[Rezension] Georges Simenon – Maigret macht Ferien

Auch ein so angesehener Polizeibeamter wie Kommissar Maigret braucht einmal Urlaub und so reisen seine Frau und er in das beschauliche Städtchen Les Sables-d’Olonne direkt an der Atlantikküste. Leider entpuppt sich dort eine scheinbar harmlose Magenverstimmung von Madam Maigret als gefährliche Blinddarmentzündung, die eine Operation im Krankenhaus nach sich zieht. Neben seinen regelmäßigen Besuchen an Madams Krankenbett kultiviert Maigret seine tägliche Routine mit Besuche der örtlichen Bistros und Cafés. Plötzlich findet er in der Tasche seines Jacketts einen Zettel mit der Nachricht „Suchen Sie aus Barmherzigkeit die Patientin in Zimmer 15 auf.“ Wer hat ihm diesen Zettel zugesteckt? Und vor allem: Wann…? Da der Kommissar nicht im Dienst ist, zögert er. Am nächsten Tag ist die besagte Patientin verstorben. Es handelte sich um die Schwägerin des angesehenen Arztes Doktor Bellamy. Nun ist Maigrets Interesse geweckt, und er nimmt Kontakt zum Doktor auf. Scheinbar gibt es für den Tod dieser jungen Frau eine plausible Erklärung. Doch dann wird ein weiteres junges Mädchen erdrosselt aufgefunden, das Maigret am Tag zuvor noch im Haus von Doktor Bellamy gesehen hat…!

Ich schlenderte durch die Buchhandlung meines Vertrauens, nahm mal hier ein Buch aus dem Regal, las mal dort einen Klappentext und stand irgendwann (wie so oft) vor dem Krimi-Regal: Ich konnte einfach nicht widerstehen! Der Schweizer Kampa-Verlag hat sich der Mamut-Aufgabe gestellt, alle Simenon-Romane neu aufzulegen. Die Krimis um seinen berühmten Kommissar Maigret überzeugen in teils neuen oder überarbeiteten Übersetzungen auch optisch mit den schwarz-weißen Fotos auf dem Cover. Einige ausgewählte Romane erstrahlen zudem im Retro-Design der 50er Jahre und sind somit ein wahrer Eye-Catcher. Wen wundert’s, dass ich mich von diesem Roman so magisch angezogen fühlte.

Man kann Georges Simenon wahrlich nicht nachsagen, dass er der fantasievolle Literat war, der an ausgefeilten Satzkreationen feilte. Er war eher der Stoiker und hatte somit vieles mit seinem Alter Ego Kommissar Maigret gemein. Waren raffinierte literarische Ergüsse auch nicht „seins“, so war er ein Könner im Schaffen von Atmosphäre. Die Straßen von Les Sables-d’Olonne, die Möwen am Hafen, die Gassen mit ihren Geschäften und Bistros, das Flair der späten 40er-/ frühen 50er-Jahre: Dies alles sah ich während meiner Lektüre vor meinem inneren Auge entstehen. Es schien mir, dass ich beinah diese Mischung aus sommerlicher Trägheit des Ortes und der nervösen Anspannung des Kommissars spüren konnte. Der Autor lässt die Worte der Nachricht („Suchen Sie aus Barmherzigkeit…“) Maigret in Gedanken immer wieder wie ein Mantra wiederholen und liefert ihm somit den Antrieb, aktiv in den Lauf der Ermittlungen einzugreifen. Er versteht es, Spannung aufzubauen und zu halten!

Simenon legte großen Wert auf eine detaillierte Charakterzeichnung seiner Handlungspersonen. So wie er Maigret nicht ausschließlich auf den Super-Schnüffler reduziert, so sind seine Übeltäter nicht „nur“ böse. Vielmehr schien es ihm wichtig, die Beweggründe für die Taten zu offenbaren und die Gedankengänge eines „kranken“ Geistes nachvollziehbar darzulegen. So geht er auch in diesem Krimi der Frage auf dem Grund, was einem bisher unbescholtenen Menschen veranlasst, ein schändliches Verbrechen zu begehen.

