[Rezension] Jean-Luc Fromental (nach Georges Simenon) – DER SCHNEE WAR SCHMUTZIG/ mit Illustrationen von Yslaire

Ich halte diese Graphic Novel in den Händen, und während ich lese und mein Blick über die Illustrationen wandert, fröstle ich, und ein unangenehmes Gefühl bemächtigt sich meiner. Ich spüre das Bedürfnis, DER SCHNEE WAR SCHMUTZIG zuzuschlagen und zur Seite zu legen, um mir eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Doch die Faszination an dieser Geschichte ist mächtiger. Wie durch einen Sog werde ich immer weiter in sie hineingezogen. Ein Entrinnen scheint nicht möglich…

Ein namenloses Land, von fremden Truppen besetzt. Der Winter will kein Ende nehmen. Frank Friedmaier wächst als Sohn einer Prostituierten in einem Bordell auf. Der 18-Jährige ist ein Kind seiner Zeit, die geprägt ist von Täuschung und Verrat. Frank hungert nach Erfahrungen, doch nichts vermag ihn zu befriedigen. Aus reiner Langeweile wird er zum Mörder und verschachert das Mädchen, das ihn liebt. Als er schließlich begreift, was er getan hat, und mit sich selbst ins Gericht geht, ist es zu spät.

(Inhaltsangabe der Verlags-Homepage des Romans entnommen!)

Düster, schwer, unerbittlich: Jean-Luc Fromental bleibt bei dem Entwurf seines Szenarios dicht am literarischen Original und folgt dessen Spur. Wie auch Simeon im Roman entwirft er eine Welt, in der die Regeln einer mitfühlenden Gesellschaft nicht mehr zu gelten scheinen. Mitgefühl, Rücksichtnahme und Erbarmen scheinen nicht mehr existent zu sein. Es ist nicht mehr „der Tanz auf dem Vulkan“, vielmehr haben unsere Protagonist*innen einen Schritt zu viel gewagt und schwanken bereits gefährlich nah am Abgrund – da würde nur der sanfteste Lufthauch genügen, und ein Sturz in die Tiefe wäre unvermeidbar.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Auch bei Fromentals Adaption meine ich die grundlegende Frage herauszulesen, die bereits Simenon in seinem Roman heraufbeschwor: Was lässt einen Menschen kriminell werden? Sind es die Umstände, die einige Menschen dazu veranlassen, Verbrechen zu verüben? Schließlich kommt kein Mensch bereits als Verbrecher auf die Welt. Oder wie es Georges Simenon höchstpersönlich formulierte…

„Seit dreißig Jahren versuche ich nachzuweisen, dass es keine Kriminellen gibt,
sondern normale Menschen, die kriminell werden.“

Georges Simenons Geschichte hat nach all den Jahres nichts von ihrer Intensität verloren. Nun kommt auch eine visuelle Komponente hinzu, die Yslaire mit seinen Illustrationen eindringlich bedient. Farblich deutlich reduziert in schwarz-weiß, grau und sepia, wirkt die Akzentuierung einzelner Szenen, manchmal nur einiger weniger Details in der Farbe Altrosa fokussierend. Äußerst detailreich im Stil des Film noir komponiert er seine Bilder und wählt dabei Perspektiven, die die Emotionen intensivieren. Seine Protagonist*innen sind keine Schönheiten, es sind Typen, Individuen, Charaktere und darum so authentisch. Sie sind absolut keine Sympathieträger und sollen es auch nicht sein. Es sind Figuren, die mich abstoßen aber gleichzeitig faszinieren. Es sind Bilder, die auf mich gleichzeitig geheimnisvoll und ernüchternd wirken.

Die Faszination erwächst u.a. auch aus den Blick auf die seelischen Abgründe unserer Hauptfigur: Da ist seine Wandlung von einer scheinbaren Unantastbarkeit bis zur inneren Läuterung. Dabei ist diese Unantastbarkeit von Anfang an nur Schein, wie uns seine Träume offenbaren. Dort taucht immer wieder eine Katze auf. Und Katzen kreuzen während des Verlaufs der Geschichte auch immer wieder seinen Weg, sei es, dass sie im Treppenhaus über die Stiegen huschen, in den Ruinen auf Mäusejagd gehen oder als Statue auf einem Sockel im Stadtbild erscheinen. Doch wofür stehen diese Katzen? Ist unsere Hauptfigur etwa dem Irrglauben verfallen und wünscht sich die „neun Leben einer Katze“, das auf die erstaunliche Fähigkeit von Katzen anspielt, die gefährlichen Situationen oft unbeschadet entkommen und gleichzeitig ein hohes Maß an Anpassung zeigen? Da bleibt viel Raum für Spekulationen!

