
[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2026/2027 / Stadttheater Bremerhaven
mit der Sinfonia bzw. Ouvertüre zu LUISA MILLER von Giuseppe Verdi sowie Arien, Songs und Musiken von Bedřich Smetana, Camille Saint-Saëns, Johann Strauss (Sohn), Giuseppe Verdi, Herbert Grönemeyer und Norbert Schultze
mit Ausschnitten aus TRUE CRIME. DIE THOMASKATASTROPHE von Coco Plümer, DIE MAUSEFALLE von Agatha Christie, DIE LEBEN DER ANDERSEN von John von Düffel und Kai Tietje, AALI MUSS LOS von Dita Zippel und Finn-Ole Heinrich, DIDO AND AENEAS – A LOVE STORY? frei nach Henry Purcell sowie aus dem Tanzabend TANZRAUSCH von Kinsun Chan und Alfonso Palencia
Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus
Musiktheater: Kellan Dunlap, Timothy Edlin, Victoria Kunze, Boshana Milkov, Kai Preußker, Weilian Wang
Ballett: Melissa Festa, Marco Marongiu, Pedro Alves Marques, Kiko Noguchi, Melissa Panetta, Adrián Sánchez, Ming-Hung Wenig, Dawon Yang, Javier Zotano Bermúdez
Schauspiel: Frank Auerbach, Marscha B Zimmermann, Anna Caterina Fadda, Lotta Hackbeil, Leon Häder, Ulrike Knospe, Kay Krause, Gernot Schmidt, Alexander Smirzitz, Marc Vinzing, Henning Z Bäcker
JUB: Ümran Algün, Sander Lybeer, Coco Plümer, Tobias Sill
Opernchor am Stadttheater Bremerhaven
Kinderchor am Stadttheater Bremerhaven
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Ich hatte diesem Wochenende so sehr entgegengefiebert und vorab vehement Wünsche für den Dienstplan eingefordert, damit auch nichts, absolut gar nichts meiner Teilnahme an der turbulenten Spielzeiteröffnung an meinem Stadttheater Bremerhaven im Wege stand. Und wehe, irgendjemand hätte sich mir in den Weg gestellt…!!!
Die Zuschauer*innen strömten ins Theater. Überall war die Lust auf den Beginn der neuen Spielzeit spürbar. Voller Enthusiasmus begrüßte ich bekannte Gesichter und schmetterte ihnen vergnügt strahlend „Auf ein Neues!“ oder „Schön, dass es wieder losgeht!“ entgegen. Dann saß ich voller Vorfreude endlich wieder im Zuschauersaal, der rote Samtvorhang öffnete sich, und eine weitere Saison voller Theaterzauber sollte beginnen.
Bereits Ende August hatte Marco Comin, der neue GMD am Haus, sein Antrittskonzert mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven vor begeisterten Konzertbesuchern gegeben. Nun stellte er auch seine Qualitäten für das Musiktheater unter Beweis und konnte uns ebenso mit seinem Dirigat der Sinfonia zu LUISA MILLER begeistern. Diese eher selten gespielte Oper von Giuseppe Verdi wird die Spielzeit im Musiktheater eröffnen.
Intendant Lars Tietje führte souverän durch das Programm und holte sich gerne zu den einzelnen Programmpunkten mit Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Markus Tatzig und Alfonso Palencia die Leitung der jeweiligen Sparte auf die Bühne.
So berichtete Alfonso Palencia vom spannenden Entstehungsprozess des dreigeteilten Tanzabends TANZRAUSCH, zu dem er zwei befreundete Choreografinnen eingeladen hat, um dem Publikum wie auch den Tänzer*innen die Möglichkeit zu geben, unterschiedliche Stile erleben zu können. Als Appetizer präsentierte die Ballettcompagnie aus TANZRAUSCH einerseits die Arbeit mit dem Titel „Storm“ der Choreografin Kinsun Chan sowie direkt nach der Pause „Rush Rojo“ von Alfonso Palencia. Die Tänzer*innen begeisterten abermals mit einer schier unendlich scheinenden Ausdruckskraft ihrer Körper. Es ist für mich immer wieder faszinierend, wie Musik über den Tanz visualisiert werden kann.
