[Eine Geschichte…] Adelbert von Chamisso – DÉJÀ VU

Ein Mensch beklagte sich bei Gott, dass er ein zu schweres Kreuz zu tragen habe, und fand Gehör. Gott zeigte ihm das Zimmer, in dem alle Kreuze der Menschen standen und sagte: „Du kannst dein Kreuz tauschen und dir ein anderes aussuchen.“ Der Mensch durchstöberte den Raum und fand ein angenehm dünnes Kreuz, aber bei näherem Hinsehen war es ihm zu lang. Dann stieß er auf ein ganz kleines, aber als er es aufheben wollte, war es schwer wie Blei. Das nächste, das ihm gefiel, legte er auf seine Schulter, stellte dann aber fest, dass es eine scharfe Spitze hatte, die ihm wie ein Dorn ins Fleisch drang. So sortierte er Kreuz für Kreuz aus, weil jedes Unangenehmes hatte. Als er fast alle Kreuze angesehen und geprüft hatte, stieß er auf ein Kreuz, das versteckt hinten in der Ecke gestanden hatte. Es war nicht zu schwer, nicht zu leicht, nicht zu schmerzhaft – irgendwie so richtig handlich und wie geschaffen für ihn. Dieses sollte sein neues Kreuz werden. Aber als er näher hinschaute, merkte er, dass es das Kreuz war, das er auch bisher getragen hatte.

Legende nach dem Gedicht „Die Kreuzschau“ von Adelbert von Chamisso

[Rezension] Dorothy L. Sayers – Ein Toter zu wenig: Ein Fall für Lord Peter Wimsey

Dorothy Leigh Sayers (* 13. Juni 1893/ † 17. Dezember 1957) war nicht nur beinah gleichaltrig mit Agatha Christie, sie galt – wie Christie – als eine der herausragenden „British Crime Ladies“. Diesen Ruf begründete sie anhand ihrer scharfsinnigen Kriminalromane rund um den gediegenen Amateurdetektiv Lord Peter Wimsey. Gemeinsam mit Christie und einigen weiteren Autoren gründete Sayers 1932 den „Detection Club“, eine Vereinigung zur Förderung des klassischen Kriminalromans. Von 1949 bis 1957 war sie zudem Präsidentin dieses Clubs, dessen Mitglieder sich zur Einhaltung bestimmter Regeln verpflichteten, die vor allem der Fairness gegenüber dem Leser dienen sollten.

Schon im Jahre 1919 beschäftigte sie sich erstmals mit der Idee, einen Kriminalroman zu schreiben. Doch erst im Sommer des Jahres 1921 sollte sie ihn auch beenden. Dabei führte sie bis zum Schluss an ihrem Erstlingsroman Änderungen durch. So schrieb sie noch im Januar 1921 an ihre Mutter: „Mein Kriminalroman beginnt heiter mit dem Fund einer toten korpulenten Dame, die in einer Badewanne liegt und nichts trägt außer ihrem Kneifer.“ Gegenüber dieser Beschreibung gab es in der Endfassung des Romans eine entscheidende Veränderung…

Mr. Thipps ist entsetzt: In seinem Badezimmer liegt ein toter Mann in der Wanne. Und wäre dieser Umstand nicht schon skandalös genug, so ist der Tote mit nichts als einem Kneifer „bekleidet“. Lord Peter Wimsey ist entzückt: Im Badezimmer des kleinen, unbedeutenden Architekten Mr. Thipps befindet sich ein toter Mann. Und wäre dieser Umstand nicht schon pikant genug, so ist der Tote mit nichts als einem Kneifer „bekleidet“. In welcher Art und Weise eine Situation wahrgenommen wird, ist somit davon abhängig, aus welcher Perspektive sie betrachtet wird. Mr. Thipps Perspektive ist denkbar ungünstig: Für den ermittelnden Inspektor Sugg ist Thipps der Hauptverdächtige und gehört in Untersuchungshaft. Aus Lord Peter Wimseys Perspektive betrachtet, ist Inspektor Sugg ein inkompetenter Vollidiot, dem es möglichst auszuweichen gilt. Vielmehr hält er sich an seinen alten Bekannten Charles Parker vom Scotland Yard, der sich gerade mit dem mysteriösen Verschwinden eines wohlhabenden Geschäftsmannes beschäftigt. Beide beschließen, ihre Kompetenzen zu bündeln. Zusammen mit Wimseys Diener Bunter und dessen Talent für Forensik, versuchen sie so gemeinsam beide Fälle zu lösen. Aber sind es denn auch wirklich zwei ganz und gar unterschiedliche Fälle?

