[Rezension] Johanna Sebauer – DAS GURKERL/ mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach

48 Seiten feinste Ironie – in Wort UND Bild: Völlig zurecht wurde der Text von Johanna Sebauer mehrfach prämiert. Mit diabolischem Ernst gepaart mit einem lakonischen Witz treibt sie die Absurdität der Situation auf die Spitze. Da wird eine unschuldige saure Gurke zum Füllmaterial der „Sauren-Gurken-Zeit“ der Journaille.

Sommerzeit in den Zeitungsredaktionen der Stadt. Ein wahrhaft bedeutender Redakteur schreitet zur Zubereitung seiner Frühstückssemmel. Beilage: knackige Gurkerl. Als er hineinbeißt, spritzt ihm das Essigwasser direkt ins Auge. Das Geschrei ist groß, der Redakteur kurz vor der Erblindung! Der Zwischenfall zieht Kreise: Aus dem Missgeschick wird eine Kolumne, dann ein Thema für Leserbriefe, Interviews, schließlich eine öffentliche Debatte. Gurkerl werden verboten, Proteste formieren sich, die Redaktion spaltet sich in Lager.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich las und lachte, doch nur wenige Sekunden später blieb mir das Lachen im Halse stecken und der Schmunzler gefror auf meinem Gesicht. Da schilderte die Autorin zwar herrlich lapidar und gleichzeitig so erfrischend bitterböse die Geschehnisse rund um den Biss in eine Gurke, dass man meinen müsste, dass diese Fülle an Absurdität niemals in der Realität passieren könnte. Doch genau in deren Nähe ist diese Satire punktgenau gelandet.

Denn mein Blick auf so manche Nachricht – sei es in gedruckter oder digitaler Form – lässt den Verdacht in mir aufkeimen, dass sich hinter einigen „dramatischen“ Schlagzeilen eher ein laues Lüftchen, eine Belanglosigkeit allererster Güte verbirgt. Da werden kaum erwähnenswerte Nichtigkeiten aufgebläht, um von der Leere der Berichterstattung abzulenken. Alles wird zum Drama hochstilisiert, und überall wird der Skandal gewittert. Da wird aus der Mücke nicht nur ein einzelner Elefant gemacht, sondern eine ganze Elefantenherde gezaubert.

Johanna Sebauer schaute da ebenso genau auf die dubiosen Methoden gewisser Berichterstatter und das Geltungsbedürfnis von einigen Politiker*innen, wie sie auch den Drang nach Aufmerksamkeit einzelner Mitmenschen beschrieb, die sich nach ihren persönlichen „15 Minuten Ruhm“ sehnen.

„In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes.“ prophezeite Andy Warhol bereits Ende der 60er Jahre und bezog sich dabei auf die Flüchtigkeit des Ruhms, der nur allzu schnell verfliegt, sobald ein anderes Objekt die Aufmerksamkeit der Massen auf sich zieht. Genau dies passiert auch unserem Gurkerl: Gestern noch eine Gefahr für Leib, Seele und Gesellschaft, heute bereits vergessen.

Die Erzählung wird durch Nikolaus Heidelbachs wunderbaren Illustrationen flankiert, der in seinen detailreichen Bildern markante Typen porträtiert, die mir beängstigend bekannt vorkamen.

Eine wundervolle, scharf beobachtete Satire – herrlich böse und zutiefst schwarzhumorig.

erschienen bei DuMont / ISBN: 978-3755800781
Ich danke dem Verlag herzlich dafür, dass er meiner lieben Blogger-Kollegin Vera ein Leseexemplar zur Verfügung stellte, die es nun an mich weiterverschenkt hat!

[Rezension] Frances Stickley – MÄUSCHENS ÄPFEL/ mit Illustrationen von Kristyna Litten

„Ach, herrjeh, wie entzückend!“ entfleuchte es mir spontan, als ich dieses Bilderbuch aufschlug und die ersten Illustrationen bewunderte. Schnell hatte mich diese charmante Geschichte für sich eingenommen.

Heute ist ein Glückstag für das kleine Mäuschen: Es hat vier köstlich glänzende Äpfel für sein Abendessen gefunden. Aber, ojemine, da kommt Bär! Er ist sehr hungrig und furchtbar schlecht gelaunt. Bär will alle Äpfel für sich allein haben. Mäuschen braucht nun schnell einen klugen Plan.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Frances Stickley erzählt ihre „David gegen Goliath“-Geschichte in melodischen Reimen, die mich animierten, sie laut vorzutragen. Dabei schlüpfte ich abwechselnd voller Freude in die Rolle von Mäuschen, dann wieder in die Rolle von Bär: So wurde immer im Wechsel mal gefiept und mal gebrummt. Auch der Part des Erzählers wurde von mir mit Enthusiasmus interpretiert und die Reime entsprechend mit Leben gefüllt. Es war für mich als Vorleser eine Wonne, mich in diese liebenswerte Geschichte fallen zu lassen.

