[Rezension] Bram Stoker – DRACULA/ Adaptionen im Vergleich

Schon vor Jahren stolperte ich über die Tatsache, dass Margaret Mitchell, die bekannte Schriftstellerin des Epos VOM WIND(E) VERWEHT, an eben genau jenem Tag Geburtstag hatte wie auch ich. Damit befinden wir beide uns in bester Gesellschaft mit einem Schriftsteller, der – wie Mitchell – ein literarisches Meisterwerk geschaffen hatte. Bram Stoker war der geistige Vater einer der erfolgreichsten und populärsten Schauerromane, der die Phantasie und Kreativität vieler Menschen bis zum heutigen Tag beflügelt. Mit Margaret Mitchells Werk hatte ich mich bereits anlässlich der Neu-Übersetzung von VOM WIND VERWEHT beschäftigt und zudem einen Blick auf die Cover-Gestaltung der div. Veröffentlichungen geworfen. Heute – aus Anlass unseres gemeinsamen Geburtstages – gönne ich mir einen Blick auf die verschiedenen Umsetzungen von DRACULA.

Getreu dem Motto „It’s the same, but different!“…

VORAB: Ich könnte hier wortreich über das Geheimnis dieses Erfolges palavern, die Gründe für ein solches Phänomen erörtern, über die sexuell-erotische Anziehungskraft der Untoten schwadronieren oder insbesondere den Fan-Kult, der sich rund um den Grafen im Laufe der Jahrzehnte entwickelt hat, kritisch beäugen. Ja, das könnte ich alles tun! Aber: Nein, ich tue es nicht!

Warum tue ich dies nicht? Weil ich für Blutsauger aller Art recht wenig übrig habe. Mich begeisterten noch nie irgendwelche Vampir-Filme, noch konnte ich mein Herz für die unsäglichen literarischen Ergüsse jüngerer Zeit erwärmen. Doch der Umstand, dass Bram Stoker und ich unter demselben Sternzeichen geboren wurden, stimmte mich milde. Zumal es zu dieser Geschichte eine schier unerschöpfliche Anzahl an unterschiedlichen Adaptionen gibt, die sogar bei mir einen Hauch von Interesse wecken konnten.

Und so schaue ich heute an unserem gemeinsamen Geburtstag („Hatte ich es schon erwähnt?“) selbst einmal bei dem aparten Blutsauger vorbei.

Den Inhalt des Romans darf ich höflichst als bekannt voraussetzen.



Schmuckausgabe/ Gestaltung durch Stefanie Bartsch

Bereits seit einiger Zeit begeistert der Coppenrath-Verlag seine Leserschaft mit schön gestalteten Schmuckausgaben zu Klassikern unterschiedlicher Genre. Dabei möchte ich hervorheben, dass es sich hierbei nach meinem Verständnis nicht um eine illustriere Fassung eines literarischen Werkes handelt. Bei einer illustrierten Fassung hat ein*e Künstler*in Illustrationen passend zur Handlung kreiert, die man mit Szenenfotos eines Theaterstücks vergleichen könnte. Diese Kunstwerke heben die Handlung des Romans bestenfalls auf eine weitere Ebene und eröffnen dem Lesenden neue Perspektiven.

Eine Schmuckausgabe wurde von einer Grafikerin oder einem Grafiker gestaltet. Im vorliegenden Fall schmücken stilvolle Vignetten, historische Zeichnungen und einige weitere zum Sujet passende grafische Elemente die Seiten des Buches. Zusätzlich wurden einige „Gimmicks“ wie Briefe, Postkarten, Werbezettel, Rezepte u.ä. zwischen die Seiten versteckt, um an prägnanten Stellen der Geschichte die Lesenden noch intensiver in die Geschichte hineinzuziehen. Sowohl das Schriftbild als auch die Farbgebung der Seiten wurden kreativ in die Buch-Gestaltung einbezogen. Zudem wirkt das gesamte Buch auch aufgrund des in Gold gehaltenen Buchschnitts sehr edel, hat allerdings aufgrund der beschriebenen Aufmachung auch einen gewissen Umfang und das entsprechende Gewicht.

