[Tragikomödie] Tom Stoppard – ROSENKRANZ UND GÜLDENSTERN SIND TOT / Stadttheater Bremerhaven

Tragikomödie von Tom Stoppard / deutsch von Hanno Lunin

Premiere: 2. Oktober 2021 / besuchte Vorstellung: 21. November 2021

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Inszenierung: Tobias Rott
Bühne & Kostüme: Susanne Füller

William Shakespeare – der weltbekannte Barde aus Stratford-upon-Avon – war, ist und bleibt immer ein Garant für packende Geschichten. Aber selbst er hätte sich nicht träumen lassen, dass 350 Jahre nach seinem Tod ein aus der Tschechoslowakei nach Großbritannien emigrierter Schreiberling sich seine berühmt-berüchtigte Tragödie „Hamlet“ annimmt, daraus zwei Randfiguren herauspickt, diese in den Mittelpunkt stellt und alle anderen Personen zu schmückendem Beiwerk degradiert.

Tom Stoppard rückt in seiner Tragikomödie die beiden unglückseligen Freunde Hamlets, deren Schicksal schon zu Anfang der Tragödie besiegelt schien, in den Fokus und lässt die bekannte Geschichte eben „wie bekannt“ im Hintergrund ablaufen. Der edle Prinz Hamlet, der im Laufe des Stücks zunehmend verwirrter wird; der heimtückische Brudermord an seinem Vater durch die Hand des Onkels und die übereilte Vermählung seiner Mutter, der Königin, mit ebendiesen; Hamlets Werben und Sehnen nach der schönen Ophelia, die im Laufe des Stücks dem Wahnsinn verfällt; die bösartige Intrige des Onkels, um Hamlet endgültig loszuwerden…

…all dies gerät in Stoppards Stück zur Farce, in der all die hehren Gefühle, die schändlichen Taten und das aufopferungsvolle Leiden der Protagonist*innen im hellen Licht von Rosenkranz und Güldensterns Naivität als bloße Staffage enttarnt werden. Regisseur Tobias Rott unterstützt diese Aspekte des Stücks, indem er die Nebenpartien weniger wie in „Shakespeare in Love“ (Für den gleichnamigen Kino-Film lieferte Stoppard das Drehbuch.) sondern vielmehr als „Shakespeare in Drag“ agieren lässt: Alles ist ein wenig „zu viel“, „zu heftig“, „zu drüber“, um realistisch zu erscheinen. Vielmehr wirkt es eher wie ein billiges Schmierentheater, für das ursprünglich der auftretende Schauspieler mit seiner Tragöden-Truppe zuständig wäre.

Hier wird famos-unterhaltsam „Theater im Theater“ zelebriert, wobei offen und ehrlich zugegeben wird, dass „alles nur gespielt“ und somit Fiktion ist. Die Nebenfiguren halten an „ihrer“ Realität fest und wirken darum umso verlogener. Mittendrin in diesem Chaos lernen wir unsere beiden Helden kennen, die anscheinend dem Hamlet-Zitat „Der Rest ist Schweigen“ wenig abgewinnen können. Leon Häder als Rosenkranz und Dominik Lindhorst-Apfeltaler als Güldenstern liefern einen fulminanten Dialog-Marathon ab, spielen sich die Stichworte einem Ping-Pong-Spiel gleich in einem enormen Tempo zu und gönnen sich und dem Publikum keine Verschnaufpause. Vielmehr wird dem Publikum ein hohes Maß an Konzentration abverlangt, da sonst intelligente Pointen und humorvolle Wortspielereien überhört werden könnten.

Einzig dem Schauspieler erlaubt Stoppard ebenfalls in den Mittelpunkt zu treten und unseren beiden Helden die Aufmerksamkeit des Publikums streitig zu machen. Henning Bäcker verkörpert diesen Schmierenkomödianten mal diabolisch-verführerisch, mal kraftvoll-bedrohlich und darf sich mit einer Auswahl markanter Typen seiner Tragöden-Truppe umgeben.

So bleiben die restlichen Rollen nur wenig mehr als Randerscheinungen (wie es im Shakespeare’schen Original Rosenkranz und Güldenstern sind) und werden von Marsha Zimmermann, Frank Auerbach, Isabell Zeumer und Marc Vinzing souverän ausgefüllt.

Die Kostüme und das Bühnenbild von Susanne Füller unterstreichen den Eindruck vom „Theater im Theater“: Auf der schwarzen Guckkastenbühne deuten wenige kasten-artige Bühnenelemente die unterschiedlichen Spiel-Ebenen an. Bei den Kostümen nimmt sie ebenso Anleihe an der Epoche Shakespeares wie an der Optik alter Slapstick-Filme.

Am Ende sind (titelgebend) Rosenkranz und Güldenstern tot, und somit erübrigt sich die Frage nach „Sein oder Nichtsein“. Hier wird herausragendes Sprech-Theater im wahrsten Sinne des Wortes geboten: …nix für Zwischendurch, dafür intelligente Unterhaltung vom Feinsten!


