[Oper] Giuseppe Verdi – LA TRAVIATA / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Giuseppe Verdi / Libretto vom Francesco Maria Piave / nach dem Roman Die Kameliendame von Alexandre Dumas d.J. // in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 14. März 2026 / besuchte Vorstellung: 14. März 2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG Katharina Kastening
BÜHNE & KOSTÜME Matthias Kronfuss
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Daniel Lang

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
MITARBEIT KOSTÜM Edin Spahic
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Es war der 6. März 1853 als sich im Teatro La Fenice in Venedig der Vorhang zur Uraufführung von LA TRAVIATA hob. Die Begeisterung der Zuschauer*innen hielt sich in überschaubaren Grenzen. Da wagte es dieser Verdi doch tatsächlich das Leben einer Prostituierten, die zudem auch noch mitten auf der Bühne an Schwindsucht stirbt, auf die Bretter zu stellen. Die Hautevolee von Venedig war empört. Doch was waren die Gründe für diesen Aufruhr? Ich wage zu spekulieren. Wahrscheinlich hatte das auf der Bühne gezeigte viel zu viel mit der Realität der Zuschauenden zu tun: Entweder saßen im Publikum Männer, die selber sich den Luxus einer Mätresse gönnten, und deren anwesende Gattinnen sicherlich nicht an diese Schmach erinnert werden wollten, oder es waren eben jene Damen des entsprechenden Gewerbes zugegen, die zwar stillschweigend geduldet wurden, aber nun befürchteten, dass ihr Berufsstand durch die Oper zu viel Aufmerksamkeit erfährt. Denn schließlich funktionierten besagte Arrangements nur dank strikter Diskretion.

173 Jahre später und ca. 1.000 km (Luftlinie) nördlicher hob sich abermals der Vorhang zu einer Premiere von LA TRAVIATA und löste schlussendlich auch hier beim Publikum einen kleinen Tumult aus. Allerdings erzürnte sich hier niemand über das auf der Bühne Gezeigte. Bremerhaven an der Weser blickt auf eine so facettenreiche Geschichte der Seefahrt, da gehören die „leichten Mädels“ zum Flair einer anständigen Hafenstadt einfach dazu. Vielmehr wurden diesmal die künstlerischen Leistungen der beteiligten Künstler*innen mit viel Jubel gefeiert – einem Jubel, dem ich mich nur allzu gerne anschloss, auch wenn einige Fragen für mich unbeantwortet blieben.


HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.

1. AKT Violetta Valéry arbeitet in einem Edel-Escort-Club. Sie ist schwer krank, nimmt aber weiter an den berüchtigten Feiern ihrer Freundin Flora Bervoix teil. Dort gesteht der Charmeur Alfredo Germont ihr seine Liebe. Sie gibt ihm eine Kamelie und bittet ihn, zurückzukommen, sobald die Blume verblüht ist. Die Gäste verabschieden sich. Die beiden kommen sich näher. Doch Violetta spürt schon den Tod im Nacken. // 2. AKT Wenige Monate später leben die beiden zusammen. Violetta hat ihr Leben als Escort-Dame aufgegeben. Doch Alfredos Vater sieht den guten Ruf seiner Familie und die Verlobung seiner Tochter gefährdet. Die beiden sollen sich trennen. Schweren Herzens gibt Violetta nach – wissend, dass ihr sowieso nicht mehr viel Zeit bleibt. Sie schreibt Alfredo einen Brief, ihr früheres Leben wiederaufnehmen zu wollen. Alfredo findet sie auf einer Feier von Flora wieder – zusammen mit Barone Douphol, den sie schon länger kennt. Alfredo wird wütend. Zum Ärger der Gäste und seines Vaters stellt er Violetta bloß. Der Barone fordert Alfredo zum Duell. // 3. AKT Violetta liegt im Sterben. Als Escort-Dame kann sie schon lange nicht mehr arbeiten, ihren Besitz musste sie aufgeben. Alfredo hat das Duell überlebt und sucht Violetta reumütig auf, um sich zu entschuldigen. Auch sein Vater fühlt sich schuldig, den beiden so viel Leiden bereitet zu haben. Noch einmal zieht Violettas Leben an ihr vorbei. War alles nur ein Traum? 

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Das Stadttheater Bremerhaven bietet jungen Regisseur*innen immer wieder gerne die Möglichkeit, ihre Profession zu verfeinern und sich weitere Sporen zu verdienen. Für LA TRAVIATA warf Katharina Kastening einen frischen Blick auf die bekannte Geschichte, fand einige bemerkenswerte Neuinterpretationen und versetzte die Handlung ins Heute: VIOLETTA ist auf ihrer Flucht vor dem Krieg in der Ukraine mit ihren beiden Kindern in Paris gestrandet. Der Vater ihrer Kinder ist an der Kriegsfront ums Leben gekommen. VIOLETTAs Handlungen erhielten dadurch eine gänzlich andere Motivation. Diese Hintergrundinformationen erfuhren wir in den Krankenhaus-Szenen dank der gelungenen Videoeinspielungen. Der Chor war nicht nur „schmückendes Beiwerk“, sondern wurde bei Kastening zur machtvollen Einheit, zur dunklen Bedrohung, zum nahenden Tod, der VIOLETTA stets auf den Fersen war, und dem sie nicht entkommen konnte. Als der Tod unausweichlich schien, ließ die Regisseurin die Kulissen der vorangegangenen Szenen abermals vom Schnürboden schweben, beinah so als würde sich vor VIOLETTAs inneren Augen ihr Leben wie im Film zum letzten Mal abspulen.

