[Rezension] Willem Elsschot – Maria in der Hafenkneipe

„Maria van Dam, Kloosterstraat 15“ steht auf dem Stückchen Pappe, das drei orientalische Seeleute dem Ich-Erzähler unter die Nase halten und mit gebrochenem Englisch nach dem Weg fragen. An diesem nassen Novemberabend sind sie auf der Suche nach dem bezaubernden Mädchen, das am selben Tag an Bord gekommen war, um die Säcke zu flicken. Unter der angegebenen Adresse ist keine Maria zu finden. Doch statt aufzugeben, suchen sie weiter: Und so führt unser Erzähler die Seeleute gleich ein Hirte die heiligen drei Könige durch die Straßen der Hafenstadt von Haus zu Haus, von Ort zu Ort, von Begegnung zu Begegnung. Doch Maria bleibt unauffindbar, und so verabschieden sich die vier Männer zur späten Stunde und ziehen getrennte Wege…!

Der flämische Schriftsteller Alfons De Ridder veröffentlichte unter dem Pseudonym Willem Elsschot im Jahre 1946 diese unspektakulär anmutende Erzählung, die 1948 sogar mit dem belgischen Staatspreis ausgezeichnet wurde. Auf knapp 90 Seiten in einem kleinen Büchlein folgen wir den Männern durch das nächtliche Antwerpen auf der Suche nach einer Vision. Die unbekannte Maria gleicht einem Irrlicht (Originaltitel der Geschichte: Het dwaallicht), verspricht die Verheißung und steht als Sinnbild für die Träume und Wünsche aber auch für die Enttäuschungen, die die Protagonisten auf ihrer Wanderschaft erleben müssen.

Denn die Reaktionen der Mitmenschen, denen sich die ausländischen Matrosen aussetzen, fallen recht unterschiedlich aus: Sie erhalten dort Unterstützung, wo sie es nicht erwartet hätten, und erfahren Ablehnung, wo sie nicht damit rechnen. Elsschot beschreibt manche Einheimische wenig schmeichelhaft (Zitat: „Ein würdiges Exemplar des Herrenvolkes, das wir Weißen schließlich sind.“) und demaskiert sie, indem er ihnen beschämende Worte des Fremdenhasses in den Mund legt.

Da fungiert unser Ich-Erzähler dankenswerter Weise als ausgleichender Katalysator, der für Menschlichkeit und Toleranz steht und eine wohltuende Wandlung vom widerwillig Helfenden zum engagierten Unterstützer vollzieht. Der Autor porträtiert seine „heiligen drei Könige aus dem Morgenland“ äußerst respektvoll und lässt sie die Menschen in ihrem Umfeld mit Höflichkeit begegnen. Zwischen diesen Männern aus zwei unterschiedlichen Kulturen entspinnt sich ein Gespräch über Glaube, Liebe und Familie. Ethnische Unterschiede treten zutage, und Lebensentwürfe werden verglichen, was in gegenseitiger Akzeptanz mündet. Und so trennen sie sich am Ende nicht unbedingt als Freunde doch durchaus als sich gegenseitig Verstehende,…

…und Maria? Sie bleibt nebulös im Verborgenen, und Esschot verrät uns nicht, für welche Maria sie sinnbildlich steht (die Heilige oder die Hure). Das bleibt der Interpretation des Lesers überlassen.

Knapp 90 Seiten in einem kleinen Büchlein: Manchmal braucht eine Geschichte nicht mehr, um sich gänzlich zu entfalten, seine Leserschaft zu fesseln und zum Nachdenken anzuregen!


erschienen bei Unionsverlag/ ISBN: 978-3293004108 / Neuauflage erschienen bei Unionsverlag/ ISBN: 978-3293005648

[Rezension] Französische Weihnachten/ herausgegeben von Annette Wassermann & Italienische Weihnachten/ herausgegeben von Klaus Wagenbach

Andere Länder andere Sitten! Oder auch: Andere Länder andere Weihnachts-Rieten! Das kann auch die moderne Globalisierung nicht verhindern. Nie waren wir uns so „nah“ (!) wie heute. Via Internet kommunizieren wir mit der ganzen Welt und haben dank Social Media überall „Freunde“. Manches wirkt dabei auf mich recht oberflächlich und wie auf Massenkompatibilität getrimmt, denn nur dann gibt es von den Mitgliedern der Community einen „Daumen hoch“. Gleichheit ist so herrlich unangestrengt!

Ich will mich aber anstrengen – gerne sogar! Ich will auch keine Gleichheit, – im Gegenteil – ich will es bunt, abwechslungsreich und vielfältig. Ich will die ganze kulturelle Bandbreite. Ich will andere Menschen und ihre Kulturen kennenlernen und mit ihnen in Beziehung treten. Denn in Beziehung treten, bedeutet, sich mit Menschen auseinandersetzten, und das macht Arbeit! Ich will mir von anderen Kulturen gerne das abgucken, was mir gefällt und mich dabei trotzdem auf meine Wurzeln besinnen. Denn ich habe eine eigene Identität, die sich u.a. aus Genen, Wissen und Erfahrungen zusammensetzt und mit der familiären Vergangenheit verknüpft ist.