Doch als Freund von schön gestalteten Büchern möchte ich bei einer Schmuckausgabe auch kein labbriges Taschenbuch in den Händen halten.

erschienen bei Coppenrath / ISBN: 978-3649642244 / in der Übersetzung von Martin Engelmann

Klassiker neu erzählt für Kinder ab 7 Jahren von Gemma Barder/ mit Illustrationen von Nick Mofatt

Ich habe mich gar köstlich amüsiert: Gemma Barder stampfte die ikonische Geschichte auf das Wesentliche ein, indem sie das Personal reduzierte und die Handlungsstränge bündelte. Dabei „übersetzte“ sie den Inhalt in eine kindgerechte Sprache und sparte auch nicht ein wohliges Gruseln aus. Zudem gelang ihr das Kunststück, dass der Erzähltext und die Dialoge nie wie eine plumpe Reduzierung der Ursprungsgeschichte wirkten. Ungewöhnliche Worte oder Formulierungen, die heutzutage nicht mehr wie selbstverständlich im Wortschatz der Kids zu finden sind, werden auf der jeweiligen Seite kurz erklärt.

Die Illustrationen von Nick Mofatt sind Comic-artig gestaltet. Die Figuren sind prägnant und leicht ironisch überzeichnet. Das Betrachten der Bilder bereitete mir eine Menge Spaß und entlockte mir so manches Schmunzeln.

Insgesamt ist dies eine sehr gelungene Adaption, um die Kinder behutsam an diesen Klassiker der Schauerliteratur heranzuführen.

erschienen bei Anaconda / ISBN: 978-3730615348 / in der Übersetzung von Christel Kröning

Hörspiel (1975)/ 1 CD/ Produktion, Hörspielbearbeitung & Regie: Konrad Halver/ mit Wolfgang Kieling, Peter Versten, Olaf Simon, Angelika Merkert, Marianne Warnecke u.a.

Ich liebe die Hörspiele aus den 60er und 70er Jahren, die peu à peu aus den Archiven der Rundfunkanstalten befreit werden. Da gab es für mich schon so manchen Schatz zu entdecken. Im vorliegenden Fall handelt es sich eher um eine solide Umsetzung der bekannten Geschichte, die primär für jüngere Hörer*innen produziert wurde und sich bei einer Laufzeit von ca. 46 Minuten auf die wesentlichen Handlungsstränge fokussiert. Ebenso wie beim Klassiker neu erzählt wurde das Handlungspersonal entsprechend auf Dracula, Jonathan Harker, Van Helsing, Mina und Lucy reduziert, wobei den Sprecherinnen der Damen leider eher rudimentäre Rollen zugedacht wurden. Der bekannte Mime Wolfgang Kieling (Polizeirevier Davidswache, Der zerrissene Vorhang) führt als Erzähler routiniert durch die Handlung. Peter Versten gibt einen gediegenen Grafen Dracula, Olaf Simon mimt den jugendlichen Helden Jonathan Harker sehr ambitioniert, und Albert Lichtenfeld macht in seinem Rollenprofil von Prof. Van Helsing mit Kauzigkeit auf sich aufmerksam.

Aufgrund des Alters der Aufnahme musste ich bei einigen Gepflogenheiten der damaligen Hörspielproduktionen schmunzeln: Damit das Hörspiel nicht zu einer One-Man-Show für den Erzähler mutiert, fielen auch den anderen Protagonisten erklärende Dialoge zu. Es ist schon sehr amüsant, wenn z.Bsp. Jonathan Harker auf seiner Flucht aus Draculas Schloss die Fassade entlangklettert und jeden seiner Schritte kommentiert im Sinne von „Ups, hier kommt ein Absatz! Huch, jetzt wäre ich beinah abgestürzt“. Auch die schmatzenden Sauggeräusche, die ertönen, wenn Dracula sich im Hals eines Opfers festbeißt, sorgten bei mir für Erheiterung. Dafür fiel die Musikuntermalung mit großem Orchester sowohl äußerst gelungen wie auch außerordentlich üppig aus und erinnerte mich an einen Film-Soundtrack.