Wenn ich mir einen Vergleich erlauben darf (Und wir Leser*innen lieben doch Vergleiche, oder?), dann würde ich diesen Kriminalroman als „Agatha Christie trifft P.G. Wodehouse“ beschreiben. Sayers Stil ist eindeutig britisch-klassisch und erinnert so zwangsläufig an ihre Wegbegleiterin Agatha Christie. Dies scheint wenig verwunderlich, da die beiden Damen sich sicherlich gegenseitig beraten, ausgetauscht, wenn nicht sogar inspiriert haben. Neu sind hierbei das galante Fabulieren und die scharfzüngigen Kommentare zwischen Wimsey und seinem Diener, was Wodehouse mit seinen „Jeeves“-Geschichten bis zur Perfektion trieb. Leider nimmt das humoristische Geplänkel hierbei anfangs etwas überhand und lenkt somit vom eigentlichen Kriminalfall ab. Auch wirken einige Personen in ihrer Charakterisierung beinah wie Karikaturen: Da gibt es den tumben Inspektor, den plietsche Diener, und für den affektierten Hauptdarsteller scheint das Kriminalisieren nur eine nette Zerstreuung, um die Zeit zwischen Pferderennen und Lunch im Club zu überbrücken. Bis dahin erschien mir diese Art der Porträtierung des Handlungspersonals für einen Krimi auf Dauer zu oberflächlich.

Ich war kurz davor, das Buch unbeendet aus der Hand zu legen, als die Handlung plötzlich an Fahrt aufnahm und die Atmosphäre sich veränderte. Zeigte sich der Hauptdarsteller bisher mit durchaus unterhaltsamen aber auch trivial anmutenden Allüren, wandelte er sich nun zum mitfühlenden Wesen, dem bewusst wird, welche Verantwortung er für die Betroffenen bei der Auflösung des Falls trägt. Zudem lässt Sayers Situationen in die Handlung einfließen, die das Verhältnis zwischen Wimsey und seinem Diener Bunter in einem gänzlich neuen Licht erscheinen lässt. So wird aus dem aristokratischen Schnösel zu meiner Überraschung ein vielschichtiger Charakter mit Tiefe, bei dem ich gerne mehr von seinen verborgenen Seiten erspähen möchte. Auch die Dialoge zwischen Wimsey und Parker gestaltete die Autorin äußerst raffiniert und informativ: Hier begegnen sich zwei Spürnasen auf Augenhöhe unabhängig von Klassenunterschiede.

Schon ab der Mitte des Romans zeichnet sich ab, wer der Täter ist, und dieser Verdacht wird am Ende auch bestätigt. Im Vordergrund dieses Romans steht somit nicht das Vergnügen des Lesers, gemeinsam mit den Kriminologen dem Täter auf die Spur zu kommen und ihn in einem großen Showdown zu überführen. Vielmehr taucht der Leser in die Psychologie des Mörders ein, um so seine Beweggründe für die Tat nachzuvollziehen, und begleitet die Ermittler in ihrem Bemühen, dem Täter eben diese Tat nachzuweisen.

Dank der von mir soeben beschriebenen Wendung in der Handlung bin ich gerne bereit, dem ehrwürdigen Lord Peter Wimsey eine weitere Chance zu gewähren.

Im Jahre 2009 nahm die Zeitung „The Guardian“ diesen Kriminalromane in ihre „Liste der tausend Romane, die jeder gelesen haben sollte“ auf.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezensionen von Rainer Moritz vom Literaturhaus Hamburg.


erschienen bei Wunderlich/ ISBN: 978-3805200585

MONTAGSFRAGE #80: Verschenkt ihr Bücher auch, wenn ihr sie selbst nicht gelesen habt?

Aber natürlich…!

Allerdings müsste ich mir schon sehr sicher sein, dass der Beschenkte sich über das Buch auch freuen würde. Aber gerade in der letzten Woche ist dies geschehen: Ein sehr lieber Freund und gleichzeitig der Papa vom besten Patenkind der Welt hatte Ende März Geburtstag. Der Termin für ein gemeinsames Essen stand fest, und der Tisch in einem schicken Restaurant war reserviert. Und dann kam Corona…! Die Wochen zogen ins Land und unsere Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen von dannen. Letzte Woche haben mein Mann und ich beschlossen, dass unser Freund sein Geschenk – Essen hin! Essen her! – endlich erhalten soll. Schließlich sollte er nicht der Leidtragende in dieser Situation sein. Zudem hofften wir, ihm mit dem Geschenk eine unverhoffte Freude bereiten zu können.

Bei einem unserer vorangegangenen Telefonate erzählte er mit Begeisterung, dass er einen alten Roman von Ray Bradbury „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ ausgekramt hätte und ihn mit Begeisterung nochmals liest. Mir selbst war Ray Bradbury bis dahin unbekannt, so recherchierte ich und stieß recht schnell auf einen Sammelband „Ausgewählte Erzählungen“ aus dem Diogenes-Verlag. Das Buch machte mit seinem Leinen-Einband im Schuber auch optisch einiges her. Hurtig wurde es bei der Buchhandlung meines Vertrauens bestellt, und nur einen Tag später hing es zusammen mit einer Tafel seiner Lieblingsschokolade und einer Glückwunschkarte schön verpackt an seiner Haustür. Die Freude war groß…!

Aber auch mein Mann ist immer ein äußerst williges Opfer von Buchgeschenken meinerseits. Beide lieben wir Krimis, allerdings sehr unterschiedlicher Couleur: Er liebt Krimis, bei denen schon im ersten Absatz eine Leiche, mindestens ein paar Leichenteile auftauchen müssen, ansonsten „taugt der Krimi nichts!“ (O-Ton: er). Erfreulicherweise hatte ich bisher bei meiner Auswahl immer ein glückliches Händchen, aber selbst lesen würde ich das „blutige Massaker zwischen zwei Buchdeckeln“ (O-Ton: ich) nie und nimmer!

Auch seine heißgeliebten Biografien von mehr oder weniger prominenten Leuten darf er gerne von mir als Präsent erhalten, dann allerdings alleine lesen. Es gab bisher nur wenige Biografien, die zwar mein Interesse weckten, bei denen das Interesse meines Mannes allerdings süß weiterschlummerte.

Gottlob haben weder mein Mann noch ich das Bedürfnis, uns gegenseitig zu bekehren: Jeder von uns darf ganz nach persönlichem Gusto die Lektüre wählen!

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

10 Fragen an einen Buchblogger, die sonst niemand stellt…

Passend zum heutigen…

W E L T L A C H T A G

…habe ich mich an die nicht ganz ernst gemeinte Beantwortung dieser investigativ anmutenden Fragen gemacht.

Wenn Ihr Lust habt, diese Fragen auf Euren Blogs ebenfalls zu beantworten, dann haltet Euch nicht zurück…!


  1. Bist du Buchblogger geworden, weil dein Talent zum Bücherschreiben nicht gereicht hat?

Nein! Ich bin Buchblogger geworden, damit auch dort Männer mit Talent zu finden sind!

  1. Geht dir einer dabei ab, wenn du ein Buch so richtig verreißt?

Da ich langsam in ein Alter komme, wo man(n) für eine derartige Regung noch dankbar sein kann, sollte ich wohl froh sein, wenn ich obiges nochmals erleben darf.

  1. Haben Buchblogger Groupies?

Nein! Zumindest: Nicht das ich wüsste! Obwohl: Ich habe mich schon öfter gefragt, wieso hin und wieder ein Schlüpper bei mir im Vorgarten liegt.

  1. Hättest du gerne welche?

Naja, es käme drauf an: Darf ich mir meine Groupies selbst aussuchen? Wenn „Ja!“, dann würde ich stramme (Ex-)Sportler wie Matthias Steiner und Kevin Kuske vorziehen. Ebendiese dürften dann gerne auf dem Heimweg meine Tasche tragen…!