Weihnachten ist ein wunderbares Paradebeispiel für Vielfalt: In vielen Ländern der Erde wird die Geburt Jesu Christie mit diesem Fest gefeiert. Viele Völker dieses Erde feiern somit aus dem gleichen Grund und doch wieder recht unterschiedlich. Ein Blick zu unseren europäischen Nachbarn genügt…!

In „Französische Weihnachten“ gibt Herausgeberin Annette Wassermann uns einen vielfältigen Querschnitt der französischen Literaturszene u.a. mit Erzählungen von Olivia Rosenthal, Leila Slimani, Colette, Marcel Pagnol oder Michel Houellebecq. Irgendwie dachte ich bei Weihnachten in Frankreich (Achtung: Klischee) an verschneite Gassen in Paris und „Savoir-vivre“ in federleichte Worte verpackt. Diese Anthologie offenbart uns sozusagen eine andere Seite der französischen Seele. In den Geschichten dreht sich alles um Beziehungen (Geht es nicht immer um Beziehungen?): Mutter/Vater vs. Tochter/Sohn, Ehefrau vs. Ehemann, Geliebte vs. Geliebter, Schwester/Bruder vs. Bruder/Schwester und.so.weiter.und.so.fort! Die Erzählungen speisen sich aus der Melancholie des Vergänglichen und aus den Erinnerungen der Vergangenheit. Vieles bleibt unausgesprochenes. Es wird getan, als freue man sich über die Geschenke, da sich über Geschenke gefreut werden muss – es gehört sich so! Und wie überall auf der Welt, wenn Menschen, die sich als Familie bezeichnen, zusammenkommen, wird viel zu viel geredet und viel zu wenig gesagt.

Auch in den Geschichten in „Italienische Weihnachten“ dreht sich vieles um Beziehungen. Doch Herausgeber Klaus Wagenbach wählte für seine Sammlung auch Werke aus, in denen es eher mystisch und märchenhaft und durchaus auch humorvoll zugeht. Da hat durchaus das südländische Temperament der Italiener seinen Einfluss auf die Sicht der Dinge. Zudem resultiert der Witz in einigen Geschichten aus der Absurdität in alltäglichen Begebenheiten und dem scheinbaren Hang der Italiener zur Dramatisierung. Hier wird (im Vergleich zu den Franzosen) prinzipiell über alles gesprochen, und dies erfolgt möglichst temperamentvoll. Autor*innen wie Sebastiano Vassalli, Andrea Camilleri, Natalia Ginzburg, Leonardo Sciascia und Laura Mancinelli kreierten Erzählungen zwischen Fiktion und Realität, zwischen Moderne und Tradition.

Beiden Anthologien sind gemein, dass sie weder anbiedernd gefällig daherkommen noch leicht-bekömmliche Fast-Food-Kost anbieten. Dem Leser wird die Auseinandersetzung mit dem Gelesenem abverlangt, und dies kann durchaus die Erinnerung an eigene Erfahrungen wiederaufleben lassen. Diese Erzählungen eignen sich nur bedingt als launige Feiertagslektüre unter dem Tannenbaum: Sie sind erwachsen.


erschienen bei Wagenbach Salto/ ISBN: 978-3803113467 (Französische Weihnachten) & ISBN: 978-3803113221 (Italienische Weihnachten)

[Rezension] Erich Kästner – Sonderbares vom Kurfürstendamm: Berliner Beobachtungen/ herausgegeben von Sylvia List

Berlin und ich: Wir stehen uns sehr zwiespältig gegenüber. Irgendwie wurden wir nie richtig miteinander warm. Bei meinem ersten Besuch der Stadt kurz nach dem Mauerfall schlenderte ich über den Kurfürstendamm und wollte – ganz Touri – einen Blick ins Kaufhaus des Westens werfen. In einem Buchladen am Ku’damm fragte ich die Verkäuferin beim Bezahlen an der Kasse, in welche Richtung ich mich zum KdW wenden müsste. Mich traf ein abschätziger Blick und im breitesten Berlinerisch bekam ich als Antwort „Imma de Menschenmasse nach!“. Berliner Schnauze und Norddeutscher Fischkopp scheinen mir wenig kompatibel.