Maigrets Ferien gestalteten sich für ihn leider nicht wie erhofft: Für mich waren sie ein Vergnügen!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311125280

[Blog-Ge-„switch“-er] August 2020…

Was für ein sperriges Wort: Aber mir wollte partout nichts Originelleres einfallen. Was ich aber im Grunde damit ausdrücken wollte, ist, dass ich von einem Blog zum nächsten Blog „gehüpft“ bin und mir angeschaut habe, was meine Blogger-Kolleg*innen so alles Interessantes „gezwitschert“ bzw. veröffentlicht haben.

Nun werdet Ihr Euch vielleicht fragen, warum ich dies getan habe?! Die Antwort ist recht simpel: Es ist Sommer, und das legendäre Sommerloch ist da (Zumindest spüre ich temperaturbedingt eine gewisse Leere in meinem Schädel!). Und wie Ihr wisst, lautet meine Devise „Lieber gut geklaut als schlecht selbstgemacht!“.

Dabei würde dies die genannten Beiträge nur unzureichend charakterisieren: Schlussendlich haben sie mir sehr gut gefallen, und da wollte ich sie Euch nicht vorenthalten. Ich wünsche Euch viel Spaß!

  • Andrea Schuster von „Lesen… in vollen Zügen“ schickt uns Lesegrüße aus der Ferne. Urlaub in Zeiten von Corona und dann auch noch mit Kindern: Ja, geht denn das? Ja, es geht! Andrea hat sich zu einem kleinen Roadtrip durch einige, doch sehr unterschiedliche Freizeitparks gemacht (incl. Übernachtung) und hatte natürlich als Buchhändlerin immer die passende Urlaubs-Lektüre zur Hand!
  • Mit dem Unterschied zwischen E und U, zwischen ernster und unterhaltener Literatur musste sich Reni Nürnberger von „RenisBooks“ in Hohe Kunst, Unterhaltungs- oder Trivialliteratur? auseinandersetzten. Den Impuls für diesen Beitrag gaben ihr die div. Begegnungen mit selbsternannten Literaturkennern, die unter Hermann Hesse und Thomas Mann nichts gelten lassen, und alles andere als trivial abkanzeln. Wann werden wir uns endlich vom einengenden Schubladendenken befreien können?
  • Eine eigene, „andere“ Meinung, als die der Nationalsozialisten zu vertreten, war im Dritten Reich lebensgefährlich. Mutige Menschen schafften es mit kreativen Mitteln trotzdem, diese unter das Volk zu bringen. Marion Raven von „schiefgelesen“ gibt uns in Trojaner im Bücherregal einen aufschlussreichen Einblick.
  • Hauke Hader vom „Leseschatz“ hat den neusten Roman von Kristof Magnusson: „Ein Mann der Kunst“ gelesen und klingt in seiner Rezension sehr begeistert. Ich selbst hatte bisher mit noch keinem Werk von Kristof Magnusson das Vergnügen, und das obwohl er schon häufiger in der Buchhandlung meines Vertrauens zu Gast war (immer ohne mich!) und die Buchhändlerinnen meines Vertrauens in den höchsten Tönen von ihm schwärmen (sowohl als auch: Autor & Persönlichkeit). Habe ich da etwa Nachholbedarf…?
  • Marlon Brand hat sich auf seinem Blog „Books are gay as fuck“ der queeren Literatur angenommen und mir mit der Rezension zu Christopher Isherwood – Der Einzelgänger eine Freude bereitet (Zumal ich selbst im Oktober meinen Fokus auf Isherwood lenken werde.). Beim Stöbern in seinen Rezensionen bestand für mich die Gefahr, mich „festzulesen“. Doch ich erhielt dadurch eine Menge Inspiration für zukünftige Lesestunden: Der Blick über den Tellerrand lohnt sich!
  • In [THE STORY BEHIND] DAS SCHWERT IM STEIN entführt uns Gabriela Wendt vom „Buchperlenblog“ wieder in die Welt der wunderbaren Disney-Filme und vergleicht den Film mit der literarischen Vorlage. Im aktuellen Beitrag geht es um „Die Hexe und der Zauberer“, aber viele weitere Disney-Klassiker fanden bei ihr schon Erwähnung.
  • Apropos Netzrückblicke: Uwe Kalkowski blickt nun schon auf Vier Jahre Kaffeehaussitzers Netzrückblick zurück. Seit August 2016 berichtet er jeweils am Ende eines Monats für die Zeitschrift BuchMarkt »über das, was sich in der Literaturblog-Szene getan hat. Von lesenswerten Beiträgen über Diskussionen und Disputen bis zu weiterführenden Linktipps. Subjektiv, handverlesen und rein persönlich ausgewählt ohne Anspruch auf Vollständigkeit – denn eine solche kann es in einer so vielschichtigen und lebendigen Szene gar nicht geben.« …und sogar mein kleiner Blog fand dankenswerterweise in dieser Rubrik schon Erwähnung!

