[Komödie] Eberhard Streul & Otto Schenk – DIE STERNSTUNDE DES JOSEF BIEDER / TiO Osterholz-Scharmbeck

Komödie von Eberhard Streul und Otto Schenk

Premiere: 16. Oktober 2021 / besuchte Vorstellung: 17. Oktober 2021

TiO – Theater in OHZ, Osterholz-Scharmbeck


Inszenierung: Marne Ahrens
Bühne: Beate Schöne


Theater in Zeiten von Corona: Es war und ist für jede Bühne eine Herausforderung. Doch besonders kleine und allerkleinste Theater trifft es besonders hart. Nicht nur, dass die Hygienevorschriften vor, auf und hinter der Bühne umgesetzt werden müssen, auch die Abstandsregelung zwingt viele Theater, die per sé schon überschaubaren Plätze im schnuckeligen, engen und gemütlichen Theaterraum weiter zu reduzieren. Die Folgen: weniger Zuschauerzahlen = weniger Einnahmen = Existenzängste! Selbst eine Amateur-Bühne wie das TiO – Theater in OHZ, wo alle Bühnenschaffenden dies als ihr Hobby ansehen und somit sich ehrenamtlich für das Theater engagieren, spürte diese Folgen. Laufende Kosten scheren sich nun mal nicht um eine Pandemie. Doch das TiO – Theater in OHZ suchte neue Wege und fand diese: ein Darsteller auf der Bühne, ein Regisseur vor der Bühne, eine Requisiteurin hinter der Bühne und ein Techniker am Licht- und Ton-Pult – alle mit dem geforderten Abstand zueinander. Zudem wurde ein passendes Stück mit einer überschaubaren Länge gefunden. So startete im Dezember 2020 die Crew mit den Proben ins Ungewisse, doch mit dem festen Willen, sobald sich eine Möglichkeit bietet, wieder Theater für ihr Publikum anbieten zu können. Und das Konzept ging auf…!

Josef Bieder ist Chefrequisiteur am örtlichen Theater und schon seit Jahrzehnten in diesem Beruf tätig. Er kennt sich aus, und nichts und niemand könnte ihn aus der Ruhe bringen. Das dachte er zumindest, bis er an einem vorstellungsfreien Tag unversehens auf der Bühne steht, um diese für die Aufführung am nächsten Tag vorzubereiten, und im halbdunklen Zuschauerraum Publikum wahrnimmt. Wie konnte dieses Malheur nur passieren? Das kann doch nur ein peinlicher organisatorischer Fehler „von Denen da oben“ sein. Während er versucht, die Verantwortlichen an die Strippe zu bekommen, sucht er den Kontakt mit dem Publikum, denn schließlich „Sie können ja nichts dafür…!“. Dabei entwickelt sich zunehmend ein Monolog, in dem Bieder mehr und mehr ins Plaudern gerät und seine harmlose Schwärmerei für seine junge Assistentin Leni offenbart. Er gewährt „seinem“ Publikum Einblick in seinen Tätigkeitsbereich, gibt Anekdoten über Sänger und Dirigenten zum Besten, zelebriert die verschiedenen Arten der Verbeugung ebenso überzeugend wie das Todeszucken des sterbenden Schwans, und so ganz nebenbei verrät er charmant seine persönlichen Leidenschaften. Nach einer Stunde – seiner Sternstunde – ist seine Arbeit getan, und er verabschiedet sich (und uns) in den wohlverdienten Feierabend.

Manchmal ist weniger mehr: einige wenige Bühnenteile, eine Handvoll Requisiten, dazu ein talentierter Schauspieler unter der Führung eines fähigen Regisseurs, und fertig ist die humorvolle Unterhaltung mit Niveau. Dabei mutete anfangs alles eher etwas nüchtern an: Das Publikum tritt in den Saal und schaut auf die offene Bühne, die Bühnenbildnerin Beate Schöne im Arbeitslicht wenig ansprechend wirken lässt. Ebenso erlaubt Carsten Mehrtens seinen Josef Bieder nicht von vornerein allzu sympathisch über die Rampe zu kommen. Vielmehr wirkt er eher spröde und scheint verunsichert ob der Situation, die er gerne schnellstmöglichst geklärt wissen will. Doch da er „von Denen da oben“ keine schnelle Rückmeldung erhält, ist Bieder gezwungen zu improvisieren. Und so wie die Kulisse plötzlich im Bühnenlicht Atmosphäre ausstrahlt, so blüht unser ältlicher Requisiteur mit jedem weiteren Satz, mit jeder weiteren Anekdote mehr und mehr auf.

Carsten Mehrtens gelingt bravourös der Spagat zwischen Melancholie, Humor und Slapstick. Grandios wie er mit differenzierter Mimik und Gestik die unterschiedlichen Formen der Verbeugung darstellt, voller Zartheit in seiner Schwärmerei von Leni erzählt und über das Altern philosophiert, um dann mit Cadenza den Fächertanz im Tütü darzubieten. Regisseur Marne Ahrens wird einen nicht unwesentlichen Anteil am Gelingen dieses Abends haben. So führt er seinen Schauspieler klug durch diesen Monolog, erlaubt ihm Pausen des Nachdenkens und Resümierens, nutzt geschickt Requisiten und würzt den Text mit lokalen Anspielungen.

Nach einer guten Stunde war das Vergnügen leider schon zu Ende. Doch diese Stunde war nicht nur die Sternstunde des Josef Bieder, sondern ebenso eine Sternstunde für alle Mitwirkende und eine Freude für jede*n, die/der intelligente Unterhaltung zu schätzen weiß.


Hingehen, anschauen und einen tollen Abend verleben: DIE STERNSTUNDE DES JOSEF BIEDER werden noch bis November im TiO – Theater in OHZ zu sehen sein.

[Oper] Jacques Offenbach – HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN (Les Contes d’Hoffmann) / Stadttheater Bremerhaven

Fantastische Oper in  fünf Akten von Jacques Offenbach / Libretto von Jules Barbier / nach dem gleichnamigen Drama von Jules Barbier und Michel Carré / in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 25. September 2021 / besuchte Vorstellung: 3. Oktober 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann
Inszenierung: Johannes Pölzgutter
Bühne & Kostüme: Julius Semmelmann
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Zum ersten Mal in dieser Saison sitzen wir im Rahmen unseres Abonnements im Stadttheater Bremerhaven und starten mit der Eröffnungs-Inszenierung: „Big – Bigger – Biggest“ könnte über diesen Abend stehen, den es wird die ganz große Oper zelebriert. Dabei bezieht sich diese Aussage nicht etwa auf eine Gigantomanie in der Ausstattung – hier wird eher auf eine zurückhaltende doch äußerst elegante Optik gesetzt – sondern vielmehr auf die Macht der Gefühle und den Reiz der Musik.

Der Dichter E.T.A. Hoffmann sieht sich am Ende seiner Schaffenskraft: Wo ihn früher die Muse mit Inspiration überschüttete, fühlt er nun nur eine Leere, die er mit Alkohol zu füllen versucht. Doch die Muse hat ihn nie verlassen. Vielmehr ist sie nach wie vor an seiner Seite und bemüht sich, seinen göttlichen Funken nicht verlöschen zu lassen. Ein schweres Unterfangen, da Hoffmann mehr auf seine Saufkumpane hört. Sie stacheln ihn an, von seiner großen Liebe Stella zu erzählen. Nach anfänglichem Zögern ist er dazu bereit und versucht, seine Liebste anhand von drei Frauentypen zu beschreiben, wo jede eine andere Facette von Stella zeigt.

Da wäre als erste seiner Auserwählten Olympia, das mechanische Wunderwerk des genialen Konstrukteurs Spalanzani, die wunderbar singt, wunderbar tanzt und wunderbar aussieht. Leider hat sie einen großen Nachteil: Sie hat kein Herz, und sobald ihr der Strom abgedreht wird, sackt sie in sich zusammen. Doch Hoffmann ist von dieser perfekten Puppe geblendet, zumal ihm der zwielichtige Coppélius eine Brille verkaufte, durch die er die Welt nur in den schönsten Farben wahrnimmt. Da muss die Muse erst den Stecker ziehen, damit er unsanft auf den Boden der Tatsachen fällt.

