[Noch ein Gedicht…] Hermann Hesse – MANCHMAL

Manchmal, wenn ein Vogel ruft
Oder ein Wind geht in den Zweigen
Oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft,
Dann muß ich lange lauschen und schweigen.

Meine Seele flieht zurück,
bis wo vor tausend vergessenen Jahren
Der Vogel und der wehende Wind
mir ähnlich und meine Brüder waren.

Meine Seele wird Baum
Und ein Tier und ein Wolkenweben.
Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
Und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?

Hermann Hesse

[Noch ein Gedicht…] Edeltraud Przechomski – PFINGSTFREUDEN

Edeltraud Przechomski – PFINGSTFREUDEN.png

Zu Pfingsten, wenn die Sonne scheint,
und Schmetterlinge fliegen.
Es Tier und Mensch ins Grüne zieht,
wollen in der Sonne liegen.
Gefeiert wird nun überall,
denn viele haben frei.

So mancher sich auf das Fahrrad schwingt,
um Freunde zu besuchen.
Wir hören wie die Freude klingt,
zum Kaffee gibt es Kuchen.
Es wird geplaudert und gelacht,
gemütlicher kann es nicht sein.

Wenn dann die Abendsonne sinkt,
dann fahren wir wieder heim.

Edeltraud Przechomski

[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – REKLAME

Joachim Ringelnatz – REKLAME.png

Ich wollte von gar nichts wissen.
Da habe ich eine Reklame erblickt,
Die hat mich in die Augen gezwickt
Und ins Gedächtnis gebissen.

Sie predigte mir von früh bis spät
Laut öffentlich wie im stillen
Von der vorzüglichen Qualität
Gewisser Bettnässer-Pillen.

Ich sagte: „Mag sein!
Doch für mich nicht! Nein, nein!
Mein Bett und mein
Gewissen sind rein!“

Doch sie lief weiter hinter mir her.
Sie folgte mir bis an die Brille.
Sie kam mir aus jedem Journal in die Quer
Und säuselte: „Bettnässer-Pille“.

Sie war bald rosa, bald lieblich grün.
Sie sprach in Reimen von Dichtern.
Sie fuhr in der Trambahn und kletterte kühn
Nachts auf die Dächer mit Lichtern.

Und weil sie so zähe und künstlerisch
Blieb, war ich ihr endlich zu Willen.
Es liegen auf meinem Frühstückstisch
Nun täglich zwei Bettnässer-Pillen.

Die isst meine Frau als ‚Entfettungsbonbon‘.
Ich habe die Frau belogen.
Ein holder Frieden ist in den Salon
Meiner Seele eingezogen.

Joachim Ringelnatz

[Noch ein Gedicht…] Kurt Tucholsky – FRÖHLICHE OSTERN

FRÖHLICHE OSTERN von Kurt Tucholsky.png

Ei, ei!
in einer Reih
legen die fleißigen Hasen
wohl auf den grünen Rasen
hervorragend bunte Ostereier –
denn der freie Handel wird stets freier,
und so legt denn heute das Hasensyndikat
über acht Stunden von früh bis abends spat.
Wenn wir Menschen uns aber die Eier begucken:
ja was haben die Hasen den diesmal für Mucken?
Da steht „Räterepublik“ auf einem Ei geschrieben,
das ist um und um mit brandroter Farbe eingerieben.
Auf einem steht: „Uns Nationalen geht‘s zurzeit sehr mau!“
Und dieses Ei ist mit Recht ganz und gar knallblau.
Und auf einem ist zu lesen, daß so weiß wie dieses Ei
auch die Unschuld der Herren altdeutscher Kriegspolitik sei.
Und wieder auf einem steht groß und dick und kühn:
„Deutschlands Zukunftshoffnung“ – und das ist grün.
Und es sagt mir eines der kleinen Hasentierchen:
Dir und Deinen lieben Deutschen zum Pläsierchen
tät ich gern etwas gegen den inneren Krieg –
denn ich kleiner Hase, ich liebe die deutsche Politik!“
Und ich sagte. „Herr Hase, meinetwegen!
Also, das müssen Sie Rühreier legen!“
Na, finden Sie vielleicht was dabei?
Allerseits: Fröhliche Ostern!
Ei, ei! Ei, ei!

Kurt Tucholsky

[Noch ein Gedicht…] Johann Georg Jacobi – APRIL

APRIL von Johann Georg Jacobi.jpg

Was kümmert’s dich in deinen Wolken droben,
Du launischer April,
Ob wir dich tadeln, oder loben?
Ein großer Herr tut meistens, was er will.
Auch halten wir geduldig still,
Und leiden, was wir leiden müssen.
Gib uns zuweilen nur ein wenig Sonnenschein,
Damit wir dessen uns erfreun:
Dann magst du wiederum mit Schnee und Regengüssen,
Mit Sturm und Blitz und Hagel dir
Bei Tag und Nacht die Zeit vertreiben!
In unsrer kleinen Wirtschaft hier
Soll dennoch gutes Wetter bleiben.

Johann Georg Jacobi

[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – FRÜHLINGSLÄCHELN

FRÜHLINGSLÄCHELN von Erich Kästner.png

Die Sonne lockt nach einem Weilchen
die schönsten Dinge an das Licht,
zum Beispiel: Birkengrün und Veilchen,
und Reiselust und Liederzeilchen,
und manches lächelnde Gesicht.

Der Frühling neckt uns. Wir erwachen.
Die Welt wird wieder froh und grün
und möchte sich vertausendfachen.
Die Blumen blühen, wenn sie lachen.
Die Frauen lächeln, wenn sie blühn.

Erich Kästner

[Noch ein Gedicht…] Rainer Maria Rilke – VORFRÜHLING

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Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Rainer Maria Rilke

[Noch ein Gedicht…] Eugen Roth – SCHLÜPFRIGE DINGE

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Ein Mensch, der auf der Straße ging,
mit seinen Augen sich verfing
in einem Laden drin ein Weib
höchst schamlos zeigte seinen Leib,
der nur aus Pappendeckel war,
doch fleischlich in der Wirkung war.

Von Hemd und Höschen zart umhüllt,
das Blendwerk nur den Zweck erfüllt,
zu schlagen eine breite Bresche
in dem erlaubten Wunsch nach Wäsche.

Und da dem Reinen alles rein,
sah das der Mensch auch alsbald ein
und ging mit einer grenzenlosen
Hochachtung fort für Damenhosen.

Eugen Roth