[Rezension] Brigitte Endres – Papa, sag mal, gibt es Gott?/ mit Illustrationen von Marc-Alexander Schulze

Meine Planung bis zum Ende des Jahres stand schon fest: Die (beinah schon traditionelle) Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST war mit tollen Werken mit advent- bzw. weihnachtlichen Inhalten gefüttert, die teilweise noch darauf warteten, dass ich mich mit ihnen beschäftige. Da traf mich die Anfrage des Verlages, ob ich Interesse hätte, mich mit diesem Bilderbuch zu beschäftigen, „eigentlich“ recht ungelegen. Schien es doch so gar nicht in meine momentane Lese-Auswahl zu passen. Doch dann dachte ich mir „Wieso nicht?“. Schließlich sind wir selten unserem Glaube und Gott so offensichtlich nah, wie in dem Moment, wenn wir die Geburt Christie feiern. Und so bat ich um dieses Rezensionsexemplar, um es hier – sozusagen „außer Konkurrenz“ – vorzustellen…!

Theo und Papa liegen im Gras und schauen in den Himmel. Theo stellt seinem Papa eine Frage, die sicherlich schon so mancher Erwachsener von einem Kind gestellt bekommen hat: „Sag mal, gibt es Gott?“. Und wie so manch anderer Erwachsener braucht auch Theos Papa einen Moment des Nachdenkens, bevor er eine Antwort geben kann. Denn es ist richtig und wichtig, sich eine Antwort zu dieser Frage gut zu überlegen. Und Theos Papa gibt ihm eine ganz und gar wundervolle Antwort, die nicht dogmatisch für den einzig wahren Glauben steht. Vielmehr entspinnt sich ein Gespräch zwischen Vater und Sohn, das Spielraum lässt für eigene Gedankengänge. Dort werden ebenso die Unterschiede der Glaubensrichtungen kindgerecht benannt aber auch die Ähnlichkeiten auf einen gemeinsamen Nenner gebracht.



Brigitte Endres erdachte sich einen ansprechenden Text, der sich sehr gut zum Vorlesen eignet. Dabei gelingt es ihr einerseits Informationen kindgerecht aufzuarbeiten, andererseits den Dialog zwischen Vater und Sohn flüssig und glaubwürdig zu gestalten. Sie charakterisiert ihre Figuren mit sehr viel Sympathie. Unterstützung erfährt sie durch die farbenfrohen Illustrationen von Marc-Alexander Schulze. Er setzt die bunte Vielfalt dieser Welt mit einer entzückenden Naivität in Szene, ohne in den Kitsch abzugleiten. Seine Bildsprache ist sehr klar, beinah plakativ und spricht sicherlich eher jüngere Kinder an.

Papa hat nicht die allumfassende und stetig gültige Antwort auf Theos Eingangsfrage, aber er befähigt ihn, sich offen und tolerant mit Glaubensfragen auseinanderzusetzten. Und das ist so viel wert…!


erschienen bei aracari / ISBN: 978-3907114261

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] L. Frank Baum – Die abenteuerliche Geschichte des Weihnachtsmannes

Weiß jemand von Euch, wie der Weihnachtsmann auf die Welt kam? Nein, ich meine jetzt nicht die moderne Form des Weihnachtsmannes, die sich uns seit den frühen 30er Jahren des letzten Jahrhunderts dank einer cleveren Werbekampagne der Coca-Cola Companie ins Gedächtnis gebrannt hat. Vielmehr meine ich den klassischen Weihnachtsmann, der doch ein Mensch sein soll, oder? Doch wie schafft er es, in nur einer einzigen Nacht alle Kinder dieser Erde zu beschenken? Und warum wird er nicht älter? Diese und ähnliche Fragen stellte ich mir schon als Kind und erhielt leider nie Antworten darauf. Bis heute…!

Nach der Lektüre dieses kleinen, feinen Büchleins waren alle meine Fragen, die mich seit Kindertagen beschäftigt hatten, beantwortet. Niemand geringerer als der bekannte amerikanische Autor L. Frank Baum (* 1856; † 1919) lieferte mir alle Fakten, die ich benötigte, um meinen Wissensdurst zu stillen. Kein Wunder: Als Schöpfer von Der Zauberer von Oz kennt er sich schließlich mit magisch-mystischen Wesen und ihren Welten aus. 1902 erschien Die abenteuerliche Geschichte des Weihnachtsmannes erstmals im Original als illustriertes Bilderbuch. Doch auch die mir vorliegende Reclam-Fassung ohne Bilder kann überzeugen. L. Frank Baum (das L steht für Lyman) ging bei seinem Bericht über das Leben des Weihnachtsmannes streng chronologisch vor und unterteilt dessen Lebenslauf in die Rubriken Kindheit, Mannesjahre und Alter.