Das Jahr 2027 wird ganz im Zeichen des Stadtjubiläums von Bremerhaven stehen, und so werden auch am Stadttheater Bremerhaven einige Produktionen zu sehen sein, die einen unmittelbaren Bezug zur Stadt haben. Im kleinen Haus startet die Saison mit TRUE CRIME. DIE THOMASKATASTROPHE und erinnert an einen furchtbaren Tag im Dezember 1875 als im Bremerhavener Hafen eine Bombe explodierte. In diesem Live-Hörspiel, bei dem Frank Auerbach, Lotta Hackbeil und Marc Vinzing unzählige Rollen verkörpern und so ihre enorme Wandelbarkeit zeigen, werden die Geräusche von einer Sounddesignerin ebenso live vor Ort produziert. Der hier gezeigte Prolog versprach, dass es ein spannender Theaterabend werden würde.
Davide Perniceni übernahm den Taktstock und somit die musikalische Leitung bei den Arien aus DIE VERKAUFTE BRAUT von Bedřich Smetana. Sopranistin Victoria Kunze gestaltete die beiden Arien „Gern ja will ich dir vertrauen“ und „Wie fremd und tot ist alles um mich her“ mit schlichter Würde und fein dosierter Melancholie und zeigte so überzeugend den Wandel der Figur von „hoffnungsvoll in die Zukunft schauend“ zu „verzweifelnd über den Verlust ihres Liebsten“. Ergreifend!
Natürlich durfte auch in diesem Jahr die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden, nicht fehlen. Insider werfen einen wissenden Blick auf den Programmzettel. Die Wahrscheinlichkeit ist immer recht hoch, dass der Programmpunkt, der nach der Verleihung an der Reihe ist, im direkten Zusammenhang mit dieser steht. In diesem Jahr nützte mir dieses Wissen „nüscht“, da eine Szene mit acht Schauspieler*innen aus dem Krimi DIE MAUSEFALLE folgen sollte. Es blieb somit auch für mich spannend. Preisträger wurde in diesem Jahr der Schauspieler Leon Häder, der in der vergangenen Spielzeit durch sein exzellentes Spiel überzeugen konnte. Die ausführliche Laudatio der Jury versüßte er – sehr zum Vergnügen des Publikums – mit humoristischen Akzenten in Gestik, Mimik und Haltung. Lieber Leon: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!
Ich jubilierte inner- wie äußerlich als ich erfuhr, dass ein Kriminalstück von Agatha Christie wieder auf dem Spielplan stehen sollte. Mit Marscha B Zimmermann, Anna Caterina Fadda, Leon Häder, Ulrike Knospe, Kay Krause, Gernot Schmidt, Alexander Smirzitz und Henning Z Bäcker standen nun Künstler*innen auf der Bühne, die in der dargebotenen Szene aus DIE MAUSEFALLE ganz wunderbar Christies Figuren zum Leben erweckten. Es wird mir eine immense Freude sein, mich in „Monkswell Manor“ (wiederholt) einzumieten.
Doch die Würdigungen des Abends waren noch nicht vorbei: In diesem Jahr gab es zusätzlich den Herzlieb-Kohut-Sonderpreis zu vergeben, den der Kinderchor des Stadttheaters für DIDO AND AENEAS – A LOVE STORY? in Empfang nehmen durfte. Mit Unterstützung von Edward Mauritius Münch, Bianca Sue Henne, Katharina Diegritz und Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters erarbeiteten sich die Kinder und Jugendlichen eine sehr eigene, höchst individuelle Variation von Henry Purcells Oper, indem sie dessen Musik mit modernen Songs und persönlichen Gedanken rund um das Thema Liebe kombinierten. Wie sehr die Kids diesen Preis verdient hatten, zeigten sie mit ihrer stimmschönen und emotionalen Interpretation von Herbert Grönemeyers „Demo (Letzter Tag)“. Gänsehaut! Auch an euch: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!
Dann wurde es plötzlich glitschig: Das JUB – Junges Theater Bremerhaven bringt mit AALI MUSS LOS ein Stück über Veränderung und Abschied aus Sicht der Tiere am und im Fluss auf die Bühne. Daraus boten uns die Schauspieler*innen Ümran Algün, Coco Plümer, Tobias Sill und Sander Lybeer einen äußerst vergnüglichen wie auch erstaunlich beweglichen Ausschnitt.
