[Rezension] Michael Bienert – Kästners Berlin: Literarische Schauplätze

Michael Bienert ist der absolute Kenner für das literarische Berlin: Neben seiner Tätigkeit als Kulturjournalist fungiert er im realen Leben ebenso wie zwischen zwei Buchdeckeln als versierter literarischer Stadtführer (www.text-der-stadt.de). Der interessierte Leser kann sich gemeinsam mit ihm auf Spurensuche begeben und je nach persönlichem Gusto einen Blick auf die literarischen Schauplätze von Bertolt Brecht, Alfred Döblin, E.T.A. Hoffmann oder Erich Kästner werfen.

Bienert folgt sehr akribisch aber nicht detailversessen dem großen Literaten auf seinen Wegen durch das Berlin zwischen den Jahren 1927 und dessen Tod. Dabei unterteilt er die Kapitel klug in Lebensphasen und Schaffensperioden ein. In den Lebensphasen Kästners begleiten wir ihn durch das pulsierende kulturelle Berlin der Vorkriegsjahre, besuchen mit ihm Kabaretts, Cafés und Theater und machen einen Abstecher ins Zeitungsviertel. Die Kriegsjahre engen den Freigeist nicht nur in seiner Kreativität ein. Auch geografisch wird Kästners Radius enger. Sowohl die Bücherverbrennung als auch die Reichspogromnacht erlebte er hautnah mit. Persönliche Repressalien durch die Gestapo veranlassten ihn, sich zunehmend zwischen den schützenden Wänden seiner Wohnung zurückzuziehen, da er sich nur hier wirklich sicher fühlte. Nach dem Krieg zog Kästner nach München, fühlte sich Berlin dank Familie und Freunden weiterhin verbunden.

Auch Kästners Figuren flanieren durch die Straßen der Weltmetropole: Emil und die Detektive scheuchen uns quer durch Berlin auf der Suche nach einem üblen Dieb. Pünktchen und Anton geben uns einen Einblick sowohl ins noble Villenviertel als auch in die zwielichtige Gegend rund um die Weidendammer Brücke. Seine Romanfigur Jakob Fabian lässt er plan- und ziellos durch das dekadente und verruchte Wedding treiben.

 

Anhand von historischen Straßenkarten mit detaillierten Ortsangaben kann ich als Leser den jeweiligen „Spaziergängen“ folgen und gemeinsam mit dem Autor und seinen Geschöpfen durch das frühere Berlin schlendern. Die Atmosphäre der damaligen Stadt wird durch zeitgenössische Dokumente, Fotografien und Postkarten heraufbeschworen. Demgegenüber vermitteln die aktuellen Fotos der Straßen und Orte einen guten Eindruck über die Veränderungen, die eine Stadt zwangsläufig über die Jahre bzw. Jahrzehnte durchlebt.

Michael Bienert überzeugt in jedem Kapitel mit fundierten Kenntnissen über das Leben und Wirken Erich Kästners. Doch auch der große Literat kommt hier selbst zu Wort und liefert uns in Anekdoten, Zitaten, Tagebucheintragungen und Artikeln seine persönliche Sicht auf „sein“ Berlin.

Die Fülle an Informationen wird komplementiert sowohl durch Anmerkungen von Bienert zu den jeweiligen Kapiteln als auch um ein Adressbuch „Kästners Berlin von A bis Z“, das trotz seines Umfangs keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt: Kästner war ein sehr umtriebiger Mensch, der Kontakte quer durch die Stadt pflegte. Wer kann da schon genau sagen, wo er sich überall „rumgetrieben“ hatte.