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Einen nicht unerheblichen Anteil an meiner Begeisterung hatten auch die gar wundervollen Illustrationen von Kristyna Litten, die eine phantasievolle Welt zwischen „Alice im Wunderland“ und Wimmelbuch zeigten. Bereits das Vorsatzpapier zeigte einen reizenden Lageplan, auf dem alle wichtigen Schauplätze unserer Erzählung zu finden waren. Die Flora und Fauna boten so reichlich märchenhafte Details, dass mein Blick immer wieder aufs Neue gefesselt wurde. Zudem war ihre Farbauswahl so duftig leicht, dass nichts allzu bedrohlich erschien. Da war der Wald zwar dunkel aber nicht düster. Es gab nichts, wovor sich die Jüngsten beim Betrachten dieses Buches fürchten müssten. Selbst der grantelnde Bär hatte eher mein Mitgefühl: Wir kennen es doch sicherlich alle, wie übellaunig und elendig man sein kann, wenn der Magen gar mächtig knurrt.

Ebenso duftig leicht schlich sich „die Moral von der Geschicht’“ in mein Bewusstsein. Sie war so duftig und so leicht, dass ich sie anfangs gar nicht als Moral wahrnahm: „Häh? Moral? Was denn für eine Moral?“. Und diesen Umstand bitte ich als Kompliment zu sehen. Mir sind Bilderbücher, die mir ihre Moral wie mit einem Vorschlaghammer ins Gehirn prügeln, mehr als suspekt.

Hier geht es um das Miteinanderteilen, um Fairness und um den Umgang mit Macht. Nur weil jemand größer und lauter ist, bedeutet dies nicht, dass er mehr Rechte hat, als jemand, der kleiner und leiser ist. Denn manchmal sind es genau diese vermeintlichen Schwächen, die sich nur allzu oft als Stärken entpuppen.

Und so endet diese herzerwärmende Geschichte absolut positiv dank der Stärke von Mäuschen, auch verzeihen zu können…

💜


erschienen bei Bohem / ISBN: 978-3959392556 / in der Übersetzung von Nils Aulike
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Walt Disney – LUSTIGES TASCHENBUCH. Musical

Das hätte ich mir nicht in meinen kühnsten Träumen ausdenken können, dass ich irgendwann hier auf meinem Blog ein LUSTIGES TASCHENBUCH rezensieren würde. Aber wie oft kommt es auch vor, dass ein Disney-Musical 25 Jahre non-stop an einem Ort gespielt wird?

Disneys DER KÖNIG DER LÖWEN in Hamburg hat diese Großtat vollbracht: Seine Premiere feierte dieses großartige Musical am 2. Dezember 2001 im Stage Theater im Hafen. Seitdem habe ich es mir im Laufe der Jahrzehnte bereits fünf Mal angesehen, und es war – dank der fulminanten Künstler*innen – immer äußerst emotional und mitreißend. Und ich glaube, es wäre höchste Zeit für den Besuch Nummer 6…!

Zu diesem bemerkenswerten Jubiläum scheint ein eigenes LUSTIGES TASCHENBUCH mehr als gerechtfertigt: Neben einer brandneuen Geschichte mit Donald, Onkel Dagobert und den Neffen Tick, Trick und Track, die gemeinsam bei ihrem Musicalbesuch im Hamburger Hafen viel erleben, gibt es noch 8 weitere (ältere) Geschichten rund um Bühne und Musik, die thematisch hervorragend zusammenpassen. Dabei zeigen sie eine überraschend abwechslungsreiche künstlerische Bandbreite – von Bollywood über Comedy bis klassischem Sprechtheater – mit dem Disney-eigenem Charme. Dazwischen gibt es viele Informationen zu DER KÖNIG DER LÖWEN im Besonderen und dem Genre Musical im Allgemeinen.

Beim Schmökern dieser liebenswerten Geschichten fühlte ich mich direkt in meine Kindheit versetzt, wo ein LUSTIGES TASCHENBUCH gerne unter meinem Kopfkissen griffbereit auf seinen Einsatz wartete.

Diese besondere Ausgabe von Disneys LUSTIGES TASCHENBUCH ist ein wunderbares Souvenir für Fans von Donald & Co., dem Musical und DER KÖNIG DER LÖWEN – also genau die passende Lektüre für mich! 💖


Neugierig geworden? Dann lest gerne meinen Beitrag zu unserem letzten Besuch bei DER KÖNIG DER LÖWEN.


erschienen bei Egmont Ehapa Media / ISBN: 978-3841329332

[Rezension] Pascal Davoz (nach Agatha Christie) – UND DANN GAB’S KEINES MEHR/ mit Illustrationen von Callixte

Auf zum nächsten Streich! Die Nummer 6 reiht sich nun beim Carlsen-Verlag in die gelungene wie erfolgreiche Agatha Christie Classics-Reihe ein und bietet auch diesmal Lese-Spaß für die Freunde von Graphic Novellen.