„Und ewig lockt das Weib“, das war schon in der Bibel so, und so ist es auch noch heute. Mezzosopranistin Boshana Milkov ließ ihre samtene Stimme lockend und gurrend in der Arie „Amour, viens aider ma faiblesse!“ erklingen. Wehe allen Kerlen, die ihrem bezirzenden Ruf verfallen. Die Oper SAMSON ET DALILA von Camille Saint-Saëns kommt als beeindruckendes Konzerterlebnis auf die Bühne.
Deutlich fröhlicher ging es in der Operette EINE NACH IN VENEDIG zu, aus der die beiden Neuzugänge des Musiktheaters Ausschnitte zeigten. Die musikalische Leitung lag in den bewerten Händen von Hartmut Brüsch. Tenor Kellan Dunlop gab mit „Evviva Caramello“ den Barbier Caramello mit leichter flexibler Stimme. Kai Preußker stellte bei „Wenn vom Lido sacht … Pappacoda ist da“ den Makkaronikoch Pappacoda mit seinem charakteristischen Bariton männlich-markant auf die Bretter. Flankiert wurden die Beiden von einem bestens aufgelegten Opernchor.
Es ist immer eine besondere Herausforderung, einen Song zu interpretieren, der im kollektiven Gedächtnis so eng mit der Ursprungsinterpretin verankert ist. Einerseits sollte eine eigene Interpretation gefunden werden, andererseits darf sich auch nicht zu sehr vom Original entfernt werden. Schauspielerin Ulrike Knospe stand sichtbar nervös auf der Bühne. Doch sie gestaltet den bekannten Evergreen „Lili Marleen“ von Lale Andersen so schön und so berührend. Als Background-Chor standen ihr die Mannen Frank Auerbach, Marc Vinzing und Henning Z Bäcker mit harmonischen Gesang zur Seite. Auch das Schauspiel mit Musik DIE LEBEN DER ANDERSEN hat wieder einen engen Bezug zur Seestadt und deren Geburtstag.
Mit LUISA MILLER hatte diese Eröffnungsgala begonnen, und mit LUISA MILLER sollte sie nun auch enden. Bei „Ti desta, o Luisa“ zeigten die Sänger*innen des Chores, dass sie nicht nur die leichte Operette beherrschen sondern ebenso im musikalischen Drama brillieren können. Bassbariton Timothy Edlin ließ seine Stimme bei der Arie „Ah! Tutto m´arride … Il mio sangue, la vita darei“ mit fein nuancierter Koloratur erklingen. Weilian Wang brachte seinen potenten Tenor bei „Oh! fede negar potessi … Quando le sere al placido“ vom auftrumpfenden Fortissimo bis zum sensiblen Piano zum Strahlen. So sorgten diese zwei stimmlichen „Schwergewichte“ gemeinsam mit dem Opernchor für den fulminanten Schluss dieser rundum gelungenen Gala.
Beschwingt verließ ich das Theater und machte ich mich bestens gelaunt auf den Heimweg,…
THEATERFEST 2026 …um nur wenige Stunden später meine Karosse wieder gen Bremerhaven zu lenken: Das Stadttheater Bremerhaven hatte zum Theaterfest geladen und versprach ein pickepackevolles Programm mit Konzerten, Führungen, Besuche der verschiedenen Werkstätten, Einblicke in Proben, Lesungen, div. Workshops, Mitmach-Aktionen für Groß und Klein, einer Mini-Gala und vielem mehr. Da fiel es mir wahrlich schwer, eine Entscheidung zu treffen. Wählte ich den einen Programmpunkt würde ich einen anderen ebenso spannenden aber bedauerlich zeitgleich stattfinden Programmpunkt verpassen. Luxusprobleme „at its best“!
So wählte ich mit Bedacht. Nach der Begrüßung durch Intendant Lars Tietje lauschte ich sowohl dem Opernchor unter der Leitung der neuen Chordirektorin Kristina Pernat Ščančar wie auch den solistischen Auftritten von Tenor Kellan Dunlap und Mezzosopranistin Boshana Milkov. Der von Boshana Milkov brillant vorgetragene Gershwin-Song „Summertime“ schien beinah programmatisch. Die sommerlichen Außentemperaturen trieben mich ins Theaterinnere direkt zum Kuchenbüfett der Landfrauen („Köstlich!“). Bestens gestärkt wartete ich im Foyer auf den Beginn der Theaterführung mit Sopranistin Victoria Kunze, die uns einmal kreuz, einmal quer durch das Theater führte und neben interessanten Infos zum Theateralltag auch köstliche Anekdoten parat hatte, wozu sie gerne die launige Unterstützung von Chefmaskenbildner Henrik Pecher in Anspruch nahm. Beim öffentlichen Balletttraining bestaunte ich voller Hochachtung abermals die Grazie und die Eleganz der Tänzer*innen.
