[Komödie] Samuel Benchetrit – Nach Paris! / TiO Osterholz-Scharmbeck

Komödie von Samuel Benchetrit / Deutsch von Annette und Paul Bäcker

Premiere: 11. Januar 2020 / besuchte Vorstellung: 18. Januar 2020

TiO – Theater in OHZ, Osterholz-Scharmbeck


Inszenierung: Bernd Schröter
Bühne: Beate Schöne
Kostüme: Ute Schmonsees


Ein einsamer Bahnhof in der Provinz: Eine junge Frau (Michelle), ein junger Mann (Vincent) und ein älterer Mann (Charles) warten auf den Zug nach Paris. Doch dieser Zug verspätet sich immer wieder und immer wieder. Drei auf den ersten Eindruck scheinbar fremde Menschen sind auf diesen heruntergekommenen Bahnhof gestrandet. Gestrandet sind sie nicht nur hier: Jede*r von ihnen ist im Leben an einem Punkt angekommen, an dem sie schon gestrandet sind, bzw. es vorbestimmt scheint, dass sie stranden werden. Nur langsam entwickelt sich ein Gespräch zwischen den Wartenden. Beinah zögerlich werden die Gründe der jeweiligen Reise, familiäre Verbindungen und Lebensentwürfe und -wünsche verraten. Gegenseitige Sympathien keimen auf und werden wenig später auch wieder im Keim erstickt. Jede*r der Reisenden hält Zwiesprache mit sich und mit der Stimme der Bahnansage, die ein überraschendes wie beängstigendes Eigenleben führt! Als endlich der Zug nach Paris im Bahnhof eintrifft, ist alles anders: Die Karten des Lebens wurden neu gemischt…!

Regisseur Bernd Schröter gelingt es mit leichter Hand, Humor mit Melancholie zu paaren: Es darf durchaus gelacht werden, doch im nächsten Moment kann schon eine Träne rinnen. Französisches Flair weht durch die Szenerie und siedelt die Handlung zwischen Realität und Märchen an.

Eine Überraschung erlebt der Zuschauer beim Bühnenbild: Die gesamte Bestuhlung des Saals hat sich um 90° nach rechts gedreht. Das Geschehen spielt sich nicht mehr auf der Bühne ab. Die gesamte Länge des Saals mutiert nun zum Bahnhof. Der Zuschauer sitzt somit „auf den Gleisen“, blickt frontal auf den Bahnhof und somit direkt hinein in die Handlung. Bühnenbildnerin Beate Schöne hat einen äußerst ansprechenden wie stimmungsvollen Rahmen für diese zarte Komödie geschaffen und begeistert mit entzückenden Details.

Drei starke Darsteller*innen stehen auf der Bühne: Francine Fromme gibt eine zarte Michelle zwischen Naivität und Koketterie, zwischen Freiheitsdrang und sich geborgen fühlen (wollen). Jan Makow stattet den Vincent als bedachten jungen Mann mit Träumen, Idealen aber auch klaren Grundsätzen aus und lässt ihn – trotz aller Zurückhaltung – nicht farblos erscheinen. Carsten Mehrtens vollzieht mit dieser Komödie ein Wechsel im Rollenfach und wandelt sich vom Womanizer/Bad Boy zum reifen Charakterdarsteller. Dies steht ihm ausgesprochen gut zu Gesicht: Sein Charles ist liebenswert kauzig und fordernd, dann wieder rührend und behütend. Last but not least: Als „Sidekick“ leiht Miriam Pukies der Bahnansage ihre prägnante Stimme.

Mit einer Träne im Augenwinkel und einem wohligen Gefühl im Herzen durfte ich das Theater verlassen. Das TiO: Theater in OHZ – Scharmbecker Speeldeel ist seinem Ruf als ambitionierte Amateur-Bühne wieder einmal mehr als gerecht geworden.


Bis Anfang Februar 2020 steht diese feine Komödie noch auf dem Spielplan des TiO – Theater in OHZ. Weitere Infos findet Ihr hier.

