[Rezension] Prosaische Passionen. Die weibliche Moderne in 101 Short Stories/ herausgegeben von Sandra Kegel

Wow! Ich bin geflasht, geplättet, baff! Auch wenn die Beschreibung meiner Reaktion, als ich diese Anthologie erstmals in den Händen hielt, etwas salopp anmutet, so kann ich meinen Eindruck zu diesem Buch nicht anders wiedergeben. Es ist nicht nur ein großes (in Bezug auf die Seitenzahl) Buch sondern auch ganz und gar großartiges Buch: 101 Short Storys aus 25 Weltsprachen von 101 Autorinnen auf über 900 Seiten (incl. einem Anhang aus Nachwort, Autorinnenviten und Quellenverzeichnis). Dabei kommen die Erzählungen der versammelten Damen nicht immer so artig daher – doch davon später mehr.

Es ist nun mehr als drei Jahren her, da echauffierte sich die Blogger-Gemeinschaft über eine neue Buch-Edition der „Süddeutschen Zeitung“ mit 10 Werken, die (angeblich) in keiner Sammlung fehlen dürften. Stein des Anstoßes: Es handelte sich hierbei ausschließlich um Werke von Männern. In meinem Beitrag Diversität „auf Teufel komm’ raus“: Bitte nicht! habe ich damals meine Meinung ausführlich kund getan, zu der ich heute noch stehe. Nun warte ich auf die ersten Unkenrufe, die bemängeln, dass in dieser nun vorliegenden Auswahl keine Männer vertreten sind. Meine Antwort darauf: Geht’s noch?! Habt Ihr keine anderen Probleme?! Mal gibt es Anthologien, die eine bunte Mischung (m/w/d) präsentieren, dann liegt der Schwerpunkt eher bei den Männern, und in diesem Fall geht es eben um die weibliche Sicht. Und diese kann sich durchaus von der männlichen Sichtweise unterscheiden bzw. im Laufe der Jahr(zehnt)e wandeln und verändern – abhängig von Ort und Zeit, will sagen: In welchem Jahrhundert, in welchem Land und vor welchem kulturellen Hintergrund hat die jeweilige Autorin gelebt und gewirkt.

Für diese Anthologie hat Herausgeberin Sandra Kegel sich einer wahren Mamut-Aufgabe gestellt und diese mit Bravour gemeistert. So decken die hier von ihr zusammengetragenen Geschichten einen Zeitraum von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ab und spiegeln so nicht nur die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft sondern auch den Wandel im (Selbst-)Bild der Frau wieder. Von den genannten Autorinnen war mir nur ca. ein Fünftel namentlich bekannt, was nicht bedeutet, dass ich darum schon etwas von ihnen gelesen hatte.

Da berichtet Agatha Christie in Die Fahrt auf der Themse über eine Frau, die Menschen nicht mag und der es somit schwer fällt, zwischenmenschliche Floskeln gesellschaftskonform anzuwenden. In Eine Heidin in der St. Paul´s Cathedral setzt Tekahionwake ihren Eindruck beim Besuch des besagten Gotteshauses aus grauem Stein im Vergleich zu den Ritualen ihres Stammes in der Erhabenheit der Natur. Sofia Tolstaja erzählt in Eine ganz überflüssige Bekanntschaft von den Gefühlswallungen beim Zusammentreffen einer verheirateten Frau mit einem Fremden, der sich über die Musik zu erkennen gibt. In Die Träumerin von Chawa Schapira begräbt die Titelheldin im Laufe ihres Lebens ihre Wünsche und Hoffnungen in ihrem Herzen, um den Erwartungen gerecht zu werden, die an sie gestellt wurden. Charlotte Perkins Gilman lässt in Wenn ich ein Mann wäre ihre Heldin in den Körper des Gatten schlüpfen und ermöglicht ihr so eine andere, doch nicht unbedingt angenehmere Sichtweise. Der Mond überm Dachfirst scheint bei Higuchi Ichiyo auf eine Ehefrau und Mutter, die sich standhaft den Avancen eines älteren, ebenfalls verheirateten Mannes verwehrt. Dorothy Parker lässt uns in Der Walzer an den bissig-ironischen Gedanken einer jungen Frau teilhaben, die mit ihrem Tanzpartner kein Glück hat, da dieser sich als allzu tollpatschig herausstellt. Dafür hat Die Tänzerin bei Patricia Highsmith einen kongenialen Partner, dem sie sich bewusst sexuell verweigert, um so den gemeinsamen Tango leidenschaftlicher zu zelebrieren. Bei Marlen Haushofer in I’ll Be Glad When You’re Dead… lauschen wir dem Monolog einer Frau, die sich von ihrem bisherigen Leben gelöst hat und nun mit sich, ihren Mit-Menschen im Besonderen und der Welt im Allgemeinen abrechnet.

Die Frauen in diesen Geschichten sind alle Individuen: Es gibt nicht die Frau. Es gibt nicht das Bild, wie eine Frau zu sein hat. Die Frauen in diesen Geschichten sind melancholisch und kokett, mitfühlend und berechnend, ernst und verschmitzt, liebevoll und verschlossen, sympathisch und abstoßend. Sie lachen und lieben, leiden und leben, weinen und singen, tanzen und verzweifeln, und manches Mal sterben sie auch. Sie bieten uns ein buntes, vielschichtiges Kaleidoskop an Lebensentwürfen, die zwischen den Extremen von Freude und Lebenslust bis Resignation und Verbitterung hin und her pendeln.

