[Rezension] Eine Leiche zum Advent. Das große Buch der Weihnachtskrimis/ herausgegeben von Otto Penzler

Mit Schwung wuchtete ich den Wälzer aus dem Bücherregal, schwankte leicht unter dem Gewicht, bis mein Gleichgewicht sich wieder ausbalanciert hatte, und taperte dann mit kleinen vorsichtigen Schritten Richtung Lesesessel. Mit einem leidvollen Stöhnen ließ ich mich ins Polster fallen, während besagter Wälzer auf meinem Bauch den nötigen Halt zur Ablage fand…!

Üppiges Format, über 700 Seiten starker Umfang, gefüllt mit 49 kriminellen Erzählungen: Bei der Zusammenstellung dieser Anthologie dachte Herausgeber Otto Penzler sicherlich nicht an „weniger ist mehr“. Vielmehr stand hier wohl eher „klotzen und nicht kleckern“ im Vordergrund. Und dabei bewies er zudem bei der Auswahl der Stories ein äußerst glückliches Händchen. Doch nichts anderes hätte ich von einer Koryphäe, wie er sie ist, auch erwartet. Schließlich zählt er zu den international führenden Fachleuten für Kriminalliteratur.

Nun ergeben – zumindest für mich – Krimis und Weihnachten den „perfect match“: Nichts fesselt meine Aufmerksamkeit mehr als ein zünftiger Mord – selbstverständlich nur rein literarisch: Wenn sich durch die perfekte Idylle langsam das Grauen seinen Weg bahnt, und die festliche Besinnlichkeit dem Horror eines Verbrechens weicht…! Vielleicht sollte ich Krimis schreiben?!

Nein, das überlasse ich doch lieber den Profis dieser Zunft. Selbstverständlich findet man in einer solchen Zusammenstellung auch die üblichen Verdächtigen: Da blinkt „Der blaue Karfunkel“ von Arthur Conan Doyle. Bei Mary Higgins Clark wird „Das große Los“ gezogen. Rex Stout schickt seinen Schnüffler Nero Wolfe auf „Die Weihnachtsfeier“. Edgar Wallace stolpert über „Die Chapham-Affäre“. Und Gilbert Keith Chesterton lässt Father Brown über „Die fliegenden Sterne“ sinnieren. Nun könnte ich mich über eine wenig originelle Auswahl mokieren, die wieder Werke beinhaltet, die gefühlt schon überall erschienen sind. Ich könnte mich mokieren, tue es aber nicht, da ich diese Entscheidung durchaus nachvollziehen kann. Eine Krimi-Anthologie ohne bekannte Namen würde dem durchschnittlichen Leser kaum einen Anreiz zum Kauf bieten. Seien wir ehrlich: Jeder von uns greift eher bei dem zu, was er kennt, oder?

So sind diese hinlänglich bekannten Geschichten, die in all den Jahren seit ihrer Entstehung nichts von ihrer literarischen Qualität eingebüßt haben, von weniger bekannten Geschichten „umzingelt“, die von Autor*innen stammen, die sich bzgl. Talent, Originalität und Qualität nicht hinter den großen Namen zu verstecken brauchen.

Zumindest mir waren Namen wie Catherine Aird, Thomas Hardy, Meredith Nicholson, Marjorie Bowen oder Norvell Page bisher kein Begriff. Wie schön, dass Penzler vor jeder Geschichte den/die Autor*in kurz vorstellt. Dabei sind so manche Kuriositäten zu entdecken: Da veröffentlichen zwei Cousins unter dem Pseudonym Ellery Queen äußerst erfolgreich ihre Kriminal-Stories, in denen sie ihren Detektiv ebenfalls Ellery Queen nennen. Oder Autor Peter Todd schenkte uns herrlich skurrile Sherlock Holmes-Parodien, in denen er die Marotten des Helden genüsslich persifliert, um sich durch sie gleichzeitig respektvoll vor der Vorlage zu verbeugen.

Zudem begeistert mich diese Zusammenstellung durch seine Vielfalt: Sei es aufgrund der unterschiedlichen Entstehungszeiten der Geschichten, der vielfältigen Ausdrucksformen der Autor*innen, der vielen phantasievollen Arten des „Um-die-Ecke-bringens“ oder der stilistischen Bandbreite, die von traditionell bis modern, von lustig bis unheimlich, von trashig bis rätselhaft reicht.