Tragisch: ROSENKRANZ UND GÜLDENSTERN SIND TOT und doch wünsche ich ihnen am Stadttheater Bremerhaven noch viele Male eine Wiederauferstehung.

[Komödie] Eberhard Streul & Otto Schenk – DIE STERNSTUNDE DES JOSEF BIEDER / TiO Osterholz-Scharmbeck

Komödie von Eberhard Streul und Otto Schenk

Premiere: 16. Oktober 2021 / besuchte Vorstellungen: 17. und 31. Oktober 2021

TiO – Theater in OHZ, Osterholz-Scharmbeck


Inszenierung: Marne Ahrens
Bühne: Beate Schöne


Theater in Zeiten von Corona: Es war und ist für jede Bühne eine Herausforderung. Doch besonders kleine und allerkleinste Theater trifft es besonders hart. Nicht nur, dass die Hygienevorschriften vor, auf und hinter der Bühne umgesetzt werden müssen, auch die Abstandsregelung zwingt viele Theater, die per sé schon überschaubaren Plätze im schnuckeligen, engen und gemütlichen Theaterraum weiter zu reduzieren. Die Folgen: weniger Zuschauerzahlen = weniger Einnahmen = Existenzängste! Selbst eine Amateur-Bühne wie das TiO – Theater in OHZ, wo alle Bühnenschaffenden dies als ihr Hobby ansehen und somit sich ehrenamtlich für das Theater engagieren, spürte diese Folgen. Laufende Kosten scheren sich nun mal nicht um eine Pandemie. Doch das TiO – Theater in OHZ suchte neue Wege und fand diese: ein Darsteller auf der Bühne, ein Regisseur vor der Bühne, eine Requisiteurin hinter der Bühne und ein Techniker am Licht- und Ton-Pult – alle mit dem geforderten Abstand zueinander. Zudem wurde ein passendes Stück mit einer überschaubaren Länge gefunden. So startete im Dezember 2020 die Crew mit den Proben ins Ungewisse, doch mit dem festen Willen, sobald sich eine Möglichkeit bietet, wieder Theater für ihr Publikum anbieten zu können. Und das Konzept ging auf…!

Josef Bieder ist Chefrequisiteur am örtlichen Theater und schon seit Jahrzehnten in diesem Beruf tätig. Er kennt sich aus, und nichts und niemand könnte ihn aus der Ruhe bringen. Das dachte er zumindest, bis er an einem vorstellungsfreien Tag unversehens auf der Bühne steht, um diese für die Aufführung am nächsten Tag vorzubereiten, und im halbdunklen Zuschauerraum Publikum wahrnimmt. Wie konnte dieses Malheur nur passieren? Das kann doch nur ein peinlicher organisatorischer Fehler „von Denen da oben“ sein. Während er versucht, die Verantwortlichen an die Strippe zu bekommen, sucht er den Kontakt mit dem Publikum, denn schließlich „Sie können ja nichts dafür…!“. Dabei entwickelt sich zunehmend ein Monolog, in dem Bieder mehr und mehr ins Plaudern gerät und seine harmlose Schwärmerei für seine junge Assistentin Leni offenbart. Er gewährt „seinem“ Publikum Einblick in seinen Tätigkeitsbereich, gibt Anekdoten über Sänger und Dirigenten zum Besten, zelebriert die verschiedenen Arten der Verbeugung ebenso überzeugend wie das Todeszucken des sterbenden Schwans, und so ganz nebenbei verrät er charmant seine persönlichen Leidenschaften. Nach einer Stunde – seiner Sternstunde – ist seine Arbeit getan, und er verabschiedet sich (und uns) in den wohlverdienten Feierabend.

Manchmal ist weniger mehr: einige wenige Bühnenteile, eine Handvoll Requisiten, dazu ein talentierter Schauspieler unter der Führung eines fähigen Regisseurs, und fertig ist die humorvolle Unterhaltung mit Niveau. Dabei mutete anfangs alles eher etwas nüchtern an: Das Publikum tritt in den Saal und schaut auf die offene Bühne, die Bühnenbildnerin Beate Schöne im Arbeitslicht wenig ansprechend wirken lässt. Ebenso erlaubt Carsten Mehrtens seinen Josef Bieder nicht von vornerein allzu sympathisch über die Rampe zu kommen. Vielmehr wirkt er eher spröde und scheint verunsichert ob der Situation, die er gerne schnellstmöglichst geklärt wissen will. Doch da er „von Denen da oben“ keine schnelle Rückmeldung erhält, ist Bieder gezwungen zu improvisieren. Und so wie die Kulisse plötzlich im Bühnenlicht Atmosphäre ausstrahlt, so blüht unser ältlicher Requisiteur mit jedem weiteren Satz, mit jeder weiteren Anekdote mehr und mehr auf.