Ein kleiner Hinweis am Schluss: Dies ist keine Rubrik, die regelmäßig erscheint. Darum lasst Euch überraschen, wann das nächste [Blog-Ge-„switch“-er] das Licht der Blogger-Welt erblickt…!!! 😊

[Eine Geschichte…] Franz Kafka – KLEINE FABEL

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte. Ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah. Aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

Franz Kafka

Wenn ein Buch auf Reisen geht…

So, fertig! Ausgelesen! Schön war`s! Doch dann steht das besagte Buch schon seit einiger Zeit in meinem Regal, und langsam wächst in mir die Erkenntnis, dass ich es wahrscheinlich kein zweites Mal lesen werde.

Glücklicherweise kann ich auch loslassen. So dürfen Bücher bei mir auch weiterziehen und wandern vorübergehend in eine bestimmte Kiste, sozusagen in den Wartesaal für die Weiterreise. Von hier aus pendeln sie in unterschiedliche Richtungen weiter: Entweder ich biete sie (sofern es sich hierbei nicht um Rezensionsexemplare handelt) auf den entsprechenden Internetforen zum Verkauf, oder sie finden im Freundeskreis eine neue Heimstätte. Wieder andere Bücher spende ich dem Lions Clubs. Dessen Mitglieder sind gerade um die Advents- und Weihnachtszeit gerne mit einem gut gefüllten Stand auf den Weihnachtsmärkten präsent und verkaufen dort ihre gespendeten Bücher, um mit den Erlösen wohltätige Projekte zu unterstützen. Schon häufig habe ich dort mit Freude verschollene Schätze für kleines Geld geborgen: Häufig wusste ich bis zu dem Zeitpunkt gar nicht, dass ich ein bestimmtes Buch „unbedingt“ benötige, bis ich es plötzlich in meiner Hand hielt.

Doch nun habe ich eine weitere Reisemöglichkeit für Bücher entdeckt: bookcrossing!

So neu ist diese Idee nicht: Die Buchhandlung meines Vertrauens praktiziert dies schon seit längerem sehr erfolgreich – sei es unter dem Titel Huch! Ein wildes Buch! oder im Rahmen der Woche der unabhängigen Buchhandlungen. Und auch die öffentlichen Bücherschränke dienen nichts anderem als dem bookcrossing.

Ich habe nun drei Romane aus dem Wartesaal befreit und sie sozusagen als „Testballon steigen lassen“. Jedes Buch wurde auf http://www.bookcrossing.com von mir registriert, erhielt einen von mir erstellten „Beipackzettel“ mit einer eigenen Identifikationsnummer, wurde nett verpackt und im Stadtgebiet „ausgewildert“. Nun warte ich gespannt auf eine Rückmeldung von den Finder*innen. Auch wenn keine Rückmeldung erfolgt, so hege ich die große Hoffnung, dass die Bücher trotzdem Leser*innen gefunden haben, die sie sehr zu schätzen wissen!