  1. Gibt es etwas, was du an anderen männlichen Bloggern gut findest?

Haben Matthias Steiner und Kevin Kuske eigentlich Blogs? Wenn „Ja!“, dann hat sich diese Frage mit meiner Antwort zur vorherigen Frage von selbst erledigt.

  1. Hast du Freunde im Feuilleton?

Nein, woher sollten sie auch kommen, denn „Der Blogger ist dem Feuilleton sein Tod“. Schließlich mache ich nichts anderes als ein Feuilletonist – nur freiwillig, mit Spaß und ohne dem finanziellen Aspekt. Im Vergleich zum von seinem Schicksal verbitterten Feuilletonisten hätte ich zumindest rein theoretisch noch die Chance, dass mir beim Verreißen einer… – aber das würde hier zu weit führen!

  1. Können lesende Männer eigentlich auch Männersachen, wie einen tropfenden Wasserhahn reparieren?

Apropos tropfender Wasserhahn: Wenn es verlangt wird, dann könnte ich im Stehen pinkeln. Habe ich damit die Frage ausreichend beantwortet?

  1. Deine Meinung zu Maxim Biller, Takis Würger oder Saša Stanišić?

Ich habe zu diesen drei Herren keine Meinung, da ich von ihnen bisher noch kein einziges Werk gelesen habe. Ohje, habe ich mich jetzt als Literaturbanause und Kretin der schlimmsten Sorte geoutet? Aber werden diese Herren in der Zwischenzeit nicht von Hans*ine und Franz*iska gelesen?! Somit zählen sie für mich zur Mainstream-Literatur, und da ich mich als ein bloggender Rebell, der gegen den Strom schwimmt, sehe, kommt mir sowas profanes nicht vor die Augen.

*Ich habe so gehofft, dass ich in diesem Beitrag wenigsten einmal das Gender-Sternchen nutzen darf, und nun beschert mir mein Talent gleich zwei * auf einem Streich!

  1. Hast du schon mal ein Buch besprochen, dass du gar nicht gelesen hast?

Nein! Wozu auch…? Ich habe durchaus Bücher vorzeitig abgebrochen, da ich keine weitere Lebenszeit an ihnen verschwenden wollte. Dies habe ich aber immer in dem von mir bekannten wohlwollenden Ton meinen Leser*innen (Hurra! Gender-Sternchen Nr. 3) kundgetan. Achja, dem Verlag und der/dem Autor*in (Nr. 4) übrigens auch…!

  1. Hat dir ein Verlag oder ein Autor schon mal ein unmoralisches Angebot gemacht?

Nein, noch nie! Und darüber bin ich auch sehr froh. Obwohl: Je länger ich darüber nachdenke…! Hm…! Wieso eigentlich nicht…? Frechheit…! Was bildet ihr euch eigentlich ein, mich so schmählich zu übersehen? Was haben die anderen Blogger, was ich nicht habe…? Nur weil ich vielleicht, womöglich und eventuell eines von euren s.g. Verlagsprodukten hin und wieder verrissen habe? Ha, seid ihr etwa so nachtragend? Ja! Dann lasst euch gesagt sein: Euer Verlagsprodukt war sooo mies, da ging mir beim Verreißen noch nicht einmal einer ab!

So, jetzt hab ich’s euch aber gegeben…!


Meinen herzlichen Dank geht an Tobias Nazemi von buchrevier, denn dort habe ich diese Fragen her – getreu meinem Motto „Lieber gut geklaut als schlecht selbstgemacht!“…

…und ansonsten: Lachen nicht vergessen! Nicht nur heute sondern an jedem Tag!

