[Komödie] Eberhard Streul & Otto Schenk – DIE STERNSTUNDE DES JOSEF BIEDER / TiO Osterholz-Scharmbeck

Komödie von Eberhard Streul und Otto Schenk

Premiere: 16. Oktober 2021 / besuchte Vorstellung: 17. Oktober 2021

TiO – Theater in OHZ, Osterholz-Scharmbeck


Inszenierung: Marne Ahrens
Bühne: Beate Schöne


Theater in Zeiten von Corona: Es war und ist für jede Bühne eine Herausforderung. Doch besonders kleine und allerkleinste Theater trifft es besonders hart. Nicht nur, dass die Hygienevorschriften vor, auf und hinter der Bühne umgesetzt werden müssen, auch die Abstandsregelung zwingt viele Theater, die per sé schon überschaubaren Plätze im schnuckeligen, engen und gemütlichen Theaterraum weiter zu reduzieren. Die Folgen: weniger Zuschauerzahlen = weniger Einnahmen = Existenzängste! Selbst eine Amateur-Bühne wie das TiO – Theater in OHZ, wo alle Bühnenschaffenden dies als ihr Hobby ansehen und somit sich ehrenamtlich für das Theater engagieren, spürte diese Folgen. Laufende Kosten scheren sich nun mal nicht um eine Pandemie. Doch das TiO – Theater in OHZ suchte neue Wege und fand diese: ein Darsteller auf der Bühne, ein Regisseur vor der Bühne, eine Requisiteurin hinter der Bühne und ein Techniker am Licht- und Ton-Pult – alle mit dem geforderten Abstand zueinander. Zudem wurde ein passendes Stück mit einer überschaubaren Länge gefunden. So startete im Dezember 2020 die Crew mit den Proben ins Ungewisse, doch mit dem festen Willen, sobald sich eine Möglichkeit bietet, wieder Theater für ihr Publikum anbieten zu können. Und das Konzept ging auf…!

Josef Bieder ist Chefrequisiteur am örtlichen Theater und schon seit Jahrzehnten in diesem Beruf tätig. Er kennt sich aus, und nichts und niemand könnte ihn aus der Ruhe bringen. Das dachte er zumindest, bis er an einem vorstellungsfreien Tag unversehens auf der Bühne steht, um diese für die Aufführung am nächsten Tag vorzubereiten, und im halbdunklen Zuschauerraum Publikum wahrnimmt. Wie konnte dieses Malheur nur passieren? Das kann doch nur ein peinlicher organisatorischer Fehler „von Denen da oben“ sein. Während er versucht, die Verantwortlichen an die Strippe zu bekommen, sucht er den Kontakt mit dem Publikum, denn schließlich „Sie können ja nichts dafür…!“. Dabei entwickelt sich zunehmend ein Monolog, in dem Bieder mehr und mehr ins Plaudern gerät und seine harmlose Schwärmerei für seine junge Assistentin Leni offenbart. Er gewährt „seinem“ Publikum Einblick in seinen Tätigkeitsbereich, gibt Anekdoten über Sänger und Dirigenten zum Besten, zelebriert die verschiedenen Arten der Verbeugung ebenso überzeugend wie das Todeszucken des sterbenden Schwans, und so ganz nebenbei verrät er charmant seine persönlichen Leidenschaften. Nach einer Stunde – seiner Sternstunde – ist seine Arbeit getan, und er verabschiedet sich (und uns) in den wohlverdienten Feierabend.

Manchmal ist weniger mehr: einige wenige Bühnenteile, eine Handvoll Requisiten, dazu ein talentierter Schauspieler unter der Führung eines fähigen Regisseurs, und fertig ist die humorvolle Unterhaltung mit Niveau. Dabei mutete anfangs alles eher etwas nüchtern an: Das Publikum tritt in den Saal und schaut auf die offene Bühne, die Bühnenbildnerin Beate Schöne im Arbeitslicht wenig ansprechend wirken lässt. Ebenso erlaubt Carsten Mehrtens seinen Josef Bieder nicht von vornerein allzu sympathisch über die Rampe zu kommen. Vielmehr wirkt er eher spröde und scheint verunsichert ob der Situation, die er gerne schnellstmöglichst geklärt wissen will. Doch da er „von Denen da oben“ keine schnelle Rückmeldung erhält, ist Bieder gezwungen zu improvisieren. Und so wie die Kulisse plötzlich im Bühnenlicht Atmosphäre ausstrahlt, so blüht unser ältlicher Requisiteur mit jedem weiteren Satz, mit jeder weiteren Anekdote mehr und mehr auf.