Apropos Anekdote: Ich bog auf der Seitenbühne um die Ecke und stand unvermutet einem Tisch mit Lebensmitteln gegenüber. Angewidert blickte ich auf einen Teller und dachte „Wie kann man nur ein Mettbrötchen hier ungekühlt liegen lassen? Da tanzen die Salmonellen vor Freude Samba.“ Ich benötigte einige Sekunden, bis ich registrierte, dass hier die Requisite ihre Kunst der täuschend echten Imitation präsentierte.
Nach einem ereignisreichen Nachmittag voller Begegnungen und Eindrücke trug mich meine brave Karosse müde aber sehr, sehr glücklich wieder zurück in Richtung Heimat.
Mit der Eröffnungsgala und dem Theaterfest beginnt offiziell die SAISON 2026/2027 am Stadttheater Bremerhaven, das mich wieder mit einem vielfältigen Programm begeistert.
LI·TE·RA·RISCHE HEL·DEN…

[Rezension] Émile Gaboriau – DIE AFFAIRE LEROUGE
Er gilt als einer der ersten Kriminalromane der Welt: Ursprünglich im Jahre 1863 erfolgreich als Fortsetzungsroman für eine Zeitung entstanden, errang DIE AFFAIRE LEROUGE 1866 auch als Roman eine enorme Popularität. Vielleicht lag es daran, dass der Autor sich von der damals gängigen romantisierenden Form des Geschichtenerzählens abwandte. Vielmehr beruhten die Beschreibung der Ermittlungen auf realistische Gegebenheiten und fußten auf den neuesten kriminalistischen Erkenntnissen der Epoche. Zudem hatte Gaboriau sehr viel Augenmerk auf eine naturalistische Milieubeschreibung gelegt, die einen entscheidenden Einfluss auf die Atmosphäre des Romans nahm.
Gaboriau wusste genau, wovon er schrieb, da er auf eine Fülle an eigenen Erfahrungen zurückgreifen konnte. Hatte er doch selbst bereits eine erstaunliche Anzahl an Berufen vorzuweisen: So war er als Mitarbeiter eines Rechtsanwalts tätig, erkundete Afrika als Husar und verpflichtete sich, wenn auch nur kurzzeitig, bei der Armee. Über dem Verfassen von Chroniken und seiner Tätigkeit als Sekretär bei einem Schriftsteller fand er schlussendlich zum Journalismus. Hier tat sich für ihn – mit den vielen Geschichten aus dem realen Leben – eine unversiegbare Quelle der Inspiration auf.
Eine alte Dame wird ermordet in ihrem Haus aufgefunden. Schmuck ist verschwunden, Papiere wurden verbrannt. Madame Lerouge hatte noch nicht lange in dem kleinen Dorf gelebt. Die Kriminalisten aus Paris erfahren von den Nachbarn nur, dass die Ermordete ab und zu Besuch bekam und immer Geld hatte. Zusammen mit dem Untersuchungsrichter Monsieur Daburon versucht Monsieur Tabaret, der alte Detektiv von eigenen Gnaden, hinter das Geheimnis der Toten zu kommen. Dem Mörder ist er auch schon bald auf der Spur. Doch hat er den richtigen erwischt?
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Die ursprüngliche Praxis, diese Kriminalgeschichte als Fortsetzungsroman in einer Zeitung zu veröffentlichen, kommt auch der Romanfassung sehr entgegen. Die Geschichte präsentiert sich voller Cliffhanger, die mich immer wieder verleiteten, „mal eben“ ein weiteres Kapitel zu lesen. So zog die Handlung – Seite für Seite – spürbar mühelos an meinen Augen vorbei und lieferte mir einen packenden Spannungsbogen voller Überraschungen.
