
[Rezension] Karsten Dusse – FILMRISS AUF IMMENHOF. Trippel. Trappel. Tot.
„Trippel trappel trippel trappel Pony…“
Ich las den ersten Satz aus Karsten Dusses neustem Krimi FILMRISS AUF IMMENHOF, und eine Melodie fraß sich unaufhaltsam in meinen Gehörgang, um dort zu einem handfesten Ohrwurm zu mutieren. Selbst abseits der Lektüre erwischte ich mich dabei, wie ich diese Melodie verträum vor mich hin summte.
Dieser erste Satz war vom Autor schlau gewählt. So hatte er mich blitzschnell an der Angel – oder vielmehr am Zügel. Ein Entkommen schien zwecklos!
Die Kriminalpsychologin Sophia, geschieden, zweifache Teenager-Mutter und gerade wieder frisch getrennt, schenkt sich zum 45. Geburtstag ein Wochenende auf dem Immenhof. Das zum Hotel umgebaute Landgut ist für sie der Inbegriff von heiler Welt und Geborgenheit ihrer Kindheitsfilme. Nach einer Retro-Party mit Pony-Romantik und Wodka Red Bull wacht sie am nächsten Morgen allerdings mit einem Filmriss neben der abgetrennten Hand ihres Ex-Freundes auf. Sie hat keine Ahnung, wer dafür verantwortlich ist – weiß aber, dass sie am Tag vorher noch den perfekten Plan hatte, ihren Ex ohne Spuren zu ermorden. Zwischen Kindheitsidyll und schlechtem Gewissen rekonstruiert sie die Nacht – und findet dabei überraschend zu sich selbst zurück.
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Ich tat mich etwas schwer, nach Beendigung dieses Romans passende Worte der Wertschätzung zu finden. Man möge mich bitte nicht missverstehen: Diese (nennen wir es mal) Zurückhaltung lag nicht in der Tatsache begründet, dass es nichts zu wertschätzen gäbe.
Ganz im Gegenteil: Karsten Dusse hat wieder einen süffigen Krimi abgeliefert. Sein Handlungspersonal ist prall und lebendig (die einen mehr, die anderen weniger). Er spielt unterhaltsam mit Genre-Klischees, baut die Handlung raffiniert auf und liefert mit Rückblenden die nötigen Erklärungen für die Motivation der Protagonist*innen. Und wie bereits in seinem Erfolgsroman ACHTSAM MORDEN versteht er es auch hier vortrefflich, die Opfer so unsympathisch zu porträtieren, dass ich moralisch keinerlei Bedenken hatte, diese über die Klinge springen zu lassen. Vielmehr entfleuchten mir hin und wieder Ausrufe wie „Das geschieht dir recht, du Schuft!“ oder „Selber schuld!“.
Diese Gräueltaten paart er mit detaillierten Beschreibungen des Heile-Welt-Sehnsuchtsortes Immenhof à la „Midsomer Murders“, denn hier wie dort passieren die unfassbarsten und skurrilsten Morde im Umfeld ländlicher Idylle. Doch gerade dieses Aufeinanderprallen scheinbar konträrer Komponenten erhöhte den Unterhaltungswert und damit meine Freude beim Lesen des Romans.
Doch woher kam nun meine eingangs erwähnte Zurückhaltung? Ich hatte das Buch zugeklappt, zufrieden geseufzt und gedacht „Schön war’s!“. Ich wollte das Buch nochmals in Ruhe „nachschmecken“ und nicht – wie so oft – darüber nachdenken, wie ich eine Rezension formuliere. Ich wollte dieses „Schön war’s!“ nicht erklären müssen.
FILMRISS AUF IMMENHOF ist ein wunderbar leichter und (im besten Sinne des Wortes) unkomplizierter Krimi, der mich vom ersten Satz an gefesselt hat und beste Unterhaltung bietet. Es klingt nach wenig, ist aber ganz, ganz viel!
erschienen bei Heyne / ISBN: 978-3453274549
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
[Noch ein Gedicht…] Christian Morgenstern – DER PURZELBAUM
Ein Purzelbaum trat vor mich hin
und sagte: »Du nur siehst mich
und weißt, was für ein Baum ich bin:
Ich schieße nicht, man schießt mich.
Und trag‘ ich Frucht? Ich glaube kaum;
auch bin ich nicht verwurzelt.
Ich bin nur noch ein Purzeltraum,
sobald ich hingepurzelt.«
Je nun, so sprach ich, bester Schatz,
du bist doch klug und siehst uns; –
nun, auch für uns besteht der Satz:
wir schießen nicht, es schießt uns.
