[Workshop] Bilderbücher unter der Lupe: Über gute und schlechte Kinderbücher und den Spaß am Vorlesen / Stadtbibliothek in Osterholz-Scharmbeck

Workshop am 29. Februar 2020 / Stadtbibliothek in Osterholz-Scharmbeck


Ich konnte es beinah kaum glauben: Wie mir Bibliotheksleiterin Iris Belz bei unserem Treffen beim Vorlesewettbewerb verriet, haben einige Eltern einerseits durchaus Hemmungen ihren Kindern vorzulesen, andererseits Angst, dafür nicht die richtige (pädagogisch wertvolle?) Lektüre zu wählen. So sollte dieser Workshop gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, bzw. die Verunsicherung vieler Eltern nehmen, die den Mitarbeiterinnen der Bibliothek häufig zwei Fragen stellen: „WAS sollte ich meinem Kind vorlesen?“ und „WIE lese ich richtig vor?“. Was läge da näher, als an einem Samstagvormittag einen kostenlosen Workshop für Interessierte anzubieten, um eben diese Fragen erschöpfend und kompetent zu beantworten. 9 Teinehmer*innen mit unterschiedlichen Vorbildungen und Motivationen hatten ihren Weg hierher gefunden: Da waren ebenso die Erzieherin, die in ihrer Einrichtung für die Bücherei zuständig ist, sowie die Mutter, die Inspiration für die eigenen Kinder suchte, als auch die Seniorin, die gerne als Lesepatin aktiv werden möchte, vertreten.

Dozentin Johanna Augustin ist in der Stadtbibliothek für das pädagogische Programm für die Kleinsten und Kleinen verantwortlich, kann aus einem reichhaltigen Kontingent an Erfahrungen schöpfen und nahm uns mit ihrem Einleitungssatz direkt die Ängste:

Beim Vorlesen gibt es kein „falsch“, denn ein „falsches“ Buch ist immer noch besser als kein Buch!

Studien belegen, dass ca. 20% der Kinder zum Zeitpunkt ihrer Einschulung deutlich sprachliche Defizite aufweisen. Darum kann mit dem Vorlesen nicht früh genug begonnen werden! Selbstverständlich spielen wir Erwachsene in unserer Funktion als Vorbild eine immens wichtige Rolle: Wir können von unseren Kindern nicht erwarten, mehr zu lesen, wenn wir selbst kein Buch in die Hand nehmen. Das gemeinsame Angucken der Bücher vermittelt Zuwendung und Geborgenheit und schafft Vertrauen. Das Lesen von Büchern erweitert den kindlichen Erlebnishorizont und fördert sowohl die Konzentrations- und Wahrnehmungsfähigkeit als auch die Sprachentwicklung. Die Liste der Vorteile scheint schier unendlich…!

Bilderbücher werden von den Kindern je nach Alter und Entwicklung sehr unterschiedlich wahrgenommen. Vorschulkinder empfinden die Geschichten als wahr: Genauso wie es den Weihnachtsmann gibt, gibt es natürlich auch Einhörner, Elfen & Co.! Der Humor in den Bilderbüchern sollte sehr bewusst eingesetzt werden und dem altersbedingten Humorverständnis entsprechen. Ironie wird von kleineren Kindern nicht verstanden. Kinder reagieren auf eine schöne Sprache sehr positiv: Die Sprache ist darum ebenso wichtig wie der Inhalt oder die Illustration. Auch sogenannte kritische Themen (Tod, Trauer und Verlust) dürfen in Bilderbüchern angesprochen und können mit Hilfe der Bücher verarbeitet werden. Wichtige Botschaft des Buches: Am Ende wird alles wieder gut!

Die Illustrationen nehmen natürlich bei einem Bilderbuch eine bedeutende Stellung ein und sind genauso wichtig wie die eigentliche Geschichte und sollten deren Inhalte wiederspiegeln. Dabei dürfen gerne Bilddetails, die die Geschichte ergänzen, vorhanden sein, sollten aber auch Raum für die kindliche Phantasie lassen. Auch bei den Illustrationen ist Ironie ebenso fehl am Platz wie Karikaturen oder physisch verzerrte Figuren.

Vorgelesen wird das, was das Kind möchte. Dabei kann/ darf die Lektüre sich durchaus wiederholen. Gerade diese Wiederholungen schaffen Rituale und stärken durch gemeinsame Erinnerungen die Bindung von Kind und Vorleser.

Zum Abschluss lud Frau Augustin uns zu einem Bilderbuch-Casting ein: Jede*r der Teilnehmenden suchte sich aus einem Haufen Bilderbücher mehr oder weniger spontan ein Buch aus, überprüfte es bzgl. des Inhalts, der Sprache und der Illustrationen und konnte es mit bis zu drei Sternen bewerten. Meine Wahl fiel auf „Ich wünsche mir einen Freund“ von Amy Hest und mit Illustrationen von Jenni Desmond. Dieses bezaubernde Bilderbuch hätte ich beim flüchtigen Durchblättern wahrscheinlich wieder aus der Hand gelegt, denn es offenbarte mir seinen zarten Charme erst beim detaillierten Betrachten und erhielt dafür volle 3 Sterne von mir! Auch bei Bilderbüchern lohnt sich somit ein zweiter Blick…!

Ich danke Frau Augustin herzlich für diesen gelungenen und kurzweiligen Workshop!


In unserer Stadtbibliothek finden regelmäßig die unterschiedlichsten Veranstaltungen für jedes Alter statt.

[Operette] Carl Millöcker – Der Bettelstudent / Stadttheater Bremerhaven

Operette von Carl Millöcker / Text von Friedrich Zell und Richard Genée

Premiere: 1. Februar 2020 / besuchte Vorstellung: 16. Februar 2020

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Inszenierung: Eike Ecker
Bühne & Kostüme: Ulrich Schulz
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Ohje, die Operetten-Puristen werden bei dieser Inszenierung erschüttert aufschreien: Alles – und wenn ich schreibe „alles“, dann meine ich wirklich „ALLES“ – wurde durch die Regisseurin Eike Ecker gegen den Strich gebürstet – und es war köstlich albern und herrlich überzeichnet! Aber nur so kann Operette heutzutage funktionieren: Entweder du nimmst als Regisseur*in die Handlung einer Operette ernst (wenn es das Sujet hergibt!) oder du machst – nachdem du einen Blick auf die oftmals hanebüchene Story geworfen hast – das genaue Gegenteil.

