[Rezension] Tom Krausz – Hamburg Noir. Die verschwundene Frau

Wann waren wir zuletzt in unserer Lieblingsstadt: Hamburg – meine/ unsere Perle!? War es tatsächlich zuletzt am 24. September 2019, als wir an einem lauen Spätsommerabend (oder evtl. war es auch schon ein Frühherbstabend 😉) im Stadtteil St. Georg auf dem Bürgersteig vor den geöffneten Fenstern eines italienischen Restaurants saßen und uns unsere Pizzen munden ließen. Anschließend machten wir uns auf den Weg, um nur ein paar hundert Meter weiter im Ohnsorg-Theater die wunderbare Komödie Een Mann mit Charakter uns anzusehen. Es scheint mir, als wäre dies in einem anderen Leben, in einer anderen Welt passiert: Und stimmt es etwa nicht, dass sich unser Leben und unsere Welt seitdem massiv verändert haben? Meine Sehnsucht nach Hamburg versuche ich mit Filmen, Serien und Büchern (natürlich nur notdürftig) zu stillen!

Es war wieder einer dieser Tage: Privatdetektiv Paul Ness saß untätig in seinem Büro, rauchte eine Lucky Strike nach der anderen und haderte mit seiner chronischen finanziellen Unterversorgung, als plötzlich das Telefon klingelt. Ein Unbekannter bietet ihm einen lukrativen Auftrag an: Er soll seine untreue Ehefrau aufspüren, die zusammen mit einem anderen Kerl und dem stattlichen Sümmchen von 50.000 in bar abgehauen ist. Ness’ Ermittlungen führen ihn einer Schnitzeljagd gleich durch die ganze Stadt. Schnell merkt er, dass auch andere dunkle Gestalten Interesse am Verbleib der verschwundenen Frau haben. Auch die verführerische Ruth Schöller, angebliche Freundin der Verschwundenen, verhält sich verdächtig und weckt – trotz immenser Anziehungskraft – sein Misstrauen. Ein Privat-Schnüffler muss eben immer und überall auf der Hut sein…!

Bisher war mir Fotograf Tom Krausz durch seine künstlerische Kooperation mit Elke Heidenreich bekannt. So haben beide u.a. an dem opulenten Bildband „Schlafes Mörder“ zusammengearbeitet, in dem sie versuchten, dem Mythos um Shakespeare’s Macbeth mit eigen(willig)en Texten und Bildern näher zu kommen. Vor einigen Jahren durften wir die Live-Performance erleben, die durch das Zusammenspiel von Text, Bild und musikalischer Untermalung beeindruckte.

Im vorliegendem Fall ist nun Krausz beides in Personalunion: Autor und Fotograf. Zudem vereint er zwei seiner Herzensangelegenheiten in diesem Buch: seine Liebe zum Krimi Noir und zu seiner Heimatstadt Hamburg.

Der Autor Krausz scheint den Text bewusst im Stil der kriminalistischen Groschenromane gehalten zu haben, wo echte „hardboiled detectives“ als einsame Rächer durch die Straßen der Großstadt ziehen. Die Lektüre bereitete mir als Leser durchaus eine Menge Spaß. Da verzeihe ich ihm auch so manche unglaubwürdige Entwicklung im Plot: Entweder gelangt wie durch Zauberhand eine Nachricht in die Manteltasche unseres Protagonisten und führt ihn so unversehens zur nächsten heißen Spur, oder die verführerisch-verruchte Femme Fatal taucht „zufällig“ immer dann auf, wenn es für ihn brenzlig wird und rettet ihn somit aus dieser verzwickten Situation. Krausz lässt unseren Held in dieser geradezu kruden Story durch die Straßen der Hansestadt hetzen, liefert dadurch reichlich Gelegenheiten, seine Kamera gekonnt einzusetzen und lenkt den Fokus so auf die Stadt mit all ihren unterschiedlichen Facetten.

Hamburg ist – „the one an only“ – der Star und spielt in dieser Kriminalgeschichte die einzige Hauptrolle. So rückt der Fotograf Krausz auch „seine“ Stadt gekonnt in Szene: In atmosphärischen Schwarz-Weiß-Fotos kitzelt er den Reiz der Metropole hervor, entblättert ihren rauen Charme und schafft somit eine Ästhetik, die mich an alte TV-Serien wie „Stahlnetz“ erinnerte, bei der einige Folgen im Hamburg der Nachkriegsjahre gedreht wurden. Dank dieser kriminalistischen Schnitzeljagd tauchen auf den Fotos so viele mir bekannt Orte auf, dass ich ganz verzückt in Erinnerungen schwelge: von St. Pauli bis zum Jungfernstieg, vom alten Elbtunnel bis zum Heidi-Kabel-Platz, von der Außen- über die Binnenalster bis zur Gurlittstrasse im Stadtteil St. Georg, wo sich übrigens unser Stammhotel befindet…!

