[Rezension] George Saunders – Fuchs 8

Fuchs 8 schreibt einen Brief, vielmehr ist es ein Appell an uns Menschen. Fuchs 8 hat seine eigenen, besonderen Erfahrungen mit uns Menschen gemacht: Unsere Sprache findet er so wunderschön, dass er sie sich „per Hören“ aneignet. So ist sein Brief auch in „Menschisch“ geschrieben, bzw. in das, was der Fuchs für die menschliche Sprache hält. Da er die Sprache nur durch Zuhören gelernt hat, fehlen ihm natürlich alle Regeln der Rechtschreibung, und auch von Interpunktion hat er noch nie etwas gehört. Dafür ist seine Nachricht mehr als deutlich: Er musste miterleben, wie Menschen seinen natürlichen Lebensraum einnahmen und veränderten und darum seine Sippe (ver-)hungern musste. Er musste miterleben, wie sein Freund Fuchs 7 von Menschen getötet und mit seinem toten Körper würde- und respektlos umgegangen wurde. Fuchs 8 flüchtet aus seiner Heimat, aus seinem Revier und findet traumatisiert ein neues Zuhause mit einer neuen Familie. Doch die Erinnerungen an das Erlebte lassen ihn nicht los, und so schreibt er diesen Brief an uns Menschen mit seinem Appell zum Umdenken…!

Ich muss es leider gestehen: Diese Geschichte hat mich sehr wenig berührt!

Fand ich anfangs die individuelle Schreibweise und Formulierungen des Fuchses noch sehr originell, so störte mich dies im Laufe meiner weiteren Lektüre, bremste meinen Lesefluss und schuf so eine Distanz zwischen mir und dem Gelesenen. Zwangsläufig fühlte ich mich an den Fuchs aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry erinnert. Doch wo dort die Poesie aufblüht und sich zart in mein Herz gestohlen hat, ist hier bedauerlicherweise – für mich – wenig Atmosphäre spürbar. Auch die Illustrationen von Chelsea Cardinal konnten da wenig beitragen. Vielmehr ließen sie mich in ihrer reduzierten Ästhetik eher an die TV-Werbung eines Energie-Drinks denken.

Natürlich verstehe ich die Intension des Autors hinter dieser Fabel und finde diese gut, richtig und wichtig. Vielleicht war – nach der Lektüre einiger positiver Rezensionen – meine Erwartungshaltung auch schlicht und ergreifend zu groß.

Ich fühlte mich emotional zu wenig „eingefangen“. Schade…!!!

Lust auf weitere Meinungen? Dann empfehle ich Euch die Rezensionen meiner Blogger-Kolleg*innen Andrea Schuster von „Lesen… in vollen Zügen“ und Frank Wolf vom „reisswolfblog“.


erschienen bei Luchterhand/ ISBN: 978-3630876207

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Georges Simenon – Weihnachten in Paris

„Vielleicht gibt es Paris überhaupt nicht,
und es ist nur eine Erfindung von Simenon.“
The New York Times

Beinah könnte ein Leser, der noch nie leibhaftig in Paris war, tatsächlich den Eindruck gewinnen, diese Stadt wäre der Phantasie eines genialen Kopfes entsprungen.

Simenons „Weihnachten in Paris“: Das ist weit entfernt von „Heile Welt“, romantischen Gassen und sonstigen Weihnachtskitsch. Zwei Erzählungen vereinen sich in diesem Band und unterhalten den Leser. Wobei die Unterhaltung nicht luftig-locker-leicht hereinschneit, sondern sehr dramatisch und brutal ehrlich auftritt. Und doch erzählen beide Geschichten jeweils von kleinen Wundern zur Weihnachtszeit.

Beginnen möchte ich gerne mit der zweiten, kleineren Erzählung: Bei „Das kleine Restaurant bei der Place des Ternes“ brauchte ich meine Zeit, um die Beweggründe der handelnden Personen zu begreifen. Weihnachten ist die Zeit, in der die meisten Selbstmorde in Paris passieren. Zwei Frauen, die sich vorher anscheinend nicht kannten, werden unfreiwillig Zeuge eines jenes Selbstmordes. Dieses Ereignis veranlasst die ältere der beiden Frauen, die seit einigen Jahren als Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdingt, Einfluss auf den Verlauf des weiteren Abends zu nehmen, um der Jüngeren ein ähnliches Schicksal zu ersparen. Dabei erscheint Simenons Heldin alles andere als heldinnenhaft: Mit ihrem schnoddrig-ordinären Auftreten pfeift sie hemmungslos auf gängige Konventionen.