Dieses Buch präsentiert sich und seine Geschichten wie eine bunte Schatulle, die wertvolle Schmuckstücke in sich beherbergt. Niemand würde alle Schmuckstücke gleichzeitig aus der Schatulle nehmen und sich mit ihnen behängen. Im Gegenteil: Besonnen nimmt man – je nach Anlass – mal dieses, mal jenes Schmuckstück aus der Schatulle, um sich an ihm zu erfreuen. Und genau so verhalte ich mich mit diesem Buch. Ich habe bei weiten noch nicht alle Geschichten gelesen. Ich will auch nicht alle Geschichten in einem Rutsch lesen. Ich verweigere mich! Vielmehr möchte ich jede Geschichte als Solitaire für sich allein auf mich wirken lassen, um so ihre literarische Schönheit gebührend würdigen zu können.

Und so liegt dieses wunderbare Buch griffbereit auf dem Tischchen neben meinem Lesesessel und hat dort vielleicht eine Heimstätte für die Ewigkeit gefunden: Denn es gibt sie – die Bücher, die immer wieder und wieder zur Hand genommen werden müssen.


erschienen bei Manesse / ISBN: 978-3717525462

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Fotoshooting für das Stadttheater Bremerhaven: „Ich habe heute leider kein Foto für dich!“

„Mir doch egal, ich habe eigene!“

Wie es dazu kam, möchtet ihr nun erfahren? Das kann ich euch gerne verraten! Anfang Mai des vergangenen Jahres traf via Mail folgende Nachricht bei mir ein…

Lieber Herr Kück,

wie Sie wissen, sind wir sehr dankbar für Ihr Engagement und Ihre Treue zum Stadttheater. Deswegen dachten wir bei der Planung unserer neuen Außenwerbung auch als Erstes an Sie: Für unsere neue Abokampagne wollen wir unsere Zuschauer:innen bei uns im Saal zeigen, mit einem kleinen humorvollen Bruch im Bild. Eines der Motive soll eine berufstätige Person sein, die im Stadttheater Inspiration findet und den Alltag hinter sich lässt.

Dabei dachten wir an Sie! Haben Sie Lust sich dafür im Stadttheater professionell fotografieren zu lassen? Die Kampagne wird an Plakatwänden in der Stadt und online zu sehen sein.

Wir freuen uns sehr von Ihnen zu hören.
Liebe Grüße aus dem Stadttheater

Na, selbstverständlich hatte ich Lust: So machte ich mich – nachdem einige weitere Mails hin und her gegangen waren und bei einem erhellenden Telefonat auch meine letzten Fragen beantwortet wurden – am 1. Juni auf den Weg nach Bremerhaven zum dortigen Stadttheater – im Gepäck verschiedene Oberteile (Mantel, Sakko, Hemd) und div. Utensilien, die meinen Beruf symbolisieren sollten. Freundlich begrüßt wurde ich am vereinbarten Treffpunkt bei der Theaterkasse von Evelyn Walton, Referentin Marketing & Öffentlichkeitsarbeit, die mich in den Zuschauersaal des Großen Hauses führte. Dort erwarteten mich schon Kristin Niemann, die Leiterin der Abteilung Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, und die Fotografin Manja Herrmann, deren Arbeit ich schon mehrfach zu div. Inszenierungen an diesem Haus bewundern durfte.

Und da stand ich nun ziemlich dumm da – mitten im Zuschauersaal mit Blick auf die leere Bühne. Während die Damen handfest anpackten und tatkräftig das nächste Setting einrichteten, wurde ich zur Maske geführt, wo mir die Stellen meines Gesichts abgepudert wurden, die glänzten und somit beim Shooting für unschöne Reflektionen hätten sorgen können – will sagen: Mein Gesicht wurde komplett eingepudert!

Danach quetschte ich mich in eine Glitzerweste und schnürte mir einen Rüschenkragen um den Hals – beides von Frau Walton dem Kostümfundus entliehen. Hinter diesem Aufzug verbarg sich folgende Idee: „Mit einem Besuch im Theater dem Alltag entfliehen und neue Welten entdecken!“. So gewandet nahm ich im Zuschauersaal neben einer üppigen Gips-Putte Platz, während passenderweise hinter meinem Rücken ein Kulissenteil im Rokoko-Stil ins Bild geschoben wurde. Um Verwechslungen zu vermeiden: Ich bin auf den Fotos die linke Putte!

Und nachdem das Licht eingerichtet und die Kamera überprüft worden war, ertönten aus drei Kehlen gleichzeitig die Anweisungen, was ich nun zu tun hätte: Kopf höher/ tiefer/ nach links/ nach rechts, Mund schließen, Augen offen lassen, linken/ rechten Arm anheben, Sakko glätten, Armbanduhr entfernen, wahlweise interessiert/ gespannt/ überrascht gucken und bitte dabei gaaanz natürlich wirken. Und nach dem Wechsel der Garderobe begann das Spiel von Vorne!

Glücklicherweise hatte ich dank meiner früheren Tätigkeit bei der Scharmbecker Speeldeel schon etwas Erfahrung bzgl. Posen vor der Kamera. Und so regte sich in mir die alte Rampensau und buddelte sich aus mir heraus an die Oberfläche, um sich hier und jetzt ein wenig auszutoben.

Erstaunlich: Es wurden so viele Fotos in unterschiedlichen Klamotten, Posen und Settings gemacht, in der Hoffnung, dass das Foto dann darunter ist. Eine kleine Auswahl unserer gemeinsamen Bemühungen seht ihr hier:



Am 17. Januar ist die Kampagne nun angelaufen: Die Groß-Plakate hängen quer über Bremerhaven verteilt an öffentlichen Plätzen, schmücken div. Plakatwände und werben so für die Abonnements des Stadttheaters Bremerhaven.

Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, dass es so etwas Ähnliches wie einen BRAVO-Starschnitt geben soll: In den Programmheften des Premieren-Abos wird jeweils ein Teil von mir – sozusagen als Gimmick – beigelegt. Wer jede Premiere besucht und alle Programmhefte sammelt, kann die Teile dann zusammenkleben und mich in Lebensgröße ins Schlafzimmer, aufs Gäste-Klo oder sonst wo hinhängen. Dann könnte ich endlich mit Stolz geschwellter Brust aller Welt verkünden

„Ich bin ein Star, hängt mich hier auf!“
⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️


Anmerkung zum krönenden Abschluss: Vielleicht habe ich oben ein klitze-klein wenig dick aufgetragen und meinen Bericht etwas ironisch überhöht bzw. (dem Ort angemessen) theatralisch überspitzt. Doch Scherz beiseite und bahr jeglicher Ironie: Es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, und ich danke dem Stadttheater Bremerhaven, insbesondere Kristin Niemann und Evelyn Walton, von Herzen, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Mein Dank gilt selbstverständlich auch Manja Herrmann für die sensationellen Fotos. ❤

Ich habe es sehr gerne getan,…

…und ich würde es immer wieder tun!!!

…auch ohne Starschnitt. 😉

[Rezension] Giovanna Zoboli – Die wundersame Suppe des Monsieur Lepron/ mit Illustrationen von Mariachiara Di Giorgio

Immer am ersten Tag im Herbst kocht der vornehme Hase Monsieur Lepron aus dem Gemüse des Bauerngartens eine ganz und gar wundersame Suppe, die er sich dann gemeinsam mit seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln schmecken lässt. Das Rezept ist geheim: Niemand darf ihm beim Kochen zusehen. Denn während die Suppe auf dem Herd köchelt, macht er immer ein kleines Nickerchen und träumt davon, ein weltbekannter Koch zu sein, der seine Zutaten aus einem geheimen Garten erhält. Wenn er aufwacht, ist die Suppe fertig. Mit der Zeit spricht es sich herum, wie köstlich die Suppe des Monsieur Lepron ist, und viele – Mensch und Tier – von nah und fern fragen nach dieser Köstlichkeit. Um die Nachfrage zu befriedigen, gründet er eine eigene Suppenfabrik, in der Tag und Nacht Suppe gekocht wird. Monsieur Lepron und seine Familie sitzen nun nicht mehr gemütlich beisammen, sondern arbeiten rund um die Uhr in der Fabrik. Doch mit steigenden Umsätzen und einer höheren Auslastung der Fabrik werden auch Leprons Träume immer bedrohlicher – so bedrohlich, dass er nicht mehr schlafen mag. Und so schließt er die Fabrik und tollt lieber mit seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln über die Felder.

Natürlich ist die Geschichte bei einem Bilderbuch wichtig: Sie schafft mit Worten eine eigene Welt, gibt die Richtung vor, hebt Akzente hervor und ist die künstlerische Grundlage für den Illustrator und weckt dessen Kreativität. Doch ich bin ganz ehrlich: Wenn ich in einer Buchhandlung nach einem Bilderbuch greife, dann achte ich zuallererst auf die Illustrationen. Im besten Fall spricht mich der Stil des Künstlers an und weckt in mir so das Interesse an der Geschichte. Dabei können Bilder, die dem Minimalismus frönen, vielleicht sogar den Einlinienzeichnungen à la Pablo Picasso gleichen, durchaus ihren Reiz haben. Doch mein Auge erfreut sich viel mehr an wunderbaren, phantasievollen Kunstwerken, die ganze Welten entstehen lassen und in ihrem Detailreichtum mehr verraten, als der Autor mit Worten beschrieben hat.



Die wundersame Suppe des Monsieur Lepron ist ein solches Werk: Die Geschichte von Giovanna Zoboli ist durchaus charmant, vermittelt kindgerecht ihre Botschaft, sich immer treu zu bleiben, und bietet sich zum Vorlesen wunderbar an.

Doch emporgehoben zu etwas Besonderen wird dieses Buch durch die märchenhaften Illustrationen von Mariachiara Di Giorgio. Das Leben des Monsieur Leprons in Feld und Flur taucht sie in einen mystischen Dunst, schafft gelungen Perspektive mit dem bewussten Einsatz von Licht und Schatten und begeistert mit vielen humorvollen Details. So wirkt z. Bps. der Hasenbau mit seinen symmetrischen Fenstern und dem markanten Oberlicht der Tür wie eine Hasenschnauze. Die „Geschäftswelt“ gestaltet sie durchaus bedrohlicher – doch nicht minder detailreich – mit klaren Formen und Kanten und verwehrt ihr jegliche Romantik, lässt aber auch dort den Humor nicht vermissen.

So steht dieses Buch – vom Einband über dem Vorsatzpapier bis zu den die Geschichte begleitenden Illustrationen – ganz im Zeichen des Talents von Di Giorgio.


erschienen bei Bohem / ISBN: 978-3959392150 / in der Übersetzung von Ulrike Schimming

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Gilbert Keith Chesterton – Pater Brown. Tod und Amen

Ungewöhnliche Ermittler*innen sind im Krimi-Genre äußerst beliebt: Da darf es gerne die altjüngferliche Lady aus einem verschlafenen Nest in der Provinz, der dickliche Privatdetektiv mit einem Hang zur Orchideenzucht oder das Violine spielende Superhirn mit mangelnder Empathie sein. Sie alle haben sich schon vor Jahrzehnten einen immerwährenden Platz im Herzen ihrer Leserschaft erobert. Besonders reizvoll scheint es allerdings, wenn die ursprüngliche Profession des Ermittlers scheinbar völlig konträr zu Mord und Totschlag steht. Da bewegt sich z. Bsp. ein Geistlicher von der göttlichen Kanzel hinab in die Untiefen der menschlichen Existenz, um dort die christliche Nächstenliebe zu propagieren: Der Himmel trifft auf die Hölle.