„Warum etwas ver(schlimm)bessern, wenn das Original so brillant ist?“ dachte sich wohl auch Pascal Davoz und hielt sich bei seiner Konzeption des Szenarios zu UND DANN GAB’S KEINES MEHR sehr nah am Roman von Agatha Christie, und er tat gut daran. Absolut schlüssig lässt er die Ereignisse auf der geheimnisvollen Insel Soldier’s Island ablaufen und hält sich selbst bei den Dialogen recht nah am Originalbuch.

Ja, auch im Falle dieser Graphic Novel wurde der für die Handlung so prägende aber in seiner Ursprungsfassung nicht mehr akzeptable Kinderreim zu „Zehn kleine Kriegerlein“ umgedichtet. Wie bereits in der aktuellen Übersetzung des Romans schmiegt sich dieser Kniff absolut harmonisch und somit ohne Brüche in die Handlung ein.

Zehn Männer und Frauen aus ganz unterschiedlichen Kreisen bekommen eine Einladung, die sie auf eine abgeschiedene Insel vor der Küste Devons lockt. Der Gastgeber, ein gewisser U.N. Owen, bleibt unsichtbar. Erst als die Gesellschaft beim Dinner zusammensitzt, ertönt seine Stimme aus einem alten Grammophon und verheißt Unheil. Ein Gast nach dem anderen kommt zu Tode, während die Verbleibenden verzweifelt versuchen, den Mörder zu enttarnen…

(Inhaltsangabe der Verlagsseite des Romans entnommen!)


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Auch Callixte (alias Damien Schmitz) war wieder mit an Bord und lieferte Illustrationen auf bekannt hohem Niveau. Das Setting, die Farbgebung sowie die sehr individuellen Physiognomien zum Handlungspersonal, die den Charakter der jeweiligen Person sehr passend wiedergab – alles entsprach wieder einem hohen Standard. Allerdings fehlte mir ein wenig das Unvorhersehbare, die Überraschung in der Darstellung, der Mut zum künstlerischen Risiko. So wirkte es auf mich ein wenig routiniert.

Interessanterweise wurde der Epilog, der als Erklärung für die Geschehnisse auf Soldier’s Island dringend benötigt wird, von Georges Van Linthout gezeichnet, der sich mit seinen Illustrationen sehr bemühte, nah am Stil von Callixte zu bleiben, dessen Qualität aber leider nicht gänzlich erreicht wurde.

Doch dies ist wahrlich nur ein Jammern auf hohem Niveau: Schlussendlich hielt ich eine gut umgesetzte Adaption eines Christie-Klassikers in meinen Händen und wurde durch sie abermals bestens unterhalten.


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551809100 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455016949 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3844550672
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Rashin Kheiriyeh – WILLKOMMEN, ONKEL NOURUZ! WIR FEIERN DEN FRÜHLING

Frühling! – Ich bin so sehr reif für ihn! Nach Schnee, Glätte und Kälte sehne ich mich so sehr nach den ersten Sonnenstrahlen, die mit einem Hauch von Wärme auf meiner Haut kitzeln. Ich begrüße es so sehr, dass die Tage zwar langsam aber doch durchaus spürbar länger werden.

Licht! Ich brauche Licht so sehr! Und Farben! Licht und Farben!

Jedes Jahr wartet Naneh Sarma auf ihren alten Freund Onkel Nouruz. Unglücklicherweise verpasst sie ihn jedes Mal! Das ist schade, kündigt Onkel Nouruz doch den Frühling an. Zu seinen Ehren bereitet sie ihm ein rauschendes Fest. Gemeinsam mit ihren Enkelkindern wird das Haus gründlich geputzt, und es wird festlich aufgetischt. Wenn der Onkel eintrifft, döst Naneh Sarma aber bereits – wie jedes Jahr.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Mit Nouruz, was „neuer Tag“ bedeutet, beginnt sowohl das persische Neujahr als auch der Frühling. Seit mehr als 3.000 Jahren wird das Fest im Iran, in Zentralasien und auch jenseits davon gefeiert und ist eine sehr symbolträchtige Zeit der Freude – ein Fest der Erneuerung, Wiedergeburt und Hoffnung.“

…beginnt Rashin Kheiriyeh das Nachwort zu ihrem Bilderbuch, das mich mit seiner Farbigkeit belebte und erfrischend wie ein Frühlingswind auf mich wirkte. Ihre Illustrationen erscheinen, als hätte die Künstlerin zur Realisation Filzstifte wie auch Wachsmalstifte verwendet, und genauso abwechslungsreich die Farben in ihrem Stiftköcher waren, so bunt erstrahlen auch diese Bilder. Da leuchten die Farben mit aller Kraft und vertreiben mit ihrer Vitalität das Trübe und das Düstere. Beim Betrachten der Bilder bekam ich unweigerlich gute Laune, zumal Rashin Kheiriyeh so wunderbar mit Formen und Mustern spielte und ihre Figuren so warmherzig porträtierte.