Simenon erzählt äußerst dicht und detailreich. In der Erzählung „Sieben Kreuzchen in einem Notizbuch“ schafft er eine beinah intime Atmosphäre, indem er die Handlung in nur einem Raum spielen lässt. In der Schaltzentrale der Polizei laufen alle Fäden zusammen. Auf einem Stadtplan blinken Lämpchen auf, wenn irgendwo in Paris an einer Notrufsäule Alarm geschlagen wird. Plötzlich blinken Lämpchen für Lämpchen auf, und die Inspektoren ahnen, dass hier wieder der Serienmörder zuschlägt, der schon seit Wochen die Polizei in Atem hält. Nun wird an der einen Notrufsäule das blutbeschmierte Taschentuch eines Kindes gefunden, und der Fall entwickelt sich in eine gänzlich neue und überraschende Richtung…!

Wäre ich schon ein Simenon-Experte, würde ich vollmundig behaupten, mit dieser Erzählung erlebt der Leser „Simenon at his best“. Ich bin kein Simenon-Experte, aber durchaus in der Lage, eine exzellente Geschichte zu erkennen: Hier ist eine solche…!!! Diese Geschichte habe ich, ohne eine einzige Pause, ohne ein einziges Mal das Buch abzusetzen, gelesen. Seite für Seite steigerte sich die (An-)Spannung bis zum erlösenden Schluss, bei dem mir vor Erleichterung Tränen über die Wangen rannen. Kammerspielartig hat der Autor die Geschichte aufgebaut. Nur durch die Dialoge des Handlungspersonals erfährt der Leser Einzelheiten, die sich außerhalb des Raumes abspielen.

Schonungslos erzählt Simenon vom Leben der kleinen Leute von Paris, von ihren Überlebenskämpfen und Niederlagen, von ihren kleinen Glücksmomenten, die ja so selten und somit umso flüchtiger sind. Grandiose Erzählkunst!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311134305

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Hermann Hesse – In Weihnachtszeiten

Ich liebe die kleinen, bibliophilen Bände der Insel-Bücherei, die mit ihrer klassischen Optik und der wertigen Haptik mich immer wieder erfreuen und so verführen, mich auch bisher unbekannten Themen und Autor*innen zuzuwenden.

Nun war Hermann Hesse mir nicht gänzlich unbekannt – das eine oder andere Gedicht hatte ich durchaus schon gelesen – aber in dieser komprimierten Form hatte ich mich mit seinem Werk noch nicht beschäftigt. So vereint dieses Büchlein immerhin Werke aus über 50 Jahren seines Schaffens und offenbart die beide Professionen des Künstlers: Neben ausgesuchten Erzählungen und Gedichten Hesses können auch einige seiner Aquarelle bewundert werden.

Die Aquarelle zeigen vornehmlich winterliche Landschaften (passend zum Sujet des Buches) und wirken wie Skizzen, die mit leichtem Pinselstrich auf das Papier geworfen wurden.

Hermann Hesses Erzählungen „In Weihnachtszeiten“ offenbaren einerseits den Romantiker, der mit verklärtem Blick, die Kindheit zurücksehnt. Andererseits hebt er mahnend die Stimme und verarbeitet Autobiografisches aus seinem Leben: So klingt immer der Pazifist in seinen Texten durch, der sich deutlich gegen Krieg und Patriotismus ausspricht. Andere Geschichten wirken mit ihren philosophischen Elementen beinah spirituell oder haben von ihrer Aktualität (erschreckenderweise) nichts eingebüßt.

