[Rezension] Elizabeth Edmondson – Mord auf Selchester Castle

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Hach! – Wie schön, da sind wir wieder auf Selchester Castle im gleichnamigen beschaulichen Örtchen. Das bedeutet für mich, ich kann mich entspannt zurücklegen und auf eine kurzweilige aber unaufgeregte Handlung freuen. Klang das nun etwas negativ? Oh, pardon! – Es war so nicht von mir gemeint. Ganz im Gegenteil: Nichts anderes erwarte ich von einem Cosy-Krimi!

Nachdem Geheimagent Hugo Hawksworth den Tod des bisherigen Earl of Selchester aufklären konnte,  taucht nun überraschend sein unehelicher Sohn auf, der zudem noch (Shocking!) Amerikaner ist, um das Erbe anzutreten. Die adlige Verwandtschaft ist „not amused“. Zudem scheint jemand dem amtierenden Earl of Selchester nach dem Leben zu trachten: Wie sonst lassen sich diese scheinbar zufälligen Missgeschicke erklären, die ihm seit seiner Ankunft in England wiederfahren…?

Auch der zweite Roman um den rührigen Geheimagent Hugo Hawksworth ist wieder ein Wohlfühl-Krimi, dessen Handlung diesmal allerdings ein wenig vor sich hin plätschert. Dabei lässt Elizabeth Edmondson ihre bekannten Hauptdarsteller*innen und die liebenswert-skurrilen Nebenrollen wieder auftreten und garniert diese illustre Runde mit einigen interessanten Neu-Zugängen. Dabei spielt sie zwar durchaus humorvoll mit den Klischees „Alte Welt vs. Neue Welt“ – die modernen Amerikaner treffen auf britische Traditionen und adligem Snobismus –  hätte mit diesem „Pfund“ aber durchaus mehr „wuchern“ können.

Zudem wirkten einige Handlungsstränge etwas konstruiert, und mir fehlten ein wenig ihre bewährten Zutaten („pralle Charaktere, witzige Dialoge, viele Verdächtige mit Motiv, ein ungewöhnlicher Ermittler, verwirrende Verwicklungen, das Flair der 50er Jahre,…“), die den Vorgänger auszeichneten.

Trotz dieser Kritikpunkte ist ihr ein durchaus unterhaltsamer Krimi gelungen!

erschienen bei Goldmann/ ISBN: 978-3442488247

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Ralf Butschkow – Wir gehen in die Buchhandlung

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Sofie ist traurig! Sie hat sich so sehr auf ihr neues Regal gefreut, doch ihr Vater ist außerstande ihr diesen kleinen Wunsch zu erfüllen. Zu groß ist für ihn die Anstrengung und zu schwer scheint für ihn diese Aufgabe, ein Regal an der Wand zu befestigen. Sofie ist verzweifelt: Was kann sie nur tun, um sich aus dieser prekären Situation zu befreien? Nur in der Buchhandlung ihres Vertrauens „die schatulle“ findet sie ein offenes Ohr für ihre Nöte: Die Buchhändlerin Frau Gartmann weiß genau, was ihr fehlt – ein Buch! Es ist nicht irgendein Buch. – Nein! – Dieses Buch hilft Sophies Mutter sich aus der erdrückenden Dominanz ihres Versager-Ehemanns zu lösen und aus eigener Kraft das Regal an die Wand zu dübeln…!

Dem Autor ist hier ein Standard-Werk der Kinderliteratur gelungen: Schonungslos werden die Sorgen der heutigen Kindergeneration thematisiert – Themen wie Verlust,  Enttäuschung und Zukunftsängste. Zu alledem kommt eine sozialkritische Brisanz: Sophie erfährt, dass die Buchhändlerin ein Seniorenpflegeheim mit Büchern versorgt, um den dort von ihren Angehörigen abgeschobenen Senioren ein wenig Freude in ihren öden Alltag zu bringen. So lernen die Kinder schon früh zu erkennen, dass auf dieser Welt kein Platz ist für Phantastereien, unbekümmertes Spiel und kindlicher Freude. Für alle Zweifler gibt es bestimmt das passende Buch…!

