[Rezension] Friedrich Dürrenmatt – Das Versprechen. Requiem auf den Kriminalroman

Am Anfang stand das Wort,…

…und Wort für Wort entstand ein Drehbuch: Im Jahre 1958 lieferte Friedrich Dürrenmatt die Vorlage für den Film „Es geschah am hellichten Tag“ in der Regie von Ladislao Vajda und brachte so in der von Heimatfilmen, Dramen und Musikkomödien dominierten Kinos eine neue Nuance. Die Erzählweise des Films wirkt unaufgeregt, ruhig, beinah spröde. Die Spannung resultiert aus dem fiebrigen Warten auf die bevorstehende Tat, da der Regisseur sich einem Kniff bediente, den sein prominenter Kollege Alfred Hitchcock schon zur Perfektion beherrschte: Suspence – das Publikum weiß immer mehr als der Kriminal! Zudem überzeugte der Film mit einer exzellenten Besetzung bis in die kleinsten Rollen.

Nach einem Vortrag des Ich-Erzählers über das Verfassen von Kriminalromane wird er von Dr. H., dem pensionierten Kommandanten der Kantonspolizei Zürich angesprochen, der seine Ausführung kritisch zu widerlegen versucht. Hierzu lädt er den Ich-Erzähler ein, ihn an die Schauplätze eines realen Verbrechens, das sich vor Jahren ereignet hatte, zu begleiten. Während dieser Fahrt berichtet Dr. H. von dem Fall der kleinen Gritli Moser, die, wie schon zwei Mädchen vor ihr in anderen Kantonen, von einem bis dahin Unbekannten mit einem Rasiermesser ermordet wurde. Schnell erhärtete sich der Verdacht gegenüber dem Hausierer, der die Leiche des Kindes gefunden hatte. Nach einem stundenlangen Verhör gestand er, begann danach in der Zelle allerdings Selbstmord. Alle waren erleichtert, dass dieses brutale Verbrechen so schnell aufgeklärt werden konnte. Nur der scheidende Kommissär Matthäi, der sich schon auf dem Sprung Richtung Delegation nach Jordanien befand, zweifelte an der Schuld des Hausierers und stellte ohne Unterstützung der Polizei eigene Nachforschungen an. Hierzu pachtete er an einer stark frequentierten Straße, die die einzelnen Kantone miteinander verbindet, eine Tankstelle und stellte zusätzlich eine junge Frau als Hauswirtschafterin ein. Ihre kleine Tochter präsentierte er – wie ein rotes Tuch dem Stier – dem Mörder als Köder. Nun blieb ihm nichts weiter übrig, als zu warten…!

Wer den Film kennt und liebt wird über den Roman evtl. überrascht sein. Naja, vielleicht auch nicht…! Dürrenmatt wäre nicht er, hätte er sein Drehbuch einfach 1:1 in einen Roman verwandelt. Zudem er sich vom fertigen Film und seiner Besetzung nicht besonders angetan zeigte und sich ein anderes, realitätsnahes Ende gewünscht hätte. So korrigierte er literarisch die Fehler an dieser Geschichte, die seiner Meinung nach bei der filmischen Umsetzung entstanden sind.

Aber was genau hat er denn nun verändert? Eigentlich nicht viel: Er bleibt der Geschichte in ihrer Grundstruktur treu. Er wechselt „nur“ den Blickwinkel, schaltet das künstliche Licht der Filmstudios aus und betrachtet alles unter Tageslicht. Kommissär Matthäi zeigt sich in seiner Charakterisierung weit entfernt vom Gut-Menschen, offenbart sich als zynisch und verbohrt und wirkt so manchmal beinah unangenehm real. Die jahrelange Auseinandersetzung des Jägers mit dem Psychogram des Gejagten nimmt Einfluss auf seine Persönlichkeitsentwicklung, seine Haltung gegenüber nahestehenden Menschen und seine Stellung innerhalb der Gesellschaft. Die Identität des Mörders bleibt dem Kommissär Zeitlebens verborgen. Diese Gnade des Wissens und die damit verbundene Erlösung werden Matthäi nicht zuteil. Es scheint wie Ironie und darum so bösartig, dass Dr. H., der durch Zufall erfährt, wer für die Morde verantwortlich war und somit die Gründe nennen kann, warum die Mordserie abrupt aufhörte, seinem ehemaligen Mitarbeiter dies verschweigt und dafür umso bereitwillig dem namenlosen Ich-Erzähler Auskunft erteilt.

„Das Versprechen“, den Mörder ihrer Tochter zu finden, das Matthäi der Mutter der ermordeten Gritli Moser gibt, schwebt wie ein Damoklesschwert über das weitere Leben des Kommissärs und lässt ihn in seinem weiteren Handeln manisch vorgehen: Da die Identität des Täters ihm vorenthalten wird, hofft er vergebens auf Erlösung. Dürrenmatt arbeitet gerne mit solchen bildhaften Metaphern, um Personen zu beschreiben oder Situationen zu skizzieren. So lässt er das Mädchen immer wieder in einem „roten Röcklein“ in Erscheinung treten und will mit der Wahl dieser Signal-Farbe nicht nur die offensichtlich blutige Kindestötung symbolisieren sondern deutet auch einen vorangegangenen Missbrauch an. Wie eine immer wieder aufgezogene Spieluhr singt das Kind in einer infantilen Monotonie das Lied „Mariechen saß auf einem Stein“. So wirkte sie auf mich als Leser beängstigend entmenschlicht, vielmehr wie eine Sache, ein Gegenstand, der begehrt wird, eine schöne Spieluhr, die bei allzu grobem Gebrauch durchaus zerbricht…!