Die Insel-Bücherei schafft mit diesem Büchlein für Neulinge einen gelungenen Einstieg in die literarische Welt eines der meist gelesenen deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

In Weihnachtszeiten reis‘ ich gern
Und bin dem Kinderjubel fern
Und geh‘ in Wald und Schnee allein.
Und manchmal, doch nicht jedes Jahr,
Trifft meine gute Stunde ein,
Daß ich von allem, was da war,
Auf einen Augenblick gesunde
Und irgendwo im Wald für eine Stunde
Der Kindheit Duft erfühle tief im Sinn
Und wieder Knabe bin…


erschienen bei Insel-Bücherei/ ISBN: 978-3458178118

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Nichts als Weihnachten im Kopf/ herausgegeben von Céleste Blum / mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach

Weihnachtsbücher gibt es wie Sand am Meer: Jahr für Jahr kommen neue hinzu, die – bei näherer Betrachtung – gar nicht so neu sind. Gerne wärmen einige Verlage ältere Auflagen wieder auf, verpassen ihnen ein zeitgemäßes Outfit und einen frischen Titel, um so die Leserschaft zum Kauf zu animieren. Oder es werden die allseits bekannten Geschichten neu gemischt und erscheinen so in einer aktuellen Weihnachts-Anthologie. Wobei diese Geschichten nicht die schlechtesten sind, nur eben leider schon x-mal veröffentlicht.

Aber mit Weihnachtsbüchern lässt sich Umsatz machen: Was bleibt somit einem jungen, aufstrebenden Verlag anderes übrig, als auf diesen lukrativen Zug aufzuspringen. Der Kampa-Verlag besteht seit gut einem Jahr, überzeugt als Heimstätte von Simenons Kommissar Maigret und verlegt die frisch gebackene Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. In diesem Jahr legt der Verlag nun sein erstes Weihnachtsbuch vor.

Dieses Weihnachtsbuch ist wohltuend traditionell und gleichzeitig erfrischend anders. „Hä?“ werden sich jetzt der eine oder die andere Leser*in fragen „Ist dies nicht ein Widerspruch?!“ So antworte ich voller Überzeugung „Nein, ist es nicht!“

Auf der traditionellen Seite finden sich die klassischen Gedichte von Rainer Maria Rilke, Theodor Storm und August Heinrich Hoffmann von Fallersleben sowie die Geschichten „Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu“ von Joachim Ringelnatz, Thomas Manns „Weihnachten bei den Buddenbrooks“ und „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Ludwig Thoma. Gleichwertig stehen ihnen die moderneren Werke gegenüber, seien es Gedichte u.a. von Jan Weiler oder Geschichten von Gerhard Henschel („Adventskalender und Adventskranz“), Axel Hacke („Zeit der Rituale“) und der prämierten Olga Tokarczuk („Bardo. Die Weihnachtskrippe“).

Nikolaus Heidelbach schafft mit seinen Illustrationen einen humorvollen Rahmen: Seine Grafiken wirken scheinbar klassisch gefällig und lassen mit ihrer klaren Formgebung erst auf dem zweiten Blick die versteckte Ironie erkennen.

Der Herausgeberin Céleste Blum ist das Kunststück gelungen, dass Sentimentalität, Ironie, Schwermut und Witz sich in dieser Zusammenstellung gekonnt die Waage halten. Als Leser bemerkte ich mit Freude, dass die Beiträge mit Bedacht ausgewählt wurden: So beziehen sich die Geschichten durchaus aufeinander, sei es, dass sie aus der Feder eines Autoren stammen (Hans Fallada) oder der Phantasie zweier Köpfe (Salomon Friedländer/ Kurt Tucholsky) entsprungen sind. So befruchten sich diese Geschichten gegenseitig und lassen einen roten Faden innerhalb dieser Anthologie erkennen.

Die „Gebrauchsanweisung für das familienfreundliche Absingen der wichtigsten Weihnachtslieder“ von Daniel Glattauer habe ich persönlich stimmstark erprobt. Bei „Das Weihnachtsfest des alten Schauspielers Nesselgrün“ von Salomon Friedländer schaufelte sich der Vor-Leser (die alte Rampensau) in mir an die Oberfläche: Ich konnte der Versuchung nicht wiederstehen, dieses kleine humoristische Kabinettsstückchen laut vorzutragen.