😀

[Rezension] Agatha Christie – Vorhang: Poirots letzter Fall

Alt, krank und gebrechlich kehrt Meisterdetektiv Hercule Poirot an den Ort seines ersten Triumphes zurück: Auf dem Landsitz Styles verbringt er seine letzten Tage – nicht aus Sentimentalität sondern um einem perfiden Mörder das Handwerk zu legen. Unter den Anwesenden vermutet er einen Psychopathen, der nie selbst Hand anlegte, dafür aber schon häufig andere Menschen durch geschickte Manipulation zum Morden verleitete. Doch hinter welcher, der scheinbar harmlos wirkenden Fassaden der Anwesenden, verbirgt sich ein perfider Verbrecher? Poirot bittet seinen langjährigen Freund Captain Hastings, ihn zu unterstützen: Hastings soll als Poirots Augen und Ohren fungiert. Doch trotz Hastings Wachsamkeit geschieht ein weiteres Unglück, und selbst Hastings ist vor dem Einfluss des Mörders nicht gefeit. Der Tod seiner Frau und die Anwesenheit seiner Tochter Judith lösen ambivalente Gefühle bei ihm aus. Hercule weiß, dass er schnell handeln muss: Seine kleinen grauen Zellen arbeiten nach wie vor brillant, doch sein Körper wird zunehmend schwächer. Er stirbt und hinterlässt eine überraschende Lösung des Falls…!

„Vorhang: Poirots letzter Fall“ ist der 33. und letzte Krimi mit dem belgischen Meisterdetektiv und gleichzeitig auch der letzte Roman, der zu Lebzeiten Agatha Christies erscheinen sollte. Mit Poirot und Styles begann und endete ihre sagenhafte Karriere: Kreise schließen sich! Kurioserweise war dies aber nicht der letzte Roman, den sie geschrieben hatte: Das Manuskript zu „Vorhang“ lag über 30 Jahre im Tresor der Bank und war so etwas wie Christies Rücklage für schlechte Zeiten. Da der Roman im Jahre 1975 erschien, entstand das Manuskript somit in den 40er Jahren. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache empfinde ich es umso erstaunlicher, mit welcher Raffinesse Christie diese Geschichte aufbaute: Einerseits lässt sie den Leser die Handlung – nach klassischer Manier – stellvertretend durch die Person Arthur Hastings erleben und lässt beide, Hastings und den Leser, bis zum Schluss im Dunkeln tappen. Andererseits erfährt der Leser prägnante Einzelheiten durch die schriftlichen Aufzeichnungen von Hercule Poirot.

Zudem überraschte Christie gerne ihre Leser*innen, indem sie in ihren Romanen heikle Themen ansprach: So folgte ich als Leser einer konträr geführten Diskussion zwischen Captain Hastings und seiner Tochter Judith, bei der ich mich fragte, ob hier noch über Sterbehilfe oder schon über Euthanasie gesprochen wird. Häufig wurde der Autorin Antisemitismus vorgeworfen: Agatha Christie war ein Kind ihrer Zeit, nahm gesellschaftliche Ströme wahr, und so sind ihre Werke im historische Kontext der damaligen Epoche zu bewerten. Ich selbst habe schon viele ihrer Werke gelesen, empfand diese nie als rassistisch und hatte dabei eher den Eindruck, dass Christie bestimmten Personen der Handlung provokante Thesen in den Mund legte, um so ihrer Leserschaft und somit der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Dies ist selbstverständlich meine persönliche Interpretation, und eine Interpretation kann sowohl zu der einen wie auch zur anderen Richtung tendieren: Wer sucht wird finden!

In der gewohnten und von ihr perfektionierten „Whodunit“-Manier erfreut die Autorin auch bei diesem Roman mit einem spannenden Plot und interessanten Charakteren. Gleichzeitig schwingt Melancholie und ein Hauch Vergänglichkeit durch die Szenerie: Alle Personen sind an einem Scheideweg angelangt, blicken auf ihr bisheriges Leben zurück, hadern mit sich und ihrer momentanen Situation und sind unentschlossen, was die Zukunft ihnen bringen mag. Nur für den großen Meisterdetektiv wird es keine Zukunft mehr geben.

Ich gebe zu, dass mir beim Tod von Poirot – und als ich seine letzten Zeilen las – eine Träne über die Wange rann: „Es waren gute Zeiten. Ja, es war eine gute Zeit…“

Ja, das war sie – definitiv!

Nachruf Hercule Poirot - New Yorker Times.jpg

Hercule Poirot war bisher der einzige fiktive Charakter, der nach Erscheinen seines letzten Falls einen Nachruf in der „New York Times“ erhielt – auf der Titel-Seite!!!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455008722

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #79: Habt ihr ein „Comfort“-Buch?

