[Schauspiel] Günter Grass – Die Blechtrommel / Stadttheater Bremerhaven

Schauspiel nach Günter Grass / für die Bühne bearbeitet von Peter Schanz

Premiere: 9. November 2019 / besuchte Vorstellung: 17. November 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Inszenierung: Mark Zurmühle
Bühne: Eleonore Bircher
Kostüme: Ilka Kobs
Video: Aaron Bircher
Musikalische Einstudierung: Hartmut Brüsch

„Zugegeben: Ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus den Augen.“

…dies ist nicht nur der erste Satz des Romans „Die Blechtrommel“, so beginnt auch das Schauspiel. Oskar Matzerath blickt zurück sowohl auf 50 Jahre Familiengeschichte als auch auf 50 Jahre deutscher Geschichte. Der Junge, der mit drei Jahren beschließt, nicht mehr weiterzuwachsen, ist Unschuld und Verkommenheit zugleich. Scheinbar harmlos wirkend beobachtet er mit einem beinah sezierenden Blick die Entwicklungen in der Familie und der Gesellschaft und zieht an den Schicksalsfäden ganz nach seinem Gusto. Mit dem Klang seiner Trommel und der Fähigkeit, Glas mit seiner Stimme zum Zerspringen zu bringen, manipuliert er erbarmungslos seine Umwelt.

Dem Regisseur Mark Zurmühle ist mit seinem 7-köpfigen Ensemble eine stringente, aufwühlende Inszenierung gelungen, in der – außer Max Roenneberg als Oskar Matzerath – alle übrigen Schauspieler*innen mehrere Rollen verkörpern. Das Schauspiel beginnt in der besagten Heil- und Pflegeanstalt: Beinah steril wirkt das Bühnenbild mit seinem runden Pavillon und den weißen Stühlen. Oskar liegt angeschnallt auf einer Behandlungsliege und wird von Ärzten, Pflegern und Schwestern in weißer, uniformierter Kluft beobachtet. Und während Oskar mit dem Erzählen beginnt, verwandelt sich das Personal der Heil- und Pflegeanstalt mit wenigen Requisiten und Kostümteilen in die Protagonisten seiner Geschichte…!

Ein aufwendiges Bühnenbild wird nicht benötigt: Das Können der Schauspieler*innen fesselt das Publikum. Die Kraft ihrer Darstellung macht Hilfsmittel wie ein üppiges Bühnenbild überflüssig.

Max Roenneberg gibt einen wendigen Oskar, der jungenhaft naiv und diabolisch abstoßend zugleich ist, und bildet mit seinen Kolleg*innen ein eingespieltes Ensemble, das wie Perlen auf einer Schnur die Geschehnisse vor den Augen des Publikums aufreiht. Sascha Maria Icks, Richard Lingscheidt, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Dominik Lindhorst-Apfelthaler, Kay Krause und Henning Bäcker bilden ein so homogenes Ensembles, dass es mir schwerfällt, einzelne Künstler hervorzuheben: Jede*r zeigte eine immense Wandlungsfähigkeit und hatte große, bewegende Momente. Mark Zurmühle verzichtet wohltuend auf plakative Gesten und greller Symbolik: Der Freitod mit dem Strick wird mit Hilfe einer Krawatte und einer Kartoffel dargestellt, und auch das Hakenkreuzes wird nicht benötigt, um die Atmosphäre dieser Zeit zu repräsentieren.

Wer ein 60 Jahre altes Werk modern und eindrucksvoll auf der Bühne sehen möchte, sollte den Weg nach Bremerhaven nicht scheuen!


Oskar Matzerath wird Die Blechtrommel weiterhin für einige Vorstellungen am Stadttheater Bremerhaven schlagen…!

