[Tragikomödie] Tom Stoppard – ROSENKRANZ UND GÜLDENSTERN SIND TOT / Stadttheater Bremerhaven

Tragikomödie von Tom Stoppard / deutsch von Hanno Lunin

Premiere: 2. Oktober 2021 / besuchte Vorstellung: 21. November 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Inszenierung: Tobias Rott
Bühne & Kostüme: Susanne Füller

William Shakespeare – der weltbekannte Barde aus Stratford-upon-Avon – war, ist und bleibt immer ein Garant für packende Geschichten. Aber selbst er hätte sich nicht träumen lassen, dass 350 Jahre nach seinem Tod ein aus der Tschechoslowakei nach Großbritannien emigrierter Schreiberling sich seine berühmt-berüchtigte Tragödie „Hamlet“ annimmt, daraus zwei Randfiguren herauspickt, diese in den Mittelpunkt stellt und alle anderen Personen zu schmückendem Beiwerk degradiert.

Tom Stoppard rückt in seiner Tragikomödie die beiden unglückseligen Freunde Hamlets, deren Schicksal schon zu Anfang der Tragödie besiegelt schien, in den Fokus und lässt die bekannte Geschichte eben „wie bekannt“ im Hintergrund ablaufen. Der edle Prinz Hamlet, der im Laufe des Stücks zunehmend verwirrter wird; der heimtückische Brudermord an seinem Vater durch die Hand des Onkels und die übereilte Vermählung seiner Mutter, der Königin, mit ebendiesen; Hamlets Werben und Sehnen nach der schönen Ophelia, die im Laufe des Stücks dem Wahnsinn verfällt; die bösartige Intrige des Onkels, um Hamlet endgültig loszuwerden…

…all dies gerät in Stoppards Stück zur Farce, in der all die hehren Gefühle, die schändlichen Taten und das aufopferungsvolle Leiden der Protagonist*innen im hellen Licht von Rosenkranz und Güldensterns Naivität als bloße Staffage enttarnt werden. Regisseur Tobias Rott unterstützt diese Aspekte des Stücks, indem er die Nebenpartien weniger wie in „Shakespeare in Love“ (Für den gleichnamigen Kino-Film lieferte Stoppard das Drehbuch.) sondern vielmehr als „Shakespeare in Drag“ agieren lässt: Alles ist ein wenig „zu viel“, „zu heftig“, „zu drüber“, um realistisch zu erscheinen. Vielmehr wirkt es eher wie ein billiges Schmierentheater, für das ursprünglich der auftretende Schauspieler mit seiner Tragöden-Truppe zuständig wäre.

Hier wird famos-unterhaltsam „Theater im Theater“ zelebriert, wobei offen und ehrlich zugegeben wird, dass „alles nur gespielt“ und somit Fiktion ist. Die Nebenfiguren halten an „ihrer“ Realität fest und wirken darum umso verlogener. Mittendrin in diesem Chaos lernen wir unsere beiden Helden kennen, die anscheinend dem Hamlet-Zitat „Der Rest ist Schweigen“ wenig abgewinnen können. Leon Häder als Rosenkranz und Dominik Lindhorst-Apfeltaler als Güldenstern liefern einen fulminanten Dialog-Marathon ab, spielen sich die Stichworte einem Ping-Pong-Spiel gleich in einem enormen Tempo zu und gönnen sich und dem Publikum keine Verschnaufpause. Vielmehr wird dem Publikum ein hohes Maß an Konzentration abverlangt, da sonst intelligente Pointen und humorvolle Wortspielereien überhört werden könnten.

Einzig dem Schauspieler erlaubt Stoppard ebenfalls in den Mittelpunkt zu treten und unseren beiden Helden die Aufmerksamkeit des Publikums streitig zu machen. Henning Bäcker verkörpert diesen Schmierenkomödianten mal diabolisch-verführerisch, mal kraftvoll-bedrohlich und darf sich mit einer Auswahl markanter Typen seiner Tragöden-Truppe umgeben.

So bleiben die restlichen Rollen nur wenig mehr als Randerscheinungen (wie es im Shakespeare’schen Original Rosenkranz und Güldenstern sind) und werden von Marsha Zimmermann, Frank Auerbach, Isabell Zeumer und Marc Vinzing souverän ausgefüllt.

Die Kostüme und das Bühnenbild von Susanne Füller unterstreichen den Eindruck vom „Theater im Theater“: Auf der schwarzen Guckkastenbühne deuten wenige kasten-artige Bühnenelemente die unterschiedlichen Spiel-Ebenen an. Bei den Kostümen nimmt sie ebenso Anleihe an der Epoche Shakespeares wie an der Optik alter Slapstick-Filme.

Am Ende sind (titelgebend) Rosenkranz und Güldenstern tot, und somit erübrigt sich die Frage nach „Sein oder Nichtsein“. Hier wird herausragendes Sprech-Theater im wahrsten Sinne des Wortes geboten: …nix für Zwischendurch, dafür intelligente Unterhaltung vom Feinsten!


Tragisch: ROSENKRANZ UND GÜLDENSTERN SIND TOT und doch wünsche ich ihnen am Stadttheater Bremerhaven noch viele Male eine Wiederauferstehung.