Dieses Werk steht völlig zu Recht auf der SPIEGEL Bestseller-Liste und wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das Kultusministerium für Niedersachsen hat per Dekret angeordnet, dass dieses Werk nun Pflichtlektüre an allen Schulen wird.

Endlich ein Lichtblick im kinderliterarischen Einerlei…!!!

erschienen bei pixi (Carlsen)/ ISBN: 978-3551685759

Ich danke dem Verlag herzlich für das nicht zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Ihr Lieben! Die Buchhandlung meines Vertrauens hat nun ein eigenes pixi-Buch (Wie geil ist das denn?!), und ich konnte mir den kleinen Spaß nicht verkneifen, zu diesem entzückenden und gänzlich harmlosen Büchlein eine deprimierende Rezension zu verfassen. Wobei ich den Inhalt absolut wahrheitsgetreu wiedergegeben habe: Schließlich ist es ja alles nur eine Frage der Interpretation! Nicht wahr? 😉 Herzliche Grüße…!

A Portrait of Edgar Allan Poe

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Edgar Allan Poe (* 19. Januar 1809/ † 7. Oktober 1849)


Edgar Allan Poe wurde als Sohn eines Schauspieler-Ehepaares geboren. Nach 4 Jahren Ehe verließ der Vater die Familie. Nur ein Jahr später starb die Mutter an Tuberkulose. Der zweijährige Poe, sein zwei Jahre älterer Bruder William Henry Leonard und seine ein Jahr jüngere Schwester Rosalie blieben als Waisen mittellos zurück. Die Kinder wuchsen getrennt voneinander bei Pflegefamilien auf. Poe verbrachte seine Kindheit auf einem Internat in England bis die Pflegeeltern gezwungen waren, aufgrund der Wirtschaftskrise von 1819 nach Amerika zurückzukehren.

Dort immatrikulierte Poe an der Universität von Virginia in Charlottesville. Hier kam sein Hang zur Selbstzerstörung zum ersten Mal zum Vorschein: Er trank übermäßig, war spielsüchtig und hatte nach nur acht Monaten Studium Schulden in Höhe von 2000 US-Dollar. Von seinem Pflegevater konnte er keine Unterstützung erhoffen, dem er eh vorwarf, ihn nur unzureichend finanziell zu unterstützen. Um seinen Gläubigern zu entgehen flüchtete Poe nach Boston und lebte dort unter falschem Namen, bevor er der US Army beitrat. Während dieser Zeit erschien auch sein erster Gedichtband, der allerdings ohne nennenswerte Resonanz blieb.

Auch seine Karriere bei der US Army gestaltete sich ebenso schwierig wie sein Verhältnis zu seinem Pflegevater, der sich für seine Aufnahme bei der US Army eingesetzt hatte. Um diesen zu verletzen, provozierte er seine Entlassung aus der Armee. Er wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und der Militärakademie verwiesen.

Sein weiteres Leben sollte unstetig bleiben: Baltimore, Richmond, New York, Philadelphia und Dupin waren nur einige Stationen. Die ersten kleinen schriftstellerischen Erfolge stellten sich ein. Um sich finanziell über Wasser zu halten, nahm Poe Arbeiten bei verschiedenen Zeitschriften an, bei denen auch einige seiner Erzählungen erschienen und seinen Ruf als Prosaautor festigten. Dabei waren es weniger die Erzählungen, die ihn berühmt (wenn nicht gar berüchtigt) machten, sondern seine gefürchteten Literaturkritiken, mit denen er versuchte den restaurativen Literaturbetrieb abzuschütteln. Er bemühte sich um allgemeingültige, ästhetische Maßstäbe in der Literatur.

1845 entstand in New York wohl sein bekanntestes Gedicht Der Rabe und verschaffte ihm Erfolg und Popularität.