[Die Bücher meines Lebens] Fynn – Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna

– 1984 –


„Der Unterschied von einem Menschen und einem Engel ist ganz einfach: Das meiste von einem Engel ist innen, und das meiste von einem Menschen ist außen…“

Anna ist 4 Jahre alt als der 19-jährige Fynn sie bei den Londoner Docks aufsammelt. Naja, genaugenommen hat Anna Fynn auserwählt, war sie doch von ihren Eltern weggelaufen und wollte/sollte auch nie wieder zurück. „Sie ist eine Kuh, und er ist ein Säufer. In das Scheißhaus geh ich nie mehr. Ich wohne bei dir.“ sprach’s und adoptierte kurzerhand Fynn und mit ihm seine gesamte Familie. Anna ist schlau und interessiert sich für alles und jeden, hat eine reine Seele, ein großes Herz und ihre ganz besondere Sicht auf die Dinge. So hält sie immer Zwiesprache mit Mister Gott, hinterfragt auf kindlich-weiser Art Geschehnisse, die ihr nicht richtig erscheinen. Kurz vor ihrem 8. Geburtstag stürzt Anna schwer von einem Baum und stirbt mit dem Satz „Wetten, dass mich Mister Gott dafür in seinen Himmel reinlässt.“ Sie hat die Wette sicher gewonnen!

Es war zum Osterfest 1984 als mein Bruder gemeinsam mit seiner damaligen Freundin mir dieses Buch schenkte. Ich gebe zu, ich war überrascht, weil a). mein Bruder mir ein Buch schenkte, b). es zudem von Gott handelte (und mit Gott hatte mein Bruder ungefähr soviel am Hut wie mit Töpfern in der Toskana) und c). es mir gefiel – sehr sogar! Ich hege bis heute den leisen Verdacht, dass die Initiative eher von Seiten der damaligen Freundin kam.

Ich befand mich am Ende meines 2-jährigen Konfirmationsunterrichts, stand somit kurz vor meiner Konfirmation und beschäftigte mich gerade sehr intensiv mit Glaubensfragen. Da bot mir dieses kleine Büchlein eine sowohl gelungene wie charmante Möglichkeit, mich aus einer anderen Perspektive Gott zu nähern. So lag das Buch schon seit Wochen griff- und somit stets lesebereit auf dem Tisch in meinem Zimmer – so auch an meinem Konfirmationstag. Ein (sogenannter) Freund, der an diesem Tag ebenfalls konfirmiert wurde und sich auf seiner eigenen Feier langweilte, tauchte während meiner Konfirmationsfeier bei uns zuhause auf, um mich zum Stromern um die Häuser zu überreden. Mein fassungsloses „Nein!“ konnte er nur schwer akzeptieren. Sein Blick fiel auf das kleine Büchlein auf meinem Tisch. „Du rennst wohl noch zur Kirche, wenn du erwachsen bist!“ meinte er verächtlich und zog von dannen, um sich mit Jungs, die cooler waren als ich, zu treffen.

Im Gegensatz zu vielen meiner Klassenkamerad*innen habe ich die Konfirmationszeit sehr genossen, da das Selbstverständnis des Christentums auch meiner Sicht entsprach und ich vieles für mich auf meinen Weg zum Erwachsenwerden mitnehmen konnte. So habe ich nach meiner Konfirmationszeit weiterhin die Jugendgruppe meiner Heimatgemeinde besucht.

Nein! Ich renne als Erwachsener sehr wenig zur Kirche!

Ich habe mich aber immer der Kirche verbunden gefühlt. Dabei hatte ich das große Glück, dass ich immer einer Kirchengemeinde, die sich durch Toleranz und Offenheit auszeichnete, angehörte. Mir ist durchaus bewusst, dass es auch andere (negative) Beispiele gibt. Leider gibt es auch „Christen“, die eben nicht die Menschen „aller Nationen, unabhängig von Rassen- oder Klassenzugehörigkeit, Geschlecht oder gesellschaftlicher Stellung“ tolerieren und/oder ihre Stellung auf verachtungswürdige Weise ausnutzen. Dies alles hat für mein Verständnis und Empfinden nichts mit „Christ sein“ zu tun und geschieht ganz sicher nicht „im Namen Gottes“. Dogmatisch und vehement vertretende Ansichten erscheinen mir äußerst fragwürdig und lösen meinen Impuls zur Kritik aus. Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild. Ich bin ein schwuler Mann: Noch Fragen?!

Nein! Ich renne als Erwachsener sehr wenig zur Kirche!