Katharina Kastening ließ sich von Matthias Kronfuss, der gemeinsam mit Edvin Spahic auch die stimmigen Kostüme schuf, ein Bühnenbild entwerfen, das sehr viel fürs Auge bot und mich durch seinen Realismus zum Staunen brachte: vom noblen Nachtclub im samtenen Rot und dem stylische Loft von FLORA über die sanierungsbedürftige Altbauwohnung von VIOLETTA und ALFREDO und dem sterilen Krankenhausflur. Doch leider konnten mich die Szenen im Nachtclub und im Loft wenig berühren: Hier schien die Optik den Emotionen im Weg zu stehen und diese zu überdecken bzw. zu erdrücken. Aber vielleicht war genau dies die Intention der Regisseurin, die VIOLETTA und ihre Hostessen-Kolleginnen in einem uniformierten Style auftreten ließ: Individualität überfordert die Kundschaft, gewollt ist der gefällige Einheits-Look – beinah so als würde ich mir die aufgepimpten Accounts so mancher Influencerinnen anschauen. Erst als VIOLETTA ihre helmartige Perücke abstriff, erschien ein echter Mensch unter dieser Maskerade.

Da wundert es nicht, dass mich die intimeren Szenen in der Altbauwohnung und auf dem Krankenhausflur umso mehr berührten. Hier schuf Kastening für ihre Figuren Spielräume, in denen sie ganz privat sein konnten, und wo es ihnen ein Verstecken hinter Masken und Konventionen unmöglich machte. Klug war es, dem Publikum stets eine Möglichkeit zu bieten, um hinter die Kulisse, hinter die Fassade zu blicken. Denn hier auf einer eigenen Tribüne mit bestem Blick auf das Geschehen lauerte der Tod in Form des Chores und wartete auf die Gelegenheit, um zuzuschlagen.

Die Sänger*innen des Opernchores sowie des Extra-Chores boten unter der versierten Leitung von Edward Mauritius Münch nicht nur eine gesanglich runde Leistung, sondern waren individuell schwarz gewandet und mit wächsernen Gesichtern als stets präsenter Tod sehr bedrohlich. Marc Niemann entlockte dem Philharmonischen Orchester eine detailreiche Interpretation von Verdis Kompositionen – einerseits voller Klangfülle, dann wieder sehr klar und feinnervig differenziert.

Vielleicht war dieser Bruch zwischen den beiden Lebenswelten auch der Grund, dass Timothy Edlin, Andrew Irwin, Masahiro Yamada und James Bobby als spendable Kunden auf FLORAs Partys in plakative Stereotypen verharren mussten und so in ihrer Darstellung der Figuren nur hohle Klischees bedienten. Im Gegenteil dazu stellte Paula Meyer (Neuzugang im Opernchor) als ANNINA eine Figur auf die Bühne, die atmete und so ehrliche Emotionen vermittelte. Boshana Milkov konnte bei den wenigen Phrasen, die sie als FLORA BERVOIX solistisch zu leisten hatte, leider nur wenig von ihrem Gesangstalent zeigen, glich dies mit einer immensen Bühnenpräsenz aus und bot in den sensationellen Kostümen rassig-mondäne Auftritte.

Weilian Wang zeigte optisch einen markigen ALFREDO GERMONT und sang die Partie mit tenoraler Kraft, dann wieder zart und mit fein-nuancierter Phrasierung. Leider konnte (evtl. auch: sollte) er mit seiner Interpretation nicht gänzlich meine Sympathie gewinnen. Auf mich wirkte er wie ein verwöhnter Schnösel, bei dem ich mir seiner Beweggründe nie völlig sicher war: Litt er wahrhaftig mit VIOLETTA, oder war es eher Selbstmitleid gepaart mit gekränkter Eitelkeit? Umso sicherer galt meine Sympathie dem GIORGIO GERMONT von Marcin Hutek, der weniger als der alles beherrschende Patriarch auftrat, als vielmehr der liebende Vater, der um das Wohl seiner Familie besorgt war und dem es das Herz bricht, dass er zum Wohle seiner Tochter einer anderen jungen Frau das Glück verwehrte. Seinen warmen, noblen Bariton paarte Hutek mit einem gefühlvollen und nuancenreichen Spiel und war so für Victoria Kunzes VIOLETTA ein viel intimerer Gegenpart als ALFREDO. Vielleicht hatte die Regisseurin aber auch hier bewusst die tradierten Rollenbilder von Vater und Sohn umgekehrt, um neue Blickwinkel auf die Partien zu ermöglichen.