Seine zweite Auserwählte ist die sterbenskranke Antonia, die von ihrem Vater Crespel behütet wird. Singen bedeutet für die junge Frau alles, doch gerade diese Leidenschaft würde ihr den Tot bringen. Hoffmann hat ihr seine schönsten Verse gewidmet, die nun nie über ihre Lippen kommen werden. Doch die Liebe zu ihr ist größer als sein Ego. Der Quacksalber Miracle hypnotisiert die Menschen in Antonias Nähe und verführt diese, trotz aller Warnungen zu singen. Tot bricht sie zusammen. Hoffmann ist verzweifelt.

Die dritte Auserwählte ist die Kurtisane Giulietta, die bewusst ihre Reize einsetzt, um so rücksichtslos die Männer für ihre Vorteile zu manipulieren. Auch Hoffmann verfällt dieser „Femme fatal“, die ihn zu einem Verbrechen anstachelt. Trotz aller Mühe seiner Muse, ihn aufzuhalten, begeht er einen Mord, indem er seinen Nebenbuhler erwürgt. Doch seine Angebetete ist längst mit dem diabolischen Dapertutto über alle Berge.

Die Saufkumpane bedauern das Leid, das die Liebe verursacht, und gönnen sich einen weiteren Schluck. Doch Hoffmann wurde von seinen eigenen Erzählungen wach gerüttelt und sieht deutlich seine Muse vor sich, die ihm Papier und Stift reicht…!

Kaum eine andere Oper wurde so häufig umgeschrieben, gekürzt, Akte umgestellt wie bei Les contes d’Hoffmann, zumal Jacques Offenbach noch vor der Uraufführung verstarb und so keine endgültig redigierte Fassung hinterließ. So bietet dieses Werk schon über Jahrhunderte reichlich Interpretationsspielraum für kreative Theatermacher. Für Bremerhaven besah sich Regisseur Johannes Pölzgutter das Werk, das wie ein zerfranster Teppich anmutet, nahm die losen Enden auf, verknotete sie und verwebte sie dann zu einem stringenten Bild. Heraus kam eine Inszenierung ohne Effekthascherei, bei der die Konstellation der Personen zueinander im Mittelpunkt steht. Die Dynamik auf der Bühne entsteht somit nicht aus einer Hyperaktion des Ensembles sondern aus den Emotionen des Handlungspersonals. So wandelt sich im Laufe der Handlung zunehmend „Comique“ zu „Dramatique“.

Unterstützung in seinem Regiekonzept fand Pölzgutter im Bühnen- und Kostümbildner Julius Semmelmann, der Hoffmanns Welt in herrschaftlich-eleganten Räumen spielen lässt, mit dem Öffnen der Wände bzw. der Verschiebung des kompletten Bühnenbilds neue Perspektiven zaubert und zusätzlich mit raffinierten Überraschungen überzeugt. Auch bei seinen Kostümen ist der rote Faden sichtbar: So gewandete er die Damen in einer einheitlichen Farbpalette, erlaubt ihnen durch prägnante Einzelheiten aber auch Individualität. Dafür muten Hoffmanns Saufkumpane wie Klone des Dichters an. Die Muse schwirrt im eleganten Grau und einem Hauch Androgynität mit ihren Engels-Flügelchen durch die Szenerie. Hoffmann bleibt immer Hoffmann. Er ist die Titelfigur: Eine großartige Verkleidung ist hierbei nicht nötig.

Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Marc Niemann schien Offenbachs Melodien zu zelebrieren. Niemann führte Solisten und den vorzüglichen Chor sicher durch die Partitur und vollbrachte u.a. das Wunder, dass die zum Schlager verkommene Barcarole im 4. Akt dank aller Beteiligten zu einem musikalischen Genuss wurde.

Mirko Roschkowski gab den Hoffmann sowohl mit tenoraler Verve als auch mit nuanciertem Spiel. Seine Nebenbuhler in den einzelnen Akten wurden alle von Marian Pop verkörpert, der es mit seinem vollen Bariton schaffte, nicht „nur“ böse zu sein, sondern auch die Persönlichkeiten der jeweiligen Figur offenzulegen. Tenor Andrew Irwin zeigte in seinen Auftritten eine enorme Wandlungsfähigkeit: sei es als ein verschrobener „Big Bang Theory“-Nerd bei der Erschaffung von Olympia, als voluminös-robuste Haushälterin bei Antonia oder als der exaltierte Assistent von Giulietta. Ulrich Burdack hatte in der kleinen Rolle als Antonias Vater Crespel leider nur sehr wenige Gelegenheiten, seinen warmen, volltönenden Bass zu präsentieren.

Auch wenn wir hier den Erzählungen eines Mannes lauschen, so steht das Weib (die Weiber) im Mittelpunkt dieser Oper: Victoria Kunze brilliert als Olympia, meistert die Koloraturen wieder mit Leichtigkeit und liefert ein komödiantisches Kabinettstückchen ab. Marie-Christine Haase überzeugt als totgeweihte Künstlerin, die an ihrer Kunst zerbricht, und singt mit empfindsamen Sopran. Signe Heiberg gibt das Vollblutweib Giulietta mit üppiger Erotik und triumphierender Stimme. Die Muse von Patrizia Häusermann ist kein zartes Vögelchen, vielmehr greift sie beherzt ins Geschehen ein, um „ihren“ Hoffmann vor Schlimmeren zu bewahren. Dass sie singen kann, muss sie niemanden mehr beweisen, und doch erfreut es mich immer, wenn innerhalb einer überzeugenden Inszenierung ein zusätzliches Highlight aufblitzt: Hier gestaltet sie die schon erwähnte Barcarole gemeinsam mit Signe Heiberg äußerst geschmackvoll und fern jeglicher Schlager-Seligkeit.

Im Stadttheater Bremerhaven wurde (wird) GROSSE Oper präsentiert, das vom Publikum absolut zu Recht mit einem frenetischen Schluss-Applaus gewürdigt wurde.


Wann HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN wieder präsentieren werden, erfahrt Ihr auf der Homepage vom Stadttheater Bremerhaven.

[Konzert] ERÖFFNUNGSGALA 2021/2022 / Stadttheater Bremerhaven

mit der Ouvertüre für Orchester von Grażyna Bacewicz und Arien von Johann Strauß, Charles Gounod, Jacques Offenbach, Albert Lortzing, Édouard Lalo und Eduard Künneke

mit Ausschnitten aus „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ von Tom Stoppard, „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmidt“ von Fin-Ole Heinrich & Dita Zipfl und dem Ballett „Faust“ von Sergei Vanaev

Premiere: 11. September 2021 / besuchte Vorstellung: 11. September 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
Moderation: Lars Tietje, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Marcus Tatzig, Sergei Vanaev
Szenische Einrichtung: Edison Vigil

Musiktheater: Ulrich Burdack, Patrizia Häusermann, Signe Heiberg,
Marcin Hutek, Andrew Irwin
Ballett: Alicia Navas Otero, Ting-Yu Tsai, Tanaka Lionel Roki, Stefano Neri
Schauspiel: Henning Bäcker, Leon Häder, Dominik Lindhorst-Apfelthaler
JUB: Philipp Haase, Luca Hämmerle, Coco Plümer, Severine Schabon
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Wie Ihr sicherlich schon bemerkt habt, berichte ich hier unter „Kulturelles Kunterbunt…“ gerne und oft von Aufführungen, die ich am Stadttheater Bremerhaven besucht habe. Nun könntet Ihr mir eine gewisse Einseitigkeit in der Berichterstattung vorwerfen bzw. mir unterstellen, ich wäre parteiisch. Dazu möchte ich folgendes erwidern: JA! STIMMT! 

Ich fühle mich der Stadt Bremerhaven und auch dem Stadttheater schon seit Jahrzehnten verbunden. Vielleicht wurde mir diese Verbundenheit schon in die Wiege gelegt: Mein Vater war in den 70er Jahren in der dortigen Fischerei tätig und fuhr mit den großen Fangschiffen „auf hohe See“. Als kleiner Pöks brachte ich ihn gemeinsam mit meiner Mutter zum Anleger und holte ihn dort – einige Monate später – auch wieder ab. Auch als mein Vater längst abgemustert hatte, drängte es ihn immer wieder zum Hafen. Jahre später entdeckte ich das Stadttheater Bremerhaven für mich und saß dort am 22. September 1991 zur Premiere des Musicals „Evita“ zum ersten Mal im Zuschauerraum. Viele weitere Vorstellungen sollten folgen, auch wenn es durchaus auch eine Zeit gab, in der ich die Programmauswahl wie auch einige Inszenierungen etwas bieder empfand und untreu wurde. Doch auch während dieser Periode richtete ich meinen Blick immer zum Stadttheater, und besonders die Intendanz von Ulrich Mokrusch empfand ich als wohltuenden Frische-Kick. Mir gefiel das Gesamtpaket aus Klassikern des Repertoires und aufregenden Neu- bzw. Wiederentdeckungen, aus interessanten Künstlerpersönlichkeiten, deren Weiterentwicklung ich mit verfolgen durfte, aus der spürbaren Nähe zum Publikum, die sich durch vielfältige Aktionen und in persönlichen Begegnungen widerspiegelt. Darum haben wir uns vor einigen Jahren für ein Abonnement entschieden.