Dieses kleine, unspektakuläre Büchlein hat viel dazu beigetragen, um meinen Glauben zu festigen – auch ohne wöchentlichen Besuch des Gottesdienstes. Doch ich fühle mich in meiner kleinen Kirchengemeinde zuhause und bin gerne bereit, im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten.

Manchmal schließen sich Kreise: Am 24. Dezember 1978 schritt ich als Joseph im Krippenspiel durch die Kirche meines Heimatortes. 34 Jahre später stand ich erstmals als Spielleiter in der Kirche meiner jetzigen Gemeinde und probte mit den Kids das Krippenspiel für Heiligabend. Halleluja!


erschienen bei Scherz/ ISBN: 978-3502192459 / Neu-Auflage erschienen bei Fischer/ ISBN: 978-3596806157


[Die Bücher meines Lebens] Janina David – Ein Stück Himmel – Erde – Fremde

– 1982 –


Am 19. April 1982 flackerte die ersten Folge von Janina Davids verfilmten Lebenserinnerungen über den Bildschirm, und ich war elektrisiert: Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es ein so ganz anderes Deutschland, über das ich mir bisher keine Gedanken gemacht hatte. Mein Großvater und meine Eltern kannten dieses andere Deutschland durchaus noch. Ich war voller Fragen, merkte aber auch, dass mir innerhalb meiner Familie diese Fragen nicht ausreichend beantwortet werden können. Meine Mutter (Jahrgang 1939) gab sich zwar redlich Mühe, kannte aber die Einzelheiten dieser Zeit auch nur aus dritter Hand. Mein Großvater hatte (oder vielmehr: Er musste!) als junger Mann an der Front gekämpft, war in französischer Kriegsgefangenschaft geraten und erst einige Jahre nach Kriegsende wieder zu seiner Familie zurückgekehrt. Meinen Fragen wich er aus: Instinktiv spürte ich, dass ein Erinnern für ihn zu schmerzlich wäre.

So stürzte ich mich auf die Bücher von Janina David und las und las – dann weinte ich und las weiter…! Und in mir manifestierte sich der Gedanke „Es darf nie wieder geschehen!“

Diese intensive Auseinandersetzung mit Janina Davids Lebenserinnerungen führte dazu, dass ich 10 Jahre später sie in der Gewissensentscheidung zu meinem Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer erwähnte.

Auszug aus meiner Gewissensentscheidung vom 20. Februar 1992:

„Ich werde bei der Bundeswehr ausgebildet an der Waffe, vorbereitet zum Kriegsdienst. Wozu soll ich mich auf etwas vorbereiten, das ich nicht verlangt habe? Ich bitte um keinen Krieg! Diejenigen, die zum Krieg aufrufen, sollen ihre Meinungsverschiedenheiten auf andere Art und Weise austragen aber nicht auf meine Kosten und auf Kosten meiner Mitmenschen. Gewalt und Gegengewalt sind keine Mittel, um Probleme zu lösen.

1982 lass ich einen dreiteiligen Roman, der mich sehr bewegte. Er hieß „Ein Stück Himmel“ und basierte auf die Lebenserinnerungen der Janina David, die ihre Kindheit im Warschauer Ghetto verbrachte, den 2. Weltkrieg dank Freunde als einzige ihrer Familie überlebte und nach dem Krieg über Frankreich nach Australien auswanderte.

Mich erschreckte hierbei, wie die Seele eines begabten Kindes verletzt wurde. Sie durchlebte eine unnatürliche Kindheit, wo sie ihre Begabungen nicht ausleben durfte, weil sie angeblich durch ihren religiösen Glauben eine niedere Form des Lebens darstellte. Doch auch mit Beendigung des Krieges war ihr Leiden nicht zu Ende. Sie musste gegen die Außenwelt und gegen ihr Innerstes kämpfen: Die angeblich entnazifizierte Bevölkerung ließ sie spüren, dass sie, die Jüdin. Als Mensch 2. Klasse galt. Und in ihren Gedanken wurde sie verfolgt von den Erinnerungen an Leichenberge, Folter und Todeskommandos.