Auch Wurzeln treibt man nicht so bald,
und Früchte nun erst recht nicht.
Geh heim in deinen Purzelwald,
und lästre dein Geschlecht nicht.
Christian Morgenstern
IN·TER·MEZ·ZO…

[Rezension] DIE SCHÖNSTEN ANEKDOTEN AUS DER MUSIK/ herausgegeben von Friederike C. Raderer & Rolf Wehmeier
Und weiter geht’s: Nun sind es nur noch 5 Wochen bis mein Stamm-Theater seine Türen wieder öffnet und am ersten September-Wochenende mit einer fulminanten Eröffnungs-Gala sowie einem tollen Theaterfest in die Spielzeit 2026/2027 startet. Bis dahin tröste ich mich weiterhin mit der passenden Lektüre.
Gustav Mahler stand fasziniert vor
den Niagarafällen und meinte:
„Endlich Fortissimo!“
Lieben wir sie nicht alle, diese pikanten Anekdötchen, die vieles aussagen und manches verschweigen. Kurz und knackig sollten sie sein, bestenfalls typische Charaktereigenschaften bekannter Persönlichkeiten offenbaren und mit einer schmissigen Pointe enden.
Friederike C. Raderer und Rolf Wehmeier haben in DIE SCHÖNSTEN ANEKDOTEN AUS DER MUSIK reichlich von diesen humoristischen Appetithappen gesammelt und sie unter den Rubriken SÄNGER-, BLÄSER-, STREICHER-, SCHLAGZEUG-, EXPERIMENIER-, TECHNIK-, PIANISTEN-, PROBEN-, ORGANISTEN- und ORCHESTER-GESCHICHTEN eingeteilt. Anscheinend gibt es auch in der Musik auf allen Ebenen kleine Geschichtchen voller Kuriosität zu berichten.
Bei den meisten Anekdoten stehen die Eitelkeiten der Künstlerinnen und Künstler allzu deutlich im Mittelpunkt und erzählen von Selbstüberschätzung sowie von Neid und Eifersucht gegenüber Konkurrent*innen. Auch das so manches Mal ambivalente Verhältnis zwischen Orchester, Instrumental-Solisten, Sänger*innen und/oder Dirigent hält gar herrliche Verbal-Scharmützel parat. Doch auch die Tücken der Technik, z. Bsp. während einer Aufnahme-Session im Studio, sorgen für Verwirrung und liefern ebenso amüsante Stories, wie der Zusammenstoß von traditionellen Hörgewohnheiten mit eher avantgardistischen Kompositionen und einer modernen Aufführungspraxis.
Neben der Aufteilung der Anekdoten in die oben genannten Rubriken, schafft es das Herausgeber-Duo sogar einen kleinen roten Faden abzuspulen: Da tauchen einige Stichpunkte wiederholt und unter verschiedenen Rubriken auf, seien es die Wiener Philharmoniker, Franz Liszt, Yehudi Menuhin, Beethovens 5. Sinfonie sowie der weltbekannte Steinway-Flügel. Doch auch bei Aufführungen von Werken des göttergedämmerten Richard Wagners scheint gerne so einiges Unvorhergesehenes zu passieren, das Stoff für süffige Geschichten liefert. Abgerundet wird diese durchaus üppige Anekdoten-Sammlung durch ein detailliertes Personenregister.
Und wieder schaffte es der Reclam-Verlag mit Leichtigkeit, dass ich „in einem Waschgang“ kurzweilig unterhalten wurde und spielerisch lernen konnte: Da verwandelte sich die „schnöde“ Wissensvermittlung zum amüsanten Entertainment!
erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150145883
LI·TE·RA·RISCHE HEL·DEN…

[Rezension] Johanna Sebauer – POPÓM
„Ja, was soll denn das werden?“ stammelte ich und blinzelte erstaunt mit den Augen. Nach der herrlich schwarzhumorigen Satire DAS GURKERL hatte ich vom neuesten Werk von Johanna Sebauer erwartet, dass…! Ja, was hatte ich denn erwartet? Zumindest hatte ich etwas anderes erwartet als das, was ich nun in den Händen hielt. Einige Seiten des Romans waren bereits gelesen, und die Handlung plätscherte vor sich hin – stetig im Fluss aber ohne Wellengang. Die Lektüre abzubrechen, war für mich aber trotzdem keine Option. Irgendetwas hielt mich. Irgendwie wollte ich mehr erfahren, wollte erfahren, wie die Autorin diese unglaubliche Geschichte auflöst.