Poes Phasen künstlerischen Schaffens wurden immer wieder durch sein selbstzerstörerisches Verhalten unterbrochen: Er gab sich Alkoholexzesse hin! Sein Verhältnis zu Frauen galt als zwiespältig: Seine Schwärmereien zu älteren Frauen wie auch zu jungen Mädchen könnten noch als Mutter- bzw. Schwester-Komplex gedeutet werden. Dieses zwiespältige Verhältnis zu Frauen greift Poe in den meisten seiner Erzählungen auf, dabei wird insbesondere der Tod einer schönen, oft jungen Frau thematisiert.

Nach dem Tod seiner Ehefrau Virginia trifft Poe im Jahr 1849 seine Jugendliebe Elmira Shelton in Richmond wieder. Sie verlieben sich, und Elmira akzeptiert seinen Heiratsantrag.

Am Morgen des 27. September 1849 reist Poe per Schiff von Richmond nach Baltimore, um in seinem Haus in Fordham Vorbereitungen für die Hochzeit zu treffen. Was in den darauf folgenden Tagen geschieht, bleibt nebulös im Dunkel. Erst am 3. Oktober 1849 wird er in einem verwahrlosten und verwirrten Zustand in Baltimore aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht. Dort stirbt er am 7. Oktober 1849: Die Umstände des Todes sind unklar. Die Todesursache ist unbekannt.

Edgar Allan Poe gilt als der Wegbereiter der modernen Kriminal-, Horror- und Schauerliteratur. Seine Werke offenbaren die menschlichen Abgründe, sind düster und gleichzeitig poetisch und haben eine ausgeprägte Symbolik. Zudem war er ein sehr vielseitiger Schriftsteller, der Kurzgeschichten und Gedichte schrieb aber auch theoretische Aufsätze verfasste.

Auswahl seiner Werke:

  • Der Rabe (Übersetzer: Hans Wollschläger) erschienen bei Insel/ ISBN: 978-3458190066

  • Der Rabe (Übersetzer: Theodor Etzel) erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3730601693

  • Unheimliche Geschichten: Illustrierte Buchreihe erschienen bei Galiani/ ISBN: 978-3869711676

  • Unheimliche und phantastische Geschichten (3 Bände) erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3730605943

  • Gesammelte Werke erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3866477568

MONTAGSFRAGE #28: Wie hat sich dein Leseverhalten innerhalb der letzten zehn Jahre (nicht) verändert?

Montagsfrage (1)

Moment! Moment! Um diese Frage beantworten zu können, muss ich mein jüngeres Ich vor meinem geistigen Auge erscheinen lassen:

Es ist der 18. März 2009, und ich bin zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt. Mein Mann und ich hatten im Jahr zuvor still und heimlich geheiratet (oder uns vielmehr lebenspartnerschaftlich eintragen lassen), wollten ein Jahr später Familie und Freunde mit der Einladung zu einem rauschenden Fest überraschen, das leider aus persönlichen Gründen nie stattfinden sollte. Trotzdem fanden wir es an der Zeit, dass besagte Familie und Freunde endlich über diese für uns so wichtige Veränderung unserer Beziehung informiert werden. Und das hatten wir gerade per postalischer Bekanntmachung getan.

Ich kann mich noch genau an die Reaktionen erinnern. Ich weiß auch noch genau, was ich beruflich zu diesem Zeitpunkt gemacht habe. Aber was habe ich damals (nicht) gelesen??? Hmm!!!

Im Wesentlichen war mein damaliges Leseverhalten schon sehr ähnlich meinem heutigen: Krimis nahmen einen großen Stellenwert ein. Ich war ein großer Fan von den Katzen-Krimis von Rita Mae Brown: Wobei mein Enthusiasmus im Jahre 2009 schon am Abklingen war. Ich hatte allerdings mit Colin Cotterill einen würdigen Nachfolger gefunden, und Alan Bradley stand auch schon bei mir in den literarischen Startlöchern.

Auf jedem Fall war meine Leidenschaft zu Agatha Christie noch nicht wieder zur vollen Blüte erwacht: Sie war immer vorhanden, schlummert allerdings noch! Auch meine Liebe zu Kurzgeschichten wurde erst einige Jahre später mit meiner zunehmenden Tätigkeit als Vor-Leser erweckt, und auch die Lyrik musste noch ein wenig ausharren, bis ich ihr eines Blickes würdigte.