Michael Bienerts vorliegendes Werk über Erich Kästner nötigt mir Respekt ab. So schafft der Autor den schwierigen Spagat zwischen Sachbuch, Bildband und Zitaten-Sammlung äußerst informativ und unterhaltsam.


erschienen bei Verlag für Berlin-Brandenburg/ ISBN: 978-3945256008

[Kulturtipps] August 2020…

Vor wenigen Tagen erhielt ich Post vom Stadttheater Bremerhaven, mit der uns die ersten Eintrittskarten für unser Abonnement der Spielzeit 2020/21 zugesandt wurden. Im Rahmen der Corona-Vorschriften kann das Stadttheater Bremerhaven nur 186 von 685 Plätzen im Großen Haus für die Besucher frei geben. Zwangsläufig könnte dies bedeuten, dass wir weder unsere bekannten Plätze haben, noch das die Vorstellungen unbedingt immer am geplanten Termin stattfinden. Um trotzdem möglichst allen Wünschen gerecht zu werden, wurde die Anzahle der Vorstellungen erhöht.

In diesem Schreiben wurden wir auch über die geltenden Regeln während des Theaterbesuches informiert:

  • Einlass 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn
  • Tragen von Mund-Nasen-Schutz beim Einlass bis zum Beginn der Vorstellung und nach Ende der Vorstellung bis Verlassen des Theaters
  • Husten- und Niesetikette ist zu beachten
  • Garderobe wird in den Saal genommen und auf die nichtbesetzten Plätze abgelegt
  • Keine Pause und keine Pausenbewirtung
  • Aufgrund der Abstandregelung dürfen nur die zugewiesenen Sitzplätze genutzt werde

Noch während ich dies las, schossen mir die Tränen in die Augen: Ich konnte es mir nicht erklären, doch irgendwie spürte ich so etwas wie Trauer und Wehmut. Ein Gefühl von Resignation machte sich kurzfristig in mir breit, und ich dachte „Lohnt es sich unter diesen Bedingungen überhaupt noch ins Theater zu gehen?“. Kaum war dieser Gedanke gedacht, schämte ich mich dafür auch schon. Viele, viele Menschen versuchen mit großem Aufwand und unter einer mir erdrückend erscheinenden Last an Vorgaben den Kulturbetrieb wieder in Schwung zu bringen, und ich heule, weil ich mich ein wenig in meiner Komfort-Zone eingeschränkt fühle. Ich schluckte mein Selbstmitleid hinunter und sagte zu mir selbst „Nee, so nicht! Im Gegenteil: Jetzt erst recht!“.

Jetzt erst recht! – Bitte handelt ebenso! Dank der Kreativität der Kulturschaffenden gibt es für uns schon wieder Kultur zu genießen. Beispiele gefällig? Hier kommen sie: Das Metropol-Theater in Bremen, das normalerweise große Konzert- und Theaterproduktionen beherbergt, öffnet seine Türen für eine halb-szenische Lesung mit Schauspieler*innen der verschiedenen Theater in Bremen und der freien Kulturszene. Bei einem Konzert des Bremer Kaffeehausorchesters auf dem Balkon des Veranstaltungszentums Ritterhude saß das Publikum auf eigenen Stühlen auf dem Parkplatz. Die Kreismusikschule veranstaltet ein Konzert im Park von Gut Sandbeck in Osterholz-Scharmbeck und lädt ihre Besucher ein, sich alle Zutaten für ein gemütliches Picknick mitzubringen.

Jetzt erst recht! – Bitte haltet die Augen offen! Ich bin mir sicher, dass auch in Eurer Nähe vieles passiert. Manchmal passiert es eher kurzfristig, darum seid spontan und traut Euch. Was habt Ihr zu verlieren? Vielleicht ein wenig Zeit? Vielleicht ein wenig Eintrittsgeld? Doch wenn wir jetzt nicht aufpassen, verlieren wir noch so viel mehr: Wir verlieren einen Teil unserer auf- und anregenden, erheiternden und berührenden kulturellen Vielfalt!

Ohne diese kulturelle Vielfalt wäre unser Leben weniger bunt!

Jetzt erst recht! ☀️


Nanu! Ein Buch-Blogger gibt Kulturtipps! Wie kommt denn das? Die Antwort findet Ihr unter Der Anfang…!

Berücksichtigung finden natürlich hauptsächlich Veranstaltungen in meinem näheren Umfeld. Aber ich bin mir sicher, dass auch in Eurer Nähe viele spannende Veranstaltungen auf Euch warten!