Doch für viele – besonders den Kunstschaffenden – hat/hatte Berlin eine schier magische Anziehungskraft. So verschlug es auch den aufstrebenden Jungschriftsteller Erich Kästner im Jahre 1927 vom beschaulichen Leipzig in die pulsierende Metropole, und er verdingte sich seine ersten Sporen mit Veröffentlichungen von Gedichten, Glossen und Rezensionen in unterschiedlichen Tageszeitungen sowie Kritiken für das Magazin „Die Weltbühne“. Die Jahre zwischen 1927 und 1933 gelten als seine produktivste Zeit, in der er zu einer der wichtigsten intellektuellen Figuren Berlins aufstieg und in der neben den schon genannten Publikationen auch „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“ und „Das fliegende Klassenzimmer“ entstanden. Die Texte aus dieser Zeit spiegeln auch den Lebenshunger der Berliner wieder: Authentisch beschreibt er die Kabaretts und Revuen, das schillernde Volk in den Bars und Vergnügungstempeln, aber auch das zweifelhafte Amüsement für die einfachen Leute in Form eines Rummelplatzes im Hinterhof. Auch Auszüge aus „Emil und die Detektive“ und „Pünktchen und Anton“ dürfen in dieser Berliner „Chronik“ nicht fehlen. Zwischen seinen Zeilen spürt der Leser den pulsierenden Herzschlag einer Stadt: Kästner schrieb über Triviales ebenso ernsthaft, wie er über Erhabenes spottete. Seine Gedichte sind schelmisch, ironisch aber auch durchaus poetisch zart. Große Persönlichkeiten der Theater- und Kultur-Szene finden in seinen Rezensionen Erwähnung. Die Informationen des Anhangs offenbaren die Tragik: Die meisten von ihnen mussten entweder emigrieren oder fielen der Tötungsmaschinerie der Nazis zum Opfer.

In den Jahren von 1933 bis 1945 war Kästner zur Untätigkeit verdammt: Den Nationalsozialisten war er als liberal-denkender Literat suspekt. Seine satirisch formulierten gesellschafts- und zeitkritischen Werke galten „wider den deutschen Geist“ und wurden bei der öffentlichen Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 verbrannt. Trotz massiver Repressalien, wie Verhöre bei der Gestapo, Berufsverbot und Ausschluss aus dem Schriftstellerverband, blieb Kästner in Berlin: Er sah sich als Chronist dieser Zeit und führte ein geheimes Tagebuch über die damaligen Geschehnisse. Die Texte aus diesen Jahren erschüttern! Die Gedichte und Aufzeichnungen zeugen von der Absurdität nationalsozialistischem Gedankengut, oder um es mit Kästners eigenen Worten zu beschreiben:

„Gut und Böse, unwandelbare Maßstäbe des menschlichen Herzens, wurden durch Gesetz und Verordnung ausgetauscht. […] Wer unschuldige Menschen umbrachte, wurde befördert. Wer seine menschliche oder christliche Meinung sagte, wurde geköpft oder gehängt.“

Über „Berlin nach 1945“ schrieb Kästner keine einzige Zeile

Herausgeberin Sylvia List hat eine abwechslungsreiche Sammlung an Texten aus dem Œuvre von Erich Kästner zusammengestellt, die einen gelungen Bogen schlagen von „Babylon Berlin“ zu „Berlin in Trümmern“. Mit dieser Anthologie beweist sie abermals, was jedem Leser von Kästners Werken durchaus schon bewusst ist:

Kästner amüsiert, Kästner kritisiert, und er unterhält auf hohem Niveau!


erschienen bei Atrium/ ISBN: 978-3855354139

[Rezension] Harald Martenstein – Vom Leben gezeichnet: Tagebuch eines Endverbrauchers

Die Kolumne [von der Kolumne des Drucksatzes, von lateinisch columna ‚Stütze‘, ‚Säule‘] bezeichnet in der Presse einen kurzen Meinungsbeitrag als journalistische Kleinform. Diese Kolumnen erscheinen meist regelmäßig an gleicher Stelle unter dem gleichem Titel und sind vom Umfang begrenzt. Der Autor einer regelmäßig erscheinenden Kolumne wird Kolumnist genannt.

Kolumnen gibt es in der Zwischenzeit wie Sand am Meer und zu unterschiedlicher Thematik: Lifestyle, Kochen, Politik, Kindererziehung, Gesellschaft, Beauty undsoweiterundsofort – das Angebot scheint schier unerschöpflich. Leider kann die gebotene Qualität nicht immer mit der Quantität an Kolumnen mithalten.

Auch Harald Martenstein darf sich somit Kolumnist „schimpfen“: Seit 2002 erscheinen seine Kolumnen in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Eine Auswahl wurde 2004 in Form dieses Sammelbands veröffentlicht, und…

…er bietet nicht nur Quantität sondern auch Qualität: Seine satirischen Plaudereien wirken oft so harmlos, so unschuldig, treffen dann aber in ihrer scheinbaren Spitzbübigkeit den Leser schmerzhaft in der Magengrube. Beinah arglos beleuchtet er die Absurditäten unseres Alltags, die oft erst durch ihn ausgeleuchtet im absurden Licht erstrahlen. Ausreichend Themen liefert ihm das Leben auf einem silbernen Tablet: Über Gewichtsprobleme, Sex und Schönheit, über Drogen allgemein und speziell, über Karrieren, Kirchentage und Kriminalität, über Berlin und München, über Literatur allgemein und speziell und sogar über Hitler, Penisvergrößerung und Scientology.

