[Oper] Erich Wolfgang Korngold – DIE TOTE STADT / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Erich Wolfgang Korngold / Libretto vom Paul Schott / frei nach dem Roman Bruges-la-Morte von Georges Rodenbach // in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 2. Mai 2026 / besuchte Vorstellung: 17. Mai 2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG & BÜHNE Johannes Pölzgutter
KOSTÜME Katharina Heistinger
DRAMATURGIE Markus Tatzig
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Katharina Konopka

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Ich warf einen Blick auf die Handlung dieser Oper und fühlte mich direkt an den Film VERTIGO – AUS DEM REICH DER TOTEN aus dem Jahre 1958 erinnert. Sollte sich da etwa Alfred Hitchcock bei Erich Wolfgang Korngold bedient haben, oder liegt beiden Werken etwa dieselbe literarische Vorlage zugrunde? Hitchcock bezieht sich bei seinem Film auf den Krimi D’ENTRE LES MORTS (1954) der Franzosen Pierre Boileau und Thomas Narcejac, während Korngold auf den Roman BRUGES-LA-MORTE des belgischen Schriftstellers Georges Rodenbach verweist, der bereits 1892 erschienen ist.

Doch die Ähnlichkeiten der Handlungen sind so frappierend: Da liegt der Verdacht, dass da irgendjemand von irgendwem geklaut hat, auf der Hand. Das wäre doch mal ein spannendes Forschungsprojekt!


HANDLUNG

1. BILD – DIE OBSESSION. Seit dem Tod seiner Frau Marie lebt Paul zurückgezogen in Brügge. In seinem Haus hat er eine Erinnerungswelt errichtet, eine «Kirche des Gewesenen», in der alles der Verstorbenen geweiht ist. Sein Freund Frank und die Haushälterin Brigitta sorgen sich um ihn. Doch plötzlich scheint Paul verwandelt, als er der Tänzerin Marietta begegnet und glaubt, in ihr Marie wiederzusehen. Gegen Franks Warnungen verliert er sich in der Vorstellung, die Tote könne durch die Lebende zu ihm zurückkehren. In Mariettas Gesang verschwimmen Wunsch und Wirklichkeit zu einem gefährlichen Rausch. // 2. BILD – DER RAUSCH. Getrieben von Sehnsucht und religiösem Schuldbewusstsein sucht Paul Mariettas Nähe, während sein Umfeld zerbricht: Die Haushälterin wendet sich ab, der beste Freund wird zum Rivalen. Als Marietta mit ihrer Theatertruppe erscheint, prallen Pauls morbider Totenkult und die sinnliche, vitale Welt der Bühne gewaltsam aufeinander. Im ausgelassenen Spiel einer Szene aus der Oper Robert der Teufel entlädt sich Pauls Verwirrung. In einem Moment grausamer Klarheit erkennt Paul, dass er in Marietta nur ein Medium sucht. Doch verletzt und fasziniert zugleich, zieht Marietta ihn tiefer in ihren Bann. // 3. BILD – DIE ESKALATION. Nach der gemeinsamen Nacht drängen religiöse Bilder mit neuer Macht auf Paul ein. Während Marietta auf Liebe, Gegenwart und Leben besteht, klammert er sich verzweifelt an die Tote und ihre Heiligkeit. Die Situation gerät außer Kontrolle. Als Marietta das aufbewahrte Haar Maries an sich nimmt und die Verstorbene herausfordert, kippt die Szene. Paul verliert sich. Wirklichkeit und Vision geraten unauflöslich ineinander. Am Ende steht er zwischen den Welten – zwischen einer Frau aus Fleisch und einer Frau seiner Erinnerung, die er um jeden Preis bewahren möchte.

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Ob der Entstehungsprozess zur Uraufführung der Oper ebenso spannend war wie die Handlung, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Entstehungsprozess zur aktuellen Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven war hingegen extrem spannend. Vier Tage vor der Premiere erkrankte der Sänger der Hauptpartie: Die Stimmbänder, diese zwei zarten Gewebefalten im Kehlkopf, die durch Schwingungen Töne erzeugen, hatten ihren Dienst quittiert. Die Premiere ausfallen zu lassen oder zu verschieben, waren für die Verantwortlichen am Stadttheater Bremerhaven keine Optionen. Somit war die Not nach einem Ersatz groß, der dann direkt (naja, beinah) vor der eigenen Haustür gefunden wurde. Tenor Michael Müller-Kasztelan von der Oper Kiel ist in Bremerhaven kein Unbekannter und zudem als Einspringer bestens erprobt.

Was ich hier so flapsig lapidar formuliere, soll nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass eine solche Situation nur durch den Mut des beteiligten Künstlers und mit der Unterstützung des gesamten Teams zu meistern ist. Müller-Kasztelan hatte die Partie des PAULs in dieser eher selten gespielten Oper zwar bereits vor vier Jahren gesungen, doch dazwischen lagen viele weitere Partien, die die Erinnerung an DIE TOTE STADT immer weiter in den Hintergrund drängten. Diese Erinnerungen galt es, aus dem Gedächtnis-Archiv zu befreien, und zudem sah er sich nun auch mit einem gänzlich neuen Regie-Konzept konfrontiert. Doch er stellte sich dieser Herausforderung mit Bravour. Sein PAUL trauerte mit jeder Faser seines Körpers: nicht enervierend jammernd sondern eher selbstzerstörerisch leidend, gefangen in einer Schattenwelt, die ihm mehr und mehr zu überrollen drohte. Müller-Kasztelan zeigte diesen psychischen Niedergang seiner Figur auch in seinem stimmlichen Ausdruck: Weniger Belcanto, dafür ließ er seinen mächtigen Charakter-Tenor voluminös erklingen und verdeutlichte die stetig ansteigende Anspannung seiner Bühnenrolle auch mit einer nuancierten Phrasierung. Neben diesen vokalen Ausbrüchen schaffte er es mit kleinen Gesten, z. Bsp. wenn er vorsichtig den Staub von den Bilderrahmen pustet, dass das Publikum mit PAUL fühlte und seine tiefe Trauer nachvollziehen konnte.

Ihm zur Seite stand Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson als MARIETTA, die überzeugend das Verruchte, Verführerische und Manipulative aus dieser Partie herauskitzelte. MARIETTA ist nicht unbedingt eine Sympathieträgerin – steht sie doch in ständiger Konkurrenz zu einer verherrlichten Verstorbenen. Da muss die Sängerin dieser Partie schon eine gehörige Portion Charisma mitbringen, um gegen eine (imaginäre) Heilige zu bestehen. Hoffmann-Thomson bestand und zeigte mit großer Stimme und wandlungsfähigem Spiel die Ambivalenz der Partie. Gemeinsam mit Müller-Kasztelan gefiel sie im gefühlvollen Duett im 1. Akt „Glück, das mir verblieb“ (Hit-Song Nr. 1).

Marcin Hutek veredelte die Doppel-Partie FRANK/FRITZ mit seinem warmen Bariton, bot im 2. Akt eine empfindsame Interpretation der Arie „Mein Sehnen, mein Wähnen“ (Hit-Song Nr. 2) und komplementierte die wunderbar aufeinander eingespielte Gauklertruppe, bestehend aus Victoria Kunze, Paula Meyer, Andrew Irwin und Anton Kononchenko, die gemeinsam so herrlich anarchisch und respektlos die Szenerie belebten und so für die humoristischen Momente in dieser Oper sorgten.

Klein aber fein: Mezzosopranistin Boshana Milkov überzeugte in der kleineren Partie der BRIGITTA und gestaltete diese mit schlichter Würde. Als ich sie im strengen schwarzen Kleid mit weißem Kragen auf der Bühne sah, erinnerte mich dies unwillkürlich an eine Figur aus einem weiteren Hitchcock-Klassiker, der es auch auf die Musiktheater-Bühne geschafft hat: MRS. DANVERS aus REBECCA (Nach MRS. LOVETT vielleicht ihre nächste lohnende Partie im Musical-Fach?).

Erich Wolfgang Korngold ließ bei der farbenreichen und schwelgerischen Partitur von DIE TOTE STADT seine spätere berufliche Tätigkeit (Komponist von Filmmusiken in Hollywood) bereits erahnen, und mit den beiden Hit-Songs konnte er auch seine Liebe zur Operette nicht verhehlen. Marc Niemann dirigierte seine letzte Oper als GMD, gönnte sich zum Abschied „das ganz große Besteck“ und schöpfte mit dem Philharmonischen Orchester Bremerhaven aus den Vollen: Da fand er die feine Balance zwischen orchestraler Wucht, dem intensivierenden „Underscoring“ und einem beseelten Klang bei den Arien. Marc Niemann verlässt zum Ende der Saison das Stadttheater Bremerhaven und übernimmt die Aufgaben des Intendanten und Geschäftsführers beim Sendesaal Bremen. Ich wünsche ihm viel Erfolg. 

