[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – IN DER NEUJAHRSNACHT

Die Kirchturmglocke
schlägt zwölfmal Bumm.
Das alte Jahr ist wieder mal um.

Die Menschen können sich in den Gassen
vor lauter Übermut gar nicht mehr fassen.
Sie singen und springen umher wie die Flöhe
und werfen die Mützen in die Höhe.

Der Schornsteinfegergeselle Schwerzlich
küsst Konditor Krause recht herzlich.
Der alte Gendarm brummt heute sogar
ein freundliches: Prosit zum neuen Jahr.

Joachim Ringelnatz

[Noch ein Gedicht…] Rudolf Kinau – NIX AS DÜTT

Wenn ick mi mol wat wünschen schull,
ick wünsch mi nix as dütt:
Noch eenmol wedder Kind to wähn,
ganz tutig, dumm un lütt.

Un denn – wenn`t Heilig-Obend ward –
so in de Schummeree
ganz still in uns lütt Döns to stohn
bi Vadder an de Knee.

Un noch mol seehn, wat Licht üm Licht
sien`n Schien no boben smitt,
un allns wat bunt in`n Dannboom hangt,
dat lücht un blinkert mit.

Un noch mol rüken, wenn an`t Füer
son lütten Danntill swehlt.
Un noch mol lüstern, wat dat klingt,
wenn uns` lütt Speeldoos speelt.

Un noch mol, wenn dat buten kloppt,
so ganz vull Angst un Freid
mien lütt Gebett dör`t Halslock quäln –
so gau un good as`t geiht.

Un denn doar stohn mit`n Fatt vull Nöt
un mit son heeten Kupp:
„O, Vadder, – Mudder, kiekt doch mol!
Ligt noch wat boben up!“

Dat is mien Wünschen Joahr för Joahr:
Noch eenmol wedder trück
in`t scheune stille Kinnerland,
in`t Land vull luder Glück!

Ick weet uns`Herrgott gift mi`t nech.
Man een Deel weet ick wiß:
Dat sick mien Jung dat jüst so wünscht,
wenn he mol sowied is.

Rudolf Kinau

[Noch ein Gedicht…] Manfred Hausmann – LIEBESLIED IM DEZEMBER

Es hat nun all die Stunden
still vor sich hingeschneit.
Die Erde ist verschwunden
in Schnee und Ewigkeit.

Wir gehen über die Wellen
des Hügels und über das Feld.
Kein Ruf, kein Hundebellen…
Wir sind allein auf der Welt.

Unmerklich schon und leise
verwandelt sich der Tag.
Der Abend auf seine Weise
erhebt sich hinter dem Hag.

Wir wollen nichts mehr sagen,
die Worte sind so laut.
Was wir im Herzen tragen,
ist uns ja alles vertraut.

Und wenn dann so beim Wandern
sich Schulter an Schulter lehnt,
fühlt einer bei dem andern,
wie er sich nach ihm sehnt.

Die Flocken im Fallen sich drehen,
die Dämmerung hüllt uns ein.
Wir wollen…nur…so…hingehen…
und ganz aneinander sein.

Manfred Hausmann

[Noch ein Gedicht…] Thomas Gsella – NAHAUFFAHRER

Kennt ihr diese Leute (es sind Männer),
Die so gern an eurer Stelle wärn?
Kennt ihr diese Meute junger Penner,
Die auch dann nicht allzu helle wärn,
Würde man zehn Sonnen in sie stopfen?
Kennt ihr diese Esel, klug wie Hopfen
Und so freundlich wie ein nasser Sack?

Ja, ihr kennt dies mörderische Pack.
Ja, ihr kennt die höllisch blöden Fressen
Ihrer doofen Autos, die besessen
Sind von diesen Teufeln, baah, o Graus!
Doch es reicht. Beenden wir das Leiden!
Schleichen wir, bis sie vor Wut verscheiden!
Und dann sausen wir erlöst nach Haus.

Thomas Gsella

[Noch ein Gedicht…] Gustav Falke – DIE FALTE

Heute sah ich den Haß,
Den herrlichen nackten Haß.
So dacht ich mir
Die trotzige Schönheit gefallener Engel:
Wildheit ganz
Und knirschender Stolz.

