[Die Bücher meines Lebens] Ein Vorwort…

50 Jahre – ein halbes Jahrhundert habe ich nun auf dem Buckel: Nur eine Zahl wie jede andere auch…? Ja! und Nein!

Ich merke, dass diese Zahl etwas mit mir „macht“, …dass diese Jahre etwas mit mir gemacht haben. Die nahende 50 hat viele Gedanken und Gefühle in mir frei gesetzt, mich zum Grübeln gebracht und mich „gezwungen“, meinen bisherigen Lebens- und Lesens-Weg zu überdenken. Ich war nie jemand, der frühere Entscheidungen irgendwann bereut hat oder über erlittene Schicksalsschläge in Selbstmitleid verfallen wäre. Nein! Alles, was mir in meinem Leben bisher passierte, hat im Nachhinein einen Sinn ergeben. Alles, was mir in meinem Leben bisher passierte, hat mich zum Umdenken verleitet und mir geholfen, längst überfällige Entscheidungen zu treffen, um eine neue Richtung auf meinem Lebensweg einzuschlagen. Trotzdem möchte ich – wenn es sich bitte vermeiden lässt – einige dieser Schicksalsschläge nicht ein weiteres Mal durchleben müssen.

So turbulent mein Leben auch durchaus war, gab es doch immer eine Konstante, und diese Konstante war das Lesen für mich.

In den vergangenen 50 Jahren haben mich unzählige Bücher auf meinem Weg begleitet – Bücher, die so vielfältig wie ihre Autorinnen und Autoren, so unterschiedlich wie die ihnen zugedachten Leserinnen und Leser und so bunt wie das Leben waren. Jedes Buch, das ich gelesen habe, hat seine Spuren bei mir hinterlassen – auf der einen oder anderen Weise, mal mehr oder mal weniger intensiv. Und doch fiel es mir nicht schwer, diese ganz persönliche Auswahl zu treffen.

14 literarische Werke haben es auf meine Liste geschafft, und ich musste schmunzelnd feststellen, dass weder die Werke von namhaften Vertretern der „Sturm & Drang“ noch der „Aufklärung“ einen Platz auf meiner Liste erhalten haben, und keines dieser Werke war je auf einer Longlist des Deutschen Buchpreises. Mit 50 Jahren muss ich mir und dem Rest der Welt nichts mehr vormachen: Ein „Aufpimpen“ der Liste mit klangvolleren Namen kam für mich nicht in Frage! Dafür erlaube ich mir den Luxus und bin mit mir hemmungslos ehrlich: Diese Bücher haben mich durch außergewöhnliche Lebenssituationen begleitet, Emotionen in mir ausgelöst, mich getröstet, geleitet und inspiriert, mir Mut gemacht, mich ermahnt und lang verschollene Erinnerung hervor gelockt.

Sie haben es mehr als verdient, hier gewürdigt zu werden.

  • 1974: Walter Müller & Heinz Kampmeier Unsere neue Fibel
  • 1976: Hans Jürgen Press Die Abenteuer der schwarzen hand
  • 1977: Enid Blyton 5 Freunde im alten Turm
  • 1979: Michael Ende Die unendliche Geschichte
  • 1982: Janina David Ein Stück Himmel – Erde – Fremde
  • 1984: Fynn Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna
  • 1986: Margaret Mitchel Vom Winde verweht
  • 1990: Victor Hugo Die Elenden
  • 1993: Rita Mae Brown Venusneid
  • 1997: Armistead Maupin Stadtgeschichten
  • 2002: Truman Capote Frühstück bei Tiffany
  • 2007: Erich Kästner Drei Männer im Schnee
  • 2011: Agatha Christie Und dann gab’s keines mehr
  • 2018: Anne Müller Sommer in Super 8

Einige Werke habe ich Euch bei früheren Gelegenheiten schon einmal vorgestellt: Ich habe diese Texte genommen, gelesen, in mich hinein gehorcht und sie entsprechend redigiert. Weitere Werke werde ich Euch im Laufe der nächsten Tage und Wochen vorstellen: So erlaube ich mir, die 50 einige Wochen lang gemeinsam mit Euch zu feiern!