Ecker fischt sich aus dem großen Topf der Unterhaltung all die Zutaten heraus, die sie für einen abwechslungsreichen Operetten-Cocktail benötigt: Ein ordentliche Portion „Boulevard“, eine reelle Prise „Revue“ und einen Hauch „Trash“, und fertig ist eine bunte Seifenblase ohne Inhalt aber schön-schillernd anzusehen.

Die Irrungen und Wirrungen dieser Operette beginnen mit einem Kuss auf die Schulter einer jungen Dame und deren Schlag mit dem Fächer gegenüber dem Übeltäter, und schon ist die schönste Verwicklung im Gang. Einzelheiten erspare ich Euch und mir, denn auch die Handlung dieser Operette lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Sie lernen sich kennen! Sie verlieben sich! Sie trennen sich! Sie finden wieder zueinander! Sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende! ENDE!

Was bleibt ist eine locker-leichte Unterhaltung, die den Zuschauern eine ordentliche Portion Spaß bereitet, und alle Abteilungen eines Stadttheaters fordert. Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Hartmut Brüsch lässt Millöckers Musik so herrlich süffig erklingen. Auch optisch erstrahlt diese Inszenierung dank der Kreativität von Ulrich Schulz im satten Technicolor und punktet neben der Ausstattung mit farbenfrohen Kostümen und gewagten Frisuren.

Rainer Zaun gibt als vom Fächer getroffenen und Intrigen spinnenden Oberst Ollendorf eine imposante Figur, überzeugt mit schelmischen Spiel und seinem sonoren Bass. Cornelia Zink singt die auf der Schulter geküsste Komtesse Laura naiv-blond mit brillierendem Sopran. Als ihre Schwester Komtesse Bronislawa überzeugt Victoria Kunze nicht nur mit Stimme sondern auch mit einer immensen Spielfreude und ihrem ausgeprägten Talent für Komik. Deren Mutter, die Gräfin Nowalska mimt Sünne Peters mit witzigen Anleihen einer bösen Stiefmutter aus dem Märchen. Die beiden Bettelstudenten, scheinbaren Grafen und somit Objekte der Begierde für die Komtessen werden von MacKenzie Gallinger und Christopher Busietta mit tenoralem Verve und einem Hang zum Broadway verkörpert. Patrick Ruyters, Róbert Tóth, Shin Yeo und Patrizia Häusermann (in einer Hosenrolle) warfen sich mit Elan in ihre Rollen als dusseliger Sidekick von Oberst Ollendorf. In doppelter Funktion als Kerkermeister Enterich und Diener Onuphrie gefiel Schauspieler Guido Fuchs, der viele Lacher auf seiner Seite hatte.

Wenn ich mir eine Operette im Theater anschaue, dann erwarte ich keine intellektuelle Herausforderung. Im Gegenteil: Ich möchte mich schlicht und ergreifend „nur“ amüsieren. So kann ich dem Stadttheater Bremerhaven aus Überzeugung attestieren:

Bei Eurem „Bettelstudenten“ kommt das Amüsement wahrlich nicht zu kurz!


Der Bettelstudent bietet noch bis zum Ende der Spielzeit „Schmalz“ vom Feinsten.

[Musical] Elton John – Der König der Löwen / Stage Thea­ter im Hafen in Hamburg

Musik von Elton John / Liedtexte von Tim Rice / zusätzliche Musik & Liedtexte von Lebo M, Mark Mancina, Jay Rifkin, Julie Taymor und Hans Zimmer / Buch von Roger Allers und Irene Mecchi / Deutsch von Michael Kunze

Premiere: 2. Dezember 2001 / bisher besuchte Vorstellungen: 1. Juli 2003, 14. Juli 2005, 10. Oktober 2007, 14. Februar 2010 / zuletzt besuchte Vorstellung: 9. Februar 2020 / Stage Thea­ter im Hafen in Ham­burg


Musikalische Leitung: Bradley Nyström
Inszenierung: Julie Taymor
Choreographie: Garth Fagan
Bühne: Richard Hudson

Kostüme, Masken & Puppen: Julie Taymor & Michael Curry


Orkantief „Sabine“ fegte über Deutschland, somit auch über das Zelt-Theater im Hamburger Hafen und brachte die Lampenkonstruktion an der Decke des Foyers zum Schwingen. Wir saßen dort voller Vorfreude und erwarteten den Beginn der Vorstellung. 10 Jahre waren seit unserem letzten Besuch vergangen: 10 Jahre, in denen so viel passiert ist…! Das Leben hat sich verändert, vielmehr mein/ unser Leben hat sich verändert. Hier im Hamburger Theater im Hafen war auf einer beruhigenden Art alles beim Alten, und doch wieder aufregend neu…!

Die Schamanin Rafiki lässt ihren Ruf ertönen, die Sonne geht über der Steppe auf und die ersten Tiere erscheinen auf der Weite der Bühne. Mein Mann und ich sitzen gebannt nebeneinander, halten uns an den Händen, und Tränen rinnen über unsere Wangen. Für uns war und ist dies die emotionalste Eröffnungsszene, die wir je live auf einer Bühne erleben durften. Regisseurin Julie Taymor hat mit dieser Bühnenfassung des Disney-Filmklassikers eine Großtat vollbracht. Bei bisher keinem anderen Musical habe ich so deutlich die Handschrift einer einzelnen Künstlerin gespürt. Mutig hat sie den Film aus seinem Korsett befreit und der Geschichte für die Bühne eine neue Identität verpasst. Mit klassischen Bühnentricks und -effekten, mit dem Spiel von Perspektiven, dem Einsatz von Masken und der Kunst des Puppenspiels erschuf sie die Welt der Savanne zu neuem Leben,…

…und das weltweite Publikum staunt und strömt nun schon seit Jahrzehnten in die Vorstellungen: Seit über 18 Jahren begeistert der König der Löwen in Hamburg seine Zuschauer, und so stehen dort seit über 18 Jahren Abend für Abend talentierte Künstler*innen auf der Bühne und buhlen um die Gunst der Menschen im Auditorium.