[Komödie] Jacobs & Netenjakob – Extrawurst / Stadttheater Bremerhaven

Komödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob

Premiere: 20. Dezember 2019 / besuchte Vorstellung: 28. Dezember 2019

Stadttheater Bremerhaven / Kleines Haus


Inszenierung & Bühne: Andreas Rehschuh

Kostüme: Juliane Götz


Eine Vereinsversammlung in der Provinz. Dr. Heribert Bräsemann (Kay Krause), Präsident des Tennisclubs TC Lengenheide, ist gerade mit 100 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden. Als letzter Punkt der Tagesordnung muss noch über den Kauf eines neuen Grills für das alljährliche Sommerfest entschieden werden, und dann geht der gemütliche Teil des Abends mit Bier und kaltem Nudelsalat los. Aber da schlägt Melanie (Julia Lindhorst-Apfelthaler), Doppelpartnerin von Erol, vor, dass man doch einen zweiten Grill anschaffen sollte, weil Erol und seine Frau ihr Grillgut nicht zum Schweinefleisch der anderen Mitglieder auf den Grill legen dürfen. Erol (Henning Bäcker) will diese «Extrawurst» gar nicht, aber Melanie lässt nicht locker, zum Missfallen des stellvertretenden Vorsitzenden Matthias (Max Roenneberg). Und ihr Mann Torsten (Richard Lingscheidt) unterstützt ihr Anliegen zwar prinzipiell, beobachtet Melanies Fürsorge für Erol aber mit wachsender Eifersucht. Und mir nichts dir nichts ist der schönste Streit im Gange, es ist von «Türkenwurst» und «Schweinedampf» die Rede und Heriberts Vorschlag, seinen unbenutzten Elektro-Grill zu benutzen, lehnt Erol mit dem Argument ab, das fühle sich an wie «Türken-Charity».

Im vertrauten Setting einer Jahresversammlung gelingt den beiden Autoren das Kunststück, in einer pointierten Komödie die entscheidende Frage zu stellen: Gibt es auch am Grill eine deutsche Leitkultur? Die Zuschauer sind als Vereinsmitglieder Teil des Geschehens und erleben hautnah mit, wie sich eine Gesellschaft nachhaltig zerlegen kann, wenn Atheisten und Gläubige, Deutsche und Türken, «Gutmenschen» und Hardliner frontal aufeinanderprallen. (Text von Peter Hilton Fliegel für das Programmheft zu „Extrawurst“)

Der Deutsche und seine Vereinskultur: Das Patriarchat agiert in der Verkleidung der Demokratie. Der Verein als Profilierungsbühne des kleinen Mannes.

Regisseur Andreas Rehschuh lässt im steril-sauberen, tennis-weißen Bühnenbild ein Abbild der Gesellschaft vor den Blicken der Zuschauer entstehen. Überspitzt comic-haft haben die Gegenstände markante schwarze Konturen, ebenso wie die Kostüme von Juliane Götz, die mit wenigen prägnanten Strichen, die Charaktere der Handlungspersonen beschreibt bzw. die Klischees, die sich dahinter verbergen (die strenge Bügelfalte vom spießigen Präsidenten, der betonte Hosenschlitz vom potenten Türken etc.). Geschickt verteilt Rehschuh die Schauspieler im Zuschauerraum: Ihr verbaler Schlagabtausch zwingt die Zuschauer – wie bei einem Tennisturnier der Blick dem Ball folgt – den Kopf nach links und rechts zu wenden, um die Reaktionen der Protagonisten zu beobachten.

„Links“ und „Rechts“: Wo steht wer? Unterdrückte Ressentiments spülen an die Oberfläche einer scheinbaren Toleranz. Gerne wäre jeder von uns ein Gutmensch, doch leider kämpfen wir alle mit unseren persönlichen Vorurteilen. Diese Komödie deckt bloß aber liefert nicht aus. Sie erlaubt ein befreiendes Auflachen aber sorgt auch dafür, dass das Lachen in der Kehle stecken bleibt.

Regisseur Andreas Rehschuh greift am Stadttheater Bremerhaven auf ein talentiertes Ensembles zurück, dass frei von übertriebenen Attitüden die Motivation der jeweiligen Person für das Publikum glaubwürdig sichtbar macht – ohne an Sympathie zu verlieren. Sie sind eben auch nur Menschen…!


Die Extrawurst wird noch bis März 2020 im Stadttheater Bremerhaven auf dem Rost liegen und auf komödiantische Abnehmer warten.

[Lustspiel] Wilfried Wroost – Een Mann mit Charakter / Ohnsorg Theater Hamburg

Lustspiel von Wilfried Wroost

Premiere: 25. August 2019 / besuchte Vorstellung: 24. September 2019 / Ohnsorg Theater Hamburg


Inszenierung: Michael Koch
Kostüme: Krzysztof Sumera, Britta Lindenstrauß-Buhrke, Andrea Oppenländer
Bühne: Katrin Reimers

Hat ein Lustspiel, dass seine Uraufführung in den 50er Jahren an eben diesem Theater (damals natürlich noch im alten Haus in der Großen Bleichen) erlebt hat, im Jahre 2019 mit seinen Themen wie Klimawandel und zunehmenden Rechtsruck überhaupt noch Platz auf der Bühne? Ist es nicht eher ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, in der der Mann als Patriarch der Familie über das Wohl der Tochter entscheidet, und das Frauenbild allgemein vor lauter Staub kaum sichtbar ist?

ja! Ja!! JA!!! möchte ich schreien…! Es muss auf die Bühne – unbedingt!