Der Sammlung „Nichts als Weihnachten im Kopf“ ist es gelungen, mir neue Impulse für zukünftige Lesungen zu schenken. Somit kann ich nur attestieren: Alles richtig gemacht, Kampa-Verlag!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311250074

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[Rezension] Anton Čechov – Wintergeschichten

Anton Čechov, der große russische Dramatiker, der so bedeutende Bühnen-Werke wie „Die Möwe“, „Onkel Wanja“ und „Der Kirschgarten“ hervorgebracht hat, war auch als Schriftsteller und Novellist äußerst produktiv. Wer bisher mit der russischen Literatur – oder vielleicht auch im Besonderen mit Čechov – eine gewisse Schwere verband, darf nun aufatmen: Diese Anthologie mit Wintergeschichten offenbaren einen Autoren voller Witz und Ironie, mit Charme und Grazie und natürlich auch mit der gewissen Schwere.

Viele seiner Geschichten spielen in der Provinz, karikieren das Leben des Kleinbürgertums ebenso wie den schwindenden Einfluss des Adels und trafen dank des satirischen Grundtons mein Humorzentrum. Auf tragisch-komischer Weise wird die Monotonie des Lebens beschrieben, ohne eine gewisse Kritik an den damaligen Gesellschaftsnormen zu verheimlichen.

Bei anderen Geschichten meinte ich als Leser, die erdrückende Enge des gesellschaftlichen Korsetts förmlich zu spüren. Seine Protagonist*innen versuchen dieser Enge zu entfliehen – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Beinah psychologisch beschreibt er die Beziehungen der Menschen untereinander, innerhalb ihres Standes oder auch Standes übergreifend und lässt die Leserschaft an seinen desillusionierten Beobachtungen teilhaben. Bei der Lektüre dieser Geschichten musste ich zwangsläufig den einen oder anderen befreienden Seufzer ausstoßen.

Doch plötzlich erfreute er mich mit drolligen Erzählungen voller Situationskomik, in denen er die Banalitäten des Alltags persifliert. Scheinbar mit einem verschmitzten Augenzwinkern beschreibt er die kleinstädtische, provinzielle Idylle und gestattet uns so einen tiefen Blick in die russische Seele.

Dann offenbart er wieder anrührende Geschichten, die voller Reinheit und Anmut sind, beinah märchenhaft die Sehnsüchte der Menschen beschreiben und mit sanften Flügeln die Seele des Lesers streifen. Auch DAS ist Anton Čechov! Besonders diese Geschichten wärmten mein Herz und versetzten mich in eine zarte Stimmung sanfter Melancholie,…

…und auch hier habe ich geseufzt: voller Sehnen und wohliger Zustimmung!

Mit dieser Sammlung an Erzählungen schenkt der Diogenes Verlag uns eine funkelnde Auswahl aus Čechovs umfangreichem Œuvre und präsentiert ihn als einen äußerst vielseitigen wie vielschichtigen Romancier.


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257070767

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[Rezension] Carl Nixon – Fish ’n’ Chip Shop Song

Ich habe den Eindruck, dass sich Erzählungen in der letzten Zeit einer zunehmenden Beliebtheit erfreuen. Wurden sie häufig „nur“ als Kurzgeschichten belächelt und ihren Schöpfer*innen unterstellt, zur „richtigen“ Literatur fehle ihnen wohl die Ausdauer. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall: Erzählungen zählen für mich zur Königsdisziplin in der Literatur. Im besten Fall schaffen die wahren Könner das, wofür andere Autor*innen hunderte von Seiten benötigen: Sie verstehen es auf wenigen Seiten eine ganze Welt entstehen zu lassen, incl. Spannungsbogen, Stimmungswechsel und Biografien des Handlungspersonals.

Seit einigen Jahren halte ich stets meine Augen offen, um weitere Talente für mich zu entdecken: Carl Nixon war mir bisher nicht bekannt, dabei kann der neuseeländische Autor schon einigen Erfolg im deutschsprachigen Raum vorweisen,…

…und: Er ist einer dieser wahren Könner im Erschaffen von Erzählungen! All das, was ich eingangs erwähnt habe, versteht er in seinen Erzählungen zu präsentieren. „Fish ’n’ Chip Shop Song“ ist eine Sammlung von 15 sehr unterschiedlichen und doch ähnlichen Erzählungen: Ein Wiederspruch? Ja! und Nein!