Carsten Mehrtens gelingt bravourös der Spagat zwischen Melancholie, Humor und Slapstick. Grandios wie er mit differenzierter Mimik und Gestik die unterschiedlichen Formen der Verbeugung darstellt, voller Zartheit in seiner Schwärmerei von Leni erzählt und über das Altern philosophiert, um dann mit Cadenza den Fächertanz im Tütü darzubieten. Regisseur Marne Ahrens wird einen nicht unwesentlichen Anteil am Gelingen dieses Abends haben. So führt er seinen Schauspieler klug durch diesen Monolog, erlaubt ihm Pausen des Nachdenkens und Resümierens, nutzt geschickt Requisiten und würzt den Text mit lokalen Anspielungen.

Nach einer guten Stunde war das Vergnügen leider schon zu Ende. Doch diese Stunde war nicht nur die Sternstunde des Josef Bieder, sondern ebenso eine Sternstunde für alle Mitwirkende und eine Freude für jede*n, die/der intelligente Unterhaltung zu schätzen weiß.


Hingehen, anschauen und einen tollen Abend verleben: DIE STERNSTUNDE DES JOSEF BIEDER werden noch bis November im TiO – Theater in OHZ zu sehen sein.

MONTAGSFRAGE #140: Was haltet Ihr von Büchern, die von einem Ghostwriter geschrieben wurden?

Eine neue Woche, eine neue MONTAGSFRAGE: Auch in dieser Woche erscheint meine Antwort erst am Dienstag, und dies wird wahrscheinlich auch in Zukunft des Öfteren passieren. Nehmt es mir bitte nicht übel, aber ich bin montags nach der Arbeit immer so „platt“, dass mein Sofa eine unwiderstehliche Anziehungskraft (Stichwort: Magnetismus) besitzt.

Zur aktuellen Frage erlaubt mir bitte, dass ich hier und jetzt eine These aufstelle, die ich nicht beweisen kann und will. Ich werde jetzt einfach mal in der Kiste meiner Vorurteile kramen, und eine haltlose Unterstellung formulieren.

Ich unterstelle mal, dass Ghostwriter vornehmlich beim Erstellen von Biografien zum Einsatz kommen, wenn der Mensch, der im Mittelpunkt dieser Biografie steht, nicht über das nötige schriftstellerische Knowhow verfügt. Diesen Umstand fände ich auch überhaupt nicht verwerflich, wenn die Person der öffentlichen Begierde zu dieser Tatsache stehen würde. Es ist absolut nicht verwerflich, sich für eine Tätigkeit, die nicht selbst beherrscht wird, einen entsprechenden Fachmann (oder: eine Fachfrau) zur Hilfe zu holen. Von amüsiert bis genervt reagiere ich allerdings, wenn der sogenannte Promi dann verschämt behauptet, er hätte „eigentlich“ alles selbst geschrieben, und der Ghostwriter hätte „nur“ Korrektur gelesen. Wenn dem so wäre, dann wäre jede*r Lektor*in ein*e Ghostwriter*in, oder?

Im Großen und Ganzen stehen Biografien und ich allerdings „auf Kriegsfuß“: Es war, wurde und wird nie mein bevorzugtest Genre. Und da ich kaum bis gar keine Biografien lese, ist es mir auch „sowas von schnuppe“, ob dieses Werk dank eines Ghostwriters entstanden ist. So fällt mein heutiger Beitrag wahrlich nicht übermäßig originell aus. Doch dafür drängt sich mir der Verdacht auf, dass dies wohl die kürzeste Antwort aller meiner Antworten zur MONTAGSFRAGE zu sein scheint. Aber auch diese These will ich nicht beweisen (müssen)…!