Kleingedrucktes: Die Kulturtipps eines Monats erscheinen in der Mitte des Vor-Monats. Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr!

MONTAGSFRAGE #89: Welche Tipps würdet ihr jungen (Literatur/Buch-)Bloggern geben?

Kennt Ihr eigentlich schon meinen MONTAGSFRAGE-Schrei? Lang, lang ist es her, dass eine Frage von Antonia mich zum besagten Schrei animiert hat. Das letzte Mal entlockte mir die MONTAGSFRAGE #49 einen ebensolchen. Heute war es nun mal wieder so weit: In der idyllischen Stille meines Wohnumfeldes erschall ohne Vorwarnung ein Schrei, der eine Schar zart-gurrender Tauben aufscheuchte, über den Gartenzaun plaudernde Nachbarinnen verstummen lies und meinen Kater von seinem Lieblingsschlummerplatz verschreckte. Ach menno, Antonia, was soll denn das? Zur Beantwortung dieser Frage müsste ich ja so richtig überlegen, womöglich sogar mit dem Kopf! Aber, na gut, wenn’s denn sein soll…!

Als bei mir vor einigen Jahren der Wunsch aufkeimte, meine Liebe zum Buch und zum Lesen nicht nur weiterhin für mich allein im stillen Kämmerlein zu frönen, begab ich mich erstmal auf die Suche nach einem für mich geeigneten Medium. Bei der Auswahl war mir wichtig, dass ich dieses Medium auch im Rahmen meiner Möglichkeiten bedienen kann. Youtube kam nicht in Frage, da ich nicht permanent irgendwelche Filmchen drehen wollte. Instagram kam nicht in Frage, da ich kein Handy besitze, und die Präsentations-Möglichkeiten eher überschaubar schienen. Meine ersten tapsigen Blogger-Schritte machte ich dann auf Facebook und stellte ernüchternd fest, dass ich mich mit einem Blog dort nicht wohl fühlte. So bin ich bei WordPress gelandet und der Rest ist – wie man so schön sagt – Geschichte! Lange Rede, kurzer Sinn: Sucht Euch ein Medium, dass Euch und Eurem Vorhaben/ Euren Wünschen entspricht!

Dann habe ich mir ganz viele andere Literatur/Buch-Blogs angesehen: Vieles fand ich gut, einiges fand ich weniger gut. Doch dank dieser Recherche wurde mir schnell klar, was mir nicht gefiel und wie mein Blog nicht sein sollte. Über diesen Umweg entstand bei mir recht schnell das Bild meines persönlichen Buch-Blogs vor meinem inneren Auge: Ich entschied mich für die Optik und etablierte die ersten Rubriken.

Im ersten ¾ Jahr war mein Blog im „work-in-progress“ und ich in „learning-by-doing“: Ich habe ausprobiert und verworfen, umgestellt und neu-strukturiert, und langsam endwickelte mein Blog sein eigenes Profil und spiegelte mich als Person wieder. Mir war/ist es wichtig, dass die Menschen dort draußen im großen WWW erkennen können, wer hinter .LESELUST steht. Darum grinst Euch auch meine Visage aus dem Header-Bild entgegen. Ebenso wichtig war mir ein klares Erscheinungsbild mit einer ausgesuchten Farbgebung, um einen möglichst großen Wiedererkennungswert zu erreichen. Die Profis nennen es wohl „Corporate Identity“.

Es klingt nun wahnsinnig professionell, was ich definitiv nicht bin: Mein Blog sollte meine Persönlichkeit widerspiegeln – nicht mehr aber auf keinem Fall auch nicht weniger! Zum Glück konnte ich der Versuchung widerstehen, alle Features, die so ein Blog-Portal anbietet, auch auszuprobieren bzw. anzuwenden. Die Bücher und das Lesen sollen definitiv im Mittelpunkt meines Blogs stehen und die Aufmerksamkeit der Leser*innen auf sich ziehen und nicht irgendwelche blinkenden „Special-Effects“.