In der Zwischenzeit ist es die 6. Inszenierung an diesem Haus: In den ersten fünf Inszenierungen stand Heidi Kabel in der Rolle der Dora Hinzpeter auf der Bühne und machte sie zu einer ihrer Paraderollen. Ihre Tochter Heidi Mahler kann mit der aktuellen Inszenierung ihr viertes Mitwirken an „En Mann mit Charakter“ verbuchen: 1969/70 und 1978/79 als Tochter Gisela, 1989/90 als Mutter Selma und nun natürlich als Dora Hinzpeter.

Die Frauenrollen werden – wie ein Staffelstab – anscheinend von Generation zu Generation weitergegeben: Beate Kiupel und Eileen Weidel können schon erahnen, wohin sie ihre jeweilige Bühnenlaufbahn führen wird (Übrigens: 1989/90 stand Beate Kuipel als Tochter Gisela neben den beiden Heidis auf der Bühne.).

Bäckermeister Heinrich Hinzpeter ist ein Mann mit Charakter. Darum hat er vor Jahren nicht gezögert, die schwangere Braut seines Bruders zu ehelichen, als dieser sie sitzen ließ und das Land Richtung New York verließ. Doch seiner Ehe mit Selma war kein dauerhaftes Glück beschienen: Auch wenn die gegenseitige Zuneigung nie erloschen ist, so ein Mann mit Charakter ist eben auch ein rechter Bullerballer und Dickkopf. Hinzpeter führt seine Familie wie auch die Mitarbeiter seiner Backstube mit strenger Hand – meint er, denn in Wirklichkeit hat seine Mutter Dora immer noch das Zepter in der Hand und lenkt klug die Geschicke der Familie. Die Strenge des Vaters bekommt auch Tochter Gisela zu spüren, von der er erwartet, dass sie zum Erhalt der Bäcker-Dynastie einen Mann vom Fach ehelicht. Bäckergeselle Karl Kroepelin hat ein Auge auf die hübsche Gisela geworfen. Leider hat sie nur Augen für den feschen Finanzbeamten Detlef Düwel, der dummerweise zur Finanzprüfung ins Haus schneit und damit wenig Sympathie bei Heinrich Hintzpeter erweckt. Als sich der lang verschollene Bruder aus Amerika zu Doras 90. Geburtstag anmeldet, scheint die Verwirrung perfekt…!

Klug hat Regisseur Michael Koch das Stück in Maßen aktualisiert und in die 70er Jahre transferiert. Mehr Aktualität wäre dem Stück auch nicht gut bekommen: Heutzutage ist die Schwangerschaft einer unehelichen Frau kein gesellschaftliches Tabu mehr, und Töchter lassen sich nicht vorschreiben, wen sie zu heiraten haben – Familiendynastie hin oder her. So zünden einige Gags auch nur im Hinblick auf die zeitliche Verankerung. Kochs Regie bleibt der Tradition treu, erfreut gleichzeitig mit der einen oder anderen Neudeutung der Rollen und lässt die Protagonisten so herrlich „menscheln“.

Das Ohnsorg-Theater war und ist ein Garant dafür, das wunderbare Volksschauspieler*innen auf der Bühne stehen. Till Huster als „Mann mit Charakter“ grantelt und bärbeißt, lässt unter der rauen Schale aber immer eine Portion Gefühl durchblitzen. Beate Kiupel als Selma leistet sich charmante Auftritte, verteidigt ihre Tochter gluckenhaft, während sie ihrem Ex-Gatten unterhaltsam die Stirn bietet. Eileen Weidel als hübsche Tochter Gisela darf – ganz Kind der 70er – deutlich frecher und selbstbewusster als ihre Rollenvorgängerinnen sein und erfreut mit frischem Spiel. Der Detlef Düwel von Christian Richard Bauer ist ein sympathischer Charmebolzen mit Schalk im Nacken, der sich vom Familien-Patriarch nicht einschüchtern lässt. Robert Eder schafft es, die Figur des Karl Kroepelin nicht zur Karikatur verkommen zu lassen. Lara-Maria Wichels sorgt als Bäckerlehrling Peter für frischen Wind auf der Bühne, und Manfred Bettinger gibt den verschollenen Bruder Fritz Hintzpeter als bigotten Langeweiler.