Mit „…und aus dem sehr weißen Himmel begann ein makelloser Schnee zu fallen.“ schließt diese äußerst gelungene Adaption eines Romans von Georges Simenon. Ich schlage den Buchdeckel zu und bin verwirrt. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, dürfen/müssen vielleicht auch unbeantwortet bleiben. Doch macht dies nicht den Reiz einer guten Geschichte aus, indem sie nicht alle ihre Geheimnisse enthüllt?


erschienen bei Carlsen / ISBN: 978-3551806376 / in der Übersetzung von Christoph Haas
ebenfalls erschienen als Roman bei Kampa / ISBN: 978-311133636 und als Taschenbuch bei Atlantik / ISBN: 978-455007848 
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Josephine Tey – DER FALSCHE ERBE

Faszination „Hochstapler“: Es gab sie immer und wird sie auch weiterhin geben – Menschen, die sich für etwas ausgeben, das sie nicht sind. Da wird in andere Berufe und Identitäten geschlüpft – manchmal weniger, oft höchst erfolgreich. Hinter dieser Fassade skrupelloser Lügen bleiben die Hochstapler erschreckend lange unentdeckt. Sollte ihr feingesponnenes Konstrukt dann tatsächlich zusammenbrechen, fragt man sich „Wie konnte es soweit kommen? Warum wurde er nicht schon früher enttarnt? Wie konnten die Menschen im jeweiligen Umfeld nur so dumm sein, um darauf reinzufallen?“

Es sind Fragen, die durchaus berechtigt erscheinen. Aber ist es nicht genau das, was uns auf diese charmanten und phantasievollen Persönlichkeiten, die außerhalb jeglicher Moral operieren, hereinfallen lässt: Der schöne Schein! Niemand von uns ist davor gefeit, sich blenden zu lassen, da wir eine innere moralische Hemmschwelle haben und voraussetzen, dass diese auch bei unserem Gegenüber vorhanden ist. Und wie sollten wir auch als Mensch und Gesellschaft weiter miteinander interagieren, wenn wir voller Misstrauen alles und jede*n hinterfragen müssten?

Der schöne Schein! Funktionieren Teile der modernen Blogger- und Influencer-Szene nicht genau nach diesem Prinzip? Filter drauf und aus dem grauen Mäuschen wird eine Beauty-Queen, KI bemüht und der Gernegroß präsentiert seinen Sportwagen.

Auch in der Literatur finden sich höchst faszinierende Hochstapler, sei es DER HAUPTMANN VON KÖPENICK von Carl Zuckmayer (1931), Thomas Manns BEKENNTNISSE DES HOCHSTAPLER FELIX KRULL (1954) oder auch Patricia Highsmiths DER TALENTIERTE MR. RIPLEY (1955), dem sie noch vier weitere Romane widmen sollte.

Doch Josephine Tey lässt ihren Held Brat Farrar in DER FALSCHE ERBE (1949) aus der Reihe der Archetypen herausstechen. Ihr Hochstapler zeigt Skrupel gegenüber denen, die er zu täuschen versucht…

Latchetts, ein Anwesen in Südengland, das seit mehr als dreihundert Jahren von der wohl­habenden Familie Ashby bewirtschaftet wird. Als der letzte Herr von Latchetts und seine Frau bei einem tragischen Flugzeugunglück ums Leben kommen, hinterlassen sie fünf Kinder. Die zwei ältesten, die Zwillinge Patrick und Simon, sind dreizehn Jahre alt; der wenige Minuten früher geborene Patrick soll einmal alles erben. Doch kurz nach dem Tod der Eltern verschwindet er, auf einer Klippe findet man seine Kleidung und einen Abschiedsbrief. Die Familie versucht, ihren Frieden mit seinem Entschluss zu machen, mit der Zeit verblassen die Erinnerungen an den tragischen Tag – bis Jahre später, kurz vor der Volljährigkeit Simons, ein charmanter junger Mann auftaucht, der dem künftigen Erben zum Verwechseln ähnlich sieht und behauptet, Patrick zu sein. Er kennt Details aus der Vergangenheit der Familie und jeden Zentimeter des Anwesens. Alle glauben, dass der Mann Patrick ist. Alle, bis auf Simon.

(Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Keine Unsicherheit, kein Zweifel, keine falsche Fährte: Von Anfang an spielte Josephine Tey mit offenen Karten und weihte mich, ihren Leser in die wahre Identität des Hochstaplers ein. Ich wusste, welche Person sich wirklich hinter der Fassade des vermeintlichen Patrick Ashby verbarg. So machte sie mich zum stummen Verbündeten in dieser Scharade. Schmälerte dies etwa die Spannung in der Geschichte oder meine Freude an der Lektüre? Nein, ganz im Gegenteil! Ich begleitete Brat Farrar auf Schritt und Tritt, wie er sachte in das Familienleben der Ashbys involviert wurde.

Tey strickte um ihn eine so raffinierte Biografie, die sein Handeln nachvollziehbar, ja sogar entschuldbar machte. Sie zeichnete das Bild eines einnehmenden Charakters, bei dem mir nichts anderes übrig blieb, als ihm meine volle Sympathie zu schenken. Ihr Hochstapler ist eloquent, empathisch, mitfühlend und mit einem wahrhaftigen Interesse an seinen Mitmenschen ausgestattet. Somit war ich gänzlich auf Brad Farrars alias Patrick Ashbys Seite und zitterte gemeinsam mit ihm bei jeder Situation, bei der die Gefahr bestand, dass seine Tarnung auffliegen könnte.

