[Die Bücher meines Lebens] Enid Blyton – 5 Freunde im alten Turm

– 1977 –


8. November 1977: Mein Großvater schenkte mir mein erstes „richtiges“ Buch zu meinem 8. Geburtstag. Meine Gedanken damals waren „Wie blöd, das ist ja nichts zum Spielen!“. Etwas zu spielen wäre mir damals wahrlich lieber gewesen, da das Buch mit seiner überschaubaren Anzahl an Illustrationen zudem auch wenig reizvoll auf mich wirkte. Aber ich bedankte mich brav, und das Buch landete erstmal unbeachtet auf einem Regal in meinem Kinderzimmer. Beinah täglich fragte Opa „Und? Gefällt Dir das Buch?“, bis meiner Mutter der Kragen platzte, und sie mich anranzte „Nun lies das Buch, damit Opa endlich Ruhe gibt!“. Und so las ich widerwillig die ersten Seiten, tauchte ein in eine Welt voller Abenteuer, und mein Widerwille schwand mit jeder gelesenen Seite. Zu Ostern & Weihnachten, zum Zeugnis oder „einfach nur mal so“ gab es von Opa ein weiteres Buch, bis ich zum Schluss alle 22 Bände im Regal stehen hatte. Mein Opa hatte – trotz des holprigen Starts – erkannt, dass in mir eine Leidenschaft schlummerte und wusste, wie sie zu entfachen war.

Spät-pubertär habe ich alle meine „uncoolen“ Kinderbücher verschenkt, und dies später sehr bereut.

8. November 2009: Mein Mann überreichte mir wortlos ein in buntem Geschenkpapier eingewickeltes Buch. Ich schaute ihn erstaunt an: Wir saßen beim letzten Frühstückskaffee, und seine Präsente zu meinem 40sten hatte ich vor dem Frühstück schon erhalten, ausgepackt, bewundert und mich daran erfreut. So zierte eine elegante, schwarze Armbanduhr mein Handgelenk, und ich hatte meine Rührung mit der frechen Bemerkung, ob der Markenname als Hinweis auf mein Alter gelten könnte (Fossil), überspielt. Ich pulte am Klebeband und befreite das Buch von seiner Verhüllung. Die Tränen schossen mir in die Augen. Nun hatte dieser verdammte, wunderbare Mistkerl mich doch kalt erwischt: In meinen Händen lag die aktuelle Ausgabe von „5 Freunde im alten Turm“. „Naja, “ meinte mein Mann. „Du hast beim ersten Mal dieses Buch von einem Dir wichtigen Menschen erhalten, da habe ich mir gedacht, diesmal bekommst Du es von mir.“ sprach’s und nahm einen Schluck vom Kaffee.

War meine Freude auch sehr groß, doch meine Sehnsucht nach einem alten Exemplar dieses ersten „richtigen“ Kriminalromans blieb bestehen. Verbinde ich doch nichts so sehr mit „Kindheit“ wie dieses alte Buch mit seinem orange-farbenem Einband und dem weißen Buchrücken.

Heute nenne ich – dank eines Antiquariats im Internet – ein altes Exemplar wieder mein Eigen! Und beide Exemplare stehen nun einträchtig nebeneinander in meinem Bücherregal.


erschienen bei Bertelsmann/ ISBN: 978-3570033227


[Die Bücher meines Lebens] Ein Vorwort…

50 Jahre – ein halbes Jahrhundert habe ich nun auf dem Buckel: Nur eine Zahl wie jede andere auch…? Ja! und Nein!

Ich merke, dass diese Zahl etwas mit mir „macht“, …dass diese Jahre etwas mit mir gemacht haben. Die nahende 50 hat viele Gedanken und Gefühle in mir frei gesetzt, mich zum Grübeln gebracht und mich „gezwungen“, meinen bisherigen Lebens- und Lesens-Weg zu überdenken. Ich war nie jemand, der frühere Entscheidungen irgendwann bereut hat oder über erlittene Schicksalsschläge in Selbstmitleid verfallen wäre. Nein! Alles, was mir in meinem Leben bisher passierte, hat im Nachhinein einen Sinn ergeben. Alles, was mir in meinem Leben bisher passierte, hat mich zum Umdenken verleitet und mir geholfen, längst überfällige Entscheidungen zu treffen, um eine neue Richtung auf meinem Lebensweg einzuschlagen. Trotzdem möchte ich – wenn es sich bitte vermeiden lässt – einige dieser Schicksalsschläge nicht ein weiteres Mal durchleben müssen.

