[Rezension] Kathrin Aehnlich – Wie Frau Krause die DDR erfand

„Wild Ost“ lautet der Arbeitstitel einer 6-teiligen Fernsehserie, die erstmals vom wahren Leben in der ehemaligen DDR erzählen soll. Isabella Krause, ein Kind des Ostens und am „Tag der Republik“ geboren (…Zufall, da bei der Frau Mama die Wehen zu früh einsetzten!), stolpert als durchaus gelernte aber erfolglose Schauspielerin in ein Casting und erhält den Auftrag zehn ganz normale Ost-Deutsche zu finden, die von ihrem Leben unter diesem politischen Regime erzählen. Frau Krause findet sie: authentisch, unverstellt und ganz normal. Doch dem westdeutschen Regisseur sind diese Menschen zu normal und (vor allem) zu unspektakulär. Er will das brutale, ehrliche Leben – oder vielmehr: das Leiden – unter Diktatur, Mangelwirtschaft und Staatssicherheit sehen. So bleibt Frau Krause nichts anderes übrig, als die realen Schicksale mit Hilfe ihrer Schauspielfreunde „aufzuhübschen“…!

Was ist übrig geblieben nach 30 Jahren Wiedervereinigung? Welche Klischees sind standhaft im west-deutschen Gedächtnis haften geblieben? Wie war es denn, das Leben der anderen? Die Deutsche Demokratische Republik bestand eben nicht nur aus Diktatur, Mangelwirtschaft und Staatssicherheit. Für die dort lebenden Menschen war dieses Land vorrangig Heimat…, Heimat und ein Zuhause: Da wird sich arrangiert und werden Kompromisse gefunden. Niemand (egal ob in Ost oder in West) hinterfragt seine Heimat. Wir werden hineingeboren und sehen es als gegeben an. Als Zuhause gilt ganz sicher nicht das vorherrschende politische Regime sondern die Familie, die Freunde und Arbeitskollegen, der Heimatort und die Landschaft. So war auch ein friedliches, „ganz normales“ Leben in der DDR möglich.

Kathrin Aehnlich räumt mit den Klischees zwischen Ost und West auf. Dabei geht sie sehr behutsam vor, demaskiert weder die Menschen im Osten noch im Westen des Landes, offenbart aber auch die Tragödien, die hinter der Wiedervereinigung stecken.

„Wiedervereinigung“ ist auch so ein Wort, das nicht richtig benennt, was es beschreiben soll! „Wiedervereinigung“ klingt nach „Zwei Partner, die getrennt wurden, finden wieder zueinander!“. Trifft es das? Hatten wir es mit zwei gleichberechtigten Partnern zu tun? Ich hatte eher den (natürlich subjektiven) Eindruck, dass der Osten seine Identität verlor und sich dem Heilsbringer West beugen musste. Auch durchaus Positives aus dem Osten wurde zur Seite gedrängt oder verwestlicht.

Ich kann mich noch sehr gut erinnern: Nach Öffnung der Grenze und nachdem die erste Euphorie abgeklungen war, veränderte sich die Stimmung im Westen. Niemanden ging es trotz Aufbau Ost und Solidaritätszuschlag schlechter, und trotzdem wurden „kritische“ Stimmen laut und die Vorurteile geschürt: „Der Ossie nimmt uns die Arbeitsplätze weg.“, „Der Ossie weiß ja gar nicht, wie man richtig arbeitet.“ und „Die sollen die Mauer lieber wieder aufbauen – aber diesmal 3 Meter höher…!“. Übrigens erklangen in Ost wie in West ähnliche Töne zur Flüchtlingswelle in der jüngeren Vergangenheit.

Die gewaltfreie Revolution vor 30 Jahren mit der anschließenden Wiedervereinigung ist ein Meilenstein unserer Geschichte. Wir können wahrlich stolz sein!