Nouruz ist „ein Fest der Erneuerung, Wiedergeburt und Hoffnung“, aber es steht für mich auch für Gemeinschaft, Freundschaft und Gastlichkeit. Zusammenhalt: Wir Menschen brauchen in dieser momentan heraufordernden Zeit das Gefühl, dass wir zusammenhalten – im besten Sinne des Wortes. Gemeinsam Feste feiern könnte da helfen – unabhängig von Herkunft und Glaube, über Länder und Grenzen aber vor allem auch über dem eigenen Gartenzaun hinweg.

„Wer Bücher liest schaut in die Welt und nicht nur bis zum Zaune.“ sagte einst Johann Wolfgang von Goethe so weise. Und insbesondere so wertvolle Bilderbücher wie WILLKOMMEN, ONKEL NOURUZ! WIR FEIERN DEN FRÜHLING ermöglichen es den Kindern sich spielerisch auf eine phantasievolle Reise zu begeben, um unbekannte Kulturen besser kennenzulernen und so die inneren Hürden zu überwinden.

In Rashin Kheiriyehs Geschichte steckt Onkel Nouruz der schlafenden Naneh Sarma zärtlich eine Hyazinthe ins weiße Haar, als stände dies sinnbildlich für die ersten Frühlingsblüher, die ihre zarten Knospen durch die Schneedecke recken. Und in mir erwachte das Bedürfnis, auch mein Heim mit Narzissen, Tulpen und natürlich vielen Hyazinthen zu schmücken, um so vielleicht den Zauber des Frühlings in mein Haus zu locken.

Frühling! – Sei mir willkommen!


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107610 / in der Übersetzung von Susanne Seidita
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kerstin Hau – OBACHT!/ mit Illustrationen von Stella Dreis

„Entschuldigung! Dürfte ich bitte vorbei? Vielen Dank!“

Wie oft habe ich diesen Text im Supermarkt schon angebracht, wenn ein anderer Kunde bzw. eine andere Kundin konzentriert etwas im Regal suchte und dabei den Einkaufswagen ungünstig stehen ließ. Und noch nie habe ich auf meine Bitte eine negative Reaktion erhalten. Doch im Gegenzug, wenn ich konzentriert etwas im Regal suchte, wurde mir schon oft ein Einkaufswagen in die Hacken gerammt, oder ich wurde rüde zur Seite gedrängt – ohne ein Wort. Die Grundregeln eines respektvollen Umgangs scheinen bei einigen Mitmenschen – unabhängig vom Alter – nur noch wenig bekannt zu sein. Dabei ist es doch so einfach: Eine höfliche Ansprache und ein freundliches Lächeln – mehr braucht es nicht!

Aber das Einfache scheint häufig schon ein Zuviel zu sein. Wir müssen wieder lernen, dass ein Miteinandersprechen nicht nur gewünscht sondern auch gewollt ist. Sonst leben wir irgendwann in einer Welt, wo uns allen hin und wieder wunde Hacken quälen. Zumal „die Kleinen“ es nur lernen, wenn wir „Großen“ es ihnen vorleben?

„Sprecht miteinander!“ lautet die Devise, denn wer nicht miteinander spricht, erzeugt nur negative Gefühle und schlechte Gedanken und macht sich das Leben unnötig kompliziert. Ein respektvolles Miteinandersprechen ist der Schlüssel für eine gelungene Kommunikation, fördert das Verständnis und löst Konflikte.

Oh nein, vor der Stadt liegt ein riesiges Tier! Es versperrt den Weg. Eieiei, tönt der Wompf. Oje, stöhnt die Timpe-Ma. Da muss etwas gemacht werden! Und dann machen sie etwas. Sie decken das Tier zu, bauen eine Brücke drüber und eine Straße drum herum. Problem erkannt, Problem gebannt! Nur das Mienchen schüttelt den Kopf, ihm gefällt das gar nicht. Aber wer hört schon auf Mienchen? Da nimmt es sich ein Herz und spricht das Tier einfach an…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Jaja, „die Kleinen“, sie werden so oft unterschätzt. Dabei haben sie manches Mal genau die richtigen Ideen und sehen das Naheliegende häufig deutlicher als wir „Großen“. Vielleicht hatte Kerstin Hau da ähnliche Gedanken wie ich, als sie sich die Handlung zu dieser reizenden Geschichte erdachte. Denn auch in OBACHT! denkt die Obrigkeit, bestehend aus den vermeintlich Klugen, viel zu umständlich, dafür wenig vorausschauend, was schlussendlich zu keinem Erfolg führt. Dafür wird Mienchen gerne überhört, übersehen und übergangen. Zum Glück besitzt diese plietsche Kleine genügend Selbstbewusstsein sowie Durchhaltevermögen, um diese Situation zu meistern. Denn Mienchen weiß, dass das Fremde weniger bedrohlich wirkt, wenn man es besser kennenlernt. So überwindet sie ihre Zurückhaltung vor dem großen, fremden Tier und spricht es höfflich an. Und siehe da: Das große, fremde Tier, das anfangs sooo bedrohlich wirkte, schaut nun freundlich lächelnd drein, und sie finden gemeinsam eine einvernehmliche Lösung.