„Comfort“-Buch: Welch eine herrliche Wortschöpfung von Antonia…!

…komfortabel, genauso sollte sich ein Buch, das Antonia meint, auch anfühlen.

Egal, was in der Welt da draußen auch passiert und ob ich das Gefühl habe, kurz vor dem Ertrinken zu sein, dieses Buch gibt mir Halt und Geborgenheit. Ich schlüpfe hinein, und schon beim Überstreifen fühle ich die Wärme, die es umgibt. Ich darf mich fallen lassen in der Gewissheit, dass ich gut aufgehoben bin. Und während ich meine Wunden lecke, streicheln die gelesenen Worte über meine Seele, spülen in mir die richtigen Kanäle frei und lassen so die Emotionen hemmungslos fließen. Ich lache und weine gleichzeitig, tauche am Ende der Lektüre befreit wieder auf und bin gestärkt für die weiteren Anforderungen, die das Leben mir stellt.

Ja, ein solches Buch gibt es für mich! Im Rahmen meiner Geburtstags-Aktion [Die Bücher meines Lebens] im letzten Jahr habe ich sehr ausführlich berichtet, warum dieser Roman mich immer wieder berührt: Mein persönliches „Comfort“-Buch ist Drei Männer im Schnee von Erich Kästner.

Ich bin sehr dankbar, dass es schon immer und in jeder Kultur so viele außergewöhnliche Autorinnen und Autoren gab, die überreich mit Talent gesegnet waren und uns großzügig mit den Resultaten ihres Talents beschenkten. Und ich bin dankbar, dass wir in einer Zeit leben, in der es möglich ist, die Talente anderer Kulturen für sich zu entdecken, um so über Grenzen und Sprachbarrieren hinweg das persönliche und einzigartige „Comfort“-Buch für sich aufzustöbern.

Die Welt ist so bunt: Es lebe die Vielfalt!

…und mögt Ihr mir Euer „Comfort“-Buch verraten???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Traudl Bünger – The Queen of Crime: Agatha Christie (Hörbuch)

Agatha Christie hat zu Lebzeiten tunlichst vermieden, ihre beiden beliebten kriminalistischen Spürnasen Miss Marple und Hercule Poirot gemeinsam ermitteln zu lassen, und tat gut daran: Bei den sehr unterschiedlichen Herangehensweisen und Ermittlungsmethoden der Beiden wäre womöglich ein erbitterter Konkurrenzkampf unumgänglich gewesen.

Erst Traudel Bünger, Autorin und bis 2018 als Programleitung des Literaturfestivals lit.COLOGNE tätig, wagte es, diese „heilige Kuh“ zu schlachten: Mit „The Queen of Crime: Agatha Christie“ lässt sie diese außergewöhnlichen Charaktere aufeinandertreffen. Mit Jürgen Tarrach als herrlich snobistischer Poirot mit französischen Akzent und Monica Bleibtreu als pfiffig-resolute Miss Marple mit Herz am rechten Fleck standen ihr zwei Vollblut-Akteure zur Verfügung.

Am 3. Dezember 1926 verschwand die damals 36-jährige Agatha Christie auf mysteriöse Weise, tauchte erst 11 Tage später wieder auf und machte aus diesem Umstand stets ein Geheimnis. Nach eigener Aussage war für Traudel Bünger, die „das Leben einer Kriminalschriftstellerin in einem literarischen Bühnenprogram erzählen will, ein solches Geheimnis ein Geschenk“. Und so nehmen Poirot & Marple alias Tarrach & Bleibtreu die Ermittlungen auf und liefern sich so einen verbalen Schlagabtausch auf Augenhöhe. Während Poirot die Tatsachen systematisch anhand der Chronologie der Ereignisse dem Publikum darlegt, unterbricht Marple ihn immer wieder, um anhand von Anekdoten aus ihrem Dorf St. Mary Mead die mitfühlende (zwischen-)menschliche Komponente nicht zu vernachlässigen. So stricken sie gemeinsam geschickt ein feines Netz der damaligen Ereignisse aus den wenigen bekannten Fakten, Zeitungsartikeln und Interviews von Agathas erstem Ehemann Archibald Christie und analysieren gemeinsam das Verhalten der beteiligten Personen.