Seine Endzwanziger hat sich Hendrik Popom anders vorgestellt. Nichts will ihm so richtig gelingen. In seinem Agenturjob sitzt er seine Zeit ab, mit seiner Freundin lief es schon einmal besser, und dann ist da plötzlich dieser Mann – Popóm. Er ist fast doppelt so alt und dennoch weiß Hendrik: Dieser Mann bin ich. Zögerlich nähern sich die beiden einander an. Ihre Beziehung ist voller Rätsel, Zuneigung und Widerstände. Hendrik hofft, in seinem anderen Ich das zu finden, was ihm in seinem Leben fehlt – Halt und Zuversicht. Doch je stärker er sich an Popóm klammert, desto mehr weicht dieser zurück. Als er sich einer Kollegin anvertraut, begreift er, welch hohen Preis man zahlt, wenn man sich dem Leben entzieht.
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Was wäre, wenn…? Was wäre, wenn es von mir eine (noch) ältere Version geben würde? Würde dieser Umstand mich ängstigen oder beruhigen? Zeigt es mir, dass in dieser momentan verrückten Welt ein Weiterleben, in diesen momentan verrückten Zeiten ein Älterwerden nicht nur machbar sondern auch erstrebenswert sei? Wäre ein Blick in meine eigene Zukunft durchaus wünschenswert? Könnte diese Möglichkeit, wenn sie sich mir bieten würde, viele meiner offenen Fragen beantworten oder vielmehr weitere Fragen aufwerfen? Bei all diesen Unsicherheiten war ich mir in einem Punkt sicher: Ich wäre danach kein zufriedenerer Mensch.
All diese Gedanken (und noch viele mehr) gingen mir währen der Lektüre des Romans durch den Kopf. Da kam mir der eingangs bekriddelte Umstand, dass die Handlung vor sich hin plätscherte, eher entgegen und ermöglichte es mir, meinen eigenen Gedanken nachzuhängen ohne den Handlungsfaden zu verlieren. Johanna Sebauer beschrieb den Alltag unseres Helden äußerst prosaisch, wie wir es aus unzähligen Romane kennen und gewöhnt sind. Hingegen die Dialoge von Hendrik Popom mit seinem älteren Ich löste sie aus der prosaischen Erzählstruktur heraus, hob sie auf eine weitere Ebene und verlieh ihnen somit etwas Unwirkliches, beinah Erhabenes. Es schien so, als wären diese Begegnungen nicht von dieser Welt. Lange Zeit dachte ich, dass sich diese Begegnungen nur im Kopf des Helden abspielten. Die Autorin gestaltete diese Skurrilität mit einer wohltuenden Ernsthaftigkeit und gab so keiner ihrer Figuren der Lächerlichkeit preis. Vielmehr löste sie diese verzwickte Geschichte sehr geschickt und absolut nachvollziehbar auf und krönte sie mit einem Ende „hinter dem Ende“, das diese geschmackvoll abrundete.
Je mehr die Handlung voranschritt, umso mehr gelangte ich gemeinsam mit unserem Helden Hendrik Popom zu der Erkenntnis, dass ein Blick in die persönliche Zukunft alles andere als erstrebenswert wäre. Ein Denken, Bangen und Hoffen auf das, was noch kommt, würde mich blockieren und somit handlungsunfähig, wenn nicht sogar lebensuntüchtig machen. Die Gegenwart ist es, die es zu gestalten gilt.
POPÓM von Johanna Sebauer ist ein interessanter (!) Roman, der mich zum Nachdenken anregte. Ich kann allerdings weder eine große Lobeshymne anstimmen, noch kann ich Schlechtes über ihn sagen bzw. schreiben. Er ist einfach „nur“ da, überzeugt eher durch Zurückhaltung und könnte darum leicht übersehen werden. Doch ich bin mir sicher, dass er bei denen, die ihn lesen, nachwirken wird. Er hat in mir etwas anklingen lassen, und darüber bin ich selbst mehr als erstaunt.
erschienen bei DuMont / ISBN: 978-3755800798
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
IN·TER·MEZ·ZO…

[Rezension] Kristina Dumas – MEIN LEBEN IST MUSIK. Die 21 wichtigsten Frauen der klassischen Musik/ mit Illustrationen von Malin Neumann
Nun ist sie wieder da, die theaterlose Zeit: Ganze 8 Wochen muss ich darben, bis an meinem Stamm-Theater am ersten Wochenende im September offiziell die Spielzeit 2026/2027 eingeläutet wird. Doch auch in diesem Jahr werde ich versuchen, diese öde Zeit mit der Lektüre entsprechender Literatur zu füllen. Ich bin da ganz zuversichtlich, dass es mir mit den von mir ausgewählten Büchern sehr gut gelingen wird.