Mit diesem „Requiem auf den Kriminalroman“ befreite Dürrenmatt die Vorlage aus der „filmischen Fiktion“. Obwohl ich selbst den Wunsch des Publikums nach Gerechtigkeit und der trügerischen Sicherheit, dass das Böse verliert und das Gute triumphiert, nur zu gut nachvollziehen kann (und ich den Film nach wie vor großartig finde). Bevor ich erstmals den Roman gelesen habe, hatte ich mir zuerst nochmals den Film angesehen und gestehe, dass diese Kombination einen besonderen Reiz auf mich ausübte. Mir schien es beinah, als hätte ich durch die Kenntnis beider Kunstformen ein „allmächtiges“ Wissen erlangt, das ich nicht hätte, wäre mir nur eine von beiden bekannt.

Aber seine „literarische Realität“ als Totengesang zu titulieren halte ich doch für stark übertrieben. Ganz im Gegenteil: Dieser gelungene Kriminalroman rüttelt auf, packte und fesselte mich und ermöglichte mir so neue Blickwinkel auf eine mir schon lange bekannte Geschichte.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Ruth Kirschbaum von „hey welt – ich bin’s“.


erschienen bei Diogenes/ ISBN: 978-3257228120

[Rezension] Elke Heidenreich – Frauen und Leidenschaften. Ausgewählte Lieblingstexte (Hörbuch)

Frauen und Leidenschaften: Wer könnte darüber besser berichten als Elke Heidenreich. Schlummern doch in ihrer Brust so einige Leidenschaften, die sie – sehr zur Freude ihres Publikums – regelmäßig aus dem besagten Schlummer erweckt und ans Licht der Öffentlichkeit bringt. Ihre wohl größte Leidenschaft ist das Schreiben, und so hat sie zu einigen Veröffentlichungen für/von/mit/über Frauen schon etliche Vor- und Nachworte verfasst.

Anlässlich ihres 75. Geburtstags vor drei Jahren nahm sie diese Texte nochmals zur Hand, entstaubte sie und las sie erstmals ein (eine weitere ihrer Leidenschaften). Denn diese Texte sind viel zu schade, um in Büchern oder Anthologien in Vergessenheit zu geraten, da es sich zudem um Themen handelt, die sie (O.-Ton!) „leidenschaftlich bewegen“. Sie ist eine Frau, die viel liest, viel schreibt, gerne am Meer lustwandelt, sich Rosen schenken lässt und ihr Leben mit einem Mops teilt (…hin und wieder durchaus auch mit einem Mann, aber der bessere Lebensbegleiter bleibt der Hund!).

Und schon sind wir mitten drin im Geschlechter-Clinch. Zu jedem Thema verdeutlicht die Autorin uns äußerst überzeugend, dass Frauen und Männer aufgrund ihrer unterschiedlichen Programmierung rein genetisch nicht zusammen passen können (Diese Tatsache war mir als schwuler Mann durchaus schon seit geraumer Zeit bewusst 😉). Und so kontert sie gegenüber den Dichtern und Denkern, Seebären, Rosenkavalieren und Hundehaltern unter all den Männern auf der Welt höchst unterhaltsam und kurzweilig. In ihren eleganten Ausführungen lässt sie Sprüche, Zitate und Anekdoten einer Vielzahl an Literat*innen einfließen, die ich mir leider nicht ansatzweise merken konnte und mir darum – ungewöhnlich für ein Hörbuch – eine Anlage mit Quellenverweise gewünscht hätte. Hängen geblieben ist mir (wie könnte es auch anders sein) ihr Zitat von Erich Kästners „Marktanalyse“, das – schon im Jahre 1949 veröffentlicht – so herrlich genüsslich die akademische Hochnäsigkeit mancher Männer ad absurdum führt:

Der Kunde zur Gemüsefrau: „Was lesen Sie denn da, meine Liebe? Ein Buch von Ernst Jünger?“
Die Gemüsefrau zum Kunden: „Nein, ein Buch von Gottfried Benn. Jüngers kristallinische Luzidität ist mir etwas zu prätentiös. Benns zerebrale Magie gibt mir mehr.“

Sollte hier nun der Eindruck entstehen, dass die Autorin bei ihren Ausführungen die Männer nicht allzu gut wegkommen lässt, dann kann ich versichern „Ja, es stimmt!“, aber bei jedem Seitenhieb auf das angeblich starke Geschlecht ist ein schelmisches Augenzwinkern ebenso wahrnehmbar.

Mit diesem Hörbuch beweist Elke Heidenreich abermals, dass sie eine brillante Vorleserin ist, die mit Intelligenz, Humor und (Selbst-)Ironie zu begeistern weiß. Zu gerne würde ich sie wieder einmal bei einer Live-Lesung hören und sehen: ein Erlebnis, das bisher eine ungetrübte Freude bei mir hinterließ. Bis es endlich soweit ist, erfreue ich mich weiter an diesem Plädoyer für die starken, talentierten und selbstbewussten Frauen dieser Welt…!

Liebe Frauen!
Somit sende ich Euch nur die besten Wünsche…
…zum Internationalen Frauentag!
🌺🌹🌷


Die ausgewählten Texte stammten ursprünglich aus den folgenden Anthologien: Einige Bücher sind leider nur antiquarisch zu erhalten, andere können noch über den Verlag bezogen werden.

  • Stefan Bollmann – Frauen, die lesen, sind gefährlich; erschienen bei Elisabeth Sandmann/ ISBN: 978-3938045060
  • Stefan Bollmann – Frauen, die schreiben, leben gefährlich; erschienen bei Elisabeth Sandmann/ ISBN: 978-3938045121
  • Tania Schlie – Frauen am Meer; erschienen bei Thiele/ ISBN: 978-3938045060
  • Dörte Binkert – Frauen und Rosen; erschienen bei Thiele/ ISBN: 978-3851791846
  • Ulla Fölsing – Frauen und ihre Hunde; erschienen bei Thiele/ ISBN: 978-3851793321

erschienen bei Random House Audio/ ISBN: 978-3837142037

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Hör-exemplar!

[Rezension] Theodor Fontane – Der kinderleichte Fontane/ ausgewählt von Gotthard Erler/ mit Illustrationen von Sabine Wilharm

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland – wer kennt ihn nicht, und auch das Leiden der Effi Briest mussten schon viele Generationen an Schüler*innen über sich „ergehen“ lassen. Doch kennt jemand noch mehr von Fontane? Ich leider bisher nicht…! Doch dank dieser entzückenden Anthologie kann nun Abhilfe geschaffen werden.

Auch wenn dieses Büchlein mit Der kinderleichte Fontane betitelt wurde, so ist es nicht ausschließlich nur für Kinder geeignet. Auch dem interessierten Neu-Einsteiger ins Fontansche Werk (so wie ich einer bin) verschafft es einen guten Überblick. Neben einer Vielzahl an Gedichten kredenzt uns Herausgeber Gotthard Erler eine abwechslungsreiche Mischung aus spannenden Geschichten (aus: Romane und Erzählungen in acht Bänden), Märchen und Sage (aus: Wanderungen durch die Mark Brandenburg), mystischen Erzählungen (aus: Das erzählerische Werk) und Berichten aus dem Leben eines Lausbuben (aus: Meine Kinderjahre. Autobiografischer Roman): Wir erfahren, wie Steuermann John Maynard das brennende Schiff unter Einsatz seines Lebens ans rettende Ufer bringt. Bei den Streichen und Abenteuern des kleinen Buben Theodor sind wir erleichtert über die Schutzengel, die über ihn wachen. Wir lernen mit Grete Minde eine resolute junge Frau kennen, die zu drastischen Mitteln greift, als sie von ihrem Bruder nicht ihr gewünschtes Erbe erhält. Fritz Katzfuß hat unser vollstes Verständnis bei seinem Versuch, seine heimliche Leidenschaft gegenüber seiner Lehrherrin zu verbergen – vergebens. Und natürlich sind auch für uns die Birnen aus dem Havelland noch immer die süßesten…!

In seiner kurzweilig geschrieben Einleitung lässt Gotthard Erler das Leben Fontanes Revue passieren und gibt einen prägnanten Einblick in die Persönlichkeit dieses vielschichtigen Künstlers. Illustratorin Sabine Wilharm, die u.a. bekannt durch ihre Covergestaltung der Harry-Potter-Romane wurde, lässt in der Einleitung amüsant Ribbecks Birnen über die Seiten toben, um einzelne Lebensstationen des Autors nachzustellen. Bei den Erzählungen und Gedichten trifft sie mit ihren kurios-kantig-komischen Illustrationen überzeugend den jeweiligen Grundton.

Diese gelungene wie abwechslungsreiche Zusammenstellung offeriert uns einen äußerst vielfältigen Poeten, der schon zu Lebzeiten als ein Pedant bekannt war und oftmals bis kurz vor Druck seiner Werke noch Änderungen an eben diesen vornahm. Das Ergebnis gab ihm recht: Seine Geschichten überzeugen durch eine geschliffene Sprache. Seine Lyrik erfreut mich als Vor-Leser mit einem interessanten Duktus und einem pulsierendem Rhythmus der Verse. Beinah melodisch sind seine Reime aufgebaut und verführen geradezu zu einer musikalischen Vertonung.

Apropos Vertonung: Schon im Jahre 1978 wählte Achim Reichel ein Gedicht Fontanes für sein Album Regenballade aus. Ribbecks Birnen sind eben in jeglicher Form zu und zu schmackhaft…!


erschienen bei Aubau/ ISBN: 978-3351037734

[Rezension] Roberto Camurri – Der Name seiner Mutter

Wenige Monate nach seiner Geburt verschwindet Pietros Mutter aus dem Leben von ihm und seinem Vater Ettore – ohne Abschied, ohne Grund, plötzlich und ohne Vorwarnung. Seitdem wird geschwiegen, ihr Name nicht ausgesprochen. Selbst Ester und Livio, die Eltern seiner Mutter, sprechen nicht über ihre Tochter. Weder bei ihnen noch bei Ettore finden sich Fotos, Briefe oder sonstige Beweise, dass sie wirklich gelebt hat, vielleicht immer noch lebt, irgendwo. So wächst Pietro voller Unsicherheiten auf, fühlt sich unvollkommen, beinah leer und ist sich nie seiner Gefühle ganz sicher. Ettore versucht ihm ein guter Vater zu sein und ist doch immer nur die Hälfte eines Ganzen. Erst als Pietro selbst Vater wird, muss er erkennen, dass seine Mutter ganz nah bei ihm ist, auch immer ganz nah bei ihm war und erfährt endlich ihren Namen.

Wie ein heißer Sommertag rollte die Handlung über mich hinweg. Geradezu körperlich spürte ich die Schwere der unausgesprochenen Worte zwischen den Protagonist*innen und litt beinah gemeinsam mit Pietro, der zu verstehen versuchte. Hier verschwindet eine Frau aus der Mitte ihrer Familie, aus der Mitte ihres sozialen Umfelds und hinterlässt scheinbar kein Lebenszeichen, keine Spuren.

Ihr Sohn wächst mit dem Gefühl der Unvollkommenheit auf: Es fehlt ein wichtiger Mensch in seinem Leben, dessen „Nichtvorhandensein“ einen immensen Einfluss auf seine Entwicklung nimmt. Diese Lücke kann nur schwerlich geschlossen werden. Vielmehr klafft sie wie eine Wunde, heilt nur oberflächlich und wird bei der kleinsten Erschütterung des Lebens wieder aufgerissen. Pietros Fragen bleiben unausgesprochen und somit unbeantwortet, dafür keimen Gefühle von Schuld bei ihm auf: „Ist sie gegangen, weil es mich gibt?“

Autor Roberto Camurri konfrontiert uns in seiner Geschichte mit einer Melancholie, die nicht leicht dahinfließt sondern satt und schwer daherkommt. Er schafft eine fiebrige Spannung, da er seine Leserschaft an der inneren Zerrissenheit der Figuren teilhaben lässt. Seine Figuren sind ambivalent, sowohl Täter als auch Opfer, sowohl schuldig als auch unschuldig, sind menschlich und machen somit Fehler. Er lässt sie kaum in der direkten Rede sprechen und gönnt uns so einen wohltuenden Abstand, der bei aller Dramatik ein befreiendes Aufatmen möglich macht. Dabei schenkt er uns mit seiner wohl durchdacht eingesetzten Sprache Bilder voller Atmosphäre.

Dieser Roman wirkte auf mich wie ein schwüler Sommerabend: heiß, stickig, kaum erträglich – bis am Schluss ein Gewitter für die erleichternde Frische sorgt, und ein zartes Happy End am Horizont zu erahnen ist.


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956144325

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Agatha Christie – Lauter reizende alte Damen: Ein Fall für Tommy und Tuppence

„Entschuldigen Sie, aber war es Ihr armes Kind?“ raunte die freundliche Mrs Lancaster Tuppence Beresford leise zu, die im Salon des Seniorenheims „Haus Sonnenhügel“ auf die Rückkehr ihres Mannes Tommy wartet, der dort seine Tante Ada besucht. Mrs Lancasters Bericht von einem toten Kind hinter dem Kamin hört sich sehr fantastisch an, zudem sie auch schon ein wenig tüttelig zu sein scheint. Doch einige Wochen später ist Tante Ada tot und Mrs Lancaster wie vom Erdboden verschwunden. Im Nachlass von Tante Ada finden die beiden ein Bild, das Mrs Lancaster ihr geschenkt hatte, und Tuppence ist sich sicher, dass sie das dort abgebildete Haus schon einmal gesehen hat…!

Mit „Partners in Crime“ gönnte sich Agatha Christie ein Protagonistenpaar, das gemeinsam mit ihrer Schöpferin altern durfte (einen Luxus, den Christie sich mit Miss Marple und Hercule Poirot selbst verwehrte). So spielen die wenigen Kriminalromane um Tommy und Tuppence auch im jeweiligen Entstehungsjahr (1922: Ein gefährlicher Gegner, 1941: N oder M?, 1968: Lauter reizende alte Damen und 1973: Alter schützt vor Scharfsinn nicht), und so lernte ich die Beiden als junge Erwachsene kennen, begleitete sie als s.g. „Best Ager“ und begrüße sie nun wieder als älteres Ehepaar…!

Anfangs war ich etwas enttäuscht: Allzu betulich plätscherte die Handlung beinah belanglos dahin, und die Dialoge wirkten auf mich ein wenig hölzern. Dabei war mir nicht klar, ob dieser Umstand der Qualität der Übersetzung geschuldet war, oder ob Christie diesen Kniff sehr bewusst und somit voller Absicht anwandte, um die unaufgeregte Routine (die durchaus einen Hang zur Monotonie annehmen kann) innerhalb einer langjährigen Beziehung zweier Menschen zu beschreiben. Genau ab Seite 50 trat die Veränderung ein: Die Dialoge wurden lebendiger, und die Handlung nahm an Fahrt auf. Zudem wirkte der Umstand, dass Christie ihre Held*innen altern lässt, und diese mit den entsprechenden Veränderungen in ihrem Leben konfrontiert werden, nur allzu menschlich und somit äußerst sympathisch auf mich.

Auch in diesem Krimi wagte sich Christie wieder an ein heikles Thema (Kindstötung) und verarbeitete dieses sehr geschmackvoll-zurückhaltend ohne Effekthascherei. Dabei zeigte sie auch hier wieder ihre Kunst, eine Vielzahl an potentiellen Täter*innen zu etablieren und eine Fülle an falschen Spuren zu legen, um so ihre Leserschaft auf unterhaltsame Weise in die Irre zu führen. Trotzdem wirkte die Handlung auf mich etwas wirrer und weniger durchdacht, als ich es sonst von Christie-Krimis gewohnt war.

Doch hier leide ich mal wieder auf sehr hohem Niveau: Verständlicherweise konnte eine so produktive Autorin wie Agatha Christie, die über Jahrzehnte schriftstellerisch aktiv war, nicht ständig auf einem gleichbleibend hohen Niveau schreiben. Doch selbst ihre „schwächeren“ Werke verfügen über die Qualität, kurzweilige Lesestunden zu garantieren.


erschienen bei Atlantik/ ISBN: 978-3455010817

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Peer Gahmert & Philipp Feldhusen – Tatort Märchen: Wie »Die Bremer Stadtmusikanten« seit mehr als 200 Jahren den Rechtsstaat verhöhnen

„Etwas Besseres, als den Tod findest du überall…!“

Mit diesem Satz betteln vier zwielichtige Wesen schon seit Jahren bzw. Jahrzehnten – Ach, was sage ich! – seit Jahrhunderten um das Mitleid unschuldiger Leser*innen. Und dieser Satz ist es auch, der das Bild der berühmten Bremer Stadtmusikanten prägte und ihnen den Anschein von harmlosen und hilfsbedürftigen Kreaturen gab. Doch das ist nun vorbei, denn ihr falsches Spiel wurde endlich aufgedeckt.

Der unermüdlichen und aufopferungsvollen Recherche von Peer Gahmert und Philipp Feldhusen ist es zu verdanken, dass dieser Mythos zu guter Letzt entmystifiziert wurde. Denn so unschuldig, wie sich diese vier Tiere immer gaben, waren sie bei weiten nicht. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen und geschickter Täuschung ihres Umfeldes haben sie sich an dem Hab und Gut anderer bereichert. Ihre kriminelle Energie beweisen sie schon mit der Wahl ihres Namens: Sie nennen sich vollmundig „Bremer“ Stadtmusikanten, haben aber nachweislich Bremen nie erreicht. Vielmehr haben sie weit vor den Toren der Hansestadt in einem unübersichtlichen Wald die Besitzer einer Hüte aus eben dieser verjagt, sie aufgrund ihrer äußeren Erscheinung als Räuber tituliert und somit auf das Schmählichste verunglimpft. Diese armen, alten Männer wurden somit ihrer Existenz beraubt und sind wahrscheinlich in den unwirtlichen Tiefen der Wälder gar kläglich zu Grunde gegangen.

Gahmert und Feldhusen haben die scheinbar unüberwindbare Bürde auf sich genommen, am Sockel der Identifikationsfiguren einer gesamten Stadt zu rütteln. Hierzu führten sie gefährliche Feldstudien durch, indem sie im privaten Umfeld die eigenen Kinder und Eltern um ihre Wahrnehmung zu diesem Märchen baten. Fachlich untermauerten sie ihre These, indem sie eine Vielzahl an Interviewpartner aus unterschiedlichen beruflichen Kontexten zu Wort kommen ließen. Aus sehr mannigfaltigen Perspektiven wurde so das Phänomen „Bremer Stadtmusikanten“ beleuchtet: So wurden – neben einer Literaturwissenschaftlerin, einem Rechtshistoriker und einem Anwalt – u.a. auch die Polizei und der ehemalige Bürgermeister der Hansestadt um ein Statement gegeben. Selbst wenn die Meinung der Interviewpartner von der These der Autoren abwich bzw. diese scheinbar widerlegt wurde, ließen sie sich durch schnöde Fakten nicht von ihrem Glauben abbringen.

Als krönenden Abschluss offerieren sie ihrer nach Wahrheit lechzenden Leserschaft eine redigierte Fassung des Märchens, die – meiner Meinung nach – unverzüglich in jede Grimm’sche Märchensammlung integriert werden sollte. Diese Maßnahme scheint mir längst überfällig, da die Ur-Fassung nunmehr seit über 200 Jahren irreparable Schäden in abertausenden Kinderseelen hinterlassen hat. Ja, auch in meiner…! Auch meine Seele wurde zutiefst verletzt, und sie ist es noch immer. Ihr seht es mir vielleicht nicht an, aber in mir schlummert ein sensibler Schöngeist, der gefangen ist im Körper eines übergewichtigen Fernfahrers.

Intuitiv habe ich immer gespürt, dass mit diesem Märchen etwas nicht stimmte. Nun habe ich Gewissheit, und meine Wunden können endlich heilen. So danke ich diesen beiden mutigen Autoren aus übervollem Herzen, die mir den Glauben an den echten, reinen und wahren investigativen Journalismus wiedergegeben haben.

Peer! Philipp! Wenn es in unserem Land einen Pulitzer-Preis gäbe, ihr hättet ihn verdient!

Lust auf weitere Informationen? Dann empfehle ich Euch den Artikel Tatort Märchen: Das wahre Gesicht der Bremer Stadtmusikanten.


erschienen bei Seriöser Verlag/ ISBN: 978-3982246901

[Rezension] »Mir träumte, du bliebest mir gut« – Die schönsten Liebesgedichte/ herausgegeben von Matthias Reiner/ mit Illustrationen von Isabel Pin

Ach ja, die Liebe…!

Was musste sie nicht schon alles aushalten? Wofür musste sie nicht schon alles herhalten? Freundschaften gingen zu Bruch, und Feindschaften entstanden. Kriege wurden wegen ihr entfacht und wieder beendet. Gefühls-Tsunamis tobten in so mancher Seele, und der Boden bebte unter so manchen Füßen beim Anblick des geliebten Menschen. Kapitelweise wurde sie in Büchern beschrieben, und Verse über Verse füllen unzählige Seiten.

Ach ja, die Liebe…!

Die ansprechende Insel-Bücherei ist immer ein Blick wert und verführt mit anspruchsvollen Inhalten in Kombination mit einer exquisiten Optik. Ich habe mir vorgenommen, dass so nach und nach alle Bücher dieser Reihe in mein Bücherregal einziehen dürfen. So beschenke ich mich zum heutigen Valentinstag selbst mit diesem wunderbaren Büchlein voller Liebesgedichte. Herausgeber Matthias Reiner schlägt mit dieser Auswahl einen spannenden Bogen zwischen klassischen und zeitgenössischen Lyriker*innen.

Da wird Edurard Mörikes Herz Auf einer Wanderung durch einen Liebeshauch berührt, Wislawa Szymborska trauert auf dem Bahnhof einer vertanen Chance hinterher, und für Robert Gernhardt ist ein Gelungener Abend mit einem „besonderen“ Schluck verbunden.

Emily Dickinson sehnt sich Wilde Nächte herbei, während Joachim Ringelnatz eine männliche Briefmarke gezwungenermaßen auf Reisen schickt. Ulla Hahn wollte Nie mehr dieses Gefühl des sehnsuchtsvollen Wartens erleben, und Mascha Kaléko schreibt sich Weil du nicht da bist die Einsamkeit von der Seele.

Oswald von Wolkenstein reimt und rüttelt, „verst“ und schüttelt sich seitenweise voller überschäumender Sehnsucht die Liebste herbei. Christian Morgenstern huldigt in Die zwei Wurzeln der alten Liebe, die zwar nicht mehr so stürmisch dafür umso beständiger ist.

Isabel Pin unterstreicht die Vielfalt der Gedichte mit ihren federleichten Illustrationen, die wie „hingeworfen auf Papier“ wirken.

Ach ja, die Liebe…!

In diesem kleinen, feinen Büchlein wird sie in der schönsten und poetischsten Weise gehuldigt.

❣️Ich wünsche Euch von Herzen einen wunderbaren Valentinstag!❣️


erschienen bei Insel-Bücherei/ ISBN: 978-3458205258

[Rezension] Melanie Raabe – Kreativität: Wie sie uns mutiger, glücklicher und stärker macht

„Hach, ihr schwulen Männer, ihr könnt ja so gut zuhören, seid so emphatisch und so unglaublich kreativ…!“ Ich bin mir sicher, dass ich nicht der einzige schwule Mann bin, der im Laufe seines Lebens eine dem ersten Anschein nach wohlmeinende Lobeshymne über sich ergehen lassen musste. Dabei fühlte ich mich bei diesen Worten nie geschmeichelt, vielmehr wurde tief in die Klischee-Kiste gegriffen, und es versteckt sich hinter diesen Worten eher eine verkappte Diskriminierung. Denn ich konnte nie begreifen, warum mich meine sexuelle Orientierung für die oben genannten Attribute per se prädestinieren sollte. Ja, es gibt durchaus Bereiche in meinem Leben, in denen ich unglaublich kreativ bin. Aber Kreativität ist ja nicht unbedingt angeboren – im Sinne von: entweder ein Mensch besitzt sie oder eben nicht. Kreativität ist für mich eher etwas, dass gehegt, gepflegt und sich dadurch entwickeln kann. Häufig blockiere ich mich selbst, indem ich mir vorgaukle, ich bräuchte für die Kreativität mehr Zeit, Raum, Geld, Luft, Liebe etc. Doch allzu oft benötigt die Kreativität nur einen kleinen Impuls, um ans Tageslicht zu gelangen.

Melanie Raabe ist eine dieser Menschen, die so unglaublich kreativ sind – und dabei ist sie gar nicht schwul! Doch auch sie wird – wie wir alle – von Günther, dem inneren Schweinehund, ausgebremst, der ihr warnend die evtl. möglichen Konsequenzen ihres Tuns ins Ohr flüstert und uns somit durch unsere Ängste manipuliert. Melanie Raabe legt uns mit ihrem ersten Sachbuch ein Mutmachendes Plädoyer in die Hände, das uns befähigt, Günther vielleicht nicht gänzlich verstummen zu lassen, aber wenigstens dröhnt seine Stimme nicht mehr ganz so laut in unseren Ohren.

Wenn wir alle Tipps der 7 Kapitel befolgen, werden wir die „vollkommende Kreativität“ erlangen…! Nein, natürlich nicht: Melanie Raabe verspricht nichts Unmögliches. Vielmehr lässt sie uns an ihrem eigenen kreativen Prozessen teilhaben, plaudert sozusagen aus dem Nähkästchen der eigenen Schaffensperioden, die durchaus auch Stagnation erleben und würzt ihre Thesen mit entsprechenden Zitaten bzw. Hinweise auf Personen und Bücher, die sie inspiriert haben (die jeweiligen Quellen sind im Anhang des Buches zu finden). Dabei geht sie in ihrem Aufbau des Buches sehr organisch vor: Nachdem sie versucht, eine Definition für „Kreativität“ zu finden, ermutigt sie uns, die eigene Kreativität wachzurütteln. Ist diese Kreativität erst in uns erwacht, braucht sie Dünger, um weiter blühen zu können. Doch so wie wir wissen, was uns kreativ werden lässt, ist es ebenso wichtig zu wissen, was uns hemmen kann. Aber auch beruflich kann kreatives Arbeiten genutzt werden. Häufig wird Kreativität in Zusammenhang mit einem künstlerischen Ausdruck gesehen: Im letzten Kapitel offenbart uns die Autorin, dass Kreativität unser Leben auch im schnöden Alltag bereichert.