Doch die Mokrusch-Ära ist nun vorbei, und der neue Intendant Lars Tietje stellte sich vor. So saßen wir im Zuschauerraum und warteten gespannt auf den Beginn der Eröffnungsgala, die uns einen kleinen Einblick in die kommende Spielzeit geben und gleichzeitig neue Gesichter im Ensemble vorstellen sollte. Ein Blick ins Spielzeitheft 2020/2021 schürte bei uns schon die Vorfreude und versprach, dass es eine spannende und abwechslungsreiche Saison werden würde.

Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann eröffnete die Gala mit „Ouvertüre für Orchester“ von der polnischen Komponistin Grażyna Bacewicz. Sie wirkte auf mich beinah wie der Soundtrack eines alten Hollywood-Klassikers. So ging beim Klang dieses voluminösen Stücks meine Phantasie auf Reisen: Bei den dramatischen Passagen sah ich Cary Grant in einem Sportwagen über unwegsame Serpentinen rasen, in der Hoffnung seine Verfolger abschütteln zu können. Dieser Auftakt war klug gewählt: In der kommenden Konzert-Saison des Philharmonische Orchesters werden die Komponistinnen des 19. und 20. Jahrhunderts, die leider allzu häufig ein Schattendasein gegenüber ihrer männlichen Kollegen führen, im Mittelpunkt stehen.

Intendant Lars Tietje führte souverän durch das Programm und holte sich zu den einzelnen Programmpunkten mit Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Marcus Tatzig und Sergei Vanaev gerne die Leitung der jeweiligen Sparte auf die Bühne.

Henning Bäcker, Leon Häder und Dominik Lindhorst-Apfelthaler vom Schauspiel-Ensemble überzeugten mit einem Ausschnitt aus der Tragigkomödie „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ von Tom Stoppard. Dieses Stück verspricht mit seinen pointierten Dialogen für eine intelligente Unterhaltung.

Philipp Haase, Luca Hämmerle, Coco Plümer und Severine Schabon vom JUB (Junges Theater Bremerhaven) sorgten in ihren Szenen aus „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmidt“ von Fin-Ole Heinrich & Dita Zipfl für frischen Wind auf der Bühne und amüsierten mit ihrer gerappten Darbietung eines Pfannkuchen-Rezepts.

Andächtige Stille herrschte im Publikum als die Tänzer*innen Alicia Navas Otero, Ting-Yu Tsai, Tanaka Lionel Roki und Stefano Neri die getanzte Version des Faust-Mythos ihres Ballettmeisters Sergei Vanaev virtuos präsentierten. Selbst in den Pausen zwischen den einzelnen Bildern wagte niemand, diese Atmosphäre durch Applaus zu zerstören. Dafür brandete am Ende der Darbietung der Beifall umso enthusiastischer auf.

Bei den musikalischen Programmpunkten gab Marc Niemann den Taktstock einem Staffelstab gleich an seine Kollegen Davide Perniceni und Hartmut Brüsch weiter, die das Orchester und die Solisten ebenso überzeugend durch die Arien leiteten. Das Musiktheater-Ensemble wartete mit einigen vielversprechenden Neu-Zugängen auf: Signe Heiberg sang mit natürlichem Sopran und sympathischer Ausstrahlung die Arie „Grüß dich Gott“ aus der Johann Strauß Operette „Wiener Blut“. Andrew Irwins lyrischer Tenor schmiegte sich durch die Partitur „Vainement ma bien aimée“ von Édouard Lalos „Le Roi d’Ys“. Der variable Bass von Ulrich Burdack gefiel in der Arie „Fünftausend Taler“ aus der Oper „Der Wildschütz“ von Albert Lortzing. 5.000 – diese Zahl scheint bei ihm Programm zu sein: So hat er doch Anfang August bei der beliebten TV-Rate-Show „Gefragt-gejagt“ genau diesen Betrag (natürlich in Euro) erspielt, indem er im Alleingang gegen den Jäger das Finale gewann.

Aber auch die/der „alte“ Häsin/Hase aus dem Musiktheater konnten überzeugen: Bariton Marcin Hutek gehört schon seit der vergangenen Spielzeit zum Ensemble, konnte allerdings Pandemie-bedingt leider nur wenig von seinem Talent zeigen. Hier gab er nun mit der Arie „Avant de quitter ces lieux“ aus Charles Gounods Oper „Faust“ den gelungenen Einstieg zum gleichnamigen Ballett. Höhepunkt der jährlichen Eröffnungsgala ist immer die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. In diesem Jahr nahm eine sichtlich gerührte Patrizia Häusermann diesen Preis in Empfang. Die Mezzosopranistin Patrizia Häusermann gehört schon seit einigen Spielzeiten zum Ensemble und konnte mich immer mit ihrer Musikalität, ihrem Talent und ihrer Wandlungsfähigkeit überzeugen. Dass die Verleihung dieses Preises völlig zu Recht erfolgte, bewies sie mit der gefühlvoll interpretierten Arie „Vois sous…“ aus der Jacques Offenbach-Oper „Hoffmanns Erzählungen“. Gemeinsam mit ihren Kolleg*innen beendete sie die Gala mit dem schmissigen „Batavia-Fox“ aus der Operette „Der Vetter aus Dingsda“ von Eduard Künneke, zu dessen Gelingen Edison Vigil mit einer humorvollen szenischen Einrichtung beitrug.

Das Stadttheater Bremerhaven kredenzte uns wieder ein schmackhaftes Buffet mit vielen kleinen, feinen Leckereien: So verlies ich kulturell reichlich gesättigt und mit einem wohligen Hochgefühl das Theater!


Mit dieser Eröffnungsgala wurde die SAISON 2021/2022 am Stadttheater Bremerhaven feierlich eingeläutet.

[Komödie] Sönke Andresen – OFFLINE FÖR EEN AVEND (UA) / Ohnsorg Theater Hamburg

Komödie von Sönke Andresen / Plattdeutsch von Christian Richard Bauer

Premiere: 22. August 2021 / besuchte Vorstellung: 24. August 2021
Ohnsorg Theater Hamburg


Inszenierung: Murat Yeginer
Bühne & Kostüme: Beate Zoff


Hamburg – meine Perle! Sind tatsächlich schon beinah zwei Jahre vergangen, seitdem wir das letzte Mal bei dir zu Gast waren? Auch damals waren wir zu dir gekommen, um uns ein Stück im legendären Ohnsorg Theater anzuschauen. Nun sind wir aus ebendiesem Grund wieder bei dir: …und dazwischen, was war dazwischen? Ach, reden wir nicht darüber, sondern freuen uns lieber, dass wir gesund wieder beisammen sind.

Der Möbel-Mitnahmemarkt „ahoy!-Möbel“ feiert sein 75-jähriges Bestehen mit einer Motto-Kostüm-Party, bei der alle Mitarbeiter*innen getreu dem Firmennamen maritim kostümiert zu erscheinen haben. Genau am Abend der großen Jubiläumsparty bricht Kassiererin Carla gemeinsam mit ihrer Kollegin Debbie, ihres Zeichens Verkäuferin in der Matratzenabteilung, über den Lüftungsschacht in das Büro ihres Chefs Jörn Brunkhorst ein. Carla sucht belastendes Material gegen ihren Chef, der sie für den Krankenhausaufenthalt einer Kollegin verantwortlich macht und ihr mit Abmahnung, wenn nicht sogar Kündigung droht. So sinnt Carla auf Rache, findet allerdings kein belastendes Material. Stattdessen albert sie mit einer phallusförmiges Figur aus Terrakotta, ein Erbstück der verstorbenen Frau Mama, herum und rekelt sich scheinbar wollüstig vor der Handykamera, um ihrer erkrankten Kollegin mit diesem Filmchen zu erfreuen. Dummerweise beginnt der Nachname eben dieser Kollegin mit demselben Buchstaben wie der ihres Chefs: 1x nicht richtig hingeschaut, 1x zu schnell getippt und schon landet das pikante Video auf dem Handy des Chefs. Nun ist guter Rat teuer: Der Chef darf dieses Video unter keinen Umständen zu Gesicht bekommen, Carla wäre sonst auf der Stelle arbeitslos. So möbliert – Äh! – mobilisiert sie die Massen, spannt ihre Freundin Debbie ebenso für ihre Pläne ein, wie ihren Ex-Gatten Horst, der als Gabelstapelfahrer im Lager arbeitet und zum Firmenjubiläum zum tanzenden Show-Act im Meer-Mann-Kostüm mutiert. Auch die in den Chef verschossene Lone Rasmussen, Urenkelin des Firmengründers, wird hemmungslos von ihr für ihre Zwecke manipuliert. Carla lässt sich immer neue hanebüchene Geschichten einfallen, um ihre Anwesenheit im Büro des Chefs zu erklären und ihm so das Handy mit dem pikanten Video zu entlocken. Dabei hat er ganz andere Sorgen…!

Regisseur Murat Yeginer setzt in seiner Inszenierung auf Tempo und jagt sein Ensemble im Stil der klassischen Screwball-Komödien über die Bretter: schnell und mit dem nötigen Timing aber nie hektisch. Dabei überrascht er mit kleinen, feinen Gags und ermöglicht seinen Schauspieler*innen, Profil und Charakter ihrer Figuren zu entwickeln. Das Bühnenbild von Beate Zoff überzeugt im beinah sterilen Ambiente eines Möbelhauses, wie es überall in der Republik stehen könnte. Erst ein zweiter oder auch dritter Blick offenbaren die vielen Details (das maritime Muster der Auslegeware, die typischen Preisschilder an den Möbeln), die sich auch in den Kostümen (die Namensschilder des Personals, ein Werbeaufdruck auf dem T-Shirt) wiederfinden.

Wie eigentlich immer beim Ohnsorg Theater punktet auch „Offline för een Avend“ mit einer passgenauen Auswahl der Schauspieler*innen. Nele Larsen gibt die zuckersüße Lone mit Naivität und Sex-Appeal. Meike Meiners verzweifelt als Debbie beinah an ihrem Zwiespalt zwischen Karrieredenken und Loyalität gegenüber Carla. Erkki Hopf gefällt in seiner akzentuierten Darstellung des Jörn Brunkhorst, der verzweifelt versucht, sein „dunkles“ Geheimnis zu verschleiern.

Markus Gillich entlockt den Kehlen des Publikums so manches Lachen, wenn er als leicht alkoholisierter Meer-Mann Horst eine choreografierte Kostprobe seines Show-Acts zum Besten gibt und diese zudem auf der Bierflasche pfeifend musikalisch untermalt.

Beate Kiupel glänzt voller Spielfreude und stattet ihre Carla mit patentem Mutter-Witz aus. Als „alte“ Häsin am Ohnsorg Theater versteht sie es famos, ihre Pointen punktgenau zu setzten, und startet so etliche Humor-Offensiven, z.Bsp. wenn sie sich beim kompromittierenden Video-Dreh rollig auf dem Schreibtisch wälzt oder ihrem Chef kokett-verführerisch das Handy zu entlocken versucht.

Der Regisseur „himself“ sorgt als Stimme von Praktikant Ibrahim für einen Running-Gag: Ibrahim beherrscht die deutsche Sprache nur rudimentär, muss allerdings das Mikro der Information besetzen, scheitert so beinah tragisch-komisch an der gender-neutralen Ansprache von Kund- und Belegschaft und führt diese so ad absurdum. Dabei war Schadenfreude hier nicht nur völlig fehl am Platz, sie war schlichtweg nicht existent: Das Publikum durfte mit den Figuren lachen. Es lachte aber nie über sie. Das Ensemble des Ohnsorg-Theaters wandelte trittsicher auf dem schmalen Grat zwischen Klamauk und Komik, zwischen Überzeichnung und Glaubwürdigkeit, ohne diesen je zu verlassen.

Das Ensemble des Ohnsorg-Theaters beherrscht eben bravourös die schwere Kunst der leichten Unterhaltung!


Das Ohnsorg Theater spielt OFFLINE FÖR EEN AVEND noch bis zum 25. September 2021.

DER [INNOVATIONS-AWARD] …auf alte Freunde und neue Bekanntschaften!

Als ich die Aktion auf dem Buchperlenblog von Gabriela, der Initiatorin dieses Awards, entdeckte, spielte ich schon mit dem Gedanken – auch ohne Nominierung – daran teilzunehmen. Doch dann kam dieses, jenes und welches dazwischen, und die Aktion geriet bei mir zwar nicht in Vergessenheit, rückte allerdings ein wenig in den Hintergrund. Doch da hatte ich die Rechnung ohne meine Schwester im Geiste gemacht: Auf ihrem Blog Buchpfote hat Tina nicht nur die Idee dieser Aktion ganz wunderbar umgesetzt, sie hat dankenswerterweise auch mich nominiert,…

…und da bin ich nun!!!

Doch worum geht es überhaupt bei diesem [INNOVATIONS-AWARD]? Es geht schlicht und ergreifend um eine kollegiale Vernetzung innerhalb der Blogger-Community, damit wir weiterhin sichtbar bleiben und nicht in Vergessenheit geraten. Denn: Es ist hier still geworden – bei mir und auch bei vielen meiner Kolleg*innen – vielleicht zwangsläufig, da wir alle pandemie-bedingt anderen Herausforderungen ausgesetzt sind. Doch gerade in solchen Zeiten brauchen wir motivierende Aktionen wie diese…!

Darum: Macht gerne mit!!!


Natürlich gibt es ein paar Regeln, die es zu befolgen gilt:

  • Nenne den Schöpfer des Awards und setze einen Link auf den Blog. ✔️
  • Nutze den bekannten Header des Awards oder erstelle dir selbst einen. ✔️
  • Danke der Person, die Dich nominiert hat und verlinke ihren Blog in Deinem Post. ✔️
  • Nominiere selbst ein paar Blogger. ✔️
  • Vor allem, hab Spaß daran mitzumachen!!! ✔️✔️✔️

 Für meinen Beitrag gilt:

  • Stelle deinen Blog kurz vor. ✔️
  • Erzähle gern von anderen Formaten/Beiträgen abseits von Rezensionen. ✔️
  • Empfehle einen Blog, den du gern besuchst. ✔️

Wer bin ich?

Mein Name ist Andreas Kück, ich bin 51 Jahre alt, aus Überzeugung verheiratet und lebe mit Kerl & Kater in einer niedersächsischen Kreisstadt in der Nähe von Bremen. Hauptberuflich bin ich als examinierter Krankenpfleger in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung tätig.
Zuerst habe ich versucht etwas Blog-Ähnliches auf facebook zu etablieren, habe aber sehr schnell festgestellt, dass dies nicht das richtige Medium für mich ist bzw. für das, was ich mir vorstelle. Zudem gefielen mir auch teilweise das Niveau und der Umgangston dort nicht. So habe ich mich auf die Suche nach möglichen Alternativen gemacht und dabei einen guten Freund interviewt, der selbst schon einen Blog hatte. So kam es, dass ich am 7. Juli 2018 meinen ersten, (sehr) kleinen Beitrag auf meinem brandneuen Blog veröffentlicht habe.

Auf ein besonderes Buchgenre bin ich nicht spezialisiert, wobei die Krimis einen deutlichen Anteil bei meinen Rezensionen einnehmen. Ansonsten lese ich auch sehr gerne Romane und Erzählungen, taste mich so langsam an die Lyrik heran und muss natürlich als Patenonkel des liebsten Patenkinds der Welt wissen, was bei den Kleinen so »up to date« ist – abgesehen davon, dass ich selbst wunderschöne Kinder- und Jugendbücher über alles liebe. Sogenannte »Splatter-Thriller«, bei denen schon ab dem ersten Absatz das Blut aus den Seiten tropft, lese ich eher selten – ebenso wie Fantasy, Gothic und klassische Liebesromane.

Bei mir kann die geneigte Besucherin/ der geneigte Besucher meines Blogs neben Rezensionen noch eine Menge mehr entdecken: Gedichte, Zitate von Autoren und aus Büchern, Kurz-Portraits von Autoren, Glossen, Beiträge zu besonderen Tagen oder Aktionen und noch eine Menge mehr (s.a. unten).


Fernab der klassischen Rezension…

Montagsfrage (1)

130 (im Wort: einhundertunddreißig) Mal hat Antonia, die Hüterin der MONTAGSFRAGE meine Kolleg*innen und mich mit der Beantwortung einer Frage rund um die Themen Bloggen, Lesen und Literatur herausgefordert. So manches Mal ertönte nach dem ersten Lesen mein verzweifelter MONTAGSFRAGE-Schrei, da ich so spontan nichts aber auch gar nichts mit der Frage anfangen konnte. Doch statt zu resignieren, wird dann immer mein Ehrgeiz geweckt. Schließlich bin ich einer der wenigen Teilnehmer*innen, der ALLE Fragen bisher beantwortet hat (und auch weiter beantworten wird „bis das der Tod…“, aber das ginge hier doch zu weit). So blicke ich Frage für Frage auf mich und mein Leben als Leser, rüttle an den Schubladen meiner Erinnerungs-Kommode, befördere so einiges Verschüttetes an die Oberfläche und reflektiere so mein eigenes Handeln. Liebe Antonia, nochmals meinen herzlichsten Dank für diese Möglichkeit zur Selbstreflektion…!

Blog-ge-switch-er

Ich lese einen Beitrag auf einem Blog, einer Literaturseite, einem Buchportal etc. und denke „Diesen interessanten Artikel musst du dir merken!“. Doch wie stelle ich es am Elegantesten an? Listen anlegen? Karteikarten erstellen? Archive pflegen? Dann kam mir der Gedanke, dass diese Artikel evtl. auch für meine Mit-Blogger*innen von Interesse sein könnten. So war die Idee für [Blog-Ge-„switch“-er] geboren. Zugegeben, es ist ein sperriges Wort. Aber mir wollte partout nichts Originelleres einfallen. Was ich aber im Grunde damit ausdrücken wollte, ist, dass ich von einem Blog zum nächsten Blog „gehüpft“ bin und mir angeschaut habe, was meine Blogger-Kolleg*innen so alles Interessantes „gezwitschert“ bzw. veröffentlicht haben.

kulturtipps

Pandemie-bedingt ist es leider auf dieser Rubrik ruhiger geworden: Keine Kultur, keine Tipps! Es war zum Heulen! Natürlich hoffe ich, dass die Zeiten nun besser werden, und ich so eine reelle Chance habe, diese Rubrik bald wieder mit mehr Inhalt füllen zu können. Was allerdings unabhängig von dieser Rubrik vor und während der Pandemie weiterhin erfolgte, waren meine Beiträge zu Kulturelles Kunterbunt… (sofern welche stattfanden), in denen ich meine Eindrücke von Besuchen bei kulturellen Events wiedergab. Schaut doch mal vorbei!

Literaten im Fokus

Manchmal juckt es mich und ich muss mich kratzen! – will heißen: Manchmal stolpere ich über eine Autorin/ einen Autor und denke „Über diese Person wolltest du schon immer viel mehr erfahren!“. Manchmal gebe ich diesem Drang sogar nach. So wurde die Rubrik Literaten im Fokus geboren. Im Rahmen einer kleinen Retrospektive schaue ich auf das Leben und Wirken dieser Literaten und werfe auch einen Blick auf Zeitumstände und Weggefährten. Es ist eine sehr interessante aber auch zeit- und arbeitsintensive Auseinandersetzung mit Künstler*innen der schreibenden Zunft.

Ich lade gern mir Gäste ein! Be my guest...

Dies ist mein jüngstes Baby, das gerade erst seine ersten zaghaften Schritte gemacht hat, und ich bin dankbar für alle meine Gäste, die diese Schritte gemeinsam mit mir gewagt haben. Die Idee hinter dieser Rubrik ist eigentlich sehr einfach erklärt: Warum soll immer nur ich auf meinem Blog „sabbeln“, wo ich doch tolle Menschen kenne, die so viel Interessanteres zu berichten hätten. Nachdem schon Ute und Carmela zu Wort kamen, wird im September Lars von seinen Erfahrungen als Selfpublisher berichten.

Die Bücher meines Lebens

Besonders das Ende des Jahrs 2019 war sehr bewegend für mich: Ich feierte meinen 50. Geburtstag! Es war für mich an der Zeit, ein Resümee zu ziehen und Entscheidungen zu treffen. Auch einen sehr persönlichen Rückblick auf mein Leben als Leser gönnte ich mir anhand von 14 Büchern, die ich mit größtem Bedacht auswählte und die so zu Recht den Titel Die Bücher meines Lebens tragen dürfen. Es war für mich einerseits emotional aufwühlend und gleichzeitig sehr, sehr schön. Anhand der Bücher konnte ich viele wichtige Stationen meines Lebens benennen, die mir nochmals offenbarten, warum ich der Mensch werden konnte, der ich heute bin…!

Lektüre zum Fest

Hatte ich schon erwähnt, dass ich Weihnachten liebe? Nein! Also: Ich liebe, liebe, liiiiiebe Weihnachten und selbstverständlich auch die passende Literatur. Hach, und es gibt Jahr für Jahr immer so viel Schönes und Neues zu entdecken. Von dieser Ausbeute profitiere ich natürlich auch als Vor-Leser. Und da ich hoffe, dass ich nicht der einzige Weihnachts-Fan in der Blogger-Sphäre bin, bekommt Ihr immer ab Mitte Oktober ein mehrgängiges Menü zur Literatur zum Fest aufgetischt. Bon Appetit!


Wen empfehle ich Euch?

Seit Beginn meiner Blogger-Karriere verfolge ich seinen Blog reisswolfblog und bin ein Fan seiner kompetenten und ausführlichen Rezensionen. Dabei geizt er manchmal nicht mit bissig-ironischen Kommentaren und würzt seine Beiträge auch gerne mit einer Prise „schwarzen Humor“. Doch auch bei ihm meine ich, eine gewisse Trägheit wahrzunehmen.

Lieber Frank!
Vielleicht kann ich Dich hiermit ein wenig aus Deiner Lethargie scheuchen!
Gruß Andreas


Ich gebe den Award weiter an…

…da ich bei jedem einzelnen dieser Blogs, der Meinung bin, dass sie ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient hätten! 

[Ballett] Sergei Vanaev – Feuerwerksmusik (UA) / Stadttheater Bremerhaven

Tanzabend von Sergei Vanaev mit Musik von Georg Friedrich Händel / Uraufführung

Premiere: 29. Februar 2020 / besuchte Vorstellung: 25. Juni 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Choreographie & Bühne & Kostüme: Sergei Vanaev


„Gut Ding will Weile haben.“ oder auch „3x ist Bremer Recht.“

Seit Beginn der Pandemie stand dieser Tanzabend schon zwei Mal auf unserem Programm und fiel den div. Lockdowns und somit der Schließung der Theater zum Opfer. Nun konnten wir für die absolut letzte Vorstellung noch Karten ergattern und durften dank der niedrigen Inzidenz-Werte sogar während der Vorstellung auf den Mund-Nasen-Schutz verzichten. Wieder eine von den vielen kleinen Etappen auf den Weg zur Normalität…!

Bei diesem Tanzabend gab es keine zusammenhängende Handlung, vielmehr hat Chefchoreograph und Ballettmeister Sergei Vanaev der Musik von Georg Friedrich Händel (mit einem kleinen Abstecher zu Henry Purcell) sehr konzentriert gelauscht und dazu dynamische, sinnliche und durchaus auch überraschende Bewegungsabläufe für die Tänzer*innen erdacht.

Unter den Funken eines auf der Rückwand projizierten Feuerwerks stampfte das Ensemble – jede*r drollig wie Feuerwehrmann Sam gekleidet – über die Bühne und entrollte den großen Löschschlauch: Spätestens hier wurde deutlich, dass der Abend zwar „Feuerwerksmusik“ lautet, aber das Element Wasser die herausragende Rolle spielen wird. So kam von Händel auch deutlich mehr von seiner „Wassermusik“ zu Gehör. Das titelgebende Feuerwerk entfachten die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne, indem sie sich und uns keinen Moment des Stilstands gönnten. Vielmehr gingen Solo-, Paar- und Gruppentanz harmonisch ineinander über und boten mit einer Mischung aus Akrobatik, Hipp Hopp, Modern Dance und (dem musikalischen Sujet angemessen) Barocktanz eine abwechslungsreiche Bandbreite.

Und wieder war ich verzaubert von der Grazie, dem Ausdruck und der Dynamik des Tanzes und zollte der Leistung aller Ensemble-Mitglieder meinen uneingeschränkten Respekt. Ein Beispiel von vielen außergewöhnlichen Momenten an diesem Abend: Tänzerin Lidia Melnikova schien – mit Unterstützung ihrer vier männlichen Kollegen – alle Regeln der Schwerkraft aufzuheben und bot eine absolut atemberaubende Performance, indem sie scheinbar mühelos senkrecht die Wand hinauf… (Ja, wie soll ich es nur beschreiben?) …glitt?! …tanzte?! …schwebte?!

Zur zweiten Hälfte des Abends verwandelte sich die Bühne dank div. Eimer Wasser und einer Dauer-Dusche in ein Wasser-Bassin. Auf diesem Aquaplaning vollführten die Tänzer*innen erstaunliche Drehungen und Pirouetten und ließen das Wasser in Fontänen oder Strudeln über die Bühne ergießen. Dabei schossen die Künstler*innen mit einem Tempo über die Bühne, dass ich so manches Mal ganz angespannt auf meinem Platz saß, da ich damit rechnete, dass sie erst durch die Kulisse oder die erste Reihe im Zuschauerraum gebremst werden. Doch dank der immensen Körperbeherrschung der Tänzer*innen blieben zwar keine Augen trocken (😉) aber alle Beteiligten unverletzt.

Ich saß staunend im Publikum und war abermals begeistert, mit wie viel Leidenschaft hier in der so genannten Provinz hochrangiges Tanz-Theater gemacht wird (Hatte ich es schon erwähnt? Ich liebe die Provinz!).

So gibt es nicht viel mehr darüber zu sagen, außer: Es war unbeschreiblich schön!!!

…und: Auch dies war wieder Futter für Herz und Hirn, für Geist und Seele und für alles, was sonst noch so dazwischen liegt…! ❤


Die getanzte Feuerwerksmusik wurde leider zum letzten Mal am Stadttheater Bremerhaven gezündet. Doch in der kommenden Spielzeit gibt es neue aufregende Choreografien zu entdecken…!

[Krimi] Mizzi Meyer – Der Tatortreiniger / bremer kriminal theater

Krimi-Komödie von Mizzi Meyer / nach der gleichnamigen NDR-Serie

Premiere: 11. Juni 2021 / besuchte Vorstellung: 18. Juni 2021 / bremer kriminal theater


Inszenierung: Ralf Knapp
Bühne: Gisela Brünkner / Ralf Knapp / Heiko Windrath

Kostüme: Miep Koudijs


Vor ca. 10 Jahren strahlte der NDR die ersten Folgen von „Der Tatortreiniger“ noch gänzlich versteckt im Nachtprogramm aus und machte mit dieser Entscheidung deutlich, dass es diesem speziellen Format wenig Erfolg in Aussicht stellte. Doch alles kam anders: Wie viele andere Fernsehzuschauer mit mir war auch ich ein Fan der ersten Stunde, der nach einer Krimi-Komödie lechzte, die mit Skurrilität, schwarzem Humor, Selbstironie, pikanten Themen und exzellenten Schauspielern überzeugte und sich wohltuend vom oberflächlichen massenkompatiblen TV-Humor abhob. Und schon damals stellte ich mir die Frage, wann diese intelligent-humoristischen Episoden im Kammerspiel-Format ihren Weg auf die Bühnen finden. Doch erst im August letzten Jahres feierte Schotty im „Das kleine Hoftheater“ im Hamburger Stadtteil Horn seine theatralische Uraufführung. Und natürlich lässt sich das „bremer kriminal theater“ eine solche Chance nicht entgehen und kündigte für den 18. Dezember 2020 die Bremer Premiere an. Naja, und dann kam Lockdown Nr. XYZ…!

Das bremer kriminal theater rühmt sich, das spannendste Theater Bremens zu sein, und dem können wir nur zustimmen. Nicht umsonst zählt es zu DEN Theatern, bei denen wir gerne zum Wiederholungstäter mutieren. Regisseur Ralf Knapp und sein Team wählten aus der Füller an Aufträgen, die Schotty bisher meistern musste, die drei ersten Folgen der allerersten Staffel aus.

Das Bühnenbild überzeugt wieder in der b.k.t.-eigenen Ästhetik: Wenige Versatzteile werden variabel eingesetzt und schaffen so unterschiedliche perspektivische Möglichkeiten. Als Blutflecke kommen rote Stofffetzen zum Einsatz, die von Schotty – wie durch Zauberkraft – weggeputzt werden. Nur wenige Requisiten werden benötigt, dafür liefern die Muster auf Tapeten und Sofaüberwurf Bezüge zur jeweiligen Handlung.

Ralf Knapp besetzte die Rollen mit bekannten Gesichtern aus dem b.k.t.-Kosmos. Wohltuend bleibt er in seiner Inszenierung dem ruhigen Grundton der Vorlage treu, legt den Fokus auf die geniale Textvorlage aus der Feder von Mizzi Meyer, überzeichnet, wo es angebracht schien, und reduziert, wo es Sinn macht. Dabei erhält er die Unterstützung durch drei talentierte Schauspieler*innen. Multitalent Denis Fischer sorgt als blutbefleckte „Lampe“ für die musikalische Untermalung, schlüpft gerne in die köstlich überdrehten Mini-Rollen, hält sich ansonsten eher dezent am Bühnenrand auf. Mateng Pollkläseners Schotty hat schon alles gesehen oder kennt jemanden, der entsprechendes schon gesehen hat. Ihm ist nichts Menschliches mehr fremd, und so begegnet er den Menschen an den Stätten seines Wirkens vorurteilsfrei und beinah pragmatisch aber nie gleichgültig. Pollkläsener porträtiert seinen Tatortreiniger abseits des bekannten TV-Egos und lässt so einen Vergleich gar nicht erst zu. Ein besonderes Highlight war für mich das „textfreie“ Zusammenspiel zwischen ihm und seiner Bühnenpartnerin Janina Zamani: sei es in der ersten Episode beim gemeinsamen Rauchen einer Zigarette, wo die Kommunikation nur über Blicke, Mimik und Gesten funktionierte, oder auch in der dritten Episode, wo Pollkläsener verzweifelt versuchte, Zeitungspapier möglichst lautlos in eine Mülltüte zu stopfen, während Zamani im Nebenzimmer auf jeden noch so leisen Ton hyper-empfindlich reagierte.

Die schauspielerisch größte Herausforderung meistert Janina Zamani an diesem Abend: Mit Mimik, Körperhaltung und Stimmfärbung porträtiert sie gekonnt drei doch sehr unterschiedliche Frauentypen. In „Ganz normale Jobs“ ist sie die patente Prostituierte, die mehr oder weniger zufällig am Ort des Geschehens auftaucht und sich charmant mit Schotty über die Ethik der jeweiligen Berufe, deren Praktiken und Risiken austauscht. Als versnobte Oberschichten-Witwe in „Nicht über mein Sofa“ lässt sie sich entrüstet über einen Einbrecher aus, der es gewagt hat, ihr antikes Chaiselongue aufzuschlitzen, „unglücklicherweise“ über die Treppe zu Tode stürzte und dabei „zufälligerweise“ mit ihrem 9er-Golfschläger in Kontakt kam. Es war die pure Comedy, als sie Slapstick-artig und in gespielter Zeitlupe selbst die Treppenstufen hinab zu Boden glitt. Ebenso überzeugend gibt Zamani in „Spuren“ die intellektuell-verkopfte Schriftstellerin, die verzweifelt nach den richtigen Wörtern ringt und auf die göttliche Eingabe hofft, um so endlich in den Olymp der Träger des Deutschen Buchpreises aufzusteigen. Doch erst der Anblick von Schottys Wurstbrot erlöst sie von ihrer hemmenden Schreibblockade.

„Der Tatortreiniger“ strotzt nur so vor grandiosen Dialogen, die nicht nur witzig sondern auch intelligent sind und hier von den Künstlern famos umgesetzt werden. Meine b.k.t.-Hitliste hat nun einen Top-Titel mehr…!


Der Tatortreiniger wird am bremer kriminal theater auch noch weiterhin für Sauberkeit sorgen.

[Konzert] Operettengala «Untern Linden, untern Linden» / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

mit Musik von Paul Lincke, Eduard Künneke, Walter und Willi Kollo

Premiere: 6. Juni 2021 / besuchte Vorstellung: 6. Juni 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Hartmut Brüsch
Szenische Einrichtung: Edison Vigil

Die Nachricht schlug bei mir ein wie eine Bombe! Die Theater dürfen wieder öffnen – ohne Ankündigung, ohne Vorwarnung, ohne Vorlauf – innerhalb kürzester Zeit!

Auch „unser“ Stadttheater präsentierte in dieser Kürze einen Spielplan für das Eröffnungswochenende. Zwangsläufig setzt sich das Programm vornehmlich aus Inszenierungen zusammen, die entweder im letzten Herbst schon Premiere feierten oder mit einem überschaubaren Aufwand auf die Bühne gebracht werden können. Dabei ist allen Inszenierungen gemein, dass sie aus dem hauseigenen Ensemble besetzt werden: Eine aufwendige Produktion (wie z.Bsp. das Musical Chicago), deren Cast u.a. aus Gastkünstlern besteht, unter diesen Voraussetzungen wieder aufzunehmen, wäre für die Disposition eines Theaters nicht nur eine logistische Höchstleistung sondern in der Kürze der Zeit für die Gäste auch mehr als unzumutbar. Und obwohl die Saison 2020/21 so gut wie beendet schien, bäumt sich nun die Theatermaschinerie nochmals auf und beginnt zu routieren.

Und ich…? Ich routiere mit, setze mich ans Telefon, informiere Freunde und reserviere Eintrittskarten – alles, damit wir schon am Eröffnungswochenende endlich wieder Theaterluft schnuppern dürfen.

So betraten wir das Große Haus am Stadttheater Bremerhaven beinah andächtig. Auf der großen Bühne hatten sich die Damen und Herren des Philharmonischen Orchesters versammelt und blickten in einen mehr als dürftig besetzten Zuschauer-Saal: Anscheinend sind nicht alle Theaterliebhaber – so wie ich – in einen freudentaumelnden Zustand der Routation verfallen…!

Doch meine Freude war dafür umso überwältigender: Während ich der Ouvertüre aus der Operette „Grigri“ lauschte, liefern mir Tränen über das Gesicht und sammelten sich unter meiner FFP2-Maske. Ich konnte nichts dagegen tun – es passierte einfach…! Vielleicht mag diese Reaktion der Einen oder dem Anderen aus meiner Leserschaft übertrieben erscheinen, und ich gestatte Euch gerne diese persönliche Haltung. Doch für mich war/ist/bleibt Kultur immer „existenziell“, und ohne sie habe ich das Gefühl, sowohl intellektuell als auch emotional zu vertrocknen.

Dieser Sonntagnachmittag stand ganz im Zeichen der Berliner Operette. Im Vergleich zu ihrer Wiener Schwester ist die Berlinerin frecher, moderner und näher an der Revue als an der Oper. Auch musikalisch fühlt sie sich mehr zu einem zünftigen Marsch hingezogen als zu dem ¾-Takt des Walzers. Und so bot dieses Konzert einen abwechslungsreichen Querschnitt aus dem Oeuvre der Komponisten-Stars der Berliner Operette: Paul Lincke, Eduard Künneke sowie Walter und Willi Kollo. Edison Vigil sorgte in seiner szenischen Einrichtung dafür, dass die Sängerinnen und Sänger – auch trotz Abstand – auf Mimik und Gestik des Gegenübers reagierten und sie so miteinander agierten.

Das exzellent aufspielende Philharmonische Orchester verwebte die oft bekannten Melodien in einen üppigen Klangteppich und bereitete so den Sängerinnen und Sängern den Boden für ihre Kunst. Es war ein solcher Genuss, endlich wieder einem großen Orchester lauschen zu dürfen. Tijana Grujic gefiel mit perlenden Sopran. Tenor MacKenzie Gallinger überzeugte nicht nur gesanglich, sondern konnte bei den elegant gemeisterten Tanzeinlagen auch seine Musical-Vorbildung nicht leugnen. Marcin Hutek gab den Schwerenöter Stanislaus von Methusalem aus Kollos Operette „Wie einst im Mai“ mit sonorem Bariton.

Natürlich wäre es bei einer solch überzeugenden Gesamtleistung ungerecht einzelne Namen hervorzuheben. Doch als Zuschauer gestatte ich mir ein Stückchen „Subjektivität“ und bin einfach mal parteiisch: Ich hatte meine „heimlichen“ Lieblinge! Vorab muss Hartmut Brüsch genannt werden, der nicht nur für die versierte musikalische Leitung des Abends verantwortlich zeichnete, sondern uns humorvoll mit Anekdoten unterhielt und ebenso charmant durch das Konzert führte.

Ich gebe es unumwunden zu, dass ich die beiden jungen Damen, deren Namen ich Euch gleich verraten werde, schon jede für sich als Sängerin sehr schätze und mich immer freue, eine von ihnen auf der Bühne bewundern zu dürfen. Aber in Kombination sind die beiden der absolute Knaller: Victoria Kunze (Sopran) und Patricia Häusermann (Mezzo). Ihr stimmschönes und harmonisch gestaltetes „Glühwürmchenidyll“ aus der Operette „Lysistrata“ von Paul Lincke setzte dem gelungenen ersten Teil des Abends die Krone auf und lies mich träumen: Vielleicht darf ich ja hoffen, dass diese beiden Künstlerinnen sich irgendwann dem Blumenduett aus der Oper „Lakmé“ von Léo Delibes annehmen werden. Beim Can-Can aus „Wie einst im Mai“ tobten die beiden Ladies dank passendem Outfit frivol bestrapst über die Bühne und sorgten für gute Laune im Auditorium. Mit einem deftigen „Die Männer sind alle Verbrecher“ ließen sie den musikalischen Rausschmeißer anklingen, bevor das gesamte Ensemble zu „Untern Linden, untern Linden“ der vom Publikum reichlich beklatschten Zugabe frönte.

Nach über 8 Monaten der erzwungenen (und evtl. auch notwendigen) Abstinenz von der Kultur war dies endlich wieder Futter für Herz und Hirn, für Geist und Seele und für alles, was sonst noch so dazwischen liegt…! ❤


Diese wunderbar-schmissige Operettengala Untern Linden, untern Linden wir nur noch an einigen wenigen Terminen am Stadttheater Bremerhaven gegeben.

[Revue] LIEBEvoll / Ohnsorg Theater Hamburg

Revue (Eine gespielte Lesung) mit Texten & Musik div. Autoren / Auswahl und Zusammenstellung von Cornelia (Conny) Stein

Live-Premiere: sobald wie möglich

Ohnsorg Theater in Hamburg


Musikalische Leitung & Arrangements: Stefan Hiller
Inszenierung & Produktionsleitung: Murat Yeginer
plattdeutsche Übersetzungen, Kamera & Schnitt: Christian Richard Bauer

Alles schreit – Ach, was sag’ ich! – alles brüllt in mir nach Kultur, und ich spüre eine große Sehnsucht, endlich wieder „live & in Farbe“ meine Lieblingsbühnen besuchen zu dürfen. Bis dahin stöbere ich auf den jeweiligen Seiten und entdeckte nun beim Ohnsorg Theater ein kleines Schmankerl.

Das Ohnsorg Theater dürfte vielen von Euch aus dem Fernsehen bekannt sein: Mit dem NDR besteht seit 1954 eine intensive Kooperation. Anfangs wurden die Stücke im alten Bunker des damaligen NWDR zwecks Auszeichnung eingespielt. Später wanderten die Kameras direkt ins Theater, und die Stücke wurden vor Publikum aufgezeichnet. Dabei entstand ein sprachliches Kuriosum: Damit auch Fernsehzuschauer jenseits des Weißwurst-Äquators die Stücke verstehen, sprachen die Schauspieler*innen „Missingsch“, eine Mischung aus Hochdeutsch mit platt- bzw. norddeutscher Färbung. Doch die Bühnensprache im Ohnsorg war, ist und bleibt das Plattdeutsch. Wir selbst durften im Laufe der Jahre schon häufiger im Ohnsorg zu Gast sein: Anfangs noch im alten Haus „Große Bleichen“, das in älteren Fernsehaufzeichnungen noch zu sehen ist und in dem Ohnsorg-Stars wie Heidi Kabel, Henry Vahl, Werner Riepel, Karl-Heinz Kreienbaum, Heidi Mahler, Erna Raupach-Petersen oder Edgar Bessen schon auf der Bühne standen. Im Jahre 2011 erfolgte dann der Umzug in das größere und modernere Biberhaus am jetzigen Heidi-Kabel-Platz.

Doch ich sprach zu Anfang von einem Schmankerl: Was könnte das Ohnsorg Theater, das wie alle Bühnen von der Einstellung des Spielbetriebes betroffen ist, da ihrem Publikum schon bieten? Och, nicht viel: …nur eine kleine literarische Revue mit vier Schauspieler*innen und einem Pianisten, fein inszeniert und raffiniert gefilmt.

Dramaturgin Cornelia Stein hat dafür eine sowohl kluge wie auch facettenreiche Textauswahl zum Thema Liebe getroffen. Sie sorgt so für nahtlose Übergänge vom Text zum Song (und retour). In der flüssigen Regie von Murat Yeginer, Oberspielleiter am Haus, agieren Beate Kuipel, Tanja Bahmani, Markus Gillich und Christian Richard Bauer, der sowohl für die gelungene Übersetzung einzelner Texte und Songzeilen ins Plattdeutsche wie auch für den raffinierten Schnitt verantwortlich war.

Alle vier Künstler*innen sind schon langjährig dem Ohnsorg Theater verbunden, stürzen sich voller Spielfreude in die Interpretation der Texte und bieten viel Amüsement mit einer Prise Melancholie. So bekommen die Worte von William Shakespeare, Johann Wolfgang von Goethe, Oscar Wilde, Friedrich Schiller, Theodor Storm, Guy de Maupassant oder Heinrich Heine eine ganz neue Dynamik und klingen auf Plattdeutsch überraschend unverbraucht. Auch der Gesang kann sich durchaus hören lassen: Der musikalische Leiter Stefan Hiller hat die bekannten Songs seinem Ensemble passgenau in die Kehlen arrangiert und bietet eine musikalische Bandbreite, bei dem das Zuhören einfach nur Spaß bereitet. Da klimpert die Titelmelodie zu Drei Haselnüsse für Aschenbrödel lieblich aus dem Klavier, Lennon & McCartneys Do you want to know a secret wird zelebriert, So bist Du von Peter Maffey wird vom traditionellen Dat du mien leefsten büst abgelöst, Bee Gees How deep is your love erklingt mehrstimmig, und  Verdammt, ich lieb dich von Matthias Reim fetzt auch auf Plattdeutsch.

Bei dieser abwechslungsreichen Auswahl an Worten – ob nun gesprochen oder gesungen – haben alle Akteur*innen reichlich Spielraum, sich darstellerisch auszutoben und unterschiedliche Facetten von sich zu zeigen. Und auch hier zeigen sich die Stärken eines Ohnsorg-Schauspielers: echt und wahrhaftig, mit Witz und Ironie, mit Herz und Verstand aber ohne unnötiges intellektuelles Chichi.

Ich schaue mir diese wunderbare Revue an, ich singe und lausche, ich lache und weine, ich fühle mich wohlig umfangen. Doch meine Sehnsucht kann nicht gestillt werden. Ganz im Gegenteil: ICH BRAUCHE KULTUR!


…Lust auf Liebe? Dann wünsche ich Euch viel Spaß mit dem Video zu LIEBEvoll! Weitere Informationen zum Ohnsorg Theater findet Ihr auf der Homepage.

[Konzert] Sergei Prokofjew – Peter und der Wolf / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik und Erzähltext von Sergei Prokofjew

geplante Premiere: 8. November 2020 um 11:00 Uhr/ geplanter Besuch des Konzerts: 8. November 2020 um 14:00 Uhr (ausgefallen wegen Corona-Lockdown)

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Moderation: Tom Baert
Sprecher: Richard Lingscheidt

Die Karten waren besorgt und lachten mich von der Pin-Wand jedes Mals an, wenn ich an ihnen vorbeiging, was sehr häufig am Tag geschah. Ein kurzer Blick zur Pin-Wand genügte, und da war sie wieder, die Vorfreude…! Den Start in mein sechstes Lebensjahrzehnt wollte ich mit einem Konzert begehen, dessen Titel Kindheitserinnerungen in mir wachruft. Ich bin nun in einem Alter, in dem ich mir weniger Gedanken um die Zukunft mache (Ich habe erreicht, was ich erreichen konnte und wollte. Die Karriereleiter überlasse ich gerne anderen. Meine Prioritäten im Leben sind seit einiger Zeit „anders“ gesetzt!), sondern ich werfe vielmehr häufiger einen Blick in die Vergangenheit. Ich war in der 2. Klasse der Grundschule, als wir uns eines Morgens auf den Weg zur damaligen Mehrzweckhalle (heute nach Umbau und Modernisierung: Hamme-Forum) machten, um uns dort das Musikmärchen „Peter und der Wolf“ von Sergei Prokofjew als Puppenspiel anzusehen. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich, wie einzelne Musikinstrumente die Figuren eines Theaterstückes charakterisierten, die Musik so ein wesentliches Element der Handlung war und so direkt ihren Weg zu den Emotionen der kleinen Zuschauer fand. Im Laufe der Vorstellung war es für uns Kinder nicht mehr notwendig, dass wir den Wolf wirklich vor uns sahen. Schon allein der Klang der Hörner war ausreichend, dass wir vor Schreck laut aufschrien und versuchten, Peter mit lauten Rufen zu warnen. Kindheitserinnerungen…!

Vor zwei Wochen hätte ich nun „eigentlich“ im Stadttheater Bremerhaven beim 1. Familienkonzert des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven sitzen sollen, um eben diese Kindheitserinnerungen voller Freude wieder aufleben zu lassen. Doch der Lockdown machte mir einen Strich durch die Rechnung: Corona, Du bist ein echt mieses A……..!

Doch das Stadttheater Bremerhaven schläft auch nicht im Lockdown, sondern tüftelt an Formate, mit denen es weiterhin mit seinem Publikum in Kontakt bleibt – so wie es viele Theater, Museen und Kulturschaffende tun. Und so dürfen wir nun das 1. Familienkonzert online genießen.

Die Kamera schwenkt über den leeren Zuschauersaal: Konzertpädagoge Tom Baert begrüßt sein Publikum und begleitet uns bis auf die Bühne. Mit charmanten Akzent erzählt er uns von der Entstehungsgeschichte des Musikmärchens und stellt uns die Hauptpersonen anhand der jeweiligen Instrumente vor. Nach und nach treten die Musiker*innen auf die Bühne, nehmen ihre Plätze ein und stimmen ihre Instrumente. Der Dirigent Davide Perniceni, 1. Kapellmeister des Hauses, erscheint und hebt den Taktstock. Es wird still. Das Musikmärchen kann beginnen…!

Mit Ensemblemitglied Richard Lingscheidt wurde ein schelmischer Erzähler gewonnen, der mit spür- und sichtbarem Spaß die Handlung kommentiert und mit prägnanter Stimme die Personen humorvoll karikiert. Weder er noch Tom Baert sprechen in die Kamera sondern wenden ihren Blick ins Auditorium zum imaginären Publikum und vermitteln so die Atmosphäre eines Live-Konzertes. Die Kamera schwenkt immer wieder über das Orchester, wirft über die Schulter einzelner Orchestermitglieder einen Blick auf die Partitur und gibt so einen wunderbaren Eindruck über das Zusammenspiel innerhalb eines Orchesters. Davide Perniceni schwelgt mit seinen Musiker*innen in der Romantik von Prokofjews eingängigen Melodien. Ein großes Lob gebührt da auch der Produktionsfirma für die sehr gute Bild- und (vor allem) Tonqualität. Beim großen Finale hatte ich eine Gänsehaut, und war gleichzeitig glücklich und traurig: …glücklich über die digitalen Möglichkeiten, die es uns ermöglichen, in diesen schwierigen Zeiten weiterhin Kunst zu genießen, und traurig, dass ich nicht live dabei sein konnte. Denn „Live!“ ist durch nichts zu ersetzten!

Ich danke dem Stadttheater Bremerhaven und allen Beteiligten für dieses wunderbare Konzert!

Doch nun wünsche ich auch Euch viel Vergnügen mit „Peter und der Wolf“:

Das Video ist bis zum 28. Februar 2021 online verfügbar!


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das Programm lohnt sich sehr!