Hatte ich am Abend der ERÖFFNUNGSGALA nach dem Vortrag der Arie „Libiamo, ne´lieti calici“ noch die Befürchtung, dass bei dieser LA TRAVIATA der eher lyrische Sopran von Victoria Kunze durch den potenten Tenor von Weilian Wang überdeckt werden würde, so zeigte sie nun mit einer bewundernswerten Sicherheit die Fülle ihrer Stimme, ohne an Flexibilität und lyrischer Ausdruckskraft einzubüßen. Da stimmten die großen Gesangslinien ebenso wie die anspruchsvollen Koloraturen. Kompromisslos schlüpfte sie in die Haut von VIOLETTA VALÉRY. Auch sie ließ ihre Figur atmen und verschaffte ihr so Substanz und emotionale Tiefe. Manchmal genügte nur eine kleine Geste oder auch ein Blick, um die Tragik zu offenbaren. Und gerade diese kleinen Gesten und Blicke, die auf der großen Bühne allzu oft übersehen werden, waren es, die umso mehr mein Herz rührten und mich mit dieser starken Frau mitleiden ließen. Victoria Kunzes Rollendebüt als VIOLETTA VALÉRY war absolut grandios! BRAVISSIMO!

Ja, durchaus, bei dieser Inszenierung blieben einige Fragen für mich unbeantwortet. Tja, dann muss ich mich wohl oder übel ein weiteres Mal auf den Weg nach Bremerhaven machen, um Antworten auf diese unbeantworteten Fragen zu erhalten. Nicht nur VIOLETTA ist zu einem Opfer bereit! 😉


Selten wird auf der Bühne so herzzerreißend gelitten wie in der beliebten Verdi-Oper: Insgesamt nur 8 Mal steht LA TRAVIATA auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Also: hurtig Karten ordern!

[Kolumne] OPER: …hat sie Schmerzen, oder warum schreit sie so laut?

Meine Süße meinte, sie wolle mal so echt krasses Zeug sehen. Da habe ich gleich alle Fast & Furious-Movies runtergeladen und mich total auf einen gemütlichen Abend auf dem Sofa gefreut. Doch das hatte sie nicht gemeint: Vielmehr hat sie von ihrer Tante zwei Karten für das Stadttheater geschenkt bekommen. Ihre Tante und ihr Onkel gehen da wohl regelmäßig hin, können sich die Termine aber nicht selbst aussuchen sondern bekommen die vom Theater vorgeschrieben. Das finde ich schon ziemlich dreist: Anstatt froh zu sein, dass überhaupt jemand kommt, diktiert das Theater, wann man zu erscheinen hat. Die tun ja so, als wären sie irgend so ’n elitärer Verein, wo man froh sein kann, dass sie für unsereins die Tore öffnen. Da ist es absolut logisch, dass nicht alle immer Zeit haben, und so ist meine Süße eben zu den Karten gekommen. Ich hatte mich aber so über die Arroganz der Theaterheinis geärgert, dass ich ganz vergessen hatte zu fragen, was wir uns da nun ansehen werden.

OPER heißt das Zeug, was dort gezeigt werden sollte.

Naja, zum Glück bin ich ja ein ganz lockerer Typ und für alles offen. Also sind wir hin! Zugegeben der Bau sah schon beindruckend düster aus – fast so wie aus einem der alten Vampir-Filme. Doch leider verpuffte der positive Eindruck direkt nach Betreten der heiligen Hallen. Ist es zu glauben? Wir durften doch tatsächlich unsere Jacken nicht mit in den Zuschauersaal nehmen, sondern wurden genötigt, sie an der Garderobe abzugeben, wofür frecherweise auch noch eine Gebühr verlangt wurde. Als ich dann zähneknirschend zahlen wollte und einen 50 Euro-Schein aus der Geldbörse fingerte, konnte dieser noch nicht einmal gewechselt werden. Unglaublich: Servicewüste Deutschland!

Doch es kam noch besser! Im Saal wurde verlangt, dass ich mein Handy stumm-, besser noch ausschalte: Geht gar nicht! Wer macht den sowas? Was ist, wenn mein Bro was von mir will? Könnte doch wichtig sein! Und als ich dann mit meiner Süßen noch ein wenig quatschen wollte, wurde ich von der Seite angemacht, dass ich die Vorstellung stören würde. Dabei hatte die Vorstellung noch gar nicht angefangen, sondern da dudelte nur irgendeine Musik aus dieser komischen Vertiefung vor der Bühne. Die war zudem total ungesichert. Voll gefährlich sowas, wenn da mal einer reinfällt, das zahlt keine Versicherung.

Aber die schienen dort sowieso alle die totalen Snobs zu sein: Rennen mitten in der Woche mit Anzug und Blink-Blink-Bluse rum. Wollten die hinterher noch irgendwo zum Staatsbegräbnis? Naja, wenigsten wir hatten die total hippen Outfits, da konnten diese Grufties sich mal was abgucken: Meine Süße trug u.a. ein sexy bauchfreies Top, und ich hatte meine beste Baggy-Jeans an, die absolut cool auf der Hüfte saß.

Dann ist da in der Vertiefung irgend so ’n Macker aufgetaucht (Ich sah seinen Schädel über den Rand blitzen.), und die anderen Heinis im Saal klatschten in die Hände. Wozu? Der Alte hatte doch noch gar nichts gemacht. Hatten die da ’ne Fliegenplage, mussten Insekten verscheucht werden, oder warum wedelte der Macker jetzt mit ’nem Stock in der Luft rum. Das machte er während der gesamten Vorstellung: Vielleicht sollte ich dem Gesundheitsamt mal ’nen Tipp geben. Wer weiß schon, was in diesem alten Kasten so alles verwest und das Ungeziefer anlockt.