Oftmals gibt es bei solchen Anthologien einige herausragende Leistungen zu bewundern aber ebenso viel Mittelmaß zu ertragen. Ohne Licht gibt es eben auch keinen Schatten! Doch überraschenderweise konnte ich hier keinen nennenswerten literarischen Ausrutscher ausmachen. Im Gegenteil: Ich fühlte mich rundum bestens unterhalten!

Nun muss ich nur noch diesen Wälzer von meinem Bauch wieder unfallfrei ins Regal bugsieren…! 🙄


erschienen bei Bastei Lübbe/ ISBN: 978-3431039665

[Oper] Giuseppe Verdi – MACBETH / Stadttheater Bremerhaven

Melodramma in vier Akten von Giuseppe Verdi / Libretto von Francesco Maria Piave / mit Ergänzungen von Andrea Maffei / nach The Tragedy of Macbeth von William Shakespeare / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 17. September 2022 / besuchte Vorstellung: 23. November 2022
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus

Musikalische Leitung: Marc Niemann
Inszenierung & Bühne: Philipp Westerbarkei
Kostüme: Tassilo Tesche
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

„Süßer die Glocken nie klingen“ und „Have yourself a merry little christmas“ tönten abwechselnd mit ihren musikalischen Geschwistern um die Wette aus den Lautsprecherboxen, während ich mich der häuslichen Weihnachtsdekoration widmete. Mein Gatte lag derweil grippal lädiert im Bett – nicht besorgniserregend, doch eingeschränkt. Nachdem ich stundenlang an all dem lieblichen Adventszuckerguss in vielfacher Form genascht hatte, stand mir nun der Sinn nach etwas deftigeren. Und so sprang ich zuerst unter die Dusche, dann in die Klamotten und wenig später ins Auto, um mich auf den Weg nach Bremerhaven zu begeben. Im dortigen Stadttheater wartete Verdis Schlachtplatte auf den Verzehr…!

Die Feldherren Macbeth und Banquo kehren von einer siegreichen Schlacht zurück. Hexen weissagen, dass Macbeth Than von Cawdor und König, Banquo aber Vater von Königen sein werde. Boten verkünden, der König habe Macbeth zum Than von Cawdor erhoben. Beide Feldherren ergreift ein Schauder. Lady Macbeth liest einen Brief ihres Gatten, in dem dieser die Ereignisse und die Ankunft des Königs mitteilt. Macbeth selbst trifft ein, er ist dem König, der heute bei ihm übernachten will, vorausgeeilt. Die machthungrige Lady kann ihren Mann überreden, den König in der Nacht zu ermorden. Macbeth wird König, doch die Prophezeiung, dass sein Thron Banquos Erben zufallen wird, lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Er beschließt, Banquo und dessen Sohn ermorden zu lassen. Der Anschlag gelingt nur unvollständig. Während die Mörder Banquo töten, kann sein Sohn entkommen. Banquos Tod durch einen Mörder wird dem König gemeldet, der heuchlerisch sein Fehlen bedauert. Da erscheint ihm der Geist des Toten. Der entsetzte König ist fassungslos und muss durch seine Gattin beruhigt werden. Macbeth befragt noch einmal die Hexen nach der Zukunft und seinem Schicksal. Diese warnen ihn vor Macduff, doch der König beruhigt sich schnell, als er erfährt, dass ihn niemand überwinde, den ein Weib geboren hat. Lady Macbeth kann den König leicht dazu überreden, Macduff, seine Familie und andere Feinde zu vernichten. Macduff kann entkommen und hat sich an der Grenze von Schottland mit Malcolms Truppen vereinigt. Er schwört Macbeth, der seine Kinder töten ließ, bittere Rache. Arzt und Kammerfrau warten spät in der Nacht auf die Königin, die ihr böses Gewissen wahnsinnig werden ließ. Auch an diesem Abend erscheint sie irre redend, gesteht den entsetzten Lauschern ihre Taten und stirbt. Macbeth lässt der Tod seiner Frau gleichgültig, er gerät aber außer sich, als gemeldet wird, dass Truppen gegen ihn anrücken. Auf dem Schlachtfeld begegnet der König Macduff und erfährt, dass dieser nicht geboren, sondern aus dem Mutterleib geschnitten wurde. Macbeths Schicksal erfüllt sich, er fällt im Zweikampf. Macduff und die Krieger grüßen Malcolm, den neuen König.