Mag auch mein Mitwirken an einem Krieg noch so unbedeutend sein, für mich wäre es von großer Bedeutung, zu wissen, dass ich meinen kleinen Beitrag zum Frieden nicht beigetragen habe. Frieden ist nicht nur eine Angelegenheit der Politiker. Der Frieden beginnt schon bei mir im Umgang mit meinen Mitmenschen. Auch wenn ich nicht immer die Meinung oder den Glauben eines anderen Menschen verstehe, so kann ich es wenigstens akzeptieren.“

Sieben Monate später – nach langem Warten und Bangen – erging am 11. September 1992 an mich folgender Bescheid:

Sie sind berechtigt, den Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern.

Dieser Bescheid ist unanfechtbar.


erschienen bei Hanser/ ISBN: 978-3423624428, 978-3423620692 & 978-3423620862


[Eine Geschichte…] Anthony de Mello – SCHULDFRAGE

Ein Passant ging eine Straße entlang. Plötzlich stürzte ein Mann aus einem Hauseingang, so dass die beiden heftig gegeneinander prallten. Der Mann war furchtbar wütend, schrie und schimpfte und beleidigte den Passanten.

Daraufhin verbeugte sich dieser mit einem milden Lächeln und sprach: „Ich weiß nicht, wer von uns an dem Zusammenstoß die Schuld trägt. Ich bin aber auch nicht gewillt, meine kostbare Zeit mit der Beantwortung dieser Frage zu vergeuden. Deshalb: Wenn ich die Schuld trage, entschuldige ich mich hiermit und bitte Sie für meine Unachtsamkeit um Verzeihung. Falls Sie der Schuldige waren, können Sie die Sache einfach vergessen.“

Er verbeugte sich noch einmal und ging mit einem Lächeln im Gesicht seines Weges.

Anthony de Mello

[Die Bücher meines Lebens] Michael Ende – Die unendliche Geschichte

– 1979 –


Ein kleiner, dicker Junge lag in seinem Kinderzimmer auf dem Bett und schlug zum ersten Mal das Buch auf, das er gerade am Tag zuvor zu seinem 10. Geburtstag von seinem älteren Bruder erhalten hatte. So sehr hatte er seinen Bruder bedrängt, ihm doch bitte dieses Buch – und zwar NUR dieses Buch und kein anderes – zum Geburtstag zu schenken. Und tatsächlich ist der ältere Bruder diesem Wunsch nachgekommen, obwohl er selbst kein Faible für Bücher hegte und lieber gesehen hätte, wenn sein jüngerer Bruder mehr wie er wäre: ein Bastler und Tüftler, ein Raufbold, ein ganzer Kerl eben. Doch der jüngere Bruder hatte sich zu einer Leseratte entwickelt, wurde immer weicher und runder und knetete lieber Ton bei einem Töpferkurs in der Volkshochschule als mit ihm an seinem Moped zu schrauben: „Also schön, dann eben ein Buch, …ist doch eh egal!“

Der kleine, dicke Junge strich behutsam über das kunstvoll gestalte Vorsatzblatt und staunte über die Schrift, die abwechselnd mal in der Farbe Rot, mal in der Farbe Grün gehalten wurde. Aber mit Staunen hielt er sich nicht allzu lange auf, zu gespannt war er auf die Geschichte, die hier auf ihn wartete. Würde sie ihn aus seinem trostlosen Leben entführen und fortspülen in eine Welt voller Fantasie und Abenteuern? Würde sie ihn – wenigstens für eine kurze Zeit – ablenken von einem Vater, der mit seiner Alkoholsucht beschäftigt war, von einem Bruder, dem er gleichgültig zu sein schien und von einer Mutter, die versuchte, den Schein einer intakten Familie zu wahren? Er wollte unbedingt noch ein paar Seiten lesen, bevor er sicher gerufen wurde, um den Abendbrottisch zu decken.