Rafiki war bei Thulisile Thusi in besten Händen: Stimmgewaltig eröffnete sie die Show und stattete die Rolle mit Wärme, Weisheit und einem Hauch Verrücktheit aus. Mhlekazi Mosiea war zwar ein eher schmächtiger Mufasa, zeigte im Zusammenspiel mit seinem Bühnensohn aber sehr viel Herzlichkeit und berührte mit einem gefühlvoll gesungenem „Sie leben hier“. Die Puppe des Haushofmeisters Zazu wurde durch Joachim Benoit kunstvoll zu Leben erweckt, der diesen hyperaktiven Vogel geschickt mit sehr viel Situationskomik bedachte. Der Scar von Stefan Voigt war durchaus gemein und böse, wurde von ihm eher beiläufig gespielt. Gemeinsam mit seinen drei dusseligen Untergebenen, den Hyänen Shenzi, Banzai und Ed – dargestellt von Germaine Wilson, Simon Phezani Gwala und Sean Gerard, kam aber auch der Humor nicht zu kurz. Um die Sympathien der Zuschauer mussten sich Tobias Korinth als Timon und S’Thembiso Keith Mashiane als Pumba keine Sorgen machen: Beide Rollen sind per se dankbare Publikumslieblinge, das von den Darstellern auch gekonnt genutzt wurde. Gugu Zulu war eine aparte Nala und interpretierte mit warmer Stimme „Schattenland“. Simba wurde von Hope Main als ein vitaler, kraftstrotzender Jungspund porträtiert, der mit einem rührenden „Endlose Nacht“ auch Tiefe zeigte und gemeinsam mit Gugu Zulu ein entzückendes Leading-Paar bot. Für die meisten Darsteller*innen in diesem internationalen Cast ist Deutsch nicht die Muttersprache, und trotzdem überzeugten sie mit einer sehr deutlichen Aussprache. Viele Künstler der sprechenden Zunft sollten sich daran ein Beispiel nehmen, da vernuschelte Sätze gerade sehr hipp zu sein scheinen. Meinen größten Respekt haben bei solchen Produktionen immer die Kinder-Darsteller: Johnny als junger Simba und Loa als junge Nala waren absolut bezaubernd und meisterten ihre jeweiligen Parts mit einer immensen Spielfreude.

Zusammen mit großartigen Tänzern und Sängern, deren scheinbar unerschöpfliche Dynamik auf uns übersprang, boten die Künstler eine perfekte Show, die trotz aller Perfektion nicht routiniert wirkte sondern eine energetische Frische ausstrahlte – eine Leistung, die nach über 18 Jahren Open End an einem Standort nicht unbedingt selbstverständlich ist und somit meine Hochachtung verdient.

Dank Orkantief „Sabine“ war uns der Rückweg über die Köhlbrandbrücke verwehrt und so durften wir auf unserem Heimweg ganz neue Ecken vom Hamburger Hafen kennenlernen. Auf der Hinfahrt verspürten wir beim Passieren der Brücke einen Hauch von Wehmut: Vielleicht war dies unsere letzte Fahrt über die alte Köhlbrandbrücke. Das Schicksal dieses Wahrzeichens steht in den Sternen…!

Köhlbrandbrücke Hamburg.jpg


Der König der Löwen wird auch weiterhin im Stage Thea­ter im Hafen in Ham­burg gespielt!

[Oper] Pietro Mascagni – Cavalleria Rusticana & Ruggero Leoncavallo – Der Bajazzo / Stadttheater Bremerhaven

Cavalleria Rusticana: Oper von Pietro Mascagni / Libretto von Giovanni Targioni-Tozzetti und Guido Menasci / Der Bajazzo (Pagliacci): Oper von Ruggero Leoncavallo mit dem Libretto vom Komponisten / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 2. November 2019 / besuchte Vorstellung: 19. Januar 2020

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Martin Schüler
Bühne & Kostüme: Gundula Martin
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Als „die ungleichen Zwillinge“ werden sie genannt, diese beiden Kurz-Opern. Schon bald nach ihrer Uraufführung etablierte sich die Praxis, beide an einem Abend aufzuführen. Regisseur Martin Schüler verbindet sie Dank eines raffinierten Kniffs geschickt miteinander: Bei beiden Opern bilden die Zimmer in einem Altenheim den formalen Rahmen.

Bei „Cavalleria Rusticana“ denkt die alte Santuzza, am Rollstuhl gefesselt und auf Hilfe des Pflegepersonals angewiesen, an ihre verlorene Liebe Turiddu, der Alfios Gattin Lola liebte und ein Verhältnis mit ihr hatte. Aus Eifersucht informierte sie Alfio über diese Liebschaft, der Turiddu zum Duell aufforderte und ihn daraufhin tötete. Nun lebt Santuzza mit der Schuld, am Tod ihres Liebsten mitverantwortlich zu sein…!

Im Nachbarzimmer bei „Der Bajazzo“ erwacht der verkrüppelte Schauspieler Tonio und denkt an vergangene Erfolge bei einer Wanderbühne. Seiner heimlichen Liebe galt der damaligen Darstellerin der Colombine Nedda. Als er ihr seine Liebe offenbarte, wurde er nur ausgelacht und verspottet. Obwohl sie mit dem Direktor der Wandertruppe Canio verheiratet war, flirtete sie hemmungslos mit dem Darsteller des Harlekins und traf sich heimlich mit dem jungen Silvio. Tonio übte Rache: Er informierte Canio über die vielfältigen Liebschaften seiner Frau. Auf offener Bühne forderte der wütende Canio seine Frau Nedda auf, ihm die Namen ihrer Liebhaber zu nennen. Als diese sich weigert, stach er sie vor den Augen des Publikums nieder…!

Martin Schüler lässt in beiden Opern die Hauptakteuer auf ihr jeweiliges Leben zurück blicken: Jeweils am Lebensende ziehen die Bilder der Vergangenheit vor ihren geistigen Auge vorbei und quälen sie…! Die Regie zielt ganz auf das feine Herausarbeiten der inneren Zwiespälte der Protagonist*innen. Dunkler als gewohnt ist Schülers Inszenierung, und plakative Folklore sucht der Zuschauer vergebens.

Jadwiga Postrozna gibt eine mitleiderregende Santuzza mit warmen Sopran. Marco Antonio Rivera brilliert mit metallenem Tenor als Turiddu ebenso wie als Canio. Die Nedda von Tijana Grujic ist eine verführerische aber auch unbedacht wirkende junge Frau. Am wandlungsfähigen war allerdings Marian Pop, der als in sich gekehrter Alfio ebenso überzeugte wie als extrovertierter Possenreißer und verschlagener Störenfried Tonio. In kleineren Rollen überzeugten Patrizia Häusermann, Brigitte Rickmann, MacKenzie Gallinger und Vikrant Subramanian.