Es darf viel geschmunzelt und auch ein wenig laut gelacht werden. Wobei so manches Lächeln mir im Gesicht gefror. Martenstein bohrt und legt den Daumen in Wunden, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe! Er dehnt die Grenze des Erlaubten, ohne sie zu überschreiten. Aber wer hat festgelegt, was erlaubt ist? Trotzdem war mir die Lektüre nie unangenehm: Ich fühlte mich ertappt aber nicht vorgeführt. Nach einer Schocksekunde konnte ich wieder schmunzeln und unumwunden zugeben „Ja, logisch, völlig gaga!“. Mit scheinbar kindlicher Naivität traut er sich, Konventionen zu hinterfragen und auf ihre Substanz zu überprüfen.

„Martenstein lesen“ heißt, die Banalitäten des Lebens im neuen Licht zu sehen!


erschienen bei Hoffmann und Campe/ ISBN: 978-455094651 / als Taschenbuch erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328101093

[Rezension] Elementar, mein lieber Watson: Neue Fälle für Sherlock Holmes/ zusammengestellt von Daniel Kampa

Seit über 130 Jahren ist dieser Detektiv eine feste Größe innerhalb der Kriminalliteratur und hat nach all den Jahrzehnten nichts von seinem Reiz eingebüßt. Sein Schöpfer Sir Arthur Conan Doyle wäre vielleicht überrascht gewesen, hätte er gewusst, welchen Ausmaß die Verehrung der Holmes-Anhänger annimmt: So gibt es div. Bühnen- und Film-Adaptionen sowie Fernseh-Serien, die sich auf die Original-Geschichten beziehen oder Anleihen nehmen, und manches ist schlicht und ergreifend frei erfunden und der Phantasie div. Schreiberlinge entsprungen. Sherlock Holmes Faszination ist ungebrochen…!

Die vorliegende Anthologie versammelt sechs neue Geschichten um den Meisterdetektiv: Verleger Daniel Kampa hat aus dem scheinbar unerschöpflichen Fundus der Kriminalautor*innen, die sich schon an einer Holmes-Geschichte versucht haben, die Werke von vier namhaften Autor*innen ausgewählt, und mit zwei Geschichten lässt er sogar Holmes-Fans/-Experten zu Wort kommen.

Wie so oft bei solchen „Compilations“ gibt es Erzählungen unterschiedlicher Qualität zu bewundern. Ohne Licht gibt es eben keinen Schatten! In diesem Fall haben wir 2x „Sonnenschein“, 2x „leicht bewölkt“ und 2x „Halbschatten“. Ein „Zappenduster“ bleibt uns dank der versierten Zusammenstellung von Daniel Kampa zum Glück erspart.

Die zwei „halbschattigen“ Geschichten stammten von den beiden Holmes-Fans/-Experten Peter Jackob und Klaus-Peter Walter. In „Das Geheimnis von Compton Lodge“ wirft Peter Jackob einen Blick auf die Familienhistorie von Dr. Watson. Leider wirkt die Geschichte aufgrund der häufig wechselnden (und für mich nicht nachvollziehbaren) Handlungsorte etwas „zerfranst“. Bei „Sherlock Holmes und der Arpaganthropos“ lässt Klaus-Peter Walter die griechische Mythologie aufleben, Holmes auf einem Teppich à la Aladdin fliegen und Watson von Delphinen aus Seenot retten. Dagegen wirkt „Der Hund der Baskervilles“ harmlos…! 🙂

Die „leicht bewölkten“ Geschichten verdanken wir Anne Perry („Die Mitternachtsglocke“) und Anthony Horowitz („Die drei Königinnen“). Beide halten sich eng am Holmes-Korsett und liefern klassisch anmutende Geschichten, wie sie Conan Doyle für das „The Strand Magazine“ verfasst haben könnte. Leider hat dies zur Folge, dass die Stories mir wenig Unerwartetes offenbarten und somit leicht vorhersehbar erschienen.

Für den „Sonnenschein“ sind Stephen King und Alan Bradley verantwortlich. „Der Fall des Doktors“ von Stephen King wirkt wie eine klassische Holmes-Geschichte – allerdings mit vertauschten Rollen: Bei der Lösung dieses Falls steht Holmes „auf dem Schlauch“, und Watson liefert (auch für ihn) überraschend die nötigen Fakten und Indizien. Alan Bradley lässt mich als Leser bei „Verkleidung schadet nicht“ erstmal im Dunkeln tappen bzgl. der Identitäten der handelnden Personen und überrascht mit einer ungewöhnlichen Auflösung. In beiden Geschichten „verstecken“ die Autoren jeweils eine Huldigung an die „Queen of Crime“: Während King weniger offensichtlich aber durchaus erkennbar die Täter*innen wie bei „Mord im Orientexpress: Ein Fall für Poirot“ ihrer Strafe entgehen lässt, legt Bradley umso offensichtlicher in seinem Schlusssatz Holmes einen Hinweis auf Miss Marple in den Mund. Beides hat mich als Christie-Fan natürlich immens amüsiert und gefreut.

Allen Autor*innen ist gemein, dass sie äußerst respektvoll mit der literarischen Vorlage umgehen. Als Leser spürte ich ihre Verehrung gegenüber Sir Arthur Conan Doyle und seinen Schöpfungen.