Gleichzeitig schwebten immer die nicht unwesentlichen Fragen über der Szenerie, die sie in eine flirrende Unsicherheit tauchten: Was passierte wirklich mit dem wahren Patrick Ashby? War er tatsächlich durch einen Selbstmord ums Leben gekommen, oder hatte er diesen inszeniert, um unterzutauchen? Oder war er Opfer eines gewaltsames Todes, und wer aus seinem näheren Umfeld war daran beteiligt?

Josephine Tey erwies sich abermals als scharsinnige Erzählerin, die ungewöhnliche und vielschichtige Charaktere schuf. Sie spannte ein feines Netz aus Andeutungen, Vermutungen und Ahnungen, in dem ich mich als Leser heillos verfing. Ein Entkommen war mir nicht möglich, und so ließ ich mich dank ihrer exzellenten Erzählkunst durch eine spannende Handlung bis zum unausweichlichen „Grand Finale“ treiben.


erschienen bei OKTOPUS (Kampa) / ISBN: 978-3311300861 / in der Übersetzung von Harry Kahn & Christina Müller
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Erich Kästner – DIE 13 MONATE/ mit Illustrationen von Dirk Schmidt

Das Neue Jahr steht noch am Anfang. Ganz klein und bloß liegt es da vor uns. Beinah hilflos ist es uns ausgeliefert. Was wird mit ihm geschehen? Wie wird es sich entwickeln? Sicher ist, es wird wirken – im Großen wie im Kleinen – je älter es wird. Das wusste auch schon Erich Kästner, als er im Jahre 1955 seinen Gedichtband DIE 13 MONATE veröffentlichte. Nun sehe ich meine geneigte Leserschaft bereits verdutzt die Augen aufreißen und verwirrt den Kopf schütteln „13 Monate? Wieso 13 Monate? Das handelsübliche Jahr besteht doch nur aus 12 Monaten! Extras waren nie vorgesehen.“ Wir haben es hier mit niemand geringerem als Erich Kästner zu tun – da muss immer mit Extras gerechnet werden.

Kästner wäre nicht Kästner würde er in seinen Versen „nur“ über die Besonderheiten der einzelnen Monate, die Schönheit der Natur, das Wetter, Flora und Fauna und vom Menschen im Wandel der Jahreszeiten schwadronieren. Das tut er natürlich auch in seiner ganz unverwechselbaren Art und Weise. Doch zwischen seinen Zeilen, sozusagen als „Untertext“, beinah versteckt und für die oberflächlichen Leser*innen schnell zu übersehen, streut er eine feine Prise Ironie über seine Lyrik, die seinen Versen eine pikante Note verleiht. Doch – wie bereits erwähnt – dafür sollte bei den verkonsumierenden Leser*innen ein empfindsamer Gaumen ausgeprägt sein, um dieses feine Geschmackserlebnis voll auskosten zu können.

Ursprünglich reimte Erich Kästner die ersten zwölf Gedichte (also der klassische Umfang eines Jahres in 12 Monate) im Auftrag der „Schweizer Illustrierten Zeitung“. Hier erschienen sie vom 30. Dezember 1952 bis zum 7. Dezember 1953 als monatliche Serie. Erst als die Buchausgabe vorbereitet wurde, schrieb er das Vorwort und verfasste das dreizehnte Gedicht. „Die hier versammelten Gedichte schrieb, im Laufe eines Jahres, ein Großstädter für Großstädter.“ eröffnet Kästner sein Vorwort und gibt unumwunden aber auch ein wenig beschämt zu, dass er zur korrekten Wiedergabe des Jahresablaufs vielfältige Quellen aus der Literatur zu Rate gezogen hat – obwohl er selbst bereits in einem so fortgeschrittenem Alter wäre, dass er die recherchierten Fakten hätte wissen müssen.

Das Altern, die Vergänglichkeit und das Vergehen der Zeit – dies sind alles Themen, die er gerne in diesen Gedichten aufgreift. So wird im Januar das Jahr als „klein und liegt noch in der Wiege“ beschrieben, während es im Dezember „dünne Haar“ hat und „gar nicht mehr gesund“ wirkt, und somit sein baldiges Ende unausweichlich ist. Zwischen diesen beiden Extremen zeigt sich das Jahr in seiner ganzen verschwenderischen Vielfalt. Kästner präsentiert die Monate beinah als Individuen, so als hätten sie eine eigene Persönlichkeit, mit der sie willentlich Einfluss auf den Jahresablauf nehmen.

Er erweckt ein heiteres Bild, betont die Schönheit jedes einzelnen Monats, mischt aber auch eine sanfte Melancholie unter seine Verse. Dabei variiert er sowohl mit der Länge der Gedichte als auch mit deren Versmaß und fordert mich als Leser stets auf Neue heraus, mich diesem wandelnden Rhythmus der Verse (wie auch der Monate) anzupassen. In „Der dreizehnte Monate“ schickt er unsere Phantasie auf Reise, sich einen Bonus-Monat zu erträumen und wagt eine kritische Anmerkung. Wozu brauchen wir einen dreizehnten Monat? Wer die vorherigen zwölf Monate nicht mit Farben füllen konnte, wird dies mit einem weiteren Monat auch nicht mehr bewerkstelligen und so das Versäumte nie mehr aufholen können.