ANMERKUNG: Leider gehen (wie so oft) bei älteren Hörspielen, die im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Verlagen wiederaufgelegt wurden, die Informationen zur Produktion verloren, bzw. sie werden von den Verlagen als wenig wichtig für die Hörenden betrachtet. In diesem Fall findet sich im dürftigen Beiblatt nur eine rudimentäre Wiedergabe der Mitwirkenden, in der Wolfgang Kieling als Erzähler unterschlagen wurde (auf dem Titelblatt ist sein Name zu finden). Diese schlampige Vorgehensweise empfinde ich wenig respektvoll gegenüber den ausführenden Künstler*innen – unabhängig wie alt die jeweilige Aufnahme ist. Zudem interessiert es mich als Zuhörer durchaus, welche Persönlichkeiten sich hinter den Stimmen verbergen: So haben mich in der Vergangenheit schon einige markante Stimmen aufhorchen lassen und animiert, mich auf die Suche nach weiteren Hörspielen mit ihnen zu begeben.

erschienen bei vgh audio (maritim) / ISBN: 978-3938597149

Comic zum Film/ Szenerie: Roy Thomas/ Illustrationen: Mike Mignola & John Nyberg

Diesem Comic liegt der Film der Regie-Legende Francis Ford Coppola aus dem Jahre 1992 zugrunde. Da überrascht es nicht, dass Roy Thomas sich bei der Konzeption der Szenerie stark am Drehbuch des Films orientierte. Auch die Figurinen des Handlungspersonals weisen eine deutliche Ähnlichkeit mit dem filmischen Alter-Ego auf.

Die Illustrationen von Mike Mignola und John Nyberg sind prägnant und kontrastreich sowie in ihrer Farbgebung sehr markant. Die Illustratoren verzichteten auf allzu viele Details. Durch die an Scherenschnitte erinnernden Bilder habe ich als Betrachter die Möglichkeit, meine Phantasie spielen zu lassen und eigene Details in die Bilder hineinzuinterpretieren. Die Umsetzung ist sehr düster, teilweise beinah sphärisch, doch durchaus gelungen.

erschienen bei Egmont Ehapa / ISBN: 978-3928108171 / in der Übersetzung von Karlheinz Borchert & Georg F.W. Tempel


Nun ist es aber auch genug: Der gräfliche Blutsauger hat meine Aufmerksamkeit nun zur Genüge gefesselt und darf gerne wieder auf sein Schloss verschwinden, wo er es sich in seinem Sarg gemütlich machen kann.

Da bleibt mir nur noch folgendes zu sagen: Ich schicke herzliche Geburtstagsgrüße aus dem Diesseits ins Jenseits zu Bram Stoker und muss ihm kleinlaut gestehen „So ein klein wenig habe ich mich dann doch gegruselt!“ 😄

BÜCHERPLAUSCH in der Stadtbibliothek Osterholz-Scharmbeck

„Besser gut geklaut als schlecht selbstgemacht!“

…lautet mein Kredo. Dabei habe ich aber kein Problem, die Urheber einer tollen Idee zu nennen. In diesem Fall spionierte ich Ende des letzten Jahres in der Stadtbibliothek Bremerhaven beim dortigen BÜCHERPLAUSCH, wo dieses Format bereits seit einiger Zeit angeboten wird und sich reger Beliebtheit erfreut. Ich war mir sicher, dass dieses Format doch auch bei uns funktionieren könnte.

Doch vorerst standen einige andere Themen auf meiner persönlichen Agenda, weswegen der BÜCHERPLAUSCH vorerst einige Runden in der Warteschleife drehte. Dann vor wenigen Wochen war die Zeit reif: Ich trat mit Iris Belz, Leiterin der Stadtbibliothek hier in Osterholz-Scharmbeck, in Kontakt und rannte mit meiner Idee die sprichwörtlichen offenen Türen ein.

Schwups! – und schon gab es die ersten beiden Termine:

💜 ICH FREUE MICH! 💜


Weitere Informationen zum BÜCHERPLAUSCH findet ihr auf der Homepage der Stadtbibliothek Osterholz-Scharmbeck.

[Rezension] Alan Riding & Leslie Dunton-Downer – DIE OPER. EINE ZEITREISE IN OPULENTEN BILDERN

🎼 Heute ist der WELTOPERNTAG! 🎼


Meine Liebe zur Oper wurde in der Saison 1991/1992 mit dem Besuch einer Inszenierung von LA BOHÈME am Stadttheater Bremerhaven entfacht. Auch nach all den Jahren, nach all den vielen weiteren Opern, die ich kennenlernen durfte, zählt sie nach wie vor zu meiner absoluten Lieblingsoper. Denn in ihr vereint sich alles, was ich an der Kunstgattung Oper so sehr liebe: Wundervolle Musik, traumhafter Gesang, mitreißende Dramatik und höchste Emotionalität. Nach ihrer Uraufführung im Jahre 1896 schrieb eine Turiner Zeitung „So wie LA BOHÈME nur ein schwacher Eindruck beim Publikum hinterließ, so wird sie auch in der Operngeschichte kaum Spuren hinterlassen.“ Tja, so kann man sich täuschen.

