MONTAGSFRAGE #130: Tabuthemen in der Literatur?

Ausnahmsweise erscheint meine Antwort zur „dieswöchentlichen“ MONTAGSFRAGE mit einem Tag Verspätung: Ich bitte um Entschuldigung! Doch ich kam gestern Nachmittag von der Arbeit erschöpft nach Hause, und dank der gar wunderbaren Wetterverhältnisse dröhnte der Kopf und zickte der Kreislauf,…

…zudem warf ich einen Blick auf die Frage und dachte maulig „Ach, nö…!“. Es schien mir nun nicht gerade die prädestinierteste Frage zu sein, um in einen chilligen Feierabend zu starten.

Doch natürlich werde ich mich auch dieser Frage todesmutig gegenüberstellen und sie in die Knie zwingen (oder sie mich). Tabuthemen: Wo anfangen? Wo aufhören? Erlaubt mir bitte, dass ich die Frage etwas allgemeiner beantworte.

Als erstes fiel mir der Song „Tabu“ von der wunderbaren Song-Poetin Pe Werner ein, die ich über alles verehre. Ihre Konzerte sind für mich Balsam für die Seele. Virtuos sorgt sie bei mir für „Kribbeln im Bauch“. Da lasse ich mich von ihr allzu gerne mit „Trostpflastersteine“ bewerfen – und das möglichst tonnenweise. Hach, wann wird es wieder so sein…???

Bei Hören des Songs wurde mir erneut bewusst, dass je nach Epoche, kulturellem Hintergrund, gesellschaftlichen Konventionen etc. ein Thema mal mehr, mal weniger als Tabu betrachtet werden kann. Ausdrücke, die in den 50er Jahren gang und gebe waren, wären heute undenkbar. Viele gleichgeschlechtlich Liebende der älteren Generation mussten vor gar nicht allzu langer Zeit ihre Liebe verstecken, da man sie sonst strafrechtlich verfolgt hätte. Heute können wir offen(er) zu unserer Liebe stehen.

Doch ist die Gesellschaft wirklich so viel offener? Es gibt in unserer – Ach! – so toleranten Gesellschaft doch keine Tabus mehr, oder? Ein Blick in Presse, Fernsehen und vor allem Internet lässt dies durchaus vermuten. Aber sind Themen, die genüsslich in der Öffentlichkeit zelebriert werden, automatisch frei von Tabus? Ich bin nicht der Meinung! Vielmehr habe ich den Eindruck, dass heutzutage hemmungsloser die Grenzen des guten Geschmacks überschritten werden, als es noch vor einigen Jahren der Fall war. Ich habe eher den Eindruck, dass die Medienflut eine Gesellschaft nicht zwangsläufig toleranter sondern vielmehr abgestumpfter und gleichgültiger macht, bzw. in seiner Form, wie über Themen berichtet werden, sogar eher Intoleranz fördert.

Jede und jeder hat heutzutage die Möglichkeit, sich zu produzieren und findet für sich und sein (Tabu-)Thema die entsprechende Bühne. Jede und jeder kann darüber hemmungslos zu Gericht sitzen und die Meinung unreflektiert der Öffentlichkeit preisgeben. Dabei wird häufig jenseits einer Scham agiert, und Tugenden wie Takt und Einfühlungsvermögen scheinen nicht existent. Da dies keine Welt ist, in der ich leben möchte, ergibt sich für mich ergo nur zwei Möglichkeiten darauf zu reagieren: Zum einen entziehe ich mich dieser Themen-Flut, verweigere den so genannten (selbst ernannten) Tabu-Brechern meine Aufmerksamkeit und gebe ihnen nicht die Möglichkeit weiteren Unsinn abzusondern. Andererseits ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, mich „anders“ zu verhalten. Auch wenn es etwas altmodisch klingt, aber ich möchte Vorbild sein. Mein Wahlspruch lautet „Die Welt wird nicht besser, wenn wir Böses mit Bösem bekämpfen!“ und daran halte ich mich – auch wenn es mir manchmal sehr schwer fällt. 😏