In der Vergangenheit wurde das Kästner’sche Jahres-Menü gerne mit würzigen Illustrationen verfeinert, die die lyrische Idylle aufbrachen und so vor einer süßlichen Romantik retteten. Oftmals waren es Illustratoren wie Richard Seewald, Walter Trier und Celestino Piatti, die auch durch ihre politischen Karikaturen bekannt waren. In einer der mir vorliegenden vorangegangenen Auflagen schuf Hans Traxler die Monatsblätter mit seinem markanten wie unverwechselbaren Pinselstrich.

Doch nun sind wir im modernen Digital-Zeitalter angekommen, wo sich Sehgewohnheiten stetig verändern: Diesmal hat sich Dirk Schmidt, der bereits für renommierte Zeitungen und Illustrierten wie „Stern“, „Der Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ gearbeitet hat, der Visualisierung der Monate angenommen. Seine Illustrationen sind nett, durchaus charmant, betonen allerdings weniger die kabarettistische Note und lassen so an Biss vermissen.

So rutschen Kästners DIE 13 MONATE in der aktuellen Aufmachung eher in Richtung „gefälliges Geschenkbüchlein“, was ihnen leider nicht gerecht wird. Sollten so allerdings DIE 13 MONATE einem breiteren Publikum wieder zugänglicher werden, würde mich dies außerordentlich freuen!


erschienen bei Atrium / ISBN: 978-3855352357
Ich danke der Presseagentur Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Johanna Lindemann – DIE GESTOHLENE WEIHNACHTSGANS/ mit Illustrationen von Andrea Stegmaier

Nun ist er bald da, innig herbeigesehnt und doch so manches Mal gewiss auch verflucht: der Heiligabend. Ich hoffe doch sehr, dass ihr alles, was erledigt werden musste, erledigen konntet, dass alles, was für ein feierliches Weihnachten benötigt wird, längst besorgt wurde. Dann steht hoffentlich einem entspannten Weihnachtsfest nichts mehr im Wege. Oder vielleicht doch noch…?

Bei Emma und ihren Eltern soll dieses Weihnachten alles ganz besonders perfekt sein. Das führt zu sehr viel Stress in der doch eigentlich besinnlichen Zeit. Als auch noch die Weihnachtsgans verschwindet, ist das Chaos komplett. Die Nachbarn haben nichts gesehen. Die Supermärkte haben schon geschlossen. Warum nicht einfach mal Spaghetti an Heiligabend? Doch plötzlich klingelt es an der Tür: Der Reihe nach trudeln Nachbarn ein, bringen Essen mit und alle feiern gemeinsam. So wird es schließlich ein richtig schönes und besonderes Weihnachtsfest.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Was passiert eigentlich alles in dieser Geschichte? Oberflächlich betrachtet passiert nicht viel – doch schaut man genauer hin, dann passiert da eine ganze Menge. Autorin Johanna Lindemann bastelte – in lässiger Anlehnung an die Geschichte von Jesu Geburt – eine charmante Story um ein wunderbar perfekt unperfektes Weihnachtsfest, die erfreulich normal erscheint, wenig Weihnachts-Kitsch dafür umso mehr Weihnachts-Gefühl präsentiert und mir sehr viel Spaß bereitete.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Wie bei jedem guten Bilderbuch „erzählen“ die Illustrationen vieles, was der Text verschweigt, auch verschweigen kann und darf. Dabei bleiben einige Fakten wohltuend ungenannt: So wird weder im Text erwähnt, dass es sich bei den Nachbarn aus dem zweiten Stock um ein schwules Paar handelt, noch das die Familie aus dem ersten Stock Migranten zu sein scheinen. Warum wird es nicht erwähnt? Weil es schlicht und ergreifend keine Rolle spielt bzw. keine Rolle spielen sollte. Da wird mit einer erfrischenden Leichtigkeit und einer erfreulichen Selbstverständlichkeit Diversität gezeigt, ohne, dass ich als Betrachter ständig das Gefühl habe, es würde ein imaginärer grell leuchtender Hinweispfeil penetrant darauf aufmerksam machen (Blink! Schaut her, wir sind divers! Blink!).

Gemeinsam mit der Illustratorin Andrea Stegmaier porträtiert die Autorin die Hausbewohner als liebenswerte Typen (durchaus mit einem humorvollen Augenzwinkern), die gemeinsam ein schönes Weihnachtsfest feiern möchten, zu dessen Gelingen jede*r mit Freude etwas beiträgt. Die Illustrationen von Andrea Stegmaier erfreuen sowohl die Jüngsten durch ihre bunte Vielfalt, aber auch die Reiferen werden beim Betrachten der vielen liebevollen Details ihren Spaß haben.

Zudem liebe ich Bilderbücher, die zur offensichtlichen Hauptgeschichte zusätzlich noch eine weitere Ebene bedienen: Emmas liebstes Kuscheltier scheint ein Plüsch-Fuchs zu sein, der in den Bildern immer wieder an allen möglichen und unmöglichen Stellen auftaucht. Da fühlte ich mich geradezu herausgefordert, dass ich – gemäß dem Motto „Finde den Fuchs“ – aktiv werde und mich auf die Suche durch die Illustrationen begebe. Dabei ertappte ich mich doch tatsächlich selbst dabei, dass ich leise die Melodie zu „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ summte.