Beginnen möchte ich mit dem musikalischen Bilderbuch MEIN LEBEN IST MUSIK aus dem Annette Betz-Verlag. 21 äußerst musikalische Frauen aus Vergangenheit und Gegenwart wurden hier von Kristina Dumas in Kurzporträts vorgestellt. Da tauchen nicht nur die Namen herausragender Komponistinnen auf, wie Hildegard von Bingen und Emilie Mayer, deren Wirken selbst in einem relativ aktuellen Werk leider keine Erwähnung finden. Auch Dirigentinnen, Sängerinnen, Solistinnen und Tänzerinnen, die ihr Leben der klassischen Musik geweiht haben, werden hier geehrt.
Neben den bereits erwähnten Damen gehören auch Fanny Hensel, Florence Beatrice Price, Alma Deutscher, Nadia Boulanger, Antonia Brico, Oksana Lyniv, Han-Na Chang, Fransesca Caccini, Maria Callas, Leontyne Price, Anja Harteros, Clara Schumann, Marianne Kirchgeßner, Anne-Sophie Mutter, Martha Argerich, Mademoiselle De Lafontaine, Pina Bausch, Misty Copeland und Yang Liping zur illustren Runde wunderbarer Künstlerinnen.
Die Wahl auf diese Frauen scheint mit Bedacht gewählt, zeigt sie doch den historischen, kulturellen wie auch gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem die Frauen agieren mussten. Wobei diese Namen durchaus exemplarisch stehen für alle Frauen, die sich im Genre der klassischen Musik behauptet haben und auch weiterhin behaupten. Kristina Dumas vergisst in ihren markanten Kurzporträts auch nicht den inneren Drang, den persönlichen Impuls zu verheimlichen – beides oftmals so stark, dass den Künstlerinnen nichts anderes übrig blieb, als sich ihrer Kunst zu öffnen und sich ihr hinzugeben – allen Widrigkeiten zum Trotz. Malin Neumann schuf dazu ganz wundervolle Illustrationen, die den Charakter der jeweils Porträtierten stimmig einfangen und so manches Mal ganz individuelle Merkmale hervorheben.
Doch bei einem musikalischen Bilderbuch gibt es natürlich nicht nur einiges zu sehen, sondern auch reichlich zu hören: Dies geschieht entweder digital oder per CD. Die Texte zu den Kapiteln wie auch zu den einzelnen Künstlerinnen wurden von der Schauspielerin Jasmin Tabatabai eingesprochen, die mich mit ihrer exquisiten Diktion begeisterte (Ja, darauf achte ich auch!), und die mal kess, mal frech, mal aufmüpfig aber immer voller Selbstbewusstsein der Damenriege ihre Stimme lieh. Doch auf der CD findet sich zu jeder Künstlerin auch ein passendes Musikbeispiel. Hierbei wurde sich – mit einigen wenigen Ausnahmen – aus dem Archiv des renommierten Labels NAXOS bedient.
Die Musikauswahl war so perfekt auf dem auch durchaus emotionalen Text abgestimmt, dass mir beim Zuhören so manches Mal die Augen feucht wurden. Wie Perlen auf einer Kette reihten sich die Musikstücke aneinander, schlängelten sich wie ein roter Faden um Text und Illustration und bildeten so gemeinsam eine gelungene Harmonie.
HINWEIS Vom Philharmonischen Orchester Bremerhaven unter der Leitung des damaligen GMD Marc Niemann gibt es eine ganz und gar wundervolle Einspielung mit zwei Sinfonien der Komponistin Emilie Mayer, die sogar für den Musikpreis OPUS KLASSIK nominiert war. Diese Einspielung krönte die erfolgreiche Konzert-Saison 2021/2022 des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven, in der unter dem leider nur allzu passenden Titel MUSIK IM SCHATTEN die Werke von Komponistinnen wieder zu Gehör kamen.
erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219119589
[Noch ein Gedicht…] Theodor Storm – DIE MÖWE UND MEIN HERZ
Hin gen Norden zieht die Möwe,
Hin gen Norden zieht mein Herz;
Fliegen beide aus mitsammen,
Fliegen beide heimatwärts.
Ruhig, Herz! du bist zur Stelle;
Flogst gar rasch die weite Bahn –
Und die Möwe schwebt noch rudernd
Überm weiten Ozean.
Theodor Storm