Fazit: Das Leseverhalten von dem 39-jährigen Andreas unterscheidet sich nicht gravierend von dem jetzigen Andreas. Der Mensch ist eben das berühmt-berüchtigte Gewohnheitstier, und mit zunehmenden Alter hat sich auch das Leseverhalten entwickelt und gefestigt.

…oder ist an dem Mythos „Alle 7 Jahre ändert sich der Mensch!“ doch etwas dran? Was meint Ihr???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Chiaki Okada & Ko Okada – Bist du der Frühling?

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Seine großen Brüder können alle schon in die Äste der Bäume springen. Seine großen Brüder kennen auch alle schon den Frühling. Nur das jüngste Hasenkind hat den Frühling noch nie gesehen und würde es seinen Brüdern so gerne gleichtun. So schleicht er an einem frühen Morgen aus der Hütte, da er glaubt, die Schritte des Frühlings gehört zu haben…!

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Illustration: Chiaki Okada/ Text: Ko Okada

Mit zarten Strichen lässt Chiaki Okada in ihren detailreichen Illustrationen die winterliche Heimat des kleinen Hasen aufleben. Nur wenigen Farben bedarf es, um die Schönheit einer verschneiten Landschaft wiederzugeben. Mit dem gekonnten Einsatz von Schattierungen bringt sie den Schnee auf dem Waldboden zum Glänzen und die ersten Sonnenstrahlen auf den Ästen der Bäume zum Tanzen. Dabei sind ihre Bilder von einer einnehmenden Ästhetik und strahlen eine wohltuende Ruhe aus.

Unterstützung finden ihre Illustrationen in den wenigen Sätzen von Ko Okada, die sehr reduziert aber durchaus wohlüberlegt eingesetzt werden und in der Kombination mit den Bildern eine emotionale Tiefe schaffen.

Auf dem ersten Blick wirkt dieses Bilderbuch wenig spektakulär, wenig abwechslungsreich…! Seine Botschaft drängt sich nicht plakativ beim oberflächlichen Betrachten auf. Der Zauber erschließt sich erst im wiederholten Anschauen der Bilder, wenn der Blick über die Illustrationen der wunderbaren Winterlandschaft wandert und bei kleinen Details hängen bleibt.

Ohne den pädagogisch erhobenen Zeigefinger ist dem Künstlerpaar ein wahrlich entzückendes Bilderbuch gelungen, das sehr einfühlsam Themen wie „Großwerden“, „(Ab-)Warten können“, „Freundschaft“ und „Anders sein“ den Kleinen näher bringt!

Und ich kann die Ungeduld des kleinen Hasen sooo gut verstehen: So warte auch ich voller Sehnsucht auf den Frühling!

erschienen bei Moritz/ ISBN: 978-3895653728

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Kulturtipps] April 2019…

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Der April lockt mit Konzerten von zwei absoluten Leading-Ladies, die ich Euch eindringlich ans Herz legen möchte. Leider kollidieren beide Konzerte bei mir mit anderen Terminen (Grummel!). Dafür werde ich mir aber auf jeden Fall Astor Piazzollas Tango-Oper im Stadttheater Bremerhaven ansehen, um mich vom latein-amerikanischen Temperament mitreissen zu lassen.

Übrigens: Das Stadttheater Bremerhaven bietet zu ausgewählten Produktionen jeweils eine kostenlose „Kostprobe“ an, d.h. es besteht die Möglichkeit, einer Probe beizuwohnen, um viele interessante Details zum Stück und zur Inszenierung zu erfahren. Toll!


Comedy/ Kabarett


Komödie


Konzert


Krimi

  • 19. April – Wiederaufnahme Zwei Fremde im Zug nach Patricia Highsmith / bremer kriminal theater

Lesung, Literatur & Artverwandtes


Oper


Schauspiel

  • 12. April – Premiere Die Widerspenstige nach William Shakespeare und Anne Tyler / bremer shakespeare company

Nanu! Ein Buch-Blogger gibt Kulturtipps! Wie kommt denn das? Die Antwort findet Ihr unter Der Anfang…!