Dirigent Davide Perniceni lässt das Philharmonische Orchester Bremerhaven genügend Freiraum für Dramatik und Melodik. Schwelgerische Chorpassagen (fulminant vom Opernchor dargeboten) wechseln mit symphonischen Zwischenspielen und dramatischen Arien.

Verismo für Auge & Ohr, für Herz & Hirn…!


Die ungleichen Zwillinge der Opernliteratur tauchen nur noch für wenige Termine im Stadttheater Bremerhaven auf.

[Komödie] Samuel Benchetrit – Nach Paris! / TiO Osterholz-Scharmbeck

Komödie von Samuel Benchetrit / Deutsch von Annette und Paul Bäcker

Premiere: 11. Januar 2020 / besuchte Vorstellung: 18. Januar 2020

TiO – Theater in OHZ, Osterholz-Scharmbeck


Inszenierung: Bernd Schröter
Bühne: Beate Schöne
Kostüme: Ute Schmonsees


Ein einsamer Bahnhof in der Provinz: Eine junge Frau (Michelle), ein junger Mann (Vincent) und ein älterer Mann (Charles) warten auf den Zug nach Paris. Doch dieser Zug verspätet sich immer wieder und immer wieder. Drei auf den ersten Eindruck scheinbar fremde Menschen sind auf diesen heruntergekommenen Bahnhof gestrandet. Gestrandet sind sie nicht nur hier: Jede*r von ihnen ist im Leben an einem Punkt angekommen, an dem sie schon gestrandet sind, bzw. es vorbestimmt scheint, dass sie stranden werden. Nur langsam entwickelt sich ein Gespräch zwischen den Wartenden. Beinah zögerlich werden die Gründe der jeweiligen Reise, familiäre Verbindungen und Lebensentwürfe und -wünsche verraten. Gegenseitige Sympathien keimen auf und werden wenig später auch wieder im Keim erstickt. Jede*r der Reisenden hält Zwiesprache mit sich und mit der Stimme der Bahnansage, die ein überraschendes wie beängstigendes Eigenleben führt! Als endlich der Zug nach Paris im Bahnhof eintrifft, ist alles anders: Die Karten des Lebens wurden neu gemischt…!

Regisseur Bernd Schröter gelingt es mit leichter Hand, Humor mit Melancholie zu paaren: Es darf durchaus gelacht werden, doch im nächsten Moment kann schon eine Träne rinnen. Französisches Flair weht durch die Szenerie und siedelt die Handlung zwischen Realität und Märchen an.

Eine Überraschung erlebt der Zuschauer beim Bühnenbild: Die gesamte Bestuhlung des Saals hat sich um 90° nach rechts gedreht. Das Geschehen spielt sich nicht mehr auf der Bühne ab. Die gesamte Länge des Saals mutiert nun zum Bahnhof. Der Zuschauer sitzt somit „auf den Gleisen“, blickt frontal auf den Bahnhof und somit direkt hinein in die Handlung. Bühnenbildnerin Beate Schöne hat einen äußerst ansprechenden wie stimmungsvollen Rahmen für diese zarte Komödie geschaffen und begeistert mit entzückenden Details.

Drei starke Darsteller*innen stehen auf der Bühne: Francine Fromme gibt eine zarte Michelle zwischen Naivität und Koketterie, zwischen Freiheitsdrang und sich geborgen fühlen (wollen). Jan Makow stattet den Vincent als bedachten jungen Mann mit Träumen, Idealen aber auch klaren Grundsätzen aus und lässt ihn – trotz aller Zurückhaltung – nicht farblos erscheinen. Carsten Mehrtens vollzieht mit dieser Komödie ein Wechsel im Rollenfach und wandelt sich vom Womanizer/Bad Boy zum reifen Charakterdarsteller. Dies steht ihm ausgesprochen gut zu Gesicht: Sein Charles ist liebenswert kauzig und fordernd, dann wieder rührend und behütend. Last but not least: Als „Sidekick“ leiht Miriam Pukies der Bahnansage ihre prägnante Stimme.

Mit einer Träne im Augenwinkel und einem wohligen Gefühl im Herzen durfte ich das Theater verlassen. Das TiO: Theater in OHZ – Scharmbecker Speeldeel ist seinem Ruf als ambitionierte Amateur-Bühne wieder einmal mehr als gerecht geworden.


Bis Anfang Februar 2020 steht diese feine Komödie noch auf dem Spielplan des TiO – Theater in OHZ. Weitere Infos findet Ihr hier.

[Komödie] Jacobs & Netenjakob – Extrawurst / Stadttheater Bremerhaven

Komödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob

Premiere: 20. Dezember 2019 / besuchte Vorstellung: 28. Dezember 2019

Stadttheater Bremerhaven / Kleines Haus


Inszenierung & Bühne: Andreas Rehschuh

Kostüme: Juliane Götz


Eine Vereinsversammlung in der Provinz. Dr. Heribert Bräsemann (Kay Krause), Präsident des Tennisclubs TC Lengenheide, ist gerade mit 100 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden. Als letzter Punkt der Tagesordnung muss noch über den Kauf eines neuen Grills für das alljährliche Sommerfest entschieden werden, und dann geht der gemütliche Teil des Abends mit Bier und kaltem Nudelsalat los. Aber da schlägt Melanie (Julia Lindhorst-Apfelthaler), Doppelpartnerin von Erol, vor, dass man doch einen zweiten Grill anschaffen sollte, weil Erol und seine Frau ihr Grillgut nicht zum Schweinefleisch der anderen Mitglieder auf den Grill legen dürfen. Erol (Henning Bäcker) will diese «Extrawurst» gar nicht, aber Melanie lässt nicht locker, zum Missfallen des stellvertretenden Vorsitzenden Matthias (Max Roenneberg). Und ihr Mann Torsten (Richard Lingscheidt) unterstützt ihr Anliegen zwar prinzipiell, beobachtet Melanies Fürsorge für Erol aber mit wachsender Eifersucht. Und mir nichts dir nichts ist der schönste Streit im Gange, es ist von «Türkenwurst» und «Schweinedampf» die Rede und Heriberts Vorschlag, seinen unbenutzten Elektro-Grill zu benutzen, lehnt Erol mit dem Argument ab, das fühle sich an wie «Türken-Charity».