Kathrin Aehnlich ist ein wunderbares, kleines Buch gelungen, das anschaulich einen humorvollen Einblick in die gesamtdeutsche Seele gewährt und gleichzeitig zart und pointiert Schicksale porträtiert. So stehen diese kleinen, anrührenden Lebensläufe zurecht im Zentrum der Aufmerksamkeit des Lesers und bilden den Schwerpunkt des Romans und nicht die Titelgebende „Erfindung der DDR“.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143168

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Ein Porträt: Melanie Raabe

Melanie Raabe (* 1. August 1981)


Jung, attraktiv, erfolgreich und talentiert, zudem beinah „ekelerregend“ (😉) sympathisch – man könnte sagen: „Melanie, es läuft bei Dir!“

Melanie Raabe wurde in Jena geboren und wuchs in einem kleinen Örtchen in Thüringen auf. Zu diesem Zeitpunkt sammelte sie für ihren damaligen Berufswunsch (Stuntfrau) erste Erfahrungen, indem sie die Kirschbäume zwecks Früchteklau erklomm oder ihre Blutgrätsche beim Fußballspiel verfeinerte. In der Jugend verschlug es sie in eine Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, wo sie Bücher, Theater und Tanz für sich entdeckte. Später studierte sie Medienwissenschaft und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Nach dem Studium wurde Köln (bis heute) ihre Heimat. Dort verdingte sie sich ihren Lebensunterhalt als Journalistin, parallel schrieb sie ihre ersten Romane und Geschichten. 2011 machte sie als Autorin auf sich aufmerksam, als sie mit der Kurzgeschichte „Die Zahnfee“ den 1. Platz des Deutschen-Kurzkrimi-Preis des Krimifestivals Tatort Eifel gewann.

Trotzdem mussten noch einige Jahre vergehen, bis sie im Jahr 2015 mit ihrem ersten Roman „Die Falle“ auf dem nationalen wie auch internationalen Buchmarkt einschlug wie eine Bombe. Die Detonation war bis Hollywood zu hören, wo ein renommiertes Studio sich die Filmrechte sicherte. Auch ihre nachfolgenden Romane wurden internationale Erfolge, die in über 20 Ländern erschienen sind.

Gerne probiert sie sich auf anderen Gebieten und in anderen Medien aus: So ging im Juni 2019 der Fiction Podcast „Der Abgrund“ auf Sendung und stand auf Platz 1 der Podcast-Charts. Zudem betreibt sie mit ihrer Freundin Laura Kampf, die als Designerin und Youtuberin aktiv ist, den Podcast „Raabe & Kampf“. Hier widmen sich die beiden in wöchentlichen Episoden allen Aspekten der Kreativität.

Melanie Raabe ist offizielle Lesebotschafterin der Stiftung Lesen und setzt sich somit für die Leseförderung ein.


Ihre Werke:

  • Die Falle erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442754915
  • Die Wahrheit erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442754922
  • Der Schatten erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442757527
  • Die Wälder erscheint am 27.12.2019 bei btb/ ISBN: 978-3442757534

 

[Lesung] Karsten Dusse – Achtsam morden / Buchhandlung „die schatulle“ Osterholz-Scharmbeck

Lesung am 27. September / Buchhandlung „die schatulle“ in Osterholz-Scharmbeck


Karsten Dusse (gesprochen „Düss“) war mir durchaus schon vor „Achtsam morden“ bekannt – also: nun nicht unbedingt „namentlich“, sondern eher mehr „optisch“! Jeder von uns kennt folgende Situation: Man (also: ich) liegt zuhause mit einer Erkältung auf dem Sofa dumm rum, mangels vorhandenem Elan zappt man (wieder: ich) durch die TV-Programme. Da bleibt man (immer noch: ich) zwangsläufig bei einer dieser vielfältigen Reality-Soaps hängen. Und da ist er auch schon: In schwarzer Robe, zurück gegeltem Haar und aggressiv-arrogantem Auftreten mimt Karsten Dusse den Strafverteidiger bei „Richterin Barbara Salesch“. Wobei er ein Mimen nicht nötig hatte, da er als promovierter Rechtsanwalt vom Fach ist. Allerdings würde ich aufgrund seines TV-Auftretens diesen Rechtsverdreher lieber nicht im Dunkeln und schon gar nicht im Gerichtssaal begegnen wollen. Sein erster Kriminal-Roman hat mir dafür umso mehr gefallen (hier geht’s zur Rezension).

