[Oper] Viktor Ullmann – DER KAISER VON ATLANTIS / Stadttheater Bremerhaven

Kammeroper von Viktor Ullmann / Libretto von Viktor Ullmann unter Mitarbeit von Peter Kien

Premiere: 4. Juni 2022 / besuchte Vorstellung: 11. Juni 2022
Stadttheater Bremerhaven / Havenplaza, Am Längengrad 8


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Edison Vigil
Bühne & Kostüme: Darko Petrovic


Kein leichter Tobak – mir war von Anfang an klar, dass dieses Stück „kein leichter Tobak“ sein würde – nicht mit dem Wissen um dessen Entstehungsgeschichte: In den Jahren 1943/44 komponierte Viktor Ullmann diese Oper im KZ Theresienstadt für ein dort gegründetes Kammerensemble. Gemeinsam mit Peter Kien war er auch für das Libretto zuständig. Während der Proben wurden Texte umgestellt, verworfen oder ausgetauscht. Das Ensemble diskutierte hitzig über den Inhalt: Kann in einer Situation, wo der Tod allgegenwertig ist, ein Stück gespielt werden, indem der Tod sich verweigert?

Die Oper wurde bis zur Generalprobe geprobt. Zur Uraufführung kam es nicht mehr, da Komponist Viktor Ullmann und Librettist Peter Kien sowie ein Großteil des Ensembles nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden. Vor seiner Deportierung übergab Ullmann alle Kompositionen dem Bibliothekar vom KZ Theresienstadt…!

Der Harlekin, Personifizierung des Lebens, und der Tod philosophieren über ihr Dasein und das Leben. Zeiten des Krieges sind schwer, wenn Menschen nicht lachen und Tode keine Schrecken verursachen. Der Lautsprecher verkündet, was gleich passieren wird. Als der Kaiser von Atlantis durch den Trommler den Krieg aller gegen alle verkünden und sich zum Herrscher über Leben und Tod ausrufen lässt, verweigert der Tod den Dienst. Die Menschen können nicht mehr sterben. Anlässlich einer Hinrichtung erfährt der Kaiser vom Entschluss des Todes. Auch Alte und Kranke müssen ewig Qualen leiden. Um der aufkommenden Panik entgegenzuwirken, stellt er die Verweigerung des Todes als Befreiung von dessen Tyrannei dar. Zwei Soldaten begegnen sich auf einem Schlachtfeld. Im Kampf erkennen sie sich als Frau und Mann. Sie verlieben sich und kehren dem Krieg den Rücken. Der Trommler versucht, den Mann zu bekehren. Durch die Verweigerung des Todes ist die Welt ins Wanken gekommen und die menschliche Ordnung ins Chaos geraten. Der Trommler versucht, den Kaiser zu stützen, auch ihn befällt im aktuellen Zustand immer öfter die Panik. Da tritt ihm der Tod entgegen. Angesichts des Grauens, das sein Entsagen über die Welt gebracht hat, ist er bereit, zu den Menschen zurückzukehren. Seine Bedingung hierfür: Der Kaiser soll als erster von ihm geholt werden. Dieser willigt ein. Die erlöste Menschheit begrüßt den zurückgekehrten Tod. Nie wieder soll seine Macht vereitelt werden.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)



Fragment-artig, rätselhaft, Fragen eher aufwerfend als beantwortend – so möchte ich die Handlung beschreiben, die wenig stringent anmutet. Die kurzen Bilder reihen sich wie Perlen auf einer Schnur aneinander, und ebenso wie eine Perle, die beim Auffädeln an eine andere Perle schlägt und so eine Reaktion verursacht, verhalten sich die Bilder zueinander. Dabei tritt die Botschaft deutlich hervor: Krieg ist ein sinnloses Unterfangen, aus dem niemals ein Sieger hervorgehen kann.

Die Musik von Viktor Ullmann ist einerseits in seinen Anleihen am Jazz ebenso sperrig wie die Handlung, andererseits liefert er mit seinen musikalischen Zitaten zu bekannten Stücken ironische Brüche: So tauchen in der Arie des Trommlers eindeutig Passagen der deutschen Nationalhymne auf. Die Eröffnungsarie des Kaisers mutet wie die Heldenpartie eines Wagner-Heroen an, während der Lautsprecher als Kommentator des Geschehens beinah Brecht-Weill-sche Züge annimmt.

Regisseur Edison Vigil nutzt für seine Inszenierung die volle Weite des Raumes und lässt auch den entferntesten Flecken von seinem überschaubaren Ensemble bespielen. Da werden die Rolltreppen für effektvolle Auf- und Abgänge genutzt. Die geschwungene Brücke mutiert zur Kommandozentrale. Das liebende Paar verschwindet über die Rolltreppe gen Himmel und läuft über die Glasbrücke einer besseren Welt entgegen. Der Tod greift sich den Diktator, führt ihn zum gläsernen Fahrstuhl, um in ihm Richtung Unterwelt zu fahren.