Wundervolle Musik, traumhafter Gesang, mitreißende Dramatik und höchste Emotionalität: Steckt dies hinter dem Geheimnis, warum die Oper auch nach all den vielen Jahren nichts an ihrer Faszination eingebüßt hat? Ich bin auf jedem Fall nach wie vor von dieser außergewöhnlichen musikalischen Kunstform fasziniert.

Das Duo Alan Riding und Leslie Dunton-Downer befeuert mit ihrem Prachtband DIE OPER diese Faszination noch zusätzlich und verspricht mit EINE ZEITREISE IN OPULENTEN BILDERN wahrlich nicht zu viel. Nach einer kompetenten Einführung, in der sie die formalen Merkmale einer Oper aufzeigen, auf den Einfluss der Librettisten auf die von ihnen betreuten Werke eingehen und auch den Stellenwert von Opernhäusern und Festivals auf die Popularität des Genres sowie den Starkult um die Sänger*innen nicht unbeachtet lassen, vertiefen sie sich intensiver mit diesem Thema.

Das Hauptaugenmerk dieses Bildbandes liegt natürlich auf den Komponisten und ihren Werken. Es beginnt mit den frühen Opern von Monteverdi bis Mozart und führt uns dann zu den Italienischen, deutschsprachigen, französischen, russischen und tschechischen Opern, denen allen ein eigenes Kapitel gewidmet wurde. Auch ein Abstecher in die moderne Oper ist zu finden. Es gibt zudem Werke, die durchaus Genre-Grenzen überwinden und manchmal wie z. Bsp. bei Franz Lehár, Leonard Bernstein und George Gershwin nicht immer eindeutig einer Kunst-Gattung explizit zugeordnet werden können.

Ich halte eh sehr wenig davon, musikalische Bühnen-Werke strickt einem Genre zuzuordnen. Dies impliziert eine Wertung, die meiner Meinung nach völlig unnötig ist. Es erfolgt so eine Unterteilung in E- oder U-Musik, d.h. dass das eine Werk der Hochkultur zugeschrieben wird, während ein anderes Werk nur der schnöden Unterhaltung dient. Unabhängig, ob es sich nun um Oper, Operette oder Musical handelt, ich möchte unterhalten werden, und ich erwarte vom Produktionsteam eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Werk und dessen professionelle Umsetzung auf die Bühne. Es geht mir um die qualitative Substanz eines Werkes, und da gibt es sowohl bei der Oper, wie auch der Operette sowie dem Musical viele herausragende Stücke aber ebenso auch so manches Schmonzes.

Was bei einem Bildband im Format eines Coffee Table Books wie diesem selbstverständlich nicht fehlen darf, ist – neben einer ansprechenden Ausstattung – die scheinbar unendliche Fülle an Fotos. Hier überzeugt, ja, überwältigt DIE OPER. EINE ZEITREISE IN OPULENTEN BILDERN mit historischen Aufnahmen, Szenenbildern neueren Datums, Grafiken und Plakaten zu div. Inszenierungen, üppigen Ansichten von Opernhäusern, Kostüm- und Bühnenbild-Entwürfen u.v.m.

Dieses Buch bietet einen wunderbar kurzweiligen Überblick: Es informiert auf hohem Niveau, überfordert aber nicht, indem sich allzu detailliert in das Thema vertieft wird. Somit ist es die perfekte „Einstiegs-Droge“ für alle, die bisher nur wenige Berührungspunkte mit der Kunstgattung Oper hatten aber gerne mehr erfahren möchten.


erschienen bei Dorling Kindersley / ISBN: 978-3831047376 / in der Übersetzung von Andreas Kellermann, Cordula Wehrmeyer & Christiane Wagler

[Rezension] Rebecca Gugger & Simon Röthlisberger – DIE FABELHAFTE GESCHICHTE VON HERRN LEOPOLD, DER SCHWEBEN KONNTE

Es gibt sie, diese Menschen, die ein einzigartiges Talent besitzen, gar reichlich von der Muse geküsst oder mit Genialität überschüttet wurden. Es gibt sie, diese Menschen, die vor Sex-Appeal sprühen, mit Charisma für sich einnehmen oder besondere mentale wie physische Merkmale ihr Eigen nennen.