„Richterin Barbara Salesch“ war die Show, diese Lesung ist die Realität: So sitzt uns ein zurückhaltend-freundlicher und sympathischer Autor gegenüber, der sehr zugewandt jeden Signierwunsch mit meditativer Ruhe erfüllt. Zudem verfügt Karsten Dusse über eine angenehme Lese-Stimme und hatte seine Textpassagen klug gewählt: Der unvoreingenommene Zuhörer bekam einen guten Eindruck über den Stil des Romans, der kundige Zuhörer erfreute sich am Wiedererkennen der vorgetragenen Passagen. Gemeinsam genossen wir einen heiteren und kurzweiligen Abend!

Foto Andreas Kück - Karsten Dusse achtsam morden.jpg

Überdies wuchert Dusse mit einem absoluten Sympathie-Pfund in Form seiner Hündin Rosa. Dieses entzückende Fell-Wesen verbrachte die erste Zeit der Lesung schlummernd zu Herrchens Füßen, um dann einen ausgedehnten Rundgang durch die Buchhandlung zu machen. Überall dort, wo während der Lesung aus scheinbar unerfindlichen Grund ein/e Zuschauer*in sich spontan vorbeugte, bekam Rosa sicher ein paar Streicheleinheiten. Und „wie der Herr so das Gescherr“, so ruhte auch Rosa in ihrer meditativen Mitte.

Zum Abschied verriet uns Karsten Dusse noch folgendes: Zum einen ist eine Verfilmung des Romans in Planung, zum anderen arbeitet er schon an der Fortsetzung.

Die Zeichen für eine weitere Lesung in der Buchhandlung „die schatulle“ stehen somit auf „Heiter“. Bis dahin: Schön achtsam bleiben!


Karsten Dusse ist mit „Achtsam morden“ auf Lesetour: Termine findet Ihr hier.

[Rezension] Friedrich Christian Delius – Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Was macht ein Leser, wenn er beim Verlag um ein bestimmtes Rezensionsexemplar bittet und ein gänzlich anderes Buch vom selben Autor erhält? Dieser Leser (Finger zeigt auf mich!) nimmt es als Fügung, da er schön häufiger die wunderbare Erfahrung machen durfte, dass Bücher, die unverhofft in das Blogger-Lese-Leben treten, sich durchaus zu einer besonders überraschenden Lektüre entpuppen können.

In diesem Fall sandte mir der Verlag satt „Die Birnen von Ribbeck“ diesen Roman zu, und wie meine geneigte Leserschaft meinem fb-Post vom 20. September entnehmen kann, habe ich völlig unbefangen mit der Lektüre begonnen…

…und nach 108 Seiten wieder abgebrochen.

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Ein ergrauter Wirtschaftsredakteur wird nach wiederholter öffentlicher Kritik an Politik und Industrie von seinem Verlag „freigestellt“. Diesen Umstand nimmt er zum Anlass, seine Gedanken und Ansichten – diesmal frei und ohne Zensur – in Form eines Tagebuchs der nächsten Generation (in seinem Fall: seine Nichte Lena) als Vermächtnis zu hinterlassen. Seine Tagebucheintragungen setzen am 30.09.2017 ein. Somit steht das Zeitgeschehen der jüngsten Vergangenheit im Zentrum seines Schreibens…!