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

Zum Bundesweiten Vorlesetag: POETRY on the MARKET…

Ja ja, es ist mal wieder soweit: DER BUNDESWEITE VORLESETAG nähert sich mit riesigen Schritten. Hatte ich im letzten Jahr anfangs meinen Mund noch allzu voll genommen, um dann kleinlaut zu Kreuze zu kriechen, da ich schlussendlich nichts auf die Reihe bekommen hatte,…

…bin ich in diesem Jahr hochmotiviert und werde meine Idee zum Bundesweiten Vorlesetag diesmal auch in die Tat umsetzten: Am 19. November 2021 werdet Ihr mich auf dem Marktplatz in Osterholz-Scharmbeck antreffen. Unter der Überschrift POETRY on the MARKET werde ich ab 10.00 Uhr auf dem Wochenmarkt mit einer „Lostrommel“ voller Gedichte präsent sein und ahnungslose Passant*innen „erschrecken“ – Äh! Ich meinte natürlich: „ansprechen“. Meine „Opfer“ dürfen dann ein Los ziehen. Ich werde ihnen das gezogene Gedicht vortragen, das sie hinterher natürlich mit nach Hause nehmen dürfen. An meiner Seite werde ich eine wunderbare Assistentin haben: Ute Gartmann, Buchhändlerin meines Vertrauens, wird mich tatkräftig unterstützen.

Ihr möchtet Euch vorab informieren, ob auch in Eurer Nähe etwas passiert? Kein Problem! Unter dem Hashtag #vorlesetag findet Ihr auf Facebook und Instagram Hinweise zu vielfältigen Aktionen. Eine detaillierte Übersicht über die bundesweit stattfindenden Vorleseaktionen gibt es auf der Homepage vom VORLESETAG.

Ich werde mich jetzt auf die Lyrik stürzen und meine Auswahl an Gedichten treffen. Und Ihr könnt mir gerne die Daumen drücken, damit am 19. November sowohl meine „Opfer“ als auch der Wettergott mir wohlgesonnen sind.

[Rezension] Hamburg zum Verweilen. Mit Geschichten die Stadt entdecken/ herausgegeben von Antje Flemming & Folke Havekost

Hamburg – meine Perle!

In der Zwischenzeit waren wir schon wieder bei dir, haben eine Vorstellung in einem unserer Lieblingstheater besucht, so ganz nebenbei ein bisschen Großstadt-Luft geschnuppert und dabei hautnah erlebt, wie unterschiedlich je nach Bundesland und Inzidenzwert die Corona-Bestimmungen umgesetzt werden. Doch irgendwie hat uns die Corona-Pandemie Stadt-müde gemacht: Unsere Sinne waren so sehr auf „Lockdown“ heruntergefahren, dass uns der städtische Trubel eher unangenehm war. So wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis wir uns wieder auf den Weg zu einem ausgiebigen Rundgang durch die Stadt begeben.

„Mit Geschichten die Stadt entdecken“ verspricht der Reclam-Verlag mit seiner neuen Reihe an Stadtführern, und so setzt der Verlag dem jeweiligen Ort literarisch sein Denkmal. In gewohnter Stadtführer-Manier befinden sich im vorderen wie hinteren Umschlag die Straßenkarten. Hier entdeckt der interessierte Reisende Hinweise zu Sehenswürdigkeiten mit Angabe der Seitenzahl, wo die dazugehörigen Texte im Buch zu finden sind. Zu jedem der genannten Plätze liefern die Herausgeberinnen eine informative Einleitung, bevor sie die Literat*innen selbst zu Wort kommen lassen.

So spazieren wir mit Kurt Tucholsky über die sündige Reeperbahn, besuchen mit Joachim Ringelnatz die Seemannsmission in Altona und vergnügen uns mit Fanny Müller bei einem Straßenfest im Schanzenviertel. Hubert Fichte berichtet uns von der legendären „Palette“ am Gänsemarkt, mit Karen Duve besteigen wir ein Taxi am Jungfernstieg und treffen uns mit Heinrich Heine auf dem Rathausmarkt. Willi Bredel lädt uns ins St. Pauli Theater ein, und Uwe Timm verrät uns, wo es in der Neustadt die beste Currywurst gab.

Die Elbe können wir sowohl mit Joachim Mischke von der Plaza der Elbphilharmonie wie auch mit Wolfgang Borchert von Blankenese aus bewundern. Franz Kafka verrät uns seine Gedanken zum Tierpark Hagenbeck, Carl von Ossietzky verführt uns zu einer Fahrt auf der Alster, und mit Matthias Nass werfen wir einen Blick ins Wohnhaus von Loki und Helmut Schmidt. Hans Erich Nossack lässt uns an einem außergewöhnlichen Gespräch auf der Lombardbrücke teilhaben, und Ilse Frapan plaudert über die Leute, die die Kirche St. Michaelis besuchen, während in deren unmittelbarer Nähe Simone Buchholz über die Landungsbrücken schlendert.