ACHTUNG SPOILER Schlussendlich erfahren wir dann doch noch, wer die Weihnachtsgans gestohlen hat. Soviel sei verraten: Es war niemand von den Hausbewohner*innen, aber das hatte ich von vornerein bereits ausgeschlossen.


erschienen bei Annette Betz / ISBN: 978-3219118995

[Rezension] David Wagner – ALLE JAHRE WIEDER

ALLE JAHRE WIEDER ist nicht nur der Titel eines beliebten Weihnachtsliedes. Es könnte auch so treffend als Überschrift für lang gepflegte Weihnachtstraditionen, die wir wie selbstverständlich und ohne zu hinterfragen Jahr für Jahr zelebrieren, gelten. Eine (vielleicht sogar nur minimale) Änderung im gewohnten Ablauf wird da schon als drastische Störung empfunden und hätte das Potential, massive Familiendramen auszulösen…

Kommst du Weihnachten nach Hause? Und was wünschst du dir? Mit diesen Fragen beginnt ein Telefongespräch zwischen einem Vater und seiner erwachsenen Tochter. Humorvoll und leichtfüßig diskutieren die beiden, wer wo mit welchem Elternteil das Fest verbringt und wie Weihnachten heute überhaupt gefeiert werden soll: mit geschmückten Baum oder ohne? Vegetarisch oder doch mit Braten? Mit Jingle Bells oder Stille Nacht, Christkind oder Weihnachtsmann? So wie früher oder ganz anders? In berührendes Nachdenken darüber, was Weihnachten ausmacht und immer wieder besprochen werden muss.

 (Inhaltsangabe dem Klappentext des Buches entnommen!)

„Kommst du Weihnachten nach Hause?“

So startet dieser charmante Dialog. Welches erwachsene Kind hat diese Frage von einem Elternteil nicht schon gestellt bekommen? Manchmal habe ich diese Frage regelrecht gefürchtet. Da war ich selbst bereits in einem Alter, indem ich eine Familie hätte gegründet haben können und wo ein enger Freundeskreis sich etabliert hatte. Da würde manche*r von uns gerne die Chance erhalten, eigene Weihnachtstraditionen zu kreieren und zu festigen. Und gleichzeitig gibt es da dieses Dürsten nach der Vergangenheit, wo man mit glänzenden Kinderaugen zuerst den Christbaum und dann die Geschenke bestaunt hat, und von dem bis heute das Gefühl, dass früher alles besser war, zurückgeblieben ist. Ich weiß sehr wohl, dass früher nicht alles besser war, aber die Empfindung fühlt sich gut an.

David Wagner lässt Vater und Tochter miteinander all diese Fragen diskutieren. Obwohl: Sie diskutieren nicht, vielmehr entspinnt sich ein unaufgeregtes Gespräch über „heute“ und „damals“. Da werden Erinnerungen über vergangene Weihnachtsfeste ausgetauscht, die beide teilweise recht unterschiedlich wahrgenommen haben. Da geht es durchaus sehr viel um Traditionen aber auch um die Erforschung der eigenen Wurzeln. Es gab viele, viele schöne weihnachtliche Momente. Doch sie können nicht über die Krisen und Fehlentscheidungen im Leben hinwegtäuschen und lassen – manchmal nur in einer kleinen Bemerkung – Melancholie in diesem Dialog zweier Generationen anklingen.

„Wie passend!“ dachte ich, als ich dies zwischen den Zeilen erspürte. Melancholie und Weihnachten gehören für mich zusammen. Dabei ist es für mich durchaus eine sehnende aber keine erdrückende Melancholie und sorgt dafür, dass mein Weihnachten nie grell und bunt wird, vielmehr zart und still und darum so schön.

Ebenso still gestaltet sich dieses Telefonat: In der Vergangenheit lief nicht immer alles glatt zwischen Vater und Tochter, aber beide haben dies scheinbar bewältigt und einen wunderbaren Weg gefunden, miteinander umzugehen. Aus ihrem Dialog ist eine Menge Respekt, reichlich Toleranz und ganz viel Liebe herauslesbar. Das vorwurfsvolle Begleichen alter Rechnungen ist nicht nötig, da sie mit sich und miteinander im Reinen sind.

So endet dieses Telefonat auch mit der (von mir erwarteten) Antwort auf die Eingangsfrage:

„Klar komme ich. Ist doch Weihnachten.“


erschienen bei edition chrismon / ISBN: 978-3960383215

[Rezension] SCHAURIGE WEIHNACHTEN. Klassische Horror- und Geistergeschichten/ ausgewählt von Jochen Veit

Wenn die Dunkelheit früh hereinbrach, der Wind unheimlich um das Haus heulte und die Schneeflocken wilde Tänze vollführten, dann saßen im England der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dem so genannten viktorianischen Zeitalter, die Menschen am Weihnachtsabend gerne am prasselnden Kaminfeuer beisammen und erzählten sich Schauergeschichten. Wurden die Geschichten anfangs nur mündlich weitergetragen, fanden mit der steigenden Popularität gedruckter Zeitungen und Zeitschriften die Gothic Novels eine weitverbreitete Anhängerschaft.

