[Die Bücher meines Lebens] Victor Hugo – Die Elenden

– 1990 –


Es war das Jahr 1990: Ich fühlte mich gefangen in einer ungeliebten Ausbildung, in einem Elternhaus voller Probleme und in mir selbst: zu jung, zu ängstlich und darum zu unfähig, Entscheidungen zu treffen. In der Stadtteil-Bibliothek in Bremen-Lesum (mein damaliger Ausbildungsbetrieb befand sich dort in der Nähe) fand ich Zuflucht zwischen Ende der Berufsschule und Arbeitsbeginn im Ausbildungsbetrieb.

Jede einzelne Minute habe ich herausgekitzelt, um ja nicht zu früh im Betrieb in Erscheinung treten zu müssen. Der Grund für mein Verhalten nannte sich selbst „Ausbilderin“: Ab Tag eins der Ausbildung war mir klar, dass die Chemie zwischen uns niemals stimmen würde. Ab Tag eins der Ausbildung war ich ihr bevorzugter Prügelknabe: Lob gab es selten, dafür hagelte es Kritik. Natürlich alles im Rahmen einer qualifizierten Ausbildung…!

„Herr Kück, wie schreiben sie „nah“?“

„N A H!“ buchstabierte ich.

„Und warum haben sie es in diesem Bericht N H A geschrieben?“

„Ja, weil ich mich vertippt habe, Du dusselige Schnepfe!“ hätte ich ihr am liebsten ins Gesicht gebrüllt, aber da ich zu höflich, zu rücksichtsvoll, zu gut erzogen war, tat ich es natürlich nicht!

„Mobbing“, den Begriff kannte damals noch kein Mensch. Eher hieß es noch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“. Aber – Hey! – ich war ein 1A-Mobbing-Opfer.

So saß ich also Stunde um Stunde in der Bibliothek, vertrödelte meine Zeit oder stöberte in den Büchern und fand diesen Roman: Eine alte Auflage aus den 70ern, wenig verliehen und somit wenig gelesen. Warum ich mir dieses Buch auslieh? Ich weiß es nicht! Ich bin nur froh, dass ich es tat. Ich tauchte ein in Jean Valjeans Welt, begleitete ihn durch sein Leben und wurde Teil seines Kosmos. Bei manchen Passagen rannen mir die Tränen über das Gesicht, und ich musste hemmungslos schlurzen. Bei manchen Passagen hatte ich das Gefühl, dass das Gelesene mir auf Brust und Seele drückte. Doch ich las weiter: morgens vor der Arbeit, in der Mittagspause, am Abend vorm Zubettgehen. Kaum brachte ich es über mich, dieses Buch nach Ablauf der Leihfrist wieder zur Bibliothek zurückzubringen, nur um es einige Wochen später abermals auszuleihen.

Ich wollte/musste unbedingt „Die Elenden“ selbst besitzen und machte mich verzweifelt auf die Suche: Nur leider war die letzte Auflage vergriffen und eine weitere Auflage stand in den berühmt-berüchtigten Sternen. Die damalige Buchhändlerin meines Vertrauens muss meine Enttäuschung gespürt haben: Ohne das ich davon wusste, ging sie weiter auf die Suche und fand „Die Elenden“ in den damals noch neuen Bundesländern. Seitdem nenne ich eine Ausgabe vom Verlag Volk & Welt mein Eigen, die ich nicht mehr missen möchte und wie meinen Augenapfel hüte.

Victor Hugo hat ein Epos voller Menschlichkeit geschaffen, das mit seiner humanitären Botschaft mein Herz und meine Seele zutiefst berührte. Ich fühlte mich in meinen Nöten verstanden und schöpfte Kraft für die Herausforderungen meiner kleinen, wirren Welt. Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, war ich ein anderer Mensch – ob auch ein besserer? Ich weiß es nicht. Dieses Urteil maße ich mir nicht an. Ich bin mir aber absolut sicher, dass das Lesen dieses Romans mich verändert hat! Lesen bewegt!

Nachtrag Ich habe durchaus etwas von meiner damaligen Ausbilderin gelernt: Als Praxisanleiter in der Krankenpflege (meine 2. Ausbildung) weiß ich nun sehr genau, wie ich mich meinen Auszubildenden gegenüber NICHT verhalte!

„Liebe Frau S., dafür danke ich Ihnen. Ansonsten vermeiden Sie es bitte in meiner Gegenwart zu verunfallen. Ich käme als examinierter Krankenpfleger evtl. in Versuchung, spontan an fachlicher Amnesie zu leiden.“

Hallo?! Ich habe gesagt, der Roman hat mich zu einem anderen Menschen gemacht. Von einem Heiligen war nie die Rede…!!!


erschienen bei Volk und Welt/ ISBN: 978-3353001030 / Neu-Auflage erschienen bei Anaconda/ ISBN: 978-3730600429


Ein Kommentar zu „[Die Bücher meines Lebens] Victor Hugo – Die Elenden

  1. genau so erging es mir auch, bei meiner letzten Stelle die ich zum Glück schnell verlassen habe (1.5 Jahre war ich dort). Ich wollte keine Minute länger als nötig dort verbringen und habe so jeden Tag meine volle Mittagspause draußen im Park mit einem Buch, Getränk und Mittagessen verbracht. War einfach super.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s