»Wie schön du bist«,
Betete ich an.
»Millionen
Preisen mich«, lächelte er,
»Mein ist das Reich.«

Und ich sah auf und sah
Zwischen den Nachtbrauen
Die Schmerzfalte,
Senkrecht,
Tief eingefurcht.

»Warum diese Falte?«
Abgewandt schwieg er.
Warum diese Falte?«
Leise,
Verquält klang es zurück:
»Weil ich nicht lieben darf.«

Gustav Falke

[Noch ein Gedicht…] Erich Fried – WAS ES IST

Es ist Unsinn – sagt die Vernunft
Es ist was es ist – sagt die Liebe

Es ist Unglück – sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz – sagt die Angst
Es ist aussichtslos – sagt die Einsicht
Es ist was es ist – sagt die Liebe

Es ist lächerlich – sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig – sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich – sagt die Erfahrung
Es ist was es ist – sagt die Liebe

Erich Fried

[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – PFINGSTBESTELLUNG

Ein Pfingstgedichtchen will heraus
ins Freie, ins Kühne.
So treibt es mich aus meinem Haus
ins Neue, ins Grüne.

Wenn sich der Himmel grau bezieht,
mich stört’s nicht im geringsten.
Wer meine weiße Hose sieht,
der merkt doch: Es ist Pfingsten.

Nun hab ich ein Gedicht gedrückt,
wie Hühner Eier legen,
und gehe festlich und geschmückt –
Pfingstochse meinetwegen –
dem Honorar entgegen.

Joachim Ringelnatz


Ihr Lieben!

Ich wünsche Euch
ein wunderbares Pfingstfest.

Herzliche Grüße
Andreas


[Noch ein Gedicht…] Friedrich von Hagedorn – DER ERSTE MAI

Der erste Tag im Monat Mai
Ist mir der glücklichste von allen.
Dich sah ich und gestand dir frei,
Den ersten Tag im Monat Mai,
Dass dir mein Herz ergeben sei.
Wenn mein Geständnis dir gefallen,
So ist der erste Tag im Mai
Für mich der glücklichste von allen.

Friedrich von Hagedorn

[Noch ein Gedicht…] Ludwig Thoma – MÄRZ

Ah! Wie die buttergelbe Sonne
Uns wärmend durch die Poren dringt!
Wie neu erwachte Frühlingswonne
Uns das vergrämte Herz beschwingt!

Dem wintermüden Menschentume
Erheitert ihr die Phantasie,
Schneeglöckchen, Veilchen, Schlüsselblume
Und was auf Wiesen sonst gedieh!

Im Mistbeet herrscht ein reges Leben;
Das drängt sich an das helle Licht
Und will uns bald Gemüse geben,
Will Zutat sein zum Leibgericht.

Und wie sich froh den Hühnersteißen
Entringt das liebe Osterei!
So mag sich die Natur befleißen,
Dass sie nebst schön auch schmackhaft sei.

Das Starkbier regelt dann die Stühle,
Wenn Hertling spricht, ist’s ebenso,
Man sitzt im Frühlingslustgefühle
Und wird im Sitzen lebensfroh.

Ludwig Thoma

…zum Welttag der Poesie!

🌈💘💐

[Noch ein Gedicht…] Eduard Mörike – AUF EINER WANDERUNG

In ein freundliches Städtchen tret’ ich ein,
In den Straßen liegt roter Abendschein.
Aus einem offnen Fenster eben,
über den reichsten Blumenflor
Hinweg, hört man Goldglockentöne schweben,
Und eine Stimme scheint ein Nachtigallenchor,
Dass die Blüten beben,
Dass die Lüfte leben,
Dass in höherem Rot die Rosen leuchten vor.

Lang’ hielt ich staunend, lustbeklommen.
Wie ich hinaus vors Tor gekommen,
Ich weiß es wahrlich selber nicht.
Ach hier, wie liegt die Welt so licht!
Der Himmel wogt in purpurnem Gewühle,
Rückwärts die Stadt in goldnem Rauch;
Wie rauscht der Erlenbach, wie rauscht im Grund die Mühle!
Ich bin wie trunken, irregeführt –
O Muse, du hast mein Herz berührt
Mit einem Liebeshauch!

Eduard Mörike