Im Wald von Burzee wurde der Weihnachtsmann (Äh, also, da war er natürlich noch nicht der Weihnachtsmann sondern einfach nur ein Baby wie jedes andere Baby auch.) als Findelkind von einer Waldnymphe aufgezogen. Um den kleinen Fratz besser rufen zu können, nannte ihn seine Zieh-Mama schlicht und ergreifend „Claus“. Und so wuchs Claus glücklich und zufrieden in eben jenem Wald von Burzee auf, der von etlichen unsterblichen Bewohnern wie Elfen, Knooks, Ryls und Nymphen bevölkert wurde. Claus wurde zum Mann, der respektvoll und gütig gegenüber allen Lebewesen des Waldes war. Doch auch er verspürte in seiner Sturm- und Drang-Zeit den Wunsch, das heimatliche Nest zu verlassen, um eigene Erfahrungen zu sammeln. So siedelte er sich am Waldesrand an und hatte seine ersten Begegnungen mit anderen Menschen. Schnell erkannte er, dass es soziale Unterschiede gab, es in der Welt der Menschen nicht immer gerecht zugeht, und dass die Kinder immer diejenigen sind, die am meisten leiden. Und so reifte in ihm der Plan, den Kindern durch selbstgeschnitztes Spielzeug eine Freude zu bereiten. Schnell sprach sich dies im Lande herum, und immer mehr Kinder äußerten den Wunsch nach einem schönen Spielzeug. Als Ein-Mann-Betrieb kam Claus kaum mit der Produktion nach. Zumal die bösen Awgwas, die auf den steinigen Bergspitzen lebten und alle Wesen des Waldes hassten, ihm immer wieder in die Quere kamen. Awgwas liebten Zwietracht und Zorn: Glück bzw. glückliche Menschen waren ihnen zuwider. Dank der Hilfe seiner Familie aus dem Walde konnte Claus diese miesen Typen besiegen. Doch Hilfe brauchte Claus auch weiterhin, da sich immer mehr Kinder auf der Welt Geschenke wünschten. So sprangen die Wesen des Waldes im hilfreich zur Seite und stiegen tatkräftig in seine Spielzeugproduktion ein. Sogar der Herrscher des Waldes, der Große Ak ließ sich erweichen und stellte Claus einige Rentiere, die seinen Schlitten ziehen sollten, zur Verfügung – allerdings nur für eine einzige Nacht. Und so produzierte Claus das ganze Jahr über Spielzeug, um es dann am Heiligenabend an die Kinder dieser Welt zu verteilen. Doch auch Claus kam in die Jahre und wurde älter. Die Reisen wurden immer beschwerlicher, da seine Kräfte langsam schwanden. Da beschlossen die unsterblichen Bewohner ihm ebenfalls Unsterblichkeit zu schenken…!

Waow! Zwischen zwei kleinen Buchdeckeln können ganze Welten entstehen, in denen eine Menge passieren kann. Völlig gebannt las ich dieses entzückende Büchlein in einem Rutsch an nur einem Nachmittag. Ich fühlte mich zurückversetzt in eine Zeit, als Geschichten noch „anders“ erzählt wurden: ruhiger, feiner, besinnlicher. Mit altmodischem Charme lässt der Autor uns an seiner phantasievollen Geschichte teilhaben. Klug nimmt er die bekannten Fakten rund um den Weihnachtsmann und verknüpft sie auf originelle Weise mit der Handlung seines Märchens, sodass alles völlig plausibel und logisch erscheint.

In den Mittelpunkt dieser Geschichte stellt L. Frank Baum deutlich ein humanitäres Weltbild, das geprägt ist durch Nächstenliebe, Toleranz und ein friedliches Miteinander. Dabei haftet seinem Werk weniger etwas belehrend-aufklärerisches an als vielmehr der märchenhaft-phantastische Grundton, der die Leserschaft vortrefflich unterhält.

Mag auch der Duktus seiner Sprache vielleicht nicht mehr allzu zeitgemäß sein, für mich war es eine wunderbar-märchenhafte Reise in eine vergangene Epoche!


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150112359 / in der Übersetzung von Marion Hertle 

[Rezension] Dawn Casey – Wir warten auf Weihnachten. mit den schönsten Wintergeschichten aus aller Welt/ mit Illustrationen von Zanna Goldhawk

Die Tage werden kürzer und kürzer. Der erste leichte Frost setzt sich auf Gräser, Büsche und Bäume. Und so hat auch unser Kater beschlossen, dass es neben mir auf dem Sofa deutlich gemütlicher ist als auf seinem bisherigen Outdoor-Platz. Kater und Kerl rücken mehr zueinander und genießen gemeinsam die kuscheligen Momente. Und während sich das Katzentier schnurrend an meine Seite schmiegt, blättere ich in diesem zauberhaften Buch und lasse mich entführen in andere Länder.

Dawn Casey nimmt uns mit auf eine Reise durch die Märchen, Mythen und Sagen aus aller Welt: Wir besuchen den weißen Bärenkönig in Norwegen, suchen in der Ukraine mit den Tieren des Waldes Schutz in einem Handschuh oder nähen mit einem Schneider aus Polen einen Mantel für Mond. In Schottland lauschen wir dem Lied eines kleinen Rotkehlchens, erfreuen uns in China am Geschenk eines Hasen oder staunen über silberne Tannenzapfen aus dem eigenen Heimatland.

Aus Frankreich kommt mit Der kleine schwarze Kater eine sehr eigene und weniger anarchische Variation von Die Bremer Stadtmusikanten, die gänzlich ohne „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“ auskommen. Und selbst auf bekannte wie allzeit beliebte Geschichten wie Der Nussknacker von E.T.A. Hoffmann und Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen müssen wir nicht verzichten. Komplementiert wird diese abwechslungsreiche Sammlung mit Volksmärchen bzw. -sagen aus Japan, Mexiko, Frankreich, Russland, England, Sibirien, Grönland, Südafrika, Griechenland und Irland.