Erfrischend fand ich die Entscheidung des Protagonisten, seine Tagebuchaufzeichnungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit niederzuschreiben ohne mit Klicks, Likes und Follower zu kokettieren. Dieser Entscheidung kann ich durchaus etwas abgewinnen, spiele ich doch selbst mit dem Gedanken meine fb-Seite einzustellen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit steht es jedem frei, „vom Leder zu ziehen“, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und sowohl rücksichts- als auch hemmungslos seine Meinung kund zu tun. Nur leider handelt es sich hierbei um einen Roman (zumindest steht es so auf dem Cover), und somit ist die Öffentlichkeit leider nicht ausgeschlossen. Vielmehr lässt er die Öffentlichkeit (also in diesem Fall: mich) in kurzen und weniger kurzen Tagebucheintragungen teilhaben an seinen Gedanken zur Merkel-Regierung, zu den geplatzten Jamaika-Verhandlungen, der Flüchtlingspolitik und den Wehwehchen von überbezahlten Fußballern. Seine Ansichten und Meinungsäußerungen mutieren schnell zum Altherren-Gejammer und Stammtisch-Gefasel und wirken unangenehm besserwisserisch auf mich. Auch empfand ich seine beinah paranoide Angst vor der Machtübernahme der Chinesen als äußerst ermüdend.

Es war nun nicht so, dass mich die Lektüre verärgerte, amüsierte oder sonst wie emotional berührte: Sie lies mich erstaunlich gleichgültig zurück – ein Zustand, in dem ich mich beim Lesen möglichst nicht befinden möchte.

Vielleicht bin ich auch schlicht (und dies darf diesmal wörtlich genommen werden) und ergreifend für diese Art der Lektüre nicht intelligent oder nicht intellektuell genug (Vielleicht sogar sowohl das eine als auch das andere!). Aber auch diese Erkenntnis werde ich verkraften, mit ihr weiterleben und irgendwann mit ins Grab nehmen…!

„Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.“
Theodor Fontane


erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3737100762

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Lustspiel] Wilfried Wroost – Een Mann mit Charakter / Ohnsorg Theater Hamburg

Lustspiel von Wilfried Wroost

Premiere: 25. August 2019 / besuchte Vorstellung: 24. September 2019 / Ohnsorg Theater Hamburg


Inszenierung: Michael Koch
Kostüme: Krzysztof Sumera, Britta Lindenstrauß-Buhrke, Andrea Oppenländer
Bühne: Katrin Reimers

Hat ein Lustspiel, dass seine Uraufführung in den 50er Jahren an eben diesem Theater (damals natürlich noch im alten Haus in der Großen Bleichen) erlebt hat, im Jahre 2019 mit seinen Themen wie Klimawandel und zunehmenden Rechtsruck überhaupt noch Platz auf der Bühne? Ist es nicht eher ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, in der der Mann als Patriarch der Familie über das Wohl der Tochter entscheidet, und das Frauenbild allgemein vor lauter Staub kaum sichtbar ist?

ja! Ja!! JA!!! möchte ich schreien…! Es muss auf die Bühne – unbedingt!

In der Zwischenzeit ist es die 6. Inszenierung an diesem Haus: In den ersten fünf Inszenierungen stand Heidi Kabel in der Rolle der Dora Hinzpeter auf der Bühne und machte sie zu einer ihrer Paraderollen. Ihre Tochter Heidi Mahler kann mit der aktuellen Inszenierung ihr viertes Mitwirken an „En Mann mit Charakter“ verbuchen: 1969/70 und 1978/79 als Tochter Gisela, 1989/90 als Mutter Selma und nun natürlich als Dora Hinzpeter.

Die Frauenrollen werden – wie ein Staffelstab – anscheinend von Generation zu Generation weitergegeben: Beate Kiupel und Eileen Weidel können schon erahnen, wohin sie ihre jeweilige Bühnenlaufbahn führen wird (Übrigens: 1989/90 stand Beate Kuipel als Tochter Gisela neben den beiden Heidis auf der Bühne.).