Habt Ihr schon Erfahrungen mit bookcrossing gemacht? Ich würde mich über Eure Rückmeldungen freuen!

[Rezension] Horst A. Friedrichs – Buchhandlungen. Eine Liebeserklärung/ mit Texten von Stuart Husband und Nora Krug

Buchhandlungen: Ich liebe sie! Im besonderen Maße liebe ich natürlich die innerhabergeführten Läden, die so viel von „ihren“ Menschen preisgeben und im besten Fall Charakter besitzen und Persönlichkeit ausstrahlen. Hier finde ich in beinah versteckten Nischen und Regalen so einige kleine Schätze abseits des Mainstreams. Natürlich ist oftmals das Angebot der großen Buchhandelsketten deutlich umfangreicher, aber ist es auch vielschichtiger? Zudem verströmen diese Läden mit ihrem genormten Ladenkonzept eher Sterilität und lassen nicht erkennen, in welcher Stadt ich mich gerade befinde.

Fotograf Horst A. Friedrichs hat sich seine Kamera geschnappt und sich auf eine Reise durch die Buchhandlungen der westlichen Hemisphäre gemacht. Mit seinen Fotos schafft er es, dem besonderen Flair dieser Orte, den sie für Buch-Enthusiasten verströmen, dem Betrachter sichtbar zu machen – sowohl als „Panorama“-Ansicht als auch „en détail“. Sie offenbaren eine immense Bandbreite, wie und wo Menschen Bücher verkaufen. Da versprüht „Spoonbill & Sugartown“ (Brooklyn, New York) mit seiner Styropor verkleideten Ladendecke in Kombination mit einem Lüster einen beinah morbiden Charme, während „Rizzoli“ (Manhatten/ New York) mit seinen dunklen Säulen und den muschelförmigen Regalaufsätzen ein gediegenes Upperclass-Flair versprüht. Bei „Dog Eared Books“ (San Fransisco) fühlte ich mich in die alternative Buch-Szene der 70er Jahre zurück versetzt. „Maggs Bros.“ (London) ist von außen kaum als Buchhandlung zu erkennen, blickt auf eine jahrhundertlange Tradition zurück und präsentiert in seinem Inneren eine wahre Schatzkammer an Buchantiquitäten. Der Buchladen „Gay’s The Word“ (London) macht Andersartigkeit sichtbar und etabliert sie als selbstverständlichen Teil einer bunten und vielfältigen Gesellschaft.

Bei „Word On The Water“ (London) muss die Kundschaft erst über einen kleinen Steg auf ein Boot, dass fest am Ufer des Regent’s Kanal liegt. Wir bleiben an einem Fluss: Natürlich dürfen in einer solchen Sammlung die „Bouquinisten“ am Ufer der Seine in Paris nicht fehlen. Eine alte gotische Kirche dient „Boekhandel Dominicanen“ (Maastrich) als Heimat, in der eine raffinierte Stahlkonstruktion dafür sorgt, dass das ehrwürdige Gotteshaus keinen Schaden nimmt. Beim Anblick der Fotos zu „Liveraria Lello“ (Porto) mit seinen geschwungenen Treppen und den Bleiglasfenstern stockte mir der Atem: So schön! Mit Schande muss ich gestehen, dass ich der renommierten Buchhandlung „Felix Jud“ in meiner Lieblingsstadt Hamburg bisher noch keinen Besuch abgestattet habe: Das soll/muss sich ändern! Und wenn ich schon in Hamburg bin, dann könnte ich auch bei „stories!“ vorbeischauen, die ihre Bücher eher wie Kunstwerke einer Galerie gleich zur Schau stellen. Insgesamt gibt es 47 Porträts zu bewundern…!

So unterschiedlich die Läden und ihre Besitzer*innen sind, so unterschiedlich ist auch die jeweilige Entstehungsgeschichte: Da protzen einige Läden als wahre Literaturtempel während andere eher dezent ihr Understatement kultivieren. Einige Läden blicken auf eine sehr lange Tradition zurück, andere Läden sind beinah „spontan“ in jüngerer Vergangenheit entstanden.