Da ist die dieser Anthologie namengebende Geschichte um eine junge Frau, die im Fish ’n’ Chip Shop ihrer Eltern arbeitet und sehnsuchtsvolle Fantasien zu einem Kunden ersinnt:  Hier entwickelt sich die Handlung in Form von Liedstrophen und erzeugt einen pulsierenden Beat.

Ein junger Mann trauert in „Das Badefloss“ um den Tot seines Kindes und gibt hierfür seinem Vater die Schuld: Erst ein weiterer prägnanter Vorfall sprengt die Ketten der Trauer und lässt einen Neuanfang zu.

Bei „Träume von einem Vorstadtsöldner“ schmunzelte ich über den beinah pragmatischen Humor der handelnden Personen: Hier werden die Bewohner eines Wohnparks für Senioren von jugendlichen Diebe heimgesucht und erkämpfen sich mit Hilfe eines angeheuerten Söldners das Gefühl der Sicherheit zurück.

„Seines Auges Apfel“ erinnerte mich in seinem märchenhaft-phantasievollen Grundton an Tim Burtons Film „Big Fish“.

In „Mein Vater und der tote Junge“ erfährt ein Sohn bei der Beerdigung seines Vaters ein tragisches Detail zu dessen Biografie, das Rückschlüsse auf sein Werden zulässt.

Auch wenn der Autor die Art und Weise der Darbietung variiert, so ist allen Erzählungen die leise spürbare Melancholie rund um das Thema „Sehnsucht“ gemein – häufig gepaart mit einer wehmütigen Trauer, die mir die Tränen über die Wangen rinnen ließ.

Dabei empfand ich die Trauer nie als erdrückend, und die Tränen wirkten wie eine Befreiung auf mich. Schon wieder ein Widerspruch? Tja, so bin ich eben: widersprüchlich…

…widersprüchlich ist das Leben,…

…und widersprüchlich ist auch diese wunderbare Sammlung an Erzählungen!


erschienen bei CulturBooks/ ISBN: 978-3959881074

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Finn-Ole Heinrich – Gestern war auch schon ein Tag

Sympathisch sind sie mir nun nicht gerade – die Protagonisten in Finn-Ole Heinrichs Erzählungen. Mit keinem von ihnen würde ich einen Abend verbringen wollen. Aber der Autor möchte auch nicht anbiedernd Sympathie beim Leser erhaschen. Kantig sind sie – kantig und schnörkellos. Und dabei so echt und so weit entfernt vom Gut-Menschen.

Lieber würde ich über Gut-Menschen lesen: Es wäre für mich einfacher. Aber „einfacher“ will der Autor auch nicht sein. Er möchte unangenehm sein, seine Geschichten sollen unangenehme Emotionen beim Leser auslösen. Das Lesen dieser Erzählungen kratzt an der schönen Oberfläche des Lesers.

Aber warum empfinde ich es als unangenehm? Weil es wahrhaftig ist! Weil seine Protagonisten mit Emotionen kämpfen, die mir so vertraut sind. Weil sie Menschen sind, und somit ihre Gefühle menschlich sind – so wie auch meine Gefühle menschlich sind. Weil mir ein Spiegel vorgehalten wird, und ich erbarmungslos gezwungen werde, einen kritischen Blick in ihn zu werfen.

Schön ist es nicht unbedingt, was ich dort zu sehen bekomme.

Doch warum lese ich weiter? Weil ich erleichtert bin: Auch ich darf mir Gefühle zugestehen, die nicht „edel, hilfreich und gut“ sind. Und weil der Autor seine Figuren in all ihrer Menschlichkeit nicht bewertet: Sie werden von ihm nicht verraten, und somit fühle auch ich mich nicht bloßgestellt.

Es fällt mir schwer, die Inhalte der Erzählungen wiederzugeben: Dafür sind die Geschichten auch wieder zu unterschiedlich. Dafür sind die Schicksale der Protagonisten auch wieder zu individuell. Nur eines ist ihnen gemein: Finn-Ole Heinrich pfeift in seinen Geschichten auf den schönen Schein. Seine Geschichten sind klar. Seine Sprache ist klar – und erbarmungslos ehrlich: „Man bekommt, was man sieht!“

Glamour? Glamour muss ich mir woanders suchen! Das hier beschreibt nur das schnöde Leben!