Sieben dieser klassischen Horror- und Geistergeschichten hat Herausgeber Jochen Veit in SCHAURIGE WEIHNACHTEN vereint: Amelia B. Edwards lässt in DIE GEISTERKUTSCHE einen im Schneesturm verirrten jungen Mann in eine unheimliche Mitfahrgelegenheit steigen. Bei Arthur Conan Doyle treibt DER CAPTAIN DER POLE STAR mit seinem unberechenbaren Verhalten seine Besatzung beinah zur Meuterei. In DAS ALTE PORTRÄT von Hume Nisbet verbirgt sich hinter den vielen Farbschichten eines alten Bildes das Porträt einer nach Blut dürstenden jungen Dame. Bei Lettice Galbraith verbirgt DAS BLAUE ZIMMER ein tödliches Geheimnis, dem nur Frauen zum Opfer fallen, die es wagen, dort eine Nacht zu verbringen. DAS OMEN DES SCHATTENS beschwört Edith Nesbit herauf, indem bei ihr das Böse fließend von Schatten zu Schatten husch, um dort ihrem Opfer aufzulauern. DER SEESACK eines Mörders beginnt in der Geschichte von Algernon Blackwood ein höchst gruseliges Eigenleben zu führen. In D.H. Lawrences WER ZULETZT LACHT, lacht niemand am besten. Vielmehr wirkt hier das Lachen äußerst bedrohlich.

Jochen Veit hat hier eine feine Auswahl an Erzählungen getroffen, wo jede ihren Grusel aus einer anderen Quelle bezieht. Dies macht einerseits diese Anthologie so abwechslungsreich, andererseits wird auch gekonnt mit den Ängsten der Leser*innen gespielt, da suggeriert wird, dass das Grauen überall auf der Lauer liegen könnte. Dabei dienen das Weihnachtsfest und der Winter als Jahreszeit eher nur als atmosphärische Kulissen und nehmen weniger einen entscheidenden Einfluss auf den Ablauf der Geschichten.

Ich mag sehr gerne den Erzählstil der damaligen Zeit, der einen sehr eigenen Sprachduktus aufweist: Da wird mit Andeutungen gearbeitet, Nebensächlichkeiten erregen Aufmerksamkeit, hinter Alltäglichem wird der Horror vermutet. Zudem waren die Autor*innen von Damals durch das Schreiben der Fortsetzungsgeschichten für die bereits erwähnten Zeitungen und Zeitschriften so gut geschult, dass sie ganz genau wussten, was zu tun ist, um sich Folge für Folge die Aufmerksamkeit der Leserschaft zu sichern.

Dabei spielte es für mich keine Rolle, ob ich alles in den Geschichten nachvollziehbar fand: Gerade das Unvorhersehbare, das Unerklärliche, das Irrationale lösten bei mir den größten Schauer aus.


erschienen bei Anaconda / ISBN: 978-3730614044 / in der Übersetzung von Marion Herbert, Heike Holtsch und Jochen Veit

[Rezension] Rodolphe (nach Charles Dickens) – SCROOGE. Eine Weihnachtsgeschichte/ mit Illustrationen von Estelle Meyrand

Es gibt Geschichten, die tauchen zu gewissen Zeiten immer wieder und wieder auf. Beinah scheinen sie mich zu verfolgen, wobei ich dies in diesem besonderen Fall nicht als unangenehm empfinde. Insbesondere gerade zu dieser Jahreszeit lasse ich mich nur zu gerne von diesem Klassiker der Weihnachtsliteratur in Stimmung bringen. Charles Dickens Märchen über den alten Geizkragen, der durch die nächtlichen Begegnungen mit den Geistern der Weihnacht geläutert am Weihnachtsmorgen erwacht und sein Leben völlig umkrempelt, begeistert mich – egal in welcher Erscheinungsform – immer wieder erneut.

Nachdem bereits drei illustrierte Fassungen dieser wunderbaren Geschichte Einlass in die Rubrik LEKTÜRE ZUM FEST gefunden haben, fiel in diesem Jahr meine Wahl auf eine Graphic Novel.

Schon beim ersten Durchblättern konnten mich die Illustrationen von Estelle Meyrand für sich einnehmen. Einerseits betonte sie mit ihren gelungenen Figurinen und dem dazugehörigen Setting den märchenhaften Charakter der Geschichte, andererseits vermied sie wohltuend das allzu Niedliche, sondern streute immer wieder dunklere Momente in die Handlung ein. Während Scrooge in seiner deprimierenden Welt aus dumpfen Farben beinah zu versinken droht, leuchten die Farben bei seinen Mitmenschen umso wärmer und fröhlicher.


Diese Diashow benötigt JavaScript.


Genrebedingt rechnete ich natürlich mit Kürzungen bei der Handlung. Allerdings bedauerte ich es sehr, dass in der Konzeption des Szenarios durch Rodolphe die drei Geister der Weihnacht dem Rotstift zum Opfer fielen, und er Scrooge auf seiner Reise durch die Nacht ausschließlich Marleys Geist zur Seite stellte. Gerade Scrooges banges Warten auf die drei Geister, wo jeder von ihnen ein sehr individuelles Erscheinungsbild hat und so jeweils ein anderes Weihnachten repräsentiert, sorgte in der Originalgeschichte für sehr viel Atmosphäre und Dynamik. Die Dialoge erscheinen mir (in der Übersetzung von Tanja Krämling) sehr gelungen und wirken für die jeweilige Person sehr passend und natürlich.