Die Namen der Autor*innen lassen es erahnen: Die zeitliche Einordnung der Texte umspannt mehrere Jahrhunderte. So kommen wir in den Genuss sehr unterschiedlicher Erzählstile, spannen einen unterhaltsamen Bogen aus der Vergangenheit bis zur Gegenwart und erleben Hamburg aus den Blickwinkeln verschiedener Epochen.

Wer seine Lieblingsstadt gerne auf einem literarischen Rundgang „neu“ für sich entdecken möchte, der ist mit dieser Reihen bestens beraten.


erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150205648

MONTAGSFRAGE #139: Muss ein anspruchsvolles Buch schwer zu lesen sein?

Zwei Wochen hatten wir nun Pause von der MONTAGSFRAGE: Nachdem die Hüterin der MONTAGSFRAGE nun wieder genesen ist, schenkt sie uns in dieser Woche wieder eine interessante Frage. Und ich muss mich nach dieser zweiwöchigen Pause tatsächlich wieder auf den Antwort-Modus „eingrooven“.

Kaum hatte ich die Frage gelesen, stolperte ich auch schon über das Wörtchen „anspruchsvoll“ und die Formulierung „schwer zu lesen“. Ojemine, dies allgemeingültig zu definieren, würde mich wahrscheinlich sehr herausfordern, da die Bandbreite enorm ist und sogar innerhalb einer ansonsten homogenen Gruppe von Menschen recht unterschiedlich ausfallen könnte.

Was ist anspruchsvoll? Was ist schwer zu lesen? Jede*r definiert dies für sich ganz persönlich.

Ist ein Text mit vielen Fremdwörtern zwangsläufig anspruchsvoller als ein Text mit einer blumigen, bildhaften Sprache? Ist ein Werk, das aus vielen Schachtelsätzen besteht, zwangsläufig schwerer zu lesen als ein Werk aus kurzen, knappen Sätzen? Erhalten tiefschürfende Gedanken und existentielle Themen erst durch eine explizite Wortwahl ihre Anerkennung, um für wahr empfunden und ernst genommen zu werden? Und im Gegenzug: Gelten Texte, die in ihrer Aussage einfach gehalten wurden, automatisch als trivial? Fragen über Fragen…!

Doch kommen wir auf die Ursprungsfrage zurück:

Muss ein anspruchsvolles Buch schwer zu lesen sein?

Nein, muss es nicht! Oder: Ich würde mir wünschen, dass es nicht so wäre! Ich würde mir wünschen, dass so viele Leserinnen und Leser ihre Schwellenangst überwinden und in den Genuss eines „anspruchsvollen“ literarischen Werkes kommen, und dass jede Leserin und jeder Leser nach dem persönlichen Gusto das für ihn passende aus dieser Lektüre herausziehen kann. Denn „anspruchsvoll“ muss nicht zwangsläufig mit „schwer zu lesen“ einhergehen. Beispiel gefällig? Aber gerne…! Ich glaube, niemand würde die Erzählung „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry als belanglose Trivial-Literatur abtun.

Die metaphorischen Bilder erlauben einen unbefangenen Zugang zur Geschichte. Die Botschaft ist in einer einfachen doch poetischen Sprache gehalten, und doch sind die angesprochenen Themen (Liebe, Moral, Kritik an der Gesellschaft, Tod und Sterben, Freundschaft, Menschlichkeit) von existenzieller Natur. Jede Leserin und jeder Leser wird sich von diesem Märchen unterschiedlich angesprochen fühlen. Je nach der momentanen persönlichen Lebenssituation wird jede und jeder das Gelesene für sich individuell interpretieren. Und ich wage die Behauptung, dass jede und jeder von dieser entzückenden Geschichte auf irgendeiner Art und Weise berührt sein wird, denn:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut…!“

…und wie lautet Eure Meinung zu dieser herausfordernden Frage???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Oper] Jacques Offenbach – HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN (Les Contes d’Hoffmann) / Stadttheater Bremerhaven

