[Kulturtipps] September/ Oktober 2022…

Hurra! Das Ende des Sommerlochs ist abzusehen! Wenn ich am 3. September zur Eröffnungsgala wieder die heiligen Hallen des Stadttheaters Bremerhaven betrete, dann läute ich nicht nur offiziell die Saison 2022/2023 für mich ein – Nein! – ich habe dann auch die entbehrungsreiche Zeit ohne Kultur von 2 ½ Monaten tapfer überstanden.

Ein wenig Trost fand ich Anfang Juli als ich Post vom Stadttheater Bremerhaven erhielt und mich so meine Abo-Karten für die kommende Saison erreichten. Somit sind sechs Termine schon fest verplant. Diese werden ich selbstverständlich durch eine Vielzahl an weiteren Events komplementiert. Eines dieser Events wird am 17. September das Konzert von Gayle Tufts im Theater am Goetheplatz in Bremen sein – für uns sozusagen eine wunderbare Einstimmung auf die Rolle, die sie ab November im Musical „Hello, Dolly!“ an eben diesem Theater verkörpern wird.

Aber auch die Buchhandlung meines Vertrauens lockt mit interessanten Lesungen: Hier ist am 21. September niemand geringerer als Alex Capus zu Gast. Aber auch für die weiteren angekündigten Lesungen lohnt sich ebenso ein detaillierter Blick, wie auch auf die Spielpläne der Bühnen abseits der großen Häuser. Gerade diese kleinen und kleinsten Bühnen (wie z. Bsp. das piccolo teatro Haventheater in Bremerhaven oder das Schnürschuh Theater in Bremen) bringen oftmals außergewöhnlich kantige aber nicht weniger unterhaltsame Stücke auf die Bretter. Apropos: Auch unser Tio – Theater in OHZ geht wieder an den Start mit der Bühnenfassung eines Dora Heldt-Romans.

Doch auch das Feiern wird bei mir nicht zu kurz kommen: Ende September findet endlich wieder der beliebte Herbstmarkt in Osterholz-Scharmbeck statt, auf den ich mich schon sehr freue! 😄


AUSSTELLUNG

  • 4. September – Vernissage Tri Atma mit Malereien von Elke Paul & Martin Koroscha und Skulpturen von Sarah Hillebrecht / Kunstverein Osterholz in Osterholz-Scharmbeck
  • 9. Oktober – Vernissage 2 Werkreihen von Gunter Wagner / Kunstverein Osterholz in Osterholz-Scharmbeck

BALLETT

  • 18. Oktober – Kostprobe (Eintritt frei) Dornröschen von Alfonso Palencia / Stadttheater Bremerhaven
  • 22. Oktober – Premiere Dornröschen von Alfonso Palencia / Stadttheater Bremerhaven

FESTE, MESSEN & ARTVERWANDTES


FÜHRUNGEN


KOMÖDIE / LUSTSPIEL

  • 3. September – Premiere Raucher-Nichtraucher von Alan Ayckbourn / piccolo teatro Haventheater in Bremerhaven
  • 9. September – Kostprobe (Eintritt frei) Der Messias von Patrick Barlow  / Stadttheater Bremerhaven
  • 16. September – Premiere Der Messias von Patrick Barlow  / Stadttheater Bremerhaven
  • 15. Oktober – Dat Hörrohr von Karl Bunje / Gastspiel des Ohnsorg Theaters Hamburg / Stadthalle Osterholz-Scharmbeck
  • 15. Oktober – Premiere Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt nach einem Roman von Dora Heldt / TiO – Theater in OHZ, Osterholz-Scharmbeck

KONZERT / GALA


LESUNG, LITERATUR & ARTVERWANDTES


OPER

  • 13. September – Kostprobe (Eintritt frei) Macbeth von Giuseppe Verdi / Stadttheater Bremerhaven
  • 17. September – Premiere Macbeth von Giuseppe Verdi / Stadttheater Bremerhaven
  • 18. September – Premiere Don Carlo von Giuseppe Verdi / Theater am Goetheplatz in Bremen

SCHAUSPIEL


Nanu! Ein Buch-Blogger gibt Kulturtipps! Wie kommt denn das? Die Antwort findet Ihr unter Der Anfang…!