Berücksichtigung finden natürlich hauptsächlich Veranstaltungen in meinem näheren Umfeld. Aber ich bin mir sicher, dass auch in Eurer Nähe viele spannende Veranstaltungen auf Euch warten!

Kleingedrucktes: Die Kulturtipps eines Monats erscheinen in der Mitte des Vor-Monats. Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr!

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – FRÜHLINGSLÄCHELN

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Die Sonne lockt nach einem Weilchen
die schönsten Dinge an das Licht,
zum Beispiel: Birkengrün und Veilchen,
und Reiselust und Liederzeilchen,
und manches lächelnde Gesicht.

Der Frühling neckt uns. Wir erwachen.
Die Welt wird wieder froh und grün
und möchte sich vertausendfachen.
Die Blumen blühen, wenn sie lachen.
Die Frauen lächeln, wenn sie blühn.

Erich Kästner

[Rezension] Vea Kaiser – Rückwärtswalzer: oder Die Manen der Familie Prischinger

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Lorenz Prischinger ist am Ende: seine Schauspiel-Karriere stagniert, seine Freundin verlässt ihn für irgendeinen Deppen, die Schulden stehen ihm bis zum Hals, weswegen er seine schicke Wiener Nobel-Wohnung untervermieten muss. Nun nächtigt er im ehemaligen Kinderzimmer seiner Cousine, denn er ist bei seiner Tante Hedi und seinem Onkel Willi untergeschlüpft und muss eine geballte Ladung Tanten-Power über sich ergehen lassen, da Hedis Schwestern Mirl und Wetti auch stets zur Stelle sind. Tiefer kann er nicht sinken, denn schlimmer kann es nicht werden! Doch! Kann er! Sicher! Wird es!

Überraschend stirbt Onkel Willi (ein schwaches Herz, hatte seine Mutter schon): Gemäß seinem letzten Wunsch soll er in seiner Heimat Montenegro beerdigt werden. Eine offizielle Überführung ist zu teuer, also wird zu einer unkonventionellen Lösung gegriffen: Lorenz macht sich im kleinen Fiat Panda mit dem toten, tiefgefrorenen Onkel auf dem Beifahrersitz und seinen drei Tanten auf dem Rücksitz auf den Weg in die 1029 km entfernte Heimat seines Onkels.

Vea Kaiser lässt – eingerahmt von diesem ausgefallenen „Road Trip“, der im hier und jetzt spielt – die Vergangenheit der Prischinger-Familie wiederaufleben. Dabei erscheint es, als würde sie einen Film zurückspulen, anhalten und ein Stück wieder laufen zu lassen, um dem Publikum (=Leser) eine weitere Szene als Rückblende vorzuführen. In Etappen verrät sie dem Leser die Lebensgeschichten der 5 Prischinger-Kinder: neben Mirl, Hedi und Wetti gibt es noch Sepp, den Vater von Lorenz, und Nenerl, den verstorbenen Zwillingsbruder von Mirl. In dieser schon äußerst abwechslungsreichen Familiengeschichte verwebt Vea Kaiser zusätzlich den Lebensweg von Onkel Willi. Mit all diesen parallel verlaufenden Handlungsstränge und Rückblenden hätte es für den Leser sehr schnell unübersichtlich und unverständlich werden können! Das wird es nicht, da Vea Kaiser immer die Zügel in der Hand behält, den Weg im Blick und somit das Ziel vor Augen hat.

Vea Kaiser liebt ihre Protagonisten mit all ihren Fehlern, Marotten und (Fehl-)Entscheidungen. Sie portraitiert die einzelnen Personen sehr detailliert und ironisch aber nie entlarvend. Ihr Humor ist manches Mal lakonisch, mit viel Mutterwitz (…oder sollte ich lieber „Tantenwitz“ sagen?) aber stets respektvoll.