Dawn Caseys Nacherzählungen haben einen einfachen, unaufgeregten Ton und verzichtet auf die allzu gruseligen bzw. brutalen Details des Originals, ohne dabei den Handlungsverlauf zu verändern. Ihre Sprache ist von einer poetischen Schlichtheit, womit die Geschichten sich hervorragend zum Vorlesen für jüngere Kinder eignen.



Doch dies alles wird durch die Kunst von Zanna Goldhawk in den Schatten gestellt. Schon die wunderbare Gestaltung des Einbands erweckte in der Buchhandlung meines Vertrauens sofort meine Aufmerksamkeit. Wie unter Zwang streckte ich meinen Arm aus, griff mir das Buch, um in ihm zu blättern. Seite für Seite steigerte sich meine Begeisterung – über das geschmackvolle Vorsatzpapier zu den liebevollen Illustrationen am Seitenrand bis zu den ganzseitigen Kunstwerken.

Da tanzt der Nussknacker mit Marie durch eine zauberhafte Weihnachtswelt, Polarlichter verwandeln die Berge in geheimnisvolle Welten, die Schneekönigin schwebt in einem gläsernen Schlitten über den Nachthimmel, die Sonne erstrahlt in satten rot-orangen Tönen und der Eisbärenkönig erkundet im kristallenen Blau sein Reich. Dabei würde ich den Stil von Zanna Goldhawk als phantasievoll-naiv beschreiben, der mich oftmals an klassische Bauernmalerei erinnerte, wo das Haupt-Motiv durch Blumen, Blättern und Ranken umkränzt wird.

Als Liebhaber schöner Märchenbücher freue ich mich immer über einen weiteren Schatz für meine Sammlung: Dieses Buch hat mich gänzlich bezaubert!


erschienen bei Knesebeck / ISBN: 978-3957285225 / in der Übersetzung von Kathrin Köller

[Rezension] Janosch – Morgen kommt der Weihnachtsbär

Bisher hatte ich mit Janosch kaum Berührungspunkte: Während meiner eigenen Kindheit war er mir nicht präsent, als Heranwachsender hätte ich seine Bücher als „uncool“ abgestempelt, und im frühen Erwachsenenalter mangelte es in meinem Umfeld an Kindern im entsprechenden Alter, die für eine Anknüpfung hätten sorgen können. Und so ist dieses kleine Büchlein aus dem Reclam-Verlag mein erster intensiverer Kontakt mit diesem modernen Märchenerzähler.

Apropos Reclam-Verlag: Ich bin immer wieder erstaunt, welche Bandbreite an Autor*innen und Themen es zwischen dem gelben Einband der nur 10 x 14,5 cm großen Heftchen zu entdecken gilt. Lange Zeit haftete dem Verlag – völlig zu Unrecht – das Image der schnöden Schüler-Lektüre an. Doch mir dienten die Publikationen in der bekannten Optik so manches Mal als hilfreiche Vorbereitung auf einen Opern- oder Schauspiel-Abend. In der Zwischenzeit hat Reclam sich auch im Hardcover-Bereich etabliert und begeistert mit Büchern in besonderer Ausstattung. Doch nach wie vor verfolgt dieser Verlag sein vor Hunderten von Jahren festgelegtes Ziel, Weltliteratur für kleines Geld zu publizieren, um diese jedem und jeder zugänglich zu machen. Und so verwundert es kaum, dass der Verlag auch einige Werke eines Allrounders wie Janosch in die Galerie ihrer (modernen) Klassiker einreiht.

Der Weihnachtsbär macht seinen alljährlichen Rundgang, um die Wunschzettel einzusammeln. Manche Wünsche sind schon recht ungewöhnlich, andere dagegen wenig überraschend: Da wünscht sich das kleine Roselchen einen Tiger, kann aber vom Weihnachtsbär auf eine Katze runtergehandelt werden, und die Mäusemutter Anneliese hätte gerne wie in jedem Jahr die aktuelle Ausgabe der Gelben Seiten, da die so lecker nach Zitrone schmecken. In der Zwischenzeit ist der Quasselkasper auf der Suche nach einer Wurstelbude, landet aber in der Hütte des Oberförsters und wird dort von dessen Frau als Krippenpersonal rekrutiert. Dabei hat der Oberförster ganz andere Sorgen: Er müsste die gemopsten Tannenbäume aus dem Wald der oberforstamtlichen Behörde melden, findet aber allzu menschliche Gründe, warum er es unterlässt. Währenddessen ist der charmante Hallodri Kater Mikesch auf der Suche nach einem behaglichen Unterschlupf über die Feiertage. Doch die Damen, die er mit seiner Anwesenheit „beehrt“, werden ihm alle allzu anspruchsvoll. Der Weihnachtsbär sammelt weiterhin die Wunschzettel ein: Der blinde Maulwurf würde sich über eine Illustrierte mit Bildern freuen. Der kleine Bär hätte gerne eine fetzige Krawatte, und der kleine Tiger wünscht sich an Weihnachten Schnee. Diesen Wunsch kann der Weihnachtsbär auf jeden Fall erfüllen, denn schließlich ist er gut befreundet mit Frau Holle…!