Zudem musste ich mich in meinem überschwänglichen Enthusiasmus auch stark zurück halten: Es gibt so viele wunderbare Literatur/Buch-Blogs, die mir Ansporn und Vorbild sind und mich – gerade am Anfang – unter Stress setzten, es ihnen gleichzutun bzw. sie nachzuahmen. Aber dann wäre mein Blog nur ein billiger Abklatsch eines deutlich besseren Originals geworden. Und wer möchte das schon? Ich ganz bestimmt nicht…!

Dabei spricht nichts dagegen, gute Ideen von Blogger-Kolleg*innen für sich zu adaptieren. Mein Credo lautet „Besser gut geklaut als schlecht selber gemacht!“. Wobei ich immer bemüht bin, die/den Ursprungs-Ideengeber*in mit einer namentlichen Nennung zu würdigen: Das gebietet der Anstand und zeugt von Respekt!

Nun hatte ich meinen wunderbaren eigenen Blog, und „kein Schwein ruft mich an“, will sagen: Kein Mensch hat meine geistigen Ergüsse gelesen. Woher sollte die Welt da draußen auch wissen, dass es einen brillanten neuen Buch-Blog gibt? Also stürzte ich mich in das bunte Treiben der Buch-Blogger-Welt, hinterließ mal hier einen Kommentar, setzte mal dort ein LIKE und machte bei Aktionen wie dieser MONTAGSFRAGE mit. Mein Blog wurde mit der Zeit bekannter, die ersten Follower trudelten ein, und ich lernte ganz tolle Blogger-Kolleg*innen kennen. Dieses Geschenk kann ich nicht hoch genug bewerten: Wir kommunizieren hier auf einem sehr hohen Niveau, müssen dabei zwar nicht immer einer Meinung sein, begegnen uns aber mit einem gehörigen Maß an Wertschätzung. Dafür bin ich sehr dankbar!

Doch so ein Blog soll ja auch über Jahre mit Inhalt gefüttert werden. Bücher müssen gelesen werden, damit anschließend über sie berichtet werden kann. Das Schreiben von längeren Beiträgen, wie Rezensionen oder die Antworten zur MONTAGSFRAGE, bündelt natürlich viel Zeit, die ich gerne erübrige – schließlich ist dieser Blog ja auch mein Hobby – aber hin und wieder fehlt mir aufgrund der Anforderungen des Alltags gerade diese Zeit. So habe ich auf meinem Blog Rubriken etabliert, bei denen das Erstellen der Inhalte deutlich weniger Zeit benötigt, die aber trotzdem meine Liebe zum Lesen und zur Literatur widerspiegeln. Zudem nutze ich einen Jahreskalender, um die Übersicht nicht zu verlieren: Einerseits garantiere ich so beim Erscheinen meiner Beiträge eine gewisse Abwechslung, andererseits kann ich zu gewissen Themen und Rubriken die Beiträge „vor-produzieren“ und entsprechend terminieren. Zudem hilft mir dieser Kalender, nicht in Panik auszubrechen bzw. mich selbst nicht unter Druck zu setzten, nur weil ich das Gefühl habe, ich müsste die fünf vorliegenden Rezensionsexemplare möglichst schnell/ gleichzeitig lesen. Ein Blick auf meinem Kalender verrät mir, wann welches Buch an der Reihe ist. Mein einziger Anspruch dabei: Ich möchte (nach Möglichkeit!) pro Woche eine Buch-Rezension veröffentlichen.

All diese „Werkzeuge“ helfen mir dabei, damit mein Blog mir weiterhin Spaß und Freude bereitet. Stress gibt es so schon zuhauf! 😉

…und welche Tipps habt Ihr so in petto???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Erich Kästner – Sonderbares vom Kurfürstendamm: Berliner Beobachtungen/ herausgegeben von Sylvia List

Berlin und ich: Wir stehen uns sehr zwiespältig gegenüber. Irgendwie wurden wir nie richtig miteinander warm. Bei meinem ersten Besuch der Stadt kurz nach dem Mauerfall schlenderte ich über den Kurfürstendamm und wollte – ganz Touri – einen Blick ins Kaufhaus des Westens werfen. In einem Buchladen am Ku’damm fragte ich die Verkäuferin beim Bezahlen an der Kasse, in welche Richtung ich mich zum KdW wenden müsste. Mich traf ein abschätziger Blick und im breitesten Berlinerisch bekam ich als Antwort „Imma de Menschenmasse nach!“. Berliner Schnauze und Norddeutscher Fischkopp scheinen mir wenig kompatibel.