Zimperlich waren die Beiden wahrlich nicht – weder William Shakespeare, aus dessen Feder die literarische Vorlage stammte, noch der Maestro Giuseppe Verdi bei seiner musikalischen Umsetzung. Blutrünstig geht es zu in diesem Melodramma. Doch wie heißt es so schön:

In der Oper wird mit einem Messer im Rücken zuerst gesungen und dann gestorben!

Und in diesem Fall wird viel gesungen und viel gestorben. Verdi brach mit den damalig vorherrschenden Gewohnheiten und verzichtete auf Heldentenor, Koloratur zwitschernden Sopran, Liebesgeschichte und sonstigem süßlichen Opern-Kitsch. Stattdessen beleuchtete er die psychologische Motivation der Figuren und etablierte den Opernchor als eigenständigen Protagonisten.



Mein spontaner Blick auf den Saalplan offenbarte Überraschendes: Auch so kurzfristig war es durchaus noch möglich, in jeder Preiskategorie gute Sitzplätze zu ergattern. So saß ich (dem Sujet angemessen) königlich in der Mitte der vierten Reihe im Parkett. Links von mir war die restliche Reihe 4 ebenso frei, wie die komplette erste Reihe, und auch hinter mir klafften einige Lücken in den Sitzreihen. Was könnten die Gründe sein, dass das Publikum diese Inszenierung nicht stürmte? Waren es schon die Auswirkungen der Inflation, wo das Geld nicht mehr so locker sitzt, und jede*r von uns sich genau überlegt, wofür er es ausgibt? Lag es an der Stückauswahl mit den Themen Machtmissbrauch, Krieg und Gewalt? Rückte somit das Geschehen auf der Bühne zu nah an unsere eigene Realität? Wer weiß…?!

An der Qualität der Aufführung kann es nicht gelegen haben: Hier bot das Stadttheater wieder Erlesenes. Eingangs betrat Dramaturg Markus Tatzig die Bühne und ließ besonderes erahnen: Ein Ensemblemitglied war leider erkrankt. Aufgrund der Kurzfristigkeit kam es zu einer Rollenteilung: Tenor Michael Müller-Kasztelan von der Oper Kiel würde dankenswerter Weise die Partie des Malcom vom Bühnenrand singen, während Regieassistentin und Abendspielleitung Annika Ellen Osenberg die Rolle auf der Bühne verkörperte. Das ist eben Theater: Nichts ist vorhersehbar! Nichts ist wiederholbar! Alles ist live!

Regisseur Philipp Westerbarkei hat sich das Libretto sehr genau angeschaut und entwickelte aus ihm die Motivation des Handlungspersonals. Jede Reaktion scheint begründet, und jede Emotion ist nachvollziehbar. Gemeinsam mit seinem Ensemble erarbeitete er schlüssige Psychogramme der Personen und gönnte niemanden auf der Bühne eine Verschnaufpause. Alle waren hochkonzentriert präsent und boten somit nicht nur gesanglich sondern auch schauspielerisch hervorragende Leistungen. Sein Bühnenbild vermittelt Endzeitstimmung und lässt die Fiktion mit der Realität verschmelzen: Das Schloss von Macbeth wirkt wie der ausgebrannte bzw. zerbombte Theatersaal des Stadttheaters. Die Kostüme von Tassilo Tesche unterstreichen dieses Konzept.

In Verdis Oper ist der Chor nicht nur schmückendes Beiwerk oder dekorative Menschenmasse. Hier ist er eine eigenständige Hauptperson, die wesentlicher Bestandteil der Handlung ist, und dank der versierten Führung durch den Regisseur auch in den Charakteren Individualität zeigte. Für den grandiosen Klang zeichnete wieder Chorleiter Mario Orlando El Fakih Hernández verantwortlich, der es wunderbar verstand, den Opernchor mit dem Extrachor zu verschmelzen und aus beiden eine homogene Einheit zu formen.

In kleineren Häusern ist es nicht ungewöhnlich, dass kleinere Partien auch von Solisten aus dem Opernensemble verkörpert werden und somit zur Qualität der Aufführung beitragen: Boshana Milkov als Kammerfrau und Marcin Hutek als Arzt überzeugten so auch in ihren wenigen Auftritten. Konstantinos Klironomos gab mit potentem Tenor und dramatischem Spiel einen starken Macduff. Ulrich Burdack vermittelte als Banquo glaubhaft dessen Verzweiflung im Angesicht der unvermeidlichen Ereignisse.