Janosch erzählt liebevoll seine Geschichten über kleine und große Wünsche, von tierischen Gesellen und allzu menschlichem. Und wie jeder gute Geschichtenerzähler versteckt er seine Botschaften dezent und leise und lässt sie sanft in die Handlung einfließen. Er verpackt sie in einer humorvollen, mal flapsigen, mal skurrilen Sprache, die amüsiert und aufhorchen lässt. Seine phantasievolle und warmherzige Art, Geschichten zu erzählen, findet sich auch in seinen Illustrationen wieder. Dabei überzeugt er mit einem ganz eigenen Stil, der Figuren wie der kleiner Bär, der kleiner Tiger und die Tigerente als seine Schöpfungen unverkennbar machen und so einen hohen Wiedererkennungswert haben.

Dieses kleine charmante Büchlein erfreute mich als Erwachsener ebenso, wie es sicherlich auch schon so manches Kind erfreut hat bzw. erfreuen wird. Zudem eignet es sich mit seinen 24 Kapiteln hervorragend als literarischer Adventskalender, der zum Vorlesen verführt. Eine ganz und gar bezaubernde Lektüre…!


erschienen bei Reclam / ISBN: 978-3150143124

ebenfalls erschienen bei Little Tiger/ ISBN: 978-3931081423

LEKTÜRE zum FEST…

TATA! Ich bitte um einen Tusch! Kaum haben wir uns von T-Shirts und Shorts getrennt und sie zur Winterruhe gebettet, da steht WAS vor der Tür? Nein, nicht das Christkind und auch nicht der Weihnachtsmann – aber es wird Zeit für meine von mir so heißgeliebte Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST.

Und wieder habe ich eine Auswahl sowohl aus den Neu-Erscheinungen wie auch der Back-List getroffen. Dabei bin ich (natürlich) mehr als nur geringfügig fündig geworden. Wenn dies Jahr für Jahr so weitergeht, dann benötige ich für meine LEKTÜRE ZUM FEST bald einen eigenen Raum, ein eigenes Regal hat sie schon…!

Selbstverständlich darf beim Fest der Liebe auch ein zünftiger Weihnachts-Krimi nicht fehlen,…

  • Gladys Mitchell – Geheimnis am Weihnachtsabend
  • Eine Leiche zum Advent. Das große Buch der Weihnachtskrimis/ herausgegeben von Otto Penzler/ mit Illustrationen von Melanie Korte
  • Oliver Schlick – Rory Shy, der schüchterne Detektiv

Übersicht LEKTÜRE ZUM FEST 2022

...aber ich hoffe natürlich sehr, dass ich Euer Interesse ebenso für meine Auswahl an Klassikern, Erzählungen und Bilder-Büchern wecken kann, und – Wer weiß? – vielleicht verlockt Euch die eine oder andere Geschichte, sie in gemütlicher Zweisamkeit oder im Kreise Eurer Lieben vorzulesen. Es würde mich freuen!

  • Dawn Casey – Wir warten auf Weihnachten. mit den schönsten Wintergeschichten aus aller Welt/ mit Illustrationen von Zanna Goldhawk
  • Janosch – Morgen kommt der Weihnachtsbär
  • L. Frank Baum – Die abenteuerliche Geschichte des Weihnachtsmannes
  • Die Wunder zu Weihnachten. Geschichten, die glücklich machen/ herausgegeben von Clara Paul
  • Rainer Moritz – Fräulein Schneider und das Weihnachtsturnier
  • Froh und munter. Mit Weihnachtsgeschichten von F. Scott Fitzgerald, Sue Hubbell, Joan Aiken u.v.a./ herausgegeben von Shelagh Armit und Marie Hesse
  • O. Henry – Das Geschenk der Weisen. Und andere Weihnachtsgeschichten
  • Monika Utnik-Strugata – Die schönste Zeit. Weihnachten in aller Welt/ mit Illustrationen von Ewa Poklewska-Kozietto
  • Nikolai Gogol – Die Nacht vor Weihnachten/ mit Illustrationen von Mehrdad Zaeri

Ich wünsche Euch von Herzen sowohl kriminalistische wie auch besinnliche Lese-Stunden!

Liebe Grüße
Andreas


P.S.: Wenn Planung und Wirklichkeit aufeinandertreffen, da kann so einiges passieren. Darum: Alle Angaben ohne Gewähr! 😉


[Rezension] Emily Joe – Katzen können Geister sehen

Alle menschlichen Dosenöffner, Milchtrittmatratzen und Kraulexperten kennen sie – diese Allüren, die jede Katze hin und wieder befallen: Eben liegt der weltbeste Stubentiger noch still und entspannt auf dem Sofa, im nächsten Moment gebärdet er sich wie ein Derwisch und rast mit aufgeplusterten Schwanz durch die Wohnung. Als nur unzureichend mit Sinnen ausgestattetes Wesen reagieren wir Menschen häufig mit einem überraschten Unverständnis.

Emily Joe liefert mit ihrem entzückenden Bilderbuch endlich eine plausible Erklärung: Katzen können Geister sehen. Na logisch, das erklärt alles! Die Sinne der Katzen sind um ein Vielfaches feiner als die von uns Menschen. Sie können nicht nur die Mäuse unter der Erde spüren, das Gras wachsen hören sondern (selbstverständlich!) auch Phänomene sehen, die uns Menschen verborgen bleiben.