Natürlich gibt es Themen, die seriös (!) von ihrem Tabu befreit werden sollten und müssen – unabhängig vom jeweiligen Medium. Für mich zählen solche Themen dazu, bei denen die Betroffenen durch eine Enttabuisierung deutlich an Lebensqualität gewinnen, das Verständnis füreinander geweckt und ein friedvolles Miteinander gefördert wird. Ich hoffe und wünsche, dass unsere Welt dadurch ein wenig besser wird,…

…und bis es soweit ist, lassen wir uns gemeinsam von „Tabu“ ein wenig trostpflastersteinigen – hier in einer Fassung mit der wunderbaren WDR Big Band

Bei Interesse: Hier findet Ihr meine Eindrücke zu meinem letzten Konzert von Pe Werner.

Tabus: brechen oder bewahren? Wie ist Eure Meinung…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

MONTAGSFRAGE #129: Hat sich Dein Stil beim Verfassen von Blogbeiträgen/Rezensionen über die Jahre verändert?

Na, ich hoffe doch sehr,…

…denn, wenn nicht, würde es doch bedeuten, dass ich nicht das nötige Potential vorweisen könnte, um mich weiterzuentwickeln. Und eine ständige Weiterentwicklung gehört für mich zum Menschsein einfach dazu!

Zufälligerweise habe ich mich gerade am letzten Wochenende mit „Entwicklung“ beschäftigt: Eine junge Frau hatte vor einigen Wochen über die Buchhandlung meines Vertrauens Kontakt zu mir aufgenommen. Sie hegte den Wunsch, einen eigenen Buch-Blog ins Leben zu rufen, war allerdings unsicher, welche Formalien eingehalten werden müssen, und hatte somit noch so einige Fragen. Wir telefonierten ausgiebig, und ich hoffe, dass ich sowohl ihre Fragen ausreichend beantworten als auch ihr die Unsicherheit nehmen konnte. Sie bat mich, einen kritischen Blick auf ihre erste Rezension zu werfen, die am letzten Donnerstag per Mail bei mir eintrudelte. Ich las ihre Rezension, und vieles kam mir daran äußerst bekannt vor.

Ein Schlüsselsatz meines Feedbacks war „Es ist noch kein*e Meister*in vom Himmel gefallen.“ Eine gute Rezension zu schreiben, bedarf Übung. Meine ersten Rezensionen waren weit davon entfernt, sich mit dem Prädikat „meisterlich“ zu schmücken. Meine ersten Rezensionen lassen sich eher mit „weniger ist weniger“ beschreiben: Meine „Kritiken“ waren nicht nur recht knapp ausgefallen, aus heutiger Sicht wirken sie auf mich oberflächlich, beinah nichtssagend. Warum sollte ich großartig rumschwafeln? Damals dachte ich, wenn ich schreibe, dass dieses Buch unbedingt gelesen werden muss, dann sollte es doch genügen. Nein, es genügt(e) nicht! Heute weiß ich, dass der Leser einer Rezension mehr erfahren möchte – vom literarischen Werk aber auch vom Buch-Blogger.

Dabei wäre es so einfach gewesen, hätte ich nur das, was mich bei anderen Bloggern anspricht, auch selbst beim Formulieren einer Rezension berücksichtigt. Als Leser möchte ich hinter dem Blog auch die Persönlichkeit des Bloggers erkennen. Ja, natürlich geht es in erster Linie um das zu besprechende Buch. Doch Lesen geht nicht ohne Emotionen – zumindest nicht bei mir. Bestenfalls macht die Lektüre etwas mit mir bzw. löst etwas aus, weckt Erinnerungen, bringt mich zum Weinen, langweilt, verärgert oder unterhält mich. Zudem möchte ich ergründen, welche Atmosphäre ein literarisches Werk für mich bereithält, wenn ich den Buchdeckel aufschlage und mit der Lektüre beginne. Trifft mich sein melancholischer Ton mitten ins Herz oder eher der intelligente Witz direkt in mein Humorzentrum? All das möchte ich als Leser von (m)einem Buch-Blogger erfahren. Im Umkehrschluss vermute ich, dass meine Follower eben genau dies auch von mir erfahren möchten. Und so kam es, dass ich „learning by doing“ meinen ur-eigenen Stil entwickelte, der durchaus seine Fans gefunden hat und hoffentlich auch weiterhin findet.