Fantastische Oper in  fünf Akten von Jacques Offenbach / Libretto von Jules Barbier / nach dem gleichnamigen Drama von Jules Barbier und Michel Carré / in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 25. September 2021 / besuchte Vorstellung: 3. Oktober 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann
Inszenierung: Johannes Pölzgutter
Bühne & Kostüme: Julius Semmelmann
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Zum ersten Mal in dieser Saison sitzen wir im Rahmen unseres Abonnements im Stadttheater Bremerhaven und starten mit der Eröffnungs-Inszenierung: „Big – Bigger – Biggest“ könnte über diesen Abend stehen, den es wird die ganz große Oper zelebriert. Dabei bezieht sich diese Aussage nicht etwa auf eine Gigantomanie in der Ausstattung – hier wird eher auf eine zurückhaltende doch äußerst elegante Optik gesetzt – sondern vielmehr auf die Macht der Gefühle und den Reiz der Musik.

Der Dichter E.T.A. Hoffmann sieht sich am Ende seiner Schaffenskraft: Wo ihn früher die Muse mit Inspiration überschüttete, fühlt er nun nur eine Leere, die er mit Alkohol zu füllen versucht. Doch die Muse hat ihn nie verlassen. Vielmehr ist sie nach wie vor an seiner Seite und bemüht sich, seinen göttlichen Funken nicht verlöschen zu lassen. Ein schweres Unterfangen, da Hoffmann mehr auf seine Saufkumpane hört. Sie stacheln ihn an, von seiner großen Liebe Stella zu erzählen. Nach anfänglichem Zögern ist er dazu bereit und versucht, seine Liebste anhand von drei Frauentypen zu beschreiben, wo jede eine andere Facette von Stella zeigt.

Da wäre als erste seiner Auserwählten Olympia, das mechanische Wunderwerk des genialen Konstrukteurs Spalanzani, die wunderbar singt, wunderbar tanzt und wunderbar aussieht. Leider hat sie einen großen Nachteil: Sie hat kein Herz, und sobald ihr der Strom abgedreht wird, sackt sie in sich zusammen. Doch Hoffmann ist von dieser perfekten Puppe geblendet, zumal ihm der zwielichtige Coppélius eine Brille verkaufte, durch die er die Welt nur in den schönsten Farben wahrnimmt. Da muss die Muse erst den Stecker ziehen, damit er unsanft auf den Boden der Tatsachen fällt.

Seine zweite Auserwählte ist die sterbenskranke Antonia, die von ihrem Vater Crespel behütet wird. Singen bedeutet für die junge Frau alles, doch gerade diese Leidenschaft würde ihr den Tot bringen. Hoffmann hat ihr seine schönsten Verse gewidmet, die nun nie über ihre Lippen kommen werden. Doch die Liebe zu ihr ist größer als sein Ego. Der Quacksalber Miracle hypnotisiert die Menschen in Antonias Nähe und verführt diese, trotz aller Warnungen zu singen. Tot bricht sie zusammen. Hoffmann ist verzweifelt.

Die dritte Auserwählte ist die Kurtisane Giulietta, die bewusst ihre Reize einsetzt, um so rücksichtslos die Männer für ihre Vorteile zu manipulieren. Auch Hoffmann verfällt dieser „Femme fatal“, die ihn zu einem Verbrechen anstachelt. Trotz aller Mühe seiner Muse, ihn aufzuhalten, begeht er einen Mord, indem er seinen Nebenbuhler erwürgt. Doch seine Angebetete ist längst mit dem diabolischen Dapertutto über alle Berge.

Die Saufkumpane bedauern das Leid, das die Liebe verursacht, und gönnen sich einen weiteren Schluck. Doch Hoffmann wurde von seinen eigenen Erzählungen wach gerüttelt und sieht deutlich seine Muse vor sich, die ihm Papier und Stift reicht…!

Kaum eine andere Oper wurde so häufig umgeschrieben, gekürzt, Akte umgestellt wie bei Les contes d’Hoffmann, zumal Jacques Offenbach noch vor der Uraufführung verstarb und so keine endgültig redigierte Fassung hinterließ. So bietet dieses Werk schon über Jahrhunderte reichlich Interpretationsspielraum für kreative Theatermacher. Für Bremerhaven besah sich Regisseur Johannes Pölzgutter das Werk, das wie ein zerfranster Teppich anmutet, nahm die losen Enden auf, verknotete sie und verwebte sie dann zu einem stringenten Bild. Heraus kam eine Inszenierung ohne Effekthascherei, bei der die Konstellation der Personen zueinander im Mittelpunkt steht. Die Dynamik auf der Bühne entsteht somit nicht aus einer Hyperaktion des Ensembles sondern aus den Emotionen des Handlungspersonals. So wandelt sich im Laufe der Handlung zunehmend „Comique“ zu „Dramatique“.