Dann ging der Vorhang auf, und etliche Typen in Verkleidung latschten auf die Bühne und fingen an, sich gegenseitig in irgendeiner unbekannten Sprache anzubrüllen. Die Heuler mit den dunkleren Stimmen gingen ja noch, aber einige von den verkleideten Tussis kreischten so gellend laut, dass meine Trommelfelle vibrierten und das Eis in meiner Coke klirrte. Wir waren zum Glück vorher noch bei Mäckes und hatten uns mit Getränken eingedeckt. Aber auch Getränke schienen hier unerwünscht zu sein, zumindest mitgebrachte. Da tippte mir doch so ’ne Schachtel von hinten auf die Schulter und meinte ernsthaft, ich solle nicht so laut an meinem Trinkhalm saugen, sie würde von vorne nichts verstehen. Hallo?! Die brüllten da vorne so laut, wenn sie davon nichts verstand, schien sie wohl schwerhörig zu sein. Abgesehen davon, dass von dem Kauderwelsch, das die da auf der Bühne schwafelten, sowieso nichts zu verstehen war. Da halfen auch nicht die eingeblendeten Botschaften über der Bühne. Jeder anständige Film hat UNTERtitel: Schont den Nacken und entlastet die Augen. Und was gibt’s in diesem selbsternannten Kulturtempel? ÜBERtitel! Voll unbequem! Die scheinen hier ihre Kundschaft echt nicht zu mögen.

Auf der Bühne wurd’s immer merkwürdiger. Da lag einer mit einem Messer im Rücken auf dem Boden und sang sich die Seele aus dem Leib. Wie unrealistisch: Würde mir einer ein Messer in den Rücken rammen, würde ich brüllen wie am Spieß aber sicher nicht irgendwelche Arien trällern:

„Ich ster-her-be! Schaut her: Ich ster-her-be!“

Und auch die Kampfszene, die die davor gezeigt haben, hätten sie ruhig etwas aufmotzen können. Drei Mal sind sie um so’n blöden Tisch gerannt (Sollte wohl eine Verfolgungsszene sein.), der eine hat unmotiviert mit einem Messer gewedelt, und der andere hätte locker entkommen können, ließ sich aber einholen und erstechen. Das hätte man alles mit mehr Action machen können, aber für professionelle Stunt-Doubles hat’s wohl nicht gereicht.

Dann haben sie auch erst nach satten 2 Stunden ’ne Pause (Keramikabteilung: Ich komme!) gemacht, nur um danach noch beinah 1½ Stunden weiter zu grölen. Ich hatte bereits in der Pause von der ganzen Chose die Schnauze gestrichen voll und wäre gerne verduftet, doch meine Süße meinte, ihre Tante würde bestimmt nachhaken, wie’s uns so gefallen hätte und so. Dabei hätte man die Story locker auf 45 Minuten kürzen können. Bei GZSZ passiert in knapp 25 Minuten genauso viel wie hier in einer halben Ewigkeit – und zusätzlich macht dort ein Cliffhanger neugierig auf die nächste Folge.

Und hier? Alle tot! Tot, Aus und Ende! Da kommt nichts mehr nach!

Na, meine Lust auf einen weiteren Besuch in diesem Bau war zumindest erloschen. Dann doch lieber alle Fast & Furious-Movies am Stück. Allerdings war meine Süße da ganz anderer Meinung: Nach der Vorstellung stand sie ziemlich ramponiert vor mir, flennte in ihren Ärmel (die Taschentücher waren noch in ihrer Jacke an der Garderobe) und seufzte „Das war so schön! Das machen wir unbedingt nochmal!“. Wenn sie sich was in den Kopf setzt, dann ist Widerspruch zwecklos.

Was tut man(n) nicht alles aus Liebe! 💞

[Rezension] Saša Stanišić – MEIN UNGLÜCK BEGINNT DAMIT, DASS DER STROMKREIS ALS RECHTECK ABGEBILDET WIRD. Eine Ermutigung

Ich las den Titel und dachte so bei mir „Stimmt! Warum wird eigentlich ein StromKREIS als RECHTECK dargestellt?“. Da hatte ich im jugendlichen Alter jahrelang den von mir so verhassten Physik-Unterricht beim Lehrer Herrn Tute (Er hieß tatsächlich so!), habe Schaltkreis über Schaltkreis mit dem Geodreieck fein säuberlich rechteckig auf das Papier gepinselt, und nie fiel mir dieser Widerspruch auf. Schade! Nur allzu gerne wüsste ich, welche Begründung Herr Tute dafür parat gehabt hätte.

Insgesamt neun Reden sind in diesem 160 Seiten umfassenden Büchlein versammelt. Acht Reden hat Saša Stanišić tatsächlich bei div. Veranstaltungen (u.a. Verleihung von Literaturpreisen, Vorlesung an einer Hochschule, Preisgala, Eröffnung eines Literaturhauses) bereits öffentlich vorgetragen. Bei einer der hier vereinten Reden hatte er bisher noch keine Gelegenheit, sie öffentlich – vorzugsweise in Graz – halten zu dürfen. Aber da sollte sich doch eine passende Gelegenheit finden, zumal – wie er betont – ihm der Anlass egal wäre.