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442713189

[Rezension] Ria Neumann – Flugangst und Regenträume

Wie schon häufig erwähnt, stellt jede Lesung für mich eine Herausforderung dar: In diesem Fall war ich allerdings im besonderen Maße gefordert.

Auf Bitte der Autorin Ria Neumann hatte ich im Rahmen einer privaten Lesung anlässlich des Erscheinens ihres neusten Buches „Flugangst und Regenträume“ die Geschichte „Zulassen“ vorgetragen. 45 Minuten lang entführte ich die Zuhörer in die Gefühlswelt einer älteren Frau – zwischen Selbstmitleid und Hoffnung, zwischen Vorwürfen und leisem Humor, zwischen Trauern um die Vergangenheit und Sehnen nach der Zukunft.

Bei dieser anspruchsvollen Geschichte war es mir einerseits wichtig, dass ich die wechselnden Stimm(ung)en herausarbeite, andererseits ihr eine positive Leichtigkeit gebe und somit nicht als „Depri“-Stück diskreditiere.

Ob mir dies gelungen war? Direkt nach der Lesung war die Autorin nicht fähig, mir ein Feedback zu geben: Nachdem sie sehr konzentriert meinem Vortrag gelauscht hatte, schienen wechselnde Gefühle in ihr zu toben. Später gestand sie mir ein, dass es ihr sehr schwer fiel, ihrer Geschichte durch einen anderen Leser zu lauschen. Zudem hätte es sie erstaunt, wo ich meine Schwerpunkte setzte, und wie ich manche Passagen interpretierte. Dadurch hätte ihre Geschichte eine weitere Perspektive erhalten. Ihr Fazit: Mein Vortrag wäre wundervoll gewesen!


„Kurzgeschichten von der Lust und der Last des Lassens“ lautet der Untertitel dieses kleinen, feinen Buches: Auch die anderen Kurz-Geschichten handeln von Menschen, die sich alle in ihrem Leben  nicht für etwas oder jemanden entschieden haben, und über dieses „Lassen“ entweder erleichtert sind oder mit dieser verpassten Chance hadern.

Aber dieses „Lassen“ birgt auch Interpretationsmöglichkeiten in die gegensätzliche Richtung: Einige Protagonist*innen in den Geschichten hätte es mal lieber ge-lassen. Aber das „Nein!“-sagen scheint manchmal schier unmöglich, wenn der/das Gegenüber zu übermächtig wirkt.

Ria Neumann macht es sich und ihren Leser*innen nicht leicht: Manches bleibt in ihren Geschichten bewusst vage, bleibt unausgesprochen in der Schwebe und fordert zur Interpretation auf. Auch sind die Deutungsmöglichkeiten je nach eigenem Erfahrungsschatz vielfältig und regen zur Kontroverse an. Ihre Sätze sind fein und wohlüberlegt konstruiert: Kein Verb ist zu wenig, kein Adjektiv ist zu viel. Metaphern werden synonym eingesetzt, um Situationen präzise aber ohne schmückendes Beiwerk zu verbildlichen.

Manche ihrer Kurzgeschichten sind so kurz, dass sie eher wie zarte Miniaturen anmuten. Es durchziehen alle ihre Geschichten eine zarte Melancholie und ein Hauch von Wehmut! Und doch bleibt ein Funke Hoffnung spürbar…!


erschienen bei Donat/ ISBN: 978-3943425680

[Rezension] Lesley Nneka Arimah – Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt

Ihre Texte sind wie Donnerschläge. Sie katapultiert den Leser hinein in ihre Familiengeschichten – ohne Vorwarnung, ohne Einleitung. Plötzlich findet man sich mitten in den menschlichen Tragödien wieder. Einiges wird angedeutet, vieles bleibt unausgesprochen – und gerade diese flirrende Schwebe, in der ich mich als Leser befand, sorgte für eine fiebrige Spannung in den Geschichten, die sehr häufig die Mutter-Tochter-Bindung thematisieren.