Doch für viele – besonders den Kunstschaffenden – hat/hatte Berlin eine schier magische Anziehungskraft. So verschlug es auch den aufstrebenden Jungschriftsteller Erich Kästner im Jahre 1927 vom beschaulichen Leipzig in die pulsierende Metropole, und er verdingte sich seine ersten Sporen mit Veröffentlichungen von Gedichten, Glossen und Rezensionen in unterschiedlichen Tageszeitungen sowie Kritiken für das Magazin „Die Weltbühne“. Die Jahre zwischen 1927 und 1933 gelten als seine produktivste Zeit, in der er zu einer der wichtigsten intellektuellen Figuren Berlins aufstieg und in der neben den schon genannten Publikationen auch „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“ und „Das fliegende Klassenzimmer“ entstanden. Die Texte aus dieser Zeit spiegeln auch den Lebenshunger der Berliner wieder: Authentisch beschreibt er die Kabaretts und Revuen, das schillernde Volk in den Bars und Vergnügungstempeln, aber auch das zweifelhafte Amüsement für die einfachen Leute in Form eines Rummelplatzes im Hinterhof. Auch Auszüge aus „Emil und die Detektive“ und „Pünktchen und Anton“ dürfen in dieser Berliner „Chronik“ nicht fehlen. Zwischen seinen Zeilen spürt der Leser den pulsierenden Herzschlag einer Stadt: Kästner schrieb über Triviales ebenso ernsthaft, wie er über Erhabenes spottete. Seine Gedichte sind schelmisch, ironisch aber auch durchaus poetisch zart. Große Persönlichkeiten der Theater- und Kultur-Szene finden in seinen Rezensionen Erwähnung. Die Informationen des Anhangs offenbaren die Tragik: Die meisten von ihnen mussten entweder emigrieren oder fielen der Tötungsmaschinerie der Nazis zum Opfer.

In den Jahren von 1933 bis 1945 war Kästner zur Untätigkeit verdammt: Den Nationalsozialisten war er als liberal-denkender Literat suspekt. Seine satirisch formulierten gesellschafts- und zeitkritischen Werke galten „wider den deutschen Geist“ und wurden bei der öffentlichen Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 verbrannt. Trotz massiver Repressalien, wie Verhöre bei der Gestapo, Berufsverbot und Ausschluss aus dem Schriftstellerverband, blieb Kästner in Berlin: Er sah sich als Chronist dieser Zeit und führte ein geheimes Tagebuch über die damaligen Geschehnisse. Die Texte aus diesen Jahren erschüttern! Die Gedichte und Aufzeichnungen zeugen von der Absurdität nationalsozialistischem Gedankengut, oder um es mit Kästners eigenen Worten zu beschreiben:

„Gut und Böse, unwandelbare Maßstäbe des menschlichen Herzens, wurden durch Gesetz und Verordnung ausgetauscht. […] Wer unschuldige Menschen umbrachte, wurde befördert. Wer seine menschliche oder christliche Meinung sagte, wurde geköpft oder gehängt.“

Über „Berlin nach 1945“ schrieb Kästner keine einzige Zeile

Herausgeberin Sylvia List hat eine abwechslungsreiche Sammlung an Texten aus dem Œuvre von Erich Kästner zusammengestellt, die einen gelungen Bogen schlagen von „Babylon Berlin“ zu „Berlin in Trümmern“. Mit dieser Anthologie beweist sie abermals, was jedem Leser von Kästners Werken durchaus schon bewusst ist:

Kästner amüsiert, Kästner kritisiert, und er unterhält auf hohem Niveau!