Berücksichtigung finden natürlich hauptsächlich Veranstaltungen in meinem näheren Umfeld. Aber ich bin mir sicher, dass auch in Eurer Nähe viele spannende Veranstaltungen auf Euch warten!

Bitte beachten: Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr! Aufgrund der Corona-Pandemie kann es kurzfristig zu Änderungen kommen: Für aktuelle Infos wendet Euch bitte direkt an die Veranstalter!

[Rezension] Agatha Christie – Alter schützt vor Scharfsinn nicht. Ein Fall für Tommy und Tuppence

Tommy und Tuppence Beresford sehnen sich nach einem ruhigen Plätzchen, wo sie sich nach all den aufregenden Jahren, in denen sie für den Secret Service gearbeitet haben, entspannt zurückziehen und ihren verdienten Lebensabend genießen können. Das kleine Cottage mit Namen „Lorbeerhaus“ scheint dafür wie geschaffen. Neben einigen Möbeln blieb auch eine große Anzahl an Büchern von den div. Vorbesitzern zurück. So stürzt sich Tuppence voller Begeisterung in die Sichtung und Sortierung der literarischen Schätze und schwelgt dabei in Erinnerungen an vergangene Lesefreuden. Doch in einer alten Ausgabe von Robert Louis Stevensons „Der schwarze Pfeil“ erregen plötzlich einzelne rot unterstrichene Buchstaben ihre Aufmerksamkeit. Akribisch blättert sie Seite für Seite weiter und reiht Buchstabe für Buchstabe aneinander…

M-a-r-y J-o-r-d-a-n i-s-t k-e-i-n-e-s n-a-t-ü-r-l-i-c-h-e-n T-o-d-e-s g-e-s-t-o-r-b-e-n
E-s w-a-r e-i-n-e-r v-o-n u-n-s

…lautet die geheimnisvolle Nachricht, die – laut Signatur auf der ersten Seite – der junge Alexander Parkinson wahrscheinlich schon vor Jahrzehnten in diesem alten Buch versteckt hatte. Tuppence wäre nicht sie selbst, wenn dies nicht Ihre Neugier wecken würde. Sie brennt darauf, Ermittlungen anzustellen und in die Vergangenheit des Hauses und seiner ehemaligen Bewohner einzutauchen. Tommy reagiert da deutlich reservierter. Erst als er bei einem Spaziergang über dem örtlichen Friedhof zufällig über den Grabstein von Alexander Parkinson stolpert und so erfährt, dass der Junge schon im zarten Alter von 14 Jahren verstorben ist, regen sich bei ihm Zweifel. Gemeinsam reaktivieren sie ihre Spürnasen und versuchen die geheimnisvollen Umstände von Mary Jordans Tod aufzudecken. Ein Umstand, der anscheinend von einigen Bewohnern im Dorf nicht gerne gesehen wird…!

Jaja, das Alter macht auch vor unseren „Partners in Crime“ nicht halt: Unsere Helden haben nun schon das Pensionsalter erreicht, und mit ihnen gemeinsam ist auch ihre Schöpferin gealtert. Im Jahr der Veröffentlichung (1973) war Mrs. Christie schließlich auch schon stolze 83 Jahre alt. In diesem Alter ist verständlicherweise kein Mensch mehr auf der Höhe seiner Schaffensphase, und dies merkt man diesem Roman leider auch an.

Irgendwie plätscherte die Handlung nur so vor sich hin. Mir schien es, als würde der Roman mit belanglosen Dialogen und dem Einführen von Personen, die für den Fortlauf der Handlung gänzlich unerheblich waren, nur künstlich aufgebläht. So war für mich bedauerlicherweise ein Spannungsaufbau ebenso kaum wahrnehmbar wie der Humor in der Charakterisierung der Personen.