Bastian Balthasar Bux, ein kleiner, dicker Junge, landet auf der Flucht vor seinen Peinigern im Antiquariat von Karl Konrad Koreander. Dort entdeckt er beim Stöbern ein sonderbares Buch mit dem Namen „Die unendliche Geschichte“. Vom Inhaber des Antiquariats überrascht, greift er das Buch, rennt davon und versteckt sich auf dem Dachboden seiner Schule. Er vertieft sich ins Buch und reist ins wundersame Land Phantásien, wo die kindliche Kaiserin, die an einer rätselhaften Krankheit leidet, regiert. Phantásien wird von finsteren Mächten bedroht und wartet auf seinen Retter. Voller Spannung verfolgt Bastian die Handlung in der Hoffnung, dass dieser geheimnisvolle Retter endlich auftaucht. Die kindliche Kaiserin entsendet einen Boten, um ihn zu suchen. Ihre Wahl fällt auf den jungen Jäger Atréju vom Volk der Grasleute, der eine beschwerliche Reise auf sich nimmt. Doch alle Hinweise, die er entdeckt, alle Impulse, die er sendet, locken den Retter nicht aus seiner Deckung. Erst als die kindliche Kaiserin sich direkt an Bastian wendet, wird ihm bewusst, dass er der geheimnisvolle Retter zu sein scheint. Nur er besitzt die Fähigkeiten gemeinsam mit seinem Freund Atréju, Phantásien vor dem Untergang zu bewahren…!

Der kleine, dicke Junge war verzaubert! Hier war sie, die bunte Welt voller magischer Geschöpfe und wundersamer Wesen, mit einer kindlichen Kaiserinnen und einem mutigen Jäger, in der ein kleiner, dicker Junge auserkoren wird, ein ganzes Land zu retten. Einfach nur, weil er so war, wie er war. Es wurde nicht erwartet, dass er cool oder hipp ist: Er durfte weiterhin klein und dick sein. Und es war egal! Nicht sein Äußeres war hier von Nutzen. Seine ganz persönlichen Fähigkeiten waren viel, viel wertvoller für das Gelingen der Mission!

Der kleine, dicke Junge weinte und trauerte als er sich nach über 400 Seiten von Phantásien verabschieden musste. Doch er schloss das Buch mit der Zuversicht, dass alles gut werden kann.

40 Jahre später: Der kleine, dicke Junge ist erwachsen geworden, hat viel erreicht und viel erlebt und blickt zufrieden auf sein jetziges Leben. Doch manchmal spürt er einen leichten Schmerz: Es ist ein stilles Sehnen nach Phantásien…

„…aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden!“


erschienen bei Thienemann/ ISBN: 978-3522128001 / Neu-Auflage erschienen bei Thienemann/ ISBN: 978-3522202602 / farbig illustrierte Schmuckausgabe erschienen bei Thienemann/ ISBN: 978-3522202503


Diversität „auf Teufel komm’ raus“: Bitte nicht!

Die Entrüstung wabert durch’s Netz! Die „Süddeutsche Zeitung“ hat eine neue Buch-Edition angekündigt: Unter dem süffigen Titel „Soulmates“ versammeln sich hier 10 Werke von namhaften Autoren, die (angeblich) in keiner Büchersammlung fehlen dürfen. Stein des Anstoßes: Es handelt sich hierbei ausschließlich um Autoren, und eine entsprechende Edition mit Autorinnen ist nicht geplant. Somit beweihräuchern die Kerle sich wieder selbst, und die Frauen schauen mal wieder in die Röhre! Diversität wir überbewertet: Könnte man meinen…!

Nun sind solche Editionen in ihrer Zusammenstellung per se immer sehr subjektiv: Jede*r von uns würde je nach persönlichem Gusto andere Bücher auswählen. Warum die SZ nun aber ausschließlich nur die Männer mit einer Edition ehrt und nicht für eine bunte Mischung sorgt, darf durchaus kritisch hinterfragt werden.

Ich habe einen Blick auf meine Rezensionen geworfen und selbstkritisch festgestellt, dass dort beinah doppelt so viele Autoren im Vergleich zu den Autorinnen vertreten sind. Woran dies liegt? Mit Sicherheit nicht daran, weil es Frauen sind. So wähle ich mir meine Lektüre nicht aus, und mit der Genderfrage bei Autor*innen habe ich mich noch nie beschäftigt. Für mich ist der Inhalt wichtig: Spricht mich die Geschichte an? Und wenn ja, gefällt mir der Schreibstil? Zudem gibt es einige Buch-Genre, die mir nicht zusagen, aber wo der Autorinnen-Anteil überproportional hoch ist: Unterhaltungs-, Liebes- und Erotikromane.

