[Rezension] Meike Winnemuth – EINE SEITE NOCH. Warum Lesen uns so glücklich macht

Da meint die Autorin doch tatsächlich, mir mit diesem Buch erklären zu müssen, warum Lesen mich glücklich macht. Ich lese seit meinem 5. Lebensjahr: Im Laufe der Jahrzehnte konnte ich reichlich Lese-Erfahrung sammeln, um sehr genau zu wissen, warum mich Lesen glücklich macht. Wäre dieser Zustand nicht eingetroffen, dann würde ich schlussendlich auch nicht lesen. Also: Brauche ich dieses Buch? Habe ich durch die Lektüre dieses Buches irgendeinen Mehrwert? Beeinflusst dieses Buch mein bisheriges Lese-Verhalten?

„Ja! Jaaa! Jaaaaa!“ brülle ich laut und erschrecke mich über mich selbst. Denn: Dieses Buch ist ein Geschenk an alle Lesenden, eine Bestätigung all meiner beim Lesen aufgewühlten Emotionen, Labsal für meine geschundene Seele, Balsam für mein gebeuteltes Herz und Trost für alle sinnbefreiten Kommentare, die ich mir im Laufe meines Leser-Lebens von verständnislosen Nicht-Lesern anhören musste. Ich lese, also bin ich! Punkt! Mehr gibt es nicht zu wissen. Doch Meike Winnemut kleidet es in ihrem Essay EINE SEITE NOCH in so wunderbare Formulierungen, gibt Denkanstöße – ja, auch Literaturtipps – doch diese fließen wie selbstverständlich so nebenbei in den Text. Vielmehr beobachtet die Autorin sich selbst über mehrere Monate und reflektiert ihr Handeln. Und gerade in Bezug auf Bücher sind wir Lesenden uns so ähnlich. Da können wir noch so sehr unsere Individualität wie einen Schutzpanzer vor uns her tragen.

So egoistisch der Akt des Lesens auch ist, gänzlich alleine mit uns (und einem Buch) schotten wir uns vor der Außenwelt ab und verweigern ihr unsere Verfügbarkeit, danach spüren wir nur allzu deutlich den unbändigen Wusch, uns über das Gelesene auszutauschen. Auch Meike Winnemuth frönt dem Austausch, sei es im Hause einer von ihr verehrten Autorin, in Lese-Zirkeln der Bibliotheken oder Chat-Gruppen, die sich mit den Büchern der Shortlist des Deutschen Buchpreises beschäftigen. Stichwort Buchpreise: Unterschiedliche Bücher in einem Wettbewerb miteinander zu vergleichen, erschien auch mir immer etwas paradox. Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, und wer bin ich, einen Text, der mir nicht zusagt, schlechter zu bewerten als einen Text, der zufällig meinen Geschmack trifft. Zumal ein und derselbe Text von verschiedenen Lesenden subjektiv interpretiert wird – jede*r von uns speist seine Interpretation aus höchst individuellen Erfahrungen, die Einfluss auf unser Lesen nehmen. Wie zur Bestätigung meiner These lese ich…

Ein Buch wird mit jeder Lektüre neu erfunden.
Lesen ist nicht nur passives Konsumieren eines Textes,
sondern ein aktiver kreativer Prozess…

„Ja! Jaaa! Jaaaaa!“ brülle ich abermals, doch diesmal erschrecke ich nicht. Vielmehr atme ich erleichtert auf: Ich wurde gesehen. Ich bin nicht allein. Da ist ein Mensch, der mich versteht. Und es gibt dieser Sätze voller Weisheit noch viele in diesem Buch. Beinah bin ich versucht, sie farblich zu markieren. Als Bibliophiler tue ich diesen Frevel dem Buch natürlich nicht an. Das Buch wäre dadurch auch sehr bunt geworden. Und so lese und lese und lese ich, dabei merke ich mir diese vielen klugen Sätze bewusst nicht, vielmehr versuche ich die Erinnerungen an die Gefühle, die sie bei mir während des Lesens heraufbeschworen haben, zu bewahren.

Meike Winnemuth ermutigt uns, mit dem Hang zur Selbstgeißelung zu brechen. Wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben – weder wegen Büchern, die nicht bis zum Ende gelesen wurden, noch wegen einem sich auftürmenden Stapel ungelesener Bücher. Auch wird niemand gezwungen, irgendeine Liste abzuarbeiten, auf der Bücher zu finden sind, die angeblich jede*r (ein)gebildete*r Leser*in im Leben unbedingt gelesen haben sollte. Wobei die Autorin uns durchaus den Rat ans Herz legt, einen der großen seitenstarken klassischen Meisterwerke zu lesen. Die Lektüre bzw. die Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk über eine längere Zeit hinweg kann durchaus lebensverändernd und persönlichkeitsformend sein. Dies kann ich nur bestätigen: Bei mir war DIE ELENDEN von Victor Hugo sehr prägend.

Für mich wenig überraschend war die Erkenntnis der Autorin, dass oft ein Buch an ein anderes anknüpft. Da wird in einem Roman aus einem anderen Roman zitiert, oder eine der handelnden Personen findet Trost und/oder Hilfe beim Lesen in einem bestimmten Buch, schon gehen bei mir die Antennen auf Empfang. Wenn ich auch nicht jedes Mal das erwähnte Werk selbst lesen muss, so ertappe ich mich zumindest recht häufig dabei, dass ich nach weiteren Informationen recherchiere. Zudem ist es auch mir schon passiert, dass sich passende Sekundär-Literatur bereits in meinem Besitz befindet. Für alle, die wie ich über eine stattliche (An)Sammlung an Büchern verfügen und nicht sicher sind, wo entsprechende Sekundär-Literatur zu finden ist – im Zweifelsfall ist der bereits erwähnte Stapel mit ungelesenen Büchern ein guter Ausgangspunkt, um mit der Suche zu beginnen.