Allerdings ist dieser Umstand wohl auch der sensiblen Überarbeitung des Romans zu verdanken: Um dem damals vorherrschenden Geschmack der Leserschaft gerecht zu werden, hatte Émile Gaboriau ursprünglich ausführliche, wenn nicht sogar ausufernde Beschreibungen der Familienverhältnisse des Handlungspersonals in eben jene Handlung einfließen lassen. Diese hemmten allerdings den Ablauf bzw. den zügigen Aufbau der Geschichte. Die vorliegende Fassung wurde von diesem überflüssigen Ballast befreit, wobei sich bemüht wurde, die Haupt-Geschichte nicht zu verfälschen.
Die Personenzeichnung ist sehr präzise. Hier werden die Figuren durchaus ambivalent mit Ecken und Kanten, mit kleinen und größeren menschlichen Schwächen, mal derb-rustikal, mal durch Standesdünkel gehemmt skizziert. Dabei porträtiert der Autor die einfachen Menschen vom Hafen ebenso respektvoll wie die Haute Volée von Paris. Er ergreift wohltuend keine Partei: Jede Figur scheint ihm gleich lieb.
Statt schwülstigen Pathos schlägt Gaboriau eher einen beinah nüchternen Ton an, wie ich ihn aus den Werken von Georges Simenon kennen und lieben gelernt habe. Es sind genau diese Simenon-Vibes, die ich so sehr an DIE AFFAIRE LEROUGE mochte, und die zu einer atmosphärischen Dichte des Romans beitrugen. Eine äußerst gelungene Wieder-Entdeckung…!
HINWEIS // Ich habe mir erlaubt, die Inhaltsangabe bzgl. des Handlungspersonals anzupassen. Im Originaltext, wie er auf der Homepage des Verlages zu finden ist, wird Inspector Lecoq erwähnt. Im Roman tritt eine Figur namens Lecoq als Gehilfe des Chefs der Sicherheitspolizei Monsieur Gévrol nur am Rande in Erscheinung. In weiteren Romanen von Émile Gaboriau soll sich diese Figur sogar bis zu einem gewieften Inspektor mausern, der die Fälle dank seines genialen Verstandes löst. In DIE AFFAIRE LEROUGE spielen sowohl Lecoq wie auch Gévrol eher untergeordnete Rollen. Hier liegt der Fokus definitiv mehr auf Monsieur Daburon und Monsieur Tabaret.
erschienen bei Anaconda / ISBN: 978-3730616345 / in der Übersetzung von Erich Flonger
APHO·RI·SI·A·KUM…

[Rezension] Loriot – LORIOTS PETER UND DER WOLF & DER KARNEVAL DER TIERE (Hörbuch)
Es gibt Stimmen, die mit ihrem Klang unwillkürlich ein Lächeln auf meine Lippen zaubern. Loriot hatte so eine Stimme, auf die ich auch noch heute mit positiven Gefühlen reagiere. Da ist es gar nicht nötig, dass ich den gesprochenen Text rein akustisch verstehe. Allein dieses unverkennbare Timbre, die Modulation der Wörter und seine höchst eigene Diktion genügen, um mich in den Zustand einer wohltuenden Erheiterung zu versetzen.
Als versierter Klassik- und vor allem Opern-Liebhaber erstarrte er keineswegs voller Ehrfurcht vor der hehren Hochkultur. Dafür liebte er sie allzu sehr, als dass er sich von einem Zuviel an Ernst den Spaß hätte verderben lassen. Er hatte durchaus Respekt vor Komponist*innen, Kompositionen und Künstler*innen, aber Respekt muss sich ja nicht in ehrerbietiger Zurückhaltung äußern.
Hier nun hat er sich zwei Kompositionen zur Brust genommen, die insbesondere für ein jüngeres Publikum eine wunderbare Möglichkeit darstellen, sich der klassischen Musik zu nähern. Aber auch ein älteres Publikum, zu dem ich mich durchaus zählen würde, wird seinen Spaß an diesen beiden Aufnahmen haben.
PETER UND DER WOLF von Sergei Prokofjew (1982) / Text (frei nach Prokofjiew) & Erzähler: Loriot / English Chamber Orchestra / Dirigent: Daniel Barenboim
HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um Ausschnitte aus der besprochenen CD. Es ist eine ältere Aufnahme und dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln.