Es sind Menschen, die absolut außergewöhnlich sind und so von der Norm abweichen, dass sie andere Menschen, die weniger mit Außergewöhnlichem bedacht wurden bzw. ihre ganz eigene Außergewöhnlichkeit für sich noch nicht entdeckt haben, verunsichern, ja, wenn nicht sogar ängstigen können. Auch kann hierbei durchaus Neid und Missgunst eine Antriebsfeder für deren weiteres Verhalten sein. Diese bemitleidenswerten Menschen erkennen das Außergewöhnliche nicht als ein Zugewinn für ihr Leben. Vielmehr wird es als Gefahr betrachtet, da die eigene Mittelmäßigkeit umso deutlicher in den Vordergrund tritt.

Ich persönlich liebe außergewöhnliche Menschen, da ich mich an ihrer Außergewöhnlichkeit erfreuen und vieles lernen kann. Für mich stellt der Austausch mit diesen außergewöhnlichen Menschen eine enorme Bereicherung für mein Leben dar und eröffnet mir unbekannte und spannende Welten, die mir sonst im Verborgenen geblieben wären.

DIE FABELHAFTE GESCHICHTE VON HERRN LEOPOLD, DER SCHWEBEN KONNTE hebt das Besondere an einem Menschen hervor, feiert die Vielfältigkeit und macht Mut, den eigenen Talenten zu vertrauen.

Herr Leopold konnte schweben – und das schon seit seiner Geburt. Niemand hatte dafür eine Erklärung, nicht einmal die Schwebe-Forscher und -Forscherinnen. Leopold störte das nicht, doch die anderen fanden: Schweben ist nichts für Menschen! Da bemühte er sich, am Boden zu bleiben. Um auf Nummer sicher zu gehen, hängte man ihm auch allerlei Gepäck um. So kam Leopold eines Tages wirklich die Leichtigkeit abhanden. Bis, ja bis er die kleine Mathilda traf und sich wieder an die Unbeschwertheit und seine besondere Fähigkeit erinnerte.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)



Das erfolgreiche Erzähler-Duo Rebecca Gugger und Simon Röthlisberger haben wieder zugeschlagen, indem sie ihre Talente abermals gar wunderbar bündelten, um eine außergewöhnliche Geschichte zu kreieren.

(Das Wort „außergewöhnlich“ wird in dieser Rezension sicherlich noch häufiger auftauchen!)

Denn so vieles ist an dieser Geschichte wahrlich außergewöhnlich. Da ist zum einen unser Held, der älterer Herr Leopold, dem mit jedem Jahr, das er älter wurde, immer mehr von seiner außergewöhnlichen Fähigkeit abhandenkam. Die Leichtigkeit ging ihm verloren, und so nimmt die mentale Gesundheit Einfluss auf das sehr eigene, höchst individuelle Befinden. Doch manchmal braucht es nur einen Anstoß von außen, um sich zu erinnern. Es muss nichts Großes sein. Da reicht es völlig, wenn die kleine Mathilda an ihm vorbeischwebt, um ihn daran zu erinnern, welche außergewöhnliche Fähigkeit er mal besessen hatte. Es ist nie zu spät, diese verschütteten Talente aus dem tiefsten Keller der Erinnerungen wieder ans Tageslicht zu befördern, und – vor allem – man ist nie zu alt, um sich an diesen Talenten zu erfreuen. Denn genau sie sind es, die die Würze in die Suppe des Lebens bringen und sie wahrhaft schmackhaft macht.

Auch die Illustrationen sind so wunderbar außergewöhnlich, indem sie eine bezaubernde Leichtigkeit ausstrahlen. Sie sind so beschwingt und amüsieren mit ihren skurrilen Typen und einer Vielzahl an witzigen Ideen und liebevollen Details. Der positive Eindruck wird durch die geschmackvolle, fein abgestimmte Farbgebung der Illustrationen noch unterstrichen, die alles ordinär Plakative tunlichst vermeidet.

Rebecca Gugger und Simon Röthlisberger schenkten ihren kleinen und großen Fans eine warmherzige Geschichte voller Humor, die mit zarter Melancholie bestäubt wurde und sie so aufs Schönste verfeinerte und zum Funkeln brachte.