Als Gilbert Keith Chesterton zwischen 1910 und 1935 einundfünfzig Erzählungen über Pater Brown verfasste, die zunächst in Zeitschriften und anschließend zusammengefasst in fünf Sammelbänden erschienen, hätte er sicher nicht damit gerechnet, dass sich seine Schöpfung auch noch heute einer großen Beliebtheit erfreut und die Vorlage für manche filmische Umsetzung liefert(e). So schlüpften sowohl Alec Guinness als auch Heinz Rühmann für das Kino in die Soutane. Für das deutsche Fernsehen trieb erst Josef Meinrad und später Ottfried Fischer den Monsignore in die Verzweiflung. Und die BBC scheucht seit einigen Jahren höchst unterhaltsam Mark Williams als Schnüffler vor Gottes Gnaden über den Bildschirm.

Nun hat der kleinen, unbedeutenden Land-Pater, der sich eher bescheiden im Hintergrund hält und darum von Kriminalen und Kriminellen nur allzu gerne unterschätzt wird, seine Heimat im Schweizer Kampa-Verlag gefunden und befindet sich dort in bester Gesellschaft mit Kommissar Maigret, Commissaire Lacroix und  Chief Superintendent Gamache.

Für diesen Sammelband wurde die Übersetzung von Hanswilhelm Haefs, der nachgesagt wird, dass sie sehr nahe am englischen Original bleibt, behutsam von Julian Haefs redigiert und um die Übersetzung der noch fehlenden 51. Geschichte „Father Brown und die Midasmaske“ ergänzt. So umfasst dieser Schmöker stattliche 1268 Seiten incl. ein zwölfseitiges Nachwort und 67 Seiten an Anmerkungen. Besonders die Anmerkungen haben es in sich: Erklären sie doch so manche humoristische Anspielungen, politische Seitenhiebe und zeittypische Besonderheiten, die wir aus heutiger Sicht als Unkundige der damaligen Epoche nur schwerlich verstehen würden. Sind der Anmerkungen auch viele, so stören sie nicht den Fluss der Geschichte und können eher als Obolus betrachtet werden, der Rückschlüsse auf die persönliche Haltung des Autors zum jeweiligen Thema zulässt.

Allen Geschichten ist gemein, dass sie raffiniert konstruiert sind und gerne mit einem Twist überraschen. Unser Held trifft in seinen Abenteuern auf vielschichtige Charaktere in interessanten Settings, deren jeweilige Beschreibung der Autor sehr atmosphärische gestaltet. Dabei erfährt die geneigte Leserschaft von unserem Titelhelden recht wenig. Viele Details aus seiner Vergangenheit müssen aus Nebensätzen zusammengereimt werden. Pater oder vielmehr Father Brown (die englische Anrede Father wurde bei den Übersetzungen beibehalten) dient vielmehr als Projektionsfläche seiner Co.-Stars wie Valentin, Chef der Pariser Polizei, oder dem Meisterdieb Flambeau. Wer die kurzweilige BBC-Serie kennt und somit auch bei den Erzählungen humorvolle Krimi-Komödien erwartet, wird verwundert sein: Im Vergleich zur filmischen Adaption sind die Geschichten oftmals sehr düster, beinah gespenstisch-schaurig und manchmal durchaus brutal in ihrer Beschreibung der Morde. Unwillkürlich erinnerten sie mich an die Stories von Edgar Allan Poe, der als Wegbereiter des Symbolismus in der Literatur gilt. Ähnliches meinte ich auch bei G. K. Chesterton erkennen zu können, wo Alltägliches überhöht dargestellt wird und so an Bedeutung gewinnt.

Ich mag Anthologien sehr gerne. Bestenfalls (so wie hier) sind sie wie ein literarisches Büffet: Ich nasche mal hier, probiere mal da. So tat bzw. tue ich es auch bei diesem Werk: Von allen 51 Geschichten habe ich noch nicht gekostet. Doch das Buch liegt – wie eine offene Pralinenschachtel – immer griffbereit auf dem Tischchen neben meinem Lesesessel, und so kann ich jederzeit nach Lust und Laune „hineingreifen“ und weiternaschen!


erschienen bei Kampa / ISBN: 978-3311125662 / in der Übersetzung von Hanswilhelm Haefs und Julian Haefs

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Musical] Marc Shaiman – HAIRSPRAY / Stadttheater Bremerhaven

Musical von Marc Shaiman / Liedtexte von Scott Whitman & Marc Shaiman / Buch von Mark O’Donnell & Thomas Meehan / Deutsche Fassung von Jörn Ingwersen (Dialoge) und Heiko Wohlgemuth (Songs) / Basierend auf dem New Line Cinema Film, Drehbuch und Regie von John Waters

Premiere: 5. November 2022 / besuchte Vorstellung: 8. Januar 2023

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Tonio Shiga
Inszenierung: Toni Burkhardt / nach einem Konzept von Iris Limbarth
Choreografie: Sabine Arthold
Bühne: Britta Lammers
Kostüme: Heike Korn
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Jedes kleinere Mehr-Sparten-Haus kennt diese Probleme bei der Besetzung eines Musicals aus dem hauseigenem Ensemble: Der Sopran kann wunderbar singen aber weniger gut tanzen. Der Schauspieler spielt sich ´nen Wolf, hat´s aber nicht so mit dem Singen. Und der Ballett-Tänzer kann nichts außer tanzen, tanzen und nochmals tanzen. Hinzu kommt ein in die Jahre gekommener Opernchor, dessen Mitglieder auch für die div. Nebenrollen herhalten müssen. Und das Philharmonische Orchester schmachtet sich zwar durch Puccini & Co., doch alles, was nach den 60er Jahren komponiert wurde, gilt als schnöde Populärkultur. Mit Biegen und Brechen würde man so noch eine halbwegs solide „My Fair Lady“ auf die Bretter zimmern, doch der Intendant schielt auf die neueren Werke des Genres, die vor Pop, Jazz und Soul nur so strotzen. Das Stadttheater Bremerhaven kennt diese Probleme…