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311125082

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Zeugin der Anklage/ Erzählung und Theaterstück im Vergleich

Leonard Vole steht vor Gericht. Er wird beschuldigt, eine wohlhabende Witwe aus Habgier ermordet zu haben. Alle Beweise sprechen gegen ihn, doch er beteuert eisern seine Unschuld. Seine einzige Chance, dem Strick zu entgehen, ist die Aussage seiner Frau Romaine, die sein Alibi bestätigen soll. Doch seine Frau liefert ihn eiskalt ans Messer und fungiert als Zeugin der Anklage. Der Verteidiger Sir Wilfrid Robarts zweifelt an der Aussage der Ehefrau und kann Beweise vorlegen, die ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellt. Immer mehr und mehr verstrickt sie sich in Widersprüche. Leonard Vole wird freigesprochen. Doch wer war nun der Täter…?

Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? Im vorliegenden Fall gab es zuerst die Kurzgeschichte, und erst Jahrzehnte später entstand daraus die Bühnenfassung. Im Jahre 1925 erscheint die Erzählung unter dem Titel „Traitor’s Hands“ (dt.: Die Hände der Verräterin) erstmals in der britischen Zeitschrift „Flynn’s“. In den 30er und 40er Jahren folgen unter dem heute bekannten Titel „Witness for the Prosecution“ in Großbritannien und den Vereinigten Staaten einige Wiederveröffentlichungen. Erst im Jahre 1953 wird das Werk zum Theaterstück umgearbeitet, wobei der Schluss seine bühnenwirksame Veränderung erfährt.

Die Erzählung wirkt – mit nur 24 Seiten Umfang – eher „schmalbrüstig“. Zwar sind alle wichtigen Handlungspersonen (wenn auch zum Teil unter einem anderen Namen als im Theaterstück) vertreten, und auch die elementaren Handlungsstränge werden erwähnt. Doch ist eine Entwicklung der Figuren schwer möglich, da die jeweiligen Beweggründe nur unzureichend beleuchtet werden können. Dies ist dem ursprünglichen Format der Veröffentlichung geschuldet: Da das Werk als nettes Geschichtchen in einer Zeitschrift erschien, war seinem Umfang entsprechend Grenzen gesetzt.

Wie bei einem Theatertext üblich sind hier sowohl Beschreibungen des Setting wie auch von Personen und deren Reaktionen auf ein Minimum reduziert. Vielmehr wird hier auch nicht benötigt: Schließlich entsteht aus einer „schnöden“ Textvorlage erst durch die Kunst aller Theaterschaffenden eine packende Inszenierung für die Bühne (…oder – wie in meinem Fall – vor dem inneren Auge des Lesers). Somit liegt der Schwerpunkt auf die Dialoge. Wie schon in ihren Romanen liefert Christie auch hier versierte Dialoge, die die handelnden Personen treffend charakterisieren und Spannung erzeugen. Dabei ist die Kunst des Schauspiels extrem gefordert: So spielt bei den Dialogen der s.g. „Untertext“ eine immense Bedeutung bei der Aussage. Nicht „was“ gesagt wird ist von Bedeutung sondern „wie“ es gesagt wird und drückt somit unausgesprochene Gefühle, Gedanken und Meinungen der Personen aus.

Das Stück bietet für die drei Hauptrollen ein immenses Potential zur Entfaltung:

  • Leonard Vole: jung, gutaussehend, sympathisch, naiv, wirkt hilflos, mit der Situation überfordert.
  • Romaine Heilger: geheimnisvolle Ausländerin, intelligent, wirkt gefühlskalt und berechnend, innerlich leidenschaftlich.
  • Sir Wilfrid Robarts: versierter Rechtsanwalt, kluger Stratege, sehr erfahren, hat trotzdem Ideale.

Mit den Nebenrollen sorgt Christie für eine humorvolle Auflockerung der eher dramatischen Handlung, um die aufgestaute Spannung beim Publikum zu lösen. Sie lässt die Zuschauer kurz „von der Leine“, um diese im nächsten Moment wieder anzuziehen und die Zuschauer wieder an die Kandare zu nehmen. Hier beweist sich Christies enormes Talent, Geschichten so zu kreieren und die Handlung so geschickt aufzubauen, dass die ständige Aufmerksamkeit des Publikums ihr gewiss ist.

Wie bereits erwähnt wurde das Ende beim Theaterstück gegenüber der Erzählung verändert: Die Erzählung endet mit dem Geständnis von Romain, dass sie über die tatsächlichen Umstände des Mordes informiert war. Das Theaterstück endet deutlich spektakulärer und (passenderweise) theatralischer. Es war früher Gang und Gebe, dass zu einer Erstaufführung eines Stückes Textbücher gedruckt wurden. Diese konnten vom Publikum käuflich erworben werden: Vor dem Theaterbesuch dienten sie zur Vorbereitung auf das Stück und hinterher fungierten sie als Souvenir. Bei „Witness for the Prosecution“ untersagte Agatha Christie das Abdrucken des neuen Endes, um das Publikum nicht um den Überraschungsmoment zu betrügen.