Bäckermeister Heinrich Hinzpeter ist ein Mann mit Charakter. Darum hat er vor Jahren nicht gezögert, die schwangere Braut seines Bruders zu ehelichen, als dieser sie sitzen ließ und das Land Richtung New York verließ. Doch seiner Ehe mit Selma war kein dauerhaftes Glück beschienen: Auch wenn die gegenseitige Zuneigung nie erloschen ist, so ein Mann mit Charakter ist eben auch ein rechter Bullerballer und Dickkopf. Hinzpeter führt seine Familie wie auch die Mitarbeiter seiner Backstube mit strenger Hand – meint er, denn in Wirklichkeit hat seine Mutter Dora immer noch das Zepter in der Hand und lenkt klug die Geschicke der Familie. Die Strenge des Vaters bekommt auch Tochter Gisela zu spüren, von der er erwartet, dass sie zum Erhalt der Bäcker-Dynastie einen Mann vom Fach ehelicht. Bäckergeselle Karl Kroepelin hat ein Auge auf die hübsche Gisela geworfen. Leider hat sie nur Augen für den feschen Finanzbeamten Detlef Düwel, der dummerweise zur Finanzprüfung ins Haus schneit und damit wenig Sympathie bei Heinrich Hintzpeter erweckt. Als sich der lang verschollene Bruder aus Amerika zu Doras 90. Geburtstag anmeldet, scheint die Verwirrung perfekt…!

Klug hat Regisseur Michael Koch das Stück in Maßen aktualisiert und in die 70er Jahre transferiert. Mehr Aktualität wäre dem Stück auch nicht gut bekommen: Heutzutage ist die Schwangerschaft einer unehelichen Frau kein gesellschaftliches Tabu mehr, und Töchter lassen sich nicht vorschreiben, wen sie zu heiraten haben – Familiendynastie hin oder her. So zünden einige Gags auch nur im Hinblick auf die zeitliche Verankerung. Kochs Regie bleibt der Tradition treu, erfreut gleichzeitig mit der einen oder anderen Neudeutung der Rollen und lässt die Protagonisten so herrlich „menscheln“.

Das Ohnsorg-Theater war und ist ein Garant dafür, das wunderbare Volksschauspieler*innen auf der Bühne stehen. Till Huster als „Mann mit Charakter“ grantelt und bärbeißt, lässt unter der rauen Schale aber immer eine Portion Gefühl durchblitzen. Beate Kiupel als Selma leistet sich charmante Auftritte, verteidigt ihre Tochter gluckenhaft, während sie ihrem Ex-Gatten unterhaltsam die Stirn bietet. Eileen Weidel als hübsche Tochter Gisela darf – ganz Kind der 70er – deutlich frecher und selbstbewusster als ihre Rollenvorgängerinnen sein und erfreut mit frischem Spiel. Der Detlef Düwel von Christian Richard Bauer ist ein sympathischer Charmebolzen mit Schalk im Nacken, der sich vom Familien-Patriarch nicht einschüchtern lässt. Robert Eder schafft es, die Figur des Karl Kroepelin nicht zur Karikatur verkommen zu lassen. Lara-Maria Wichels sorgt als Bäckerlehrling Peter für frischen Wind auf der Bühne, und Manfred Bettinger gibt den verschollenen Bruder Fritz Hintzpeter als bigotten Langeweiler.

Gerade in der heutigen Zeit brauchen wir (brauche ich) ein klein wenig „heile Welt“, in der Herzlichkeit, Familiensinn, das aufeinander Achten und füreinander Dasein im Mittelpunkt steht. Volkstheater im besten Sinne sozusagen…! Während das Boulevardtheater die Komik aus der Übertreibung schöpft, zieht das Volkstheater den Humor aus der scheinbaren Alltäglichkeit und lotet hier die Grenzen der Glaubhaftigkeit aus. Da wird umarmt und gebusselt, der Partnerin ein Haar aus dem Gesicht gestrichen oder dem Partner ein krummer Kragen gerade gerückt – so ganz nebenbei und unaufgeregt, so wie wir es im echten Leben auch tun würden. Die Schauspieler*innen agieren in den stimmigen Kostümen der 70er und in einem wunderschönen Bühnenbild, das mit Liebe zum Detail begeistert: Bei entsprechender Beleuchtung gibt die Rückwand der Wohnstube den Blick in das Ladenlokal der Bäckerei Hintzpeter frei. Das Ohnsorg-Theater ist Volkstheater durch und durch – egal ob mit Wilfried Wroost, William Shakespeare oder Siegried Lenz, egal ob bei Lustspiel, Broadway-Musical oder Klassiker. Denn all dies findet der Zuschauer bei diesem modernen Mundart-Theater.