Dank Krausz’ stimmungsvollen Fotos begebe ich mich vor meinem inneren Auge auf eine lustvolle imaginäre Wanderschaft durch die Straßen seiner/ meiner/ unserer Perle an der Elbe!


erschienen bei Koehler/ ISBN: 978-3782212571

[Rezension] Lupita Nyong’o – Sulwe/ mit Illustrationen von Vashti Harrison

Vorwort: Vor einiger Zeit blieb ich beim Zappen durch die Fernsehprogramme beim Sender „arte“ hängen. Dort lief eine Reportage über eine Studie in den USA. Dabei wurden Kindern mit dunkler Hautfarbe zwei Puppen gezeigt. Die eine Puppe hatte eine helle Haut, die andere Puppe hatte einen dunklen Haut-Ton. Die Kinder, die zwischen 4-6 Jahre alt waren, wurden gefragt, welche Puppe sie schöner fänden. Alle zeigten auf die „weiße“ Puppe. Dann wurden sie gefragt, welchen Haut-Ton sie mit schlecht/böse verbinden. Ausnahmslos alle Kinder zeigten auf die „schwarze“ Puppe. Bei der dritten Frage, welche Puppe ihnen selbst ähnlich sieht, blieb mir als Zuschauer beinah das Herz stehen. Alle Kinder deuteten auf die dunkle Puppe und wirkten dabei ängstlich, traurig und verzweifelt. Einige Kinder brachen sogar in Tränen aus. Mir selbst liefen in dem Moment die Tränen über das Gesicht, und ich fragte mich, was in unserer Gesellschaft – verdammt nochmal – so schief läuft, dass diese kleinen unschuldigen Menschenkinder mit einem solchen Stigma aufwachsen müssen. Am liebsten hätte ich jedes von ihnen in die Arme genommen, getröstet und ihnen gesagt, dass sie ganz außergewöhnliche, einzigartige und wundervolle Geschöpfe sind.

Sulwe ist traurig: Sie sieht so ganz anders aus wie ihre Familie. Während Mama, Papa und ihre Schwester viel hellere Haut haben, ist ihre Haut mitternachtsfarben. Und wegen dieser Hautfarbe wird sie in der Schule gehänselt und ausgegrenzt. All ihre Versuche, ihre Haut aufzuhellen, schlagen fehl. Sogar ihr Gebet an den lieben Gott bleibt scheinbar ungehört. Mama versucht sie zu trösten, erklärt ihr, dass das Leuchten der Schönheit von innen kommt, und erinnert sie an die Bedeutung ihres Namens: Stern! In der gleichen Nacht erscheint Sulwe eine Sternschnuppe und lädt sie zu einer Reise in die Vergangenheit ein. Seit ewigen Zeiten gab es zwei Schwestern, die sich sehr lieb hatten, und gänzlich unterschiedlich waren. Sie hießen „Tag“ und „Nacht“ und waren sehr glücklich miteinander. Aber die Menschen behandelten die Schwestern sehr unterschiedlich: Während sie „Tag“ verehrt, verfemten sie „Nacht“. „Nacht“ war darüber so traurig, dass sie ihre Schwester verlies. Fortan war immer nur „Tag“, doch die Menschen erkannten, dass sie beide Schwestern brauchen, und jede Schwester für sich ihre eigene unverwechselbare Schönheit hat. Und als Sulwe am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie erkannt, dass zur Schönheit eines Menschen mehr gehört als der Ton seiner Haut…!

Diversität: Dieser Begriff ist momentan in aller Munde. Beinah drängt sich mir der Eindruck auf, dass alles und jeder – von Institutionen bis Prominente – sich mit diesem Begriff schmückt, um möglichst hipp und weltoffen zu wirken. Vieles Gutes wurde durchaus schon erreicht, doch einiges erscheint mir auch wie Augenwischerei. Die weltweiten Ereignisse der jüngsten Vergangenheit offenbaren schmerzlich, dass noch vieles zu tun ist…!