Am Samstag fand ich endlich die nötige Zeit für eine ausführliche Rückmeldung: Ich hoffe, meine junge Kollegin hat sich von meinen kritischen aber wohlwollenden Anmerkungen nicht entmutigen lassen, sondern diese eher als Ansporn gesehen,…

…und ich bat sie, mich über den Start ihres Blogs zu informieren, damit ich ihr erster Follower werde.

Stil: Mut zur Veränderung oder treu bleiben auf immer und ewig? Was meint Ihr…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Eine Geschichte…] Doris Bewernitz – POST FÜR HERRN ULLRICH

„Post für mich?“, fragt er durch die Luke. Nur wer ihn besser kennt, sieht die Anspannung in seinem Gesicht, die zusammengekniffenen Augen, das leichte Zittern der Lippen. Sein weißes Haar ist noch ungekämmt. Er geht immer nach dem Aufstehen gleich fragen. Aus dem abgetragenen Bademantel mit den verblichenen blauen Streifen schauen dünne Beine heraus, die Haut wie Pergament.
„Warten Sie“, ruft Susanne. „Ich sehe gleich nach, Herr Ullrich!“ Sie geht zu den Postfächern und schaut. „Heute nicht, Herr Ullrich.“ Würdest du danebenstehen und dieses „Heute nicht“ hören, du dächtest sofort, Herr Ullrich bekommt sonst jeden Tag Post. Aber dem ist nicht so. Herr Ullrich bekommt nie Post. Seit vierzehn Jahren wohnt er hier im Pflegeheim und seitdem hatte er noch keine Post.

Aber jeden Tag geht er zur Luke und fragt. Und dafür, wie Susanne das „Heute“ von „Heute nicht“ ausspricht, dafür hat er sie so gern.

Doris Bewernitz

[Rezension] Fabian Neidhardt – Immer noch wach

Wer mich und meinen Blog kennt und somit regelmäßig meine Rezensionen liest, weiß, dass ich mich nie allzu lange mit den Inhaltsangaben der zu rezensierenden Bücher aufhalte (s.a. Was sonst noch?). Doch diesmal war es mir einfach nicht möglich, den Inhalt auf wenige Zeilen herunter zu brechen. Ich bin mir sicher, Ihr werdet mir verzeihen und – passend zum Grundtenor des Romans – es auch überleben…! 😉