NICHT! Hier formte Regisseur Toni Burkhadt gemeinsam mit Choreografin Sabine Arthold aus den hauseigenen Künstler*innen der unterschiedlichen Sparten in Kombination mit Gästen ein so homogenes Ensemble, dass sich die scheinbaren Schwächen zu Stärken wandelten. Burkhardts Inszenierung setzt auf Tempo: Leerlauf scheint hier nicht existent. Dafür sorgt er für fließende, beinah filmartige Übergänge. Doch er erlaubt seinem Ensemble auch die leisen, emotionalen Momente, die zum Kreieren glaubhafter Charaktere so wichtig sind. Arthold setzt in ihren tänzerischen Bewegungsabläufen auf zeittypische Elemente der Sixties. Sie lässt die Nicht-Tänzer*innen neben den Profis sehr gut aussehen. Dank ihrer gelungenen Choreografie bilden die Künstler*innen aus den unterschiedlichen Sparten eine homogene Einheit. Abgerundet zu einem gelungenen Gesamtkonzept wird die Inszenierung durch das wandlungsfähige Bühnenbild von Britta Lammers, in dem die Künstler*innen in den herrlich bunten Retro-Kostümen von Heike Korn agieren dürfen.

Doch nun: WELCOME TO THE 60’s!

Baltimore 1962: Die pummelige Schülerin Tracy Turnblad lebt mit ihrer übergewichtigen Mutter Edna, die aufgrund ihrer Figurprobleme alle ihre Träume und Hoffnungen aufgegeben hat, und ihrem Vater Wilbur, der einen schlecht laufenden Scherzartikelladen besitzt, sehr einsam. Ihre einzige echte Freundin ist die Außenseiterin Penny Pingleton, die von ihrer Mutter permanent unterdrückt und bevormundet wird. Tracys größter Traum ist es, in der Corny-Collins-Show mitzutanzen, der angesagtesten Show des Lokalfernsehens, in der nur die beliebtesten Teenager der Stadt tanzen. Außerdem hat sie sich vorgenommen, die „Miss Teenage Hairspray“-Wahl zu gewinnen. Während ihre Mutter skeptisch ist und Angst hat, dass ihre Tochter wegen ihres Aussehens verspottet wird, unterstützt ihr Vater sie und macht ihr Mut, dass man seine Träume verwirklichen soll. Als sie dank ihrer Hartnäckigkeit und ihres Selbstbewusstseins tatsächlich an der Show teilnehmen darf, wird sie – gerade wegen ihres Aussehens und ihrer Natürlichkeit – über Nacht zum Vorbild für viele Teenager, die sich mit ihr identifizieren. Sie verliebt sich in den Star der Show, den jungen Sänger Link Larkin, der auf seinen großen Durchbruch wartet und darum eine kamerataugliche Zweck-Beziehung mit der arroganten Amber von Tussle hat. Durch ihre neugewonnenen Freunde Seaweed, seiner kleinen Schwester Inez und deren Mutter Motormouth Maybelle erfährt Tracy von den vielfältigen Repressalien, denen farbige Menschen ausgesetzt sind. Ihre neue Berühmtheit nutzt sie zu einer Kampagne gegen die Trennung von Schwarzen und Weißen in der Corny-Collins-Show, was Amber von Tussle und ihre Mutter Velma zu verhindern versuchen. Dann geht die „Miss Teenage Hairspray“-Wahl in ihre entscheidende Runde. Amber von Tussle ist siegessicher, doch in letzter Sekunde taucht Tracy auf und wendet – mit Unterstützung ihrer Eltern und Freunde – die Wahl zu ihren Gunsten…!



Ich glaube, ich durfte auf der Bühne des Stadttheaters Bremerhaven noch nie ein so großes Ensemble erleben, das sich aus Künstlern aller Sparten incl. Gäste zusammensetzte: Da waren die wunderbaren Tänzer*innen des Balletts, die agilen Sänger*innen des Opernchores und die entzückenden Kids des Kinderchores. Einem Chor der griechischen Antike gleich sorgten Louisa Heiser, Sharon Isabelle Rupa und Nicole Rushing als The Dynamites verführerisch rotgewandet für einen authentischen Motown-Sound. Schauspieler Karsten Zinser lieferte ein kleines humoristisches Kabinettstückchen als selbstverliebter Corny Collins. Iris Wemme-Baranowski überzeugte als rustikale Gefängnisaufseherin ebenso wie als psychopathische Prudy Pingelton. Sydney Gabbard warf sich als quirlige Penny Pingleton mit Leidenschaft in die Arme ihres Seaweed, den Malcom Quinnten Henry mit geschmeidigem Körper und ebensolcher Stimme zum Leben erweckte. Vanessa Weiskopf gefiel in der liebenswerten Rolle der kleinen Schwester Inez. Getoppt wurden die beiden allerdings durch ihre Bühnenmutter Motormouth Maybelle: Debrorah Woodson verkörpere diese Rolle schon bei der deutschsprachigen Erstaufführung in Köln und hat sie so sehr verinnerlicht, dass jede Geste, die Mimik und jedes Wort ganz natürlich erschienen. Den Song Ich weiß, wo ich war gestaltete sie zu einer berührenden Hymne, die das Publikum für einen Moment still innehalten ließ, bevor Woodson mit einem frenetischen Applaus belohnt wurde.

Mezzo Boshana Milkov als Velma von Tussle sonderte mit einer beängstigenden Selbstverständlichkeit ihre rassistischen Plattitüden ab. Bei der Interpretation der Songs, die sie mit Grandezza darbot, spürte man deutlich ihre Liebe zum Jazz. Ganz als Mini-Me einer übermächtigen Mutter schlüpfte Schauspielerin Julia Lindhorst-Apfeltahler in die Rolle der Amber von Tussle und ließ hinter der schönen Fassade des blonden Dummchens einen willensstarken (nur leider fehlgeleiteten) Geist durchblitzen. Beiden Künstlerinnen gelang das Kunststück, den jeweiligen Part nicht eindimensional böse erscheinen zu lassen, sondern auch den schrägen Humor aus der Rolle herauszukitzeln.