So sind diese Reden natürlich sehr mit dem jeweiligen Kontext verbunden. Ist deren Inhalt dann trotzdem für Uneingeweihte nachvollziehbar und verständlich? Ja, er ist es, denn Stanišić spricht im Rahmen der jeweiligen Reden Themen an, die universell verstanden werden können. Dies macht er in seiner unnachahmlichen Art, persönliches Erleben und individuell Wahrgenommenes mit Humor einzurahmen. Da nimmt er – insbesondere wenn er aus seiner eigenen Biografie berichtet – der Tragik das allzu Schwere, ohne die Relevanz zu verwässern. Und genau dieser lakonische Ton, der gänzlich auf Mitleid verzichtet, traf mich umso intensiver ins Herz.

Saša Stanišić sieht sich als Pate für all die schwachen und verletzten Seelen und leiht den Sprachlosen seine Stimme. Stimme, Sprache, Verständigung – nur darüber kann Integration funktionieren.

Denn, wenn der Stromkreis der Veränderung unterbrochen ist, kann die Glühbirne der Weiterentwicklung nicht strahlen. So fordert er insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, sie sensibel an die deutsche Sprache heranzuführen und deren Liebe zu Wörtern und Geschichten zu fördern. Er bindet eigene Erlebnisse in seine Reden ein, die dadurch an Fülle gewinnen und mich umso mehr berührten. Da verlassen die Wörter das Schematische der Rede und formen sich zu einer Erzählung, die lebendig und unterhaltsam ist, da der Autor eine Vielzahl an Bildern in meinem Kopf entstehen ließ.

Seine Reden sind voller Leben und voller Weisheit. Sie nähren sich aus seinen Erfahrungen und seinen Erinnerungen. Er fordert uns auf nachzudenken, zu prüfen und zu hinterfragen. Denn jeder von uns trägt den Mut und die Kraft in sich, die Welt ein klein wenig besser zu machen.


erschienen bei Luchterhand / ISBN: 978-3630878409
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Rashin Kheiriyeh – WILLKOMMEN, ONKEL NOURUZ! WIR FEIERN DEN FRÜHLING

Frühling! – Ich bin so sehr reif für ihn! Nach Schnee, Glätte und Kälte sehne ich mich so sehr nach den ersten Sonnenstrahlen, die mit einem Hauch von Wärme auf meiner Haut kitzeln. Ich begrüße es so sehr, dass die Tage zwar langsam aber doch durchaus spürbar länger werden.

Licht! Ich brauche Licht so sehr! Und Farben! Licht und Farben!

Jedes Jahr wartet Naneh Sarma auf ihren alten Freund Onkel Nouruz. Unglücklicherweise verpasst sie ihn jedes Mal! Das ist schade, kündigt Onkel Nouruz doch den Frühling an. Zu seinen Ehren bereitet sie ihm ein rauschendes Fest. Gemeinsam mit ihren Enkelkindern wird das Haus gründlich geputzt, und es wird festlich aufgetischt. Wenn der Onkel eintrifft, döst Naneh Sarma aber bereits – wie jedes Jahr.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Mit Nouruz, was „neuer Tag“ bedeutet, beginnt sowohl das persische Neujahr als auch der Frühling. Seit mehr als 3.000 Jahren wird das Fest im Iran, in Zentralasien und auch jenseits davon gefeiert und ist eine sehr symbolträchtige Zeit der Freude – ein Fest der Erneuerung, Wiedergeburt und Hoffnung.“

…beginnt Rashin Kheiriyeh das Nachwort zu ihrem Bilderbuch, das mich mit seiner Farbigkeit belebte und erfrischend wie ein Frühlingswind auf mich wirkte. Ihre Illustrationen erscheinen, als hätte die Künstlerin zur Realisation Filzstifte wie auch Wachsmalstifte verwendet, und genauso abwechslungsreich die Farben in ihrem Stiftköcher waren, so bunt erstrahlen auch diese Bilder. Da leuchten die Farben mit aller Kraft und vertreiben mit ihrer Vitalität das Trübe und das Düstere. Beim Betrachten der Bilder bekam ich unweigerlich gute Laune, zumal Rashin Kheiriyeh so wunderbar mit Formen und Mustern spielte und ihre Figuren so warmherzig porträtierte.

Nouruz ist „ein Fest der Erneuerung, Wiedergeburt und Hoffnung“, aber es steht für mich auch für Gemeinschaft, Freundschaft und Gastlichkeit. Zusammenhalt: Wir Menschen brauchen in dieser momentan heraufordernden Zeit das Gefühl, dass wir zusammenhalten – im besten Sinne des Wortes. Gemeinsam Feste feiern könnte da helfen – unabhängig von Herkunft und Glaube, über Länder und Grenzen aber vor allem auch über dem eigenen Gartenzaun hinweg.

„Wer Bücher liest schaut in die Welt und nicht nur bis zum Zaune.“ sagte einst Johann Wolfgang von Goethe so weise. Und insbesondere so wertvolle Bilderbücher wie WILLKOMMEN, ONKEL NOURUZ! WIR FEIERN DEN FRÜHLING ermöglichen es den Kindern sich spielerisch auf eine phantasievolle Reise zu begeben, um unbekannte Kulturen besser kennenzulernen und so die inneren Hürden zu überwinden.