Alexander Fink ist 30 Jahre alt, Lebenspartner der entzückenden Lisa, gemeinsam mit seinem besten Freund Bene frisch-gebackener Café-Besitzer, an Krebs erkrankt und wird sterben…! Die Nachricht trifft Alex wie ein Hammerschlag: Alle Pläne, Wünsche, Hoffnungen sind mit dieser Diagnose für Null und Nichtig erklärt. Ja, da gäbe es durchaus die eine oder andere vielversprechende Therapie, die ihm zwar nicht heilt aber den Tod evtl. ein, zwei Monate hinauszögern könnte. Doch Alex lehnt kategorisch weitere Behandlungsmethoden und Untersuchungen ab: Er möchte nicht das Schicksal seines Vaters teilen, der erbärmlich am Krebs zugrunde ging. Vielmehr will er die verbliebende Zeit nutzen, um überfällige Dinge zu regeln, aufgeschobene Gespräche zu führen, und noch eine ruhige Zeit mit seinen Lieben verbringen. Dann, wenn er meint, dass die Zeit reif ist, wird er sich von seinen Leuten verabschieden, sich in ein nur ihm bekanntes Hospiz begeben und dort alleine sterben. Doch gerade diese Entscheidung sorgt dafür, dass die verbleibende Zeit alles andere als ruhig verläuft: Denn eine Krebs-Diagnose betrifft nicht nur den Erkrankten sondern auch seine Angehörigen. Und so stößt seine Idee bei Lisa und Bene auf wenig Verständnis sondern löst eine Fülle an Gesprächen mit Tränen und Emotionen aus. Doch Alex bleibt bei seiner Entscheidung und verabschiedet sich in Richtung Hospiz. Das Sterben und der Tod gehören dort zum „Tagesgeschäft“ und sind allgegenwärtig. In den Gesprächen mit seinen Mit-Bewohner*innen werden sie zur alltäglichen Normalität und verlieren so ihren Schrecken. Der todkranke Kasper ist ihm dabei Beichtvater und Stimme des Gewissens zugleich. Doch nach einer Routine-Untersuchung erwartet ihn der nächste Hammerschlag: Ja, er hat einen Tumor! Und: Nein, er wird nicht sterben, denn der Tumor ist gutartig (Vielleicht hätte er doch weiteren Untersuchungen zustimmen sollen.)! Sein Aufenthalt im Hospiz ist somit beendet, und ein neues Leben könnte für ihn beginnen. Doch die Zeit außerhalb des Hospizes ist nicht stehengeblieben, und auch Lisa und Bene haben weitergelebt, haben weiterleben müssen – ohne ihn. Alex wagt es nicht, wieder in deren Leben einzubrechen, und so fasst er gemeinsam mit Kasper einen kühnen Plan. Er wird die letzten Wünsche seiner (auch durchaus schon verstorbenen) Freunde aus dem Hospiz stellvertretend für sie erfüllen: Er gewinnt eine Partie Schach für Peter, tanzt Lindy Hop für Wilhelm, reist in die italienische Heimat von Lilia, lässt sich ein Tattoo für Kasper stechen. Doch Alex hat weder mit den Tücken des Schicksals noch mit der List des Zufalls gerechnet…! Denn Beide können den schönsten, noch so raffiniert ausgeklügelten Plan ruckzuck durchkreuzen…!

„Uih!“ dachte ich „Heikles Thema!“ und „Wenn das mal gut geht!“. Doch dann siegte die Neugierde:  „Mal sehen, wie er (=der Autor) das hinkriegt!“

…und nun ist der Roman ausgelesen, ich sitze hier vor der Tastatur und weiß nicht, wie ich eine Rezension beginnen soll. Vorweg: Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal bei einer Lektüre so sehr geweint habe. Dabei ist diese Geschichte aus der Feder von Fabian Neidhardt weder kitschig, noch gefühlsduselig, noch sentimental und ebenso wenig wird ein übermäßiger Druck auf die Tränendrüsen ausgeübt. Die Geschichte ist schlicht und ergreifend einfach nur traurig…, traurig und berührend…, traurig, berührend und menschlich…! Und weitere Worte müssen „eigentlich“ (!) nicht darüber verloren werden, außer „Bitte lesen!“.

Natürlich könnte ich mich noch zeilenweise über die Storyline auslassen, die der Autor sehr geschickt aufbaut, um so dem Handlungspersonal dort Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, wo es im Sinne der Geschichte angebracht erscheint. Über etliche Zeilen könnte ich auf die Sinnhaftigkeit der Rückblenden hinweisen, die der Autor immer wieder mit der Haupthandlung verwebt, damit seine Leserschaft in der Lage ist, die Gefühle und Beweggründe der Protagonist*innen plausibel nachzuvollziehen. Einige weitere Zeilen könnte ich dafür verwenden, den Autor bis über den grünen Klee zu loben und für seinen Mut zu bewundern, da er darauf verzichtet hat, für seinen zweiten Roman ein massenkompatibles Thema zu wählen. Vielmehr rüttelt er an der gesellschaftlichen Gemütlichkeit und bricht eine Lanze für den selbstbestimmten Umgang des Menschen mit Sterben und Tod.