Doch zwangsläufig fehlte der Graphic Novel die emotionale Tiefe, der ich mich beim Original so gerne hingebe: Da überrollen mich meine Gefühle und es kullert dann das eine oder andere Tränchen, was bei der Lektüre der Graphic Novel ausblieb. Ich bin überzeugt, dass gerade für ein jüngeres Publikum SCROOGE die wunderbare Möglichkeit bietet, sich dem Werk eines des bedeutenden britischen Literaten anzunähern.

Auch ich habe mich durchaus gut unterhalten gefühlt, würde allerdings der wunderschönen Novelle von Charles Dickens immer den Vorzug geben. Zumal mit einer der äußerst gelungenen illustrierten Fassungen mir diese Graphic Novel nicht fehlen würde.


erschienen bei toonfish (Splitter) / ISBN: 978-3967927313 / in der Übersetzung von Tanja Krämling

[Rezension] MEINE LIEBSTEN WEIHNACHTSGESCHICHTEN/ herausgegeben von Dirk Böhling

Im Mai dieses Jahres stand Dirk Böhling noch als Prof. Henry Higgins im Musical MY FAIR LADY auf der großen Bühne des Stadttheaters Bremerhaven, nun macht er sich auf den Weg, um die kleineren Bühnen zwischen Bremen und Bremerhaven (und alles, was drumherum liegt) zu erklimmen und das Publikum mit seiner musikalischen Weihnachtslesung zu erfreuen.

Passend zu dieser Tournee erschien mit MEINE LIEBSTEN WEIHNACHTSGESCHICHTEN ein Buch mit 40 Geschichten und Gedichten. 40 Beiträge auf (netto) 100 Seiten verteilt: Das nenne ich mal ein sportliches Unterfangen. Zwangsläufig zogen in dieser Anthologie die knappen, kurzen und prägnanten Werke ein: Geschichten, die manches Mal eher wie Anekdoten wirken, sowie launige Gedichte.

Neben vier Geschichten aus seiner eigenen Feder hat Böhling eine namhafte Schar an Literaten in diesem Büchlein versammelt, u.a. Joachim Ringelnatz, Wilhelm Busch, Erich Kästner, Guy de Maupassant, Hans Dieter Hüsch und Charles Dickens. Der Herausgeber ging bei seiner Auswahl auf Nummer sicher, indem er auf weithin bekannte wie beliebte Werke zurückgriff und so auf den Wiedererkennungswert bei der Kundschaft im Buchhandel wie auch bei den Besuchern seiner Weihnachtslesung setzte. Wobei aus diesem Reigen eher heiterer Beiträge die Geschichte DAS GESCHENK DER WEISEN von O. Henry sowohl von der Stimmung wie auch von der Länge hervorsticht und so beinah wie ein Kontrapunkt wirkt.

Leider muss ich dem Verlag attestieren, dass beim Korrekturlesen nicht aufmerksam genug gearbeitet wurde: So schlichen sich einige kleine Fehler ins Buch, wie beim Einsatz von kursiver Schrift oder beim Versmaß bei einem Gedicht. Doch wahrscheinlich fällt dies nur mir als Vor-Leser und pingeliger Bücher-Nerd auf.

Als Vor-Leser und pingeliger Bücher-Nerd hätte ich mir allerdings sehr gewünscht, dass Dirk Böhling als Herausgeber das Wagnis eingegangen wäre und mich mit dem einen oder anderen weniger bekannten Beitrag überrascht hätte, z.Bsp. mit Werken von Literatinnen, die in dieser Anthologie leider gänzlich fehlen.

So ist dies durchaus ein nettes Büchlein für alle, die ein heiteres Gedicht oder eine kurze Geschichte für die Weihnachtsfeier im Kollegenkreis oder im Sportverein suchen.


erschienen bei Kellner / ISBN: 978-3956514616

[Rezension] Beate Maly – ADVENT IM GRANDHOTEL. Eine Weihnachtsgeschichte

Bereits zum 10. Mal lässt Autorin Beate Maly ihre Spürnasen wider Willen Ernestine Kirsch und Anton Böck im Wien (und Umgebung) der 20er Jahre ermitteln. Dabei schuf sie ein sympathisches Protagonisten-Paar, das in ihrem reifen Alter lieber gemeinsam in einer „wilden Ehe“ zusammenlebt, als alleine einsam zu sein.

So stoßen zwei sehr unterschiedliche Temperamente aufeinander, die sich bestens ergänzen: Anton ist eher der bedächtige, gemütliche, abwägende Charakter, während Ernestine voller Neugier ihren Mitmenschen gegenübertritt und eher die vorantreibende Kraft in dieser Beziehung darstellt. Für mich war es das erste Zusammentreffen mit diesen liebenswerten Best-Agern…

Advent 1926: Eigentlich wollten Ernestine und Anton nur eine Kunstauktion am winterlichen Semmering besuchen. Doch als das wertvollste Gemälde plötzlich verschwindet und das Südbahnhotel abgeriegelt wird, ist klar: Ein neuer Fall wartet auf die beiden. Während draußen der Schnee fällt, ist die Stimmung im Inneren des Hotels aufgeheizt – und jeder scheint ein Motiv für den Diebstahl zu haben.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Beate Maly kredenzt uns eine leichte Krimi-Kost voller Irrungen und Wirrungen, die flott zu lesen ist und mit dem Flair der 20er Jahre punktet. Die Autorin treibt die Handlung recht fix voran, als müsste sie innerhalb einer vorgegebenen Seitenzahl rasch zum Ende kommen, wobei einige „Zufälle“ leider etwas konstruiert auf mich wirkten. Bei allem Amüsement lässt sie gesellschaftsrelevante Themen der damaligen Zeit, wie der aufkeimende Antisemitismus oder auch Gewalt gegenüber Frauen, nicht unerwähnt.