In Rashin Kheiriyehs Geschichte steckt Onkel Nouruz der schlafenden Naneh Sarma zärtlich eine Hyazinthe ins weiße Haar, als stände dies sinnbildlich für die ersten Frühlingsblüher, die ihre zarten Knospen durch die Schneedecke recken. Und in mir erwachte das Bedürfnis, auch mein Heim mit Narzissen, Tulpen und natürlich vielen Hyazinthen zu schmücken, um so vielleicht den Zauber des Frühlings in mein Haus zu locken.

Frühling! – Sei mir willkommen!


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107610 / in der Übersetzung von Susanne Seidita
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Ausstellung] ERINNERN HEISST KÄMPFEN! Zwischen Anerkennung und Vergessen / Rathaus Osterholz-Scharmbeck

Dauer der Ausstellung: 10. bis 20. Februar 2026 / Besuch: 13. Februar 2026
Unteres Foyer/ Rathaus in Osterholz-Scharmbeck


Das staunte ich nicht schlecht, als ich morgens am Tag meines Besuchs der Ausstellung die Rollläden vor den Fenstern lupfte, und die Welt wieder im satten Weiß erstrahlte. Kurz war ich mit mir uneins, ob ich das regnerische Grau der letzten Tage oder das heutige Weiß besser finden sollte. Rein aus ästhetischen Gründen favorisierte ich dann doch eher den nass-kalten Schnee, der den Schmutz der letzten Tage gnädig bedeckte.

Was allerdings niemals „bedeckt“ und somit verschwiegen werden sollte, sind die Gewalt-Taten, die durch Täter mit rechtsextremer Gesinnung verübt wurden. Die Wanderausstellung ERINNERN HEISST KÄMPFEN! setzt ein Zeichen der Aufklärung. Sie entstand unter der Ägide von Mobile Beratung Niedersachsen gegen Rechtextremismus für Demokratie und wurde organisiert von OMAS GEGEN RECHTS OHZ in Zusammenarbeit mit dem Bündnis für Demokratie OHZ.

Die Ausstellung umfasst 25 Schautafeln, die höchst informativ einen Überblick schaffen, u.a. was unter „rechte Gewalt“ verstanden werden kann, und wie sie im gesellschaftlichen Kontext zu sehen ist. Dabei musste ich ernüchternd erfahren, dass dies kein Phänomen der jüngeren Vergangenheit ist. Vielmehr gab es bereits in den 90er Jahren entsprechend rechtsextremistische Vorkommnisse, die aber ängstlich nicht als solche erkannt bzw. benannt wurden. Gemäß dem Zitat von Christian Morgenstern „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“ wurden die Augen vor der drohenden Ausbreitung verschlossen bzw. diese verharmlost.


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Doch im Mittelpunkt der Ausstellung stehen exemplarisch 10 Schicksale von Menschen, die rechter Gewalt ausgesetzt waren und oft durch sie auch getötet wurden. Dabei wurden viele dieser Taten nicht von Polizei und Justiz als rechts eingestuft, obwohl es oft deutliche Anzeichen gab. Da stellte ich mir mit Schrecken die Frage „Wie hoch ist da wohl die Dunkelziffer?“.  Alle Betroffenen waren keine Zufalls-Opfer, sondern wurden von den Tätern bewusst ausgewählt, da sie aufgrund ihrer Überzeugung, ihrer Herkunft oder ihrer Lebensumstände vom rechten Pöbel als „unwertes Leben“ angesehen wurden. Wie tief muss der Schmerz bei den Familien und Freunden der Opfer sitzen: Sie hatten nicht nur einen geliebten Menschen verloren, sondern auch die wahren Hintergründe zur Tat wurden nicht anerkannt.

Umso wichtiger ist es, dass wir Orte und Formen der Erinnerung schaffen: Die Ausstellung schließt mit einigen Beispielen. Einerseits sind wir es den Opfern – den bekannten wie auch den vielen unbekannten – schuldig, sie vor dem Vergessen zu bewahren, andererseits müssen wir sorgen, dass rechtes Gedankengut nicht als Bagatelle, als Normalität angesehen wird. Der Rechtsextremismus mit seiner menschenverachtenden Ideologie ist eine Gefahr für unsere Demokratie, eine Gefahr für Solidarität und Menschlichkeit.

Die Ausstellung ERINNERN HEISST KÄMPFEN! fordert ihre Besucher heraus, sowohl aufgrund der Relevanz des Themas, als auch bezüglich der Fülle an Text. Diese Fülle sollte aber bitte niemanden abschrecken, den Text auf den Schautafeln vor Ort zu lesen. Ich habe vielmehr die Erfahrung gemacht, dass ich – hatte ich erstmal den Einstieg in den Text gefunden – mich schnell „festgelesen“ hatte. Zudem erhält man vor Ort einen tollen Ausstellungkatalog, in dem alle Informationen nochmals nachgelesen werden können.


Viele Informationen mit Nennung der weiteren Stationen der Ausstellung findet ihr auf der Homepage ERINNERN HEISST KÄMPFEN!.