Carsten Mehrtens gelingt bravourös der Spagat zwischen Melancholie, Humor und Slapstick. Grandios wie er mit differenzierter Mimik und Gestik die unterschiedlichen Formen der Verbeugung darstellt, voller Zartheit in seiner Schwärmerei von Leni erzählt und über das Altern philosophiert, um dann mit Cadenza den Fächertanz im Tütü darzubieten. Regisseur Marne Ahrens wird einen nicht unwesentlichen Anteil am Gelingen dieses Abends haben. So führt er seinen Schauspieler klug durch diesen Monolog, erlaubt ihm Pausen des Nachdenkens und Resümierens, nutzt geschickt Requisiten und würzt den Text mit lokalen Anspielungen.

Nach einer guten Stunde war das Vergnügen leider schon zu Ende. Doch diese Stunde war nicht nur die Sternstunde des Josef Bieder, sondern ebenso eine Sternstunde für alle Mitwirkende und eine Freude für jede*n, die/der intelligente Unterhaltung zu schätzen weiß.


Hingehen, anschauen und einen tollen Abend verleben: DIE STERNSTUNDE DES JOSEF BIEDER werden noch bis November im TiO – Theater in OHZ zu sehen sein.

[Komödie] Sönke Andresen – OFFLINE FÖR EEN AVEND (UA) / Ohnsorg Theater Hamburg

Komödie von Sönke Andresen / Plattdeutsch von Christian Richard Bauer

Premiere: 22. August 2021 / besuchte Vorstellung: 24. August 2021
Ohnsorg Theater Hamburg


Inszenierung: Murat Yeginer
Bühne & Kostüme: Beate Zoff


Hamburg – meine Perle! Sind tatsächlich schon beinah zwei Jahre vergangen, seitdem wir das letzte Mal bei dir zu Gast waren? Auch damals waren wir zu dir gekommen, um uns ein Stück im legendären Ohnsorg Theater anzuschauen. Nun sind wir aus ebendiesem Grund wieder bei dir: …und dazwischen, was war dazwischen? Ach, reden wir nicht darüber, sondern freuen uns lieber, dass wir gesund wieder beisammen sind.

Der Möbel-Mitnahmemarkt „ahoy!-Möbel“ feiert sein 75-jähriges Bestehen mit einer Motto-Kostüm-Party, bei der alle Mitarbeiter*innen getreu dem Firmennamen maritim kostümiert zu erscheinen haben. Genau am Abend der großen Jubiläumsparty bricht Kassiererin Carla gemeinsam mit ihrer Kollegin Debbie, ihres Zeichens Verkäuferin in der Matratzenabteilung, über den Lüftungsschacht in das Büro ihres Chefs Jörn Brunkhorst ein. Carla sucht belastendes Material gegen ihren Chef, der sie für den Krankenhausaufenthalt einer Kollegin verantwortlich macht und ihr mit Abmahnung, wenn nicht sogar Kündigung droht. So sinnt Carla auf Rache, findet allerdings kein belastendes Material. Stattdessen albert sie mit einer phallusförmiges Figur aus Terrakotta, ein Erbstück der verstorbenen Frau Mama, herum und rekelt sich scheinbar wollüstig vor der Handykamera, um ihrer erkrankten Kollegin mit diesem Filmchen zu erfreuen. Dummerweise beginnt der Nachname eben dieser Kollegin mit demselben Buchstaben wie der ihres Chefs: 1x nicht richtig hingeschaut, 1x zu schnell getippt und schon landet das pikante Video auf dem Handy des Chefs. Nun ist guter Rat teuer: Der Chef darf dieses Video unter keinen Umständen zu Gesicht bekommen, Carla wäre sonst auf der Stelle arbeitslos. So möbliert – Äh! – mobilisiert sie die Massen, spannt ihre Freundin Debbie ebenso für ihre Pläne ein, wie ihren Ex-Gatten Horst, der als Gabelstapelfahrer im Lager arbeitet und zum Firmenjubiläum zum tanzenden Show-Act im Meer-Mann-Kostüm mutiert. Auch die in den Chef verschossene Lone Rasmussen, Urenkelin des Firmengründers, wird hemmungslos von ihr für ihre Zwecke manipuliert. Carla lässt sich immer neue hanebüchene Geschichten einfallen, um ihre Anwesenheit im Büro des Chefs zu erklären und ihm so das Handy mit dem pikanten Video zu entlocken. Dabei hat er ganz andere Sorgen…!

Regisseur Murat Yeginer setzt in seiner Inszenierung auf Tempo und jagt sein Ensemble im Stil der klassischen Screwball-Komödien über die Bretter: schnell und mit dem nötigen Timing aber nie hektisch. Dabei überrascht er mit kleinen, feinen Gags und ermöglicht seinen Schauspieler*innen, Profil und Charakter ihrer Figuren zu entwickeln. Das Bühnenbild von Beate Zoff überzeugt im beinah sterilen Ambiente eines Möbelhauses, wie es überall in der Republik stehen könnte. Erst ein zweiter oder auch dritter Blick offenbaren die vielen Details (das maritime Muster der Auslegeware, die typischen Preisschilder an den Möbeln), die sich auch in den Kostümen (die Namensschilder des Personals, ein Werbeaufdruck auf dem T-Shirt) wiederfinden.