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107788
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Kolumne] WELTTAG DER BUCHHANDLUNGEN: …denn sie wissen, was sie tun!

In den verschiedensten Foren auf Social Media las ich schon recht oft Kritik am Buchhandel: Er sei zu verstaubt, zu elitär, nicht mehr zeitgemäß und wenig kundenorientiert. Zudem wurde das Personal als arrogant und herablassend gegenüber der Kundschaft empfunden. Viele der Kritiker*innen zogen es darum vor, ihre Lektüre in den einschlägigen Online-Shops zu bestellen, obwohl eine Buchhandlung in erreichbarer Nähe des Wohnortes vorhanden wäre.

Ich möchte diese Kritik keinesfalls abwerten. Im Gegenteil: Ich nehme sie sehr ernst und musste selbst durchaus schon Negatives erfahren. Wir hatten hier vor Ort vor einigen Jahren eine Buchhandlung mit einer Buchhändlerin, die mir mit Ihrem Verhalten und Auftreten immer das Gefühl vermittelte, ich wäre ein Kulturbanause, da ich „nur“ meine popeligen Krimis bei ihr kaufte und nicht mindestens Rilke, Storm oder Mann auf die Ladentheke gelegt habe. Ich glaube, für diese Person war Hemingway schon Trivial-Literatur.

Ich kann mich noch sehr gut an eine Begebenheit erinnern, die sich mir besonders eingeprägt hat: Es geschah zu einer Zeit, als das Internet noch nicht verbreitet war (Okay, ich weiß, dass es auch jetzt noch Regionen in unserem Land gibt, wo ein funktionierender Netz-Zugang einem 6er im Lotto gleichkommt.), und Buchhandlungen massiv-gebundene und kiloschwere Kataloge, in denen die momentan lieferbare Literatur verzeichnet war, vorhielten. Ich suchte damals zu einem bestimmten Thema die entsprechende Literatur und erhoffte mir in eben jener Buchhandlung bei eben jener Buchhändlerin Rat und Hilfe.

Ach, ich war ja so naiv!

Besagte Buchhändlerin hörte sich mein Anliegen an, und ihr Blick sprach Bände. Wortlos warf sie den Katalog auf den Tisch, schlug die Seite mit dem gewünschten Schlagwort auf und schob mir den Schinken über die Tischplatte zu. Jede*r, der in der Vergangenheit bereits einen Blick in besagten Katalog werfen durfte, weiß, dass es außer Titel, Autor*in, Verlag und ISB-Nummer keine weiteren Informationen zum Werk zu erfahren gab. Ich schaute überfordert auf diese nicht enden wollende Auflistung und stammelte hilflos „Aber wie erfahre ich denn, was drin steht?“. „Steht doch alles da!“ wurde ich angeranzt. Ich war über dieses unverschämte Verhalten weniger verärgert als vielmehr betroffen, da diese Buchhändlerin anscheinend gefangen war in ihrer intellektuellen Blase, ihr Potenzial nicht erkannte und somit auch nicht in der Lage war, es auszuschöpfen. Was habe ich getan? Ich habe mich freundlich lächelnd bedankt und diese besagte Buchhandlung verlassen, mich einer anderen Buchhandlung zugewandt, diese dann (nach einer eingehenden Prüfung) zur BUCHHANDLUNG MEINES VERTTRAUENS gekürt, und was soll ich Euch sagen:

Sie ist es bis heute!!!

Doch jede*r, die/der in einen Buchladen geht und diese oder eine ähnlich unangenehme Erfahrung machen musste, tut mir leid. Jede*r, die/der seitdem lieber einen großen Bogen um diese spezielle Buchhandlungen macht, hat mein Verständnis. Aber bitte verteufelt nicht alle Buchhandlungen. Zum Vergleich: Nur weil ihr bei einem bestimmten Frisör mit dem Ergebnis unzufrieden wart, lasst ihr euch eure Haar doch nicht wachsen, oder? Nein, ihr sucht euch einen Frisör, der zu euch passt. Und genau so ist es auch mit Buchhandlungen. Denn es gibt sie – die Buchhandlungen, die mit der Zeit gehen, interessante Aktionen starten und offen sind für neue Wege. Traut Euch bei nächster Gelegenheit wieder in eine kleine, inhabergeführte Buchhandlung hinein: Neues Spiel – neues Glück! Und vielleicht wird diese Buchhandlung dann die BUCHHANDLUNG EURES VERTTRAUENS. Ich würde es euch so sehr wünschen.