Die Verfilmung aus dem Jahre 1957 glänzt mit einer exzellenten Besetzung: Charles Laughton, Marlene Dietrich und Tyrone Power liefern gemeinsam mit dem restlichen Cast unter der genialen Regie von Billy Wilder Schauspielkunst vom Feinsten. Dagegen wirkt – trotz sexueller Komponente – die Neu-Verfilmung aus dem Jahre 2016 eher farblos und spannungsarm.

Dieses Werk gilt – nach „Die Mausefalle“ – als eines der erfolgreichsten Stücke aus der Feder von Agatha Christie und wird weiterhin gerne auch an deutschen Bühnen von München (2016: Blutenburg Theater) und Berlin (2005: Berliner Kriminal Theater) bis Hamburg (2017: Imperial Theater) inszeniert. Bis zur Schließung aller Theater aufgrund der Corona-Pandemie wurde das Stück äußerst erfolgreich im alten Gerichtssaal der ehrwürdigen London County Hall aufgeführt: Gibt es eine passendere Kulisse für dieses packende Werk?!

Habe ich Eure Neugierde geweckt? Dann greift bitte zum Theatertext. Die Erzählung kann hierbei getrost (Mrs. Christie, ich bitte um Verzeihung!) außer Acht gelassen werden!


Die Erzählung ist zurzeit nur antiquarisch zu erwerben und im Laufe der Jahre in div. Verlagen erschienen, z. Bsp. bei Diogenes/ ISBN: 978-3257208269 oder bei Fischer/ ISBN: 978-3596174621.

Das Theaterstück wird aktuell bei Felix Bloch Erben: Verlag für Bühne, Film und Funk verlegt. Die mir vorliegende Text-Fassung ist in der DDR im Jahre 1971 im Henschel-Verlag erschienen.

[Rezension] Frühling für Fortgeschrittene – Geschichten/ herausgeben von Stephan Koranyi & Gabriele Seifert

Die Sonne lockt nach einem Weilchen
die schönsten Dinge an das Licht,
zum Beispiel: Birkengrün und Veilchen,
und Reiselust und Liederzeilchen,
und manches lächelnde Gesicht.

…reimte Erich Kästner so passend über den Frühling. Er steht für Erwachen und Neubeginn, für Hoffnung und Übermut. Die Triebe regen sich – sowohl die menschlichen als auch in der Flora und Fauna – und verursachen neben den Glücksmomenten auch so manche Verwirrung. Von all dies berichten die Geschichten in dieser Anthologie.

So wirft Root Leeb in „Der Baum“ mit leichter Hand ein Szenario auf das Papier, in dem zwei einsame Seelen zueinander finden. In „Vergiss dies nie“ von Graham Swift erhalten eben diese drei Worte eine leidenschaftliche Bedeutung und erinnern Jahre später wehmütig an eine verlorene Liebe. Bei Rafik Schamis „Liebesübungen“ geht ein junger Mann in eine ungewöhnliche „Lehre“. Jorid Marlene Meya weckt in „Von Ozeanaugen und Passbildautomaten“ die Erinnerung an den ersten pubertären Schwarm.

Der Frühling kann ebenso einen Richtungswechsel, wie Susanne Neuffers ihn in „Die Mongolei“ beschreibt, symbolisieren. Da erhält ein Neubeginn plötzlich einen schalen Nachgeschmack. In „Zwei Minuten Revolution“ von Bov Bjerg verwandelt sich der Frühling in eine sterile Plastik-Deko in einer Shopping-Mall („Bitte nicht betreten!“).

Aber der Frühling steht auch für Freude: So spürte ich bei „Der Ja-Sager“ von Sylvia M. Hoffmann und „Lups“ von Manfred Kyber beinah einen Loriot-ischen Humor, der mich köstlich amüsierte. In der unterhaltsamen Geschichte „Abfall“ von Luis Fernando Verissimo sorgt der Müll zweier Single-Nachbarn dafür, dass sie nicht länger Singles bleiben.

Den beiden Herausgebern Gabriela Seifert und Stephan Koranyi ist eine kleine dafür sehr feine Auswahl gelungen, die trotz aller Empfindsamkeit geschickt dem Stolperstein zum Schmalz ausweicht. Dieser gekonnten Auswahl ist es zu verdanken, dass, trotz des manchmal wehmütigen Grundtons, ein zarter Frühlingshauch durch alle Geschichten weht und für eine optimistische Leichtigkeit sorgt.


erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150110898

[Rezension] Alan Bennett – Ein Kräcker unterm Kanapee

Vor wenigen Tagen äußerte ich in meiner Rezension zu P.G. Wodehouses „Tausend Dank, Jeeves!“, dass Britten so richtig witzig sein können. Keine Bange, ich möchte diese getroffene Aussage nun nicht etwa revidieren – ganz im Gegenteil: Ich habe hier noch ein weiteres Beispiel als Beleg für die Richtigkeit meiner Aussage. Dabei könnten diese beiden Autoren nicht unterschiedlicher sein: Wodehouse mit Bennett zu vergleichen wäre ungefähr so, als würde ich (um bekannte Beispielen zu bemühen) Jürgen von der Lippe mit Dieter Nuhr messen. Beide haben ihre absolute Berechtigung und sprechen jeweils eine andere Region meines Humorzentrums an, und damit meine ich sowohl die Autoren als auch die Sprach-Humoristen.