Überzeugend arbeitet Traudel Bünger die sehr unterschiedlichen Methoden dieser gewieften Ermittler heraus: Während Poirot seine kleinen grauen Zellen sehr rational einsetzt und die reinen, unverfälschten Fakten berücksichtigt, achtet Miss Marple – sozusagen von Frau zu Frau – auf die Kleinigkeiten im Verhalten und auf Veränderungen im Auftreten von Mrs. Christie. Dabei diskutieren die Schöpfungen durchaus konträr über ihre Schöpferin.

So wagen sie eine Einschätzung, in wieweit die Geschehnisse im Dezember 1926 Einfluss auf die darauf folgenden Werke der Autorin Christie hatten. Auch werden sowohl ihr weiterer Lebensweg wie auch ihre Karriere pointiert beleuchtet: Scheidung vom ersten (untreuen) Ehemann, Reisen mit dem Orient-Express und in den Nahen Osten, Heirat mit dem 14 Jahre jüngeren Archäologen Max Mallowan, weltweite Erfolge als Autorin von Romanen und Bühnenstücke („Die Mausefalle“ wird seit dem Jahre 1952 ohne Unterbrechung in London aufgeführt), von der UNESCO zur erfolgreichsten britischen Schriftstellerin gekürt. Dabei wird deutlich, dass Agatha Christie zu ihrer Zeit schon eine sehr unkonventionelle Frau mit Humor war. So äußerte sie sich zu ihrer Ehe mit einem jüngeren Mann „Heiraten sie einen Archäologen: Je älter sie werden, desto interessanter findet er sie!“ Als sie am 12. Januar 1976 verstarb, zollte ihr die Theaterwelt von London Tribut: Von 22.00 bis 23.00 Uhr wurde das Westend dunkel und trauerte um die „Queen of Crime“.

Doch das Rätsel um die Geschehnisse im Dezember 1926 bleibt unaufgeklärt: Christie gab hierzu nur ein einziges Interview, dass so gut wie nichts zur Klärung beitrug, danach herrschte Schweigen…!

Aber Hercule Poirot und Miss Marple wären nicht DIE exzellenten Kriminologen, wenn sie nicht auch hierfür mit einer jeweils sehr persönlichen Lösung des Falls – jede/r im ganz eigenem Stil – glänzen würden. Und die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte…!

Die 78 Minuten dieses Live-Mitschnitts der lit.COLOGNE aus dem Jahre 2009 vergingen wie im Flug: Neben dem gelungenem Buch von Traudel Bünger ist dies in erster Linie den beiden vortrefflichen Darstellern Monica Bleibtreu und Jürgen Tarrach zu verdanken: Mit Charme und Humor hauchten sie ihren Charakteren Leben ein. Einziger (wirklich nur klitzekleiner) Wehrmutstropfen an dieser Einspielung ist der Umstand, dass der Zuhörer ihrer Performance hin und wieder die Lesung anmerkt, d.h. einige Dialoge wirken eher abgelesen als „frei“ interpretiert. Dafür lebt diese Aufnahme umso mehr von der Live-Atmosphäre mit den Reaktionen des Publikums.


erschienen bei Random House Audio/ ISBN: 978-3837104134

Heute ist WELTTAG des BUCHES

„Ein Buch (lateinisch liber) ist nach traditionellem Verständnis eine Sammlung von bedruckten, beschriebenen, bemalten oder auch leeren Blättern aus Papier oder anderen geeigneten Materialien, die mit einer Bindung und meistens auch mit einem Bucheinband (Umschlag) versehen ist. Laut UNESCO-Definition sind (für Statistiken) Bücher nichtperiodische Publikationen mit einem Umfang von 49 Seiten oder mehr.

Zudem werden einzelne Werke oder große Text­abschnitte, die in sich abgeschlossen sind, als Buch bezeichnet, insbesondere wenn sie Teil eines Bandes sind. Das ist vor allem bei antiken Werken, die aus zusammengehörigen Büchersammlungen bestehen, der Fall – Beispiele hierfür sind die Bibel und andere normative religiöse Heilige Schriften, die Aeneis sowie diverse antike und mittelalterliche Geschichtswerke.