Gerade in der heutigen Zeit brauchen wir (brauche ich) ein klein wenig „heile Welt“, in der Herzlichkeit, Familiensinn, das aufeinander Achten und füreinander Dasein im Mittelpunkt steht. Volkstheater im besten Sinne sozusagen…! Während das Boulevardtheater die Komik aus der Übertreibung schöpft, zieht das Volkstheater den Humor aus der scheinbaren Alltäglichkeit und lotet hier die Grenzen der Glaubhaftigkeit aus. Da wird umarmt und gebusselt, der Partnerin ein Haar aus dem Gesicht gestrichen oder dem Partner ein krummer Kragen gerade gerückt – so ganz nebenbei und unaufgeregt, so wie wir es im echten Leben auch tun würden. Die Schauspieler*innen agieren in den stimmigen Kostümen der 70er und in einem wunderschönen Bühnenbild, das mit Liebe zum Detail begeistert: Bei entsprechender Beleuchtung gibt die Rückwand der Wohnstube den Blick in das Ladenlokal der Bäckerei Hintzpeter frei. Das Ohnsorg-Theater ist Volkstheater durch und durch – egal ob mit Wilfried Wroost, William Shakespeare oder Siegried Lenz, egal ob bei Lustspiel, Broadway-Musical oder Klassiker. Denn all dies findet der Zuschauer bei diesem modernen Mundart-Theater.

Dreh- und Angelpunkt dieser Inszenierung ist die wunderbare Heidi Mahler als Dora Hinzpeter: ein überreiches Talent wurde ihr in die Wiege gelegt. Doch der Schatten einer hochtalentierten und über alle Maßen beliebten Mutter kann auch erdrückend sein (Zu Beginn des Stücks schaut die Mütter beinah übermächtig von der Leinwand.). Vielleicht bietet sich ein Vergleich der beiden Heidis an – besonders bei Rollen, die beide verkörpert haben. Vielleicht drängt sich die Erinnerung an die ältere Heidi neben dem Spiel der jüngeren Heidi. Vielleicht…! Nein, kein „Vielleicht…!“. Heidi Mahler feierte in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag, und steht seit über 55 Jahren auf der Bühne. Und so spielt sie die lebenskluge, schlagfertige Dora Hintzpeter anders als ihre Mutter aber nicht weniger „echt“. Und als großes Kompliment für Heide Mahler und dem gesamten Ensembles sei gesagt, dass sich während der gesamten Aufführung kein Gedanke an einen Vergleich in meinen „Bregen“ drängte.

„En Mann mit Charakter“ soll Heidi Mahlers letzte Premiere sein. Ich danke ihr von ganzem Herzen für das Übermaß an Freude, das sie in den vergangenen Jahren in mein Leben gebracht hat!

Foto Mirko Hannemann - public address

Am Premieren-Abend von „En Mann mit Charakter“ erhielt Heidi Mahler von Dr. Christian Breitzke, Vorstand des Vereins Niederdeutsche Bühne e.V. und Vorsitzender des Aufsichtsrats des Ohnsorg-Theaters die Ehrenmitgliedschaft des Ohnsorg-Theaters. Die Ehrenmitgliedschaft ist die höchste Auszeichnung, die das Ohnsorg-Theater zu vergeben hat. Sie würdigt herausragende Persönlichkeiten, deren Bedeutung für das Ohnsorg-Theater außergewöhnlich wichtig, richtungsweisend oder prägend ist. In der 117-jährigen Geschichte des Ohnsorg-Theaters wurde die Ehrenmitgliedschaft zuvor nur viermal verliehen: an Heidi Kabel, Hilde Sicks, Helmuth Kern und Christian Seeler.


Das Ohnsorg Theater spielt diesen plattdeutschen Klassiker nur noch bis Anfang Oktober und geht dann auf Tournee – vielleicht auch in Eurer Nähe.