Dreh- und Angelpunkt dieser Inszenierung ist die wunderbare Heidi Mahler als Dora Hinzpeter: ein überreiches Talent wurde ihr in die Wiege gelegt. Doch der Schatten einer hochtalentierten und über alle Maßen beliebten Mutter kann auch erdrückend sein (Zu Beginn des Stücks schaut die Mütter beinah übermächtig von der Leinwand.). Vielleicht bietet sich ein Vergleich der beiden Heidis an – besonders bei Rollen, die beide verkörpert haben. Vielleicht drängt sich die Erinnerung an die ältere Heidi neben dem Spiel der jüngeren Heidi. Vielleicht…! Nein, kein „Vielleicht…!“. Heidi Mahler feierte in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag, und steht seit über 55 Jahren auf der Bühne. Und so spielt sie die lebenskluge, schlagfertige Dora Hintzpeter anders als ihre Mutter aber nicht weniger „echt“. Und als großes Kompliment für Heide Mahler und dem gesamten Ensembles sei gesagt, dass sich während der gesamten Aufführung kein Gedanke an einen Vergleich in meinen „Bregen“ drängte.

„En Mann mit Charakter“ soll Heidi Mahlers letzte Premiere sein. Ich danke ihr von ganzem Herzen für das Übermaß an Freude, das sie in den vergangenen Jahren in mein Leben gebracht hat!

Foto Mirko Hannemann - public address

Am Premieren-Abend von „En Mann mit Charakter“ erhielt Heidi Mahler von Dr. Christian Breitzke, Vorstand des Vereins Niederdeutsche Bühne e.V. und Vorsitzender des Aufsichtsrats des Ohnsorg-Theaters die Ehrenmitgliedschaft des Ohnsorg-Theaters. Die Ehrenmitgliedschaft ist die höchste Auszeichnung, die das Ohnsorg-Theater zu vergeben hat. Sie würdigt herausragende Persönlichkeiten, deren Bedeutung für das Ohnsorg-Theater außergewöhnlich wichtig, richtungsweisend oder prägend ist. In der 117-jährigen Geschichte des Ohnsorg-Theaters wurde die Ehrenmitgliedschaft zuvor nur viermal verliehen: an Heidi Kabel, Hilde Sicks, Helmuth Kern und Christian Seeler.


Das Ohnsorg Theater spielt diesen plattdeutschen Klassiker nur noch bis Anfang Oktober und geht dann auf Tournee – vielleicht auch in Eurer Nähe.

MONTAGSFRAGE: …macht 2 Wochen Pause!

Liebe Leute!

Heute erreichte mich eine Nachricht von Antonia Leise, der Hüterin unserer Montagsfragen: Beim Leben kann leider nicht auf PAUSE gedrückt werden. Es läuft und läuft und läuft weiter. So müssen eben andere Dinge zurückstecken,…

…in diesem Fall trifft es die Montagsfrage, auf der wir nun 2 Wochen verzichten werden und können (!). Endlich habe ich die Zeit, die überfälligen Bücher zu lesen und die dazugehörigen überfälligen Rezensionen zu schreiben. Endlich habe ich die Zeit, um meine Bücherregale zu sortieren und dabei Buch für Buch abzustauben. Endlich habe ich die Zeit,…!

Ich könnte es auch schlicht und ergreifend „lassen“, besuche stattdessen mit dem liebsten Patenkind der Welt einen Wildpark und genieße den milden Spätsommer.

Ja, genau! Ich genieße den Spätsommer, und genau DAS solltet Ihr auch tun!

Lieben Gruß

Andreas

P.S.: In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv könnt Ihr gerne meine Antworten nochmals nachlesen. Viel Spaß!

Heute ist…

…TAG DER ZIVILCOURAGE

COURAGE! So ein schönes Wort…! Schon der Löwe in Lyman Frank Baums „Der Zauberer von OZ“ wünschte sich nichts sehnlicher als COURAGE. Dabei ist es so einfach, COURAGE zu zeigen: mit wenig Aufwand, dafür mit großer Wirkung…

…nicht nur an einem einzigen Tag sondern an 365 Tage im Jahr!