Dabei scheinen auch immer die Verstorbenen der Familie aus dem Jenseits, Einfluss auf die Protagonisten zu nehmen und somit deren Handeln zu prägen: „Die Manen der Familie Prischinger“ lautet nicht ohne Grund der Untertitel dieses Romans. Der Begriff „Manen“ kommt aus dem lateinischen und meint die Geister der Toten der römischen Mythologie. Ist unser aller Handeln nicht ebenso geprägt durch Begegnungen und Erfahrungen aus der Vergangenheit? Erschrecken wir nicht über uns selbst, wenn wir Eigenarten eines Elternteils an uns entdecken, die wir „nie und nimmer“ annehmen wollten? Erkennen wir es nicht auch selbst, dass die Taten unserer Ahnen, Einfluss auf unser Werden hatten?

Dieser Roman öffnet sich dem Leser nur Seite für Seite, Szene für Szene, Stück für Stück…!

Ich habe über dieses komplexe Handlungsgerüst, die vielschichtigen Charaktere und intelligenten Dialoge gestaunt: Nie gab es für mich einen Moment der Langeweile. Im Gegenteil: Stets wollte ich mehr über diese Familie erfahren, amüsierte mich über die humorvollen Situationen, die durchaus in Richtung Slapstick hätten abgleiten können aber immer rechtzeitig ausgebremst wurden, oder war gerührt von der Wärme, mit der die allzu menschlichen und somit verständlichen Schwächen der Familienmitglieder beschrieben wurden.

Vea Kaiser liebt ihre Protagonisten, und darum lieben wir sie ebenso!

erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462051421

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Welche Freude: Am 22. Mai wird Vea Kaiser mit einer Lesung aus diesem Roman bei uns zu Gast sein!

MONTAGSFRAGE #27: Die schönsten Buchcharakter-Namen…?

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In meiner Erinnerungs-Kommode rappelt es wieder…!

Dachte ich noch im ersten Moment, dass ich bei dieser Frage kläglich scheitern würde, da ich mir so schlecht Namen merken kann, und darum einige Romane mit ihrem üppigen Handlungspersonal mich schon sehr herausfordern. Doch ich musste gar nicht so tief in den Schubladen der oben genannten Kommode kramen: Zwei meiner liebsten Krimi-Held*innen haben sehr schöne klangvolle Namen…!

Da ist zum einen die von Alan Bradley erdachte jugendliche Heldin mit Namen FLAVIA DE LUCE – ein  Name, der anfangs sehr kapriziös erscheint und so gar nicht zu dieser vorlauten, altklugen Göre mit dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein zu passen scheint. „Luce“ bedeutet im Italienischen „Licht“, und so wirkt dieser Name für eine Krimiheldin doch äußerst passend. So bringt Flavia immer wieder Licht ins Dunkel, indem sie so manches Geheimnis lüftet und „nebenbei“ gerne einen Mord aufklärt.

Dank Colin Cotterill durfte ich die Bekanntschaft mit Dr. SIRI PAIBOUN machen. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob Absicht dahinter steckt, dass „Paiboun“ sich auf „Taifun“ reimt. Doch ebenso wie ein tropischer Wirbelsturm über das Land fegt, so stürmt auch Dr. Siri als einziger Gerichtsmediziner des Landes über das kommunistische Laos der 70er Jahre. Er hinterlässt nicht unbedingt eine Stätte der Verwüstung, rüttelt aber zumindest mit seinen unkonventionellen Methoden und seinem Hang zum Spirituellen seine Umwelt gehörig durcheinander.

Während ich dies schrieb, kam mir zudem die Heldin aus Tennessee Williams Drama „Endstation Sehnsucht“ in den Sinn (zwar kein Roman aber als Schauspiel durchaus auch ein literarisches Werk). BLANCHE DUBOIS: Allein der Name klingt nach einem schwülen Sommerabend in New Orleans, wo die leisen Klänge eines Banjos durch einen warmen Windhauch zart getragen von Haus zu Haus, von Ohr zu Ohr schweben…!

Seht Ihr, es geht schon los! Mein Kopfkino ist angesprungen…!!!

…und bei welchen Namen springt Euer Kopfkino an???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.