Regisseur und Bühnenbildner Johannes Pölzgutter schuf ein atmosphärisch dichtes Bühnenbild, das je nach Ausleuchtung und Positionierung bei mir unterschiedliche Assoziationen auslöste. Beinah beklemmend wirkte PAULs Refugium mit den unzähligen auf dem Boden verteilten Bilderrahmen auf mich, die beim Senken der Bühne unweigerlich an Grabsteine erinnerten. Die Totenmaske von MARIE erschien bedrohlich als Projektion. Auch die ständige Anwesenheit vom SCHATTEN VON MARIE (Mareile Melcher-Tönissen) ließ mich frösteln, insbesondere in der Szene, in der der SCHATTEN auf der Oberbühne die Hand hob, um sie PAUL, der sich auf der Unterbühne befand, imaginär auf die Schulter zu legen, und gleichzeitig auf PAULs Schulter eine echte Hand erschien. Es war gruselige und äußerst effektvoll.

Pölzgutter überzeugte mit einem extrem klug durchdachten Regie-Konzept. Die Sänger*innen schienen einem minutiös getakteten Ablauf zu folgen, bei dem Aktion und Reaktion eine sich ständig gegenseitig begünstigende Wechselwirkung eingingen. PAULs psychischen Niedergang empfand ich als so beklemmend, dass ich das Gefühl hatte, ich werde wie im Sog mit in den Abgrund gezogen. So schraubte der Regisseur gekonnt an der Spannung und dehnte diese bis ins Unerträgliche. Erst zum Finale schenkte er uns eine befreiende und alle Unklarheiten beseitigende Auflösung – ganz genau so, wie ich es von einem gut konzipierten Thriller gewohnt war.  Der „Master of Suspence“ wäre sicherlich mit seiner Arbeit zufrieden gewesen.


ANMERKUNG In einigen Zeitungsberichten zur Produktion wurde betont, wie bedauerlich es ist, dass Sopranistin Meredith Hoffmann-Thomson nach nur einer Spielzeit das Stadttheater Bremerhaven bereits wieder verlässt. Auch ich bedaure es. Doch ich gebe auch ehrlich zu, dass mich dieser Umstand (da dies seit Anfang der Spielzeit bekannt) weit weniger berührte, als die Nachricht, dass zwei langjährige Ensemble-Mitglieder das Theater verlassen werden. Nach meinem Kenntnisstand wurde darüber in der Presse kein Wort verloren. Bariton Marcin Hutek und Tenor Andrew Irwin verabschieden sich nach sechs bzw. fünf Jahren vom Haus. Ich hatte als Zuschauer das große Glück, sie in ihrer künstlerischen Entwicklung begleiten (vielmehr beobachten) zu dürfen. Beide haben ihre jeweiligen Partien – unabhängig vom Umfang – mit Professionalität, Feingefühl und Herzblut lebendig werden lassen. Es war mir immer eine Freude, sie auf der Bühne erleben zu dürfen.

Jungs, ich schätze euch als Künstler sehr, danke euch für die tollen Jahre in Bremerhaven und wünsche euch für die Zukunft von Herzen alles Gute! 💜


Dramatische Einblicke in die Proben vor der Premiere von DIE TOTE STADT gewährt uns die NORDSEE-ZEITUNG.

Ein lesenswertes Interview mit Tenor Michael Müller-Kasztelan gibt es auf DER OPERNFREUND zu entdecken.


Eile ist geboten: Der Opern-Thriller DIE TOTE STADT steht nur noch an wenigen Tagen im Mai auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. 