Zum ersten Mal ertappte ich mich bei dem Gedanken, einen Christie-Krimi unbeendet zur Seite zu legen – ein Umstand, den ich als Fan nie für möglich gehalten hätte.

Doch dann überraschte Mrs. Christie mich mit Passagen, wo ihre alte Brillanz wieder zutage kam, sie mich mit geschliffenen Dialogen erfreute, oder ich gebannt ihren Ausführungen zum damaligen Zeitgeschehen folgte. Das Füllen der Lücken zwischen diesen Passagen würde ich wohlwollend als routiniert aber wenig inspiriert bezeichnen.

Bei diesem Spätwerk vermisste ich schmerzlich den Glanz ihrer vergangenen Romane. Doch ich kann ihr dies großmütig verzeihen: Werden wir nicht alle älter? Müssen wir uns mit dem Alter nicht alle von Fähigkeiten verabschieden? Doch ich hege die Hoffnung, dass ich dann imstande sein werde, dem eigenen Lebensabend weise und voller Gelassenheit entgegenzusehen…

…ebenso wie die Helden dieses Romans, die „Partners in Crime“ Tommy und Tuppence!


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455014617

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Heinrich Mann – Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen/ mit Illustrationen von Martin Stark

Da er Raat hieß, nannte die ganze Schule ihn Unrat. Nichts konnte einfacher und natürlicher sein. Der oder jener Professor wechselten zuweilen ihr Pseudonym. […] Unrat aber trug den seinigen seit vielen Generationen, der ganzen Stadt war er geläufig, seine Kollegen benutzen ihn außerhalb des Gymnasiums und auch drinnen, sobald er den Rücken drehte. […] Man brauchte nur auf dem Schulhof, sobald er vorbeikam, einander zuzuschreien: „Riecht es hier nicht nach Unrat?“ Oder: „Oho! Ich wittere Unrat!“ Und sofort zuckte der Alte heftig mit der Schulter […] und sandte schief aus seinen Brillengläsern einen grünen Blick, den die Schüler falsch nannten und der scheu und rachsüchtig war: der Blick eines Tyrannen mit schlechtem Gewissen, der in den Falten der Mäntel nach Dolchen späht. (Original-Zitat aus dem Roman)

…doch besagter Professor Unrat kann seinen Verleumdern „nichts beweisen“. Diese Schmach nagt an ihm und lässt ihn umso tyrannischer mit seinen Mitmenschen umgehen. Zumal in seinem Weltbild sie alle unwert erscheinen, um von seinem „Spiritus Rector“ zu profitieren. Besonders hat er die Schüler Lohmann, von Ertzum und Kieselack auf den Kieker, deren provokant selbstbewusste Art ihn anwidert und seinen Hass schürt. Zudem hegt er den Verdacht, dass sie die unflätige Verballhornung seines Namens weiter provozieren und sich zudem in zwielichtigen Etablissements aufhalten, um dort die Gesellschaft von unmoralischen Weibsbildern zu suchen. Dies gilt es, erbarmungslos aufzudecken, um die schändlichen Übeltäter von der Schule zu verbannen. So heftet sich der Professor an die Fersen seiner Schüler und landet in der Vergnügungskneipe „Der blaue Engel“, in der die Künstlerin Fröhlich Nacht für Nacht das Publikum in ihren Bann zieht. Unversehens verfällt auch der so tugendhaft erscheinende Professor dem herben Charme der jungen Schönen. Beide gehen eine toxische Verbindung ein: Mit der Liaison mit der Künstlerin Fröhlich verbannte er das von ihm so verhasste Schüler-Trio in seine Schranken. Gleichzeitig nutzt er ihre reizvolle Attraktivität, indem sie ihm Sirenen-gleich seine ehemaligen wie aktuellen Peiniger anlockt, die er dann genüsslich in den finanziellen wie auch gesellschaftlichen Ruin zieht. Die Künstlerin Fröhlich sieht ihre Verbindung deutlich pragmatischer: Für sie bedeutet die Ehe mit dem Professor in erster Linie einen gesellschaftlichen Aufstieg, wirtschaftliche Absicherung und einen Hauch von Ehrbarkeit. Dabei versucht sie verzweifelt die manischen Wutausbrüche ihres Gatten zu zügeln. Doch dessen unberechenbares Temperament machen sie zum Gespött in der ganzen Stadt und reißt schlussendlich beide hinab in den Abgrund…!