Autorin Lupita Nyong’o legt gemeinsam mit Illustratorin Vashti Harrison ein wunderbares Bilderbuch vor, dass die Realität eines kleinen Mädchens zwar nicht beschönigt aber durchaus kindgerecht abmildert: Rassismus und Mobbing ist leider auch schon für Kinder real existent. Dabei verpacken sie Sulwes Reise in stimmige Texte und stimmungsvolle Bilder. Nyong’o spiegelt in ihren Texten glaubhaft den Alltag eines Kindes, lässt dabei den Humor nicht vermissen und wählt für Sulwes nächtliches Abenteuer einen märchenhaften Ton. Harrison bedient sich für ihre Illustrationen vornehmlich bei den Farbgruppen „blau-violett“ und „gelb-gold“ und schafft durch diese Kontrastierung, die Farben in all ihren Schattierungen wirken zu lassen. Zudem ist die Haptik des Einbands angenehm samtig, und der überlegte Einsatz von Gold und Glitzer macht das Bilderbuch sehr edel. Auch die weiteren gestalterischen Details überzeugen: So sind die Muster der Vorsatzpapiere den Kleidern der Schwestern „Tag“ und „Nacht“ nachempfunden, ein Poster liegt ebenso bei, und ein Hinweis verweist auf ein Malbuch zum Download.

Lupita Nyong’o und Vashti Harrison ist gemeinsam ein berührendes Plädoyer für ein liebevolleres Miteinander gelungen, das ebenso ein Statement für Toleranz und Akzeptanz setzt. Jetzt braucht es von diesem wichtigen Bilderbuch nur noch eine Variante für Jungs, damit auch sie eine entsprechende Identifikationsfigur haben. Aber vielleicht ist es auch schon „in Arbeit“…!


erschienen bei Mentor/ ISBN: 978-3948230180

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #119: Nehmt Ihr regelmäßig Kontakt zu Autoren auf? Wenn ja, bezüglich welcher Themen?

Nun sind wir doch tatsächlich im Monat Mai angelangt, d.h. es dauert nicht mehr lange, und das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Höchste Zeit, sich über die Weihnachtsgeschenke Gedanken zu machen…! 😉

Doch nun zur Beantwortung der heutigen MONTAGSFRAGE, bei der mir sofort zwei Wörter förmlich ins Gesicht sprangen: Können wir bitte mal die Wörter „regelmäßig“ und „Kontakt“ genauer definieren?! „Regelmäßig“ kann von 1x wöchentlich bis 1x im Jahrzehnt ALLES beinhalten, ebenso könnte als „Kontakt“ sowohl ein verschämtes Bitten um Signatur während einer Lesung als auch ein gemeinsames Versacken in der Hotelbar bezeichnet werden. Aber wie ich unsere Hüterin der MONTAGAFRAGE kenne, hat sie sehr bewusst die Interpretationsspanne so weit gedehnt.

Nein, ich nehme nicht regelmäßig Kontakt zu Autoren auf, womit sich eine Beantwortung der zweiten Frage erübrigt…! Meine Kontaktaufnahme zu Autoren beschränkte sich bisher hauptsächlich auf Lesungen, wo ich mich als Buch-Blogger outete und anfragte, ob Fotos während der Lesung möglich sind. Bei Interesse würde ich dem Autor auch gerne einen Link zu meinem Beitrag in „Kulturelles Kunterbunt“ zusenden: Bisher nur ein einziges Mal erfolgt bei der Matinee mit Rainer Moritz zum Geburtstag der Buchhandlung meines Vertrauens, der auch prompt Erwähnung fand im Monatsrückblick von Uwe Kalkowski auf BuchMarkt.

Doch nicht alle Autor*innen scheinen den Kontakt mit ihrem Publikum zu mögen, geschweige denn, zu genießen. So hatte ich nach der jeweiligen Lesung durchaus schon Begegnungen mit Autor*innen, die ich eher unangenehm empfand. Es lag etwa nicht daran, dass die/der Autor*in bei dieser Live-Veranstaltung selbst nervös war. Diesen Umstand fände ich eher sehr sympathisch und absolut menschlich. Nein! Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass die/der Autor*in eine Lesung als lästige Pflicht ansah und dabei den direkten Kontakt mit dem Publikum eher verabscheute. Diese Attitüden wirkten auf mich extrem herablassend und arrogant: Namen verschweige ich diskret!

Auf der Haben-Seite stehen die Begegnungen mit ganz wunderbaren Autor*innen, die nicht nur bei einer Lesung begeistern, ihrem Publikum absolut zugewandt sind, humorvoll jede Frage beantworten und geduldig für gemeinsame Fotos posieren. Stellvertretend für all diese wunderbaren Autorinnen und Autoren möchte ich folgende nennen: Ursula Poznanski, Karsten Dusse, Melanie Raabe und (natürlich) Rainer Moritz sowie Elke Heidenreich.

…und welche Begegnungen mit Autor*innen hattet Ihr? Plaudert doch gerne mal aus dem Nähkästchen!!!


