[Rezension] »Mir träumte, du bliebest mir gut« – Die schönsten Liebesgedichte/ herausgegeben von Matthias Reiner/ mit Illustrationen von Isabel Pin

Ach ja, die Liebe…!

Was musste sie nicht schon alles aushalten? Wofür musste sie nicht schon alles herhalten? Freundschaften gingen zu Bruch, und Feindschaften entstanden. Kriege wurden wegen ihr entfacht und wieder beendet. Gefühls-Tsunamis tobten in so mancher Seele, und der Boden bebte unter so manchen Füßen beim Anblick des geliebten Menschen. Kapitelweise wurde sie in Büchern beschrieben, und Verse über Verse füllen unzählige Seiten.

Ach ja, die Liebe…!

Die ansprechende Insel-Bücherei ist immer ein Blick wert und verführt mit anspruchsvollen Inhalten in Kombination mit einer exquisiten Optik. Ich habe mir vorgenommen, dass so nach und nach alle Bücher dieser Reihe in mein Bücherregal einziehen dürfen. So beschenke ich mich zum heutigen Valentinstag selbst mit diesem wunderbaren Büchlein voller Liebesgedichte. Herausgeber Matthias Reiner schlägt mit dieser Auswahl einen spannenden Bogen zwischen klassischen und zeitgenössischen Lyriker*innen.

Da wird Edurard Mörikes Herz Auf einer Wanderung durch einen Liebeshauch berührt, Wislawa Szymborska trauert auf dem Bahnhof einer vertanen Chance hinterher, und für Robert Gernhardt ist ein Gelungener Abend mit einem „besonderen“ Schluck verbunden.

Emily Dickinson sehnt sich Wilde Nächte herbei, während Joachim Ringelnatz eine männliche Briefmarke gezwungenermaßen auf Reisen schickt. Ulla Hahn wollte Nie mehr dieses Gefühl des sehnsuchtsvollen Wartens erleben, und Mascha Kaléko schreibt sich Weil du nicht da bist die Einsamkeit von der Seele.

Oswald von Wolkenstein reimt und rüttelt, „verst“ und schüttelt sich seitenweise voller überschäumender Sehnsucht die Liebste herbei. Christian Morgenstern huldigt in Die zwei Wurzeln der alten Liebe, die zwar nicht mehr so stürmisch dafür umso beständiger ist.

Isabel Pin unterstreicht die Vielfalt der Gedichte mit ihren federleichten Illustrationen, die wie „hingeworfen auf Papier“ wirken.

Ach ja, die Liebe…!

In diesem kleinen, feinen Büchlein wird sie in der schönsten und poetischsten Weise gehuldigt.

❣️Ich wünsche Euch von Herzen einen wunderbaren Valentinstag!❣️


erschienen bei Insel-Bücherei/ ISBN: 978-3458205258

[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – VOM SCHENKEN

Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten die Gabe wiegen,
sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
was in dir wohnt
an Meinung, Geschmack und Humor,
so dass die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
dass dein Geschenk –
Du selber bist.

Joachim Ringelnatz

[Noch ein Gedicht…] Joachim Ringelnatz – REKLAME

Ich wollte von gar nichts wissen.
Da habe ich eine Reklame erblickt,
Die hat mich in die Augen gezwickt
Und ins Gedächtnis gebissen.

Sie predigte mir von früh bis spät
Laut öffentlich wie im stillen
Von der vorzüglichen Qualität
Gewisser Bettnässer-Pillen.

Ich sagte: „Mag sein!
Doch für mich nicht! Nein, nein!
Mein Bett und mein
Gewissen sind rein!“

Doch sie lief weiter hinter mir her.
Sie folgte mir bis an die Brille.
Sie kam mir aus jedem Journal in die Quer
Und säuselte: „Bettnässer-Pille“.

Sie war bald rosa, bald lieblich grün.
Sie sprach in Reimen von Dichtern.
Sie fuhr in der Trambahn und kletterte kühn
Nachts auf die Dächer mit Lichtern.

Und weil sie so zähe und künstlerisch
Blieb, war ich ihr endlich zu Willen.
Es liegen auf meinem Frühstückstisch
Nun täglich zwei Bettnässer-Pillen.

Die isst meine Frau als ‚Entfettungsbonbon‘.
Ich habe die Frau belogen.
Ein holder Frieden ist in den Salon
Meiner Seele eingezogen.

Joachim Ringelnatz