Stella Dreis steuerte die entzückenden Illustrationen zu dieser kleinen aber weisen Geschichte bei. Sie kleidete die Bilder in schwarz-weiße Nuancen, in denen ein sattes Orange herrliche Akzente setzt und die Aufmerksamkeit des Betrachtenden auf wichtige wie witzige Details lenkt. Dabei schuf sie eine wunderbar wilde Bande aus höchst unterschiedlichen Charakteren – jede Figur so herrlich einzigartig und mit unverkennbaren Merkmalen. Da verspürte ich eine immense Freude beim aufmerksamen Betrachten jedes Bildes, um herauszufinden, wo welche Figur wieder in Erscheinung tritt.

Dies ist eines dieser wundervoll leisen Bilderbücher, das mit ganz viel Charme und einer noblen Schlichtheit eine riesengroße Wirkung erzielt: Es macht Mut, die eigenen Ressentiments zu überwinden, und ist ein Plädoyer für eine wertschätzende Kommunikation.


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107344
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Jean-Luc Fromental (nach Georges Simenon) – DER SCHNEE WAR SCHMUTZIG/ mit Illustrationen von Yslaire

Ich halte diese Graphic Novel in den Händen, und während ich lese und mein Blick über die Illustrationen wandert, fröstle ich, und ein unangenehmes Gefühl bemächtigt sich meiner. Ich spüre das Bedürfnis, DER SCHNEE WAR SCHMUTZIG zuzuschlagen und zur Seite zu legen, um mir eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Doch die Faszination an dieser Geschichte ist mächtiger. Wie durch einen Sog werde ich immer weiter in sie hineingezogen. Ein Entrinnen scheint nicht möglich…

Ein namenloses Land, von fremden Truppen besetzt. Der Winter will kein Ende nehmen. Frank Friedmaier wächst als Sohn einer Prostituierten in einem Bordell auf. Der 18-Jährige ist ein Kind seiner Zeit, die geprägt ist von Täuschung und Verrat. Frank hungert nach Erfahrungen, doch nichts vermag ihn zu befriedigen. Aus reiner Langeweile wird er zum Mörder und verschachert das Mädchen, das ihn liebt. Als er schließlich begreift, was er getan hat, und mit sich selbst ins Gericht geht, ist es zu spät.

(Inhaltsangabe der Verlags-Homepage des Romans entnommen!)

Düster, schwer, unerbittlich: Jean-Luc Fromental bleibt bei dem Entwurf seines Szenarios dicht am literarischen Original und folgt dessen Spur. Wie auch Simeon im Roman entwirft er eine Welt, in der die Regeln einer mitfühlenden Gesellschaft nicht mehr zu gelten scheinen. Mitgefühl, Rücksichtnahme und Erbarmen scheinen nicht mehr existent zu sein. Es ist nicht mehr „der Tanz auf dem Vulkan“, vielmehr haben unsere Protagonist*innen einen Schritt zu viel gewagt und schwanken bereits gefährlich nah am Abgrund – da würde nur der sanfteste Lufthauch genügen, und ein Sturz in die Tiefe wäre unvermeidbar.


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Auch bei Fromentals Adaption meine ich die grundlegende Frage herauszulesen, die bereits Simenon in seinem Roman heraufbeschwor: Was lässt einen Menschen kriminell werden? Sind es die Umstände, die einige Menschen dazu veranlassen, Verbrechen zu verüben? Schließlich kommt kein Mensch bereits als Verbrecher auf die Welt. Oder wie es Georges Simenon höchstpersönlich formulierte…

„Seit dreißig Jahren versuche ich nachzuweisen, dass es keine Kriminellen gibt,
sondern normale Menschen, die kriminell werden.“

Georges Simenons Geschichte hat nach all den Jahres nichts von ihrer Intensität verloren. Nun kommt auch eine visuelle Komponente hinzu, die Yslaire mit seinen Illustrationen eindringlich bedient. Farblich deutlich reduziert in schwarz-weiß, grau und sepia, wirkt die Akzentuierung einzelner Szenen, manchmal nur einiger weniger Details in der Farbe Altrosa fokussierend. Äußerst detailreich im Stil des Film noir komponiert er seine Bilder und wählt dabei Perspektiven, die die Emotionen intensivieren. Seine Protagonist*innen sind keine Schönheiten, es sind Typen, Individuen, Charaktere und darum so authentisch. Sie sind absolut keine Sympathieträger und sollen es auch nicht sein. Es sind Figuren, die mich abstoßen aber gleichzeitig faszinieren. Es sind Bilder, die auf mich gleichzeitig geheimnisvoll und ernüchternd wirken.