Emily Joe. KATZEN KÖNNEN GEISTER SEHEN


Ihre Illustrationen sind witzig, markant und dynamisch und spiegeln die Persönlichkeit der Katzen auf charmante Weise wieder. Gleichzeitig vernachlässigt sie nicht das Schaurige in dieser „Gruselgeschichte“ und lässt uns die Geister in ihren Illustrationen erahnen: Da taucht mal hier, mal dort ein dubioser Schatten auf dem Papier auf. Dabei wirken ihre Bilder nie allzu bedrohlich und eignen sich so hervorragend zum gemeinsamen Betrachten mit den Kleinsten. Zudem bietet sie mit dieser niedlichen Reimgeschichte die Möglichkeit, schon junge Zuhörer*innen spielerisch an die Lyrik heranzuführen.

Da ich das englische Original nicht kenne, kann ich leider nicht beurteilen, ob das manchmal etwas holperige Versmaß, das ein flüssiges Vorlesen etwas hemmt, so schon im Ausgangstext zu finden ist oder in der Übersetzung begründet liegt. Dies schmälert jedoch nicht die Freude beim Betrachten dieses Bilderbuchs.

Ich habe übrigens aufgegeben, mich über die besagten Allüren bei meinem Kater zu wundern. Aus seiner Sicht macht alles Sinn, und wer bin ich, um sein Verhalten zu hinterfragen. Schließlich sind die Aufgaben klar definiert: Er ist dazu da, um die Geister zu verscheuchen, und ich bin dazu da, um ihn liebzuhaben. 🐱


erschienen bei aracari / ISBN: 978-3907114254 / in der Übersetzung von Jana Grohnert

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Erich Kästner – Das fliegende Klassenzimmer

Während ich mich mit Gesang zwischen den Stühlen beschäftigte, schaute ich auch auf das Gesamtwerk von Erich Kästner und machte gedanklich einen Haken hinter jedem von mir schon gelesenen Buch. Plötzlich stockte ich abrupt, als mein Blick auf den Titel des Kinderbuches „Das fliegende Klassenzimmer“ fiel. Erstaunt blinzelte ich mit den Augen und konnte es selbst kaum fassen: Ich hatte diese Geschichte doch tatsächlich noch nie gelesen. Natürlich kenne ich den Inhalt, denn schließlich zählt der Film von 1954 zu meinen Lieblingen. Doch gelesen…! Ich nahm mir fest vor, dies in naher Zukunft nachzuholen.

An dem Sonntag vor 10 Tagen war es dann soweit: Der Freitag zuvor war ein sehr ungewöhnlicher Tag – herausfordernd, emotional, beinah surreal – und entließ mich mit vielen unterschiedlichen Gedanken ins Wochenende. Trotz intensivem Austausch mit meinem Gatten, ließen mich diese Gedanken nicht los, und ich lief in den folgenden Tagen mit vielfältigen Gefühlen durch die Wohnung. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, meiner Seele eine kleine Streicheleinheit zu gönnen. So griff ich zu „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner und war für Stunden nicht mehr ansprechbar. Bei der Lektüre überrollte mich eine warme Woge der Menschlichkeit, wie es nur Kästner vermag, und Tränen rannen über meine Wangen.

Unsere Geschichte spielt in einem oberbayrischen Internat kurz vor den Weihnachtsferien. In mehreren Episoden lernen wir unsere fünf jungen Helden kennen, die sehr unterschiedlich die Vorweihnachtszeit erleben. Johnny ist ganz mit der Inszenierung seines selbstgeschriebenen Stücks „Das fliegende Klassenzimmer“ beschäftigt, bei dem natürlich alles seine Freunde mitwirken. Der starke Matthias geht keiner Keilerei aus dem Weg und hat vor nichts Angst, außer er könnte zu wenig zu essen bekommen. Sein Kumpel Uli schämt sich dafür umso mehr darüber, dass er so furchtsam ist. Um nicht als Hasenfuß zu gelten, stellt er sich einer gefährlichen Mutprobe. Klassenprimus Martin leidet still, als er erfahren muss, dass er zu Weihnachten nicht nach Hause fahren kann: Aufgrund der Arbeitslosigkeit des Vaters ist kein Geld für die Fahrkarte übrig. Und der intelligente Sebastian versucht aufkommende Empfindungen hinter Rationalität zu verbergen, die aber immer wieder mit der Realität kollidiert. Sie alle haben – neben dem regulären Schullalltag – ihre kleinen Sorgen und großen Kümmernisse zu bewältigen. Die väterliche Figur nimmt in dieser Geschichte der von allen verehrte Hauslehrer Dr. Johann „Justus“ Bökh ein, der warmherzig die Belange „seiner“ Jungs sowohl mit Humor als auch mit dem nötigen Ernst begegnet. Ihm wird eine besondere Weihnachtsüberraschung zuteil, als die Jungs ihn zu dem s.g. „Nichtraucher“ führen, der in einem ausrangierten Eisenbahnwagon in der Nähe der Schule lebt. Besagter „Nichtraucher“ entpuppt sich als sein alter Freund Robert Uthofft, der nach einem harten Schicksalsschlag den Kontakt zu „Justus“ abgebrochen hatte. Doch eine Geschichte, die um und an Weihnachten spielt, wäre keine richtige Weihnachtsgeschichte, wenn am Ende nicht alles gut würde…!

Könnt Ihr Euch vorstellen, wie schwierig es ist, die Inhaltsangabe für eine Geschichte zusammenzuschustern, in der so viel passiert? Wo anfangen? Was ist relevant? Was kann ausgelassen werden? Kann überhaupt etwas ausgelassen werden? Greifen die vielen kleinen Episoden nicht nahtlos ineinander und verknüpfen sich erst so zu einem Ganzen? Ergibt nicht erst das Zusammenfügen der einzelnen Puzzle-Teile am Ende ein harmonisches Bild? Mein stümperhaftes Ergebnis (siehe oben) kann somit nur bruchstückhaft die Handlung wiedergeben.