Sollte ich nun im Sinne der Diversität immer weiblich/ männlich im Wechsel lesen? Ich könnte es noch weiter auf die Spitze treiben: Da ich ein schwuler Mann bin, dürfte ich auch die Gay-Literatur nicht vernachlässigen…! Oder das Verhältnis von deutschsprachigen Autor*innen zu fremdsprachigen Autor*innen…! Oder…!

Nein! Ich weigere mich, mich in meinem Lese-Verhalten und somit in meinen Vorlieben eingrenzen zu lassen. Ich lese, was mir gefällt, und mir ist es völlig schnuppe, ob es sich hierbei um Männlein oder Weiblein handelt. Hauptsache talentiert…!

Und jede*r dieser talentierten Menschen hat es verdient, Beachtung zu finden: Meinetwegen, wenn’s sich partout nicht vermeiden lässt, auch in Form einer Buch-Edition…!

Nicht die Diversität wird bei mir überbewertet, sondern eher scheinen Buch-Editionen mit ihren subjektiv zusammengestellten Inhalten in ihrer Bedeutung von einigen Mit-Menschen überbewertet zu werden. So etwas benötige ich nicht: Zum Glück bin ich ein eigenständig denkendes Wesen und kann selbst für mich die Entscheidung treffen, welche Bücher ich in meinem Leben gelesen haben MUSS!

[Kulturtipps] Dezember 2019…

Gefühlt habe ich gerade eben erst die Weihnachtsdekoration des letzten Jahres eingepackt, aber Gefühle können ja so täuschen. Nun stehe ich schon wieder mitten im Weihnachtsgedöns, und was soll ich Euch sagen: Ich freue mich wie Bolle, unser Haus festlich zu schmücken. Zudem startet am 1. Dezember wieder „Der Lebendige Adventskalender“ in unserer Kirchengemeinde und verspricht eine Entschleunigung im Vorweihnachtsstress: Auch wer nichts mit der Kirche am Hut hat, ist hier gerne gesehen!

Im Dezember – wie könnte es anders sein – laden landauf und landab die Weihnachtsmärkte zum Schlendern, Stöbern und Sündigen ein. Und in vielen Theaterhäusern steht der Klassiker unter den Weihnachtsopern auf dem Programm, so auch am Oldenburgischen Staatstheater. Oder vielleicht doch lieber Varieté oder Puppenspiel oder Konzert oder Comedy…!

Ich wünsche Euch eine (be)sinnliche Advents- und Weihnachtszeit!


Comedy/ Kabarett


Konzert


Lesung, Literatur & Artverwandtes


Märkte

  • 6. bis 8. Dezember – Weihnachtsmarkt / Innenstadt in Osterholz-Scharmbeck
  • 14. und 15. Dezember – Weihnachtsmarkt / Rund um das Rathaus in Ritterhude

Oper

  • 22. Dezember – Wiederaufnahme Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck / Oldenburgisches Staatstheater

Puppentheater


Varieté


Nanu! Ein Buch-Blogger gibt Kulturtipps! Wie kommt denn das? Die Antwort findet Ihr unter Der Anfang…!

Berücksichtigung finden natürlich hauptsächlich Veranstaltungen in meinem näheren Umfeld. Aber ich bin mir sicher, dass auch in Eurer Nähe viele spannende Veranstaltungen auf Euch warten!

Kleingedrucktes: Die Kulturtipps eines Monats erscheinen in der Mitte des Vor-Monats. Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr!