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Noch ein Gedicht…] Friedrich von Hagedorn – DER ERSTE MAI

Der erste Tag im Monat Mai
Ist mir der glücklichste von allen.
Dich sah ich und gestand dir frei,
Den ersten Tag im Monat Mai,
Dass dir mein Herz ergeben sei.
Wenn mein Geständnis dir gefallen,
So ist der erste Tag im Mai
Für mich der glücklichste von allen.

Friedrich von Hagedorn

[Rezension] Agatha Christie – Hörspiele Teil 2: Der Mord an Roger Ackroyd, Die Fuchsjagd, Tod im Pfarrhaus, Die spanische Truhe

Hallo! & Herzlich Willkommen!

…zum 2. Teil meiner Vorstellungsrunde mit Hörspiele, die nach Werken aus der Feder von Agatha Christie entstanden sind. Ich durfte in den letzten Tagen einige sehr entspannte, kuschelige Stunden vor dem CD-Player verbringen und muss Euch gestehen, ich habe wieder Blut geleckt. Natürlich nur im übertragenen Sinn, auch wenn meine Formulierung gar wunderbar zum kriminalistischen Grund-Tenor dieser Rezension passt.

Diesmal kommt es auch endlich zu der langersehnten Begegnung mit Christies exzellenten Spürnasen Hercule Poirot und Jane Marple. Beiden wurde schon – sowohl in Film wie auch Fernsehen – von div. außergewöhnlichen Schauspieler*innen eine filmische Gestalt gegeben, sodass ich nun sehr gespannt auf das reine auditive Erleben war.

Als Schmankerl dürfen wir uns zudem auf „Die Fuchsjagd“ freuen, besser bekannt unter dem Titel „Die Mausefalle“. Mit diesem Theaterstück schrieb Agatha Christie Theatergeschichte, da dieser Krimi seit 1952 ohne Unterbrechung im Londoner West End zu sehen war. Um diese Erfolgsgeschichte (hoffentlich nur vorübergehend) zu unterbrechen, bedurfte es einer weltweiten Pandemie, aufgrund derer alle Theater schließen mussten.

Ich hoffe sehr, dass dieser Zustand sich in absehbarer Zeit verbessert, damit kulturelle Einrichtungen wieder die Türen für ihr Publikum öffnen, und wir alle endlich wieder Kultur genießen dürfen.


Vier Hörspiele von Agatha Christie

 CD 1/ Der Mord an Roger Ackroyd oder Alibi (1956)/ Regie: Wolfgang Schwade/ mit Joseph Offenbach, Charles Regnier, Hans Paetsch, Herbert Steinmet, Liselotte Willführ, Inge Stolten u.a.

Mit diesem Werk sorgte Agatha Christie für Unruhe bei ihrer Leserschaft: Nicht nur, dass sie für die Erzählperspektive nicht die Sicht des Kriminalisten wählte, zudem gönnte sie sich einen weiteren literarischen Kniff, den ich hier allerdings nicht verraten möchte. So bleibt die Hörspielfassung dem Original treu, indem die Geschichte aus Sicht von Dr. Sheppard erzählt wird. So wirkt das Hörspiel beinah wie eine Lesung in der einige Dialog-Passagen eingestreut wurden.

Charles Regnier trägt hierbei die „vokale“ Haupt-Last und wirkt als Dr. Sheppard beinah analytisch-unbeteiligt, das der Rolle durchaus zugute kommt. Joseph Offenbach haucht dem belgischen Meisterdetektiv mit charmantem Akzent eine agile Lebendigkeit ein. Kaum sprach Hans Paetsch als Roger Ackroyd seine ersten Sätze, schon fühlte ich mich in meine Kindheit zurück versetzt: Diese unverwechselbare Stimme erklang schon bei unzähligen Märchen-Hörspielen. Mit Hinweis auf den Titel dieses Krimis, war der Genuss, diese markante Stimme wieder hören zu dürfen, leider nur von kurzer Dauer.


CD 2/ Die Fuchsjagd oder Die Mausefalle (1958)/ Regie: Willy Purucker/ mit Kurt Ludwig, Ernst Hochstätter, Ilse Petri, John Pauls-Harding, Eleonore Noelle, Peter Vogel u.a.

Ein einsames und von der Außenwelt abgeschnittenes Setting + eine überschaubare Anzahl an Protagonist*innen + ein Mord = die/der Mörder*in befindet sich unter den Anwesenden. Agatha Christie hat diesen Plot gerne in unzähligen Variationen und Abwandlungen bemüht – und dies sehr erfolgreich. Denn nichts schürt die Ängste der Beteiligten mehr, als die Gewissheit, dass das Böse direkt unter ihnen weilt.