Eingebettet ist die Geschichte in einer Rahmenhandlung, in der der Schriftsteller u.a. von der Schwierigkeit berichtet, im Sommer eine Winter-Geschichte zu schreiben. Gleichzeitig lässt er ebenso seine persönliche Haltung zur Kinderliteratur einfließen…

„Schließlich nahm ich ein Kinderbuch vor, das mir der Verfasser geschickt hatte, und las darin. Aber ich legte es bald wieder weg. So sehr ärgerte ich mich darüber! Ich will euch auch sagen, warum. Jener Herr will den Kindern, die sein Buch lesen, doch tatsächlich weismachen, dass sie ununterbrochen lustig sind und vor lauter Glück nicht wissen, was sie anfangen sollen! Der unaufrichtige Herr tut, als ob die Kindheit aus prima Kuchenteig gebacken sei. Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können? […] Es ist nämlich gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint oder weil man, später einmal, einen Freund verliert. Es kommt im Leben nie darauf an, worüber man traurig ist, sondern nur darauf, wie sehr man trauert. Kindertränen sind, bei Gott, nicht kleiner und wiegen oft genug schwerer als die Tränen der Großen.“ (Original-Zitat aus dem Roman)

Mit diesen Sätzen beschreibt Erich Kästner sehr schön das, was seine Kinderbücher ausmacht: Er macht seinen jungen Leser*innen nichts vor. Zwar dramatisiert er nicht aber vermeidet auch die Verharmlosung. Seine jugendlichen Held*innen dürfen (!) unangenehme Situationen erfahren. Bei ihm dürfen sie leiden und trauern aber auch froh und glücklich sein. Er wertet bzw. entwertet die Gefühle seiner jungen Protagonisten nicht. Das Leben – insbesondere das Leben eines Kindes – ist nicht immer Himmelhochjauchzend mit Heiteitei und Ringelrein. Vielmehr deckt er die scheinheilige Doppelmoral von Autor*innen, Verleger*innen und erwachsenen Leser*innen auf, die sich über Schilderungen in Kinderbüchern, die ihnen zu radikal-realistisch erscheinen, echauffieren, dabei aber völlig ausblenden, dass die Wirklichkeit, auf die so manche Kinder leider prallen müssen, deutlich radikaler ist.

Und trotz aller gesellschaftskritischen und satirischen Aspekte in seinen Werken bleibt Kästner durch und durch der Menschenfreund, der nichts unversucht lässt, um die Tugenden im menschlichen Miteinander hochzuhalten: Freundschaft und Liebe, Toleranz und Loyalität, Mitgefühl und Fürsorge.

Und dies gelingt ihm – sowohl in seinen Kinderbüchern wie auch in den Werken für Erwachsene – auf ganz unnachahmlicher Weise: Ohne den erhobenen Zeigefinger der Moral, vielmehr ganz sanft, beinah in homöopathischen Dosen pflanzt er seine Botschaft in mich hinein und justiert meine sozialen Antennen neu.

Ich spüre, da ist jemand, der versteht. Ich atme befreit auf und weiß, es ist nun gut.

Wenn ich Kästner lese, wird meine Seele getröstet!


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855356072

[Rezension] Anatevka. Weltmusicals für Kinder/ nach Joseph Stein/ neu erzählt von Barbara Kindermann/ mit Illustrationen von Jenny Brosinski

Es war schon erstaunlich, dass nach dem fulminanten Erfolg von MY FAIR LADY im Oktober 1961 erst etliche Jahre ins Land ziehen mussten, bis endlich wieder ein Broadway-Musical das Publikum in Deutschland wie im Sturm eroberte. 19 Jahre nach Ende des dritten Reiches hielt 1968 ausgerechnet mit ANATEVKA (im engl. Original: Fiddler On The Roof) ein Musical, dass das Leben der Juden in einem Schtetl in der Ukraine thematisiert, Einzug in die deutsche Populärkultur. Nach Beendigung der erfolgreichen Uraufführungs-Serie incl. Tournee wurde das Stück von anderen Theatern übernommen und ist bis heute ein gern gesehener Gast auf den Spielplänen.

Ich selbst durfte dieses berührende Musical gleich 2 Mal (25.06.1995 & 29.04.1996) in der Inszenierung von Ulrich Engelmann und unter der musikalischen Leitung von Ira Levin am Theater am Goetheplatz in Bremen erleben: Ks. Karsten Küsters gab einen wunderbaren Tewje, und der junge Max Hopp spielte den Studenten Pertschik. Über 20 Jahre später hatten beide „Masel tov“ und trafen sich zur Premiere von ANATEVKA in der Inszenierung von Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin wieder: Hopp diesmal als Tewje und Küsters in der kleinen aber prägnanten Rolle des Wachtmeisters. Kreise schließen sich…!

Nach einer langen Zeit der Distanzierung bot dieses Musical einen Zugang zur jüdischen Kultur, der sich nicht auf die Gräueltaten des Nazi-Regimes reduzieren ließ. Es durfte wieder gelacht, geweint und geklatscht werden. Der lange Weg der „Normalisierung“ zwischen Juden und Deutschen hat im ukrainischen Dorf ANATEVKA angefangen. Wir werden sehen, wo und wann er endet. Der „Fiedler auf dem Dach“ – inspiriert durch Bilder Marc Chagalls – wurde so zum Symbol für Überlebenswillen und Lebensmut und wird hoffentlich weiterhin seiner Geige sehnsuchtsvolle Klänge entlocken.