Marion Pop brillierte gesanglich wie darstellerisch in seiner Rollen-Charakterisierung. Einerseits war sein Macbeth ein schmieriger Emporkömmling, der nach Macht dürstet, andererseits fehlten ihm „die Eier in der Hose“, um die Konsequenzen für sein Handeln zu tragen. Bemerkenswert, wie Pop die Zerrissenheit innerhalb dieser Figur Ausdruck verlieh. „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau!“ In diesem Fall war es ein wahres Monster-Weib, das manipulativ, machthungrig und sexbesessen über Leichen ging. Signe Heiberg gab als Lady Macbeth ihr Rollendebüt: Mal gurrte sie verführerisch, dann scheute sie auch nicht die weniger schönen Töne, um die Ambivalenz ihrer Figur zu verdeutlichen, um im nächsten Moment ihre Stimme mit emotionaler Kraft über das Orchester hinweg in den Zuschauerraum zu schleudern. Grandios!

Ebenso grandios hat GMD Marc Niemann „seine“ Philharmoniker im Griff: Beginnend mit der düsteren Ouvertüre, zu dessen Takte die Lampen im Saal unheilvoll flackerten, um dann gänzlich zu erlöschen; über die mystischen Klänge der Holzbläser, die Unheil erahnen lassen; aufgelockert durch Passagen, die eine unbeschwerte Leichtigkeit vorgaukeln; nur um dann wieder in den dunklen Tonfarben zu verfallen, die die seelischen Abgründe der Protagonisten wiederspiegeln.

Hach, wie schön, dass ich mich nur mal eben auf den Weg nach „nebenan“ machen muss, um begeisterndes und aufwühlendes Theater erleben zu dürfen – auch ganz spontan…!


Studierende der Hochschule Bremerhaven begleiteten im Rahmen eines Seminars des Studiengangs „Digitale Medienproduktion“ einige Proben am Stadttheater und entwickelten hieraus einen äußerst sehenswerten Trailer:


Leider gibt es nur noch eine einzige Gelegenheit, diesen düsteren Opern-Krimi MACBETH auf der Bühne des Stadttheaters Bremerhaven erleben zu können…!

[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – DIE DREI SPATZEN

In einem leeren Haselstrauch
Da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz
Und mitten drin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu,
Und obendrüber da schneit es, hu!

Sie rücken zusammen dicht an dicht.
So warm wie der Hans hats niemand nicht.

Sie hören alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

Joachim Ringelnatz

[Rezension] L. Frank Baum – Die abenteuerliche Geschichte des Weihnachtsmannes

Weiß jemand von Euch, wie der Weihnachtsmann auf die Welt kam? Nein, ich meine jetzt nicht die moderne Form des Weihnachtsmannes, die sich uns seit den frühen 30er Jahren des letzten Jahrhunderts dank einer cleveren Werbekampagne der Coca-Cola Companie ins Gedächtnis gebrannt hat. Vielmehr meine ich den klassischen Weihnachtsmann, der doch ein Mensch sein soll, oder? Doch wie schafft er es, in nur einer einzigen Nacht alle Kinder dieser Erde zu beschenken? Und warum wird er nicht älter? Diese und ähnliche Fragen stellte ich mir schon als Kind und erhielt leider nie Antworten darauf. Bis heute…!

Nach der Lektüre dieses kleinen, feinen Büchleins waren alle meine Fragen, die mich seit Kindertagen beschäftigt hatten, beantwortet. Niemand geringerer als der bekannte amerikanische Autor L. Frank Baum (* 1856; † 1919) lieferte mir alle Fakten, die ich benötigte, um meinen Wissensdurst zu stillen. Kein Wunder: Als Schöpfer von Der Zauberer von Oz kennt er sich schließlich mit magisch-mystischen Wesen und ihren Welten aus. 1902 erschien Die abenteuerliche Geschichte des Weihnachtsmannes erstmals im Original als illustriertes Bilderbuch. Doch auch die mir vorliegende Reclam-Fassung ohne Bilder kann überzeugen. L. Frank Baum (das L steht für Lyman) ging bei seinem Bericht über das Leben des Weihnachtsmannes streng chronologisch vor und unterteilt dessen Lebenslauf in die Rubriken Kindheit, Mannesjahre und Alter.