Diese Hörspielproduktion punktet mit einem homogenen Ensemble und der Kunst des Tonmeisters, der mit stimmigen Hintergrundgeräuschen und einer gekonnten Abmischung geschickt eine räumliche Atmosphäre schafft. Warum allerdings die wunderbare Charakter-Schauspielerin Lina Carstens als Mrs. Boyle weder auf dem CD-Beiblatt noch im Nachspann Erwähnung fand, ist mir absolut unverständlich.


CD 3+4/ Mord im Pfarrhaus (1970)/ Regie: Otto Kurth/ mit Erika von Thellmann, Hans Quest, Ingrid Capelle, Elmar Wepper, Edith Hancke, Hanne Wieder, Jürgen Goslar, Wolfgang Weiser, Alf Tamin, Günter Sauer, Carin Braun, Paula Denk u.a.

Dieses Hörspiel ist wohl am prominentesten besetzt, hatte ich doch zu den meisten Namen sofort ein Gesicht vor Augen. Aber garantieren prominente Namen auch ein den Hörer*innen zufriedenstellendes Ergebnis? In diesem Fall: Ja! Sie tun es!

Erika von Thellmann gibt mit pointierter Stimme ein destingiertes Fräulein (!) Marple, die mit einer selbstbewussten Aufdringlichkeit Gefahr läuft, als Klatschbase verschrien zu werden. Hans Quest und Ingrid Capelle geben ein stimmiges Pfarrers-Ehepaar ab, dem trotz Wahrung der christlichen Tugenden allzu menschliches nicht fremd scheint. Elmar Wepper komplementiert als Neffe Dennis mit jugendlichem Elan die Familie. Hanne Wieder und Jürgen Goslar als (un)heimliches Liebespaar konnten als Film- und Fernsehschaffende eine beachtliche Karriere vorweisen und schöpfen so scheinbar mühelos aus dem Fundus ihrer darstellerischen Erfahrungen. Ein Umstand, der auch der Interpretation ihrer Rollen zugutekam. Den allzu „dramatischen“ Grundton des Stücks lockert Edith Hancke als Hausperle Mary mit ihren humorvollen Auftritten auf.

Und auch in diesem Fall gilt mein Dank dem hervorragenden Tonmeister, der abermals wieder ganze Arbeit leistete, indem er dieses Hör-Erlebnis durch sein Können abrundete.


CD 4/ Die spanische Truhe (1994)/ Regie: Reinhard Prosser und Gerda Eisendle/ mit Gustl Weishappel, Alexandra Tichy, Signe Seidel, Helma Gautier, Klaus Martin Heim u.a.

Hercule Poirot, der Zweite: In dieser Hörspiel-Adaption einer Kurzgeschichte schlüpft Gustl Weishappel vokal in die Rolle unseres Meisterdetektivs und konnte mich bedauerlicherweise mit seiner Darbietung nicht völlig überzeugen.

Weishappel ist durchaus ein talentierter Sprecher, nur für die Rolle des Hercule Poirot halte ich ihn für keine optimale Wahl. So wirkt Weishappels Interpretation des kleinen, agilen Belgiers eher gemütlich, beinah väterlich und somit wenig dynamisch. Auch interpretiert Alexandra Tichy die Rolle der patenten Sekretärin Miss Lemon eher unangebracht spröde. Alle anderen Sprecher*innen liefern solide aber wenig spektakuläre Leistungen.

Alles in allem ist dies – von den bisher angehörten und rezensierten Hörspielen – die schwächste Adaption eines Christie-Klassikers.


erschienen bei der Hörverlag/ ISBN: 978-3867177221 (Vier Hörspiele: Der Mord an Roger Ackroyd, Die Fuchsjagd, Tod im Pfarrhaus, Die spanische Truhe)

Ich danke dem Verlag herzlich für die zur Verfügung gestellten Hör-Exemplare!

[Rezension] Agatha Christie – Hörspiele Teil 1: Zeugin der Anklage, Die Stimme aus dem Grab, Legale Tricks

Abends, wenn es eigentlich schon Zeit war, um zu schlafen, gab es für mich als Kind nichts gemütlicheres, als eingekuschelt in meiner Daunendecke einer Hörspiel-Kassetten zu lauschen: Die drei ???, 5 Freunde und TKKG waren auch hier meine bevorzugten Helden. Selten empfand ich meine Kindheit friedvoller als in diesen raren Momenten.

Daran musste ich denken, als ich zwei Hörspiel-Editionen mit Werken meiner Lieblings-Autorin entdeckte. Hörbücher begeistern mich ja eher weniger, aber vielleicht könnte ich mit diesen Hörspielen das Gefühl der Vergangenheit wieder heraufbeschwören.