EINE SEITE NOCH ist ein wunderbar humorvolles Kompendium, das mir eine Fülle an Anknüpfungspunkte zu Büchern schenkte und die Vielfalt der Literatur feiert. Meike Winnemuth schuf so eine warmherzige Hommage an das Buch und ein überzeugendes Plädoyer für das Lesen.

Ich lese, also bin ich! Das genügt! Punkt!


erschienen bei Penguin / ISBN: 978-3328604785
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Frances Stickley – MÄUSCHENS ÄPFEL/ mit Illustrationen von Kristyna Litten

„Ach, herrjeh, wie entzückend!“ entfleuchte es mir spontan, als ich dieses Bilderbuch aufschlug und die ersten Illustrationen bewunderte. Schnell hatte mich diese charmante Geschichte für sich eingenommen.

Heute ist ein Glückstag für das kleine Mäuschen: Es hat vier köstlich glänzende Äpfel für sein Abendessen gefunden. Aber, ojemine, da kommt Bär! Er ist sehr hungrig und furchtbar schlecht gelaunt. Bär will alle Äpfel für sich allein haben. Mäuschen braucht nun schnell einen klugen Plan.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Frances Stickley erzählt ihre „David gegen Goliath“-Geschichte in melodischen Reimen, die mich animierten, sie laut vorzutragen. Dabei schlüpfte ich abwechselnd voller Freude in die Rolle von Mäuschen, dann wieder in die Rolle von Bär: So wurde immer im Wechsel mal gefiept und mal gebrummt. Auch der Part des Erzählers wurde von mir mit Enthusiasmus interpretiert und die Reime entsprechend mit Leben gefüllt. Es war für mich als Vorleser eine Wonne, mich in diese liebenswerte Geschichte fallen zu lassen.

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Einen nicht unerheblichen Anteil an meiner Begeisterung hatten auch die gar wundervollen Illustrationen von Kristyna Litten, die eine phantasievolle Welt zwischen „Alice im Wunderland“ und Wimmelbuch zeigten. Bereits das Vorsatzpapier zeigte einen reizenden Lageplan, auf dem alle wichtigen Schauplätze unserer Erzählung zu finden waren. Die Flora und Fauna boten so reichlich märchenhafte Details, dass mein Blick immer wieder aufs Neue gefesselt wurde. Zudem war ihre Farbauswahl so duftig leicht, dass nichts allzu bedrohlich erschien. Da war der Wald zwar dunkel aber nicht düster. Es gab nichts, wovor sich die Jüngsten beim Betrachten dieses Buches fürchten müssten. Selbst der grantelnde Bär hatte eher mein Mitgefühl: Wir kennen es doch sicherlich alle, wie übellaunig und elendig man sein kann, wenn der Magen gar mächtig knurrt.

Ebenso duftig leicht schlich sich „die Moral von der Geschicht’“ in mein Bewusstsein. Sie war so duftig und so leicht, dass ich sie anfangs gar nicht als Moral wahrnahm: „Häh? Moral? Was denn für eine Moral?“. Und diesen Umstand bitte ich als Kompliment zu sehen. Mir sind Bilderbücher, die mir ihre Moral wie mit einem Vorschlaghammer ins Gehirn prügeln, mehr als suspekt.

Hier geht es um das Miteinanderteilen, um Fairness und um den Umgang mit Macht. Nur weil jemand größer und lauter ist, bedeutet dies nicht, dass er mehr Rechte hat, als jemand, der kleiner und leiser ist. Denn manchmal sind es genau diese vermeintlichen Schwächen, die sich nur allzu oft als Stärken entpuppen.

Und so endet diese herzerwärmende Geschichte absolut positiv dank der Stärke von Mäuschen, auch verzeihen zu können…

💜


erschienen bei Bohem / ISBN: 978-3959392556 / in der Übersetzung von Nils Aulike
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Ethel Lina White – DIE FRAU IM ZUG

Der „Master of Suspense“ Alfred Hitchcock griff bei der Wahl seiner Film-Sujets gerne auf literarische Vorlagen zurück. So entstand u.a. einer seiner bekanntesten Stummfilme DER MIETER/THE LODGER (1927) nach einem Roman von Marie Adelaide Belloc Lowndes. Seine DIE 39 STUFEN/THE 39 STEPS (1935) nach dem gleichnamigen Roman von John Buchan erfreuen sich auch Jahre später als aberwitzige Bühnenfassung großer Beliebtheit. Auch Daphne Du Mauriers Roman REBECCA (1940) schaffte es dank Hitchcock auf die große Kinoleinwand. Und auch der Roman IMMER ÄRGER MIT HARRY/THE TROUBLE WITH HARRY von Jack Trevor Story amüsiert das Publikum weiterhin als schwarzhumorige Filmkomödie (1955).

Nur zwei Jahre nach Erscheinen des Romans EINE DAME VERSCHWINDET/ THE LADY VANISHES von Ethel Lina White nahm sich Alfred Hitchcock dieser Geschichte an und schuf daraus den gleichnamigen Mystery-Thriller (1938).

Warum nun der Dörlemann-Verlag bei der aktuellen Neuauflage des Romans den eher neutralen Titel DIE FRAU IM ZUG wählte (Die vorliegende Übersetzung von Leni Sobez erschien bereits im Jahre 1996 unter dem bekannten Titel im Heyne Verlag), wird wohl ein Mysterium bleiben.

