[Die Bücher meines Lebens] Rita Mae Brown – Venusneid

– 1993 –


Es war das Jahr, in dem ich mich (äußerst erfolglos) zum 1. Mal outete. Ich fühlte mich eingeengt und wie gefesselt, wollte mich nicht mehr verstecken und somit verstellen müssen. Ergo offenbarte ich mich den Menschen, bei denen ich dachte, dass ich ihnen am Meisten vertrauen könnte und somit das größtmögliche Verständnis erhalten würde: meinen Eltern!

Ich hätte es lassen sollen! Ich hätte es besser wissen müssen!

Es war ein unangenehm-beschämendes und gleichzeitig skurril-absonderliches Gespräch! Die unappetitlichen Details erspare ich meiner geschätzten Leserschaft. Das Fazit könnte wie folgt lauten: „Gehe in das Gefängnis. Begib Dich direkt dorthin. Gehe nicht über Los.“

…und das Thema wurde die folgenden 6 Jahre von meinen Eltern totgeschwiegen!

Zurück auf Anfang: Somit war ich wieder mit mir allein, aber daran war ich ja schon gewöhnt.

Ich weiß nicht mehr, ob ich diesen Roman vor meinem Outing gelesen und somit unbewusst als Inspiration genommen habe, oder ob er erst danach zu mir fand und als Trostspender fungierte. Egal!

Rita Mae Brown war damals schon eine feste Größe in meinem Bücherregal. Neben ihren Katzenkrimis las ich sehr gerne ihre Romane. Endlich wurde Tacheles geredet bzw. geschrieben: Die Liebe zwischen zwei Menschen (unabhängig welchen Geschlechts) wurde hier ohne süßlichen Liebesschmonzetten-Kitsch, dafür sehr direkt und humorvoll auf den (Höhe-)Punkt gebracht.

Die junge Frazier Armstrong liegt mit starken Schmerzen in der Brust im Krankenhaus und erfährt, dass sie Lungenkrebs hat, somit todkrank ist und nur noch wenige Wochen (vielleicht auch nur Tage) zu leben hat. Frazier macht sich so ihre Gedanken: „Wie nutzte ich meine wenige verbleibende und darum so kostbare Lebenszeit?“. Zeit! Jawohl, es wird Zeit, der Familie, den Freunden und Verwandten endlich zu sagen, was sie wirklich von ihnen hält und zudem zu bekennen, dass sie lesbisch ist. Noch in derselben Nacht greift sie zum himmelblauen Briefpapier und schreibt sie sich mit brutaler Offenheit alles von der Seele. Der nächste Tag birgt dann die große Überraschung: Aufgrund eines dummen Computerfehlers der Klinik wurden Patientendaten vertauscht. Frazier wird weiterleben. Sie hat „nur“ eine Lungenentzündung. Doch das überwältigende Glücksgefühl will sich bei ihr partout nicht einstellen, sind doch die himmelblauen Abschiedsbriefe schon auf dem Weg zu ihren Empfängern…!

Was wäre wenn? Oh, ich hatte die Möglichkeiten schon so häufig in Gedanken durchgespielt. Wenn ich mich dem Freund offenbare, wie würde er wohl reagieren? Wenn ich dieser Freundin die Wahrheit verrate, was würde wohl geschehen? Die Gedanken spielten Pingpong in meinem Kopf. Gleichzeitig spürte ich in meinem Inneren eine Schwere, die drohte, mich zu Boden zu ringen. Erst wenn der Leidensdruck unerträglich wird, trifft ein Mensch eine Entscheidung, die die Situation verändert. Plötzlich stand meine Entscheidung klar, deutlich und unumstößlich für mich fest: Ja, ich werde mich outen – nicht allen auf einmal, sondern in kleinen für mich ertragbaren Etappen und zum richtigen Zeitpunkt. Als diese Entscheidung getroffen war, löste sich langsam der seelische Knoten in meiner Brust, und ich spürte schon beinah eine kribbelige Neugierde auf die Reaktionen meines Umfelds.

Und eine wichtige Erkenntnis reifte in mir heran: Dann trennt sich nun die Spreu vom Weizen. Wer mich nicht so mag, wie ich wirklich bin, verdient meine Zuneigung nicht und kann mir gestohlen bleiben!