Tenor Andrew Irwin schmachtete sich als umschwärmter Teeny-Star Link Larkin hingebungsvoll durch seine Songs und amüsierte mit überkandidelten Star-Attitüden, indem er z. Bsp. immer wieder seine Haartolle kokett zurück warf. Doch sobald die Scheinwerfer erloschen waren, kam der sympathische Junge von Nebenan zutage, der seine Zweifel und Ängste nicht verbergen konnte, und in den sich Tracy verständlicherweise verlieben musste.

Seit 1988 beschäftige ich mich sehr intensiv mit dem Genre Musical: Einige Werke haben für mich einen herausragenden Stellenwert und sich einen besonderen Platz in meinem Herzen erobert. Da verspüre ich immer, wenn ich ins Theater gehe, eine gewisse Unsicherheit aus Angst, die jeweilige Inszenierung würde diesem Werk nicht gerecht werden. Ähnlich geht es mir mit einigen Rollen, die oberflächlich das pure Entertainment versprechen, aber unter der glitzernden Oberfläche eine wichtige Botschaft transportieren. Eine dieser Rollen ist Zaza aus LA CAGE AUX FOLLES, die andere Rolle ist Edna aus HAIRSPRAY. Beiden Rollen ist gemein, dass ein Mann in Frauenkleider schlüpft: Es besteht durchaus die Versuchung, dem „Affen Zucker zu geben“ und dem Klamauk zu frönen. Oder die Rolle wird wertschätzend behandelt, ohne dass die unterhaltenen Aspekte vernachlässigt werden. Regie und Darstellung wandeln da auf einem schmalen Grat zwischen Trash und Ernsthaftigkeit. Die Fallhöhe kann dabei enorm sein.

Voller Erleichterung spürte ich schon bei ihrem ersten Erscheinen, dass Edna hier am Stadttheater Bremerhaven bei Regisseur und Darsteller in den allerbesten Händen ist. Ein respektvolles Raunen gepaart mit einem überraschten Auflachen waren im Publikum zu vernehmen, als Bass Ulrich Burdack (O-Ton: „ein 2 Meter großer 3 Zentner-Mann“) zum ersten Mal hinter dem Bügelbrett in Erscheinung trat. Burdack verzichtete wohltuend auf eine übertriebene Feminisierung in der Stimme: Er blieb seiner Stimmlage Bass treu, was in manchen Dialogen zur Erheiterung des Publikums führte. Seine Edna ist eine Matriarchin, die pragmatisch die Geschicke der Familie lenkt. Von ihren eigenen Träumen hat sie sich verabschiedet. Dabei wirkt sie durchaus nicht verbittert: Das Leben hatte eben anderes mit ihr vor, und mit diesem Leben hat sie sich arrangiert. Und so bügelt und wäscht sie sich „eine Wölfin“ zum Wohle ihrer Lieben. Doch tief in ihrem Inneren versteckt sich sowohl die Revoluzzerin, die Ungerechtigkeiten vehement mit vollem Körpereinsatz bekämpft, als auch das junge Mädchen, das nach wie vor in ihren Wilbur verliebt ist. Schauspieler Kay Krause bildet zu Ulrich Burdacks Edna einen wunderbaren Gegenpart: Sein Wilbur ist ein ältlicher Harlekin, der sich seine kindliche Freude an den Kuriositäten in seinem Scherzartikelladen (und des Lebens) bewahrt hat, dem Schicksal vorbehaltlos gegenübertritt und seine Edna bedingungslos so liebt wie sie ist. Das gemeinsame Duett Du bist zeitlos für mich entpuppte sich als rührende Liebeserklärung, bei dem Burdack und Krause munter das Tanzbein schwangen, sich ihrer Liebe versicherten und voller Stolz auf ihre Tochter Tracy blickten.

Sopranistin Victoria Kunze begeisterte mich schon in so mancher Rolle des Opern-Repertoires und sang dort die Koloraturen ihrer Partien immer makellos. Als Tracy nahm sie ihre klassische Stimme bescheiden zurück, doch brillierte in den Songs auch in den höchsten Tönen. Zudem tanzte sie sich mit überschäumender Energie die Seele aus dem Leib und gestaltete ihre Rolle mit einer überzeugenden Natürlichkeit, gepaart mit einer immensen Freude am Spiel, die sich über den Orchestergraben hinweg auf das Publikum übertrug. Ihre Tracy Turnblad ist ein wahrer Sonnenschein mit dem Herz am rechten Fleck. Bravo!

„Bravo!“ möchte ich auch dem musikalischen Leiter Tonio Shiga zurufen, der das Philharmonische Orchester zur Höchstleitung anheizte und für einen süffigen Sound sorgte. Die mitreißende Musik mit ihrer Mischung aus R&B, Motown und Rock’n’Roll bahnte sich aus dem Orchestergraben heraus ihren Weg zuerst ins Ohr über das Herz direkt in die Füße, um dort für ein permanentes Wippen zu sorgen. Auf meinem Gesicht nistete sich ein seliges Dauergrinsen ein, und ich konnte mich beim fulminanten Schlussapplaus dem Ruf des Ensembles nur anschließen:

YOU CAN’T STOP THE BEAT!


Im Stadttheater Bremerhaven wird noch bis zum Ende der Saison reichlich HAIRSPRAY versprüht – und das alles mit viel Witz und Esprit!!!

