung – bis zum 24. November 2019 gejodelt und gejubelt!

[Operette] Emmerich Kálmán – Die Herzogin von Chicago / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Emmerich Kálmán / Libretto von Julius Brammer und Alfred Grünwald

Premiere: 9. Februar 2019 / besuchte Vorstellung: 28. Februar 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Inszenierung: Felix Seiler
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Bühne & Kostüme: Barbara Bloch

Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández


Wie? Sie waren noch nie in einer Operette? Dann werde ich ihnen mal eben die Handlung skizzieren,…

Sie lernen sich kennen! Sie verlieben sich! Sie trennen sich! Sie finden wieder zueinander! Sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende! ENDE!

…und diese Zusammenfassung lässt sich auf nahezu ALLE Operetten übertragen!

Aber wer eine Operette wegen der intellektuellen Herausforderung besucht, ist schlicht und ergreifend am falschen Platz. Operette ist bestenfalls ein locker-leichtes Soufflé mit herrlicher Süße und zartem Schmelz (Nährwert: Fehlanzeige, Wohlfühlfaktor: reichlich).

In diesem Fall trafen wir auf Emmerich Kálmáns lang verschollene und darum selten gespielte Operette „Die Herzogin von Chicago“. Wie der Titel es schon erahnen lässt, trifft hier die neue auf die alte Welt, die Moderne auf die Tradition und der Charleston auf den Csárdás. Kálmáns Musik ist voller ironischer Zitate: Ich saß im Publikum und amüsierte mich über die versteckten Anspielungen an seine damaligen Kollegen der E- und U-Musik.

Das Stadttheater Bremerhaven bot in der Inszenierung von Felix Seiler vieles für Auge und Ohr: die Kulissen glitzerten, die Kostüme funkelten, die Sänger*innen „gaben dem Affen Zucker“ (Hier wurde sehr zur Freude des Publikums schamlos übertrieben!), die Tänzer*innen vom Ballett tanzten famos, und das fulminant aufspielende Philharmonische Orchester unter dem Dirigat von Hartmut Brüsch schmachtete durch die wunderbaren Melodien (Schon allein die Ouvertüre hätte ich gerne ein 2. Mal gehört).

Selten habe ich ein so komödiantisch aufgelegtes Opern-Ensemble gesehen – allen voran das Buffo-Paar mit Victoria Kunze (Prinzessin Rosemarie) und MacKenzie Gallinger (James Jonny Jacques Bondy), während das „seriöse“ Paar bestehend aus Tijana Grujic (Miss Mary Lloyd) und Christopher Busietta (Sándor Boris) sich mit Schmelz durch die Arien sang. Schauspieler John Wesley Zielmann brillierte wieder mit seinem perfekten Timing für Komik. Das Ballett-Ensemble absolvierte in der abwechslungsreichen Choreografie von Andrea Danae Kingston eine Tour de Force und meistert diese mit Bravour!

Mit einer Melodie im Ohr machten wir uns auf den Heimweg: Ob es nun ein Charleston oder ein Csárdás war, ist doch völlig egal. Denn: „…so ein Charleston ist doch gar nix anderes als amerikanischer Csárdás!“

Definitiv: „BEST OF SCHMALZ“


Die Herzogin von Chicago swingt noch bis zum Ende dieser Spielzeit über die Bühne des Stadttheaters Bremerhaven!