Im vertrauten Setting einer Jahresversammlung gelingt den beiden Autoren das Kunststück, in einer pointierten Komödie die entscheidende Frage zu stellen: Gibt es auch am Grill eine deutsche Leitkultur? Die Zuschauer sind als Vereinsmitglieder Teil des Geschehens und erleben hautnah mit, wie sich eine Gesellschaft nachhaltig zerlegen kann, wenn Atheisten und Gläubige, Deutsche und Türken, «Gutmenschen» und Hardliner frontal aufeinanderprallen. (Text von Peter Hilton Fliegel für das Programmheft zu „Extrawurst“)

Der Deutsche und seine Vereinskultur: Das Patriarchat agiert in der Verkleidung der Demokratie. Der Verein als Profilierungsbühne des kleinen Mannes.

Regisseur Andreas Rehschuh lässt im steril-sauberen, tennis-weißen Bühnenbild ein Abbild der Gesellschaft vor den Blicken der Zuschauer entstehen. Überspitzt comic-haft haben die Gegenstände markante schwarze Konturen, ebenso wie die Kostüme von Juliane Götz, die mit wenigen prägnanten Strichen, die Charaktere der Handlungspersonen beschreibt bzw. die Klischees, die sich dahinter verbergen (die strenge Bügelfalte vom spießigen Präsidenten, der betonte Hosenschlitz vom potenten Türken etc.). Geschickt verteilt Rehschuh die Schauspieler im Zuschauerraum: Ihr verbaler Schlagabtausch zwingt die Zuschauer – wie bei einem Tennisturnier der Blick dem Ball folgt – den Kopf nach links und rechts zu wenden, um die Reaktionen der Protagonisten zu beobachten.

„Links“ und „Rechts“: Wo steht wer? Unterdrückte Ressentiments spülen an die Oberfläche einer scheinbaren Toleranz. Gerne wäre jeder von uns ein Gutmensch, doch leider kämpfen wir alle mit unseren persönlichen Vorurteilen. Diese Komödie deckt bloß aber liefert nicht aus. Sie erlaubt ein befreiendes Auflachen aber sorgt auch dafür, dass das Lachen in der Kehle stecken bleibt.

Regisseur Andreas Rehschuh greift am Stadttheater Bremerhaven auf ein talentiertes Ensembles zurück, dass frei von übertriebenen Attitüden die Motivation der jeweiligen Person für das Publikum glaubwürdig sichtbar macht – ohne an Sympathie zu verlieren. Sie sind eben auch nur Menschen…!


Die Extrawurst wird noch bis April 2020 im Stadttheater Bremerhaven auf dem Rost liegen und auf komödiantische Abnehmer warten.

[Schauspiel] Günter Grass – Die Blechtrommel / Stadttheater Bremerhaven

Schauspiel nach Günter Grass / für die Bühne bearbeitet von Peter Schanz

Premiere: 9. November 2019 / besuchte Vorstellung: 17. November 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Inszenierung: Mark Zurmühle
Bühne: Eleonore Bircher
Kostüme: Ilka Kobs
Video: Aaron Bircher
Musikalische Einstudierung: Hartmut Brüsch

„Zugegeben: Ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus den Augen.“

…dies ist nicht nur der erste Satz des Romans „Die Blechtrommel“, so beginnt auch das Schauspiel. Oskar Matzerath blickt zurück sowohl auf 50 Jahre Familiengeschichte als auch auf 50 Jahre deutscher Geschichte. Der Junge, der mit drei Jahren beschließt, nicht mehr weiterzuwachsen, ist Unschuld und Verkommenheit zugleich. Scheinbar harmlos wirkend beobachtet er mit einem beinah sezierenden Blick die Entwicklungen in der Familie und der Gesellschaft und zieht an den Schicksalsfäden ganz nach seinem Gusto. Mit dem Klang seiner Trommel und der Fähigkeit, Glas mit seiner Stimme zum Zerspringen zu bringen, manipuliert er erbarmungslos seine Umwelt.

Dem Regisseur Mark Zurmühle ist mit seinem 7-köpfigen Ensemble eine stringente, aufwühlende Inszenierung gelungen, in der – außer Max Roenneberg als Oskar Matzerath – alle übrigen Schauspieler*innen mehrere Rollen verkörpern. Das Schauspiel beginnt in der besagten Heil- und Pflegeanstalt: Beinah steril wirkt das Bühnenbild mit seinem runden Pavillon und den weißen Stühlen. Oskar liegt angeschnallt auf einer Behandlungsliege und wird von Ärzten, Pflegern und Schwestern in weißer, uniformierter Kluft beobachtet. Und während Oskar mit dem Erzählen beginnt, verwandelt sich das Personal der Heil- und Pflegeanstalt mit wenigen Requisiten und Kostümteilen in die Protagonisten seiner Geschichte…!

Ein aufwendiges Bühnenbild wird nicht benötigt: Das Können der Schauspieler*innen fesselt das Publikum. Die Kraft ihrer Darstellung macht Hilfsmittel wie ein üppiges Bühnenbild überflüssig.

Max Roenneberg gibt einen wendigen Oskar, der jungenhaft naiv und diabolisch abstoßend zugleich ist, und bildet mit seinen Kolleg*innen ein eingespieltes Ensemble, das wie Perlen auf einer Schnur die Geschehnisse vor den Augen des Publikums aufreiht. Sascha Maria Icks, Richard Lingscheidt, Julia Lindhorst-Apfelthaler, Dominik Lindhorst-Apfelthaler, Kay Krause und Henning Bäcker bilden ein so homogenes Ensembles, dass es mir schwerfällt, einzelne Künstler hervorzuheben: Jede*r zeigte eine immense Wandlungsfähigkeit und hatte große, bewegende Momente. Mark Zurmühle verzichtet wohltuend auf plakative Gesten und greller Symbolik: Der Freitod mit dem Strick wird mit Hilfe einer Krawatte und einer Kartoffel dargestellt, und auch das Hakenkreuz wird nicht benötigt, um die Atmosphäre dieser Zeit zu repräsentieren.

Wer ein 60 Jahre altes Werk modern und eindrucksvoll auf der Bühne sehen möchte, sollte den Weg nach Bremerhaven nicht scheuen!


Oskar Matzerath wird Die Blechtrommel weiterhin für einige Vorstellungen am Stadttheater Bremerhaven schlagen…!