Neues Jahr, neues Glück, neue Ideen…

…ganz bestimmt nicht: Haha, nochmals falle ich nicht darauf rein und verspreche Anfang des Jahres vollmundig und selbstüberschätzend, wie viele tolle Ideen ich habe, und welche bahnbrechenden Veränderungen hier auf meinem Blog stattfinden werden. Und am Ende des Jahres habe ich von all den großkotzig angekündigten Versprechungen gerade einen kaum erwähnenswerten Prozentsatz umgesetzt. Diesen eklatanten Fehler werde ich nicht noch einmal begehen. Diesmal halte ich mich vornehmend bedeckt und übe mich in nonchalanter Zurückhaltung. Lasst Euch einfach überraschen…!

Was ich Euch allerdings getrost und somit sehr gerne verraten kann, sind die Bücher, die teilweise schon auf dem Tischchen neben meinem gemütlichen Lesesessel liegen und auf mich warten…



Wie könnte es bei mir auch anders sein, werden die Kriminalromane selbstverständlich weiterhin einen großen Platz auf meinem Blog einnehmen. Und so beginne ich das Jahr mit einem Klassiker des Genres, mit den kurzweiligen Geschichten um Pater Brown. Tod und Amen von G. K. Chesterton, die schon im Herbst als üppiger Sammelband im Kampa Verlag erschienen sind.

Um einen üppigen Wälzer handelt es sich auch bei Prosaische Passionen. Die weibliche Moderne in 101 Short Stories aus dem Manesse Verlag. Herausgeberin Sandra Kegel hat eine Mamutaufgabe gemeistert und hier Erzählungen und Prosastücke aus über 25 Sprachen zusammengetragen. Dies ist eines der Werke, das mich sicherlich über einen sehr langen Zeitraum begleiten und begeistern wird.

Im Februar erscheint nun endlich mit Blautöne der neuste Roman von Anne Cathrine Bomann bei Hanser blau. Ihr Erstlingswerk „Agathe“ konnte mich schon so sehr begeistern, da bin ich nun auf ihren neusten Streich sehr gespannt.

Wie bei meinem „Lese-Highlights 2022“ schon angekündigt, werden die Klassiker mich auch in diesem Jahr weiter beschäftigen: So warten Der alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway (Rowohlt Verlag) und Rebecca von Daphne du Maurier (Insel Verlag) schon auf mich.

Der Reclam Verlag kann nicht nur „klein und gelb“ sondern auch „groß und illustriert“: Da juckt es mir schon sehr in den Fingern, und ich muss mich zurückhalten, um nicht gleich zu einer dieser tollen Prachtexemplare zu greifen: Heinrich Manns Der Untertan (illustriert von Arne Jysch) und Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald (illustriert von Adam Simpson).

Apropos „illustrierte Fassung“: Dank der Büchergilde Gutenberg bin ich da immer gut aufgestellt und freue mich schon sehr sowohl auf Der dritte Mann von Graham Greene als auch auf Arsène Lupin. Der Gentleman-Gauner von Maurice Leblanc. Beiden Romanen schenkte Annika Siems ihre ausdrucksstarken Illustrationen.

Kindheitserinnerungen werden bei mir wach, wenn ich an die Abenteuer-Reihe von Enid Blyton denke. Im Bocola Verlag erscheinen nun alle Bände in einer exklusiven Edition nach den englischen Originalausgaben. Die ersten beiden Bände habe ich mir von einem lieben Menschen schon schenken lassen. 😍

Der Klett-Cotta Verlag bleibt seinem eingeschlagenen Weg treu und schenkt uns Anhängern der klassischen Kriminalliteratur mit Tod im Wunderland von Nicholas Blake wieder ein kleines Schmankerl.

Selbstverständlich darf SIE nicht fehlen: Agatha Christie ist gleich mit zwei Werken aus dem Atlantik Verlag in der ersten Jahreshälfte bei mir vertreten. Weder bei Etwas ist faul noch bei Der Hund des Todes kommt Miss Marple oder Hercule Poirot zum Einsatz. Doch mein Lese-Vergnügen wird diese Tatsache sicherlich in keiner Weise schmälern.

Dieser Prachtband ist so üppig, dass ich ihn nur ohne Gefahr, eine Sehnenscheidenentzündung im Arm zu erhalten,  betrachten und lesen kann, wenn ich ihn auf den großen Esstisch platziere: Der Orient-Express. König der Züge von Guillaume Picon und Benjamin Chelly aus dem Frederking & Thaler Verlag. Natürlich dachte ich bei dieser Thematik sofort an Agatha Christie und freue mich schon sehr, beim Betrachten dieses Bildbandes in Gedanken gemeinsam mit Hercule Poirot durch die Abteile dieses legendären Zuges zu wandern. Dieses traumhafte Buch wurde mir ebenfalls von einem lieben Menschen geschenkt. 😍


Auch im Jahr 2023 werde ich weiterhin voller Freude die Rubrik „Kulturelles Kunterbunt“ mit Inhalten füttern: Die eine oder andere Eintrittskarte hängt schon an meiner Pinnwand und wartet geduldig auf ihren Einsatz und ist dabei deutlich geduldiger als ich es je sein könnte. So warte ich voller Ungeduld aber auch mit einer Menge Vorfreude auf…

…zudem möchten ich endlich gerne eines der KAMMERKONZERTE des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven besuchen. Die Konzerte finden immer im HISTORISCHEN MUSEUM BREMERHAVEN statt, dessen Ausstellung mich auch unabhängig vom Besuch eines Konzertes interessieren würde. Außerdem war ich schon gefühlt seit einer Ewigkeit nicht mehr Gast bei einer Lesung: Die Buchhandlung meines Vertrauens DIE SCHATULLE hat da ein ganz wunderbares Potpourri an Lesungen zusammengestellt. Da werde ich sicher fündig…!