Im Wald von Burzee wurde der Weihnachtsmann (Äh, also, da war er natürlich noch nicht der Weihnachtsmann sondern einfach nur ein Baby wie jedes andere Baby auch.) als Findelkind von einer Waldnymphe aufgezogen. Um den kleinen Fratz besser rufen zu können, nannte ihn seine Zieh-Mama schlicht und ergreifend „Claus“. Und so wuchs Claus glücklich und zufrieden in eben jenem Wald von Burzee auf, der von etlichen unsterblichen Bewohnern wie Elfen, Knooks, Ryls und Nymphen bevölkert wurde. Claus wurde zum Mann, der respektvoll und gütig gegenüber allen Lebewesen des Waldes war. Doch auch er verspürte in seiner Sturm- und Drang-Zeit den Wunsch, das heimatliche Nest zu verlassen, um eigene Erfahrungen zu sammeln. So siedelte er sich am Waldesrand an und hatte seine ersten Begegnungen mit anderen Menschen. Schnell erkannte er, dass es soziale Unterschiede gab, es in der Welt der Menschen nicht immer gerecht zugeht, und dass die Kinder immer diejenigen sind, die am meisten leiden. Und so reifte in ihm der Plan, den Kindern durch selbstgeschnitztes Spielzeug eine Freude zu bereiten. Schnell sprach sich dies im Lande herum, und immer mehr Kinder äußerten den Wunsch nach einem schönen Spielzeug. Als Ein-Mann-Betrieb kam Claus kaum mit der Produktion nach. Zumal die bösen Awgwas, die auf den steinigen Bergspitzen lebten und alle Wesen des Waldes hassten, ihm immer wieder in die Quere kamen. Awgwas liebten Zwietracht und Zorn: Glück bzw. glückliche Menschen waren ihnen zuwider. Dank der Hilfe seiner Familie aus dem Walde konnte Claus diese miesen Typen besiegen. Doch Hilfe brauchte Claus auch weiterhin, da sich immer mehr Kinder auf der Welt Geschenke wünschten. So sprangen die Wesen des Waldes im hilfreich zur Seite und stiegen tatkräftig in seine Spielzeugproduktion ein. Sogar der Herrscher des Waldes, der Große Ak ließ sich erweichen und stellte Claus einige Rentiere, die seinen Schlitten ziehen sollten, zur Verfügung – allerdings nur für eine einzige Nacht. Und so produzierte Claus das ganze Jahr über Spielzeug, um es dann am Heiligenabend an die Kinder dieser Welt zu verteilen. Doch auch Claus kam in die Jahre und wurde älter. Die Reisen wurden immer beschwerlicher, da seine Kräfte langsam schwanden. Da beschlossen die unsterblichen Bewohner ihm ebenfalls Unsterblichkeit zu schenken…!

Waow! Zwischen zwei kleinen Buchdeckeln können ganze Welten entstehen, in denen eine Menge passieren kann. Völlig gebannt las ich dieses entzückende Büchlein in einem Rutsch an nur einem Nachmittag. Ich fühlte mich zurückversetzt in eine Zeit, als Geschichten noch „anders“ erzählt wurden: ruhiger, feiner, besinnlicher. Mit altmodischem Charme lässt der Autor uns an seiner phantasievollen Geschichte teilhaben. Klug nimmt er die bekannten Fakten rund um den Weihnachtsmann und verknüpft sie auf originelle Weise mit der Handlung seines Märchens, sodass alles völlig plausibel und logisch erscheint.

In den Mittelpunkt dieser Geschichte stellt L. Frank Baum deutlich ein humanitäres Weltbild, das geprägt ist durch Nächstenliebe, Toleranz und ein friedliches Miteinander. Dabei haftet seinem Werk weniger etwas belehrend-aufklärerisches an als vielmehr der märchenhaft-phantastische Grundton, der die Leserschaft vortrefflich unterhält.

Mag auch der Duktus seiner Sprache vielleicht nicht mehr allzu zeitgemäß sein, für mich war es eine wunderbar-märchenhafte Reise in eine vergangene Epoche!