Wie eigentlich immer beim Ohnsorg Theater punktet auch „Offline för een Avend“ mit einer passgenauen Auswahl der Schauspieler*innen. Nele Larsen gibt die zuckersüße Lone mit Naivität und Sex-Appeal. Meike Meiners verzweifelt als Debbie beinah an ihrem Zwiespalt zwischen Karrieredenken und Loyalität gegenüber Carla. Erkki Hopf gefällt in seiner akzentuierten Darstellung des Jörn Brunkhorst, der verzweifelt versucht, sein „dunkles“ Geheimnis zu verschleiern.

Markus Gillich entlockt den Kehlen des Publikums so manches Lachen, wenn er als leicht alkoholisierter Meer-Mann Horst eine choreografierte Kostprobe seines Show-Acts zum Besten gibt und diese zudem auf der Bierflasche pfeifend musikalisch untermalt.

Beate Kiupel glänzt voller Spielfreude und stattet ihre Carla mit patentem Mutter-Witz aus. Als „alte“ Häsin am Ohnsorg Theater versteht sie es famos, ihre Pointen punktgenau zu setzten, und startet so etliche Humor-Offensiven, z.Bsp. wenn sie sich beim kompromittierenden Video-Dreh rollig auf dem Schreibtisch wälzt oder ihrem Chef kokett-verführerisch das Handy zu entlocken versucht.

Der Regisseur „himself“ sorgt als Stimme von Praktikant Ibrahim für einen Running-Gag: Ibrahim beherrscht die deutsche Sprache nur rudimentär, muss allerdings das Mikro der Information besetzen, scheitert so beinah tragisch-komisch an der gender-neutralen Ansprache von Kund- und Belegschaft und führt diese so ad absurdum. Dabei war Schadenfreude hier nicht nur völlig fehl am Platz, sie war schlichtweg nicht existent: Das Publikum durfte mit den Figuren lachen. Es lachte aber nie über sie. Das Ensemble des Ohnsorg-Theaters wandelte trittsicher auf dem schmalen Grat zwischen Klamauk und Komik, zwischen Überzeichnung und Glaubwürdigkeit, ohne diesen je zu verlassen.

Das Ensemble des Ohnsorg-Theaters beherrscht eben bravourös die schwere Kunst der leichten Unterhaltung!


Das Ohnsorg Theater spielt OFFLINE FÖR EEN AVEND noch bis zum 25. September 2021.

[Komödie] Samuel Benchetrit – Nach Paris! / TiO Osterholz-Scharmbeck

Komödie von Samuel Benchetrit / Deutsch von Annette und Paul Bäcker

Premiere: 11. Januar 2020 / besuchte Vorstellung: 18. Januar 2020

TiO – Theater in OHZ, Osterholz-Scharmbeck


Inszenierung: Bernd Schröter
Bühne: Beate Schöne
Kostüme: Ute Schmonsees


Ein einsamer Bahnhof in der Provinz: Eine junge Frau (Michelle), ein junger Mann (Vincent) und ein älterer Mann (Charles) warten auf den Zug nach Paris. Doch dieser Zug verspätet sich immer wieder und immer wieder. Drei auf den ersten Eindruck scheinbar fremde Menschen sind auf diesen heruntergekommenen Bahnhof gestrandet. Gestrandet sind sie nicht nur hier: Jede*r von ihnen ist im Leben an einem Punkt angekommen, an dem sie schon gestrandet sind, bzw. es vorbestimmt scheint, dass sie stranden werden. Nur langsam entwickelt sich ein Gespräch zwischen den Wartenden. Beinah zögerlich werden die Gründe der jeweiligen Reise, familiäre Verbindungen und Lebensentwürfe und -wünsche verraten. Gegenseitige Sympathien keimen auf und werden wenig später auch wieder im Keim erstickt. Jede*r der Reisenden hält Zwiesprache mit sich und mit der Stimme der Bahnansage, die ein überraschendes wie beängstigendes Eigenleben führt! Als endlich der Zug nach Paris im Bahnhof eintrifft, ist alles anders: Die Karten des Lebens wurden neu gemischt…!

Regisseur Bernd Schröter gelingt es mit leichter Hand, Humor mit Melancholie zu paaren: Es darf durchaus gelacht werden, doch im nächsten Moment kann schon eine Träne rinnen. Französisches Flair weht durch die Szenerie und siedelt die Handlung zwischen Realität und Märchen an.

Eine Überraschung erlebt der Zuschauer beim Bühnenbild: Die gesamte Bestuhlung des Saals hat sich um 90° nach rechts gedreht. Das Geschehen spielt sich nicht mehr auf der Bühne ab. Die gesamte Länge des Saals mutiert nun zum Bahnhof. Der Zuschauer sitzt somit „auf den Gleisen“, blickt frontal auf den Bahnhof und somit direkt hinein in die Handlung. Bühnenbildnerin Beate Schöne hat einen äußerst ansprechenden wie stimmungsvollen Rahmen für diese zarte Komödie geschaffen und begeistert mit entzückenden Details.