Das alles und noch viel mehr könnte ich zeilenweise schreiben. Doch ich will nicht! Denn (wie ich bereits erwähnte) weitere Worte müssen nicht darüber verloren werden, außer „Bitte lesen!“.

Doch! Ein Wort sei mir noch gestattet: Denn dieser Roman ist nicht nur traurig…, auch nicht nur traurig und berührend…, schon gar nicht nur traurig, berührend und menschlich…, sondern er ist traurig, berührend, menschlich und durch und durch lebensbejahend…!!!

Auf der Homepage von WAS MIT BÜCHERN! Findet Ihr ein lesenswertes Interview mit Fabian Neidhardt.


erschienen bei Haymon/ ISBN: 978-3709981184

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #128: Wie gehst Du damit um, wenn sich herausstellt, dass ein Autor, dessen Bücher Du sehr schätzt, Auffassungen äußert, mit denen Du nicht übereinstimmst?

So, Ihr Lieben, nun ist es passiert: Die Fragen wiederholen sich! Es sei denn, dass sich mir die diffizilen Unterschiede zwischen dieser Frage und 

MONTAGSFRAGE #32:
Gibt es einen Autor, den du früher sehr bewundert hast, heute aber kritischer siehst?

nicht erschließen. Aber vielleicht habe ich auch die tiefere Bedeutung der Frage #32 nicht erkannt und mir damals einfach mal wieder die Antwort in meinem Sinne kreativ hingebo… – Äh! – …interpretiert?!

Fakt ist und bleibt, dass die Antwort der Vergangenheit absolut passgenau mit der Frage der Gegenwart korrespondiert, sozusagen wie Topf und Deckel, wie Faust aufs Auge, wie A…. auf Eimer. Darum: Hier ein Selbst-Zitat…

In den 90er Jahren habe ich den Katzenkrimi „Felidae“ von Akif Pirinçci verschlungen: Ich fand ihn spannend, ungewöhnlich, beängstigend – einfach großartig. Den Rassenwahn eines Josef Mengele im überschaubaren Umfeld von Hauskatzen anzusiedeln galt für mich als Mahnmal gegen Rechts.

Ich konnte damals ja nicht ahnen, dass dies anscheinend schon ein Hinweis auf die wahre Gesinnung eines Akif Pirinçci war. Als ich seine Hassreden sah und von seinen populistischen Veröffentlichungen las, war ich entsetzt.

Dass Menschen, die es aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Biografie, ihrer sexuellen Ausrichtung etc. besser wissen müssten, sich vor den braunen Karren spannen lassen, erschüttert mich zutiefst und widerspricht meinem humanitären Menschenbild.

Entgleisungen gegen Menschenrechte, Würde, Toleranz und Demokratie entsetzen mich über alle Maßen. Da gibt es für mich auch keine Diskussionsgrundlage: Für ein solches menschenverachtendes Verhalten gibt es keine Entschuldigung! Meine Meinung dazu ist eine in mir verankerte Grundhaltung und somit die Quelle meines Handelns!

Ich hätte es nicht ertragen können, dass die Werke dieses Mannes in meinem Bücherregal neben den Werken von Rafik Schami, Astrid Lindgren oder Erich Kästner stehen.

Ich werfe keine Bücher in die Recycling-Tonne: In diesem Fall habe ich eine Ausnahme gemacht!

(Ironie an!) Oder hätte ich das Buch lieber verbrennen sollen? (Ironie aus!)