DER KARNEVAL DER TIERE von Camille Saint-Saëns (1984) / Text & Erzähler: Loriot / Klaviere: Julius Katchen & Gary Graffmann / Violoncello: Kenneth Heath / London Symphony Orchestra / Dirigent: Skitch Henderson
HINWEIS: Bei der obigen Aufnahme handelt es sich nicht um Ausschnitte aus der besprochenen CD. Es ist eine ältere Aufnahme und dient nur dazu, einen Eindruck von der Musik zu vermitteln.
Nun kann die Fallhöhe bei so bekannten Werken durchaus erschreckend sein. Schließlich haben viele renommierte Orchester unter der musikalischen Leitung bekannter Dirigenten diese Kompositionen bereits eingespielt, und sie wurden von einer stattlichen Anzahl an internationalen wie heimischen Sprecher*innen verschönt. Da haben die geneigten Zuhörer*innen die Qual der Wahl und können ganz nach persönlichem Gusto wählen: Es darf ebenso den Stimmen von David Bowie, Sting, Alice Cooper oder Dame Edna Everage gelauscht werden wie denen von Otto Walkes oder Reinhard Mey. Und selbst Sissi und Franzl aka Romy Schneider und Karl-Heinz Böhm haben jeweils eine eigene Fassung eingesprochen.
Doch Loriot brauchte sich nie um „Fallhöhe“ zu sorgen: Dafür ist er in seiner Kunst der unschlagbare Meister der humoristischen Feinheiten, der sprachliches Vermögen mit literarischer Expertise vereinte. So hat er sich in seiner unnachahmlichen Art den Originaltext von Sergei Prokofjew zur Brust genommen und diesen mit Ingredienzien seines Sprachschatzes gewürzt. Bei Camille Saint-Saëns konnte er weitaus freier agieren bzw. interpretieren. Er hielt sich durchaus an der vorgegebene Reihenfolge bei den Auftritten der Tiere, gönnte uns allerdings eine höchst individuelle Interpretation und verfeinerte diese mit einer Vielzahl an amüsanten Petitessen. Ich hätte nie zu träumen gewagt, dass ich je einen Satz wie „Der Mehlwurm wirft den Schildkröten Kusshändchen zu.“ hören würde, der mich zudem in schallendes Gelächter ausbrechen ließ.
Die Deutsche Grammophon verfügt über ein umfangreiches musikalisches Archiv, und so sind beide Einspielungen auf höchstem Niveau und schenkten mir als Zuhörer den vollendeten Musik-Genuss.
Stellt sich schlussendlich vielleicht nur noch die Frage, ob dies nun ein Hörbuch ist, das mit klassischer Musik untermalt wurde, oder ob ist es sich um eine klassische symphonische Aufnahme handelt, bei der auch ein wenig gesprochen wurde? Für alle, die eine klare Zuordnung benötigen, sei folgendes gesagt: Ich weiß es nicht, und es ist mir auch schnuppe! Fakt ist, dass ich sehr viel Freude an dieser CD hatte.
HINWEIS: In der nächsten Saison wird PETER UND DER WOLF im Stadttheater Bremerhaven beim 3. FAMILIENKONZERT des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Hartmut Brüsch und mit dem Schauspieler Kay Krause als Erzähler zu Gehör gebracht.
Bereits im Jahre 2020 stand das Stück auf dem Spielplan des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven: Die Karten waren geordert, doch dann machte der Corona-Lookdown Konzert- und Theateraufführungen unmöglich. Kurzerhand produzierte das Orchester bzw. das Stadttheater Bremerhaven ein Video, das für eine begrenzte Zeit zur Verfügung stand. Damals war ich so dankbar für diese wunderbare Möglichkeit, Kultur erleben zu dürfen. Doch nichts geht über das Live-Erlebnis: Ich freue mich schon sehr auf dieses Konzert!
erschienen bei Deutsche Grammophon / EAN: 0028943964821
LI·TE·RA·RISCHE HEL·DEN…

[Rezension] Karsten Dusse – FILMRISS AUF IMMENHOF. Trippel. Trappel. Tot.
„Trippel trappel trippel trappel Pony…“
Ich las den ersten Satz aus Karsten Dusses neustem Krimi FILMRISS AUF IMMENHOF, und eine Melodie fraß sich unaufhaltsam in meinen Gehörgang, um dort zu einem handfesten Ohrwurm zu mutieren. Selbst abseits der Lektüre erwischte ich mich dabei, wie ich diese Melodie verträum vor mich hin summte.