[Rezension] Vera Conny Jack – ACHT (UN)GEPLANTE TAGE MIT DIR

Ich habe bisher immer einen großen Bogen um Bücher gemacht, die aus der Feder von Menschen stammen, die mir persönlich bekannt sind. Damit meine ich nicht den eher oberflächlichen Kontakt, den man zu Autor*innen während einer Lesung hat. Ich meine eher Menschen, die ich in einem ganz anderen Zusammenhang kennengelernt habe, und die (rein zufällig) irgendwann ein Buch geschrieben und veröffentlicht haben. Da hoffe ich jedes Mal, dass von mir nicht erwartet wird, dieses Buch zu lesen und eine Rezension darüber zu verfassen. Denn wie verhalte ich mich, wenn mir besagtes Buch nicht gefallen sollte? Diplomatisches aber ängstliches Drumherum-Reden oder ehrliche und respektvolle Meinungsäußerung? Schließlich möchte ich die Gefühle der mir bekannten Person nicht verletzten. Versteht ihr nun, in welchem Dilemma ich stecke?

Doch warum habe ich nun eine Ausnahme gemacht? In diesem Fall handelt es sich um das Erstlingswerk meiner geschätzten Blogger-Kollegin Vera Conny Jack. Seit einer gefühlten Ewigkeit sorgen wir beide – gemeinsam mit zwei lieben Blogger-Kolleginnen – auf Instagram für die Themenauswahl am s.g. Challenge-Montag unter dem Hashtag #4x(+Name des Themas). Vera hätte mich nie in das eingangs beschriebene Dilemma hineinmanövriert, da wir ziemlich genau voneinander wissen, wer welche Genres gerne liest. So hat Vera höchstwahrscheinlich auch nie mit meinem Interesse an ihren Roman gerechnet. Doch dann dachte ich mir, dass Veras Werk vielleicht genau die richtige Lektüre ist, die mein Krimi-geschundenes Herz für Liebesromane erweichen könnte.

Also: „Here we go!“

Sie lässt sich gern treiben. Er plant jedes Detail. Vor ihnen liegen acht Tage New York. Übersetzerin Hazel darf für ihre beste Freundin eine gewonnene Reise nach New York antreten. Der Haken daran? Ihr Travelbuddy ist deren etwas nerdiger Bruder. Lukas ist nicht nur gar nicht ihr Typ, sondern zu allem Übel extrem durchgeplant, während Hazel gern die Atmosphäre vom Big Apple aufsaugen möchte. Was als Zweckgemeinschaft beginnt, wird zu einer wunderschönen Zeit in der Stadt, die niemals schläft. Sie kommen sich näher, dabei bleiben ihnen nur diese acht Tage. Und so schließen sie einen ungewöhnlichen Deal: Ein Time-out von ihren Leben…

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Okay, dass ich euch ausgerechnet am heutigen Valentinstag einen Liebesroman präsentiere, passiert natürlich nicht von ungefähr: Sehr bewusst habe ich diesen speziellen Tag für die Präsentation meiner Rezension gewählt. Dabei musste ich mich schon sehr zügeln, dass ich diesen Roman nicht früher rezensiere, zumal Vera ihn mir bereits im letzten Jahr direkt nach der Frankfurter Buchmesse zugeschickt hatte. Doch schnell war mir klar, dass ich euch diesen Roman – trotz meiner persönlichen Neugier – als Valentin-Schmankerl offerieren möchte.

Und so tauchte ich ein in eine literarische Welt, die sich mir bisher eher höchst selten erschlossen hatte, da sie nicht zu meinem präferierten Roman-Genre passt. Der Stil des Romans erinnerte mich an eine dieser wunderbaren, atmosphärisch dichten Romantik-Filme, wo das Flair einer Stadt nicht nur als Kulisse fungiert, sondern vielmehr eine wesentliche Hauptrolle spielt. So ist auch in dieser luftig-leichten Romanze Veras Liebe zu New York deutlich spürbar. Ihre Beschreibung dieser Stadt war so detailreich. Ich gewann den Eindruck, dass ich mich auf den Spuren von Hazel und Lukas begeben könnte, und würde die erwähnten Schauplätze eins zu eins in der Realität wiederfinden. Dabei belässt Vera es nicht bei einem simplen Sightseeing, sondern erlaubt ihren Figuren auch eine verständliche Emotionalität beim Besuch der Orte, wo das Schicksal tiefe Wunden in die Seele der Stadt gerissen hat.

Tagebuchartig lässt die Autorin mal die Heldin, mal den Helden zu Wort kommen. So schauen wir abwechselnd aus dem jeweiligen Blickwinkel von Hazel bzw. Lukas auf ihre „(un)geplanten Tage“ im Big Apple und erfahren so die sehr individuellen Eindrücke zu den gemeinsam erlebten Situationen. Dabei gelingt es Vera, den Charakter dieser Berichte den Persönlichkeiten der Beiden anzupassen. Der Lesende wird somit zum allwissenden Verbündeten, der beinah, wie mit seherischen Fähigkeiten ausgestattet, kommende Komplikationen erahnen kann. Da darf natürlich auch ein Hauch Erotik nicht fehlen, den Vera durchaus prickelnd doch äußerst geschmackvoll beschreibt.