Es handelt sich hierbei um eine abwechslungsreiche Auswahl, die hauptsächlich beliebte Christie-Geschichten beinhaltet aber auch mit zwei eher unbekannteren Erzählungen neugierig macht auf ihre Werke abseits des Bekannten. Allen Einspielungen ist gemein, dass jeweils ein talentiertes Ensembles aus renommierten Darsteller*innen, die einigen Hörer*innen aus Theater, Film und Fernsehen bekannt sein dürften, zum Einsatz kam. Da hier tief und erfolgreich in den Archiven der Rundfunkanstalten gewühlt wurde, dürfen wir uns an Einspielungen aus den 50ern, 60ern, 70ern und 90ern sowie aus dem Jahre 2000 erfreuen. Doch gänzlich unabhängig vom Alter der Aufnahme ist die Tonqualität exzellent.

Gefallen haben mir alle (!) Hörspiele. Dabei konnte ich durchaus Unterschiede im Vortrag wahrnehmen: Die Sprecher*innen aus den 50er Jahren klingen anders als ihre Kolleg*innen aus dem Jahre 2000. Der Sprachduktus war damals ein anderer als heutzutage – wen wunder’s: Zwischen der Entstehungszeit beider Aufnahmen liegt beinah ein halbes Jahrhundert. Doch in jedem Fall war es für mich eine helle Freude, Könner*innen ihres Fachs zu lauschen, die noch sprechen konnten und die Kunst des Vortragens beherrschten. Darum werde ich auch weniger auf den Inhalt der jeweiligen Geschichte sondern vielmehr auf die Art des Vortrages eingehen.

Abschließend möchte ich einen Appell an Euch richten: Bitte holt Euch die alten Hörspiel-Schinken! Es lohnt sich, weil es so viel Spaß bringt. Ich saß eingekuschelt in einer Decke mit einem Becher Tee in meiner Hand und lauschte gespannt, und – Ja! – ich habe einen Hauch der friedvollen Kinderzeit nochmals erahnen dürfen.

…to be continued: „Agatha Christie – Hörspiele Teil 2“ erscheint am kommenden Freitag!


Drei Hörspiele von Agatha Christie 

CD 1/ Zeugin der Anklage (1995)/ Regie: Reinhard Prosser und Gerda Eisendle/ mit Peter Fröhlich, Sonja Sutter, Reiner Friedrichsen, Karl Michael Vogler, Klaus Martin Heim u.a.

„Was war zuerst da: die Henne oder das Ei?“ stellte ich in meinem Beitrag Agatha Christie – Zeugin der Anklage/ Erzählung und Theaterstück im Vergleich mir selbst die Frage und lieferte in einem Atemzug auch die Antwort. Aus einem Theaterstück wurde ein Film: Dank Billy Wilders exzellenter Verfilmung mit den Schauspiellegenden Charles Laughton, Marlene Dietrich und Tyrone Power ist diese Geschichte sicherlich vielen bekannt. Andere Verfilmungen könnten es gegenüber diesem cineastischen „Schwergewicht“ durchaus schwer haben, sich zu behaupten.

Aus einem Theaterstück wurde aber auch ein Hörspiel: Nun neige ich zum Glück nicht dazu, unterschiedliche Formate miteinander zu vergleichen. So konnte ich relativ neutral dieser Hörspiel-Adaption lauschen, die mit einer stimmigen Geräuschkulisse und dem passenden Einsatz von Hall in den Gerichtsszenen für Atmosphäre sorgt. Leider sind sich die Stimmen von Karl Michael Vogler (Sir Wilfrid Robarts) und Reiner Friedrichsen (Anwalt Mayhew) zu ähnlich, um prägnante Akzente zu setzten. Dafür trumpft Klaus Martin Heim als Staatsanwalt Myers mit markanter Stimme auf. Peter Fröhlich mimt den (scheinbar) Unschuldigen glaubwürdig zwischen Naivität und Fassungslosigkeit. Doch mein Hauptaugenmerk (Oder sollte es eher „Haupt-ohren-merk“ lauten?) lag bei Sonja Sutter in der Rolle der Titelgeberin: Mit fein nuancierter Sprache liefert sie eine äußerst gelungenes Rollenporträt und überzeugte mich somit völlig in dieser Doppelrolle. „Welche Doppelrolle?“ werdet Ihr Euch vielleicht jetzt fragen. Die Lösung erfahrt Ihr beim Anhören dieses Hörspiels!


CD 2/ Die Stimme aus dem Grab (1961)/ Regie: Paul Land/ mit Julia Costa, Ernst Fritz Fürbringer, Edith Heerdegen, Charles Wirths, Tessy Kuhls u.a.