Die junge Urlauberin Iris Carr unterhält sich im Zug nach Triest mit der wie sie aus England stammenden Gouvernante Miss Froy. Doch als Iris nach einem kurzen Schläfchen aufwacht, ist die Mitreisende verschwunden, und deren ehemalige Arbeitgeberin, die im selben Zug reist, bestreitet, sie je darin gesehen zu haben. Bald zweifelt Iris, die vor der Abreise einen Sonnenstich erlitten hat, an ihrem eigenen Verstand. Aber sie sucht weiter nach der verschwundenen Frau, und allmählich wird klar, dass auf dieser Reise etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Es beginnt eher unspektakulär: Die reiche und verwöhnte Weise Iris Carr verbringt gemeinsam mit ihren „Freunden“ den Sommerurlaub in einem Berg-Hotel irgendwo in Europa. Diese Meute junger Menschen frönt dem guten Leben, nervt mit ihrer Oberflächlichkeit und verärgert durch ein unverschämtes und rücksichtsloses Verhalten sowohl ihre Mit-Gäste als auch das Hotelpersonal. Ausgerechnet die Gönnerin dieser Meute Iris Carr verspürt überraschenderweise den Wünsch nach Ruhe und ist dieser Meute überdrüssig. So bleibt sie alleine im Hotel zurück, um mit dem Zug erst am nächsten Tag abzureisen. Gegenüber den noch anwesenden Gästen verhält sie sich so wenig taktvoll, dass sie deren Unmut erregt. Doch eben jenen Menschen wird sie später im Zug wieder begegnen.

Da hatte ich bereits 100 Seiten gelesen, und es war bisher nichts Spektakuläres passiert. Oft hätte ich an diesem Punkt der Lektüre abgebrochen. Doch irgendwie spürte ich, dass die Autorin Ethel Lina White diesen langen Vorlauf bewusst verfasst hatte, um die Reaktionen der Personen auf die nachfolgenden Geschehnisse zu begründen. Ich sollte Recht behalten. Unsere Heldin wie auch die Nebenrollen werden gar wunderbar charakterisiert und liefern uns so glaubhafte Begründung auf ihr späteres Verhalten im Zug. Warum sollten sie Iris diese irrwitzige Geschichte einer verschwundenen Frau glauben, wo dieses verwöhnte Balg schon im Hotel so unhöflich ihnen gegenüber war? Zudem haben alle Mitreisende höchst persönliche Beweggründe, sich nicht in diese fragliche Entführungsgeschichte hineinziehen zu lassen.

Raffiniert spielt die Autorin mit den Tücken der objektiven Wahrnehmung: Im Laufe der Handlung war auch ich mir nicht mehr sicher, ob die besagte Miss Froy tatsächlich „real“ existiert, oder ob sie als Trugbild dem durch einen Sonnenstich in Mitleidenschaft gezogenem Gehirn von Iris entsprungen war – zumal alle logisch erscheinenden Indizien dagegen sprachen. White kreierte ein im Krimi gern bemühtes Setting, das auch diesmal seine Wirkung nicht verfehlte, und schuf durch die ablehnende Haltung der Mitreisenden gegenüber unserer Heldin eine beklemmende Atmosphäre. So spitzten sich die Ereignisse weiter zu und nahmen schnell an Fahrt auf, ebenso wie der Zug, der rasant durch die Landschaft raste, um pünktlich seinen Zielbahnhof zu erreichen.

Unvermittelt schwenkte die Autorin den Fokus auf die Familie von Miss Froy, und schlagartig wurde mir als Leser bewusst, dass sie nicht Iris Phantasie entschlüpft war, sondern tatsächlich in Gefahr schwebte. Diese Gegenüberstellung der angespannten Situation im Zug zu der schlichten Freude Miss Froys Familie auf ein baldiges Wiedersehen hatte etwas Rührendes und zutiefst Menschliches und erhöhte die Tragik.

Iris Carr hatte mit der vehementen Suche nach ihrer Reisebekanntschaft in ein Wespennest gestochert. Und ebenso wie die aufgescheuchten Wespen verhielten sich auch die Menschen im Zug: Während die Verbrecher sich verzweifelt um Vertuschung bemühten, und die unschuldigen Mitreisenden mit ihrem Gewissen kämpften, wagte Iris eine letzten verzweifelte Tat und rettete so Miss Froy das Leben…!

Wir Lesende haben so ein Glück, dass die Verlage die guten klassischen Krimis wiederentdecken: Uns wären so viele spannende Geschichten von tollen Autor*innen wie auch vergnügliche Lesestunden durch die Lappen gegangen.

Das wäre doch äußerst bedauerlich, oder?


erschienen bei Dörlemann (Alibi) / ISBN: 978-3038201960 / in der Übersetzung von Leni Sobez
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Walt Disney – LUSTIGES TASCHENBUCH. Musical

Das hätte ich mir nicht in meinen kühnsten Träumen ausdenken können, dass ich irgendwann hier auf meinem Blog ein LUSTIGES TASCHENBUCH rezensieren würde. Aber wie oft kommt es auch vor, dass ein Disney-Musical 25 Jahre non-stop an einem Ort gespielt wird?

Disneys DER KÖNIG DER LÖWEN in Hamburg hat diese Großtat vollbracht: Seine Premiere feierte dieses großartige Musical am 2. Dezember 2001 im Stage Theater im Hafen. Seitdem habe ich es mir im Laufe der Jahrzehnte bereits fünf Mal angesehen, und es war – dank der fulminanten Künstler*innen – immer äußerst emotional und mitreißend. Und ich glaube, es wäre höchste Zeit für den Besuch Nummer 6…!

