[Komödie] Eberhard Streul & Otto Schenk – DIE STERNSTUNDE DES JOSEF BIEDER / TiO Osterholz-Scharmbeck

Komödie von Eberhard Streul und Otto Schenk

Premiere: 16. Oktober 2021 / besuchte Vorstellungen: 17. und 31. Oktober 2021

TiO – Theater in OHZ, Osterholz-Scharmbeck


Inszenierung: Marne Ahrens
Bühne: Beate Schöne


Theater in Zeiten von Corona: Es war und ist für jede Bühne eine Herausforderung. Doch besonders kleine und allerkleinste Theater trifft es besonders hart. Nicht nur, dass die Hygienevorschriften vor, auf und hinter der Bühne umgesetzt werden müssen, auch die Abstandsregelung zwingt viele Theater, die per sé schon überschaubaren Plätze im schnuckeligen, engen und gemütlichen Theaterraum weiter zu reduzieren. Die Folgen: weniger Zuschauerzahlen = weniger Einnahmen = Existenzängste! Selbst eine Amateur-Bühne wie das TiO – Theater in OHZ, wo alle Bühnenschaffenden dies als ihr Hobby ansehen und somit sich ehrenamtlich für das Theater engagieren, spürte diese Folgen. Laufende Kosten scheren sich nun mal nicht um eine Pandemie. Doch das TiO – Theater in OHZ suchte neue Wege und fand diese: ein Darsteller auf der Bühne, ein Regisseur vor der Bühne, eine Requisiteurin hinter der Bühne und ein Techniker am Licht- und Ton-Pult – alle mit dem geforderten Abstand zueinander. Zudem wurde ein passendes Stück mit einer überschaubaren Länge gefunden. So startete im Dezember 2020 die Crew mit den Proben ins Ungewisse, doch mit dem festen Willen, sobald sich eine Möglichkeit bietet, wieder Theater für ihr Publikum anbieten zu können. Und das Konzept ging auf…!

Josef Bieder ist Chefrequisiteur am örtlichen Theater und schon seit Jahrzehnten in diesem Beruf tätig. Er kennt sich aus, und nichts und niemand könnte ihn aus der Ruhe bringen. Das dachte er zumindest, bis er an einem vorstellungsfreien Tag unversehens auf der Bühne steht, um diese für die Aufführung am nächsten Tag vorzubereiten, und im halbdunklen Zuschauerraum Publikum wahrnimmt. Wie konnte dieses Malheur nur passieren? Das kann doch nur ein peinlicher organisatorischer Fehler „von Denen da oben“ sein. Während er versucht, die Verantwortlichen an die Strippe zu bekommen, sucht er den Kontakt mit dem Publikum, denn schließlich „Sie können ja nichts dafür…!“. Dabei entwickelt sich zunehmend ein Monolog, in dem Bieder mehr und mehr ins Plaudern gerät und seine harmlose Schwärmerei für seine junge Assistentin Leni offenbart. Er gewährt „seinem“ Publikum Einblick in seinen Tätigkeitsbereich, gibt Anekdoten über Sänger und Dirigenten zum Besten, zelebriert die verschiedenen Arten der Verbeugung ebenso überzeugend wie das Todeszucken des sterbenden Schwans, und so ganz nebenbei verrät er charmant seine persönlichen Leidenschaften. Nach einer Stunde – seiner Sternstunde – ist seine Arbeit getan, und er verabschiedet sich (und uns) in den wohlverdienten Feierabend.

Manchmal ist weniger mehr: einige wenige Bühnenteile, eine Handvoll Requisiten, dazu ein talentierter Schauspieler unter der Führung eines fähigen Regisseurs, und fertig ist die humorvolle Unterhaltung mit Niveau. Dabei mutete anfangs alles eher etwas nüchtern an: Das Publikum tritt in den Saal und schaut auf die offene Bühne, die Bühnenbildnerin Beate Schöne im Arbeitslicht wenig ansprechend wirken lässt. Ebenso erlaubt Carsten Mehrtens seinen Josef Bieder nicht von vornerein allzu sympathisch über die Rampe zu kommen. Vielmehr wirkt er eher spröde und scheint verunsichert ob der Situation, die er gerne schnellstmöglichst geklärt wissen will. Doch da er „von Denen da oben“ keine schnelle Rückmeldung erhält, ist Bieder gezwungen zu improvisieren. Und so wie die Kulisse plötzlich im Bühnenlicht Atmosphäre ausstrahlt, so blüht unser ältlicher Requisiteur mit jedem weiteren Satz, mit jeder weiteren Anekdote mehr und mehr auf.

Carsten Mehrtens gelingt bravourös der Spagat zwischen Melancholie, Humor und Slapstick. Grandios wie er mit differenzierter Mimik und Gestik die unterschiedlichen Formen der Verbeugung darstellt, voller Zartheit in seiner Schwärmerei von Leni erzählt und über das Altern philosophiert, um dann mit Cadenza den Fächertanz im Tütü darzubieten. Regisseur Marne Ahrens wird einen nicht unwesentlichen Anteil am Gelingen dieses Abends haben. So führt er seinen Schauspieler klug durch diesen Monolog, erlaubt ihm Pausen des Nachdenkens und Resümierens, nutzt geschickt Requisiten und würzt den Text mit lokalen Anspielungen.

Nach einer guten Stunde war das Vergnügen leider schon zu Ende. Doch diese Stunde war nicht nur die Sternstunde des Josef Bieder, sondern ebenso eine Sternstunde für alle Mitwirkende und eine Freude für jede*n, die/der intelligente Unterhaltung zu schätzen weiß.


Hingehen, anschauen und einen tollen Abend verleben: DIE STERNSTUNDE DES JOSEF BIEDER werden noch bis November im TiO – Theater in OHZ zu sehen sein.

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