Damit dies alles nicht zur bloßen Effekthascherei verkommt, überzeugt Virgil auch mit symbolhaften Bildern und setzt auf klein(st)e Nuancen im (Zusammen-)Spiel seiner Sänger*innen. Marcin Hutek als Kaiser von Atlantis überraschte mich in dieser Spielzeit nach Viktoria und ihr Husar abermals. Nahm ich ihn zu Beginn seines Engagements in Bremerhaven als etwas statisch in seiner Darstellung wahr, zeigt er sich nun extrem wandelbar vom selbstverliebten zum gebrochenen Diktator, was er auch mit seinem potenten Bariton auszudrücken verstand. Patrizia Häusermann sang mit ihrem vollen Mezzo famos den Trommler bzw. ergebenen Handlanger des Kaisers und vermittelte glaubhaft dessen aufkommende Panik bezgl. der veränderten Situation. Leider verabschiedet sich diese wunderbare Künstlerin mit dieser Partie von Bremerhaven und wird zukünftig das Publikum am Theater Regensburg begeistern.

Mit sonorem Bass und eher gemütlichem Auftreten gab Ulrich Burdack einen wenig bedrohlich wirkenden Tod, der sich seiner Bedeutung aber durchaus bewusst war und eher pragmatisch seiner Arbeit nachging bzw. beinah bockig diese verweigerte. Andrew Irwin erweckte in mir mein Mitgefühl, wie er als Harlekin bei seinen erfolglosen Versuchen, den Menschen Freude und Spaß zu bereiten, beinah tragisch daran verzweifelte. Victoria Kunze und MacKenzie Gallinger überzeugten als anfangs sich bekämpfende Parteien, dann liebendes Paar, und setzten mit dem Klang ihrer hellen Stimmen (Sopran/Tenor) einen Hoffnungsschimmer in die eher dunkel gefärbte Partitur. Rainer Zaun füllte die Partie des Lautsprechers, der als Moderator/ Erzähler/ Vermittler zwar anwesend aber wenig beteiligt schien, prägnant aus. Zusätzlich wurde das Ensemble durch 6 Statisten (4 ältere Herrschaften und 2 Kinder) unterstützt, die als stumme Soldaten fungierten.

Bühnen- und Kostümbildner Darko Petrovic musste zwangsläufig sein Bühnenbild den Gegebenheiten dieses öffentlichen Raumes anpassen. Vor den Amphitheater-ähnlichen Zuschauerreihen baute er eine offene Zirkusarena mit einigen Tischen, Stühlen, einem Vorhang, einer Bar und drei Monitoren, die Originalmaterial aus dem 2. Weltkrieg zeigten. Die Kostüme beließ er in Schwarz-Grau-Weiß ohne eindeutig zeitliche Verortung: Wirkte die Kluft der Soldaten eher wie die moderner Söldner, so nahm er beim Kaiser von Atlantis und dem Trommler deutliche Anleihen an den Uniformen der NS-Schergen des 3. Reiches und komplementierte die Optik mit blass-geschminkten Gesichtern. Einzig beim Harlekin und dem Tod (beides eher mystische Gestalten) erlaubte er sich Freiheiten: So war der Harlekin klassisch „zwiegespalten“ zwischen Tragik und Komik, während das Gesicht des Todes ein dicker schwarzer Balken zierte – sozusagen als symbolisierte Grenze vom Leben zum Tod.

Die musikalische Leitung lag bei Davide Perniceni in gewohnt-fähigen Händen: Wenige Tage zuvor dirigierte er noch die letzte Vorstellung des Pop-Musicals Chess, nun führte er die Musiker*innen des Kammer-Orchesters souverän durch dieses Stück.

Während der Vorstellung wagte niemand im Publikum zu klatschen, wie es sonst üblich wäre nach einem Bild oder einer Arie. Da es die gewohnte Grenze durch den Orchestergraben nicht gab, und wir in unmittelbarer Nähe des Geschehens saßen, wirkte alles viel intensiver, viel direkter. So folgten wir gespannt und ergriffen der Handlung, und erst zum Schluss zollten wir mit unserem Applaus unseren Respekt, für den Mut dieses Stück in ungewöhnlicher Kulisse zu realisieren. Obwohl: Ist die Kulisse wirklich so ungewöhnlich – zwischen Auswandererhaus, Hafen und offener See? Schwingt bei der Konstellation dieses Trios nicht auch Sehnsucht und Hoffnung mit?

Auf dem Heimweg beschäftigte mich das Gesehene natürlich weiterhin. Unwillkürlich – Ich weiß nicht, warum? – kam mir ein Zitat von Hermann Hesse in den Sinn, dass ich vor einiger Zeit gelesen hatte aber nun nur in Teilen zusammen bekam. Zuhause habe ich es dann nochmals nachgeschlagen:

Glück gibt es nur, wenn wir vom
Morgen nichts verlangen und vom
Heute dankbar annehmen, was es bringt,
die Zauberstunde kommt doch immer wieder.
Hermann Hesse


Viel Zeit bleibt nicht mehr, um die Kammeroper DER KAISER VON ATLANTIS auf dem 8. Längengrad der Havenplaza in Bremerhaven zu erleben. Darum: schnell Karten besorgen…!