Zu diesem bemerkenswerten Jubiläum scheint ein eigenes LUSTIGES TASCHENBUCH mehr als gerechtfertigt: Neben einer brandneuen Geschichte mit Donald, Onkel Dagobert und den Neffen Tick, Trick und Track, die gemeinsam bei ihrem Musicalbesuch im Hamburger Hafen viel erleben, gibt es noch 8 weitere (ältere) Geschichten rund um Bühne und Musik, die thematisch hervorragend zusammenpassen. Dabei zeigen sie eine überraschend abwechslungsreiche künstlerische Bandbreite – von Bollywood über Comedy bis klassischem Sprechtheater – mit dem Disney-eigenem Charme. Dazwischen gibt es viele Informationen zu DER KÖNIG DER LÖWEN im Besonderen und dem Genre Musical im Allgemeinen.

Beim Schmökern dieser liebenswerten Geschichten fühlte ich mich direkt in meine Kindheit versetzt, wo ein LUSTIGES TASCHENBUCH gerne unter meinem Kopfkissen griffbereit auf seinen Einsatz wartete.

Diese besondere Ausgabe von Disneys LUSTIGES TASCHENBUCH ist ein wunderbares Souvenir für Fans von Donald & Co., dem Musical und DER KÖNIG DER LÖWEN – also genau die passende Lektüre für mich! 💖


Neugierig geworden? Dann lest gerne meinen Beitrag zu unserem letzten Besuch bei DER KÖNIG DER LÖWEN.


erschienen bei Egmont Ehapa Media / ISBN: 978-3841329332

[Rezension] Pascal Davoz (nach Agatha Christie) – UND DANN GAB’S KEINES MEHR/ mit Illustrationen von Callixte

Auf zum nächsten Streich! Die Nummer 6 reiht sich nun beim Carlsen-Verlag in die gelungene wie erfolgreiche Agatha Christie Classics-Reihe ein und bietet auch diesmal Lese-Spaß für die Freunde von Graphic Novellen.

„Warum etwas ver(schlimm)bessern, wenn das Original so brillant ist?“ dachte sich wohl auch Pascal Davoz und hielt sich bei seiner Konzeption des Szenarios zu UND DANN GAB’S KEINES MEHR sehr nah am Roman von Agatha Christie, und er tat gut daran. Absolut schlüssig lässt er die Ereignisse auf der geheimnisvollen Insel Soldier’s Island ablaufen und hält sich selbst bei den Dialogen recht nah am Originalbuch.

Ja, auch im Falle dieser Graphic Novel wurde der für die Handlung so prägende aber in seiner Ursprungsfassung nicht mehr akzeptable Kinderreim zu „Zehn kleine Kriegerlein“ umgedichtet. Wie bereits in der aktuellen Übersetzung des Romans schmiegt sich dieser Kniff absolut harmonisch und somit ohne Brüche in die Handlung ein.

Zehn Männer und Frauen aus ganz unterschiedlichen Kreisen bekommen eine Einladung, die sie auf eine abgeschiedene Insel vor der Küste Devons lockt. Der Gastgeber, ein gewisser U.N. Owen, bleibt unsichtbar. Erst als die Gesellschaft beim Dinner zusammensitzt, ertönt seine Stimme aus einem alten Grammophon und verheißt Unheil. Ein Gast nach dem anderen kommt zu Tode, während die Verbleibenden verzweifelt versuchen, den Mörder zu enttarnen…

(Inhaltsangabe der Verlagsseite des Romans entnommen!)


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Auch Callixte (alias Damien Schmitz) war wieder mit an Bord und lieferte Illustrationen auf bekannt hohem Niveau. Das Setting, die Farbgebung sowie die sehr individuellen Physiognomien zum Handlungspersonal, die den Charakter der jeweiligen Person sehr passend wiedergab – alles entsprach wieder einem hohen Standard. Allerdings fehlte mir ein wenig das Unvorhersehbare, die Überraschung in der Darstellung, der Mut zum künstlerischen Risiko. So wirkte es auf mich ein wenig routiniert.

Interessanterweise wurde der Epilog, der als Erklärung für die Geschehnisse auf Soldier’s Island dringend benötigt wird, von Georges Van Linthout gezeichnet, der sich mit seinen Illustrationen sehr bemühte, nah am Stil von Callixte zu bleiben, dessen Qualität aber leider nicht gänzlich erreicht wurde.

Doch dies ist wahrlich nur ein Jammern auf hohem Niveau: Schlussendlich hielt ich eine gut umgesetzte Adaption eines Christie-Klassikers in meinen Händen und wurde durch sie abermals bestens unterhalten.


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551809100 / in der Übersetzung von Thomas Schöner
ebenfalls erschienen als Roman bei Atlantik / ISBN: 978-3455016949 und als Hörbuch bei DER HÖRVERLAG / ISBN: 978-3844550672
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Saša Stanišić – MEIN UNGLÜCK BEGINNT DAMIT, DASS DER STROMKREIS ALS RECHTECK ABGEBILDET WIRD. Eine Ermutigung

Ich las den Titel und dachte so bei mir „Stimmt! Warum wird eigentlich ein StromKREIS als RECHTECK dargestellt?“. Da hatte ich im jugendlichen Alter jahrelang den von mir so verhassten Physik-Unterricht beim Lehrer Herrn Tute (Er hieß tatsächlich so!), habe Schaltkreis über Schaltkreis mit dem Geodreieck fein säuberlich rechteckig auf das Papier gepinselt, und nie fiel mir dieser Widerspruch auf. Schade! Nur allzu gerne wüsste ich, welche Begründung Herr Tute dafür parat gehabt hätte.