Meine Meinung zu diesem „Herren“ hat sich bis heute nicht geändert und wird sich auch nicht ändern. Selbst wenn dieses Individuum plötzlich in einen Taumel der Menschlichkeit ausbrechen und zum Vater Theresius der guten Taten mutieren würde, wäre er für mich absolut inakzeptabel. Es gibt humanitäre Werte, die sind für mich unumstößlich und nicht verhandelbar. Da kann ich nicht meine Einstellung (auch nicht als prominenter Autor) einfach ändern, indem ich sie wie das viel zitierte Fähnchen in den Wind hänge und mal Ja!, mal Nein!, mal Hüh!, mal Hot! dazu sage. Diese Werte sind keinen momentanen Launen unterworfen und dürfen nicht mit Füssen getreten werden: 

DAS MACHT MAN NICHT! BASTA!!!

…??? 


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Gastbeitrag] ITALIENISCH – DEUTSCH / DEUTSCH – ITALIENISCH. ZWEI HERZEN SCHLAGEN IN MEINER BRUST von Carmela Silvia Sanfilippo

Ist es Schicksal? Manchmal begegnet man einen Menschen und findet ihn spontan sympathisch. So erging es mir mit Carmela, als sie uns (mehrmals) in unserem Stamm-Hotel im Hamburg über den Weg lief. Morgens beim Frühstück fiel mir eine junge Frau im Service-Team auf, die mit ihrer Herzlichkeit für sich einnahm und dank einem enormen Sprachtalent problemlos mit den internationalen Gästen kommunizierte. Da ich ein neugieriges Kerlchen bin, sprach ich sie an. Ich vermutete, dass sie „irgendetwas mit Sprachen“ studiert hätte. Beinah schüchtern gestand sie mir, dass sie ursprünglich Schauspielerin sei. Und wie viele ihrer ebenso talentierten Kolleg*innen gab bzw. gibt es eben auch bei Carmela zwischen den Produktionen immer wieder s.g. Durststrecken, in denen trotzdem gelebt (vielleicht manchmal sogar: überlebt) werden muss.

Über die sozialen Netzwerke blieben wir in Kontakt und nahmen Anteil am Leben des anderen, indem wir „Likes“ verschenkten und mit Kommentaren nicht geizten. Carmela sendete mir immer ein mutmachendes „Toi-Toi-Toi“ zu meinen Lesungen, und ich freute mich mit ihr über jedes Theater- und Film-Projekt, an dem sie beteiligt war. Doch unseren Wunsch, uns in Hamburg wieder zu treffen, konnten wir uns bisher leider nicht erfüllen, da unser Timing bisher denkbar ungünstig war („Gerne“ verpassten wir uns um nur wenige Tage). Und dann erschien Corona auf der Bildfläche, und das Reisen kam vorerst zum Erliegen. Umso mehr freue ich mich nun, dass Carmela sich bereit erklärt hat, einen Gastbeitrag für meinen Blog beizusteuern. Im Vorfeld war sie sehr unsicher, ob ihr schriftstellerisches Talent mir genügen würde. Meiner Meinung nach schätzt sie sich völlig falsch ein: Ich finde ihren Text ganz wundervoll…!


„Zwei Herzen? Ja, natürlich, aber warum nicht auch zwei Seelen?“ Das war das Erste, woran ich gedacht habe, als Andreas mir dieses Thema vorschlug. Ich weiß auch nicht warum! Irgendwie fehlte mir das Wort „Seele“ in diesem Zusammenhang, denn „Seele“ ist nicht gleich „Herz“. Vielleicht hat „Herz“ mit Temperament zu tun, mit Lebhaftigkeit, vor allem, wenn ich an „Herzschlag“ denke. Das Wort „Seele“ verbinde ich eher mit langsamen Gedanken, Gefühlen und einer inneren Stimmung.