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150112359 / in der Übersetzung von Marion Hertle 

Der Bundesweite Vorlesetag…

Ich hoffe, alle Vorleser*innen bundesweit sind ausreichend vorbereitet, haben die Stimmen erst geschont und dann geölt, um beim jeweiligen Vortrag stimmlich aus den Vollen schöpfen zu können. Leider werde ich diesmal nicht mit dabei sein können, da mir einige fiese Termine tückisch von der Seite reingegrätscht sind. Ich bedaure es sehr, hatte ich es im letzten Jahr doch so genossen, endlich wieder vorlesen zu dürfen.

Aber niemand wird sich an diesem Tag langweilen müssen, da es so viele abwechslungsreiche Lese-Aktionen zu entdecken gilt. Das Jahresthema lautet diesmal Gemeinsam einzigartig und bietet genügend Raum für vielfältige Geschichten. Auf den Seiten vom VORLESETAG findet natürlich wieder das digitale Vorlesefestival statt, das mit einer illustren Schar an Vor-Leser*innen punktet und auf Instagram und Facebook verfolgt werden kann:

  • 9.00 Uhr: Jessica Schöne Die grimmigen Wölfe und die Rotkäppchen-Rebellion
  • 10.30 Uhr: Clarissa Corrêa da Silva & Tarkan Bagci Ein kleiner blauer Punkt
  • 12.00 Uhr: Merlin Sandmeyer Ich heiße Billy Plimpton
  • 13.30 Uhr: Paula Schramm Das fantastische fliegende Fundbüro
  • 15.00 Uhr: Julian Janssen Wovon leben Gespenster?

Auch viele Institutionen wie Bibliotheken, Universitäten, Verlage, Schulen und Buchhandlungen sowie Prominente aus Kultur, Politik und Sport sind wieder mit von der Partie und laden zu interessanten Vorlese-Aktionen ein. So schauen Brigitte Neuner-Krämer und Klaus Sass (beide sind Stellvertretende Bürgermeister*in von Osterholz-Scharmbeck) in einem Kindergarten der Lebenshilfe Osterholz vorbei, um dort die Kindergarten-Kinder mit spannenden Geschichten zu erfreuen. Die Samtgemeindebücherei im benachbarten Hambergen kann gleich mit zwei Lesungen aufwarten: Zuerst wird Lehrer Arne Stephan die jungen Zuhörer*innen mit einer Geschichte erfreuen. Danach lässt es sich Bürgermeister Gerd Brauns nicht nehmen, für die Erwachsenen vorzulesen. Bei der Lilienthaler Diakonie hat der Lesebär Harm-Gerd Lühken tolle Geschichten für die Kids einer benachbarten Kita vorbereitet und lädt dazu in die Martinskirche in Lilienthal ein. Wer nach dieser Vorlese-Aktion noch Lesestoff für zuhause sucht, wird bestimmt in einem der zwei öffentlichen Bücherschränke fündig, die vor der Martinskirche stehen und zum Stöbern verführen.

Unter dem Hashtag #vorlesetag findet Ihr auf Facebook und Instagram Hinweise zu vielfältigen Aktionen. Eine detaillierte Übersicht über die bundesweit stattfindenden Vorleseaktionen gibt es auf der Homepage vom VORLESETAG.

Na, habt Ihr nun Lust auf’s Vor-Lesen bekommen? Dann ran an die Bücher und los geht’s!

Ich wünsche Euch viel Spaß!

[Konzert] Léo Delibes – COPPÉLIA ODER DAS MÄDCHEN MIT DEN GLASAUGEN / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik von Léo Delibes / basierend auf einer Erzählung von E.T.A. Hoffmann

Philharmonisches Orchester Bremerhaven / in Kooperation mit der Ballettschule Dance Art Bremerhaven

Premiere: 13. November 2022/ besuchte Vorstellung: 13. November 2022

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung & Moderation: Hartmut Brüsch
Choreografie & Inszenierung: Irina & Marius Manole

SCHLAGZEILE:
Zwei Bergtrolle zwischen einer Schar Waldelfen gesichtet

„In den späten Morgenstunden des vergangenen Sonntags wurden im großen Haus des Stadttheaters Bremerhaven zwei Bergtrolle inmitten einer Schar kleiner Waldelfen erspäht. Ausschreitungen, die ein Eingreifen von Spezialeinheiten erforderlich gemacht hätten, konnten vermieden werden, da die Bergtrolle sich durch Musik und Tanz beruhigen ließen. Nach Ende der Darbietung trollten die Trolle sich friedlich in Richtung ihres Reviers.“

Ich musste wahrlich ein wenig schmunzeln, als mein Gatte und ich unsere Plätze einnahmen: Rechts und links von uns, vor und hinter uns wuselten Mamas und Papas, Omas und Opas, sonstige Anverwandte und viele, viele Geschwisterkinder der jungen Bühnenstars. Zwischen all den kleinen Winzlingen ragten wir mächtig in die Höhe, als hätten sich tatsächlich zwei Trolle zwischen zarten Elfen verirrt.