[Musical] Frank Wildhorn – Der Graf von Monte Christo / Stadttheater Bremerhaven

Musical von Frank Wildhorn / Buch und Songtexte von Jack Murphy / Orchestrierung und Arrangements von Kim Scharnberg und Koen Schoots / Deutsch von Kevin Schroeder

Premiere: 21. September 2019 / besuchte Vorstellung: 26. Oktober 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Felix Seiler
Bühne & Kostüme: Hartmut Schörghofer
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Fechtchoreographie: Jean-Loup Fourure
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Bombastisch wie eine Welle rollt die Musik vom Philharmonischen Orchester unter dem dynamischen Dirigat von Davide Perniceni aus dem Graben Richtung Publikum. Der Chor eröffnet mit einem dramatischen Sopran-Solo, und schon sind wir mitten im Intrigenspiel rund um den jungen Seemann Edmond Dantès, das im Original vom Romancier Alexandre Dumas erdacht wurde.

Eine schändlichen Intrige von Fernand Mondego, Gérard von Villefort und dem Baron Danglars, die alle selbstsüchtig aus persönlichen Beweggründen (Begierde, politisches Kalkül, Geldgier) agieren, trennt Edmond Dantè von seiner Angebeteten Mercédès. Er wird unschuldig zu lebenslanger Haft im Kerker Château d’If verurteilt. Mit der Hilfe seines Mitgefangenen, dem alten Abbé Faria gelingt ihm nach 14 Jahren die Flucht. Der sterbende Abbé verrät ihm das Versteck eines sagenhaften Schatzes auf der Insel Monte Christo. Ein Piratenschiff unter der Führung der Kapitänin Luisa Vampa bringt ihn dorthin. Mit einer neuen Identität als wohlhabender Graf von Monte Christo kehrt Dantè in seine Heimat zurück, um zu erkennen, dass seine große Liebe Mercédès mit seinem Widersacher Fernand Mondego unglücklich verheiratet ist. Deren gemeinsamer Sohn Albert steht kurz vor der Verlobung mit der reizenden Valentine. Die Freundschaft mit ihm nutzt der Graf von Monte Christo um sich seinen Widersachern zu nähern. Sein Spiel aus Rache und Richten beginnt…!

Komponist Frank Wildhorn hat sich im Laufe der Jahrzehnte einen Namen mit der Vertonung klassischer Stoffe (Jekyll & Hyde, The Scarlet Pimpernel, Cyrano de Bergerac, Carmen, Bonnie & Clyde) gemacht. Sein kompositorischer Stil passt auch hervorragend zu diesen Sujets und bietet eine Mischung aus symphonischen Klang und üppigen Chorsätzen, filmischen Underscore und emotionalen Balladen. Dabei liefert er immer wieder eine effektvolle Musik, die der Handlung durchaus dient, aber leider auch innerhalb seiner Werke austauschbar erscheint. Trotz aller Gefälligkeit gibt es kaum Melodien, die länger im Ohr bleiben. Auch in Bremerhaven ist er kein Unbekannter: In der Saison 2016/17 zeigte das Stadttheater eine moderne Inszenierung von „Dracula“ mit Anna Preckeler als Mina, Maximilian Mann als Jonathan Harker und Christian Alexander Müller in der Titelrolle.

Regisseur Felix Seiler bietet mit Bühnenbildner Hartmut Schörghofer dem Publikum eine sensationelle Inszenierung. Seiler lotet mit seinem Ensemble die Beziehungen der Protagonisten zueinander aus und kreierte so eine dichte Inszenierung mit einer überzeugenden Personenführung. Er erlaubte sich den Spaß und versteckte kleine „Easter Eggs“ aus Film (Titanic) und Musical (The Phantom oft he Opera) in die Handlung (Zumindest war ich der Meinung, diese dort entdeckt zu haben!).

Vikrant Subramanian überzeugte in der Titelrolle mit klassischem Bariton, den er musical-like zurücknahm, um so mit flexibler Stimme zu glänzen. Auch darstellerisch hat er sich in den letzten Jahren zu einem „Leading Man“ des Hauses gemausert. Sein Widersacher Fernand Mondego wurde von Marco Vassalli beinah unangenehm schmierig verkörpert: In seinem dunkel-gefärbten Bariton schwang immer ein gehöriges Maß an Gefährlichkeit mit. Anna Preckeler glänzte als Gast (nach Dracula) wieder in einem Wildhorn-Musical, sei es als junge leidenschaftliche Frau oder als ältere verzweifelte Mutter, und bot auch gesanglich große Momente. Die größte Überraschung präsentierte allerdings Victoria Kunze in der Doppelrolle Luisa Vampa/ Valentine: Während sie die Piratenkapitänin rollendeckend robust-vulgär mit einem Hang zur Komik anlegte, gestaltete sie die Rolle der Valentine sehr zart mit lyrischem Sopran und emotionalem Spiel.

Seiler versteht es nicht nur seine Protagonisten sondern auch den Opernchor geschickt zu führen. Selten habe ich den Chor so spielfreudig und variabel erlebt. Mein besonderes Lob gilt hierbei den Damen, die nicht nur als Piratinnen und Ladies der feinen Gesellschaft gefielen: Auch als „Mädchen der Nacht“ waren sie ungewohnt kokett-frivol! Das Ballett des Hauses zeigte in der Choreografie von Andrea Danae Kingston sein Können und war weit mehr als „nur“ schmückendes Beiwerk, während Jean-Loup Fourure für die Einstudierung der rasanten Fechtchoreografie verantwortlich war.

Ein weiterer „Hauptdarsteller“ war das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer: Er schafft auf der variablen Drehbühne immer wieder neue Spielebenen, arbeitet mit dem Wechsel der Perspektiven, bei denen auch Licht und Schatten eine besondere Bedeutung spielten, und nutzt alle Möglichkeiten der Bühnentechnik. Auf der rechten Bühnenseite wurden mit Hilfe von Vorhängen, Versatzstücken und dem geschickten Einsatz von Projektionen die unterschiedlichen Handlungsorte dargestellt. Die linke Bühnenseite sowie die spiralförmig ansteigende Drehbühne erschienen dagegen wie aus Stein: Auf der Drehbühne führten lange Kreidestriche in verschiedene Richtungen und wirkten wie Verbindungen innerhalb eines Beziehungsgefüges bzw. einer Figurenkonstellation. Die linke Wand war dafür übersät mit vielen kleinen Strichen, die die Tage/ Monate/ Jahre symbolisieren sollten, die Edmond Dantè in Château d’If verbrachte.