Ich schwebe zwischen zwei völlig entgegengesetzten Welten: Sizilien (Das nicht gleich Italien ist!) und Deutschland. Meine Mutter ist im schönen Celle geboren, in der Nähe von Hannover, während mein Vater Sizilianer war, und ein Stipendium für ein Medizinstudium in Hamburg bekommen hatte. Es waren die 60er Jahre: Die beiden hatten sich am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf kennengelernt und wurden ein Paar. Nach einigen Jahren entschied sich mein Vater, zurück in die Heimat zu kehren, um dort einer Tätigkeit als Medizin-Professor an der Universität Catania nachzugehen.

Meine Mutter fuhr einfach nach und blieb bis heute auf der Insel. Vier Kinder sind aus dieser Beziehung entstanden, und alle sind auf Sizilien geboren. Aber die Verbindung zu Deutschland wurde nie schwächer, vor allem für die ersten zwei Kinder, die viel häufiger als die letzten Zwei (Ich bin die Jüngste!) die deutschen Verwandten besuchten. Als Kind und als Mädchen war ich selten in Deutschland, aber meine Mutter sprach Deutsch (das „gute“ Deutsch aus Hannover 😉). Von den Tanten und Großtanten bekamen wir immer die leckere Süßigkeiten aus dem Norden und führten lustige Telefongespräche, in denen sich die zwei Sprachen auf drolligste Weise vermischten.

Ich kam später dazu, eine persönlichere Beziehung zu Deutschland aufzubauen: Zuerst studierte ich Germanistik an der Uni, und nach dem Studium besuchte ich die Theaterschule Aachen für Schauspiel und Regie. Ich lernte Deutschland auf meine eigene Weise kennen und vor allem ganz allein. Seitdem habe ich angefangen, regelmäßig zu „pendeln“. Wenn ich ehrlich bin, und mir kommen dabei wieder die Wörter „Herz“ und „Seele“ in den Sinn, verbinde ich das erste Wort mit „meiner“ Insel und „meinem“ Vulkan, der so mächtig über Catania herrscht, und das zweite Wort mit Deutschland, das in mir ein Gefühl von Ruhe und „Pause machen“ erweckt.

Sizilien – das „Herz“ – bedeutet für mich Chaos, Schmutz, Gewalt, Desorganisation, Arbeitslosigkeit, Mafia und Schlamperei aber auch Schönheit, Geschichte, Fröhlichkeit, Hitze und Liebe. Deutschland – die „Seele“ – steht bei mir für Sauberkeit, Respekt, Ordnung, Organisation, Kälte und Regen, wunderbaren Kuchen und ausgezeichnetes Brot. In Deutschland kann ich mich vom „Inferno“ Siziliens erholen, mir die geweinten Tränen über das Desaster auf der Insel aus dem Gesicht wischen und meiner Seele Gutes tun. Dann aber – nach einer gewissen Weile – muss ich mein Herz wieder stärker schlagen spüren und dem Tempo des Ätnas folgen. Ich möchte wieder laut sprechen und laut schreien und mich bei Wein und Musik treiben lassen.

Und das geht sicherlich immer so weiter bis ans Ende meiner Tage: Solange mein Herz schlägt und meine Seele fühlt…!

Carmela Silvia Sanfilippo


Carmela Silvia SanfilippoCarmela Silvia Sanfilippo zeigte ihr Talent schon in div. Theater-, Film- und Fernsehproduktionen sowohl in Deutschland als auch in Italien. So war sie dort u.a. festes Ensemble-Mitglied der Satire-Show „Metropolitaun“ und spielte Rollen in den beliebten TV-Krimis „Amore criminale“ und „Il commissario Montalbano“. Doch auch auf der Bühne konnte sie Publikum wie Kritiker gleichermaßen begeistern: So wurde ihr 2019 von der Stadt Leonford der „38. Premio Città di Leonforte“ für ihre schauspielerische Leistung im Stück „Una lunga attesta“ verliehen. Mit Gresi e gli altri (Gresi und die Anderen) schuf sie ihre eigene One-Women-Show, in der sie in unterschiedliche Rollen-Typen schlüpft und diese satirisch persifliert. Als Gresi könnt Ihr sie sowohl auf facebook als auch auf instagram bewundern. Weitere Information findet Ihr auch hier.