Nur was macht eine Buchhandlung zur BUCHHANDLUNG MEINES VERTTRAUENS? Es sind ganz viele Einzelteile, die dann das große mich überzeugende Ganze bilden.

Die BUCHHANDLUNG MEINES VERTTRAUENS…

  • …bietet div. Aktionen (Autor*innen-Lesungen, Exkursionen, Vorlesewettbewerb, Welttag des Buches, „einschließen lassen“, Bundesweiter Vorlesetag, Woche der unabhängigen Buchhandlungen, ungewöhnliche Werbe-Ideen) an, auf die ich per Mail-Newsletter hingewiesen werde,
  • …ist offen für neue Ideen (Lesen an ungewöhnlichen Orten, Kooperationen mit anderen Geschäften und Vereinen etc.),
  • …zeigt Internet-Präsenz (Homepage mit Shop, Facebook, Instagram, YouTube),
  • …sorgt für kulturelle Vielfalt in meiner Heimatstadt.

Aber neben diesen, eher formalen Gründen spielt für mich das Zwischenmenschliche eine immens wichtige Rolle. So sind meine Buchhändlerinnen und ich in der Zwischenzeit so vertraut miteinander, dass wir uns duzen und durchaus auch über Privates plaudern. Zudem machen sie mich regelmäßig darauf aufmerksam, wenn meine Lieblingsautor*innen wieder etwas Neues veröffentlicht haben, ohne dass ich sie darum gebeten habe – einfach weil sie wissen, was ich gerne lese (…und dafür benötigen sie noch nicht einmal einen Algorithmus). Auch bekomme ich unkomplizierte Unterstützung bei meinen Lesungen, indem sie den Kartenvorverkauf übernehmen und/oder mit einem Büchertisch vor Ort sind.

Aber der wichtigste Grund ist für mich, dass ich mich in ihrem Laden wohl fühle. Ich muss mich nicht verstellen und werde nicht anhand meiner Buchauswahl be- bzw. verurteilt. Zudem überraschen sie mich immer wieder mit außergewöhnlichen Büchern, die ich nicht gesucht habe, die mich aber dann dort finden.

All dies finde ich nicht im Netz, sondern im realen Leben in einem Laden vor Ort hier in meiner Heimatstadt, denn…

Bücher kauft man am Scharmbecker Bach, nicht am Amazonas.

💖

[Rezension] Élodie Lécadieu – PARIS. STADT DES LICHTS/ mit Fotografien von David Vincent-Sully

„Wenn der liebe Gott sich im Himmel langweilt,
dann öffnet er das Fenster
und betrachtet die Boulevards von Paris.“
Heinrich Heine

Es gibt eine bestimmte Stadt auf unserer wunderbar bunten Welt, die ich als Sehnsuchtsort ganz tief in mein Herz geschlossen habe. Es ist eine Stadt, die wie keine zweite mein Empfinden für Ästhetik und Schönheit, für Kunst und Kultur, für Romantik und Savoir-vivre zum Vibrieren bringt. Es ist eine Stadt, die nichts versprechen und noch weniger halten muss und trotzdem stets erfüllt. Es ist eine Stadt, bei der ich, wenn ihr Name fällt, immer denke „Da möchte ich unbedingt einmal hin!“. Doch je älter ich werde, umso weniger Möglichkeiten wie auch Zeit verbleiben mir noch, um diesen Sehnsuchtsorte in der Realität erleben, erobern und erspüren zu dürfen. Gleichzeitig macht sich in mir ein ängstliches Bangen breit, dass das, was ich mir von dieser Stadt erhoffe und erträume, nicht der Realität entspricht sondern nur in meiner Phantasie von mir romantisiert wurde. In diesen Momenten lege ich den Traum, diesen Sehnsuchtsort irgendwann einmal selbst aufzusuchen, wehmütig beiseite und versuche, nicht mehr an ihn zu denken. Doch dann fallen mir Bücher wie dieses in die Hände, und – BÄHM! – da ist es wieder dieses Sehnen.