Auch wenn dieser Pracht-Bild-Band natürlich unter der Kategorie „Das geschriebene Wort…“ auftaucht, so spielen Texte eine eher untergeordnete Rolle. Und so erscheint in diesem Fall auch als erstes der Name des Fotografens in der obigen Überschrift. Während Nora Krug in ihrem Vorwort die Notwendigkeit von freien Buchhandlungen und ihren Einfluss auf die Gesellschaft deutlich macht, sorgt Stuart Husband in seinem Beitrag zu jeder Buchhandlung, dass die Inhaber*innen eine Stimme erhalten.

Das Gesicht zur Stimme zeigt Friedrichs in seinen wundervollen Fotos: Kluge Menschen blicken in die Kamera und zeugen von Individualität, Enthusiasmus und ihrer Liebe zum Buch. Horst A. Friedrichs ist wahrlich eine Liebeserklärung gelungen!

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension meiner Blogger-Kollegin LESEMADEMOISELLE.


erschienen bei Prestel/ ISBN: 978-3791385808

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Buchblog-Award 2020…

Der Countdown läuft: Bis zum 4. September ist es möglich, seinen Lieblings-Blog für den 4. Buchblog-Award (kurz: #Bubla20) zu nominieren. Wie schon im vergangenen Jahr wird der Buchblog-Award in den Kategorien „Bester Buchblog“, „Bester Newcomer“, „Beste Verlagsblog“ und „Beste Buchhandlungsblog“ vergeben.

Und auch .LESELUST ist diesmal wieder unter den Nominierten und unter der Kategorie „Bester Buchblog“ zu finden. Über jede Stimme würde ich mich sehr freuen, denn ich sehe meine Teilnahme ganz im Geiste der olympischen Spiele: Dabeisein ist alles!

Hier habt Ihr die Möglichkeit, um mich – aber selbstverständlich auch meine Blogger-Kolleg*innen – zu nominieren. Weitere Informationen zum #Bubla20 findet Ihr hier.

Ich bedanke mich herzlich für Eure Nominierung und wünsche Euch viel Spaß beim Stöbern in der bunten Welt der Buch-Blogs!

Liebe Grüße
Andreas

[Kulturtipps] September 2020…

Die Spielzeit 20/21 beginnt, und sowohl gezwungenermaßen als auch vernünftigerweise werden wir auf viele der liebgewonnenen Rituale vorerst verzichten: kein kuscheliges Beisammensein bei einem Gläschen Sekt vor/während/nach der Vorstellung, kein kollektives „Wir“-Erlebnis,…

…und doch freue ich mich „wie Bolle“, dass es endlich weitergeht, dass es überhaupt weitergeht. Mit geballter Vorfreude fiebere ich meinem ersten Theaterbesuch entgegen: Am 27. September werden wir uns das Musical „Chicago“ im Stadttheater Bremerhaven ansehen, und ich bin sehr gespannt, wie unter Corona-Bedingungen den Künstler*innen die Umsetzung auf der Bühne und im Orchestergraben gelingt. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass wir uns von unseren bisherigen Seh- und Hörgewohnheiten verabschieden und unsere Sinne für ein alternatives Theater-Erlebnis neu justieren müssen. Ich bin gerne bereit dafür, denn:

ES GEHT WEITER!!!


Ausstellung


Comedy/ Kabarett

  • 6. September – Die Feisten / Stadthalle Osterholz-Scharmbeck
  • 6. September – Dave Davis / TiF Theater im Fischereihafen in Bremerhaven
  • 11. September – Özcan Cosar / Stadthalle Osterholz-Scharmbeck

Komödie/ Lustspiel


Konzert/ Gala


Lesung, Literatur & Artverwandtes

  • 11. September – Harald Maack liest Üm de Eck keken / Museumsanlage Osterholz-Scharmbeck
  • 18. September – Paula Irmschler liest Superbusen / OUT LOUD im Kulturzentrum Lagerhaus in Bremen