Jean-Baptiste Poquelin, besser bekannt als Molière, prägte den Satz:

„Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“

Darum: hinsehen und handeln, wenn Unrecht geschieht. Denn jede und jeder von uns wünscht sich Unterstützung in einer prekären Situation. Wegsehen ist nur etwas für Feiglinge!

Sogar der ängstliche Löwe bewies schlußendlich COURAGE!

Weiter Informationen erhaltet Ihr hier.

[Rezension] Thomas Raab – Walter muss weg: Frau Huber ermittelt

Hannelore Huber ist glücklich: Nach 53 langen, freud- sowie trostlosen Ehejahren war ihr Gatte wenigstens so anständig in den Armen einer der Liebesdienerinnen aus dem heimischen Puff „Marianne“ abzunippeln. Wenigstens DAS hat er ihr erspart! Nun gilt es, das Begräbnis möglichst ohne Blessuren hinter sich zu bringen, und dann steht einem geruhsamen Rest-Leben nichts mehr im Weg. Sehr unangenehm, dass sich im Sarg ihres auf dem Höhepunkt seiner Manneskraft verblichenen Gatten eine falsche Leiche befindet. Der Bestatter selbst liegt dort äußerst unpassend im Satin, und von den sterblichen Überresten des alten Hubers fehlt jede Spur. Im kleinen Örtchen Glaubenthal ist es mit der ländlichen Idylle voller Friede, Freude, Eierkuchen erst mal Essig. Ebenso sauer stößt es Hannelore auf, dass sich aus diesem Grund der Beginn ihres harmonischen Rest-Lebens verzögert. Sie hat schon zu Lebzeiten den alten Huber ertragen müssen, da lässt sie sich von ihm nicht auch noch im Tod triezen. Eine Leiche fehlt? Dann muss eine Leiche eben wieder her! Frau Huber ermittelt…!

Ich stelle es mir ungefähr so vor:

Eines schönen Tages, als er so gar nichts anderes zu tun hatte, saß Thomas Raab bei einem Tässchen Tee und schaute verträumt aus dem Fenster in die Weite. Plötzlich stellt er sich folgende Frage: Was waren im Krimi-Genre bisher die gebräuchlichsten Indigrenzien, die einen Kriminalroman zum Erfolg geführt haben? Er stellte die Tasse zur Seite, griff sich flink Papier und Bleistift und notierte eine „Must Have“-Liste:

  • kauzige, ältere Frau als Laien-Ermittlerin
  • überschaubare Dorfgemeinschaft mit skurrilen Charakteren
  • dusselige Dorfpolizisten
  • niedliche Kinder
  • nervige Kinder
  • verschwindende und/oder auftauchende Leichen (wahlweise auch nur Teile von ebendiesen)
  • Klischees, Klischees, Klischees
  • Political Correctness: „Ach, geh weg mit so ’n Schmarrn!“
  • Sex, Crime & Action

…und was von dieser Liste taucht nun in meinem nächsten Krimi auf, fragte er sich und beantwortete diese Frage hurtig selbst: „Na, alles!“

Aber auch der Leser muss so einiges mitbringen, um diesen Krimi in seiner ganzen Pracht genießen zu können: Als Allererstes sollte er nicht alles allzu ernst nehmen. Auch wäre ein arg zartbesaitetes Gemüht eher hinderlich beim Genuss dieses Krimis. Ein ausreichendes Maß an Humor wäre auch hilfreich,…

…dann entdeckt der Leser mit Thomas Raab einen Sprachkünstler, der eine immense Freunde am Fabulieren hat und viel Wortwitz in seine Zeilen legt (…erstaunlich was er dem Doppelnamen „Unterberg-Sattler“ alles entlocken kann). Hier wird jedes Klischee hemmungslos und voller Genuss ausgewalzt. Raab scheut auch nicht vor Szenen voller Slapstick zurück. Seine Sprache ist schnoddrig, manchmal derb und voller Ironie. Der schwarze Humor lugt im kleinen Örtchen Glaubenthal um jede Häuserecke, versteckt sich hinter jeder Tanne.