Unterstützung in seinem Regiekonzept fand Pölzgutter im Bühnen- und Kostümbildner Julius Semmelmann, der Hoffmanns Welt in herrschaftlich-eleganten Räumen spielen lässt, mit dem Öffnen der Wände bzw. der Verschiebung des kompletten Bühnenbilds neue Perspektiven zaubert und zusätzlich mit raffinierten Überraschungen überzeugt. Auch bei seinen Kostümen ist der rote Faden sichtbar: So gewandete er die Damen in einer einheitlichen Farbpalette, erlaubt ihnen durch prägnante Einzelheiten aber auch Individualität. Dafür muten Hoffmanns Saufkumpane wie Klone des Dichters an. Die Muse schwirrt im eleganten Grau und einem Hauch Androgynität mit ihren Engels-Flügelchen durch die Szenerie. Hoffmann bleibt immer Hoffmann. Er ist die Titelfigur: Eine großartige Verkleidung ist hierbei nicht nötig.

Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Marc Niemann schien Offenbachs Melodien zu zelebrieren. Niemann führte Solisten und den vorzüglichen Chor sicher durch die Partitur und vollbrachte u.a. das Wunder, dass die zum Schlager verkommene Barcarole im 4. Akt dank aller Beteiligten zu einem musikalischen Genuss wurde.

Mirko Roschkowski gab den Hoffmann sowohl mit tenoraler Verve als auch mit nuanciertem Spiel. Seine Nebenbuhler in den einzelnen Akten wurden alle von Marian Pop verkörpert, der es mit seinem vollen Bariton schaffte, nicht „nur“ böse zu sein, sondern auch die Persönlichkeiten der jeweiligen Figur offenzulegen. Tenor Andrew Irwin zeigte in seinen Auftritten eine enorme Wandlungsfähigkeit: sei es als ein verschrobener „Big Bang Theory“-Nerd bei der Erschaffung von Olympia, als voluminös-robuste Haushälterin bei Antonia oder als der exaltierte Assistent von Giulietta. Ulrich Burdack hatte in der kleinen Rolle als Antonias Vater Crespel leider nur sehr wenige Gelegenheiten, seinen warmen, volltönenden Bass zu präsentieren.

Auch wenn wir hier den Erzählungen eines Mannes lauschen, so steht das Weib (die Weiber) im Mittelpunkt dieser Oper: Victoria Kunze brilliert als Olympia, meistert die Koloraturen wieder mit Leichtigkeit und liefert ein komödiantisches Kabinettstückchen ab. Marie-Christine Haase überzeugt als totgeweihte Künstlerin, die an ihrer Kunst zerbricht, und singt mit empfindsamen Sopran. Signe Heiberg gibt das Vollblutweib Giulietta mit üppiger Erotik und triumphierender Stimme. Die Muse von Patrizia Häusermann ist kein zartes Vögelchen, vielmehr greift sie beherzt ins Geschehen ein, um „ihren“ Hoffmann vor Schlimmeren zu bewahren. Dass sie singen kann, muss sie niemanden mehr beweisen, und doch erfreut es mich immer, wenn innerhalb einer überzeugenden Inszenierung ein zusätzliches Highlight aufblitzt: Hier gestaltet sie die schon erwähnte Barcarole gemeinsam mit Signe Heiberg äußerst geschmackvoll und fern jeglicher Schlager-Seligkeit.

Im Stadttheater Bremerhaven wurde (wird) GROSSE Oper präsentiert, das vom Publikum absolut zu Recht mit einem frenetischen Schluss-Applaus gewürdigt wurde.


Wann HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN wieder präsentieren werden, erfahrt Ihr auf der Homepage vom Stadttheater Bremerhaven.

[Eine Geschichte…] Unbekannt – ERSTE HILFE

Ein kleiner Junge kam später nach Hause, als die Mutter erwartet hatte. Als sie nach dem Grund der Verspätung fragte, antwortete das Kind:

„Ich habe Julia geholfen. Ihre Puppe ist kaputt gegangen.“

„Hast du geholfen sie zu reparieren?“, fragte die Mutter.