Drei starke Darsteller*innen stehen auf der Bühne: Francine Fromme gibt eine zarte Michelle zwischen Naivität und Koketterie, zwischen Freiheitsdrang und sich geborgen fühlen (wollen). Jan Makow stattet den Vincent als bedachten jungen Mann mit Träumen, Idealen aber auch klaren Grundsätzen aus und lässt ihn – trotz aller Zurückhaltung – nicht farblos erscheinen. Carsten Mehrtens vollzieht mit dieser Komödie ein Wechsel im Rollenfach und wandelt sich vom Womanizer/Bad Boy zum reifen Charakterdarsteller. Dies steht ihm ausgesprochen gut zu Gesicht: Sein Charles ist liebenswert kauzig und fordernd, dann wieder rührend und behütend. Last but not least: Als „Sidekick“ leiht Miriam Pukies der Bahnansage ihre prägnante Stimme.

Mit einer Träne im Augenwinkel und einem wohligen Gefühl im Herzen durfte ich das Theater verlassen. Das TiO: Theater in OHZ – Scharmbecker Speeldeel ist seinem Ruf als ambitionierte Amateur-Bühne wieder einmal mehr als gerecht geworden.


Bis Anfang Februar 2020 steht diese feine Komödie noch auf dem Spielplan des TiO – Theater in OHZ. Weitere Infos findet Ihr hier.

[Komödie] Jacobs & Netenjakob – Extrawurst / Stadttheater Bremerhaven

Komödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob

Premiere: 20. Dezember 2019 / besuchte Vorstellung: 28. Dezember 2019

Stadttheater Bremerhaven / Kleines Haus


Inszenierung & Bühne: Andreas Rehschuh

Kostüme: Juliane Götz


Eine Vereinsversammlung in der Provinz. Dr. Heribert Bräsemann (Kay Krause), Präsident des Tennisclubs TC Lengenheide, ist gerade mit 100 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden. Als letzter Punkt der Tagesordnung muss noch über den Kauf eines neuen Grills für das alljährliche Sommerfest entschieden werden, und dann geht der gemütliche Teil des Abends mit Bier und kaltem Nudelsalat los. Aber da schlägt Melanie (Julia Lindhorst-Apfelthaler), Doppelpartnerin von Erol, vor, dass man doch einen zweiten Grill anschaffen sollte, weil Erol und seine Frau ihr Grillgut nicht zum Schweinefleisch der anderen Mitglieder auf den Grill legen dürfen. Erol (Henning Bäcker) will diese «Extrawurst» gar nicht, aber Melanie lässt nicht locker, zum Missfallen des stellvertretenden Vorsitzenden Matthias (Max Roenneberg). Und ihr Mann Torsten (Richard Lingscheidt) unterstützt ihr Anliegen zwar prinzipiell, beobachtet Melanies Fürsorge für Erol aber mit wachsender Eifersucht. Und mir nichts dir nichts ist der schönste Streit im Gange, es ist von «Türkenwurst» und «Schweinedampf» die Rede und Heriberts Vorschlag, seinen unbenutzten Elektro-Grill zu benutzen, lehnt Erol mit dem Argument ab, das fühle sich an wie «Türken-Charity».

Im vertrauten Setting einer Jahresversammlung gelingt den beiden Autoren das Kunststück, in einer pointierten Komödie die entscheidende Frage zu stellen: Gibt es auch am Grill eine deutsche Leitkultur? Die Zuschauer sind als Vereinsmitglieder Teil des Geschehens und erleben hautnah mit, wie sich eine Gesellschaft nachhaltig zerlegen kann, wenn Atheisten und Gläubige, Deutsche und Türken, «Gutmenschen» und Hardliner frontal aufeinanderprallen. (Text von Peter Hilton Fliegel für das Programmheft zu „Extrawurst“)

Der Deutsche und seine Vereinskultur: Das Patriarchat agiert in der Verkleidung der Demokratie. Der Verein als Profilierungsbühne des kleinen Mannes.

Regisseur Andreas Rehschuh lässt im steril-sauberen, tennis-weißen Bühnenbild ein Abbild der Gesellschaft vor den Blicken der Zuschauer entstehen. Überspitzt comic-haft haben die Gegenstände markante schwarze Konturen, ebenso wie die Kostüme von Juliane Götz, die mit wenigen prägnanten Strichen, die Charaktere der Handlungspersonen beschreibt bzw. die Klischees, die sich dahinter verbergen (die strenge Bügelfalte vom spießigen Präsidenten, der betonte Hosenschlitz vom potenten Türken etc.). Geschickt verteilt Rehschuh die Schauspieler im Zuschauerraum: Ihr verbaler Schlagabtausch zwingt die Zuschauer – wie bei einem Tennisturnier der Blick dem Ball folgt – den Kopf nach links und rechts zu wenden, um die Reaktionen der Protagonisten zu beobachten.