In nur wenigen Monaten schrieb Heinrich Mann seinen (späteren) Erfolgsroman, der 1905 veröffentlicht werden sollte. Seine Kritik an der damaligen Gesellschaft, die ein scheinheilig-biederes Bürgertum propagierte aber dieses gleichzeitig nicht glaubwürdig zelebrierte, fand nicht die ungeteilte Begeisterung der Leserschaft. Vielmehr hielt der Autor den Leser*innen einen Spiegel vor, der höchst unvorteilhaft das eigene Denken und Handeln offenbarte. Fleiß, Zucht und Ordnung galten als erstrebenswerte Tugenden, die nur von den wenigsten Bürgerinnen und Bürgern erreicht werden konnten. Mehrheitlich wurde verlogen versucht, den Schein zu wahren, und mit Erleichterung auf potenzielle Übeltätet mit dem Finger gezeigt, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken.

Mann beschreibt sehr eindringlich den Untergang eines von seinen Mitmenschen verspotteten Spießbürgers, der sich moralisch über alle/s stellt, dennoch leidenschaftlich den Reizen eines leichten Frauenzimmers verfällt und somit seine gesellschaftliche Stellung verspielt. Während er seine Protagonist*innen in den Dialogen an den Konventionen des Bürgertums festhalten lässt, offenbart er in den inneren Monologen die wirkliche Meinung der Figuren. Und gerade diese inneren Monologe erzeugen eine vibrierende Dynamik in der Geschichte: Als Leser fühlte ich mich wie durch einen Sog in die Geschichte hineingezogen. Seite für Seite bäumt sich die Handlung immer weiter hinauf in die Höhe, um dann am Ende – beinah unspektakulär – in sich zusammenzufallen.

Manns Sprache mutet charmant altmodisch an und spiegelt deutlich den Duktus des wilhelminischen Kaiserreichs wider. Er verwendet Satzkonstellationen, die beim Lesen aufmerken lassen, und verwendet Worte an Stellen, die für unser heutiges Empfinden ungewohnt erscheinen.

Die Büchergilde Gutenberg hat ein untrügliches Händchen, um für ihre illustrierten Bücher die passenden Künstler*innen zu finden. In diesem Fall nahm sich Martin Stark der Geschichte an – anfangs eher widerwillig, wie er in einem Nachwort verrät. Bei der Darstellung der Figuren nimmt er die Beschreibungen Manns ernst und schafft so eine satirische Überhöhung. Wie vom Künstler gewollt, fühlte ich mich beim Anblick der Bilder an die Ästhetik alter Stummfilmklassiker des deutschen Filmexpressionismus erinnert. Martin Stark kreierte so Illustrationen, die, trotz ihrer Gradlinigkeit, sehr lebendig, beinah pulsierend wirken.

Mit der Figur des Professor Unrats schuf Heinrich Mann einen Prototyp des Tyrannen, der unbarmherzig, menschenverachtend und ohne Mitgefühl agiert, dessen Untergang allerdings vorbestimmt scheint. Sein Roman ist für mich ein Paradebeispiel für Gesellschaftskritik in der Literatur, die so versuchte, Einfluss auf politische Situationen zu nehmen.


erschienen bei Büchergilde Gutenberg/ ISBN: 978-3763272594

ebenfalls erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3499100352, Anaconda/ ISBN: 978-3730609859 und Reclam/ ISBN: 978-3150206645 (alle ohne Illustrationen)

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – SOZUSAGEN IN DER FREMDE

Er saß in der großen Stadt Berlin
an einem kleinen Tisch.
Die Stadt war groß, auch ohne ihn.
Er war nicht nötig, wie es schien.
Und rund um ihn war Plüsch.