Bücher & Kultur: Beides ist mir immens wichtig und bereichert mich und mein Leben über alle Maßen. Doch was wäre ich ohne die Menschen in meinem nahen und näheren Umfeld? Mein Leben wäre ärmer ohne die vielfältigen Begegnungen, ohne den Austausch, ohne Zuneigung und Bestätigung. Die Welt ist so verrückt geworden: Was vor einigen Jahren unvorstellbar schien, ist heute beinah Normalität. Die Grenzen, was tolerabel und was inakzeptabel ist, haben sich verändert, und – wie ich finde – leider nicht zum Besseren. Darum: Bitte lasst uns aufeinander Acht geben und dafür Sorge tragen, dass unsere Welt ein lebens- und liebenswerter Ort bleibt.

Und: Bitte bleibt ALLE gesund!

F R O H E S   N E U E S   J A H R

Liebe Grüße
Andreas

[Noch ein Gedicht…] Max Hartung – SILVESTERNACHT

Die Glocken tönen durch die Nacht,
Du lauschest ihrem Klingen;
Das Jahr, das du herangewacht,
Was wird das neue bringen?

Kein Glockenlaut, kein Menschenmund,
Noch der Gestirne Kreisen
Vermag auf Gottes Erdenrund
Die Zukunft dir zu weisen!

Drum frag dich selbst! Das Jahr wird gut,
Gehst du auf rechten Wegen,
In deinem Tun und Lassen ruht
Des neuen Jahres Segen.

Max Hartung

LESE-HIGHLIGHTS 2022…

Dat Johr geit to End, un de Lichter verbrennt.Man, de Tied stickt een Licht an in di.Dat Johr geit to End, un de Lichter verbrennt.Man, de Tied stickt een Licht an in di.

Ja, das Jahr geht zu Ende! Nur noch wenige Tage, und dann ist auch dieses Jahr Geschichte. Und wie am Ende eines jeden Jahres überkommt mich ein wenig Wehmut, die sich gerne auch in meine von mir freudig erwartete Jahresend-Depression verwandelt: Ich bin noch erschöpft vom alten Jahr, blicke frustriert auf das Neue Jahr und denke bei mir „Jetzt geht der ganze Sch… von vorne los!“ Wenigstens einmal im Jahr gönne ich mir den Luxus, suhle mich hemmungslos in Selbstmitleid und heule in meinem stillen Kämmerlein ein paar Taschentücher nass.

Und doch ganz bin ich noch nicht soweit, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen: Werfen wir doch gemeinsam erstmal einen Blick zurück auf mein Lese-Jahr, das mitunter ein wenig holperig daherkam. Die Gründe für manches Stocken in meinem Lesefluss lassen sich in eine der drei folgenden Kategorien einsortieren: „Lustlosigkeit“, „Zeitlosigkeit“ oder „Lust- und Zeitlosigkeit“. An einer „Buchlosigkeit“ kann es definitiv nicht gelegen haben: Mein SuB überzeugt nach wie vor mit einer stattlichen Höhe.

Trotz des einen oder anderen Romans neueren Datums, griff ich dieses Jahr eher zu den Klassikern und entdeckt für mich so einige Schätze, die bisher wenig bis gar keine Aufmerksamkeit von mir erhielten – völlig unverständlich! Mein neu erwachtes Interesse an den Klassikern wird auch noch Auswirkung auf die Wahl meiner Lektüre im kommenden Jahr haben. Doch dazu später mehr. Hier erstmal meine Jahres-Highlights 2022…



  • Im Februar erfreute ich mich an der wunderbaren Anthologie Die besten Geschichten mit Werken vom Meister der „Short-Story“ O. Henry, von dem ich bis dahin nur seine wohl bekannteste Geschichte „Das Geschenk der Weisen“ kannte.
  • Den Mai eröffnete ich passender Weise mit Frühlingsgefühle. Geschichten von der Liebe von Anton Čechov und war wieder bezaubert von seinem melancholisch-heiteren Erzählstil.
  • Der Juni entführte mich mit Kurt Tucholsky auf Schloß Gripsholm. Hans Traxler bereicherte diese charmante Geschichte mit seinen gelungenen Illustrationen.
  • Im Juli brauchte ich für Gesang zwischen den Stühlen. Gedichte von Erich Kästner zwar keine gut geölten Stimmbänder, dafür forderten seine Gedichte meine volle Aufmerksamkeit.
  • Heinrich Mann machte mich ebenfalls im Juli bekannt mit Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen, zu dem Martin Stark (nomen est omen) ausdrucksstarke Illustrationen beitrug.
  • Im August erkannte ich mit Schrecken, dass ich Erich Kästners Das fliegende Klassenzimmer noch nie gelesen hatte und musste diesen Zustand sofort ändern.
  • Den Oktober verbrachte ich in England auf Einladung von Oscar Wilde, der mich in Das Gespenst von Canterville mit seiner famosen Fabulierkunst entzückte.
  • Im Rahmen meiner geliebten Rubrik LEKTÜRE ZU FEST machte ich im November dank Morgen kommt der Weihnachtsbär erstmalig die Bekanntschaft mit Janosch: eine Bekanntschaft, die ich gerne weiter vertiefen möchte.
  • Im Dezember kurz vorm Fest konnte ich der Versuchung nicht länger widerstehen und beschenkte mich selbst mit einer Illustrierten Fassung von O. Henrys Das Geschenk der Weisen, die der Künstler Patrick James Lynch mit seinen Bildern veredelt hat.

So, der Rückblick auf mein Lese-Jahr ist geschafft. Nun kann ich mich hemmungslos gehen lassen und meinem Jahresend-Depri frönen: Die Familienpackung Papiertaschentücher liegt schon bereit. Aber keine Angst: Dieser Zustand wird nicht lange andauern. Nach einiger Zeit werde ich wie Phönix aus der Asche wieder erscheinen – gänzlich frustbefreit – und dann kann es wieder weitergehen!

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch und für das Neue Jahr 2023 nur das Allerbeste!

Liebe Grüße
Andreas