[Oper] Giuseppe Verdi – LA TRAVIATA / Stadttheater Bremerhaven

Oper von Giuseppe Verdi / Libretto vom Francesco Maria Piave / nach dem Roman Die Kameliendame von Alexandre Dumas d.J. // in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 14. März 2026 / besuchte Vorstellungen: 14. März 2026 & 23. Mai 2026

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


MUSIKALISCHE LEITUNG Marc Niemann
INSZENIERUNG Katharina Kastening
BÜHNE & KOSTÜME Matthias Kronfuss
DRAMATURGIE Torben Selk
CHOR Edward Mauritius Münch
LICHT Daniel Lang

REGIEASSISTENZ & ABENDSPIELLEITUNG Annika Ellen Flindt
MITARBEIT KOSTÜM Edin Spahic
STUDIENLEITUNG Hartmut Brüsch
MUSIKALISCHE EINSTUDIERUNG Jorrit van den Ham, Tonio Shiga
INSPIZIENZ Mahina Gallinger
REGIEHOSPITANZ & FSJ KULTUR Josefine-Alicia Ocko


Es war der 6. März 1853 als sich im Teatro La Fenice in Venedig der Vorhang zur Uraufführung von LA TRAVIATA hob. Die Begeisterung der Zuschauer*innen hielt sich in überschaubaren Grenzen. Da wagte es dieser Verdi doch tatsächlich das Leben einer Prostituierten, die zudem auch noch mitten auf der Bühne an Schwindsucht stirbt, auf die Bretter zu stellen. Die Hautevolee von Venedig war empört. Doch was waren die Gründe für diesen Aufruhr? Ich wage zu spekulieren. Wahrscheinlich hatte das auf der Bühne gezeigte viel zu viel mit der Realität der Zuschauenden zu tun: Entweder saßen im Publikum Männer, die selber sich den Luxus einer Mätresse gönnten, und deren anwesende Gattinnen sicherlich nicht an diese Schmach erinnert werden wollten, oder es waren eben jene Damen des entsprechenden Gewerbes zugegen, die zwar stillschweigend geduldet wurden, aber nun befürchteten, dass ihr Berufsstand durch die Oper zu viel Aufmerksamkeit erfährt. Denn schließlich funktionierten besagte Arrangements nur dank strikter Diskretion.

173 Jahre später und ca. 1.000 km (Luftlinie) nördlicher hob sich abermals der Vorhang zu einer Premiere von LA TRAVIATA und löste schlussendlich auch hier beim Publikum einen kleinen Tumult aus. Allerdings erzürnte sich hier niemand über das auf der Bühne Gezeigte. Bremerhaven an der Weser blickt auf eine so facettenreiche Geschichte der Seefahrt, da gehören die „leichten Mädels“ zum Flair einer anständigen Hafenstadt einfach dazu. Vielmehr wurden diesmal die künstlerischen Leistungen der beteiligten Künstler*innen mit viel Jubel gefeiert – einem Jubel, dem ich mich nur allzu gerne anschloss, auch wenn einige Fragen für mich unbeantwortet blieben.


HINWEIS: DIE OBIGE AUFNAHME STAMMTE NICHT AUS DER BESPROCHENEN INSZENIERUNG SONDERN DIENT NUR DAZU, EINEN EINDRUCK VON DER MUSIK ZU VERMITTELN.

HANDLUNG

1. AKT Violetta Valéry arbeitet in einem Edel-Escort-Club. Sie ist schwer krank, nimmt aber weiter an den berüchtigten Feiern ihrer Freundin Flora Bervoix teil. Dort gesteht der Charmeur Alfredo Germont ihr seine Liebe. Sie gibt ihm eine Kamelie und bittet ihn, zurückzukommen, sobald die Blume verblüht ist. Die Gäste verabschieden sich. Die beiden kommen sich näher. Doch Violetta spürt schon den Tod im Nacken. // 2. AKT Wenige Monate später leben die beiden zusammen. Violetta hat ihr Leben als Escort-Dame aufgegeben. Doch Alfredos Vater sieht den guten Ruf seiner Familie und die Verlobung seiner Tochter gefährdet. Die beiden sollen sich trennen. Schweren Herzens gibt Violetta nach – wissend, dass ihr sowieso nicht mehr viel Zeit bleibt. Sie schreibt Alfredo einen Brief, ihr früheres Leben wiederaufnehmen zu wollen. Alfredo findet sie auf einer Feier von Flora wieder – zusammen mit Barone Douphol, den sie schon länger kennt. Alfredo wird wütend. Zum Ärger der Gäste und seines Vaters stellt er Violetta bloß. Der Barone fordert Alfredo zum Duell. // 3. AKT Violetta liegt im Sterben. Als Escort-Dame kann sie schon lange nicht mehr arbeiten, ihren Besitz musste sie aufgeben. Alfredo hat das Duell überlebt und sucht Violetta reumütig auf, um sich zu entschuldigen. Auch sein Vater fühlt sich schuldig, den beiden so viel Leiden bereitet zu haben. Noch einmal zieht Violettas Leben an ihr vorbei. War alles nur ein Traum? 