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855354139

Happy Birthday: .LESELUST

Gestern warf ich einen zufälligen Blick in meinen handelsüblichen Buchkalender und mich traf völlig unvorbereitet die Erkenntnis, dass mein Blog und ich heute unseren zweiten gemeinsamen Geburtstag feiern! Ich kann es kaum fassen…

2 Jahre: Das ist nicht viel und gleichzeitig eine ganze Menge. Zumindest kann ich von meinem Blog und mir behaupten, dass wir gemeinsam den Status der Eintagsfliegen erfolgreich überwunden haben.

2 Jahre: 161 Mal habe ich ein Buch in die Hand genommen und es gelesen: 147 Mal veröffentlichte ich unter „Das geschriebene Wort…“ eine Rezension, und 14 Werke schafften es in die „Ruhmeshalle“ von „Die Bücher meines Lebens“. Über die ungezählten Bücher, die ich zu lesen begonnen, enttäuscht und somit unbeendet wieder aus der Hand gelegt habe, werfen wir den Mantel des Vergessens: Besser ist es…!

2 Jahre: 88 Mal habe ich im Rahmen der „Montagsfrage…“ mein Lese-Verhalten reflektiert, Lese-Tipps gegeben, meine Meinung geäußert, Stellung bezogen und „ganz nebenbei“ viel von mir preisgegeben.

2 Jahre: 520 Beiträge sind insg. „on air“ gegangen und füllen die 15 Kategorien meines Blogs. Neben den schon genannten gibt es noch „Alles andere als ernst…“, „Anekdoten-Archiv…“, „Ein Porträt…“, „Eine Geschichte…“, „Herzlichen Glückwunsch…“, „Kulturelles Kunterbunt…“, „Kulturtipps“, „Literarische Helden…“, „Noch ein Gedicht…“, „Plauderei…“, „Termine…“ und seit wenigen Monaten mein neustes Baby „Literaten im Fokus…“.

Das alles ist das, was ich zu diesem Blog beitragen konnte. Aber was wäre dieser Blog ohne Euch, den Leserinnen & Lesern, den Blogger-Kolleginnen und -Kollegen, all den Menschen, die regelmäßig oder auch nur hin & wieder meinem Blog folgen?! Ich schreibe ja nicht im luftleeren Raum ausschließlich für mich, sondern ich lebe von Eurer Resonanz auf das, was ich da zusammen gekritzelt habe. So danke ich Euch von Herzen für das lobende Wort und die konstruktive Kritik, für die impulsgebende Idee und den respektvollen Umgang miteinander.

2 Jahre: Es sind „nur“ 2 Jahre vergangen, in denen doch so viel passiert ist – mit mir, mit uns, mit unserer Welt, in der wir leben. Niemand kann erahnen, wo wir in weiteren 2 Jahren stehen werden.

Aber vorerst freue ich mich auf das nun kommende gemeinsame Jahr…!!!

Herzliche Grüße
Andreas

MONTAGSFRAGE #88: Warst/bist du in einem Buchclub (oder könntest du es dir vorstellen)?

Bevor ich zur Beantwortung der heutigen Montagsfrage komme, musste ich den Begriff „Buchclub“ für mich genau definieren. Nachdem ich die Frage erstmals gelesen hatte, tollten in meinem Kopf ganz andere Assoziationen, als die von Antonia Leise beschriebenen, herum.

Für mich ist/ war ein Buchclub ein Geschäftsmodel, wo ich aktuelle Bücher in besondere/ eigener Ausstattung ein wenig günstiger erhalte. Dafür werde ich Mitglied in diesem Club und verpflichte mich, einmal pro Quartal dort ein Buch (oder ein anderes Medium) zu erwerben. Sollte ich zu einem festgelegten Termin noch nichts aus dem Sortiment gewählt haben, wird mir automatisch der Vorschlagsband zum Vorzugspreis zugeschickt.