So turbulent mein Leben auch durchaus war, gab es doch immer eine Konstante, und diese Konstante war das Lesen für mich.

In den vergangenen 50 Jahren haben mich unzählige Bücher auf meinem Weg begleitet – Bücher, die so vielfältig wie ihre Autorinnen und Autoren, so unterschiedlich wie die ihnen zugedachten Leserinnen und Leser und so bunt wie das Leben waren. Jedes Buch, das ich gelesen habe, hat seine Spuren bei mir hinterlassen – auf der einen oder anderen Weise, mal mehr oder mal weniger intensiv. Und doch fiel es mir nicht schwer, diese ganz persönliche Auswahl zu treffen.

14 literarische Werke haben es auf meine Liste geschafft, und ich musste schmunzelnd feststellen, dass weder die Werke von namhaften Vertretern der „Sturm & Drang“ noch der „Aufklärung“ einen Platz auf meiner Liste erhalten haben, und keines dieser Werke war je auf einer Longlist des Deutschen Buchpreises. Mit 50 Jahren muss ich mir und dem Rest der Welt nichts mehr vormachen: Ein „Aufpimpen“ der Liste mit klangvolleren Namen kam für mich nicht in Frage! Dafür erlaube ich mir den Luxus und bin mit mir hemmungslos ehrlich: Diese Bücher haben mich durch außergewöhnliche Lebenssituationen begleitet, Emotionen in mir ausgelöst, mich getröstet, geleitet und inspiriert, mir Mut gemacht, mich ermahnt und lang verschollene Erinnerung hervor gelockt.

Sie haben es mehr als verdient, hier gewürdigt zu werden.

  • 1974: Walter Müller & Heinz Kampmeier Unsere neue Fibel
  • 1976: Hans Jürgen Press Die Abenteuer der schwarzen hand
  • 1977: Enid Blyton 5 Freunde im alten Turm
  • 1979: Michael Ende Die unendliche Geschichte
  • 1982: Janina David Ein Stück Himmel – Erde – Fremde
  • 1984: Fynn Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna
  • 1986: Margaret Mitchel Vom Winde verweht
  • 1990: Victor Hugo Die Elenden
  • 1993: Rita Mae Brown Venusneid
  • 1997: Armistead Maupin Stadtgeschichten
  • 2002: Truman Capote Frühstück bei Tiffany
  • 2007: Erich Kästner Drei Männer im Schnee
  • 2011: Agatha Christie Und dann gab’s keines mehr
  • 2018: Anne Müller Sommer in Super 8

Einige Werke habe ich Euch bei früheren Gelegenheiten schon einmal vorgestellt: Ich habe diese Texte genommen, gelesen, in mich hinein gehorcht und sie entsprechend redigiert. Weitere Werke werde ich Euch im Laufe der nächsten Tage und Wochen vorstellen: So erlaube ich mir, die 50 einige Wochen lang gemeinsam mit Euch zu feiern!

Ich wünsche Euch viel Spaß bei dieser Rückschau auf mein (Lese-)Leben!

Liebe Grüße
Andreas

P.S.: …und lieber ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel als ein falscher Fünfziger im Herzen! 😉


 

[Rezension] Enid Blyton – 5 Freunde im alten Turm

8. November 1977: Mein Großvater schenkte mir mein erstes „richtiges“ Buch zum Geburtstag. Meine Gedanken damals waren „Wie blöd, das ist ja nichts zum Spielen!“. Aber ich bedankte mich brav, und das Buch landete erstmal unbeachtet auf einem Regal in meinem Kinderzimmer. Beinah täglich fragte Opa „Und? Gefällt Dir das Buch?“, bis meiner Mutter der Kragen platzte, und sie mich anranzte „Nun ließ das Buch, damit Opa endlich Ruhe gibt!“. Und so lass ich widerwillig die ersten Seiten, tauchte ein in eine Welt voller Abenteuer, und mein Widerwille schwand mit jeder gelesenen Seite.

Zu Ostern & Weihnachten, zum Zeugnis oder „einfach nur mal so“ gab es von Opa ein weiteres Buch, bis ich zum Schluss alle 22 Bände im Regal stehen hatte.

Spät-pubertär habe ich alle meine „uncoolen“ Kinderbücher verschenkt, und dies später sehr bereut.

Heute nenne ich – dank eines Antiquariats im Internet – ein altes Exemplar dieses ersten „richtigen“ Buches wieder mein Eigen, habe mich nach langer Zeit wieder „hineinverlesen“ und fühlte mich zurück versetzt…

…Kindheit!


erschienen bei cbj/ ISBN: 978-3570172070