„Christie goes Mystery“ könnte der Untertitel zu dieser Geschichte durchaus lauten. Diesmal meldet sich eine Ehefrau telefonisch aus dem Jenseits und erschreckt ihren Ehemann nebst neuer Gattin.

Ernst Fritz Fürbringer als James Brent, Julia Costa als seine Gattin Pamela und Edith Heerdegen als „Stimme aus dem Grab“ tragen die Hauptlast in dieser mysteriösen Geschichte und meistern dies sehr unterhaltsam. Die Stimmfarben der Sprecher*innen und die zeittypische musikalische Untermalung sorgen sehr charmant für ein nostalgisches Flair.


CD 2/ Legale Tricks (2000)/ Regie: Dieter Carls/ mit Angelika Bartsch, Bernt Hahn, Sibylle Kuhne, Claus-Dieter Clausnitzer u.a.

In dieser spannenden Geschichte spielen – außer Angelika Bartsch als Julia und Bernt Hahn als Sir Luke – alle anderen Personen eher eine untergeordnete Rolle. So mutet dieses Hörspiel auch eher als Kammerspiel an, indem sich die beiden genannten Hauptprotagonisten in ihren Dialogen die Bälle hin und her werfen.

Bernt Hahn mimt den arroganten Womanizer mit anfänglich beinah öligem Charme, bis er wimmernd erkennt, dass er in eine Falle getappt ist. Angelika Bartsch setzt ihre Stimme absolut überlegt ein und schafft mit ihrer differenzierten Betonung, gekonnt Akzente zu platzieren. So gibt sie die verführerische Femme Fatal mit dunklem Geheimnis sowohl äußerst überzeugend wie auch bedrohlich.


erschienen bei der Hörverlag/ ISBN: 978-3867177245 (Drei Hörspiele: Zeugin der Anklage, Die Stimme aus dem Grab, Legale Tricks)

Ich danke dem Verlag herzlich für die zur Verfügung gestellten Hör-Exemplare!

MONTAGSFRAGE #118: Hast du schon mal eine fremde Person angesprochen, weil sie ein Buch las, das du schon gelesen hast?

Ach, wie herrlich…! Ich liebe diese Frage! Oftmals wird die Auseinandersetzung mit einem Buch als ein Akt der Isolation beschrieben: Ich bin ganz allein mit mir, versinke in einer Geschichte und vergesse dabei alles um mich herum. Aber das Literatur auch ein wunderbares Thema ist, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, wird häufig zu wenig Beachtung geschenkt. Dabei ist es so herrlich inspirierend, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen – auch wenn es sich dabei um eine fremde Person handelt.

Wobei ich die Bedeutung des Begriffs „fremd“ leicht dehnen möchte: Während meiner Ausbildung zum examinierten Krankenpfleger hatte ich die Möglichkeit, einen Praxiseinsatz auf einer Station der Frauenklinik zu wählen. Zur damaligen Zeit war das eher ungewöhnlich und zeugte vom fortschrittlichen Denken der Verantwortlichen. Ich habe diese Wahl sehr bewusst getroffen, da ich mir sicher war, dass ich später nie in diesem Bereich arbeiten würde. Doch die wichtigen Erfahrungen, die ich hier sammeln konnte, wollte ich nicht missen.

Auf dieser besagten Station pflegten wir schwerpunktmäßig Frauen, die eine Brust-OP (aus unterschiedlichen Gründen) hinter sich hatten. Wie bei einem chirurgischen Eingriff oftmals üblich, musste auch hier regelmäßig ein Verbandswechsel erfolgen. Somit stand ich ebenso regelmäßig mit Verbandsmull, Schere, Pflaster, Desinfektionsmittel etc. ausgestattet vor dem Bett der Patientin und sollte/wollte zur Tat schreiten.

Um einer möglichen Scham vorzubeugen, wenn die Dame vor mir ihren Oberkörper entkleidete, habe ich sie gerne auf das Buch angesprochen, das ich auf ihrem Nachtschrank entdeckt hatte. Entweder hatte ich das Buch selbst schon gelesen, hatte davon schon gehört oder kannte von der-/ demselben Autor*in ein anderes Werk. Und – Schwupps! – während ich die Pflaster wechselte, waren die Patientin und ich in ein Gespräch vertieft, tauschten uns über Literatur aus und gaben uns gegenseitig Lese-Tipps.

Bücher sind so vieles und können ebenso viel bewirken – und sei es nur, dass sie dafür sorgen, eine unangenehme Atmosphäre gar nicht erst entstehen zu lassen!