(Inhaltsangabe dem Programmheft zu dieser Produktion entnommen.)


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Das Stadttheater Bremerhaven bietet jungen Regisseur*innen immer wieder gerne die Möglichkeit, ihre Profession zu verfeinern und sich weitere Sporen zu verdienen. Für LA TRAVIATA warf Katharina Kastening einen frischen Blick auf die bekannte Geschichte, fand einige bemerkenswerte Neuinterpretationen und versetzte die Handlung ins Heute: VIOLETTA ist auf ihrer Flucht vor dem Krieg in der Ukraine mit ihren beiden Kindern in Paris gestrandet. Der Vater ihrer Kinder ist an der Kriegsfront ums Leben gekommen. VIOLETTAs Handlungen erhielten dadurch eine gänzlich andere Motivation. Diese Hintergrundinformationen erfuhren wir in den Krankenhaus-Szenen dank der gelungenen Videoeinspielungen. Der Chor war nicht nur „schmückendes Beiwerk“, sondern wurde bei Kastening zur machtvollen Einheit, zur dunklen Bedrohung, zum nahenden Tod, der VIOLETTA stets auf den Fersen war, und dem sie nicht entkommen konnte. Als der Tod unausweichlich schien, ließ die Regisseurin die Kulissen der vorangegangenen Szenen abermals vom Schnürboden schweben, beinah so als würde sich vor VIOLETTAs inneren Augen ihr Leben wie im Film zum letzten Mal abspulen.

Katharina Kastening ließ sich von Matthias Kronfuss, der gemeinsam mit Edvin Spahic auch die stimmigen Kostüme schuf, ein Bühnenbild entwerfen, das sehr viel fürs Auge bot und mich durch seinen Realismus zum Staunen brachte: vom noblen Nachtclub im samtenen Rot und dem stylische Loft von FLORA über die sanierungsbedürftige Altbauwohnung von VIOLETTA und ALFREDO und dem sterilen Krankenhausflur. Doch leider konnten mich die Szenen im Nachtclub und im Loft wenig berühren: Hier schien die Optik den Emotionen im Weg zu stehen und diese zu überdecken bzw. zu erdrücken. Aber vielleicht war genau dies die Intention der Regisseurin, die VIOLETTA und ihre Hostessen-Kolleginnen in einem uniformierten Style auftreten ließ: Individualität überfordert die Kundschaft, gewollt ist der gefällige Einheits-Look – beinah so als würde ich mir die aufgepimpten Accounts so mancher Influencerinnen anschauen. Erst als VIOLETTA ihre helmartige Perücke abstriff, erschien ein echter Mensch unter dieser Maskerade.

Da wundert es nicht, dass mich die intimeren Szenen in der Altbauwohnung und auf dem Krankenhausflur umso mehr berührten. Hier schuf Kastening für ihre Figuren Spielräume, in denen sie ganz privat sein konnten, und wo es ihnen ein Verstecken hinter Masken und Konventionen unmöglich machte. Klug war es, dem Publikum stets eine Möglichkeit zu bieten, um hinter die Kulisse, hinter die Fassade zu blicken. Denn hier auf einer eigenen Tribüne mit bestem Blick auf das Geschehen lauerte der Tod in Form des Chores und wartete auf die Gelegenheit, um zuzuschlagen.

Die Sänger*innen des Opernchores sowie des Extra-Chores boten unter der versierten Leitung von Edward Mauritius Münch nicht nur eine gesanglich runde Leistung, sondern waren individuell schwarz gewandet und mit wächsernen Gesichtern als stets präsenter Tod sehr bedrohlich. Marc Niemann entlockte dem Philharmonischen Orchester eine detailreiche Interpretation von Verdis Kompositionen – einerseits voller Klangfülle, dann wieder sehr klar und feinnervig differenziert.