Glücklicherweise vermeidet Vera es, entbehrliche wie unglaubwürdige Irrungen und Wirrungen in die Handlung einzubauen, die nur den Zweck erfüllen würden, künstlich Drama zu erzeugen und zusätzliche Masse ergo Seiten zu generieren. Somit konnte ich mich gänzlich auf die sich anbahnende Romanze, die sich schlussendlich als klassische „Boy meets girl, boy loses girl, boy gets girl back“-Story entpuppte, konzentrieren und nebenher ein wenig am reichhaltigen Bouquet der Welt-Metropole New York schnuppern.

Nein, auch diese Lektüre konnte mein Krimi-geschundenes bzw. (vielmehr) mein Krimi-liebendes Herz nicht für Liebesromane erweicht, aber es war eine charmante Abwechslung zu den vielen Schurken, Halunken und Gesetzesbrechern, die mir sonst zahlreich zwischen zwei Buchdeckeln über den Weg laufen.


erschienen bei Flamingo Tales / ISBN: 978-3989425118

[Rezension] Kerstin Hau – OBACHT!/ mit Illustrationen von Stella Dreis

„Entschuldigung! Dürfte ich bitte vorbei? Vielen Dank!“

Wie oft habe ich diesen Text im Supermarkt schon angebracht, wenn ein anderer Kunde bzw. eine andere Kundin konzentriert etwas im Regal suchte und dabei den Einkaufswagen ungünstig stehen ließ. Und noch nie habe ich auf meine Bitte eine negative Reaktion erhalten. Doch im Gegenzug, wenn ich konzentriert etwas im Regal suchte, wurde mir schon oft ein Einkaufswagen in die Hacken gerammt, oder ich wurde rüde zur Seite gedrängt – ohne ein Wort. Die Grundregeln eines respektvollen Umgangs scheinen bei einigen Mitmenschen – unabhängig vom Alter – nur noch wenig bekannt zu sein. Dabei ist es doch so einfach: Eine höfliche Ansprache und ein freundliches Lächeln – mehr braucht es nicht!

Aber das Einfache scheint häufig schon ein Zuviel zu sein. Wir müssen wieder lernen, dass ein Miteinandersprechen nicht nur gewünscht sondern auch gewollt ist. Sonst leben wir irgendwann in einer Welt, wo uns allen hin und wieder wunde Hacken quälen. Zumal „die Kleinen“ es nur lernen, wenn wir „Großen“ es ihnen vorleben?

„Sprecht miteinander!“ lautet die Devise, denn wer nicht miteinander spricht, erzeugt nur negative Gefühle und schlechte Gedanken und macht sich das Leben unnötig kompliziert. Ein respektvolles Miteinandersprechen ist der Schlüssel für eine gelungene Kommunikation, fördert das Verständnis und löst Konflikte.

Oh nein, vor der Stadt liegt ein riesiges Tier! Es versperrt den Weg. Eieiei, tönt der Wompf. Oje, stöhnt die Timpe-Ma. Da muss etwas gemacht werden! Und dann machen sie etwas. Sie decken das Tier zu, bauen eine Brücke drüber und eine Straße drum herum. Problem erkannt, Problem gebannt! Nur das Mienchen schüttelt den Kopf, ihm gefällt das gar nicht. Aber wer hört schon auf Mienchen? Da nimmt es sich ein Herz und spricht das Tier einfach an…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Jaja, „die Kleinen“, sie werden so oft unterschätzt. Dabei haben sie manches Mal genau die richtigen Ideen und sehen das Naheliegende häufig deutlicher als wir „Großen“. Vielleicht hatte Kerstin Hau da ähnliche Gedanken wie ich, als sie sich die Handlung zu dieser reizenden Geschichte erdachte. Denn auch in OBACHT! denkt die Obrigkeit, bestehend aus den vermeintlich Klugen, viel zu umständlich, dafür wenig vorausschauend, was schlussendlich zu keinem Erfolg führt. Dafür wird Mienchen gerne überhört, übersehen und übergangen. Zum Glück besitzt diese plietsche Kleine genügend Selbstbewusstsein sowie Durchhaltevermögen, um diese Situation zu meistern. Denn Mienchen weiß, dass das Fremde weniger bedrohlich wirkt, wenn man es besser kennenlernt. So überwindet sie ihre Zurückhaltung vor dem großen, fremden Tier und spricht es höfflich an. Und siehe da: Das große, fremde Tier, das anfangs sooo bedrohlich wirkte, schaut nun freundlich lächelnd drein, und sie finden gemeinsam eine einvernehmliche Lösung.

Stella Dreis steuerte die entzückenden Illustrationen zu dieser kleinen aber weisen Geschichte bei. Sie kleidete die Bilder in schwarz-weiße Nuancen, in denen ein sattes Orange herrliche Akzente setzt und die Aufmerksamkeit des Betrachtenden auf wichtige wie witzige Details lenkt. Dabei schuf sie eine wunderbar wilde Bande aus höchst unterschiedlichen Charakteren – jede Figur so herrlich einzigartig und mit unverkennbaren Merkmalen. Da verspürte ich eine immense Freude beim aufmerksamen Betrachten jedes Bildes, um herauszufinden, wo welche Figur wieder in Erscheinung tritt.

Dies ist eines dieser wundervoll leisen Bilderbücher, das mit ganz viel Charme und einer noblen Schlichtheit eine riesengroße Wirkung erzielt: Es macht Mut, die eigenen Ressentiments zu überwinden, und ist ein Plädoyer für eine wertschätzende Kommunikation.


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107344
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!