„Links“ und „Rechts“: Wo steht wer? Unterdrückte Ressentiments spülen an die Oberfläche einer scheinbaren Toleranz. Gerne wäre jeder von uns ein Gutmensch, doch leider kämpfen wir alle mit unseren persönlichen Vorurteilen. Diese Komödie deckt bloß aber liefert nicht aus. Sie erlaubt ein befreiendes Auflachen aber sorgt auch dafür, dass das Lachen in der Kehle stecken bleibt.

Regisseur Andreas Rehschuh greift am Stadttheater Bremerhaven auf ein talentiertes Ensembles zurück, dass frei von übertriebenen Attitüden die Motivation der jeweiligen Person für das Publikum glaubwürdig sichtbar macht – ohne an Sympathie zu verlieren. Sie sind eben auch nur Menschen…!


Die Extrawurst wird noch bis April 2020 im Stadttheater Bremerhaven auf dem Rost liegen und auf komödiantische Abnehmer warten.

[Lustspiel] Wilfried Wroost – Een Mann mit Charakter / Ohnsorg Theater Hamburg

Lustspiel von Wilfried Wroost

Premiere: 25. August 2019 / besuchte Vorstellung: 24. September 2019 / Ohnsorg Theater Hamburg


Inszenierung: Michael Koch
Kostüme: Krzysztof Sumera, Britta Lindenstrauß-Buhrke, Andrea Oppenländer
Bühne: Katrin Reimers

Hat ein Lustspiel, dass seine Uraufführung in den 50er Jahren an eben diesem Theater (damals natürlich noch im alten Haus in der Großen Bleichen) erlebt hat, im Jahre 2019 mit seinen Themen wie Klimawandel und zunehmenden Rechtsruck überhaupt noch Platz auf der Bühne? Ist es nicht eher ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, in der der Mann als Patriarch der Familie über das Wohl der Tochter entscheidet, und das Frauenbild allgemein vor lauter Staub kaum sichtbar ist?

ja! Ja!! JA!!! möchte ich schreien…! Es muss auf die Bühne – unbedingt!

In der Zwischenzeit ist es die 6. Inszenierung an diesem Haus: In den ersten fünf Inszenierungen stand Heidi Kabel in der Rolle der Dora Hinzpeter auf der Bühne und machte sie zu einer ihrer Paraderollen. Ihre Tochter Heidi Mahler kann mit der aktuellen Inszenierung ihr viertes Mitwirken an „En Mann mit Charakter“ verbuchen: 1969/70 und 1978/79 als Tochter Gisela, 1989/90 als Mutter Selma und nun natürlich als Dora Hinzpeter.

Die Frauenrollen werden – wie ein Staffelstab – anscheinend von Generation zu Generation weitergegeben: Beate Kiupel und Eileen Weidel können schon erahnen, wohin sie ihre jeweilige Bühnenlaufbahn führen wird (Übrigens: 1989/90 stand Beate Kuipel als Tochter Gisela neben den beiden Heidis auf der Bühne.).

Bäckermeister Heinrich Hinzpeter ist ein Mann mit Charakter. Darum hat er vor Jahren nicht gezögert, die schwangere Braut seines Bruders zu ehelichen, als dieser sie sitzen ließ und das Land Richtung New York verließ. Doch seiner Ehe mit Selma war kein dauerhaftes Glück beschienen: Auch wenn die gegenseitige Zuneigung nie erloschen ist, so ein Mann mit Charakter ist eben auch ein rechter Bullerballer und Dickkopf. Hinzpeter führt seine Familie wie auch die Mitarbeiter seiner Backstube mit strenger Hand – meint er, denn in Wirklichkeit hat seine Mutter Dora immer noch das Zepter in der Hand und lenkt klug die Geschicke der Familie. Die Strenge des Vaters bekommt auch Tochter Gisela zu spüren, von der er erwartet, dass sie zum Erhalt der Bäcker-Dynastie einen Mann vom Fach ehelicht. Bäckergeselle Karl Kroepelin hat ein Auge auf die hübsche Gisela geworfen. Leider hat sie nur Augen für den feschen Finanzbeamten Detlef Düwel, der dummerweise zur Finanzprüfung ins Haus schneit und damit wenig Sympathie bei Heinrich Hintzpeter erweckt. Als sich der lang verschollene Bruder aus Amerika zu Doras 90. Geburtstag anmeldet, scheint die Verwirrung perfekt…!

Klug hat Regisseur Michael Koch das Stück in Maßen aktualisiert und in die 70er Jahre transferiert. Mehr Aktualität wäre dem Stück auch nicht gut bekommen: Heutzutage ist die Schwangerschaft einer unehelichen Frau kein gesellschaftliches Tabu mehr, und Töchter lassen sich nicht vorschreiben, wen sie zu heiraten haben – Familiendynastie hin oder her. So zünden einige Gags auch nur im Hinblick auf die zeitliche Verankerung. Kochs Regie bleibt der Tradition treu, erfreut gleichzeitig mit der einen oder anderen Neudeutung der Rollen und lässt die Protagonisten so herrlich „menscheln“.