Insgesamt neun Reden sind in diesem 160 Seiten umfassenden Büchlein versammelt. Acht Reden hat Saša Stanišić tatsächlich bei div. Veranstaltungen (u.a. Verleihung von Literaturpreisen, Vorlesung an einer Hochschule, Preisgala, Eröffnung eines Literaturhauses) bereits öffentlich vorgetragen. Bei einer der hier vereinten Reden hatte er bisher noch keine Gelegenheit, sie öffentlich – vorzugsweise in Graz – halten zu dürfen. Aber da sollte sich doch eine passende Gelegenheit finden, zumal – wie er betont – ihm der Anlass egal wäre.

So sind diese Reden natürlich sehr mit dem jeweiligen Kontext verbunden. Ist deren Inhalt dann trotzdem für Uneingeweihte nachvollziehbar und verständlich? Ja, er ist es, denn Stanišić spricht im Rahmen der jeweiligen Reden Themen an, die universell verstanden werden können. Dies macht er in seiner unnachahmlichen Art, persönliches Erleben und individuell Wahrgenommenes mit Humor einzurahmen. Da nimmt er – insbesondere wenn er aus seiner eigenen Biografie berichtet – der Tragik das allzu Schwere, ohne die Relevanz zu verwässern. Und genau dieser lakonische Ton, der gänzlich auf Mitleid verzichtet, traf mich umso intensiver ins Herz.

Saša Stanišić sieht sich als Pate für all die schwachen und verletzten Seelen und leiht den Sprachlosen seine Stimme. Stimme, Sprache, Verständigung – nur darüber kann Integration funktionieren.

Denn, wenn der Stromkreis der Veränderung unterbrochen ist, kann die Glühbirne der Weiterentwicklung nicht strahlen. So fordert er insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, sie sensibel an die deutsche Sprache heranzuführen und deren Liebe zu Wörtern und Geschichten zu fördern. Er bindet eigene Erlebnisse in seine Reden ein, die dadurch an Fülle gewinnen und mich umso mehr berührten. Da verlassen die Wörter das Schematische der Rede und formen sich zu einer Erzählung, die lebendig und unterhaltsam ist, da der Autor eine Vielzahl an Bildern in meinem Kopf entstehen ließ.

Seine Reden sind voller Leben und voller Weisheit. Sie nähren sich aus seinen Erfahrungen und seinen Erinnerungen. Er fordert uns auf nachzudenken, zu prüfen und zu hinterfragen. Denn jeder von uns trägt den Mut und die Kraft in sich, die Welt ein klein wenig besser zu machen.


erschienen bei Luchterhand / ISBN: 978-3630878409
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Rashin Kheiriyeh – WILLKOMMEN, ONKEL NOURUZ! WIR FEIERN DEN FRÜHLING

Frühling! – Ich bin so sehr reif für ihn! Nach Schnee, Glätte und Kälte sehne ich mich so sehr nach den ersten Sonnenstrahlen, die mit einem Hauch von Wärme auf meiner Haut kitzeln. Ich begrüße es so sehr, dass die Tage zwar langsam aber doch durchaus spürbar länger werden.

Licht! Ich brauche Licht so sehr! Und Farben! Licht und Farben!

Jedes Jahr wartet Naneh Sarma auf ihren alten Freund Onkel Nouruz. Unglücklicherweise verpasst sie ihn jedes Mal! Das ist schade, kündigt Onkel Nouruz doch den Frühling an. Zu seinen Ehren bereitet sie ihm ein rauschendes Fest. Gemeinsam mit ihren Enkelkindern wird das Haus gründlich geputzt, und es wird festlich aufgetischt. Wenn der Onkel eintrifft, döst Naneh Sarma aber bereits – wie jedes Jahr.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

„Mit Nouruz, was „neuer Tag“ bedeutet, beginnt sowohl das persische Neujahr als auch der Frühling. Seit mehr als 3.000 Jahren wird das Fest im Iran, in Zentralasien und auch jenseits davon gefeiert und ist eine sehr symbolträchtige Zeit der Freude – ein Fest der Erneuerung, Wiedergeburt und Hoffnung.“

…beginnt Rashin Kheiriyeh das Nachwort zu ihrem Bilderbuch, das mich mit seiner Farbigkeit belebte und erfrischend wie ein Frühlingswind auf mich wirkte. Ihre Illustrationen erscheinen, als hätte die Künstlerin zur Realisation Filzstifte wie auch Wachsmalstifte verwendet, und genauso abwechslungsreich die Farben in ihrem Stiftköcher waren, so bunt erstrahlen auch diese Bilder. Da leuchten die Farben mit aller Kraft und vertreiben mit ihrer Vitalität das Trübe und das Düstere. Beim Betrachten der Bilder bekam ich unweigerlich gute Laune, zumal Rashin Kheiriyeh so wunderbar mit Formen und Mustern spielte und ihre Figuren so warmherzig porträtierte.

Nouruz ist „ein Fest der Erneuerung, Wiedergeburt und Hoffnung“, aber es steht für mich auch für Gemeinschaft, Freundschaft und Gastlichkeit. Zusammenhalt: Wir Menschen brauchen in dieser momentan heraufordernden Zeit das Gefühl, dass wir zusammenhalten – im besten Sinne des Wortes. Gemeinsam Feste feiern könnte da helfen – unabhängig von Herkunft und Glaube, über Länder und Grenzen aber vor allem auch über dem eigenen Gartenzaun hinweg.

„Wer Bücher liest schaut in die Welt und nicht nur bis zum Zaune.“ sagte einst Johann Wolfgang von Goethe so weise. Und insbesondere so wertvolle Bilderbücher wie WILLKOMMEN, ONKEL NOURUZ! WIR FEIERN DEN FRÜHLING ermöglichen es den Kindern sich spielerisch auf eine phantasievolle Reise zu begeben, um unbekannte Kulturen besser kennenzulernen und so die inneren Hürden zu überwinden.