Ich hoffe nur, er kann dieses Tempo auch beim zweiten Fall aufrechterhalten. Denn: Frau Huber ermittelt hoffentlich weiter…!!!


erschienen bei Kiepenheuer & Witsch/ ISBN: 978-3462050950

MONTAGSFRAGE #53: Was hat euch zum Bloggen verleitet?

Ein weiteres Jahr mit interessanten Montagsfragen startet heute. Und wir dürfen uns wahrlich auf interessante Fragen freuen. Ich kann nur erleichtert ausrufen „Welch ein Glück…!“.

Welch ein Glück, dass nicht alle Blogger*innen so Frage-faul wie ich waren: Der Aufruf von Antonia entwickelte eine immense Produktivität bei meinen Blogger-Kolleg*innen, sodass mindestens die nächsten zwei Jahre gesichert sind. Die heutige Montagsfrage stammt ursprünglich von meiner lieben Kollegin Tina von Buchpfote.

Da ich zu diesem Thema schon an der einen oder anderen Stelle etwas „abgesondert“ habe, klaue ich zur Beantwortung der heutigen Montagsfrage ganz frech von mir selbst und fasse das Wesentliche für Euch zusammen:

Schon seit frühster Jugend verspüre ich diese LESELUST, die im Laufe der Jahre nie geschwunden, vielmehr gewachsen ist. Auch wenn es ein wenig abgedroschen klingt: Lesen bedeutet für mich Leidenschaft! Ich liebe Bücher mit wunderbaren Einbänden, schönem Papier und kunstvollen Illustrationen. Ich liebe den Geruch eines Buches, wenn ich es von der Cellophan-Umhüllung (sofern noch vorhanden) befreit und zum ersten Mal aufgeschlagen habe. Es ist ein haptisches und olfaktorisches Vergnügen – nicht zu vergessen die Auswirkungen des Lesens auf Seele und Geist!

Bücher sind für mich Freudenspender, Tränenbringer, Ideenfinder, Zwerchfellnutzer, Sorgenstiller, Meinungsbildner, Weltenerschaffer und Gedankenentführer.

Schön, dass es SIE gibt!

Diese Leidenschaft – diese LESELUST möchte ich gerne mit anderen Menschen teilen: DARUM blogge ich!

Zuerst habe ich versucht etwas Blog-Ähnliches auf facebook zu etablieren, habe aber sehr schnell festgestellt, dass dies nicht das richtige Medium für mich ist bzw. für das, was ich mir vorstelle. Zudem gefielen mir auch teilweise das Niveau und der Umgangston dort nicht (…und in der letzten Zeit nervt mich fb zunehmend, dass ich ernsthaft mit dem Gedanken spiele, meinen Account dort zu löschen). So habe ich mich auf die Suche nach möglichen Alternativen gemacht und dabei einen guten Freund interviewt, der selbst schon einen Blog hatte. So kam es, dass ich am 7. Juli 2018 meinen ersten, (sehr) kleinen Beitrag auf meinem brandneuen Blog veröffentlicht habe,…

…und seitdem bin ich hier! Ich freue mich täglich, dass ich mich mit diesem wunderbaren Hobby beschäftigen darf und darüber die Möglichkeit erhalte, mich mit Gleichgesinnten austauschen zu können. Ohne Austausch kein Weiterkommen: Wir sitzen ja alle nicht in unserer persönlichen Blase und dümpeln im luftleeren Raum. Ich brauche die Rückmeldungen und die Inspiration von meinen Mitmenschen – in diesem Fall: von meinen Blogger-Kolleg*innen. Ich liebe diesen Austausch sehr: Mein Eindruck ist, dass wir hier auf einem recht hohen Niveau kommunizieren, das geprägt ist von Respekt und Höflichkeit!

Ich werde weiterhin meinen bescheidenen Teil dazu beitragen, dass dieses Niveau erhalten bleibt!

…und: Was hat Euch zu dieser Lust verführt???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.