Das „Abenteuer“ Outing begann…!


erschienen bei Rowohlt/ ISBN: 978-3498005719


[Die Bücher meines Lebens] Ein Vorwort…

50 Jahre – ein halbes Jahrhundert habe ich nun auf dem Buckel: Nur eine Zahl wie jede andere auch…? Ja! und Nein!

Ich merke, dass diese Zahl etwas mit mir „macht“, …dass diese Jahre etwas mit mir gemacht haben. Die nahende 50 hat viele Gedanken und Gefühle in mir frei gesetzt, mich zum Grübeln gebracht und mich „gezwungen“, meinen bisherigen Lebens- und Lesens-Weg zu überdenken. Ich war nie jemand, der frühere Entscheidungen irgendwann bereut hat oder über erlittene Schicksalsschläge in Selbstmitleid verfallen wäre. Nein! Alles, was mir in meinem Leben bisher passierte, hat im Nachhinein einen Sinn ergeben. Alles, was mir in meinem Leben bisher passierte, hat mich zum Umdenken verleitet und mir geholfen, längst überfällige Entscheidungen zu treffen, um eine neue Richtung auf meinem Lebensweg einzuschlagen. Trotzdem möchte ich – wenn es sich bitte vermeiden lässt – einige dieser Schicksalsschläge nicht ein weiteres Mal durchleben müssen.

So turbulent mein Leben auch durchaus war, gab es doch immer eine Konstante, und diese Konstante war das Lesen für mich.

In den vergangenen 50 Jahren haben mich unzählige Bücher auf meinem Weg begleitet – Bücher, die so vielfältig wie ihre Autorinnen und Autoren, so unterschiedlich wie die ihnen zugedachten Leserinnen und Leser und so bunt wie das Leben waren. Jedes Buch, das ich gelesen habe, hat seine Spuren bei mir hinterlassen – auf der einen oder anderen Weise, mal mehr oder mal weniger intensiv. Und doch fiel es mir nicht schwer, diese ganz persönliche Auswahl zu treffen.

14 literarische Werke haben es auf meine Liste geschafft, und ich musste schmunzelnd feststellen, dass weder die Werke von namhaften Vertretern der „Sturm & Drang“ noch der „Aufklärung“ einen Platz auf meiner Liste erhalten haben, und keines dieser Werke war je auf einer Longlist des Deutschen Buchpreises. Mit 50 Jahren muss ich mir und dem Rest der Welt nichts mehr vormachen: Ein „Aufpimpen“ der Liste mit klangvolleren Namen kam für mich nicht in Frage! Dafür erlaube ich mir den Luxus und bin mit mir hemmungslos ehrlich: Diese Bücher haben mich durch außergewöhnliche Lebenssituationen begleitet, Emotionen in mir ausgelöst, mich getröstet, geleitet und inspiriert, mir Mut gemacht, mich ermahnt und lang verschollene Erinnerung hervor gelockt.

Sie haben es mehr als verdient, hier gewürdigt zu werden.

  • 1974: Walter Müller & Heinz Kampmeier Unsere neue Fibel
  • 1976: Hans Jürgen Press Die Abenteuer der schwarzen hand
  • 1977: Enid Blyton 5 Freunde im alten Turm
  • 1979: Michael Ende Die unendliche Geschichte
  • 1982: Janina David Ein Stück Himmel – Erde – Fremde
  • 1984: Fynn Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna
  • 1986: Margaret Mitchel Vom Winde verweht
  • 1990: Victor Hugo Die Elenden
  • 1993: Rita Mae Brown Venusneid
  • 1997: Armistead Maupin Stadtgeschichten
  • 2002: Truman Capote Frühstück bei Tiffany
  • 2007: Erich Kästner Drei Männer im Schnee
  • 2011: Agatha Christie Und dann gab’s keines mehr
  • 2018: Anne Müller Sommer in Super 8

Einige Werke habe ich Euch bei früheren Gelegenheiten schon einmal vorgestellt: Ich habe diese Texte genommen, gelesen, in mich hinein gehorcht und sie entsprechend redigiert. Weitere Werke werde ich Euch im Laufe der nächsten Tage und Wochen vorstellen: So erlaube ich mir, die 50 einige Wochen lang gemeinsam mit Euch zu feiern!

Ich wünsche Euch viel Spaß bei dieser Rückschau auf mein (Lese-)Leben!

Liebe Grüße
Andreas

P.S.: …und lieber ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel als ein falscher Fünfziger im Herzen! 😉