Die Faszination erwächst u.a. auch aus den Blick auf die seelischen Abgründe unserer Hauptfigur: Da ist seine Wandlung von einer scheinbaren Unantastbarkeit bis zur inneren Läuterung. Dabei ist diese Unantastbarkeit von Anfang an nur Schein, wie uns seine Träume offenbaren. Dort taucht immer wieder eine Katze auf. Und Katzen kreuzen während des Verlaufs der Geschichte auch immer wieder seinen Weg, sei es, dass sie im Treppenhaus über die Stiegen huschen, in den Ruinen auf Mäusejagd gehen oder als Statue auf einem Sockel im Stadtbild erscheinen. Doch wofür stehen diese Katzen? Ist unsere Hauptfigur etwa dem Irrglauben verfallen und wünscht sich die „neun Leben einer Katze“, das auf die erstaunliche Fähigkeit von Katzen anspielt, die gefährlichen Situationen oft unbeschadet entkommen und gleichzeitig ein hohes Maß an Anpassung zeigen? Da bleibt viel Raum für Spekulationen!

Mit „…und aus dem sehr weißen Himmel begann ein makelloser Schnee zu fallen.“ schließt diese äußerst gelungene Adaption eines Romans von Georges Simenon. Ich schlage den Buchdeckel zu und bin verwirrt. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, dürfen/müssen vielleicht auch unbeantwortet bleiben. Doch macht dies nicht den Reiz einer guten Geschichte aus, indem sie nicht alle ihre Geheimnisse enthüllt?


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551806376 / in der Übersetzung von Christoph Haas
ebenfalls erschienen als Roman bei Kampa / ISBN: 978-311133636 und als Taschenbuch bei Atlantik / ISBN: 978-455007848 
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Erich Kästner – DIE 13 MONATE/ mit Illustrationen von Dirk Schmidt

Das Neue Jahr steht noch am Anfang. Ganz klein und bloß liegt es da vor uns. Beinah hilflos ist es uns ausgeliefert. Was wird mit ihm geschehen? Wie wird es sich entwickeln? Sicher ist, es wird wirken – im Großen wie im Kleinen – je älter es wird. Das wusste auch schon Erich Kästner, als er im Jahre 1955 seinen Gedichtband DIE 13 MONATE veröffentlichte. Nun sehe ich meine geneigte Leserschaft bereits verdutzt die Augen aufreißen und verwirrt den Kopf schütteln „13 Monate? Wieso 13 Monate? Das handelsübliche Jahr besteht doch nur aus 12 Monaten! Extras waren nie vorgesehen.“ Wir haben es hier mit niemand geringerem als Erich Kästner zu tun – da muss immer mit Extras gerechnet werden.

Kästner wäre nicht Kästner würde er in seinen Versen „nur“ über die Besonderheiten der einzelnen Monate, die Schönheit der Natur, das Wetter, Flora und Fauna und vom Menschen im Wandel der Jahreszeiten schwadronieren. Das tut er natürlich auch in seiner ganz unverwechselbaren Art und Weise. Doch zwischen seinen Zeilen, sozusagen als „Untertext“, beinah versteckt und für die oberflächlichen Leser*innen schnell zu übersehen, streut er eine feine Prise Ironie über seine Lyrik, die seinen Versen eine pikante Note verleiht. Doch – wie bereits erwähnt – dafür sollte bei den verkonsumierenden Leser*innen ein empfindsamer Gaumen ausgeprägt sein, um dieses feine Geschmackserlebnis voll auskosten zu können.

Ursprünglich reimte Erich Kästner die ersten zwölf Gedichte (also der klassische Umfang eines Jahres in 12 Monate) im Auftrag der „Schweizer Illustrierten Zeitung“. Hier erschienen sie vom 30. Dezember 1952 bis zum 7. Dezember 1953 als monatliche Serie. Erst als die Buchausgabe vorbereitet wurde, schrieb er das Vorwort und verfasste das dreizehnte Gedicht. „Die hier versammelten Gedichte schrieb, im Laufe eines Jahres, ein Großstädter für Großstädter.“ eröffnet Kästner sein Vorwort und gibt unumwunden aber auch ein wenig beschämt zu, dass er zur korrekten Wiedergabe des Jahresablaufs vielfältige Quellen aus der Literatur zu Rate gezogen hat – obwohl er selbst bereits in einem so fortgeschrittenem Alter wäre, dass er die recherchierten Fakten hätte wissen müssen.

Das Altern, die Vergänglichkeit und das Vergehen der Zeit – dies sind alles Themen, die er gerne in diesen Gedichten aufgreift. So wird im Januar das Jahr als „klein und liegt noch in der Wiege“ beschrieben, während es im Dezember „dünne Haar“ hat und „gar nicht mehr gesund“ wirkt, und somit sein baldiges Ende unausweichlich ist. Zwischen diesen beiden Extremen zeigt sich das Jahr in seiner ganzen verschwenderischen Vielfalt. Kästner präsentiert die Monate beinah als Individuen, so als hätten sie eine eigene Persönlichkeit, mit der sie willentlich Einfluss auf den Jahresablauf nehmen.