Was läge da näher, als dass sich der Kindermann-Verlag nach MY FAIR LADY nun diesem Werk annimmt. Auch diesmal kam die gelungene Nacherzählung aus der Feder der Verlagsgründerin Barbara Kindermann. Und auch diesmal blieb sie dem schon bei MY FAIR LADY eingeschlagenen Weg treu und präsentiert uns die wichtigsten Handlungsstränge mit gelungenen Porträts der Charaktere. Ebenso lässt sie in die Dialoge immer wieder die Lyrik der Songs einfließen und bietet uns so die Möglichkeit, parallel zum Lesen die Songs anzuhören. Dabei gelingt es ihr ganz hervorragend, sowohl den melancholisch-traurigen als auch den humorvoll-unbeschwerten Ton des Original-Buches zu treffen.



Jenny Brosinski scheint von den Kunstwerken Marc Chagalls inspiriert worden zu sein, ohne dass sie diese kopiert. Sie findet ihren ganz eigenen Stil, spielt in ihren Illustrationen mit Proportionen und Perspektiven und lässt ihre Figuren mal bunt, mal sphärisch-durchsichtig erscheinen. Für jede dieser Figuren schuf sie ein individuelles Erscheinungsbild, das den Charakter treffend widerspiegelt. Dadurch wirken ihre Zeichnungen sowohl liebenswert als auch skurril und fordern so die Aufmerksam des Betrachtenden ein.

Leider sind bisher keine weiteren illustrierten Nacherzählungen unter der Rubrik „Weltmusicals für Kinder“ im Kindermann-Verlag erschienen. Schade, denn das bisherige Duo hätte es verdient, – gemeinsam mit anderen Werken – zu einer Reihe bzw. Serie heranzuwachsen.


erschienen bei Kindermann/ ISBN: 978-3934029408

[Rezension] Marie Dorléans – Das grosse Pferderennen

Zeitgleich mit My Fair Lady. Weltmusicals für Kinder wurde ich auch diesem entzückenden Bilderbuch habhaft. Als ich es durchblätterte, fühlte ich mich zwangsläufig an die Ascot-Szene in MY FAIR LADY erinnert, wo die High Society mit einer stoischen Ruhe behauptet, dass sie beim Pferderennen endlich wieder einen Hauch von Nervenkitzel verspürt. Dabei steht die Reaktion der handelnden  Personen kontra-karikierend zum Songtext und sorgt so aufgrund dieser Diskrepanz für Erheiterung beim Publikum.

Auch in Marie Dorléans Bilderbuch warten die Zuschauer gespannt auf den Beginn des grossen Pferderennens und haben sich – ähnlich wie die Damen und Herren in Ascot – chic in Schale geworfen. Die Jockeys stehen mit ihren Pferden schon am Start und warten aufgeregt auf den Startschuss. Als der Schuss ertönt, gibt es kein Halten mehr. Die Pferde preschen los. Doch halt: Nicht alle Jockeys haben mit ihren Pferden rechtzeitig die Startlinie verlassen können. Auch ereignet sich während des Rennens so manche kuriose Situation, und selbst die abschließende Siegerehrung gestaltet sich anders als gewohnt…!



Was kann bei einem Pferderennen nicht alles passieren: Von scheuenden Pferden, Stürzen und Disqualifizierungen habe selbst ich in diesem Zusammenhang schon gehört. Doch das, was Marie Dorléans bei ihrem Pferderennen passieren lässt, setzt allem die (humoristische) Krone auf. Ihre Texte sind auf das Wesentliche beschränkt. Vielmehr lässt sie ihre Illustrationen sprechen, die vor witzigen Ideen nur so strotzen.

Ähnlich wie in der eingangs erwähnten Ascot-Szene in MY FAIR LADY sorgt auch sie dafür, dass dieser elitär anmutende Sport durch die Brille des Humors betrachtet wird. Wobei sie ihr Augenmerk weniger auf die Zuschauer und dafür mehr auf das Geschehen auf der Rennbahn lenkt. Und hier ereignen sich wahrlich so einige höchst absonderliche Situationen, bei deren Betrachtung ich immer wieder amüsiert auflachen musste.

Dieses entzückende Buch ließ mich für einen Moment den Alltag vergessen und schenkte mir für einen Augenblick ein wenig Spaß und Freude…!


erschienen bei Gerstenberg/ ISBN: 978-3836959711

[Rezension] My Fair Lady. Weltmusicals für Kinder/ nach Alan Jay Lerner/ neu erzählt von Barbara Kindermann/ mit Illustrationen von Silke Leffler

Vor einiger Zeit trällerte ein Kollege die Melodie zu „Bringt mich pünktlich zum Altar“ während des Dienstes. Ich war sehr überrascht, da ich bisher annahm, dass Musical nicht zu seiner präferierten Musikrichtung gehörte. Und zugegeben, mein Kollege kannte diese Melodie nur in Zusammenhang mit einem Blödel-Text und hatte nicht den blassesten Schimmer, dass es sich hierbei um einen Song aus einem weltberühmten Musical handelt. Zum Glück konnte ich diesen Kulturbanausen aufklären!