Seit wir im letzten Jahr so viel Freude mit dem Familienkonzert Der Nussknacker hatten, sind wir zu heimlichen Fans mutiert. Denn auch in diesem Jahr ging das Philharmonische Orchester wieder eine gelungene Kooperation mit der Ballettschule Dance Art von Irina und Marius Manole ein und servierte abermals mit Léo Delibes Ballettmusik „Coppélia oder das Mädchen mit den Glasaugen“ ein Werk, das zwar durchaus schon rein akustisch gefällt aber in dieser optischen Umsetzung ganz und gar bezaubernd war.

Dirigent Hartmut Brüsch stellte eingangs launig das Philharmonische Orchester vor, indem er die einzelnen Instrumentengruppen hervorhob, um sie so in den Fokus zu rücken und dem jungen Publikum näher zu bringen. Ein kluger Schachzug, denn mit Beginn des Konzertes verschwand das Orchester gänzlich hinter der Präsenz von über 90 jungen Tänzer*innen. Irina und Marius Manole hatten wieder eine abwechslungsreiche Choreografie geschaffen, die sowohl das Alter wie auch den unterschiedliches Ausbildungslevel der Elevinnen und Eleven berücksichtigte. Léo Delibes schwelgerische Musik bot mit Mazurka, Walzer, Csárdás, Polka und Marsch vielfältige Möglichkeiten des tänzerischen Ausdrucks, die in der Choreografie vortrefflich berücksichtigt wurden.

Märchenhaftes erleben kleine Konzertbesucher*innen in der Werkstatt des Dr. Coppélius, der übersinnliche Phänomene erforscht. Er hat sich das Ziel gesetzt, eine Puppe zu kreieren, die wie ein echtes Mädchen wirkt. Wird der junge Franz, der sich prompt in diese Coppélia verguckt, seinen Irrtum bemerken oder wird seine Freundin Swanilda ihm die Augen öffnen müssen?

(Inhaltsangabe dem Programmblatt des Stadttheaters Bremerhaven entnommen.)

In verschiedenen Gruppen eingeteilt zeigten die Tänzer*innen ihr Können und boten mehr als nur den dekorativen Rahmen für die Hauptpartien. Ganz im Gegenteil: Dank der amüsanten Inszenierung der Manoles wurde nicht „nur“ getanzt sondern auch charmant miteinander agiert. Swanildas Freundinnen „kommentieren“ keck-kokett das Geschehen. Kleine Mäuschen wuseln drollig durch Coppélius Werkstatt, in der die unterschiedlichsten Puppen zum Leben erwachen. Kinder toben tanzend über den Festplatz. Freche Lausbuben foppen Coppélius bei seinem Spaziergang.

Marius Manole schlüpfte selbst in die Rolle des Coppélius und verkörperte den alten Griesgram mit viel Witz, doch wohldosiert, um die jüngsten Zuschauer nicht zu ängstigen. Katrina Dieckvoß gab mit mechanischen Bewegungen und puppenhaft-unbeteiligter Mine überzeugend die Titelpartie. Ihr Gegenpart und die eigentliche Hauptpartie des Stücks wurde voller Emotionen und Spielfreude von Miriam Manole verkörpert, die auch tänzerisch ihren Part ganz wunderbar ausfüllt. Volodymyr Fomenko vom Ballettensemble am Stadttheater Bremerhaven zeigte als Franz sein tänzerisches Können, das wir schon in vielfältigen Produktionen an diesem Haus bewundern durften.

Bewundernswert wie Marius Manole seine Truppe im Blick hatte: Turnte mal ein kleines Mäuschen aus der Reihe, wurde es liebevoll wieder ins Spiel zurückgeholt. Übrigens gebührt allen Menschen, die sich um das Wohl von Kindern und Jugendlichen kümmern (egal ob beruflich oder als Ehrenamt), meinen uneingeschränkten Respekt. Junge Menschen brauchen Vorbilder, die ihnen Werte und Tugenden vermitteln und ihre Talente und Kompetenzen fördern.