[Komödie] Michael McKeefer – Charlies Weg / TiO Osterholz-Scharmbeck

Tragikkomödie von Michael McKeefer / Deutsch von Frank-Thomas Mende / Niederdeutsch von Werner Mahlendorf

Premiere: 2. März 2019 / besuchte Vorstellung: 24. März 2019

TiO – Theater in OHZ, Osterholz-Scharmbeck


Inszenierung: Bernd Schröter
Bühne: Heinz Windhorst
Kostüme: Ute Schmonsees


Da erhält Charlie Bock die Diagnose einer lebenslimitierenden Krankheit, und sein Leben steht Kopf: Nur noch wenige Monate bleiben ihm, um zu leben – um endlich richtig (!) zu leben. Wie war sein Leben bisher? Statt selbst ein Schriftsteller zu werden, wurde er ein mittelmäßiger Lektor in einem mittelmäßigen Verlag mit einem mittelmäßigen Gehalt in einer mittelmäßigen Stadt…! Nun fährt er ziellos in seinem mittelmäßigen Auto umher und nimmt scheinbar zufällig einen Anhalter mit: Doch bei Willy ist nichts zufällig. Schon seit Charlies Geburt war er unsichtbar an seiner Seite und hat auf seinen Einsatz gewartet. Nun ist er gekommen: Willy ist Charlies persönlicher Tod und bereit, ihn auf ebendiesen vorzubereiten.

Dummerweise stranden die beiden aufgrund einer Panne in einem trostlosen Hotel, das von Nelly nach dem tragischen Unfalltod ihres Mannes allein bewirtschaftet wird. Unterstützung erhält sie vom ansässigen Autoschlosser Theo, der ein ganz persönliches Interesse hat, dass Charlie so schnell wie möglich wieder verschwindet. Zwischen Todes-Sehnsucht und Hoffnung spürt Charlie nun ein für ihn gänzlich neues Gefühl: Er ist verliebt! Und so springt Irmi, seine persönliche Liebe aus den Tiefen seiner Gefühlskommode ans Licht und streut – blind wie ein Maulwurf, im quietsch-pinken Outfit und mit permanenter guter Laune gesegnet – wieder Hoffnung in Charlies trostloses (Rest-)Leben. Tod Willy ist der Verzweiflung nah…!

Hochachtung für das TiO – Theater in OHZ, das sich als reine Amateur-Bühne immer wieder an neue Herausforderungen wagt. Hochachtung für das Ensemble, das diese Herausforderung annahm und souverän umsetzte. Hochachtung für den Regisseur, der dafür sorgte, dass dieses doch sehr dialoglastige Stück kurzweilig und berührend aber nie sentimental über die Rampe kam.

Wie bei jeder Amateur-Bühne ist es nicht immer selbstverständlich, dass ein Stück in allen Rollen adäquat besetzt werden kann. In diesem Fall ist es gelungen: Karl-Heinz Fürst gibt den eher schlichten Theo mit sehr viel Sympathie, dessen Handeln nur auf der Sorge um und seine Zuneigung für Nelly beruht. Die Nelly von Tina Stelljes ist zwar mehr die handfeste Macherin (die aber auch aufgrund der Umstände machen musste), lässt aber auch leise, verletzliche Töne erkennen. Petra Frerichs scheint als die persönliche Liebe von Charlie ständig unter Strom zu stehen und versprüht eine beinah schon ekelerregende gute Laune, hat zum Glück auch ihre zarten, ruhigen Momente.

Jens Wendelken schafft scheinbar mühelos den (nicht einfachen) Spagat, dass der Zuschauer mit seinem Charlie zwar sehr mitfühlt aber nie Mitleid empfindet. Überzeugend gelingt ihm auch die Darstellung der ersten Krankheitssymptome. Sein verbaler Schlagabtausch mit dem Tod birgt neben der Tragik auch sehr viel Komik – aber wie bei jeder guten Komödie bedingt beides einander!

Carsten Mehrtens glänzt als Willy mit gekonnten Spiel: Sein Tod ist Verführer und Pragmatiker, schonungslos ehrlich und zärtlich umfangend, unterstützend und niederschmetternd, dabei sehr komisch aber nie furchteinflößend! Mehrtens und Wendelken sind perfekt aufeinander eingespielt und liefern eine Darstellung, die sich deutlich über dem Niveau einer Amateur-Bühne befindet!

Etliche Plätze blieben bei den Vorstellungen leer, da einige Besucher aufgrund der „Schwere“ des Stücks den Weg ins TiO scheuten: Ich kann sie nur bedauern, denn ihnen ist das beste Stück der dortigen Saison entgangen. Das TiO hat eindrucksvoll bewiesen, dass die plattdeutsche Sprache alles andere als „platt“ ist.


Am 24. März 2019 war die letzte Vorstellung von Charlies Weg und gleichzeitig auch Saison-Ende im TiO – Theater in OHZ. Weitere Infos findet Ihr hier.