[Rezension] Victor Hugo – Die Elenden

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Allein die Inhaltsangabe von Hugos Epos könnte ein eigenes Buch füllen: Über 5 Bände erstreckt sich die Geschichte von Galeerensträfling Jean Valjean, der geläutert versucht ein neues Leben zu beginnen aber immer wieder von seiner Vergangenheit in Person des Inspektor Javert eingeholt wird.

Ich möchte hier gar nicht ins Detail der Handlung gehen. Ich möchte hier vielmehr versuchen zu beschreiben, was dieser Roman bei mir bewirkt hat, und wieviel er mir bedeutet.

Es war das Jahr 1990: Ich fühlte mich gefangen in einer ungeliebten Ausbildung, in einem Elternhaus voller Probleme und in mir selbst: zu jung, zu ängstlich und darum zu unfähig, Entscheidungen zu treffen. In der Stadtteil-Bibliothek fand ich Zuflucht zwischen Ende der Berufsschule und Arbeitsbeginn im Ausbildungsbetrieb, und…

…ich fand diesen Roman: Eine alte Auflage aus den 70ern, wenig verliehen und somit wenig gelesen. Warum ich mir dieses Buch auslieh? Ich weiß es nicht! Ich bin nur froh, dass ich es tat.

Lesen bedeutete damals für mich „Flucht aus dem Alltag“!

Ich tauchte ein in Jean Valjeans Welt, begleitete ihn durch sein Leben und wurde Teil seines Kosmos. Bei manchen Passagen rannen mir die Tränen über das Gesicht, und ich musste hemmungslos schlurzen. Bei manchen Passagen hatte ich das Gefühl, dass das Gelesene mir auf Brust und Seele drückt. Doch ich las weiter: morgens vor der Arbeit, in der Mittagspause, am Abend vorm Zubettgehen. Ich fühlte mich in meinen Nöten verstanden. Ich war nicht allein!

Victor Hugo hat ein Epos voller Menschlichkeit geschaffen, das Identifikationspotential quer durch alle Generationen bietet und mit seiner humanitären Botschaft das Herz und die Seele der Leser berührt.

Am Ende des Romans war ich ein anderer Mensch – ob auch ein besserer? Ich weiß es nicht. Dieses Urteil maße ich mir nicht an. Ich bin mir aber sehr sicher, dass das Lesen dieses Romans mich verändert hat!

Lesen bewegt!

Nachtrag: Damals wollte/ musste ich unbedingt „Die Elenden“ selbst besitzen und habe mich verzweifelt auf die Suche gemacht: Diogenes war der einzige Verlag, der diesen Roman damals gelistet hatte. Nur leider war die letzte Auflage vergriffen und eine weitere Auflage stand in den berühmt-berüchtigten Sternen. Die damalige Buchhändlerin meines Vertrauens Frau Weise muss meine Enttäuschung  wohl gespürt haben: Ohne das ich davon wusste, ging sie weiter auf die Suche und fand „Die Elenden“ in den damals noch neuen Bundesländern. Seitdem nenne ich eine Ausgabe vom Verlag Volk & Welt mein Eigen, die ich nicht mehr missen möchte und wie meinen Augenapfel hüte.

erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3730600429


Gabriela Wendt hat auf ihrem Blog „Buchperlenblog“ die tolle Aktion Perlentauchen ins Leben gerufen: Hier werden literarische Kostbarkeiten wieder-vorgestellt, die schon einige Jahre/ Jahrzehnte/ Jahrhunderte auf den Buckel haben aber nicht in Vergessenheit geraten sollten.

An dieser Aktion beteilige ich mich sehr gerne: Gute Geschichten sind zeitlos!

6 Kommentare zu „[Rezension] Victor Hugo – Die Elenden

  1. Lesen bedeutet für mich immer noch „Flucht aus dem Alltag“. Zumindest manchmal.

    Die Begeisterung für „Die Elenden“ kann ich Wort für Wort nachvollziehen und unterschreiben. Allein die Szene, in der der Bischof Valjean die beiden silbernen Kerzenleuchter schenkt!

    Das könnte ich eigentlich mal wieder lesen …

    Bis dahin kann ich versuchen, die Ouvertüre des Musicals wieder aus dem Kopf zu kriegen.

    „Look down, look down, don´t look ´em in the eye, look down, look down, you´re here until you die …“

    Gefällt 2 Personen

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