Vielleicht war dieser Bruch zwischen den beiden Lebenswelten auch der Grund, dass Timothy Edlin, Andrew Irwin, Masahiro Yamada und James Bobby als spendable Kunden auf FLORAs Partys in plakative Stereotypen verharren mussten und so in ihrer Darstellung der Figuren nur hohle Klischees bedienten. Im Gegenteil dazu stellte Paula Meyer (Neuzugang im Opernchor) als ANNINA eine Figur auf die Bühne, die atmete und so ehrliche Emotionen vermittelte. Boshana Milkov konnte bei den wenigen Phrasen, die sie als FLORA BERVOIX solistisch zu leisten hatte, leider nur wenig von ihrem Gesangstalent zeigen, glich dies mit einer immensen Bühnenpräsenz aus und bot in den sensationellen Kostümen rassig-mondäne Auftritte.

Weilian Wang zeigte optisch einen markigen ALFREDO GERMONT und sang die Partie mit tenoraler Kraft, dann wieder zart und mit fein-nuancierter Phrasierung. Leider konnte (evtl. auch: sollte) er mit seiner Interpretation nicht gänzlich meine Sympathie gewinnen. Auf mich wirkte er wie ein verwöhnter Schnösel, bei dem ich mir seiner Beweggründe nie völlig sicher war: Litt er wahrhaftig mit VIOLETTA, oder war es eher Selbstmitleid gepaart mit gekränkter Eitelkeit? Umso sicherer galt meine Sympathie dem GIORGIO GERMONT von Marcin Hutek, der weniger als der alles beherrschende Patriarch auftrat, als vielmehr der liebende Vater, der um das Wohl seiner Familie besorgt war und dem es das Herz bricht, dass er zum Wohle seiner Tochter einer anderen jungen Frau das Glück verwehrte. Seinen warmen, noblen Bariton paarte Hutek mit einem gefühlvollen und nuancenreichen Spiel und war so für Victoria Kunzes VIOLETTA ein viel intimerer Gegenpart als ALFREDO. Vielleicht hatte die Regisseurin aber auch hier bewusst die tradierten Rollenbilder von Vater und Sohn umgekehrt, um neue Blickwinkel auf die Partien zu ermöglichen.

Hatte ich am Abend der ERÖFFNUNGSGALA nach dem Vortrag der Arie „Libiamo, ne´lieti calici“ noch die Befürchtung, dass bei dieser LA TRAVIATA der eher lyrische Sopran von Victoria Kunze durch den potenten Tenor von Weilian Wang überdeckt werden würde, so zeigte sie nun mit einer bewundernswerten Sicherheit die Fülle ihrer Stimme, ohne an Flexibilität und lyrischer Ausdruckskraft einzubüßen. Da stimmten die großen Gesangslinien ebenso wie die anspruchsvollen Koloraturen. Kompromisslos schlüpfte sie in die Haut von VIOLETTA VALÉRY. Auch sie ließ ihre Figur atmen und verschaffte ihr so Substanz und emotionale Tiefe. Manchmal genügte nur eine kleine Geste oder auch ein Blick, um die Tragik zu offenbaren. Und gerade diese kleinen Gesten und Blicke, die auf der großen Bühne allzu oft übersehen werden, waren es, die umso mehr mein Herz rührten und mich mit dieser starken Frau mitleiden ließen. Victoria Kunzes Rollendebüt als VIOLETTA VALÉRY war absolut grandios! BRAVISSIMO!

Ja, durchaus, bei dieser Inszenierung blieben einige Fragen für mich unbeantwortet. Tja, dann muss ich mich wohl oder übel ein weiteres Mal auf den Weg nach Bremerhaven machen, um Antworten auf diese unbeantworteten Fragen zu erhalten. Nicht nur VIOLETTA ist zu einem Opfer bereit! 😉


Wer erfahren möchte, wie „glamourös“ das Leben einer Diva neben und hinter der Bühne ist, der kann Sopranistin Victoria Kunze gerne dabei über die Schulter schauen.

Zusätzliche Eindrücke vom Bühnenbild erhaltet ihr hier.


Selten wird auf der Bühne so herzzerreißend gelitten wie in der beliebten Verdi-Oper: Insgesamt nur 8 Mal steht LA TRAVIATA auf dem Spielplan des Stadttheaters Bremerhaven. Also: hurtig Karten ordern!