Die Leute saßen zum Greifen nah,
und er war doch allein.
Und in dem Spiegel, in den er sah,
saßen sie alle noch einmal da,
als müsste das so sein.

Der Saal war blaß vor lauter Licht.
Es roch nach Parfüm und Gebäck.
Er blickte ernst von Gesicht zu Gesicht.
Was er da sah, gefiel ihm nicht.
Er schaute traurig weg.

Er strich das weiße Tischtuch glatt
und blickte in das Glas.
Fast hatte er das Leben satt.
Was wollte er in dieser Stadt,
in der er einsam saß?

Da stand er, in der Stadt Berlin,
auf von dem kleinen Tisch.
Keiner der Menschen kannte ihn.
Da fing er an, den Hut zu ziehn!
Not macht erfinderisch.

Erich Kästner

[Rezension] Erich Kästner – Gesang zwischen den Stühlen. Gedichte

Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken.

Mit „Was auch geschieht!“ beginnt Kästners Gedichtband, der erstmals im Jahre 1932 erschien: Sein „Gesang zwischen den Stühlen“ könnte auch als Gesang zwischen zwei Weltkriegen, zwischen zwei Gesellschaftsformen, zwischen dem Tanz auf dem Vulkan und dem Schwimmen gegen die brauen Flut, zwischen zwei Leben eines Literaten verstanden werden.

Kästner spielt mit dem Versmaß und variiert mit der Länge der Gedichte. Thematisch deckt er eine große Bandbreite ab und reimt über alltägliches, politisches, philosophisches wie auch persönliches. Teilweise deutet er seine Meinung nur an und versteckt die Kritik hinter Verse, die scheinbar unbedeutende Normen beschreiben, die gesellschaftlich akzeptiert und somit wenig hinterfragt werden. Kästner hinterfragt: Feingeistig, ironisch und gesellschafts-kritisch legt er die Schwachpunkte offen.

So hinterfragt er z. Bsp. im Gedicht „Brief an meinen Sohn“ die klassische Rollenverteilung in der Erziehung. In „Das Riesenspielzeug“ weist er auf die damalige hohe Zahl von jugendlichen Erwerbslosen hin, die ohne Perspektive nur allzu empfänglich für den Lockruf der Nazis waren. Im Gegenzug wechselt er in „Ein Quartaner denkt beim Anblick des Lehrers“ die Sichtweise: Wie kann ein Lehrer ein gutes Vorbild sein, wenn der Schüler, den er auf das Leben vorbereiten soll, gesellschaftlich über ihm steht und dessen Summe an Taschengeld höher ist als das Salaire des Lehrers?

In „Sozusagen in der Fremde“ beschreibt er mit bitterem Ton die Vereinsamung des Einzelnen, obwohl dieser von Menschenmassen umringt scheint. Bei „Die deutsche Einheitspartei“ führt er die Daseinsberechtigung eben dieser ad absurdum, indem er das Widersinnige und die Sinnlosigkeit bloßlegt. Mit „Das ohnmächtige Zwiegespräch“ wirft der Autor einen beängstigenden Blick in die nahende Zukunft und beendet hiermit diese Vers-Sammlung von insgesamt 47 Gedichten.

Und je mehr ich Gedicht für Gedicht lese, je mehr ich mich in Kästners Prosa vertiefe, umso mehr verdichtet sich in mir der Verdacht, dass es sich hier weniger um einen volltönenden, schönstimmigen Gesang (wie der Titel fälschlicherweise versprechen könnte) handelt. Vielmehr versteckt sich hinter Kästners Versen ein zwar scharfzüngiger aber auch tottrauriger Ab-Gesang, der ein Ausblick gab auf die folgenden Jahre, die alles verändern sollten.

Und so bitter seine Verse auch klingen mögen, so brutal er den literarischen Finger auf die offenen Wunden der Gesellschaft legt, so blickt er mit einer melancholischen Heiterkeit doch auch voller Verständnis auf die Menschheit.

Denn schließlich war er ja einer von ihnen: ein Mensch unter Menschen…!


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3038820116