Dieser erste Satz war vom Autor schlau gewählt. So hatte er mich blitzschnell an der Angel – oder vielmehr am Zügel. Ein Entkommen schien zwecklos!
Die Kriminalpsychologin Sophia, geschieden, zweifache Teenager-Mutter und gerade wieder frisch getrennt, schenkt sich zum 45. Geburtstag ein Wochenende auf dem Immenhof. Das zum Hotel umgebaute Landgut ist für sie der Inbegriff von heiler Welt und Geborgenheit ihrer Kindheitsfilme. Nach einer Retro-Party mit Pony-Romantik und Wodka Red Bull wacht sie am nächsten Morgen allerdings mit einem Filmriss neben der abgetrennten Hand ihres Ex-Freundes auf. Sie hat keine Ahnung, wer dafür verantwortlich ist – weiß aber, dass sie am Tag vorher noch den perfekten Plan hatte, ihren Ex ohne Spuren zu ermorden. Zwischen Kindheitsidyll und schlechtem Gewissen rekonstruiert sie die Nacht – und findet dabei überraschend zu sich selbst zurück.
(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)
Ich tat mich etwas schwer, nach Beendigung dieses Romans passende Worte der Wertschätzung zu finden. Man möge mich bitte nicht missverstehen: Diese (nennen wir es mal) Zurückhaltung lag nicht in der Tatsache begründet, dass es nichts zu wertschätzen gäbe.
Ganz im Gegenteil: Karsten Dusse hat wieder einen süffigen Krimi abgeliefert. Sein Handlungspersonal ist prall und lebendig (die einen mehr, die anderen weniger). Er spielt unterhaltsam mit Genre-Klischees, baut die Handlung raffiniert auf und liefert mit Rückblenden die nötigen Erklärungen für die Motivation der Protagonist*innen. Und wie bereits in seinem Erfolgsroman ACHTSAM MORDEN versteht er es auch hier vortrefflich, die Opfer so unsympathisch zu porträtieren, dass ich moralisch keinerlei Bedenken hatte, diese über die Klinge springen zu lassen. Vielmehr entfleuchten mir hin und wieder Ausrufe wie „Das geschieht dir recht, du Schuft!“ oder „Selber schuld!“.
Diese Gräueltaten paart er mit detaillierten Beschreibungen des Heile-Welt-Sehnsuchtsortes Immenhof à la „Midsomer Murders“, denn hier wie dort passieren die unfassbarsten und skurrilsten Morde im Umfeld ländlicher Idylle. Doch gerade dieses Aufeinanderprallen scheinbar konträrer Komponenten erhöhte den Unterhaltungswert und damit meine Freude beim Lesen des Romans.
Doch woher kam nun meine eingangs erwähnte Zurückhaltung? Ich hatte das Buch zugeklappt, zufrieden geseufzt und gedacht „Schön war’s!“. Ich wollte das Buch nochmals in Ruhe „nachschmecken“ und nicht – wie so oft – darüber nachdenken, wie ich eine Rezension formuliere. Ich wollte dieses „Schön war’s!“ nicht erklären müssen.
FILMRISS AUF IMMENHOF ist ein wunderbar leichter und (im besten Sinne des Wortes) unkomplizierter Krimi, der mich vom ersten Satz an gefesselt hat und beste Unterhaltung bietet. Es klingt nach wenig, ist aber ganz, ganz viel!
erschienen bei Heyne / ISBN: 978-3453274549
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!
[Noch ein Gedicht…] Christian Morgenstern – DER PURZELBAUM
Ein Purzelbaum trat vor mich hin
und sagte: »Du nur siehst mich
und weißt, was für ein Baum ich bin:
Ich schieße nicht, man schießt mich.
Und trag‘ ich Frucht? Ich glaube kaum;
auch bin ich nicht verwurzelt.
Ich bin nur noch ein Purzeltraum,
sobald ich hingepurzelt.«
Je nun, so sprach ich, bester Schatz,
du bist doch klug und siehst uns; –
nun, auch für uns besteht der Satz:
wir schießen nicht, es schießt uns.
Auch Wurzeln treibt man nicht so bald,
und Früchte nun erst recht nicht.
Geh heim in deinen Purzelwald,
und lästre dein Geschlecht nicht.
Christian Morgenstern
IN·TER·MEZ·ZO…