Ja, vor einiger Zeit war ich für ein paar Jahre Mitglied im Bertelsmann Buchclub. Noch heute stehen viele der dort gekauften Bücher in meinem Bücherregal, z. Bsp. „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende, „Die Erben Kains“ von John Jakes und „Ein Stück Himmel“ von Janina David. Praktischerweise gab es hier in Osterholz-Scharmbeck die (Partner-)Buchhandlung Postmeyer, die das Buchclub-Sortiment in einem eigenen Ladenbereich präsentierte und mir zudem nicht Vorrätiges ohne zusätzliche Portokosten bestellten. Im Laufe der Jahre veränderten sich allerdings meine Lese-Vorlieben, und ich fand im dortigen Sortiment immer weniger, was mir zusagte. Auch wirkte auf mich irgendwann diese Form, Literatur unter das Volk zu bringen, eher bieder und angestaubt, und so trennten wir uns wieder. Weder der Bertelsmann Buchclub noch die Buchhandlung Postmeyer existieren noch. In der Zwischenzeit erleben einige Buchclubs eine kleine Renaissance und erfreuen ihre Mitglieder mit Werken in moderner, außergewöhnlich schöner und bibliophiler Aufmachung (z. Bsp. Büchergilde Gutenberg).

Antonia Leise verbindet mit einem Buchclub ein regelmäßiges Treffen von Literaturbegeisterten, die sich über einen gewissen Zeitraum mit ein und demselben Buch beschäftigen, sich darüber austauschen und diskutieren. Ich kenne dies eher als Lesekreis oder -zirkel. Aber unabhängig davon, wie wir „das Kind“ nennen, war ich an einer solchen Runde noch nie beteiligt, aber es würde mich sehr interessieren. Ich habe sogar schon mit dem Gedanken gespielt, hier in meiner Heimatstadt entsprechendes zu initiieren. Jetzt werdet Ihr Euch sicherlich fragen, warum dies bisher noch nicht erfolgt ist. Die Antwort (vielleicht ist es auch schlicht und ergreifend nur eine Ausrede) lautet: zu wenig Zeit, zu viele Ideen! Ich habe so viele Ideen, was ich hier in meiner Heimatstadt zum Thema „Lesen“ alles anstellen könnte, dass mich die Fülle anscheinend eher ausbremst. Vielleicht sollte ich aus dieser Vielzahl an Ideen eine Prioritäten-Liste erstellen und die Projekte Punkt für Punkte langsam abarbeiten. Uuups, falsche Formulierung: Nach Arbeit sollten sich solche Projekte nun wahrlich nicht anfühlen. Lesen bedeutet Spaß!

Sobald eine meiner Ideen Realität wird, werde ich selbstverständlich hier darüber berichten. Bis dahin: Habt bitte Geduld mit mir! 😉

…und welche Erfahrungen habt Ihr mit einem Buchclub gemacht???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Noch ein Gedicht…] Gustav Falke – SOMMER

Ihr singt von schönen Frühlingstagen,
Von Blütenduft und Sonnenschein,
Ich will nichts nach dem Frühling fragen,
Nein Sommer, Sommer muss es sein.

Wo alles drängt und sich bereitet
Auf einen goldnen Erntetag,
Wo jede Frucht sich schwellt und weitet
Und schenkt, was Süßes in ihr lag.

Auch ich bin eine herbe, harte,
Bin eine Frucht, die langsam reift.
O Glut des Sommers, komm! Ich warte,
Dass mich dein heißer Atem streift.

Gustav Falke

MONTAGSFRAGE #87: Wo befindest du dich gerade in deiner momentanen Lektüre?

Eine simple Antwort zu einer schlichten Frage verspricht an diesem Montag die Hüterin der Montagsfrage Antonia Leise. Einfach einen Blick in die aktuelle Lektüre werfen und Ort und Zeit der Handlung nennen: Fertig!

Auch wenn ich sonst immer behaupte, ich würde keine zwei (oder mehr) Bücher parallel lesen, so hat mich diese Frage eben genau dabei ertappt. Wobei ich meine Beschäftigung mit dem zweiten Buch nicht unbedingt als „lesen“ bezeichnen würde.