Ich wünsche Euch viel Spaß bei dieser Rückschau auf mein (Lese-)Leben!

Liebe Grüße
Andreas

P.S.: …und lieber ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel als ein falscher Fünfziger im Herzen! 😉


 

[Rezension] Victor Hugo – Die Elenden

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Allein die Inhaltsangabe von Hugos Epos könnte ein eigenes Buch füllen: Über 5 Bände erstreckt sich die Geschichte von Galeerensträfling Jean Valjean, der geläutert versucht ein neues Leben zu beginnen aber immer wieder von seiner Vergangenheit in Person des Inspektor Javert eingeholt wird.

Ich möchte hier gar nicht ins Detail der Handlung gehen. Ich möchte hier vielmehr versuchen zu beschreiben, was dieser Roman bei mir bewirkt hat, und wieviel er mir bedeutet.

Es war das Jahr 1990: Ich fühlte mich gefangen in einer ungeliebten Ausbildung, in einem Elternhaus voller Probleme und in mir selbst: zu jung, zu ängstlich und darum zu unfähig, Entscheidungen zu treffen. In der Stadtteil-Bibliothek fand ich Zuflucht zwischen Ende der Berufsschule und Arbeitsbeginn im Ausbildungsbetrieb, und…

…ich fand diesen Roman: Eine alte Auflage aus den 70ern, wenig verliehen und somit wenig gelesen. Warum ich mir dieses Buch auslieh? Ich weiß es nicht! Ich bin nur froh, dass ich es tat.

Lesen bedeutete damals für mich „Flucht aus dem Alltag“!

Ich tauchte ein in Jean Valjeans Welt, begleitete ihn durch sein Leben und wurde Teil seines Kosmos. Bei manchen Passagen rannen mir die Tränen über das Gesicht, und ich musste hemmungslos schlurzen. Bei manchen Passagen hatte ich das Gefühl, dass das Gelesene mir auf Brust und Seele drückt. Doch ich las weiter: morgens vor der Arbeit, in der Mittagspause, am Abend vorm Zubettgehen. Ich fühlte mich in meinen Nöten verstanden. Ich war nicht allein!

Victor Hugo hat ein Epos voller Menschlichkeit geschaffen, das Identifikationspotential quer durch alle Generationen bietet und mit seiner humanitären Botschaft das Herz und die Seele der Leser berührt.

Am Ende des Romans war ich ein anderer Mensch – ob auch ein besserer? Ich weiß es nicht. Dieses Urteil maße ich mir nicht an. Ich bin mir aber sehr sicher, dass das Lesen dieses Romans mich verändert hat!

Lesen bewegt!

Nachtrag: Damals wollte/ musste ich unbedingt „Die Elenden“ selbst besitzen und habe mich verzweifelt auf die Suche gemacht: Diogenes war der einzige Verlag, der diesen Roman damals gelistet hatte. Nur leider war die letzte Auflage vergriffen und eine weitere Auflage stand in den berühmt-berüchtigten Sternen. Die damalige Buchhändlerin meines Vertrauens Frau Weise muss meine Enttäuschung  wohl gespürt haben: Ohne das ich davon wusste, ging sie weiter auf die Suche und fand „Die Elenden“ in den damals noch neuen Bundesländern. Seitdem nenne ich eine Ausgabe vom Verlag Volk & Welt mein Eigen, die ich nicht mehr missen möchte und wie meinen Augenapfel hüte.

erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3730600429


Gabriela Wendt hat auf ihrem Blog „Buchperlenblog“ die tolle Aktion Perlentauchen ins Leben gerufen: Hier werden literarische Kostbarkeiten wieder-vorgestellt, die schon einige Jahre/ Jahrzehnte/ Jahrhunderte auf den Buckel haben aber nicht in Vergessenheit geraten sollten.

An dieser Aktion beteilige ich mich sehr gerne: Gute Geschichten sind zeitlos!