Er erweckt ein heiteres Bild, betont die Schönheit jedes einzelnen Monats, mischt aber auch eine sanfte Melancholie unter seine Verse. Dabei variiert er sowohl mit der Länge der Gedichte als auch mit deren Versmaß und fordert mich als Leser stets auf Neue heraus, mich diesem wandelnden Rhythmus der Verse (wie auch der Monate) anzupassen. In „Der dreizehnte Monate“ schickt er unsere Phantasie auf Reise, sich einen Bonus-Monat zu erträumen und wagt eine kritische Anmerkung. Wozu brauchen wir einen dreizehnten Monat? Wer die vorherigen zwölf Monate nicht mit Farben füllen konnte, wird dies mit einem weiteren Monat auch nicht mehr bewerkstelligen und so das Versäumte nie mehr aufholen können.

In der Vergangenheit wurde das Kästner’sche Jahres-Menü gerne mit würzigen Illustrationen verfeinert, die die lyrische Idylle aufbrachen und so vor einer süßlichen Romantik retteten. Oftmals waren es Illustratoren wie Richard Seewald, Walter Trier und Celestino Piatti, die auch durch ihre politischen Karikaturen bekannt waren. In einer der mir vorliegenden vorangegangenen Auflagen schuf Hans Traxler die Monatsblätter mit seinem markanten wie unverwechselbaren Pinselstrich.

Doch nun sind wir im modernen Digital-Zeitalter angekommen, wo sich Sehgewohnheiten stetig verändern: Diesmal hat sich Dirk Schmidt, der bereits für renommierte Zeitungen und Illustrierten wie „Stern“, „Der Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ gearbeitet hat, der Visualisierung der Monate angenommen. Seine Illustrationen sind nett, durchaus charmant, betonen allerdings weniger die kabarettistische Note und lassen so an Biss vermissen.

So rutschen Kästners DIE 13 MONATE in der aktuellen Aufmachung eher in Richtung „gefälliges Geschenkbüchlein“, was ihnen leider nicht gerecht wird. Sollten so allerdings DIE 13 MONATE einem breiteren Publikum wieder zugänglicher werden, würde mich dies außerordentlich freuen!


erschienen bei Atrium / ISBN: 978-3855352357
Ich danke der Presseagentur Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Johanna Lindemann – DIE GESTOHLENE WEIHNACHTSGANS/ mit Illustrationen von Andrea Stegmaier

Nun ist er bald da, innig herbeigesehnt und doch so manches Mal gewiss auch verflucht: der Heiligabend. Ich hoffe doch sehr, dass ihr alles, was erledigt werden musste, erledigen konntet, dass alles, was für ein feierliches Weihnachten benötigt wird, längst besorgt wurde. Dann steht hoffentlich einem entspannten Weihnachtsfest nichts mehr im Wege. Oder vielleicht doch noch…?

Bei Emma und ihren Eltern soll dieses Weihnachten alles ganz besonders perfekt sein. Das führt zu sehr viel Stress in der doch eigentlich besinnlichen Zeit. Als auch noch die Weihnachtsgans verschwindet, ist das Chaos komplett. Die Nachbarn haben nichts gesehen. Die Supermärkte haben schon geschlossen. Warum nicht einfach mal Spaghetti an Heiligabend? Doch plötzlich klingelt es an der Tür: Der Reihe nach trudeln Nachbarn ein, bringen Essen mit und alle feiern gemeinsam. So wird es schließlich ein richtig schönes und besonderes Weihnachtsfest.

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Was passiert eigentlich alles in dieser Geschichte? Oberflächlich betrachtet passiert nicht viel – doch schaut man genauer hin, dann passiert da eine ganze Menge. Autorin Johanna Lindemann bastelte – in lässiger Anlehnung an die Geschichte von Jesu Geburt – eine charmante Story um ein wunderbar perfekt unperfektes Weihnachtsfest, die erfreulich normal erscheint, wenig Weihnachts-Kitsch dafür umso mehr Weihnachts-Gefühl präsentiert und mir sehr viel Spaß bereitete.


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Wie bei jedem guten Bilderbuch „erzählen“ die Illustrationen vieles, was der Text verschweigt, auch verschweigen kann und darf. Dabei bleiben einige Fakten wohltuend ungenannt: So wird weder im Text erwähnt, dass es sich bei den Nachbarn aus dem zweiten Stock um ein schwules Paar handelt, noch das die Familie aus dem ersten Stock Migranten zu sein scheinen. Warum wird es nicht erwähnt? Weil es schlicht und ergreifend keine Rolle spielt bzw. keine Rolle spielen sollte. Da wird mit einer erfrischenden Leichtigkeit und einer erfreulichen Selbstverständlichkeit Diversität gezeigt, ohne, dass ich als Betrachter ständig das Gefühl habe, es würde ein imaginärer grell leuchtender Hinweispfeil penetrant darauf aufmerksam machen (Blink! Schaut her, wir sind divers! Blink!).