Es war erstaunlich und eine Freude zu erleben, wie sich aus allen Einzelteilen dieser Inszenierung ein großes, fulminantes Ganzes formte. Das Stadttheater Bremerhaven hat (wieder) nachdrücklich bewiesen, dass durchaus auch ein kleines Haus in der Lage ist, seinem Publikum exzellente Musical-Unterhaltung zu bieten.


Der Graf von Monte Christo kämpft noch bis zum Ende der Spielzeit um Rache und Gerechtigkeit.

[Lesung] Karsten Dusse – Achtsam morden / Buchhandlung „die schatulle“ Osterholz-Scharmbeck

Lesung am 27. September 2019 / Buchhandlung „die schatulle“ in Osterholz-Scharmbeck


Karsten Dusse (gesprochen „Düss“) war mir durchaus schon vor „Achtsam morden“ bekannt – also: nun nicht unbedingt „namentlich“, sondern eher mehr „optisch“! Jeder von uns kennt folgende Situation: Man (also: ich) liegt zuhause mit einer Erkältung auf dem Sofa dumm rum, mangels vorhandenem Elan zappt man (wieder: ich) durch die TV-Programme. Da bleibt man (immer noch: ich) zwangsläufig bei einer dieser vielfältigen Reality-Soaps hängen. Und da ist er auch schon: In schwarzer Robe, zurück gegeltem Haar und aggressiv-arrogantem Auftreten mimt Karsten Dusse den Strafverteidiger bei „Richterin Barbara Salesch“. Wobei er ein Mimen nicht nötig hatte, da er als promovierter Rechtsanwalt vom Fach ist. Allerdings würde ich aufgrund seines TV-Auftretens diesen Rechtsverdreher lieber nicht im Dunkeln und schon gar nicht im Gerichtssaal begegnen wollen. Sein erster Kriminal-Roman hat mir dafür umso mehr gefallen (hier geht’s zur Rezension).

„Richterin Barbara Salesch“ war die Show, diese Lesung ist die Realität: So sitzt uns ein zurückhaltend-freundlicher und sympathischer Autor gegenüber, der sehr zugewandt jeden Signierwunsch mit meditativer Ruhe erfüllt. Zudem verfügt Karsten Dusse über eine angenehme Lese-Stimme und hatte seine Textpassagen klug gewählt: Der unvoreingenommene Zuhörer bekam einen guten Eindruck über den Stil des Romans, der kundige Zuhörer erfreute sich am Wiedererkennen der vorgetragenen Passagen. Gemeinsam genossen wir einen heiteren und kurzweiligen Abend!

Foto Andreas Kück - Karsten Dusse achtsam morden.jpg

Überdies wuchert Dusse mit einem absoluten Sympathie-Pfund in Form seiner Hündin Rosa. Dieses entzückende Fell-Wesen verbrachte die erste Zeit der Lesung schlummernd zu Herrchens Füßen, um dann einen ausgedehnten Rundgang durch die Buchhandlung zu machen. Überall dort, wo während der Lesung aus scheinbar unerfindlichen Grund ein/e Zuschauer*in sich spontan vorbeugte, bekam Rosa sicher ein paar Streicheleinheiten. Und „wie der Herr so das Gescherr“, so ruhte auch Rosa in ihrer meditativen Mitte.

Zum Abschied verriet uns Karsten Dusse noch folgendes: Zum einen ist eine Verfilmung des Romans in Planung, zum anderen arbeitet er schon an der Fortsetzung.

Die Zeichen für eine weitere Lesung in der Buchhandlung „die schatulle“ stehen somit auf „Heiter“. Bis dahin: Schön achtsam bleiben!


Karsten Dusse ist mit „Achtsam morden“ auf Lesetour: Termine findet Ihr hier.

[Lustspiel] Wilfried Wroost – Een Mann mit Charakter / Ohnsorg Theater Hamburg

Lustspiel von Wilfried Wroost

Premiere: 25. August 2019 / besuchte Vorstellung: 24. September 2019 / Ohnsorg Theater Hamburg


Inszenierung: Michael Koch
Kostüme: Krzysztof Sumera, Britta Lindenstrauß-Buhrke, Andrea Oppenländer
Bühne: Katrin Reimers

Hat ein Lustspiel, dass seine Uraufführung in den 50er Jahren an eben diesem Theater (damals natürlich noch im alten Haus in der Großen Bleichen) erlebt hat, im Jahre 2019 mit seinen Themen wie Klimawandel und zunehmenden Rechtsruck überhaupt noch Platz auf der Bühne? Ist es nicht eher ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, in der der Mann als Patriarch der Familie über das Wohl der Tochter entscheidet, und das Frauenbild allgemein vor lauter Staub kaum sichtbar ist?

ja! Ja!! JA!!! möchte ich schreien…! Es muss auf die Bühne – unbedingt!

In der Zwischenzeit ist es die 6. Inszenierung an diesem Haus: In den ersten fünf Inszenierungen stand Heidi Kabel in der Rolle der Dora Hinzpeter auf der Bühne und machte sie zu einer ihrer Paraderollen. Ihre Tochter Heidi Mahler kann mit der aktuellen Inszenierung ihr viertes Mitwirken an „En Mann mit Charakter“ verbuchen: 1969/70 und 1978/79 als Tochter Gisela, 1989/90 als Mutter Selma und nun natürlich als Dora Hinzpeter.

Die Frauenrollen werden – wie ein Staffelstab – anscheinend von Generation zu Generation weitergegeben: Beate Kiupel und Eileen Weidel können schon erahnen, wohin sie ihre jeweilige Bühnenlaufbahn führen wird (Übrigens: 1989/90 stand Beate Kuipel als Tochter Gisela neben den beiden Heidis auf der Bühne.).

Bäckermeister Heinrich Hinzpeter ist ein Mann mit Charakter. Darum hat er vor Jahren nicht gezögert, die schwangere Braut seines Bruders zu ehelichen, als dieser sie sitzen ließ und das Land Richtung New York verließ. Doch seiner Ehe mit Selma war kein dauerhaftes Glück beschienen: Auch wenn die gegenseitige Zuneigung nie erloschen ist, so ein Mann mit Charakter ist eben auch ein rechter Bullerballer und Dickkopf. Hinzpeter führt seine Familie wie auch die Mitarbeiter seiner Backstube mit strenger Hand – meint er, denn in Wirklichkeit hat seine Mutter Dora immer noch das Zepter in der Hand und lenkt klug die Geschicke der Familie. Die Strenge des Vaters bekommt auch Tochter Gisela zu spüren, von der er erwartet, dass sie zum Erhalt der Bäcker-Dynastie einen Mann vom Fach ehelicht. Bäckergeselle Karl Kroepelin hat ein Auge auf die hübsche Gisela geworfen. Leider hat sie nur Augen für den feschen Finanzbeamten Detlef Düwel, der dummerweise zur Finanzprüfung ins Haus schneit und damit wenig Sympathie bei Heinrich Hintzpeter erweckt. Als sich der lang verschollene Bruder aus Amerika zu Doras 90. Geburtstag anmeldet, scheint die Verwirrung perfekt…!