Nach einer guten Stunde wurden alle Beteiligten mit einem frenetischen Applaus, begeisterten Jubelrufen und einer verdienten Standing Ovation verabschiedet. Und so bleibt mir abschließend nichts anderes übrig, als meinen Schlusssatz vom vergangenem Jahr zu wiederholen:

💛🧡❤️ Es war bezaubernd…! ❤️🧡💛


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das PROGRAMM lohnt sich sehr! Zur Homepage der Ballettschule Dance Art geht es in dieser RICHTUNG.

[Rezension] Dawn Casey – Wir warten auf Weihnachten. mit den schönsten Wintergeschichten aus aller Welt/ mit Illustrationen von Zanna Goldhawk

Die Tage werden kürzer und kürzer. Der erste leichte Frost setzt sich auf Gräser, Büsche und Bäume. Und so hat auch unser Kater beschlossen, dass es neben mir auf dem Sofa deutlich gemütlicher ist als auf seinem bisherigen Outdoor-Platz. Kater und Kerl rücken mehr zueinander und genießen gemeinsam die kuscheligen Momente. Und während sich das Katzentier schnurrend an meine Seite schmiegt, blättere ich in diesem zauberhaften Buch und lasse mich entführen in andere Länder.

Dawn Casey nimmt uns mit auf eine Reise durch die Märchen, Mythen und Sagen aus aller Welt: Wir besuchen den weißen Bärenkönig in Norwegen, suchen in der Ukraine mit den Tieren des Waldes Schutz in einem Handschuh oder nähen mit einem Schneider aus Polen einen Mantel für Mond. In Schottland lauschen wir dem Lied eines kleinen Rotkehlchens, erfreuen uns in China am Geschenk eines Hasen oder staunen über silberne Tannenzapfen aus dem eigenen Heimatland.

Aus Frankreich kommt mit Der kleine schwarze Kater eine sehr eigene und weniger anarchische Variation von Die Bremer Stadtmusikanten, die gänzlich ohne „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“ auskommen. Und selbst auf bekannte wie allzeit beliebte Geschichten wie Der Nussknacker von E.T.A. Hoffmann und Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen müssen wir nicht verzichten. Komplementiert wird diese abwechslungsreiche Sammlung mit Volksmärchen bzw. -sagen aus Japan, Mexiko, Frankreich, Russland, England, Sibirien, Grönland, Südafrika, Griechenland und Irland.

Dawn Caseys Nacherzählungen haben einen einfachen, unaufgeregten Ton und verzichtet auf die allzu gruseligen bzw. brutalen Details des Originals, ohne dabei den Handlungsverlauf zu verändern. Ihre Sprache ist von einer poetischen Schlichtheit, womit die Geschichten sich hervorragend zum Vorlesen für jüngere Kinder eignen.



Doch dies alles wird durch die Kunst von Zanna Goldhawk in den Schatten gestellt. Schon die wunderbare Gestaltung des Einbands erweckte in der Buchhandlung meines Vertrauens sofort meine Aufmerksamkeit. Wie unter Zwang streckte ich meinen Arm aus, griff mir das Buch, um in ihm zu blättern. Seite für Seite steigerte sich meine Begeisterung – über das geschmackvolle Vorsatzpapier zu den liebevollen Illustrationen am Seitenrand bis zu den ganzseitigen Kunstwerken.

Da tanzt der Nussknacker mit Marie durch eine zauberhafte Weihnachtswelt, Polarlichter verwandeln die Berge in geheimnisvolle Welten, die Schneekönigin schwebt in einem gläsernen Schlitten über den Nachthimmel, die Sonne erstrahlt in satten rot-orangen Tönen und der Eisbärenkönig erkundet im kristallenen Blau sein Reich. Dabei würde ich den Stil von Zanna Goldhawk als phantasievoll-naiv beschreiben, der mich oftmals an klassische Bauernmalerei erinnerte, wo das Haupt-Motiv durch Blumen, Blättern und Ranken umkränzt wird.

Als Liebhaber schöner Märchenbücher freue ich mich immer über einen weiteren Schatz für meine Sammlung: Dieses Buch hat mich gänzlich bezaubert!


erschienen bei Knesebeck / ISBN: 978-3957285225 / in der Übersetzung von Kathrin Köller