In Rashin Kheiriyehs Geschichte steckt Onkel Nouruz der schlafenden Naneh Sarma zärtlich eine Hyazinthe ins weiße Haar, als stände dies sinnbildlich für die ersten Frühlingsblüher, die ihre zarten Knospen durch die Schneedecke recken. Und in mir erwachte das Bedürfnis, auch mein Heim mit Narzissen, Tulpen und natürlich vielen Hyazinthen zu schmücken, um so vielleicht den Zauber des Frühlings in mein Haus zu locken.

Frühling! – Sei mir willkommen!


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107610 / in der Übersetzung von Susanne Seidita
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Vera Conny Jack – ACHT (UN)GEPLANTE TAGE MIT DIR

Ich habe bisher immer einen großen Bogen um Bücher gemacht, die aus der Feder von Menschen stammen, die mir persönlich bekannt sind. Damit meine ich nicht den eher oberflächlichen Kontakt, den man zu Autor*innen während einer Lesung hat. Ich meine eher Menschen, die ich in einem ganz anderen Zusammenhang kennengelernt habe, und die (rein zufällig) irgendwann ein Buch geschrieben und veröffentlicht haben. Da hoffe ich jedes Mal, dass von mir nicht erwartet wird, dieses Buch zu lesen und eine Rezension darüber zu verfassen. Denn wie verhalte ich mich, wenn mir besagtes Buch nicht gefallen sollte? Diplomatisches aber ängstliches Drumherum-Reden oder ehrliche und respektvolle Meinungsäußerung? Schließlich möchte ich die Gefühle der mir bekannten Person nicht verletzten. Versteht ihr nun, in welchem Dilemma ich stecke?

Doch warum habe ich nun eine Ausnahme gemacht? In diesem Fall handelt es sich um das Erstlingswerk meiner geschätzten Blogger-Kollegin Vera Conny Jack. Seit einer gefühlten Ewigkeit sorgen wir beide – gemeinsam mit zwei lieben Blogger-Kolleginnen – auf Instagram für die Themenauswahl am s.g. Challenge-Montag unter dem Hashtag #4x(+Name des Themas). Vera hätte mich nie in das eingangs beschriebene Dilemma hineinmanövriert, da wir ziemlich genau voneinander wissen, wer welche Genres gerne liest. So hat Vera höchstwahrscheinlich auch nie mit meinem Interesse an ihren Roman gerechnet. Doch dann dachte ich mir, dass Veras Werk vielleicht genau die richtige Lektüre ist, die mein Krimi-geschundenes Herz für Liebesromane erweichen könnte.

Also: „Here we go!“

Sie lässt sich gern treiben. Er plant jedes Detail. Vor ihnen liegen acht Tage New York. Übersetzerin Hazel darf für ihre beste Freundin eine gewonnene Reise nach New York antreten. Der Haken daran? Ihr Travelbuddy ist deren etwas nerdiger Bruder. Lukas ist nicht nur gar nicht ihr Typ, sondern zu allem Übel extrem durchgeplant, während Hazel gern die Atmosphäre vom Big Apple aufsaugen möchte. Was als Zweckgemeinschaft beginnt, wird zu einer wunderschönen Zeit in der Stadt, die niemals schläft. Sie kommen sich näher, dabei bleiben ihnen nur diese acht Tage. Und so schließen sie einen ungewöhnlichen Deal: Ein Time-out von ihren Leben…

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Okay, dass ich euch ausgerechnet am heutigen Valentinstag einen Liebesroman präsentiere, passiert natürlich nicht von ungefähr: Sehr bewusst habe ich diesen speziellen Tag für die Präsentation meiner Rezension gewählt. Dabei musste ich mich schon sehr zügeln, dass ich diesen Roman nicht früher rezensiere, zumal Vera ihn mir bereits im letzten Jahr direkt nach der Frankfurter Buchmesse zugeschickt hatte. Doch schnell war mir klar, dass ich euch diesen Roman – trotz meiner persönlichen Neugier – als Valentin-Schmankerl offerieren möchte.

Und so tauchte ich ein in eine literarische Welt, die sich mir bisher eher höchst selten erschlossen hatte, da sie nicht zu meinem präferierten Roman-Genre passt. Der Stil des Romans erinnerte mich an eine dieser wunderbaren, atmosphärisch dichten Romantik-Filme, wo das Flair einer Stadt nicht nur als Kulisse fungiert, sondern vielmehr eine wesentliche Hauptrolle spielt. So ist auch in dieser luftig-leichten Romanze Veras Liebe zu New York deutlich spürbar. Ihre Beschreibung dieser Stadt war so detailreich. Ich gewann den Eindruck, dass ich mich auf den Spuren von Hazel und Lukas begeben könnte, und würde die erwähnten Schauplätze eins zu eins in der Realität wiederfinden. Dabei belässt Vera es nicht bei einem simplen Sightseeing, sondern erlaubt ihren Figuren auch eine verständliche Emotionalität beim Besuch der Orte, wo das Schicksal tiefe Wunden in die Seele der Stadt gerissen hat.

Tagebuchartig lässt die Autorin mal die Heldin, mal den Helden zu Wort kommen. So schauen wir abwechselnd aus dem jeweiligen Blickwinkel von Hazel bzw. Lukas auf ihre „(un)geplanten Tage“ im Big Apple und erfahren so die sehr individuellen Eindrücke zu den gemeinsam erlebten Situationen. Dabei gelingt es Vera, den Charakter dieser Berichte den Persönlichkeiten der Beiden anzupassen. Der Lesende wird somit zum allwissenden Verbündeten, der beinah, wie mit seherischen Fähigkeiten ausgestattet, kommende Komplikationen erahnen kann. Da darf natürlich auch ein Hauch Erotik nicht fehlen, den Vera durchaus prickelnd doch äußerst geschmackvoll beschreibt.