Das Ohnsorg-Theater war und ist ein Garant dafür, das wunderbare Volksschauspieler*innen auf der Bühne stehen. Till Huster als „Mann mit Charakter“ grantelt und bärbeißt, lässt unter der rauen Schale aber immer eine Portion Gefühl durchblitzen. Beate Kiupel als Selma leistet sich charmante Auftritte, verteidigt ihre Tochter gluckenhaft, während sie ihrem Ex-Gatten unterhaltsam die Stirn bietet. Eileen Weidel als hübsche Tochter Gisela darf – ganz Kind der 70er – deutlich frecher und selbstbewusster als ihre Rollenvorgängerinnen sein und erfreut mit frischem Spiel. Der Detlef Düwel von Christian Richard Bauer ist ein sympathischer Charmebolzen mit Schalk im Nacken, der sich vom Familien-Patriarch nicht einschüchtern lässt. Robert Eder schafft es, die Figur des Karl Kroepelin nicht zur Karikatur verkommen zu lassen. Lara-Maria Wichels sorgt als Bäckerlehrling Peter für frischen Wind auf der Bühne, und Manfred Bettinger gibt den verschollenen Bruder Fritz Hintzpeter als bigotten Langeweiler.

Gerade in der heutigen Zeit brauchen wir (brauche ich) ein klein wenig „heile Welt“, in der Herzlichkeit, Familiensinn, das aufeinander Achten und füreinander Dasein im Mittelpunkt steht. Volkstheater im besten Sinne sozusagen…! Während das Boulevardtheater die Komik aus der Übertreibung schöpft, zieht das Volkstheater den Humor aus der scheinbaren Alltäglichkeit und lotet hier die Grenzen der Glaubhaftigkeit aus. Da wird umarmt und gebusselt, der Partnerin ein Haar aus dem Gesicht gestrichen oder dem Partner ein krummer Kragen gerade gerückt – so ganz nebenbei und unaufgeregt, so wie wir es im echten Leben auch tun würden. Die Schauspieler*innen agieren in den stimmigen Kostümen der 70er und in einem wunderschönen Bühnenbild, das mit Liebe zum Detail begeistert: Bei entsprechender Beleuchtung gibt die Rückwand der Wohnstube den Blick in das Ladenlokal der Bäckerei Hintzpeter frei. Das Ohnsorg-Theater ist Volkstheater durch und durch – egal ob mit Wilfried Wroost, William Shakespeare oder Siegried Lenz, egal ob bei Lustspiel, Broadway-Musical oder Klassiker. Denn all dies findet der Zuschauer bei diesem modernen Mundart-Theater.

Dreh- und Angelpunkt dieser Inszenierung ist die wunderbare Heidi Mahler als Dora Hinzpeter: ein überreiches Talent wurde ihr in die Wiege gelegt. Doch der Schatten einer hochtalentierten und über alle Maßen beliebten Mutter kann auch erdrückend sein (Zu Beginn des Stücks schaut die Mütter beinah übermächtig von der Leinwand.). Vielleicht bietet sich ein Vergleich der beiden Heidis an – besonders bei Rollen, die beide verkörpert haben. Vielleicht drängt sich die Erinnerung an die ältere Heidi neben dem Spiel der jüngeren Heidi. Vielleicht…! Nein, kein „Vielleicht…!“. Heidi Mahler feierte in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag, und steht seit über 55 Jahren auf der Bühne. Und so spielt sie die lebenskluge, schlagfertige Dora Hintzpeter anders als ihre Mutter aber nicht weniger „echt“. Und als großes Kompliment für Heide Mahler und dem gesamten Ensembles sei gesagt, dass sich während der gesamten Aufführung kein Gedanke an einen Vergleich in meinen „Bregen“ drängte.

„En Mann mit Charakter“ soll Heidi Mahlers letzte Premiere sein. Ich danke ihr von ganzem Herzen für das Übermaß an Freude, das sie in den vergangenen Jahren in mein Leben gebracht hat!

Foto Mirko Hannemann - public address

Am Premieren-Abend von „En Mann mit Charakter“ erhielt Heidi Mahler von Dr. Christian Breitzke, Vorstand des Vereins Niederdeutsche Bühne e.V. und Vorsitzender des Aufsichtsrats des Ohnsorg-Theaters die Ehrenmitgliedschaft des Ohnsorg-Theaters. Die Ehrenmitgliedschaft ist die höchste Auszeichnung, die das Ohnsorg-Theater zu vergeben hat. Sie würdigt herausragende Persönlichkeiten, deren Bedeutung für das Ohnsorg-Theater außergewöhnlich wichtig, richtungsweisend oder prägend ist. In der 117-jährigen Geschichte des Ohnsorg-Theaters wurde die Ehrenmitgliedschaft zuvor nur viermal verliehen: an Heidi Kabel, Hilde Sicks, Helmuth Kern und Christian Seeler.


Das Ohnsorg Theater spielt diesen plattdeutschen Klassiker nur noch bis Anfang Oktober und geht dann auf Tournee – vielleicht auch in Eurer Nähe.