Alan Bennett versammelt in diesem Band sechs kleine Geschichten, die für die BBC geschrieben und aufgezeichnet wurden. So wirken sie wie Auszüge aus einem Drehbuch mit einem kurzen Umriss über die jeweils handelnde Person, knappen Beschreibungen des Settings, Hinweisen auf Schwarzblende und dramaturgischen Pausen. So „sehen“ wir in diesen Monologen auch immer nur eine Person vor unserem geistigen Auge. Alle anderen Personen lernen wir durch den Blick des erzählenden Protagonisten kennen. Und dieser Blick ist zwangsläufig sehr subjektiv gefärbten und offenbart vieles von unseren Heldinnen und Helden.

Bennett präsentiert uns eine bunte Palette unterschiedlichster Typen: Da ist der erwachsene Sohn, der seiner leicht demenziellen Mutter missgönnt, dass sie mit Hilfe eines alten Schulfreundes wieder am Leben teilnimmt, und nicht erkennt, dass er sie mehr braucht als umgekehrt. Oder wir lernen die Pfarrersgattin kennen, die Ablenkung vom öden Gemeindeleben sucht und diese zuerst im Alkohol und dann auf der Matratze des Kioskbesitzers findet. Ein Füllfederhalter spielt in der nächsten Geschichte eine entscheidende Rolle, da dieser – einer Waffe gleich – von einer einsamen Frau für das Verfassen von allerlei Beschwerdebriefen benutzt wird, und sie dabei die sensible Grenze zwischen berechtigter Kritik und übler Verleumdung überschreitet. Selbstüberschätzung und der Mangel, die Menschen in ihrem Umfeld realistisch wahrzunehmen, wird einer jungen Möchte-gern-Schauspielerin zum Verhängnis, die sich „ganz Profi“ jegliche Schmach schön redet. Eine Witwe wird nach dem Tod des Gatten zum Spielball ihrer Kinder: zwischen Übervorteilung, Schuldzuweisung und Verschleierung versucht sie verzweifelt den Anschein von Anstand zu wahren, um nicht als tragische Figur zu enden. Ein Kräcker unterm Kanapee wird einer älteren Dame zum Verhängnis, die in ihrem Kontroll- und Putzzwang die Arbeit ihrer Zugehfrau kontrolliert, dabei stürzt und mit gebrochener Hüfte auf dem Boden liegend nicht erkennt, dass sie mit diesem Zwang bisher alle Menschen ihrer näheren Umgebung verscheucht hat.

„Das klingt so ganz und gar nicht witzig!“ könnte man meinen, aber der Eindruck täuscht: Bennetts Witz lauert im Verborgenen und pirscht sich nur ganz leise an die Oberfläche. Allen Protagonisten ist gemein, dass ihnen gänzlich der Hang zum Selbstmitleid fehlt, und sie beinah stoisch die Umstände aushalten. So zeigen die beschriebenen Situationen eine enorme Skurrilität, bieten viel Absurdes und entwickeln aus der scheinbaren Alltäglichkeit ihren Witz.

So war mein Lachen auch weniger ein hemmungsloses Kichern als vielmehr ein verdutztes Schmunzeln über die gelesenen Eigentümlichkeiten des Handlungspersonals, wohl wissend, dass sie in der Realität keine Seltenheit sind.


erschienen bei Wagenbach/ ISBN: 978-3803112682

[Rezension] George Saunders – Fuchs 8

Fuchs 8 schreibt einen Brief, vielmehr ist es ein Appell an uns Menschen. Fuchs 8 hat seine eigenen, besonderen Erfahrungen mit uns Menschen gemacht: Unsere Sprache findet er so wunderschön, dass er sie sich „per Hören“ aneignet. So ist sein Brief auch in „Menschisch“ geschrieben, bzw. in das, was der Fuchs für die menschliche Sprache hält. Da er die Sprache nur durch Zuhören gelernt hat, fehlen ihm natürlich alle Regeln der Rechtschreibung, und auch von Interpunktion hat er noch nie etwas gehört. Dafür ist seine Nachricht mehr als deutlich: Er musste miterleben, wie Menschen seinen natürlichen Lebensraum einnahmen und veränderten und darum seine Sippe (ver-)hungern musste. Er musste miterleben, wie sein Freund Fuchs 7 von Menschen getötet und mit seinem toten Körper würde- und respektlos umgegangen wurde. Fuchs 8 flüchtet aus seiner Heimat, aus seinem Revier und findet traumatisiert ein neues Zuhause mit einer neuen Familie. Doch die Erinnerungen an das Erlebte lassen ihn nicht los, und so schreibt er diesen Brief an uns Menschen mit seinem Appell zum Umdenken…!

Ich muss es leider gestehen: Diese Geschichte hat mich sehr wenig berührt!