Glücklicherweise vermeidet Vera es, entbehrliche wie unglaubwürdige Irrungen und Wirrungen in die Handlung einzubauen, die nur den Zweck erfüllen würden, künstlich Drama zu erzeugen und zusätzliche Masse ergo Seiten zu generieren. Somit konnte ich mich gänzlich auf die sich anbahnende Romanze, die sich schlussendlich als klassische „Boy meets girl, boy loses girl, boy gets girl back“-Story entpuppte, konzentrieren und nebenher ein wenig am reichhaltigen Bouquet der Welt-Metropole New York schnuppern.

Nein, auch diese Lektüre konnte mein Krimi-geschundenes bzw. (vielmehr) mein Krimi-liebendes Herz nicht für Liebesromane erweicht, aber es war eine charmante Abwechslung zu den vielen Schurken, Halunken und Gesetzesbrechern, die mir sonst zahlreich zwischen zwei Buchdeckeln über den Weg laufen.


erschienen bei Flamingo Tales / ISBN: 978-3989425118

[Rezension] Kerstin Hau – OBACHT!/ mit Illustrationen von Stella Dreis

„Entschuldigung! Dürfte ich bitte vorbei? Vielen Dank!“

Wie oft habe ich diesen Text im Supermarkt schon angebracht, wenn ein anderer Kunde bzw. eine andere Kundin konzentriert etwas im Regal suchte und dabei den Einkaufswagen ungünstig stehen ließ. Und noch nie habe ich auf meine Bitte eine negative Reaktion erhalten. Doch im Gegenzug, wenn ich konzentriert etwas im Regal suchte, wurde mir schon oft ein Einkaufswagen in die Hacken gerammt, oder ich wurde rüde zur Seite gedrängt – ohne ein Wort. Die Grundregeln eines respektvollen Umgangs scheinen bei einigen Mitmenschen – unabhängig vom Alter – nur noch wenig bekannt zu sein. Dabei ist es doch so einfach: Eine höfliche Ansprache und ein freundliches Lächeln – mehr braucht es nicht!

Aber das Einfache scheint häufig schon ein Zuviel zu sein. Wir müssen wieder lernen, dass ein Miteinandersprechen nicht nur gewünscht sondern auch gewollt ist. Sonst leben wir irgendwann in einer Welt, wo uns allen hin und wieder wunde Hacken quälen. Zumal „die Kleinen“ es nur lernen, wenn wir „Großen“ es ihnen vorleben?

„Sprecht miteinander!“ lautet die Devise, denn wer nicht miteinander spricht, erzeugt nur negative Gefühle und schlechte Gedanken und macht sich das Leben unnötig kompliziert. Ein respektvolles Miteinandersprechen ist der Schlüssel für eine gelungene Kommunikation, fördert das Verständnis und löst Konflikte.

Oh nein, vor der Stadt liegt ein riesiges Tier! Es versperrt den Weg. Eieiei, tönt der Wompf. Oje, stöhnt die Timpe-Ma. Da muss etwas gemacht werden! Und dann machen sie etwas. Sie decken das Tier zu, bauen eine Brücke drüber und eine Straße drum herum. Problem erkannt, Problem gebannt! Nur das Mienchen schüttelt den Kopf, ihm gefällt das gar nicht. Aber wer hört schon auf Mienchen? Da nimmt es sich ein Herz und spricht das Tier einfach an…

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Jaja, „die Kleinen“, sie werden so oft unterschätzt. Dabei haben sie manches Mal genau die richtigen Ideen und sehen das Naheliegende häufig deutlicher als wir „Großen“. Vielleicht hatte Kerstin Hau da ähnliche Gedanken wie ich, als sie sich die Handlung zu dieser reizenden Geschichte erdachte. Denn auch in OBACHT! denkt die Obrigkeit, bestehend aus den vermeintlich Klugen, viel zu umständlich, dafür wenig vorausschauend, was schlussendlich zu keinem Erfolg führt. Dafür wird Mienchen gerne überhört, übersehen und übergangen. Zum Glück besitzt diese plietsche Kleine genügend Selbstbewusstsein sowie Durchhaltevermögen, um diese Situation zu meistern. Denn Mienchen weiß, dass das Fremde weniger bedrohlich wirkt, wenn man es besser kennenlernt. So überwindet sie ihre Zurückhaltung vor dem großen, fremden Tier und spricht es höfflich an. Und siehe da: Das große, fremde Tier, das anfangs sooo bedrohlich wirkte, schaut nun freundlich lächelnd drein, und sie finden gemeinsam eine einvernehmliche Lösung.

Stella Dreis steuerte die entzückenden Illustrationen zu dieser kleinen aber weisen Geschichte bei. Sie kleidete die Bilder in schwarz-weiße Nuancen, in denen ein sattes Orange herrliche Akzente setzt und die Aufmerksamkeit des Betrachtenden auf wichtige wie witzige Details lenkt. Dabei schuf sie eine wunderbar wilde Bande aus höchst unterschiedlichen Charakteren – jede Figur so herrlich einzigartig und mit unverkennbaren Merkmalen. Da verspürte ich eine immense Freude beim aufmerksamen Betrachten jedes Bildes, um herauszufinden, wo welche Figur wieder in Erscheinung tritt.