Herzlichen Glückwunsch: 3 Jahre .LESELUST

Ihr Lieben!

Es gibt heute wieder einen Grund zum Feiern:

Mein Blog und ich feiern nun schon unseren dritten gemeinsamen Geburtstag…!

3 Jahre: Ist es zu fassen? Wo ist nur die Zeit geblieben? Was ist in diesen drei Jahren alles bei mir/ mit mir passiert? Drei Mal habe ich einen neuen Arbeitsplatz für mich gesucht, gefunden und somit drei Mal den Arbeitgeber gewechselt: …ein Umstand, der mir so gar nicht entspricht, da ich die Kontinuität dem unsteten (Arbeits-)Leben vorziehe. Doch manchmal sollte es wohl so sein, wie es dann gekommen ist. Und dann ist es auch gut so…! Doch was ist – zumindest in den letzten zwei Jahren – alles nicht bei mir passiert: Meine letzte Lesung liegt 30 Monate zurück: Dieser Umstand schock mich doch, und ich hoffe, dass ich dies in absehbarer Zeit ändern kann.

3 Jahre: 209 Mal habe ich ein Buch in die Hand genommen, es gelesen und meine Meinung darüber öffentlich geäußert. Neben diesem Blog sind einige meiner Rezensionen wieder auf facebook und erstmals auf instagram erschienen. Wenn es so weiter geht, gibt es irgendwann doch meinen eigenen Youtube-Kanal, und ich mutiere noch zum hippen Influencer.

3 Jahre: 127 Mal habe ich eine MONTAGSFRAGE beantwortet. Dabei klopfe ich mir selbst stolz auf die Schulter, da ich vermute, dass ich einer der wenigen Teilnehmer*innen bin, der alle bisher gestellten Fragen beantwortet hat. Und ich sende ein herzliches Dankeschön an die Hüterin der MONTAGSFRAGE und an alle anderen Mit-Blogger*innen, die sich immer wieder so kreative Fragen rund um das Lesen und die Literatur einfallen lassen.

3 Jahre: 709 Beiträge haben das Licht der Blogger-Welt erblickt und bevölkern die vielfältigen Kategorien meines Blogs. Neben den etablierten Kategorien fällt mir doch hin und wieder auch eine neue Rubrik ein: Hatten im letzten Jahr „Literaten im Fokus…“ und „Blog-Ge-„switch“-er“ Premiere, so ging in diesem Jahr „Be my guest…“ mit dem ersten Gastbeitrag von Ute Gartmann, der Buchhändlerin meines Vertrauens, an den Start. Auf den zweiten Beitrag könnt Ihr Euch für morgen freuen: Schauspielerin Carmela Silvia Sanfilippo vereint in sich – dank ihrer Eltern – die deutsche Gründlichkeit mit sizilianischem Temperament. Oder vielleicht war es auch umgekehrt, aber lest doch selbst. Und so einige weitere Gäste haben ihr Kommen schon angekündigt…!

Doch so ein Geburtstag ist nicht nur eine wunderbare Möglichkeit, Gratulationswünsche in Empfang zu nehmen, sondern auch, mich bei Euch zu bedanken. Ihr alle folgt diesem Block – mal lauter, mal leiser – und schenkt ihm Eure Aufmerksamkeit. Ihr nehmt Euch die Zeit und lest meine – mal mehr, mal weniger – gelungenen geistigen Ergüsse. Mir ist durchaus bewusst, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, und ich danke Euch dafür von Herzen.

So freue ich mich umso mehr auf ein weiteres gemeinsames Jahr mit ganz viel .LESELUST…!!!

Herzliche Grüße

Andreas