Es geht um enttäuschte Erwartungen und unerfüllte Hoffnungen und sorgt so für Konflikte in der Beziehung von Mutter und Tochter. Das Verhalten der Mütter prägt das weitere Leben der Töchter, entweder weil die Tochter zwangsläufig versagen muss, da sie dem Vorbild der Mutter nie entsprechen kann, oder weil die Mutter aufgrund ihrer Entscheidungen und Handlungen die Ablehnung der Tochter provoziert und sie so auf Distanz hält.

Eine Kommunikation auf Augenhöhe findet nicht statt. Das Angedeutete und Unausgesprochene sorgt für eine zweite Ebene in den Erzählungen und lässt die Handlung erschreckend real wirken.

Lesley Nneka Arimahs Sprache ist voller Kraft, sehr direkt und gleichzeitig einfühlsam. Sie schafft es bravourös, einen Lebensentwurf auf wenige Seiten zu komprimieren und scheut sich nicht, die Genres Horror und Science Fiction in ihre Geschichten anklingen zu lassen, ohne unrealistisch zu wirken.

Leichte Kost sind diese Stories bei weitem nicht: Ich musste dieses eher schmale Büchlein durchaus auch mal einen Tag unbeachtet liegen lassen – und trotzdem verströmten die Geschichten eine enorme Dramatik, die mich immer wieder zugreifen lies, und übten beinah einen Sog auf mich aus, sodass ich erst Ruhe fand, bis auch die letzte Seite gelesen war.

Wer nun noch erfahren möchte, „Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt“, muss leider die gleichlautende Geschichte in dieser Sammlung von Erzählungen lesen. Ich wünsche eine inspirierende Lektüre!


erschienen bei CulturBooks/ ISBN: 978-3959881050

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[Rezension] Jan Ranft – Himbeerjoghurt mit Sahne

Was tun, wenn man von vornherein weiß, dass die Rezension, die man verfassen wird, äußerst „durchwachsen“ ausfallen wird? Warum schreibe ich dann trotzdem diese Rezension?

Weil hier ein Autor in vielerlei Weise etwas wagte: Jan Ranft hat viele Idee zusammengetragen und zu einer Anthologie gebündelt. Diese Anthologie wurde zudem von ihm überarbeitet, ergänzt und in Eigenregie veröffentlicht. Hochachtung!

Klingt gut! – und wann kommt nun das „Durchwachsene“? Jetzt!

Jan Ranft versammelt auf 256 Seiten satte 53 Geschichten – sehr kurze Geschichten, die eher wie Anekdoten, die sich Freunde beim Bier in der Kneipe erzählen, anmuten. So hätten den Geschichten „aus der Schwulenwelt“ 2 bis 3 Seiten „mehr“ sehr gut getan: Die Charakterisierung der Personen wäre dann vielleicht weniger oberflächlich und deutlich markanter und individueller ausgefallen. Zudem fehlten mir sowohl eine gewisse Qualität im sprachlichen Ausdruck als auch eine Kreativität in Stil und Sprachmelodie – aber vielleicht fehlten auch hierfür die schon erwähnten 2 bis 3 Seiten „mehr“.

Umso bedauerlicher, da Herr Ranft sehr gute Ideen hat, die es wert sind, mit mehr Aufmerksamkeit erzählt zu werden. Seine Geschichten decken eine enorme thematische Bandbreite ab – Liebesroman, Erotik, Coming-of-Age, Horror, (Schwarzer) Humor, Groteske und Ironie – und hätten das Potential, beim Leser richtig zu zünden. Vielleicht wäre die Hilfe eines Lektors hier von Nutzen gewesen.

Lieber Herr Ranft!

Sie haben so viel gewagt: Neben den schon genannten Punkten haben Sie sich zudem im Rahmen einer Buchverlosung dem Urteil eines selbsternannten Literatur-Kritikers gestellt. Hochachtung! Da haben Sie es mehr als verdient, dass ich mit allem nötigen Respekt ehrlich zu Ihnen bin.

Mit herzlichen Grüßen

Andreas Kück

erschienen bei Books on Demand/ ISBN: 978-3752832563

Ich danke dem Autor herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!