Dabei fiel mir allerdings auch wieder etwas ein, das mich veranlasste, in alten Programm-Heften zu stöbern: Heute vor genau 34 Jahren sah ich mein erstes Musical auf einer Bühne: MY FAIR LADY.

Ich saß mit einer vergünstigten Schülerkarte im zweiten Rang des Theaters am Goetheplatz in Bremen (Bei meinem damaligen Budget, das ich mir durch Zeitungsaustragen verdingte, war Besseres nicht drin.), blickte aus der Vogelperspektive von oben herab über den ersten Rang und das Parkett zur Bühne und wartete gespannt auf das, was mich erwartete. Schließlich war ich als Theaterbesucher noch völlig unbeleckt und konnte diesbezüglich auf keine Erfahrungen zurückgreifen. Alles war für mich neu und aufregend: Die Musiker*innen des Orchesters stimmten ihre Instrumente, während ein Gong den Beginn der Vorstellung ankündigte. Langsam wurde das Licht gedimmt, und eine vibrierende Spannung bemächtigte sich meiner. Der Dirigent erschien, und das Publikum applaudierte, also applaudierte auch ich. Zu den ersten Takten der Ouvertüre hob sich der Vorhang und gab den Blick frei auf das Bühnenbild, das Covent Garden in London darstellen sollte. Das Spiel begann. Niemals zuvor hatte ich eine verführerische Symbiose, wie diese aus Musik, Text, Gesang, Schauspiel und Tanz, erleben dürfen,…

…und es war um mich geschehen. Seitdem hat mich das Musicalfieber nicht mehr losgelassen, und gerade MY FAIR LADY nimmt hier eine Sonderstellung ein. So saß ich im Laufe der Jahre in 6 Vorstellungen bei 4 verschiedenen Inszenierungen…

  • Bremer Theater am Goetheplatz: 06.06.1988 und 09.11.1990
  • Stadttheater Bremerhaven: 12.12.1997
  • Oldenburgisches Staatstheater: 10.12.1999
  • Bremer Theater am Goetheplatz: 21.12.2002 und 08.06.2003

… und nenne 14 verschiedene Cast-Aufnahmen mein Eigen – neben diversen Aufnahmen auf Englisch und Deutsch, auch auf Holländisch, Dänisch und Hebräisch,…

…und ich würde jederzeit mir auch die 5., 6. und 7. Inszenierung ansehen!

Jeder Mensch hat seinen besonderen Vogel.
Mein Vogel kann wahrhaftig „wundascheen“ singen!!!
🐦


Die Philosophie des Kindermann-Verlages ist so einfach wie genial:

„Kinder sollen sich Literaturklassikern spielerisch und unvoreingenommen nähern können.“

Damit dies gelingt, sorgt Verlegerin Anna Kindermann mit ihrem Team für wunderbar illustrierte Neuerzählungen. Denn die Klassiker haben es genau deshalb zu Weltruhm geschafft, da sie außergewöhnliche Geschichten von tollen Held*innen erzählen. Und so bietet in der Zwischenzeit das Verlagsportfolio nicht nur Weltliteratur, Poesie, berühmte Leute und Kunst für Kinder, sondern sogar auch die Nacherzählung zweier Musicals, für die Verlagsgründerin und Mutter der jetzigen Verlegerin verantwortlich war.

Und genau diese Nacherzählung gelingt ihr sehr charmant. Barbara Kindermann versteht es, die Kernhandlung prägnant zu präsentieren ohne dabei die Charaktere der Hauptpersonen zu vernachlässigen bzw. zu verwässern. Dabei flicht sie in die Dialoge immer wieder die Lyrik der Songs mit ein. Ein raffinierter Kniff: So erhält der Vorlesende die Möglichkeit an der entsprechenden Stelle seinen jungen Zuhörern den passenden Song vorzuspielen. Natürlich vorausgesetzt, man ist im Besitz einer Cast-Aufnahme. 😉



Silke Leffler war mir bisher vornehmlich als Illustratorin für Papeterie ein Begriff und hat hierfür einen sehr eigenen Stil kultiviert. Ihre Werke fielen gerne durch die unverwechselbare Silhouette ihrer Figurinen im Zusammenspiel mit überdimensionale Blüten auf. Passend zum vorgegebenen Sujet fallen auch hier ihre Illustrationen sehr blumig und farbenfroh aus. Dabei bemüht sie sich, für die einzelnen Personen eine charakteristische Physiognomie zu finden, bleibt dabei aber leider innerhalb ihres gewohnten Korsetts und zeigt so – für meinen Geschmack – wenig Prägnanz und Individualität. Warum sie in ihren Illustrationen als gestalterisches Element Seiten aus dem Textbuch von Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ verwendete, blieb mir unverständlich. Vielleicht wollte Leffler mit diesem grafischen Kniff die Nähe dieser Geschichte zum Theater symbolisieren, wobei hier „Pygmalion“ von George Bernhard Shaw durchaus passender gewesen wäre.

Alles in allem sind diese Kritikpunkte doch nur meinem persönlichen Geschmack geschuldet und werden die Freude der Kids an diesem Buch nicht mindern. Im Gegenteil: Der Kindermann Verlag schafft auf wunderbare Weise, die Hemmschwelle der Kinder zur „hehren“ Kunst zu minimieren.


erschienen bei Kindermann/ ISBN: 978-3934029439