Da hätte ich mir manchmal etwas mehr Tiefe gewünscht, die Möglichkeit, dass die Figuren „atmen“ dürfen und so aus dem Schablonenhaften heraustreten. An zwei Stellen im Roman hat die Autorin dies ermöglicht, beide Stellen haben mich sehr berührt, sie wirkten allerdings innerhalb des Gesamtkonzepts beinah wie Fremdkörper.

Die Autorin schreibt im Nachwort:

„Als Autorin finde ich die Kombination aus Vorweihnachtszeit und Krimi ein bisserl problematisch, denn es ist eine große Herausforderung, die Balance zwischen Spannung und Wohlfühlgeschichte zu halten. Ich hoffe, dass das gelungen ist.“

Ich hatte den Eindruck, dass sich die Waage eher Richtung Wohlfühlgeschichte neigt, und darum würde ich „Spannung“ auch gegen „Unterhaltung“ austauschen wollen. Denn unterhaltsam war dieser nette und gänzlich unblutige Krimi allemal, dessen Cover zudem so wundervoll stimmig im Jugendstil gestaltet wurde.


erschienen bei Emons / ISBN: 978-3740826017
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

[Rezension] Kirsten Boie – DER WEIHNACHTSFRIEDEN/ mit Illustrationen von Claire Harrup

Es hat ihn wirklich gegeben, den Weihnachtsfrieden im Jahre 1914 an der Front in Flandern zwischen Deutschen und Briten, und er dauerte einige Tage, vereinzelnd sogar bis ins Neue Jahr. Die damalige Obrigkeit hat diese friedliche Kontaktaufnahme scheinbar verfeindeter Parteien nicht gerne gesehen und versuchte, sie zu verhindern: Ohne Erfolg! Die Menschlichkeit siegte!

Ist doch ganz still drüben, horcht mal! Für die ist auch Weihnachten heute! Was, wenn man sich am gnadenlosesten Ort der Welt befindet und es trotzdem Weihnachten wird? Friedrich und seine Kameraden sind noch Schüler, als sie eingezogen werden, um im Großen Krieg gegen die Engländer zu kämpfen. Jetzt sitzen sie in den verschlammten Schützengräben und denken wehmütig an die hellen Lichter zu Hause. Doch dann werden Weihnachtsbäume herbeigetragen, ein Geschenk des Kaisers an seine Soldaten, und obwohl sie leise sein sollen, singen sie gemeinsam ein Weihnachtslied. Ob die Engländer gleich das Feuer eröffnen werden? Nein, sie tun etwas ganz anderes. Auf bewegende Weise erzählt die große Kirsten Boie in diesem wunderschön illustrierten Buch von der verbindenden Kraft des Weihnachtsfests und von einer Sternstunde der Menschlichkeit mitten im Ersten Weltkrieg.

 (Inhaltsangabe der Homepage des Verlages entnommen!)

Ich las und schluckte schwer, ich las weiter und die erste Träne ran langsam meine Wange hinab und verfing sich in meinem Bart. Ich las und las, und Träne um Träne suchte sich ihren Weg. Nach nur (!) 44 Seiten hatte ich die Lektüre beendet und schnaufte befreiend nach Luft. Still saß ich in meinem Sessel, über das Gelesene sinnierend, das kleine, schmale Büchlein weiterhin in der Hand haltend, um dann diese berührende Geschichte nochmals zu lesen. Es war eine Lektüre, die mich stark bewegte.

In leisen Tönen erzählt Kirsten Boie (die Deutsche) eine Geschichte voller emotionaler Tiefe. Dabei findet sie klare Worte, die nichts beschönigen aber auch nichts übertreiben, doch umso mehr verdeutlichen, wie sinnlos es ist, Kriege zu führen. Claire Harrup (die Britin) schuf ebenso atmosphärische Illustrationen mit einer schlichten Symbolik, die im trüben Szenario eines Kriegsschauplatzes einen Sonnenstrahl am Horizont erahnen lassen.

Momentan gibt es auf der Welt so viele Kriege, die unschuldige Opfer fordern. Wollten sie einen Krieg? Oh, nein! Denn:

Diejenigen, die einen Krieg wollen, sind nie diejenigen,
die in ihn ziehen und ihn erdulden müssen!

Aber jede*r von uns hat im eigenen überschaubaren Umfeld die Möglichkeit, diese Welt ein klein wenig friedvoller zu gestalten. Wir haben es in der Hand!


erschienen bei Arche / ISBN: 978-3716000205
Ich danke der Presseagentur Politycki & Partner herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!