[Die Bücher meines Lebens] Enid Blyton – 5 Freunde im alten Turm

– 1977 –


8. November 1977: Mein Großvater schenkte mir mein erstes „richtiges“ Buch zu meinem 8. Geburtstag. Meine Gedanken damals waren „Wie blöd, das ist ja nichts zum Spielen!“. Etwas zu spielen wäre mir damals wahrlich lieber gewesen, da das Buch mit seiner überschaubaren Anzahl an Illustrationen zudem auch wenig reizvoll auf mich wirkte. Aber ich bedankte mich brav, und das Buch landete erstmal unbeachtet auf einem Regal in meinem Kinderzimmer. Beinah täglich fragte Opa „Und? Gefällt Dir das Buch?“, bis meiner Mutter der Kragen platzte, und sie mich anranzte „Nun lies das Buch, damit Opa endlich Ruhe gibt!“. Und so las ich widerwillig die ersten Seiten, tauchte ein in eine Welt voller Abenteuer, und mein Widerwille schwand mit jeder gelesenen Seite. Zu Ostern & Weihnachten, zum Zeugnis oder „einfach nur mal so“ gab es von Opa ein weiteres Buch, bis ich zum Schluss alle 22 Bände im Regal stehen hatte. Mein Opa hatte – trotz des holprigen Starts – erkannt, dass in mir eine Leidenschaft schlummerte und wusste, wie sie zu entfachen war.

Spät-pubertär habe ich alle meine „uncoolen“ Kinderbücher verschenkt, und dies später sehr bereut.

8. November 2009: Mein Mann überreichte mir wortlos ein in buntem Geschenkpapier eingewickeltes Buch. Ich schaute ihn erstaunt an: Wir saßen beim letzten Frühstückskaffee, und seine Präsente zu meinem 40sten hatte ich vor dem Frühstück schon erhalten, ausgepackt, bewundert und mich daran erfreut. So zierte eine elegante, schwarze Armbanduhr mein Handgelenk, und ich hatte meine Rührung mit der frechen Bemerkung, ob der Markenname als Hinweis auf mein Alter gelten könnte (Fossil), überspielt. Ich pulte am Klebeband und befreite das Buch von seiner Verhüllung. Die Tränen schossen mir in die Augen. Nun hatte dieser verdammte, wunderbare Mistkerl mich doch kalt erwischt: In meinen Händen lag die aktuelle Ausgabe von „5 Freunde im alten Turm“. „Naja, “ meinte mein Mann. „Du hast beim ersten Mal dieses Buch von einem Dir wichtigen Menschen erhalten, da habe ich mir gedacht, diesmal bekommst Du es von mir.“ sprach’s und nahm einen Schluck vom Kaffee.

War meine Freude auch sehr groß, doch meine Sehnsucht nach einem alten Exemplar dieses ersten „richtigen“ Kriminalromans blieb bestehen. Verbinde ich doch nichts so sehr mit „Kindheit“ wie dieses alte Buch mit seinem orange-farbenem Einband und dem weißen Buchrücken.

Heute nenne ich – dank eines Antiquariats im Internet – ein altes Exemplar wieder mein Eigen! Und beide Exemplare stehen nun einträchtig nebeneinander in meinem Bücherregal.


erschienen bei Bertelsmann/ ISBN: 978-3570033227


MONTAGSFRAGE #59: Welches Buch ist eher unbekannt, sollte aber ein Klassiker sein?

Auch in dieser Woche beschenkt Antonia mich wieder mit einer sehr interessanten Frage…!

…und wie so oft, weiß ich nicht, wie und wo ich beginnen soll…! Nichtsdestotrotz: Frisch ans Werk!

Unbekannt sind sie nicht, aber der ganz große Hype ist (zum Glück) auch ausgeblieben: Schon bevor Sebastian Meschenmoser die Schmuckausgabe von „Die unendliche Geschichte“ zum 40-jährigen Jubiläum illustrierte, war er als Grafiker und Autor in Personalunion aktiv und hat mich mit seiner kleinen Bilderbuch-Serie rund um das Eichhörnchen-Männchen Herr Eichhorn begeistert und entzückt. Mit feinen Strichen und wenigen Farben zeichnete er die Welt dieses putzigen Kerls und behandelte Themen wie Freundschaft, Liebe und Glück aber auch Naturphänomene wie der Mond und der Schnee. In Herrn Eichhorns Kosmos leben die Tiere einträchtig miteinander, sodass ein Bär, ein Igel und ein Eichhörnchen durchaus befreundet sein können. Die Botschaften schleichen sich unspektakulär aber mit sehr viel Wärme in die Herzen der Betrachter und hinterlassen ein wohlig-angenehmes Gefühl. Da Illustrationen und Texte eine Einheit bilden, sind diese Bücher weniger zum klassischen Vorlesen als vielmehr zu gemeinsamen Betrachten UND Lesen geeignet. Die herzerwärmenden Geschichten von Herrn Eichhorn sind für mich ein potentieller Anwärter, um als moderner Klassiker aufs Kinderbuchregal einzuziehen.