PARIS. STADT DES LICHTS ist schwelgerischer Bildband, informativer Reiseführer und attraktives Coffee Table Book vereint zwischen zwei Buchdeckeln. So hat die Journalistin Élodie Lécadieu fünfzehn recht unterschiedliche Routen ausgearbeitet. Jede Route führt uns unter einem besonderen Thema durch die französische Hauptstadt mit ihren zwanzig Arrondissements. Es sind Themen, die einerseits die Geschichte Paris zwischen Vergangenheit und Moderne widerspiegeln, andererseits die kulturelle Vielfalt der Seine-Metropole feiern.



Bereits während der ersten Tour DEM HIMMEL SO NAH lässt sie uns einen Blick aus der Vogelperspektive auf diese außergewöhnliche Stadt werfen, damit wir die Komplexität der über die Jahrhunderte gewachsenen Strukturen erfassen können. // Dann schlendert sie mit uns AN DER SEINE entlang, an der sich Museen, der Eifelturm und sonstige Sehenswürdigkeiten wie an einer Kette aufreihen und so manche imposante Brücken ein Überqueren ermöglichen. // IM LAUFE DER ZEIT verändert sich natürlich auch eine Stadt wie Paris, die zwar durch die Haussmann’sche Architektur geprägt ist, die aber schon so selbstverständlich zum Alltag der Pariser*innen gehört, dass sie kaum mehr wahrgenommen wird. Hier hilft uns die dritte Route diese „übersehenen“ Gebäude neu zu entdecken. // Der vierte Rundgang widmet sich der HAUTE COUTURE, die in Paris einen enormen Stellenwert hat, indem hier die großen Mode-Label ebenso zu finden sind wie auch kreative Designer*innen, die ihren eigenen, höchst individuellen Stil pflegen. // Literaten, die etwas auf sich hielten, verbrachten im Laufe ihres Lebens gerne eine gewisse Zeit in Paris – sei es zur Inspiration oder um das Nachtleben der Stadt zu „erforschen“. Die Tour LITERATUR führt uns zu Cafés, Buchhandlungen und Bibliotheken, in denen Colette, Wilde oder Hemingway verkehrt haben könnten, und wo noch heute der Odem der ganz großen Genies der Literaturszene zu spüren ist. // Wie keine andere Stadt steht Paris als Sinnbild für die Liebe. Da wäre dieses Buch selbstverständlich nicht komplett, würde in ihm eine ROMATISCHe Tour fehlen, die uns zu verträumten Parks, entzückenden Museen und verschwiegenen Orten führt.

Auch bei den weiteren in diesem Buch zu findenden Touren überzeugt Élodie Lécadieu sowohl durch ihre informativen wie kurzweiligen Texte, denen man ihre Liebe zu Paris anmerkt, als auch durch die wohldurchdachte Auswahl an Orten, Etablissements und Institutionen. So sind bekannte wie beliebte Touristen-Magnete zu finden, wie auch versteckte Plätze, die einen ganz eigenen Zauber, eine ganz eigene Melancholie ausstrahlen.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


David Vincent-Sully fängt in seinen Bildern das Flair dieser Stadt ganz und gar wundervoll ein. Da lenkt er eben noch unsere Aufmerksamkeit auf Details einer Hausfassade, um auf der nächsten Seiten einen Blick hinab auf die Straßenschluchten zu werfen. Panorama- und Momentaufnahmen wechseln einander ab. Die Fotos wirken nicht inszeniert sondern atmen durch die auf ihnen zu sehenden Menschen, die mit ihrer Dynamik wesentlich zur Atmosphäre beitragen. Paris erscheint in Vincent-Sullys Fotos nie als museale Stätte voller Vergangenheit sondern strahlt eine enorme Lebendigkeit aus, mit der die Stadt ganz im Hier und Jetzt ist. Es ist ein Ort, an dem gelebt wird.

Auch wenn Élodie Lécadieu und David Vincent-Sully mit ihrer Kunst den Hauptpart zu diesem traumhaften Buch beigetragen haben, so möchte ich auch Manon Bucciarelli nicht unerwähnt lassen und ihr für die edle und geschmackvolle Gestaltung dieses Buches danken.

PARIS. STADT DES LICHTS hat mich auf so vielen Ebenen begeistert, mich emotional berührt, mich staunend gemacht und meine Lust am Träumen erneut entfacht. Hach, so ein schönes Buch!


erschienen bei Prestel / ISBN: 978-3791394923 / in der Übersetzung von Cornelia Panzacchi und Claire Schmartz
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!