Gemeinsam mit der Illustratorin Andrea Stegmaier porträtiert die Autorin die Hausbewohner als liebenswerte Typen (durchaus mit einem humorvollen Augenzwinkern), die gemeinsam ein schönes Weihnachtsfest feiern möchten, zu dessen Gelingen jede*r mit Freude etwas beiträgt. Die Illustrationen von Andrea Stegmaier erfreuen sowohl die Jüngsten durch ihre bunte Vielfalt, aber auch die Reiferen werden beim Betrachten der vielen liebevollen Details ihren Spaß haben.

Zudem liebe ich Bilderbücher, die zur offensichtlichen Hauptgeschichte zusätzlich noch eine weitere Ebene bedienen: Emmas liebstes Kuscheltier scheint ein Plüsch-Fuchs zu sein, der in den Bildern immer wieder an allen möglichen und unmöglichen Stellen auftaucht. Da fühlte ich mich geradezu herausgefordert, dass ich – gemäß dem Motto „Finde den Fuchs“ – aktiv werde und mich auf die Suche durch die Illustrationen begebe. Dabei ertappte ich mich doch tatsächlich selbst dabei, dass ich leise die Melodie zu „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ summte.

ACHTUNG SPOILER Schlussendlich erfahren wir dann doch noch, wer die Weihnachtsgans gestohlen hat. Soviel sei verraten: Es war niemand von den Hausbewohner*innen, aber das hatte ich von vornerein bereits ausgeschlossen.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219118995

[Rezension] Rodolphe (nach Charles Dickens) – SCROOGE. Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Estelle Meyrand

Es gibt Geschichten, die tauchen zu gewissen Zeiten immer wieder und wieder auf. Beinah scheinen sie mich zu verfolgen, wobei ich dies in diesem besonderen Fall nicht als unangenehm empfinde. Insbesondere gerade zu dieser Jahreszeit lasse ich mich nur zu gerne von diesem Klassiker der Weihnachtsliteratur in Stimmung bringen. Charles Dickens Märchen über den alten Geizkragen, der durch die nächtlichen Begegnungen mit den Geistern der Weihnacht geläutert am Weihnachtsmorgen erwacht und sein Leben völlig umkrempelt, begeistert mich – egal in welcher Erscheinungsform – immer wieder erneut.

Nachdem bereits drei illustrierte Fassungen dieser wunderbaren Geschichte Einlass in die Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST gefunden haben, fiel in diesem Jahr meine Wahl auf eine Graphic Novel.

Schon beim ersten Durchblättern konnten mich die Illustrationen von Estelle Meyrand für sich einnehmen. Einerseits betonte sie mit ihren gelungenen Figurinen und dem dazugehörigen Setting den märchenhaften Charakter der Geschichte, andererseits vermied sie wohltuend das allzu Niedliche, sondern streute immer wieder dunklere Momente in die Handlung ein. Während Scrooge in seiner deprimierenden Welt aus dumpfen Farben beinah zu versinken droht, leuchten die Farben bei seinen Mitmenschen umso wärmer und fröhlicher.


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Genrebedingt rechnete ich natürlich mit Kürzungen bei der Handlung. Allerdings bedauerte ich es sehr, dass in der Konzeption des Szenarios durch Rodolphe die drei Geister der Weihnacht dem Rotstift zum Opfer fielen, und er Scrooge auf seiner Reise durch die Nacht ausschließlich Marleys Geist zur Seite stellte. Gerade Scrooges banges Warten auf die drei Geister, wo jeder von ihnen ein sehr individuelles Erscheinungsbild hat und so jeweils ein anderes Weihnachten repräsentiert, sorgte in der Originalgeschichte für sehr viel Atmosphäre und Dynamik. Die Dialoge erscheinen mir (in der Übersetzung von Tanja Krämling) sehr gelungen und wirken für die jeweilige Person sehr passend und natürlich.

Doch zwangsläufig fehlte der Graphic Novel die emotionale Tiefe, der ich mich beim Original so gerne hingebe: Da überrollen mich meine Gefühle und es kullert dann das eine oder andere Tränchen, was bei der Lektüre der Graphic Novel ausblieb. Ich bin überzeugt, dass gerade für ein jüngeres Publikum SCROOGE die wunderbare Möglichkeit bietet, sich dem Werk eines des bedeutenden britischen Literaten anzunähern.

Auch ich habe mich durchaus gut unterhalten gefühlt, würde allerdings der wunderschönen Novelle von Charles Dickens immer den Vorzug geben. Zumal mit einer der äußerst gelungenen illustrierten Fassungen mir diese Graphic Novel nicht fehlen würde.


erschienen bei toonfish (Splitter) / ISBN: 978-3967927313 / in der Übersetzung von Tanja Krämling