Auch finde ich, dass Elke Heidenreich mit ihren früheren Erzähl-Bänden es verdienen würde, irgendwann in den Olymp der Klassiker aufzusteigen. Heidenreich ist eine Meisterin der Erzählung, die es versteht, Witz und Melancholie mit einer genauen Beobachtungsgabe für menschliche Schwächen zu kombinieren: manches wirkt schnoddrig-lakonisch, anderes feinsinnig-empathisch. Sie erklärt nicht, warum „etwas“ so ist, sondern stellt fest, dass „etwas“ so ist! Ihre Protagonist*innen sind häufig an einem Wendepunkt in ihrem Leben angekommen, wo oftmals eine scheinbar unbedeutend wirkende Entscheidung, immensen Einfluss auf den Lauf des weiteren Lebens nimmt. Heidenreichs Geschichten eignen sich ganz hervorragend zum gegenseitigen Vorlesen mit einem lieben Menschen (Kuscheldecke und einem Gläschen Wein inklusive…): Ich habe es erprobt und für „sehr gut“ befunden!

So habe ich nun gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Ich habe die Montagsfrage beantwortet und gleichzeitig Werbung für das Vor-Lesen gemacht. Schließlich findet am kommenden Freitag zum 16. Mal der Bundesweite Vorlesetag statt.

…und welche Werke sollten Eurer Meinung in die illustre Runde der Klassiker einziehen?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Die Bücher meines Lebens] Hans Jürgen Press – Die Abenteuer der schwarzen hand

– 1976 –


Mein Bruder war eher der Tüftler, der Bastler. Mein Bruder und Bücher: Zwei Welten treffen aufeinander! Was meine Eltern bewogen hat, ihm zum Geburtstag ein Buch zu schenken, weiß ich nicht. Da er mehr technikaffin und weniger literaturbegeistert war, war sein Interesse an diesem Geschenk (da kein Stecker vorhanden) sehr, sehr überschaubar. Meine Eltern hätten es voraussehen können, schließlich sollten sie ihre Söhne kennen (Ein Lötkolben als Geschenk zu meinem Geburtstag hätte bei mir einen ähnlich überschaubaren Sturm der Begeisterung ausgelöst!).

So habe ich mir dieses Buch klamm & heimlich angeeignet und zu meinem damaligen Favoriten erkoren. Gerade diese Mischung aus Text und Illustration empfand ich als äußerst reizvoll und war mein Einstieg in das Genre des Kriminalromans. Hans Jürgen Press ist für mich einer der größten Illustratoren, der in jedem Bild eine eigne Welt, einen eigenen kleinen Kosmos voller Detailreichtum schuf und somit immer wieder zum Anschauen einlud. Seine Bilder sind gefällig und gleichzeitig weit entfernt vom damaligen „heile Welt“-Charakter.

Felix, Adele, Rollo und Kiki m. E. (mit Eichhörnchen) sind 5 jugendliche Meisterdetektive, die mit Witz und Verstand die verzwicktesten Kriminalfälle lösen, indem sie Seite für Seite nach den Hinweisen suchen, die sie der Lösung näher bringen. Ich habe mitgeraten und mitgefiebert, und selbst nach wiederholter und wiederholter Lektüre wurde mir dieses Buch nie langweilig, obwohl ich natürlich die Lösungen der Rätsel schon bald auswendig wusste. Die „scharze hand“ ebnete mir den Weg zu den vielen Kriminalgeschichten, die ihr folgen sollten.

Zwangsläufig war meine 70er-Jahre-Ausgabe irgendwann so sehr zerlesen und zerfleddert, dass ich sie leider dem Gang alles Irdischen gehen lassen musste. Ich habe sie geliebt – und ich liebe sie immer noch: Im Jahre 2008 erschien eine gebundene Sonderausgabe. Da habe ich natürlich – ohne lange Überlegen zu müssen – zugegriffen!

Nun ermittelt die „schwarze hand“ wieder regelmäßig bei mir…!


erschienen bei Ravensburg/ ISBN: 978-3473369942