Dies ist eines dieser wundervoll leisen Bilderbücher, das mit ganz viel Charme und einer noblen Schlichtheit eine riesengroße Wirkung erzielt: Es macht Mut, die eigenen Ressentiments zu überwinden, und ist ein Plädoyer für eine wertschätzende Kommunikation.


erschienen bei NordSüd / ISBN: 978-3314107344
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Melanie Raabe – DAS JAHR DER WUNDER/ mit Illustrationen von Rumi Benecke

365 schöne, kreative und inspirierende Ideen für mehr Freude und Leichtigkeit

Ich las den Untertitel dieses Buches und verdrehte die Augen. „Ach, herrje, das klingt aber sehr esoterisch angehaucht!“ dachte ich und wusste, ich würde ein solches Buch im Normalfall nie und nimmer in die Hand nehmen. Bei DAS JAHR DER WUNDER machte ich die berühmte Ausnahme von der Regel. Ich schätze Melanie Raabe sehr und durfte sie bereits bei Lesungen erleben. Darum ahnte (bzw. hoffte) ich, dass der Hauch der Esoterik nur in homöopathischen Dosen bei ihrem neusten Werk zum Einsatz käme. Zumal mir bereits ihr Buch KREATIVITÄT. Wie sie uns mutiger, glücklicher und stärker macht durchaus gefallen hat.

Dort wie hier zeigt sich Melanie Raabe als sympathische Impuls-Geberin, und ich gewann bei der Lektüre den Eindruck, dass sie auch mehr nicht sein möchte. Lehrmeisterhafte Attitüden gehen ihr völlig ab. Ihre 365 Ideen für DAS JAHR DER WUNDER formiert sie unter den folgenden 12 Überschriften: INSPIRATION, LEICHTIGKEIT, FREUDE, EINFACHHEIT, EMPFINDSAMKEIT, STILLE, FREUNDLICHKEIT, SPIEL, MUT, STIL, BEWEGUNG und SPASS.

Zu jeder Überschrift schenkt uns die Autorin eine fein abgestimmte, sehr persönliche Einleitung, die sie mit einer Definition wie aus einem Wörterbuch zur jeweiligen Überschrift beginnt. Sie arbeitet in wunderbaren Bildern und charmanten Metaphern, die so den Zugang zu den nachfolgenden Ideen erleichtern. Dabei verlangt sie von mir keinen Kraftakt bei der Realisierung – höchstens ein klitzekleines Maß an Überwindung. Aus der Fülle ihrer Impulse gibt es nicht einen einzigen, der nicht umsetzbar wäre. Somit würde sie eine Ausrede wie „Das ist nicht zu schaffen!“ ad absurdum führen. Es ist zu schaffen – für mich, für dich, für jeden!

Bereits beim ersten Lesen hatte ich für jede Rubrik gleich mehrere Impulse für mich entdeckt und merkte bei der Umsetzung, dass diese – je nach Impuls – zwar durchaus (wie bereits erwähnt) ein wenig Überwindung kosten könnten aber keine unüberwindbare Herausforderung darstellten. Vielmehr war ich bei der Umsetzung mit Begeisterung am Werke und freute mich, wenn es gelungen war. Zum besseren Verständnis verrate ich euch zu jeder Überschrift einen meiner favorisierten Impulse:

  • INSPIRATION / Idee (3) Erstelle eine Liste der Dinge, die du als Kind gerne gemacht hast.
  • LEICHTIGKEIT / Idee (43) Betrachte die Wolken, wie du es vielleicht als Kind getan hast. Welche Formen haben sie? Siehst du Tiere? Gesichter? Etwas anderes?
  • FREUDE / Idee (62) Geh heute Abend, wenn sich die Spielplätze ein bisschen gelehrt haben, eine Runde schaukeln.
  • EINFACHHEIT / Idee (98) Lerne ein Gedicht auswendig, und sage es für jemanden auf (Es ist okay, wenn es kurz ist.)
  • EMPFINDSAMKEIT / Idee (142) Schreibe deinem zukünftigen Ich einen Brief und lies ihn in einem Jahr.
  • STILLE / Idee (152) Langweile dich mit voller Absicht.
  • FREUNDLICHKEIT / Idee (184) Setze ein Buch aus. Leg eine nette Notiz für die Finderin oder den Finder hinein.
  • SPIEL / Idee (216) Übe dich in Vorfreude wie ein Kind. Finde Dinge in der Zukunft, auf die du dich freuen kannst, und zelebriere sie.
  • MUT / Idee (256) Beantworte die Frage: Was ist das Interessanteste, was dir jemals passiert ist?
  • STIL / Idee (299) Hole heute dein bestes Geschirr und die guten Servietten heraus und richte dein einfaches Gericht edel und extravagant an.
  • BEWEGUNG / Idee (326) Schreibe eine Radieschenliste. Auf dieser Liste stehen die Dinge, die du tun willst, bevor du die Radieschen von unten betrachtest. Nimm etwas davon in Angriff.
  • SPASS / Idee (363) Schreibe lauter witzige Tätigkeiten auf kleine Zettel, falte sie und stecke sie in ein Glas. Immer, wenn dir langweilig ist, ziehe einen der Zettel.

Hierbei geht es der Autorin nicht um die machtvolle, allumfassende Veränderung, vielmehr sind es gerade die kleinen Impulse, die oftmals eine große Wirkung zeigen, indem sie meinen persönlichen Blickwinkel verändern und so das Leben bereichern.

Melanie Raabe schenkte mir ein Buch, das ich nur allzu gerne zur Hand nahm, um in ihm zu blättern – auch dank der geschmackvollen Gestaltung durch Rumi Benecke. Doch es wird nicht bei diesem einmaligen Blättern bleiben: Vielmehr wird mich dieses Buch unterstützen, dass aus jedem Jahr ein JAHR DER WUNDER werden kann.


erschienen bei btb / ISBN: 978-3442759583
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!