„Nein“, antwortete das Kind, „Ich habe ihr geholfen zu weinen.“

Unbekannt

aus: Hoppla! Neue Geschichten für andere Zeiten/ herausgegeben von Andere Zeiten e.V./ mit Illustrationen von Elsa Klever

[Rezension] Hoppla! Neue Geschichten für andere Zeiten/ herausgegeben von Andere Zeiten e.V./ mit Illustrationen von Elsa Klever

Seit etlichen Jahren begleiten mich die Publikationen von Andere Zeiten e.V., eine Initiative zum Kirchenjahr, die in Hamburg beheimatet ist und sich mit der Zeit vom kleinen Geheimtipp zum begehrten Insider gemausert hat.

Meinen ersten Kontakt mit einer Publikation dieser Initiative hatte ich, als ich vom Pastor der diakonischen Einrichtung, bei der ich gearbeitet hatte, über Jahre deren besonderen Adventskalender geschenkt bekam. „Der Andere Advent“ ist ein Adventskalender mit Texten und Bildern zum Weiterdenken: Es wurde ein richtiges Ritual, morgens vor Arbeitsbeginn einen Moment am Schreibtisch inne zu halten, Bild und Text auf mich wirken zu lassen und erst danach ans Tagwerk zu gehen. Nach einem Wechsel des Arbeitgebers schenke ich mir diesen Kalender nun immer selbst.

Doch auch die anderen Veröffentlichungen gefallen mir sehr. Besonders die „Geschichten für andere Zeiten“ sind ganz wundervoll. Nach „Typisch!“ und „Oh!“ erschien nun brandneu mit „Hoppla!“ der dritte Streich dieser Reihe. In diesen entzückenden Büchern im handlichen Format versammeln sich Geschichten und kleine Anekdoten, die vorab im „Magazin zum Kirchenjahr“, im Fastenwegweiser „wandeln“ oder in vergangenen Adventskalendern erschienen sind und hier mit stimmungsvollen Illustrationen versehen als Sammlung neu veröffentlicht werden.

Für „Hoppla!“ konnte die Hamburger Künstlerin Elsa Klever gewonnen werden, die schon Kinderbücher für die Verlage Carlsen, Thienemann und Aladin illustrierte oder Buch-Cover für Dragonfly, Beltz & Gelberg und Coppenrath schuf. Sie gewann 2015 den Österreichischen Kinderbuchpreis und ist in diesem Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Hier sorgt sie mit ihren sowohl ansprechenden wie auch stimmungsvollen Bildern, dass die Geschichten originell umrahmt werden. Klever verbeugt sich mit ihrer Kunst vor den Zeilen der versammelten Autor*innen: Neben vielen „Unbekannten“ gibt es auch Texte von Anthony de Mello, Frank Hofmann, Susanne Niemeyer, Martin Auer, Elke Heidenreich, Johann Roth, Hans Heß, Lynn Segal, Shiva Ryu, Gisela Rieger, Sigismund von Radecki, Rabbi Nilton Bonder, Luigi Malerba, Rajinder Singh, Kristina Reftel und Shiva Singh.

Da wird ein Zwiegespräch mit dem Teufel gehalten, für das Gehör eines Musikers singt ein Vogel „falsch“, eine Einsiedlerin zähmt ihre inneren Tiere, und Forscher fordern frech Gott heraus. Andere Geschichten erzählen von dem Meister, der seinen Schüler auf die Suche nach Wahrheit schickt, von einem schielenden Huhn in Pisa und von einem kleinen Junge, der seiner Freundin beim Weinen hilft.

Allen Geschichten ist gemein, dass sie mir ein Lächeln ins Gesicht zauberten und nach der Lektüre meine Gedanken auf eine Reise schickten. Sie erzählen von der Suche nach dem großen Glück, der noch größeren Liebe, dem Finden der kleinen Glücksmomente, vom humorvollen Scheitern, von  viel Menschlichkeit und ganz viel Weisheit. Dieses kleine Buch macht die Welt vielleicht nicht besser, aber es sorgt dafür, dass wir uns in ihr eine Zeit lang besser fühlen. Und ich finde, das ist schon sehr viel wert…!

Übrigens: Den Adventskalender für dieses Jahr habe ich mir natürlich schon zuschicken lassen. Denn: Ruckzuck ist sie da, die Adventszeit…! 😉


erschienen bei Andere Zeiten e.V./ Artikel-Nr.: 525