Bei dem Roman „Meine Mutter, unser wildes Leben und alles dazwischen“ von Joanna Nadin befinde ich mich noch ziemlich am Anfang der Geschichte auf Seite 60: Es ist der Monat März des Jahres 1978. Die 7-jährige Dido Sylvia Jones lebt nun seit einigen Monaten mit ihrer unkonventionellen Mutter Edie in einem geerbten Haus in einer Kleinstadt in Essex. In diese geordnete, gutbürgerliche Umgebung passen sie ungefähr ebenso perfekt hinein wie Donald Trump in das Amt des Präsidenten der USA. Wobei Dido und Edie deutlich amüsanter sind, und sie in dem verschlafenen Nest für einige Verwirrung sorgen (Okay! Für Verwirrung sorgt Trump auch, aber das Lachen ist mir bei ihm gänzlich vergangen!). „Eigentlich“ sollte die Rezension zu diesem Roman in dieser Woche erscheinen: Leider hatte mich die Hitze der vergangenen Tage nicht nur einfach ausgebremst sondern vielmehr völlig lahmgelegt. Darum bitte ich um ein wenig Geduld…!

Beim zweiten Buch handelt es sich um „Vater und Sohn: Sämtliche Abenteuer“ von E.O. Plauen. Diese reizenden Bildergeschichten schuf Erich Ohser unter Pseudonym und erschienen hauptsächlich zwischen 1934 und 1937 in der Berliner Illustrierten Zeitung. Seine Bildergeschichten sind liebevoll und amüsant, kommen (beinah) ohne Worte aus und machen somit „lesen“ überflüssig. Als Freund und Wegbegleiter von Erich Kästner wird Erich Ohser Euch in naher Zukunft hier auf meinem Blog nochmals begegnen.

…und in welcher Zeit und an welchem Ort steckt Ihr in Eurer Lektüre gerade fest???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

Literaten im Fokus: Erich Kästner

Im Juli startet „Literaten im Fokus“ in die zweite Runde: Nachdem sich im April alles um Agatha Christie drehte, werde ich nun einen „verschärften“ Blick auf einen unserer großen deutschen Schriftsteller werfen.

Als Einstieg möchte ich Euch gerne mein Kästner-Kurz-Porträt, das vor einem Jahr aus Anlass seines 45. Todestages hier auf diesem Blog erschien, ans Herz legen.

Beginnen werde ich mit „Sonderbares vom Kurfürstendamm: Berliner Beobachtungen“:  Erich Kästners kritisch-ironische Liebeserklärung an Berlin, die er prosaisch und lyrisch zum Ausdruck bringt.

Dann machen wir uns mit „Kästners Berlin: Literarische Schauplätze“ von Michael Bienert auf eine Spurensuche der besonderen Art und folgen seinen Figuren durch die Stadt.

In „Friedrich der grosse Detektiv“ lässt Philip Kerr den großen Meister selbst als Romanfigur auftreten und erzählt die Geschichte von Friedrich, der von seinem Lieblingsbuch „Emil und die Detektive“ nicht genug bekommen kann und zudem das Glück hat, das Erich Kästner sein Nachbar ist. Doch die Bücherverbrennung im Jahre 1933 vernichtete auch „Emil und die Detektive“…!

Erich Kästner war in der Nacht der Bücherverbrennung persönlich dabei, als auch seine Bücher den Flammen zum Opfer fielen: In „Über das Verbrennen von Büchern“ gibt er uns in Reden, Essays und Briefen einen bedrückenden Einblick in diese Zeit.

Erich Ohser war nicht nur Wegbegleiter sondern auch ein guter Freund Kästners, dessen Schicksal unter dem NS-Regime nicht unerwähnt bleiben darf. Unter dem Pseudonym E.O. Plauen schuf er die entzückenden „Vater und Sohn“-Abenteuer.

Ihr Lieben, ich bin mir sicher, dies wird ein literarischer Monat mit spannenden, aufwühlenden, berührenden und erheiternden Momenten. Darauf freue ich mich schon sehr,…

…und Euch wünsche ich viel Vergnügen!