In ihren Texten spricht die Autorin ihre Leserschaft (m/w/d) sehr neutral doch durchaus persönlich an und macht damit deutlich, dass dies ein Buch für alle Menschen unabhängig ihrer Geschlechtsidentität ist. Darum verwunderte mich die grafische Gestaltung dieses Buches, und ich kann nur vermuten, dass dies einem Kompromiss der Autorin mit dem Verlag geschuldet ist: Weiblich anmutende Figuren tummeln sich verspielt über die Seiten und frönen vornehmlich Hobbies wie Malen, Backen oder Stricken. Die Optik wirkt auf mich eher bieder. Da hätte ich mir – neben dem Mut zur Kreativität 😉 – ein wenig mehr an Diversität gewünscht!

Dem Spaß an der Lektüre tut dies kein Abbruch: Melanie Raabe ist ein unterhaltsames Sachbuch gelungen, das – im launigen Plauderton einer Freundin gehalten – nicht überfordert sondern durchaus auf mich inspirierend wirkte.

Und so favorisiere ich besonders ihre Taktik der „kleinen Schritte“, die ich mit einem Zitat aus dem Buch veranschaulichen möchte:

Wenn ich nach Lesungen aus meinen Romanen am Signiertisch sitze, komme ich häufig mit Leuten ins Gespräch, die auch gerne einmal ein Buch schreiben würden. Ich sage dann immer dasselbe: „Bitte tun Sie es doch einfach! Wenn Sie es nicht wenigstens versuchen, bereuen Sie es vielleicht irgendwann!“ Häufig antwortet man mir dann, dass die nötige Zeit einfach nicht da sei. Ich rate dann immer, ganz kleine Schritte zu machen. Sich jeden Tag eine Stunde zu nehmen. Und wenn das nicht geht, eine halbe. Ich feilsche. „Fünfzehn Minuten! Zehn! Fünf?“ Oft höre ich dann eine Variation dieser Antwort: „Nur fünf Minuten am Tag? Wissen Sie, wie alt ich sein werde, wenn ich dann mit meinem Buch fertig bin?“ Ja, das weiß ich. Genauso alt, wie Sie sein werden, wenn Sie es nicht tun.

Ich versuche mich an meiner ganz eigenen und persönlichen Kreativität, denn ich möchte später nichts bereuen!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin Kim von „Populär Kollektiv“. 


erschienen bei btb/ ISBN: 978-3442758920

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Manfred Schmidt – Nick Knatterton: Alle aufregenden Abenteuer des berühmten Meisterdetektivs

Er ist cleverer und smarter als jeder anderer. Er ist flexibel wie eine Spinne und benötigt zum Ermitteln keinen struppigen Begleiter. Er wird bei Wut zwar nicht grün aber entwickelt doch übermenschliche Kräfte. Sein technisches Equipment ist so raffiniert ausgefeilt, dass sogar die Fledermaus die Flügel ergeben von sich streckt. Sein Kryptonit ist die holde Weiblichkeit, und so reitet er lieber allein („I’m a poor lonesome cowboy…!“) in den Sonnenuntergang.

Nick Knatterton ist der legendäre Comic-Held der Wirtschaftswunderjahre der noch jungen Republik. Von 1950 bis 1959 wurden die Geschichten als klassische Comic-Strips in der Illustrierten „Quick“ abgedruckt. Aufgrund der großen Popularität erschienen schon ab 1952 die ersten Sammelbände, in denen jeweils zwei bis drei Episoden veröffentlicht wurden. Allerdings wurden bei den bisherigen Sammelbänden bzw. Gesamtausgaben auf das Querformat verzichtet. Erst die vorliegende Gesamtausgabe aus dem Jahre 2007 präsentiert die Comics wieder im Stripformat.

Nach eigener Aussage seines Schöpfers Manfred Schmidt diente ihm als Vorlage für den Detektiv kein geringerer als Hans Albers in dem Film „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ aus dem Jahre 1937. So verbeugt er sich vor seinem Vorbild Sir Arthur Conan Doyle und schuf eine freche und respektlose James Bond-Parodie. Optisch und intellektuell war Nick Knatterton eindeutig an der Figur des großen Vorbildes angelehnt. Doch seine Abenteuer waren so haarsträubend unglaubwürdig und absolut „Over the Top“, dass sie einem Groschenroman entsprungen sein könnten. Manfred Schmidt wollte einen beispielhaften Comic schaffen, der einen so hohen Wiedererkennungswert haben sollte, dass die Figur „Nick Knatterton“ gerne zu Reklamezwecke „missbraucht“ wurde (…ein Umstand, der sogar im Comic genüsslich persifliert wird!), und sein Ausruf „Kombiniere!“ in aller Munde war. Selbst ein launiger Fox-Trott wurde dem berühmten Meisterdetektiv gewidmet:

Dabei scheint es nicht, dass Schmidt seine Stories akribisch am Storyboard plante. Es ist viel wahrscheinlicher, dass die Fortsetzungen von Woche zu Woche entstanden. So ließ er spontan seinen Helden in unerwartete Situationen schlittern oder befreite ihn aus eben diesen. Ebenso spontan konnte er auf das aktuelle Zeitgeschehen eingehen: Er sparte nicht mit ironischen Anspielungen auf Politiker, das Wirtschaftswunder und das Finanzamt. Das weibliche Geschlecht spielte eine nicht unwesentliche Rolle in einem „Knatterton“-Abenteuern, sei es als die unschuldig Naive in Nöten oder als verführerisch-verruchte Femme Fatale. Sie alle wurden pikant-erotisch in Szene gesetzt, so dass die Art der Darstellung einen Hang zum damaligen männlichen Chauvinismus vermuten lässt.

