[Noch ein Gedicht…] Johann Wolfgang von Goethe – OSTERSPAZIERGANG

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche,
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt’s im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen, finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss, in Breit‘ und Länge,
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.

Johann Wolfgang von Goethe


Ich wünsche Euch von Herzen
🌷 FROHE OSTERN! 🌷

Liebe Grüße
Andreas


[Noch ein Gedicht…] Erich Kästner – DER JANUAR

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.

Die Amseln frieren. Und die Krähen darben.
Und auch der Mensch hat seine liebe Not.
Die leeren Felder sehnen sich nach Garben.
Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben.
Und wär so gerne gelb und blau und rot.

Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.

Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern.
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man’s auf allen Sendern,
dass sich auch unterm Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt von Frieden. Oder träumt’s vom Kriege?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.

Erich Kästner

[Noch ein Gedicht…] Rudolf Kinau – KUJEES KUMMT GLIEK

„Een Viddelstündn kann’t woll noch du’rn!“
hett Mudder eben segt.
He kümmt nu bald. Man good, – dütt Lu’rn
Dat is mi goarne recht.
Ick hebb vör em keen Angst dütt Joahr,
dat hebbt jo blooß de Görn.
Ick bin man bang‘, dat geiht ne kloar,
ick krieg den Wind van vörn,
van Vadder her. Wenn he dat sühtt, –
mien Büx is achter twei,
mien sünndogs Büx. Ach, wenn ick sitt,
denn is’t jo eenerlei.

Wenn de Kujees hier frogen deit:
„Na, mokt de Jung sick good?“
Un Mudder segt: „Ach jo, dat geiht!“
Denn krieg ick jo woll Noot,
un rappel mien Gebett gau her,
as wenn ick updreiht bün. –
Blooß denn, — denn schall ick no de Dör, –
denn mütt ick doar jo hin,
un mütt mien Fatt mit Appeln holn
un allerhand wat Nees
un mit son „Diener“ glich betolhn:
„Mein Dank ook, Herr Kujees!“

Un Vadder – steiht dann achter mi, –
Un sühtt mien tweide Büx, — ?
Ach ne, Kujees,- goh man vöörbi!
Ick bruk dütt Joahr mol nix!

Rudolf Kinau

(Kujees =Wienachtsmann/Weihnachtsmann)

[Noch ein Gedicht…] August Heinrich Hoffmann von Fallersleben – LIED DES NUSSKNACKERS

König Nussknacker, so heiß ich.
Harte Nüsse, die zerbeiß ich.
Süße Kerne schluck ich fleißig.
Doch die Schalen, ei, die schmeiß ich
Lieber andern hin,
Weil ich König bin.
Aber seid nicht bang!
Zwar mein Bart ist lang
Und mein Kopf ist dick
Und gar wild mein Blick.
Doch was tut denn das?

Tu keinem Menschen was,
Bin im Herzensgrund,
Trotz dem großen Mund,
Ganz ein guter Jung,
Lieb Veränderung,
Amüsier mich gern
Wie die großen Herrn.
Arbeit wird mir schwer,
Und dann mag ich sehr
Frommen Kindersinn,
Weil ich König bin.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

[Noch ein Gedicht…] Rainer Maria Rilke – ADVENT

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird;

und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke

[Noch ein Gedicht…] Anna Dix – WILLKOMM’NER HERBST

Schleicht der Herbst auf meinem Gartensteg,
Streut mir welke Blätter in den Weg.

Schaut in meine Augen tief und zag,
Ob mein klarer Blick sich feuchten mag.

Aber ich in milder Seelenruh‘
Neige lächelnd ihm mein Antlitz zu.

Dankend legt er in die Hände mir
Seiner letzten Astern blasse Zier.

Anna Dix

[Noch ein Gedicht…] Hedwig Lachmann – AM STRAND

Das helle Ufer schimmert feucht
Vom Schaum der Welle, die entwich.
In silbern flirrendem Geleucht
Verliert sich fern sein letzter Strich.

Die Segelboote fliegen aus –
Von Mitternacht, von Norden her
Kommt eine Woge hoch und kraus:
Geliebtes Meer, geliebtes Meer!

Hedwig Lachmann

[Noch ein Gedicht…] Heinrich Heine – NACHT LIEGT AUF DEN FREMDEN WEGEN

Nacht liegt auf den fremden Wegen,
Krankes Herz und müde Glieder;
Ach, da fließt, wie stiller Segen,
Süßer Mond, dein Licht hernieder.

Süßer Mond, mit deinen Strahlen
Scheuchest du das nächt’ge Grauen;
Es zerrinnen meine Qualen,
Und die Augen übertauen.     

Heinrich Heine


🌙✨ Heute ist der INTERNATIONALE TAG des MONDES! 🌙✨


[Noch ein Gedicht…] Erich Fried – MEER

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren

und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen 

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen nur Meer

Nur Meer 

Erich Fried

[Noch ein Gedicht…] Ludwig Uhland – FRÜHLINGSGLAUBE

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal;
Nun, armes Herz, vergiss der Qual!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland