[Konzert] Eröffnungsgala 2021/2022 / Stadttheater Bremerhaven

mit der Ouvertüre für Orchester von Grażyna Bacewicz und Arien von Johann Strauß, Charles Gounod, Jacques Offenbach, Albert Lortzing, Édouard Lalo und Eduard Künneke

mit Ausschnitten aus „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ von Tom Stoppard, „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmidt“ von Fin-Ole Heinrich & Dita Zipfl und dem Ballett „Faust“ von Sergei Vanaev

Premiere: 11. September 2021 / besuchte Vorstellung: 11. September 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Marc Niemann, Davide Perniceni, Hartmut Brüsch
Moderation: Lars Tietje, Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Marcus Tatzig, Sergei Vanaev
Szenische Einrichtung: Edison Vigil

Musiktheater: Ulrich Burdack, Patrizia Häusermann, Signe Heiberg,
Marcin Hutek, Andrew Irwin
Ballett: Alicia Navas Otero, Ting-Yu Tsai, Tanaka Lionel Roki, Stefano Neri
Schauspiel: Henning Bäcker, Leon Häder, Dominik Lindhorst-Apfelthaler
JUB: Philipp Haase, Luca Hämmerle, Coco Plümer, Severine Schabon
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


Wie Ihr sicherlich schon bemerkt habt, berichte ich hier unter „Kulturelles Kunterbunt…“ gerne und oft von Aufführungen, die ich am Stadttheater Bremerhaven besucht habe. Nun könntet Ihr mir eine gewisse Einseitigkeit in der Berichterstattung vorwerfen bzw. mir unterstellen, ich wäre parteiisch. Dazu möchte ich folgendes erwidern: JA! STIMMT! 

Ich fühle mich der Stadt Bremerhaven und auch dem Stadttheater schon seit Jahrzehnten verbunden. Vielleicht wurde mir diese Verbundenheit schon in die Wiege gelegt: Mein Vater war in den 70er Jahren in der dortigen Fischerei tätig und fuhr mit den großen Fangschiffen „auf hohe See“. Als kleiner Pöks brachte ich ihn gemeinsam mit meiner Mutter zum Anleger und holte ihn dort – einige Monate später – auch wieder ab. Auch als mein Vater längst abgemustert hatte, drängte es ihn immer wieder zum Hafen. Jahre später entdeckte ich das Stadttheater Bremerhaven für mich und saß dort am 22. September 1991 zur Premiere des Musicals „Evita“ zum ersten Mal im Zuschauerraum. Viele weitere Vorstellungen sollten folgen, auch wenn es durchaus auch eine Zeit gab, in der ich die Programmauswahl wie auch einige Inszenierungen etwas bieder empfand und untreu wurde. Doch auch während dieser Periode richtete ich meinen Blick immer zum Stadttheater, und besonders die Intendanz von Ulrich Mokrusch empfand ich als wohltuenden Frische-Kick. Mir gefiel das Gesamtpaket aus Klassikern des Repertoires und aufregenden Neu- bzw. Wiederentdeckungen, aus interessanten Künstlerpersönlichkeiten, deren Weiterentwicklung ich mit verfolgen durfte, aus der spürbaren Nähe zum Publikum, die sich durch vielfältige Aktionen und in persönlichen Begegnungen widerspiegelt. Darum haben wir uns vor einigen Jahren für ein Abonnement entschieden.

Doch die Mokrusch-Ära ist nun vorbei, und der neue Intendant Lars Tietje stellte sich vor. So saßen wir im Zuschauerraum und warteten gespannt auf den Beginn der Eröffnungsgala, die uns einen kleinen Einblick in die kommende Spielzeit geben und gleichzeitig neue Gesichter im Ensemble vorstellen sollte. Ein Blick ins Spielzeitheft 2020/2021 schürte bei uns schon die Vorfreude und versprach, dass es eine spannende und abwechslungsreiche Saison werden würde.

Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Marc Niemann eröffnete die Gala mit „Ouvertüre für Orchester“ von der polnischen Komponistin Grażyna Bacewicz. Sie wirkte auf mich beinah wie der Soundtrack eines alten Hollywood-Klassikers. So ging beim Klang dieses voluminösen Stücks meine Phantasie auf Reisen: Bei den dramatischen Passagen sah ich Cary Grant in einem Sportwagen über unwegsame Serpentinen rasen, in der Hoffnung seine Verfolger abschütteln zu können. Dieser Auftakt war klug gewählt: In der kommenden Konzert-Saison des Philharmonische Orchesters werden die Komponistinnen des 19. und 20. Jahrhunderts, die leider allzu häufig ein Schattendasein gegenüber ihrer männlichen Kollegen führen, im Mittelpunkt stehen.

Intendant Lars Tietje führte souverän durch das Programm und holte sich zu den einzelnen Programmpunkten mit Peter Hilton Fliegel, Bianca Sue Henne, Marcus Tatzig und Sergei Vanaev gerne die Leitung der jeweiligen Sparte auf die Bühne.

Henning Bäcker, Leon Häder und Dominik Lindhorst-Apfelthaler vom Schauspiel-Ensemble überzeugten mit einem Ausschnitt aus der Tragigkomödie „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ von Tom Stoppard. Dieses Stück verspricht mit seinen pointierten Dialogen für eine intelligente Unterhaltung.

Philipp Haase, Luca Hämmerle, Coco Plümer und Severine Schabon vom JUB (Junges Theater Bremerhaven) sorgten in ihren Szenen aus „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmidt“ von Fin-Ole Heinrich & Dita Zipfl für frischen Wind auf der Bühne und amüsierten mit ihrer gerappten Darbietung eines Pfannkuchen-Rezepts.

Andächtige Stille herrschte im Publikum als die Tänzer*innen Alicia Navas Otero, Ting-Yu Tsai, Tanaka Lionel Roki und Stefano Neri die getanzte Version des Faust-Mythos ihres Ballettmeisters Sergei Vanaev virtuos präsentierten. Selbst in den Pausen zwischen den einzelnen Bildern wagte niemand, diese Atmosphäre durch Applaus zu zerstören. Dafür brandete am Ende der Darbietung der Beifall umso enthusiastischer auf.

Bei den musikalischen Programmpunkten gab Marc Niemann den Taktstock einem Staffelstab gleich an seine Kollegen Davide Perniceni und Hartmut Brüsch weiter, die das Orchester und die Solisten ebenso überzeugend durch die Arien leiteten. Das Musiktheater-Ensemble wartete mit einigen vielversprechenden Neu-Zugängen auf: Signe Heiberg sang mit natürlichem Sopran und sympathischer Ausstrahlung die Arie „Grüß dich Gott“ aus der Johann Strauß Operette „Wiener Blut“. Andrew Irwins lyrischer Tenor schmiegte sich durch die Partitur „Vainement ma bien aimée“ von Édouard Lalos „Le Roi d’Ys“. Der variable Bass von Ulrich Burdack gefiel in der Arie „Fünftausend Taler“ aus der Oper „Der Wildschütz“ von Albert Lortzing. 5.000 – diese Zahl scheint bei ihm Programm zu sein: So hat er doch Anfang August bei der beliebten TV-Rate-Show „Gefragt-gejagt“ genau diesen Betrag (natürlich in Euro) erspielt, indem er im Alleingang gegen den Jäger das Finale gewann.

Aber auch die/der „alte“ Häsin/Hase aus dem Musiktheater konnten überzeugen: Bariton Marcin Hutek gehört schon seit der vergangenen Spielzeit zum Ensemble, konnte allerdings Pandemie-bedingt leider nur wenig von seinem Talent zeigen. Hier gab er nun mit der Arie „Avant de quitter ces lieux“ aus Charles Gounods Oper „Faust“ den gelungenen Einstieg zum gleichnamigen Ballett. Höhepunkt der jährlichen Eröffnungsgala ist immer die Verleihung des Herzlieb-Kohut-Preises, mit dem besondere künstlerische Leistungen am Stadttheater Bremerhaven gewürdigt werden. In diesem Jahr nahm eine sichtlich gerührte Patrizia Häusermann diesen Preis in Empfang. Die Mezzosopranistin Patrizia Häusermann gehört schon seit einigen Spielzeiten zum Ensemble und konnte mich immer mit ihrer Musikalität, ihrem Talent und ihrer Wandlungsfähigkeit überzeugen. Dass die Verleihung dieses Preises völlig zu Recht erfolgte, bewies sie mit der gefühlvoll interpretierten Arie „Vois sous…“ aus der Jacques Offenbach-Oper „Hoffmanns Erzählungen“. Gemeinsam mit ihren Kolleg*innen beendete sie die Gala mit dem schmissigen „Batavia-Fox“ aus der Operette „Der Vetter aus Dingsda“ von Eduard Künneke, zu dessen Gelingen Edison Vigil mit einer humorvollen szenischen Einrichtung beitrug.

Das Stadttheater Bremerhaven kredenzte uns wieder ein schmackhaftes Buffet mit vielen kleinen, feinen Leckereien: So verlies ich kulturell reichlich gesättigt und mit einem wohligen Hochgefühl das Theater!


Mit dieser Eröffnungsgala wurde die Saison 2021/2022 am Stadttheater Bremerhaven feierlich eingeläutet.

[Konzert] Sergei Prokofjew – Peter und der Wolf / Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Musik und Erzähltext von Sergei Prokofjew

geplante Premiere: 8. November 2020 um 11:00 Uhr/ geplanter Besuch des Konzerts: 8. November 2020 um 14:00 Uhr (ausgefallen wegen Corona-Lockdown)

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Moderation: Tom Baert
Sprecher: Richard Lingscheidt

Die Karten waren besorgt und lachten mich von der Pin-Wand jedes Mals an, wenn ich an ihnen vorbeiging, was sehr häufig am Tag geschah. Ein kurzer Blick zur Pin-Wand genügte, und da war sie wieder, die Vorfreude…! Den Start in mein sechstes Lebensjahrzehnt wollte ich mit einem Konzert begehen, dessen Titel Kindheitserinnerungen in mir wachruft. Ich bin nun in einem Alter, in dem ich mir weniger Gedanken um die Zukunft mache (Ich habe erreicht, was ich erreichen konnte und wollte. Die Karriereleiter überlasse ich gerne anderen. Meine Prioritäten im Leben sind seit einiger Zeit „anders“ gesetzt!), sondern ich werfe vielmehr häufiger einen Blick in die Vergangenheit. Ich war in der 2. Klasse der Grundschule, als wir uns eines Morgens auf den Weg zur damaligen Mehrzweckhalle (heute nach Umbau und Modernisierung: Hamme-Forum) machten, um uns dort das Musikmärchen „Peter und der Wolf“ von Sergei Prokofjew als Puppenspiel anzusehen. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich, wie einzelne Musikinstrumente die Figuren eines Theaterstückes charakterisierten, die Musik so ein wesentliches Element der Handlung war und so direkt ihren Weg zu den Emotionen der kleinen Zuschauer fand. Im Laufe der Vorstellung war es für uns Kinder nicht mehr notwendig, dass wir den Wolf wirklich vor uns sahen. Schon allein der Klang der Hörner war ausreichend, dass wir vor Schreck laut aufschrien und versuchten, Peter mit lauten Rufen zu warnen. Kindheitserinnerungen…!

Vor zwei Wochen hätte ich nun „eigentlich“ im Stadttheater Bremerhaven beim 1. Familienkonzert des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven sitzen sollen, um eben diese Kindheitserinnerungen voller Freude wieder aufleben zu lassen. Doch der Lockdown machte mir einen Strich durch die Rechnung: Corona, Du bist ein echt mieses A……..!

Doch das Stadttheater Bremerhaven schläft auch nicht im Lockdown, sondern tüftelt an Formate, mit denen es weiterhin mit seinem Publikum in Kontakt bleibt – so wie es viele Theater, Museen und Kulturschaffende tun. Und so dürfen wir nun das 1. Familienkonzert online genießen.

Die Kamera schwenkt über den leeren Zuschauersaal: Konzertpädagoge Tom Baert begrüßt sein Publikum und begleitet uns bis auf die Bühne. Mit charmanten Akzent erzählt er uns von der Entstehungsgeschichte des Musikmärchens und stellt uns die Hauptpersonen anhand der jeweiligen Instrumente vor. Nach und nach treten die Musiker*innen auf die Bühne, nehmen ihre Plätze ein und stimmen ihre Instrumente. Der Dirigent Davide Perniceni, 1. Kapellmeister des Hauses, erscheint und hebt den Taktstock. Es wird still. Das Musikmärchen kann beginnen…!

Mit Ensemblemitglied Richard Lingscheidt wurde ein schelmischer Erzähler gewonnen, der mit spür- und sichtbarem Spaß die Handlung kommentiert und mit prägnanter Stimme die Personen humorvoll karikiert. Weder er noch Tom Baert sprechen in die Kamera sondern wenden ihren Blick ins Auditorium zum imaginären Publikum und vermitteln so die Atmosphäre eines Live-Konzertes. Die Kamera schwenkt immer wieder über das Orchester, wirft über die Schulter einzelner Orchestermitglieder einen Blick auf die Partitur und gibt so einen wunderbaren Eindruck über das Zusammenspiel innerhalb eines Orchesters. Davide Perniceni schwelgt mit seinen Musiker*innen in der Romantik von Prokofjews eingängigen Melodien. Ein großes Lob gebührt da auch der Produktionsfirma für die sehr gute Bild- und (vor allem) Tonqualität. Beim großen Finale hatte ich eine Gänsehaut, und war gleichzeitig glücklich und traurig: …glücklich über die digitalen Möglichkeiten, die es uns ermöglichen, in diesen schwierigen Zeiten weiterhin Kunst zu genießen, und traurig, dass ich nicht live dabei sein konnte. Denn „Live!“ ist durch nichts zu ersetzten!

Ich danke dem Stadttheater Bremerhaven und allen Beteiligten für dieses wunderbare Konzert!

Doch nun wünsche ich auch Euch viel Vergnügen mit „Peter und der Wolf“:

Das Video ist bis zum 28. Februar 2021 online verfügbar!


Das Philharmonische Orchester Bremerhaven bietet in jeder Saison ein Vielzahl an abwechslungsreichen Konzerten: Ein Blick in das Programm lohnt sich sehr!

[Musical] John Kander – Chicago / Stadttheater Bremerhaven

Musik von John Kander / Gesangstexte von Fred Ebb / Buch von Fred Ebb und Bob Fosse  nach dem Stück Chicago von Maurine Dallas Watkins / Deutsch von Erika Gesell und Helmut Baumann / mit englischen Songs und deutschen Dialogen

Premiere: 19. September 2020/ besuchte Vorstellung: 27. September 2020

Stadttheater Bremerhaven/ Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Felix Seiler
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Bühne: Hartmut Schörghofer
Kostüme: Julia Schnittger
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Roxie Hart ist ihre Ehe mit dem soliden aber unscheinbaren Amos überdrüssig und stürzt sich in Affären. Als ihr Liebhaber Fred Casely sie abservieren will, greift sie zum Colt und schießt ihn über den Haufen. Denn: Eine Roxie Hart verlässt man(n) nicht so einfach. Eine Roxie Hart ist ein Mädchen mit Ambitionen. Sie will die große Show auf einer noch größeren Bühne, so wie ihr Idol Velma Kelly, die sie prompt im Frauenknast kennenlernt. Velma wartet auf ihren Prozess: Sie hat ihren Ehemann im Bett mit ihrer Schwester erwischt und in einem Anfall von geistiger Unzurechnungsfähigkeit (ihre Verteidigungsstrategie vor Gericht) beide kurzerhand getötet. Nun wartet sie im Gefängnis unter der eisernen Führung von Mama Morton auf ihre Verhandlung. Die Presse ist begeistert von den mörderischen Mädels: Besonders Klatschkolumnistin Mary Sunshine bringt immer neue haarsträubende Enthüllungen, die ihr von Staranwalt Billy Flynn charmant-skrupellos in die Feder diktiert werden. Geschickt manipuliert er die Presse und prägt so die öffentliche Meinung. Das Ergebnis: Velma und Roxie werden freigesprochen und starten gemeinsam eine fulminante Karriere auf der Vaudeville-Bühne.

Musical in Zeiten von Corona: Geht das überhaupt? Blechernd klingt das Orchester aus den Boxen. Roxie liegt in ihrem Bett, wartet auf ihren Liebhaber und träumt von ihren Idol Velma Kelly, die plötzlich aus dem Schrank hüpft und gemeinsam mit drei Tänzern zu „All That Jazz“ Roxie und ihren Lover umtanzt. Statt großer Shownummer sah dies für mich eher nach Kammerspiel aus. Statt mit einem grandiosen „BÄHM!“ begann die Show mit einem verhaltenen „Pling!“. Ich stellte mir ängstlich die Frage „Geht das nun so weiter?“.

Nein! Es ging nicht so weiter! Erst der Mord an Fred Casely ermöglicht es Roxie, der Enge ihrer kleinen, unbedeutenden Welt zu entfliehen. Und so öffnet sich die Bühne wie die Büchse der Pandora und präsentiert das Spiel um Mord, Korruption und Manipulation: Spätestens beim „Cell Block Tango“ hatte ich sie, meine große Show!

Musical in Zeiten von Corona: Geht das überhaupt? Ja, es geht, und dazu auch noch ganz großartig! Selten griffen die Künste von Regie, Choreografie, Bühne und Kostüm so ineinander wie in dieser Inszenierung. Regisseur Felix Seiler machte aus der Not eine Tugend und zauberte aus den vorgegebenen 90 Minuten Spielzeit ohne Pause eine straffe Inszenierung, in der ein Highlight vom nächsten Highlight abgelöst wird. Fein differenziert zeigte sich seine Personenführung und überraschte mit ungewöhnlichen und witzigen Ideen. Großes Lob: Trotz Kürzung bzw. Straffung der Handlung hatte ich nicht das Gefühl, dass mir wesentliche Inhalte gefehlt hätten. Andrea Danae Kingston bot eine kreative und anspruchsvolle Choreografie und sorgt so – trotz Abstandsregelung – für abwechslungsreiche Bewegungsabläufe. Seiler und Kingston scheinen ein eingespieltes Team zu sein: Häufig war nicht nachvollziehbar, wo die Regie aufhörte und die Choreografie begann. Das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer schafft stimmige Spielebenen und unterstützt die vorgegebene Distanz zwischen den Darstellern ohne an Atmosphäre einzubüßen. Die ansprechenden Kostüme von Julia Schnittger glänzen im 20er-Jahre-Look mit einem Touch Modernität.

Vier von den sechs Hauptrollen sind mit Musical-Profis besetzt: Valentina Inzko Fink gibt das naive Blondchen Roxie Hart mit einer gehörigen Prise Durchtriebenheit. Die Velma Kelly von Jasmin Eberl trieft vor ordinärem Selbstbewusstsein, lässt durchaus hinter der taffen Fassade Verletzlichkeit durchschimmern. Beide Ladies punkten mit grandiosen Stimmen, tänzerischem Können und einer Menge Sex-Appeal. Frank Winkels als Billy Flynn ist ein absoluter WoMenizer (😉) mit markantem Charme und markiger Stimme. Mona Graws Mama Morton ist als Oberaufseherin im Frauengefängnis Puff- und Beichtmutter in Personalunion mit dem Herz am rechten Fleck.

Aber auch die hauseigenen Kräfte aus dem Opernensemble verstehen sich in diesem Musical zu behaupten: MacKenzie Gallinger gibt seinen trotteligen, bemitleidenswerten Amos Hart mit nuancierter Stimme. Victoria Kunze glänzt mit Spielfreude und tiriliert sich bravourös durch die Koloraturen der Mary Sunshine. Die Damen vom Opernchor überraschen herrlich überdreht beim „Cell Block Tango“, während ansonsten der Opernchor dank der versierten Leitung von Mario Orlando El Fakih Hernández aus dem Off für stimmlich-stimmige Unterstützung sorgt.

In dieser Inszenierung, die aus einem Guss erscheint und voller Höhepunkte steckt, fällt es schwer, einzelne Leistungen hervorzuheben. Doch ich muss einfach das wunderbare Ballett-Ensemble loben, dass die Choreografie von Andrea Danae Kingston mit einer absoluten tänzerischen Brillanz umsetzte und auch in ihren Solis glänzte: BRAVO!

Corona-bedingt sitzt das (reduzierte) Orchester nicht im Graben vor der Bühne sondern wird live von der großen Probenbühne in den Zuschauerraum übertragen und dies mit einer für mich überraschend guten Ton-Qualität. Davide Perniceni führt seine Musiker mit straffen Dirigat und sorgt so für einen satten Music Hall-Sound.

Auch wenn ich bei einem Blick in den Zuschauersaal mit den massiv reduzierten Plätzen kurzzeitig einen Kloß im Hals verspürte und mir die Augen feucht wurden, konnte dies meine Freude an diesem ersten Theaterbesuch nach Monaten des Vermissens nicht mindern: Es geht weiter! HURRA!

So verließ ich nach der Show beschwingt das Theater und machte mich gut gelaunt einen Song pfeifend mit meiner Begleitung auf den Weg ins nahe Theater-Restaurant: Lasst uns (besonders in diesen Zeiten) das Leben genießen!


Wer einen Blick hinter die Kulissen des Musicals Chicago werfen möchte, dem kann ich nur wärmstens den Beitrag von Ilka D’Alessandro, Leiterin Marketing und Öffentlichkeitsarbeit am Stadttheater Bremerhaven, ans Herz legen. Zudem gibt es auf musicalzentrale ein lesenswertes Mini-Interview mit Regisseur Felix Seiler zu entdecken.


Bis zum Ende des Jahres sind vorerst weitere Aufführungstermine für Chicago am Stadttheater Bremerhaven geplant. Hoffen wir, dass es danach mit den mörderischen Mädels weitergeht…!

[Oper] Pietro Mascagni – Cavalleria Rusticana & Ruggero Leoncavallo – Der Bajazzo / Stadttheater Bremerhaven

Cavalleria Rusticana: Oper von Pietro Mascagni / Libretto von Giovanni Targioni-Tozzetti und Guido Menasci / Der Bajazzo (Pagliacci): Oper von Ruggero Leoncavallo mit dem Libretto vom Komponisten / in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 2. November 2019 / besuchte Vorstellung: 19. Januar 2020

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Martin Schüler
Bühne & Kostüme: Gundula Martin
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Als „die ungleichen Zwillinge“ werden sie genannt, diese beiden Kurz-Opern. Schon bald nach ihrer Uraufführung etablierte sich die Praxis, beide an einem Abend aufzuführen. Regisseur Martin Schüler verbindet sie Dank eines raffinierten Kniffs geschickt miteinander: Bei beiden Opern bilden die Zimmer in einem Altenheim den formalen Rahmen.

Bei „Cavalleria Rusticana“ denkt die alte Santuzza, am Rollstuhl gefesselt und auf Hilfe des Pflegepersonals angewiesen, an ihre verlorene Liebe Turiddu, der Alfios Gattin Lola liebte und ein Verhältnis mit ihr hatte. Aus Eifersucht informierte sie Alfio über diese Liebschaft, der Turiddu zum Duell aufforderte und ihn daraufhin tötete. Nun lebt Santuzza mit der Schuld, am Tod ihres Liebsten mitverantwortlich zu sein…!

Im Nachbarzimmer bei „Der Bajazzo“ erwacht der verkrüppelte Schauspieler Tonio und denkt an vergangene Erfolge bei einer Wanderbühne. Seiner heimlichen Liebe galt der damaligen Darstellerin der Colombine Nedda. Als er ihr seine Liebe offenbarte, wurde er nur ausgelacht und verspottet. Obwohl sie mit dem Direktor der Wandertruppe Canio verheiratet war, flirtete sie hemmungslos mit dem Darsteller des Harlekins und traf sich heimlich mit dem jungen Silvio. Tonio übte Rache: Er informierte Canio über die vielfältigen Liebschaften seiner Frau. Auf offener Bühne forderte der wütende Canio seine Frau Nedda auf, ihm die Namen ihrer Liebhaber zu nennen. Als diese sich weigert, stach er sie vor den Augen des Publikums nieder…!

Martin Schüler lässt in beiden Opern die Hauptakteuer auf ihr jeweiliges Leben zurück blicken: Jeweils am Lebensende ziehen die Bilder der Vergangenheit vor ihren geistigen Auge vorbei und quälen sie…! Die Regie zielt ganz auf das feine Herausarbeiten der inneren Zwiespälte der Protagonist*innen. Dunkler als gewohnt ist Schülers Inszenierung, und plakative Folklore sucht der Zuschauer vergebens.

Jadwiga Postrozna gibt eine mitleiderregende Santuzza mit warmen Sopran. Marco Antonio Rivera brilliert mit metallenem Tenor als Turiddu ebenso wie als Canio. Die Nedda von Tijana Grujic ist eine verführerische aber auch unbedacht wirkende junge Frau. Am wandlungsfähigen war allerdings Marian Pop, der als in sich gekehrter Alfio ebenso überzeugte wie als extrovertierter Possenreißer und verschlagener Störenfried Tonio. In kleineren Rollen überzeugten Patrizia Häusermann, Brigitte Rickmann, MacKenzie Gallinger und Vikrant Subramanian.

Dirigent Davide Perniceni lässt das Philharmonische Orchester Bremerhaven genügend Freiraum für Dramatik und Melodik. Schwelgerische Chorpassagen (fulminant vom Opernchor dargeboten) wechseln mit symphonischen Zwischenspielen und dramatischen Arien.

Verismo für Auge & Ohr, für Herz & Hirn…!


Die ungleichen Zwillinge der Opernliteratur tauchen nur noch für wenige Termine im Stadttheater Bremerhaven auf.

[Musical] Frank Wildhorn – Der Graf von Monte Christo / Stadttheater Bremerhaven

Musical von Frank Wildhorn / Buch und Songtexte von Jack Murphy / Orchestrierung und Arrangements von Kim Scharnberg und Koen Schoots / Deutsch von Kevin Schroeder

Premiere: 21. September 2019 / besuchte Vorstellung: 26. Oktober 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Felix Seiler
Bühne & Kostüme: Hartmut Schörghofer
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Fechtchoreographie: Jean-Loup Fourure
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Bombastisch wie eine Welle rollt die Musik vom Philharmonischen Orchester unter dem dynamischen Dirigat von Davide Perniceni aus dem Graben Richtung Publikum. Der Chor eröffnet mit einem dramatischen Sopran-Solo, und schon sind wir mitten im Intrigenspiel rund um den jungen Seemann Edmond Dantès, das im Original vom Romancier Alexandre Dumas erdacht wurde.

Eine schändlichen Intrige von Fernand Mondego, Gérard von Villefort und dem Baron Danglars, die alle selbstsüchtig aus persönlichen Beweggründen (Begierde, politisches Kalkül, Geldgier) agieren, trennt Edmond Dantè von seiner Angebeteten Mercédès. Er wird unschuldig zu lebenslanger Haft im Kerker Château d’If verurteilt. Mit der Hilfe seines Mitgefangenen, dem alten Abbé Faria gelingt ihm nach 14 Jahren die Flucht. Der sterbende Abbé verrät ihm das Versteck eines sagenhaften Schatzes auf der Insel Monte Christo. Ein Piratenschiff unter der Führung der Kapitänin Luisa Vampa bringt ihn dorthin. Mit einer neuen Identität als wohlhabender Graf von Monte Christo kehrt Dantè in seine Heimat zurück, um zu erkennen, dass seine große Liebe Mercédès mit seinem Widersacher Fernand Mondego unglücklich verheiratet ist. Deren gemeinsamer Sohn Albert steht kurz vor der Verlobung mit der reizenden Valentine. Die Freundschaft mit ihm nutzt der Graf von Monte Christo um sich seinen Widersachern zu nähern. Sein Spiel aus Rache und Richten beginnt…!

Komponist Frank Wildhorn hat sich im Laufe der Jahrzehnte einen Namen mit der Vertonung klassischer Stoffe (Jekyll & Hyde, The Scarlet Pimpernel, Cyrano de Bergerac, Carmen, Bonnie & Clyde) gemacht. Sein kompositorischer Stil passt auch hervorragend zu diesen Sujets und bietet eine Mischung aus symphonischen Klang und üppigen Chorsätzen, filmischen Underscore und emotionalen Balladen. Dabei liefert er immer wieder eine effektvolle Musik, die der Handlung durchaus dient, aber leider auch innerhalb seiner Werke austauschbar erscheint. Trotz aller Gefälligkeit gibt es kaum Melodien, die länger im Ohr bleiben. Auch in Bremerhaven ist er kein Unbekannter: In der Saison 2016/17 zeigte das Stadttheater eine moderne Inszenierung von „Dracula“ mit Anna Preckeler als Mina, Maximilian Mann als Jonathan Harker und Christian Alexander Müller in der Titelrolle.

Regisseur Felix Seiler bietet mit Bühnenbildner Hartmut Schörghofer dem Publikum eine sensationelle Inszenierung. Seiler lotet mit seinem Ensemble die Beziehungen der Protagonisten zueinander aus und kreierte so eine dichte Inszenierung mit einer überzeugenden Personenführung. Er erlaubte sich den Spaß und versteckte kleine „Easter Eggs“ aus Film (Titanic) und Musical (The Phantom oft he Opera) in die Handlung (Zumindest war ich der Meinung, diese dort entdeckt zu haben!).

Vikrant Subramanian überzeugte in der Titelrolle mit klassischem Bariton, den er musical-like zurücknahm, um so mit flexibler Stimme zu glänzen. Auch darstellerisch hat er sich in den letzten Jahren zu einem „Leading Man“ des Hauses gemausert. Sein Widersacher Fernand Mondego wurde von Marco Vassalli beinah unangenehm schmierig verkörpert: In seinem dunkel-gefärbten Bariton schwang immer ein gehöriges Maß an Gefährlichkeit mit. Anna Preckeler glänzte als Gast (nach Dracula) wieder in einem Wildhorn-Musical, sei es als junge leidenschaftliche Frau oder als ältere verzweifelte Mutter, und bot auch gesanglich große Momente. Die größte Überraschung präsentierte allerdings Victoria Kunze in der Doppelrolle Luisa Vampa/ Valentine: Während sie die Piratenkapitänin rollendeckend robust-vulgär mit einem Hang zur Komik anlegte, gestaltete sie die Rolle der Valentine sehr zart mit lyrischem Sopran und emotionalem Spiel.

Seiler versteht es nicht nur seine Protagonisten sondern auch den Opernchor geschickt zu führen. Selten habe ich den Chor so spielfreudig und variabel erlebt. Mein besonderes Lob gilt hierbei den Damen, die nicht nur als Piratinnen und Ladies der feinen Gesellschaft gefielen: Auch als „Mädchen der Nacht“ waren sie ungewohnt kokett-frivol! Das Ballett des Hauses zeigte in der Choreografie von Andrea Danae Kingston sein Können und war weit mehr als „nur“ schmückendes Beiwerk, während Jean-Loup Fourure für die Einstudierung der rasanten Fechtchoreografie verantwortlich war.

Ein weiterer „Hauptdarsteller“ war das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer: Er schafft auf der variablen Drehbühne immer wieder neue Spielebenen, arbeitet mit dem Wechsel der Perspektiven, bei denen auch Licht und Schatten eine besondere Bedeutung spielten, und nutzt alle Möglichkeiten der Bühnentechnik. Auf der rechten Bühnenseite wurden mit Hilfe von Vorhängen, Versatzstücken und dem geschickten Einsatz von Projektionen die unterschiedlichen Handlungsorte dargestellt. Die linke Bühnenseite sowie die spiralförmig ansteigende Drehbühne erschienen dagegen wie aus Stein: Auf der Drehbühne führten lange Kreidestriche in verschiedene Richtungen und wirkten wie Verbindungen innerhalb eines Beziehungsgefüges bzw. einer Figurenkonstellation. Die linke Wand war dafür übersät mit vielen kleinen Strichen, die die Tage/ Monate/ Jahre symbolisieren sollten, die Edmond Dantè in Château d’If verbrachte.

Es war erstaunlich und eine Freude zu erleben, wie sich aus allen Einzelteilen dieser Inszenierung ein großes, fulminantes Ganzes formte. Das Stadttheater Bremerhaven hat (wieder) nachdrücklich bewiesen, dass durchaus auch ein kleines Haus in der Lage ist, seinem Publikum exzellente Musical-Unterhaltung zu bieten.


Der Graf von Monte Christo kämpft noch bis zum Ende der Spielzeit um Rache und Gerechtigkeit.