…was meint Ihr: Können beim richtigen Buch aus Fremde Freunde werden???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

WELTTAG des BUCHES: Ich schenke Dir ein Buch…

Die Tasche ist beinah gepackt: Einige Bücher warten nun darauf, neue Besitzer*innen zu erhalten! Der heutige WELTTAG des BUCHES steht unter dem Motto „Ich schenke Dir ein Buch!“, und so habe ich sieben Bücher ausgewählt, die sich heute auf eine noch unbekannte Reise begeben werden. Dabei werde ich die Bücher nicht persönlich „vis-à-vis“ an die neue Eigentümerin/ den neuen Eigentümer übergeben, sondern sie werden von mir an strategisch günstigen Stellen ausgewildert – sozusagen „Bookcrossing ohne Registrierung“!

Zwar erfahre ich dadurch wohl nie, wohin sie ihre Reise führte und ob sich die Finderin/ der Finder über ihren Fund freute. Aber ist dies nicht immer das Opfer, das gebracht werden muss, wenn eine Spezies ausgewildert und somit der freien Natur überantwortet wird? So schicke ich meine Bücher in der Hoffnung fort, dass sie Menschen begegnen, die sie ebenso zu schätzen wissen, wie ich es zuvor tat.


WELTTAG des BUCHES: 12 interessante Fakten zu Büchern…

Heute zum WELTTAG des BUCHES erlaube ich mir, ein paar Fakten zu veröffentlichen, die informativ, kurios, witzig und manchmal durchaus auch erschreckend sind.

Der Welttag des Buches geht auf einen Beschluss der 28. Generalkonferenz der Weltkulturorganisation UNESCO zurück und wurde erstmals im Jahre 1995 gefeiert. Der Tag soll auf die unverzichtbare Rolle des Buches in der Informationsgesellschaft sowie auf die Rechte der Autoren hinweisen. Der 23. April wurde gewählt, weil es sowohl der Todestag von William Shakespeare als auch des spanischen Dichters Cervantes ist.

Doch wann darf sich ein Buch auch Buch nennen? Auch hier liefert die UNESCO eine Definition: Ein Buch ist „eine gedruckte, der Öffentlichkeit zugänglich gemachte, nicht periodische Veröffentlichung mit mindestens 49 Seiten Umfang“. So, nun wisst Ihr Bescheid!

  1. Das Wort „Buch“ lässt sich Sprachforschern zufolge vermutlich auf die Herstellung aus Buchenholz zurückführen
  2. Die Redewendung „Ein Buch aufschlagen“ kommt daher, dass Bücher früher Holzeinschläge hatten, die mit Riemenschließern aus Messing zusammengehalten wurden. Um diesen zu öffnen und das Buch lesen zu können, musste auf den Deckel geschlagen werden.
  3. Das schwerste Buch der Welt wiegt sage und schreibe 210 Kilogramm und erschien im Jahre 1961. Das Werk mit dem Titel „Das Buch der Apokalypse“ entstand unter Beteiligung Salvador Dalís und besteht aus Pergamentseiten.
  4. Das erste auf Schreibmaschine geschriebene und veröffentlichte Buch war „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ von Mark Twain. Es entstand auf einer Remington 1874.
  5. Den Rekord bei den aus öffentlichen Bibliotheken gestohlenen Büchern hält das „Guinness Book of Records“.
  6. Das am längsten ausgeliehene Buch lag 82 Jahre auf einem Dachboden: „Sunshine Sketches of a Little Town“ von Stephen Leacock wurde 1998 in Kanada beim Aufräumen gefunden, nachdem es ein Vormieter 1916 ausgeliehen hatte. Die Mahngebühren in Höhe von 7200 Kanadischen Dollar wurden aus Kulanz erlassen.
  7. Die Hälfte aller Bücher werden von Leuten gekauft, die älter als 45 Jahre sind.
  8. 68 % aller Bücher werden von Frauen gekauft.
  9. Wenn Leser*innen das Interesse an einem Buch verlieren, geschieht das durchschnittlich auf Seite 18.
  10. Wer liest, hat ein zweieinhalbfach geringeres Risiko, an Altersdemenz zu erkranken als Nichtleser.
  11. Lesen fördert die Empathie, die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden.
  12. Durchschnittlich lesen die Deutschen fünf Bücher pro Jahr.

Der letzte Punkt brachte mich doch zum Grübeln: An alle Nicht-Leser, für die ich Monat für Monat mitlese! Bitte meldet Euch bei mir! Wenn ich schon seit Jahren für Euch mitlese, dann könntet Ihr es mir wenigstens danken z. Bsp. in Form eines Buch-Gutscheins! 😉