[Komödie] Michael McKeefer – Charlies Weg / TiO Osterholz-Scharmbeck

Tragikkomödie von Michael McKeefer / Deutsch von Frank-Thomas Mende / Niederdeutsch von Werner Mahlendorf

Premiere: 2. März 2019 / besuchte Vorstellung: 24. März 2019

TiO – Theater in OHZ, Osterholz-Scharmbeck


Inszenierung: Bernd Schröter
Bühne: Heinz Windhorst
Kostüme: Ute Schmonsees


Da erhält Charlie Bock die Diagnose einer lebenslimitierenden Krankheit, und sein Leben steht Kopf: Nur noch wenige Monate bleiben ihm, um zu leben – um endlich richtig (!) zu leben. Wie war sein Leben bisher? Statt selbst ein Schriftsteller zu werden, wurde er ein mittelmäßiger Lektor in einem mittelmäßigen Verlag mit einem mittelmäßigen Gehalt in einer mittelmäßigen Stadt…! Nun fährt er ziellos in seinem mittelmäßigen Auto umher und nimmt scheinbar zufällig einen Anhalter mit: Doch bei Willy ist nichts zufällig. Schon seit Charlies Geburt war er unsichtbar an seiner Seite und hat auf seinen Einsatz gewartet. Nun ist er gekommen: Willy ist Charlies persönlicher Tod und bereit, ihn auf ebendiesen vorzubereiten.

Dummerweise stranden die beiden aufgrund einer Panne in einem trostlosen Hotel, das von Nelly nach dem tragischen Unfalltod ihres Mannes allein bewirtschaftet wird. Unterstützung erhält sie vom ansässigen Autoschlosser Theo, der ein ganz persönliches Interesse hat, dass Charlie so schnell wie möglich wieder verschwindet. Zwischen Todes-Sehnsucht und Hoffnung spürt Charlie nun ein für ihn gänzlich neues Gefühl: Er ist verliebt! Und so springt Irmi, seine persönliche Liebe aus den Tiefen seiner Gefühlskommode ans Licht und streut – blind wie ein Maulwurf, im quietsch-pinken Outfit und mit permanenter guter Laune gesegnet – wieder Hoffnung in Charlies trostloses (Rest-)Leben. Tod Willy ist der Verzweiflung nah…!

Hochachtung für das TiO – Theater in OHZ, das sich als reine Amateur-Bühne immer wieder an neue Herausforderungen wagt. Hochachtung für das Ensemble, das diese Herausforderung annahm und souverän umsetzte. Hochachtung für den Regisseur, der dafür sorgte, dass dieses doch sehr dialoglastige Stück kurzweilig und berührend aber nie sentimental über die Rampe kam.

Wie bei jeder Amateur-Bühne ist es nicht immer selbstverständlich, dass ein Stück in allen Rollen adäquat besetzt werden kann. In diesem Fall ist es gelungen: Karl-Heinz Fürst gibt den eher schlichten Theo mit sehr viel Sympathie, dessen Handeln nur auf der Sorge um und seine Zuneigung für Nelly beruht. Die Nelly von Tina Stelljes ist zwar mehr die handfeste Macherin (die aber auch aufgrund der Umstände machen musste), lässt aber auch leise, verletzliche Töne erkennen. Petra Frerichs scheint als die persönliche Liebe von Charlie ständig unter Strom zu stehen und versprüht eine beinah schon ekelerregende gute Laune, hat zum Glück auch ihre zarten, ruhigen Momente.

Jens Wendelken schafft scheinbar mühelos den (nicht einfachen) Spagat, dass der Zuschauer mit seinem Charlie zwar sehr mitfühlt aber nie Mitleid empfindet. Überzeugend gelingt ihm auch die Darstellung der ersten Krankheitssymptome. Sein verbaler Schlagabtausch mit dem Tod birgt neben der Tragik auch sehr viel Komik – aber wie bei jeder guten Komödie bedingt beides einander!

Carsten Mehrtens glänzt als Willy mit gekonnten Spiel: Sein Tod ist Verführer und Pragmatiker, schonungslos ehrlich und zärtlich umfangend, unterstützend und niederschmetternd, dabei sehr komisch aber nie furchteinflößend! Mehrtens und Wendelken sind perfekt aufeinander eingespielt und liefern eine Darstellung, die sich deutlich über dem Niveau einer Amateur-Bühne befindet!

Etliche Plätze blieben bei den Vorstellungen leer, da einige Besucher aufgrund der „Schwere“ des Stücks den Weg ins TiO scheuten: Ich kann sie nur bedauern, denn ihnen ist das beste Stück der dortigen Saison entgangen. Das TiO hat eindrucksvoll bewiesen, dass die plattdeutsche Sprache alles andere als „platt“ ist.


Am 24. März 2019 war die letzte Vorstellung von Charlies Weg und gleichzeitig auch Saison-Ende im TiO – Theater in OHZ. Weitere Infos findet Ihr hier.