Aber auch alle weiteren Figuren triefen vor Klischees. Eine realistische Zeichnung der Personen oder eine nachvollziehbare Handlung sucht man bei „Nick Knatterton“ vergebens, wird aber auch nicht erwartet: „Hauptsache es passiert was!“ Und dass in jeder Folge etwas völlig Unerwartetes passierte, war bei „Nick Knatterton“ ganz gewiss. Wie Schmidt im Vorwort dieses Pracht-Sammelbandes warnend mitteilte: „Dem Leser bleibt garantiert nichts erspart!“

„Stimmt! Und es bereitete mir immens viel Spaß…!


erschienen bei Lappan/ ISBN: 978-3830331520

[Rezension] Robert Galbraith – Böses Blut: Ein Fall für Cormoran Strike

11. Oktober 1974: Margot Bamborough, eine erfolgreiche Ärztin, junge Mutter und Ehefrau, verschwand auf dem Weg zu einem Treffen mit ihrer Freundin spurlos. Der ermittelnde Inspector Bill Talbot versuchte einen Zusammenhang zu den brutalen Morden des damaligen Serienkillers Dennis Creed, dem s.g. „Essex Butcher“, herzustellen, verstrickte sich in seinen manischen Wahnvorstellungen zunehmend in abstrusen, astrologischen Theorien. Doch auch der nachfolgende Ermittler war eher darauf bedacht, diesen verzwickten Fall dem Serienkiller zuzuschreiben und so möglichst schnell „ad acta“ zu legen, als den widersprüchlichen Zeugenaussagen nachzugehen. 40 Jahre später bittet Margots Tochter das erfolgreiche Ermittler-Duo Cormoran Strike und Robin Ellacott das Verschwinden ihrer Mutter zu untersuchen. Sie gibt ihnen für die Nachforschung in diesem Cold Case ein Jahr Zeit, in der Hoffnung, dass die beiden Detektive ihr dann die langersehnten Antworten auf so viele Fragen liefern können. Doch in diesem einen Jahr kann so vieles passieren…!

Joanne K. Rowlings Erzählstil würde ich durchaus als „episch“ bezeichnen: Kleine Erzählungen mit einer überschaubaren Seitenzahl scheinen nicht ihr Ding zu sein. Wie schon zuvor bei der erfolgreichen Harry Potter-Serie kreiert sie auch als Robert Galbraith eine eigene, sehr detailreiche Welt rund um den hünenhaften Privat-Ermittler Cormoran Strike und seinem Team. Vielen Leserinnen und Lesern geht dies zu weit. Doch mir gefällt’s…!!!

Denn gerade dieser Detailreichtum sorgt bei mir für einen Wiedererkennungswert: Es scheint mir beinah, als träfe ich alte Bekannte, die mir wieder einen Blick in ihr Leben und Arbeiten gewähren. Dies schafft Anknüpfungspunkte an die handelnden Personen, beleuchtet die Hintergründe ihres Tuns und weckt sowohl Verständnis wie auch Unverständnis gegenüber ihrer Taten. Realistisch skizziert die Autorin den oftmals wenig glamourösen Arbeitsalltag der Privat-Detektive: das Wühlen in der Privatsphäre anderer Menschen, stundelange Observationen ohne nennenswerte Erkenntnisse, den Einfluss der Ermittlungsergebnisse auf das weitere Leben der Klienten…! Und auch die Arbeit an diesem Cold Case ist geprägt durch eine zeitintensive und zermürbende Recherche, dem Studium alter Fallakten und dem Aufspüren und Befragen früherer Zeugen, deren Wahrnehmung sich im Laufe der Jahre durchaus verändert haben könnte.

Dabei erlaubt Rowling ihren Held*innen an einander und am jeweiligen Fall zu wachsen und gibt ihnen somit die Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung: Strike und Ellacott offenbaren sich gegenseitig vorsichtig ihre Gefühle zueinander und spüren gleichzeitig eine Angst, dass ihr fragiles Beziehungs-Konstrukt aus Freundschaft, geschäftlicher Partnerschaft und Zuneigung zerbrechen könnte. Aber auch die Nebenfiguren erhalten genügend Raum zur Profilierung. Und so entfaltet sich vor den Augen der Leser*innen ein buntes Kaleidoskop aus vielschichtigen Typen und ihren Schicksalen, das uns in die Tiefen menschlicher Obsessionen führt.

Auch in diesem Fall offenbart Rowling uns recht schnell die scheinbar unzähligen Teile dieses Puzzles: Alle Komponenten scheinen vorhanden, nur die Zusammenhänge liegen im Verborgenem, werden erst durch die akribische Arbeitet der Ermittler aufgedeckt und peu à peu miteinander verbunden. Am Ende fügen sich alle Puzzle-Teile, alle Details (und schienen sie noch so unwichtig) zu einem großen und überraschenden Ganzen zusammen.

Joanne K. Rowling (alias Robert Galbraith) bleibt sich und ihrem Erzähl-Stil treu und präsentiert ihre Geschichten weiterhin auf sehr hohem Niveau!

Lust auf weitere Meinungen? Dann empfehle ich Euch die Rezensionen meiner Blogger-Kolleginnen JANINA LEHMANN von „Frau Lehmann liest“ und Herba von „Unkraut vergeht nicht….oder doch?“.


erschienen bei Blanvalet/ ISBN: 978-3764507688

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!