Klug hat Regisseur Michael Koch das Stück in Maßen aktualisiert und in die 70er Jahre transferiert. Mehr Aktualität wäre dem Stück auch nicht gut bekommen: Heutzutage ist die Schwangerschaft einer unehelichen Frau kein gesellschaftliches Tabu mehr, und Töchter lassen sich nicht vorschreiben, wen sie zu heiraten haben – Familiendynastie hin oder her. So zünden einige Gags auch nur im Hinblick auf die zeitliche Verankerung. Kochs Regie bleibt der Tradition treu, erfreut gleichzeitig mit der einen oder anderen Neudeutung der Rollen und lässt die Protagonisten so herrlich „menscheln“.

Das Ohnsorg-Theater war und ist ein Garant dafür, das wunderbare Volksschauspieler*innen auf der Bühne stehen. Till Huster als „Mann mit Charakter“ grantelt und bärbeißt, lässt unter der rauen Schale aber immer eine Portion Gefühl durchblitzen. Beate Kiupel als Selma leistet sich charmante Auftritte, verteidigt ihre Tochter gluckenhaft, während sie ihrem Ex-Gatten unterhaltsam die Stirn bietet. Eileen Weidel als hübsche Tochter Gisela darf – ganz Kind der 70er – deutlich frecher und selbstbewusster als ihre Rollenvorgängerinnen sein und erfreut mit frischem Spiel. Der Detlef Düwel von Christian Richard Bauer ist ein sympathischer Charmebolzen mit Schalk im Nacken, der sich vom Familien-Patriarch nicht einschüchtern lässt. Robert Eder schafft es, die Figur des Karl Kroepelin nicht zur Karikatur verkommen zu lassen. Lara-Maria Wichels sorgt als Bäckerlehrling Peter für frischen Wind auf der Bühne, und Manfred Bettinger gibt den verschollenen Bruder Fritz Hintzpeter als bigotten Langeweiler.

Gerade in der heutigen Zeit brauchen wir (brauche ich) ein klein wenig „heile Welt“, in der Herzlichkeit, Familiensinn, das aufeinander Achten und füreinander Dasein im Mittelpunkt steht. Volkstheater im besten Sinne sozusagen…! Während das Boulevardtheater die Komik aus der Übertreibung schöpft, zieht das Volkstheater den Humor aus der scheinbaren Alltäglichkeit und lotet hier die Grenzen der Glaubhaftigkeit aus. Da wird umarmt und gebusselt, der Partnerin ein Haar aus dem Gesicht gestrichen oder dem Partner ein krummer Kragen gerade gerückt – so ganz nebenbei und unaufgeregt, so wie wir es im echten Leben auch tun würden. Die Schauspieler*innen agieren in den stimmigen Kostümen der 70er und in einem wunderschönen Bühnenbild, das mit Liebe zum Detail begeistert: Bei entsprechender Beleuchtung gibt die Rückwand der Wohnstube den Blick in das Ladenlokal der Bäckerei Hintzpeter frei. Das Ohnsorg-Theater ist Volkstheater durch und durch – egal ob mit Wilfried Wroost, William Shakespeare oder Siegried Lenz, egal ob bei Lustspiel, Broadway-Musical oder Klassiker. Denn all dies findet der Zuschauer bei diesem modernen Mundart-Theater.

Dreh- und Angelpunkt dieser Inszenierung ist die wunderbare Heidi Mahler als Dora Hinzpeter: ein überreiches Talent wurde ihr in die Wiege gelegt. Doch der Schatten einer hochtalentierten und über alle Maßen beliebten Mutter kann auch erdrückend sein (Zu Beginn des Stücks schaut die Mütter beinah übermächtig von der Leinwand.). Vielleicht bietet sich ein Vergleich der beiden Heidis an – besonders bei Rollen, die beide verkörpert haben. Vielleicht drängt sich die Erinnerung an die ältere Heidi neben dem Spiel der jüngeren Heidi. Vielleicht…! Nein, kein „Vielleicht…!“. Heidi Mahler feierte in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag, und steht seit über 55 Jahren auf der Bühne. Und so spielt sie die lebenskluge, schlagfertige Dora Hintzpeter anders als ihre Mutter aber nicht weniger „echt“. Und als großes Kompliment für Heide Mahler und dem gesamten Ensembles sei gesagt, dass sich während der gesamten Aufführung kein Gedanke an einen Vergleich in meinen „Bregen“ drängte.

„En Mann mit Charakter“ soll Heidi Mahlers letzte Premiere sein. Ich danke ihr von ganzem Herzen für das Übermaß an Freude, das sie in den vergangenen Jahren in mein Leben gebracht hat!

Foto Mirko Hannemann - public address

Am Premieren-Abend von „En Mann mit Charakter“ erhielt Heidi Mahler von Dr. Christian Breitzke, Vorstand des Vereins Niederdeutsche Bühne e.V. und Vorsitzender des Aufsichtsrats des Ohnsorg-Theaters die Ehrenmitgliedschaft des Ohnsorg-Theaters. Die Ehrenmitgliedschaft ist die höchste Auszeichnung, die das Ohnsorg-Theater zu vergeben hat. Sie würdigt herausragende Persönlichkeiten, deren Bedeutung für das Ohnsorg-Theater außergewöhnlich wichtig, richtungsweisend oder prägend ist. In der 117-jährigen Geschichte des Ohnsorg-Theaters wurde die Ehrenmitgliedschaft zuvor nur viermal verliehen: an Heidi Kabel, Hilde Sicks, Helmuth Kern und Christian Seeler.


Das Ohnsorg Theater spielt diesen plattdeutschen Klassiker nur noch bis Anfang Oktober und geht dann auf Tournee – vielleicht auch in Eurer Nähe.