Fand ich anfangs die individuelle Schreibweise und Formulierungen des Fuchses noch sehr originell, so störte mich dies im Laufe meiner weiteren Lektüre, bremste meinen Lesefluss und schuf so eine Distanz zwischen mir und dem Gelesenen. Zwangsläufig fühlte ich mich an den Fuchs aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry erinnert. Doch wo dort die Poesie aufblüht und sich zart in mein Herz gestohlen hat, ist hier bedauerlicherweise – für mich – wenig Atmosphäre spürbar. Auch die Illustrationen von Chelsea Cardinal konnten da wenig beitragen. Vielmehr ließen sie mich in ihrer reduzierten Ästhetik eher an die TV-Werbung eines Energie-Drinks denken.

Natürlich verstehe ich die Intension des Autors hinter dieser Fabel und finde diese gut, richtig und wichtig. Vielleicht war – nach der Lektüre einiger positiver Rezensionen – meine Erwartungshaltung auch schlicht und ergreifend zu groß.

Ich fühlte mich emotional zu wenig „eingefangen“. Schade…!!!

Lust auf weitere Meinungen? Dann empfehle ich Euch die Rezensionen meiner Blogger-Kolleg*innen Andrea Schuster von „Lesen… in vollen Zügen“ und Frank Wolf vom „reisswolfblog“.


erschienen bei Luchterhand/ ISBN: 978-3630876207

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Georges Simenon – Weihnachten in Paris

„Vielleicht gibt es Paris überhaupt nicht,
und es ist nur eine Erfindung von Simenon.“
The New York Times

Beinah könnte ein Leser, der noch nie leibhaftig in Paris war, tatsächlich den Eindruck gewinnen, diese Stadt wäre der Phantasie eines genialen Kopfes entsprungen.

Simenons „Weihnachten in Paris“: Das ist weit entfernt von „Heile Welt“, romantischen Gassen und sonstigen Weihnachtskitsch. Zwei Erzählungen vereinen sich in diesem Band und unterhalten den Leser. Wobei die Unterhaltung nicht luftig-locker-leicht hereinschneit, sondern sehr dramatisch und brutal ehrlich auftritt. Und doch erzählen beide Geschichten jeweils von kleinen Wundern zur Weihnachtszeit.

Beginnen möchte ich gerne mit der zweiten, kleineren Erzählung: Bei „Das kleine Restaurant bei der Place des Ternes“ brauchte ich meine Zeit, um die Beweggründe der handelnden Personen zu begreifen. Weihnachten ist die Zeit, in der die meisten Selbstmorde in Paris passieren. Zwei Frauen, die sich vorher anscheinend nicht kannten, werden unfreiwillig Zeuge eines jenes Selbstmordes. Dieses Ereignis veranlasst die ältere der beiden Frauen, die seit einigen Jahren als Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdingt, Einfluss auf den Verlauf des weiteren Abends zu nehmen, um der Jüngeren ein ähnliches Schicksal zu ersparen. Dabei erscheint Simenons Heldin alles andere als heldinnenhaft: Mit ihrem schnoddrig-ordinären Auftreten pfeift sie hemmungslos auf gängige Konventionen.

Simenon erzählt äußerst dicht und detailreich. In der Erzählung „Sieben Kreuzchen in einem Notizbuch“ schafft er eine beinah intime Atmosphäre, indem er die Handlung in nur einem Raum spielen lässt. In der Schaltzentrale der Polizei laufen alle Fäden zusammen. Auf einem Stadtplan blinken Lämpchen auf, wenn irgendwo in Paris an einer Notrufsäule Alarm geschlagen wird. Plötzlich blinken Lämpchen für Lämpchen auf, und die Inspektoren ahnen, dass hier wieder der Serienmörder zuschlägt, der schon seit Wochen die Polizei in Atem hält. Nun wird an der einen Notrufsäule das blutbeschmierte Taschentuch eines Kindes gefunden, und der Fall entwickelt sich in eine gänzlich neue und überraschende Richtung…!

Wäre ich schon ein Simenon-Experte, würde ich vollmundig behaupten, mit dieser Erzählung erlebt der Leser „Simenon at his best“. Ich bin kein Simenon-Experte, aber durchaus in der Lage, eine exzellente Geschichte zu erkennen: Hier ist eine solche…!!! Diese Geschichte habe ich, ohne eine einzige Pause, ohne ein einziges Mal das Buch abzusetzen, gelesen. Seite für Seite steigerte sich die (An-)Spannung bis zum erlösenden Schluss, bei dem mir vor Erleichterung Tränen über die Wangen rannen. Kammerspielartig hat der Autor die Geschichte aufgebaut. Nur durch die Dialoge des Handlungspersonals erfährt der Leser Einzelheiten, die sich außerhalb des Raumes abspielen.

Schonungslos erzählt Simenon vom Leben der kleinen Leute von Paris, von ihren Überlebenskämpfen und Niederlagen, von ihren kleinen Glücksmomenten, die ja so selten und somit umso flüchtiger sind. Grandiose Erzählkunst!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311134305

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!