Das Buch ist ein Kulturprodukt, das die Überwindung der Illiteralität zur Voraussetzung hat und die Entwicklung der geschriebenen Sprache zur Grundlage nimmt. Seine Verwendung als kommunikatives Mittel setzt eine Schreibkompetenz bzw. Drucktechnik und Lesefähigkeit voraus.

Quelle: Wikipedia

Wow! Und ich Dussel habe das Buch einfach immer nur aufgeschlagen und gelesen…!

Liebes Buch!

Herzlichen Glückwunsch zum Welttag!


MONTAGSFRAGE #78: Lest ihr außer Bücher auch andere Medien (Zeitungen & Co.) regelmäßig?

Bei der heutigen Montagsfrage dreht es sich nur bedingt um Literatur: Vielmehr geht es um Presse-Erzeugnisse, die mir neben der Literatur noch so „schwarz auf weiß“ vor die Augen kommen – und zwar regelmäßig: Damit fallen alle Klatschblätter, die mir beim Friseur oder im ärztlichen Wartezimmer zwischen die Finger kommen „könnten“ (!), schon mal weg. Beim Friseur muss ich glücklicherweise nie lange warten, und beim Arzt habe ich immer ein Buch dabei und oute mich so zwischen all den Handy-Glotzern als literarisch-versnobter Außenseiter.

Und doch gibt es ein paar Presse-Erzeugnisse, die ihren Weg in unser Haus finden und nach der Lektüre dort verbleiben, weitergereicht oder entsorgt werden.

Gern werfe ich einen Blick in unser täglich erscheinendes Lokalzeitung Osterholzer-Kreisblatt, das von uns Einheimischen auch gerne liebevoll „Käseblatt“ genannt wird. Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, Stellen- und Todesanzeigen werden von mir mit großem Interesse gelesen. Schließlich fühle ich mich mit meiner Heimatstadt verbunden und möchte über die dortigen Entwicklungen informiert sein. Einzig der Sportteil buhlt völlig vergeblich um meine Aufmerksamkeit. Sollte das Blatt nach der Lektüre nicht als Unterlage für Bastelarbeiten oder zur Auspolsterung von Paketen dienen, wandert es ganz unprätentiös in die blaue Tonne.

Die Aufgaben in unsere Beziehung sind klar definiert: Während mein Mann für das Kochen und Backen zuständig ist und in diesem Bereich zwei Abonnements sein Eigen nennt, die ihn mit vielen kulinarischen Ideen versorgen, bin ich die selbsternannte Deko-Queen und für das Ambiente und die Gemütlichkeit in unserem Heim zuständig. Früher kamen die Inspirationen per Abo ins Haus, heute entscheide ich am Kiosk nach Lust und Laune, welche Zeitschrift sich mit mir auf den Weg nach Hause machen darf. Da diese Zeitschriften in der Anschaffung nicht unbedingt günstig und zum bloßen Wegwerfen viel zu schade sind, wandern die „ausgelesenen“ Exemplare weiter zu zwei Freundinnen und sorgen dann dort für Unterhaltung und Inspiration.

Im Jahre 1988 saß ich im Theater am Goetheplatz in Bremen und sah nicht nur meine erste „My Fair Lady“ sondern mein erstes Musical überhaupt: Es war um mich geschehen! Diese Symbiose aus Text, Tanz, Schauspiel, Gesang und Musik war für mich unwiderstehlich und ist es bis zum heutigen Tage geblieben. Erst ein paar Jahre nach meiner „Infizierung“ entdeckte ich, dass ich meiner Leidenschaft auch regelmäßig in gedruckter Form frönen kann: Seit dem Heft Nr. 31 von Oktober/November 1991 kommt die Fachzeitschrift musicals: Das Musicalmagazin (damals noch unter dem Titel „Das Musical“) im Abonnement zu mir nach Hause. Dies ist das einzige Magazin, in dem ich wirklich jeden Bericht lese, und das unser Haus nicht wieder verlässt sondern archiviert wird.

…und was haltet Ihr Euch vor die Nase: Tageszeitung, Fachzeitschrift oder Klatschblatt???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.