Musical

  • 15. September – Kostprobe (Eintritt frei) Chicago von John Kander / Stadttheater Bremerhaven
  • 19. September – Premiere Chicago von John Kander / Stadttheater Bremerhaven

Schauspiel

  • 6. September – Premiere All das Schöne von Duncan Macmillan / Theater am Goetheplatz in Bremen
  • 18. September – Premiere Corpus Delicti von Juli Zeh / Stadttheater Bremerhaven
  • 22. September – Kostprobe (Eintritt frei) Vögel von Wajdi Mouawad / Stadttheater Bremerhaven
  • 26. September – Premiere Vögel von Wajdi Mouawad / Stadttheater Bremerhaven

Nanu! Ein Buch-Blogger gibt Kulturtipps! Wie kommt denn das? Die Antwort findet Ihr unter Der Anfang…!

Berücksichtigung finden natürlich hauptsächlich Veranstaltungen in meinem näheren Umfeld. Aber ich bin mir sicher, dass auch in Eurer Nähe viele spannende Veranstaltungen auf Euch warten!

Kleingedrucktes: Die Kulturtipps eines Monats erscheinen in der Mitte des Vor-Monats. Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr!

Bitte beachten: Aufgrund der Corona-Pandemie kann es kurzfristig zu Änderungen kommen. Für aktuelle Infos wendet Euch bitte direkt an die Veranstalter!

[Rezension] Joanna Nadin – Meine Mutter, unser wildes Leben und alles dazwischen

Dido Sylvia Jones ist gerade erst 6 Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter Edie in das geerbte Haus in einer Kleinstadt in Essex zieht. In dieser geordneten, gutbürgerlichen Umgebung fällt die flippige Edie schnell auf und sorgt für Aufregung in der Nachbarschaft; sehr zum Leidwesen ihrer Tochter Dido, die so gerne ein etwas unauffälligeres Leben führen würde. Direkt nebenan entdeckt sie ihr persönliches Narnia: Durch eine Tür in der Gartenmauer schlüpft sie in die saubere und strukturierte Welt der Familie Trevelyan mit Vater, Mutter und zwei Kindern. Mit der gleichaltrigen Tochter Harry freundet sich Dido an. Für deren älteren Bruder Tom schwärmt sie vom ersten Moment. Edie kann die Begeisterung ihrer Tochter an dieser spießigen Bilderbuchfamilie nicht teilen: Sie zieht es vor, ihr Leben ohne Konventionen öffentlich zu zelebrieren und reizt damit den Widerstand ihrer Tochter, die Konventionen benötigt, um Halt in ihrem Leben zu finden. So verfliegen die Jahre, und jede für sich taumelt durch ihr Leben mit falschen Jobs, falschen Freunden, falschen Liebhabern, da das/der Richtige immer irgendwie abwesend zu sein scheint…!

Dieses Jahr steht bei mir anscheinend ganz im Zeichen der Mutter-Tochter-Konflikte: Nach Anne Enrights Die Schauspielerin und Zwei Wochen im Juni von Anne Müller flutsche mir nun mit diesem Werk die dritte literarische Umsetzung zu diesem Thema zwischen die Finger. Joanna Nadin lässt in ihrem komplexen Roman die Geschehnisse aus der Sicht von Dido Revue passieren. Dieser Roman wirkt beinah wie ein scheinbar nie enden wollender Brief, den Dido ihrer Mutter Edie schreibt. So sind die Zeilen natürlich sehr persönlich gefärbt und spiegeln die jeweilige Lebenssituation von Dido wieder, offenbaren aber auch peu à peu die Geschichten ihrer Mutter und der Menschen in ihrem Umfeld.

Die Autorin entblättert Seite für Seite die zarte Seele eines Kindes, das auf der Suche nach Liebe, Halt und Anerkennung ist. Dies kann sie allerdings bei ihrer eigenen Mutter nicht finden, da diese selbst an den Wunden ihrer verletzte Seele krankt. So sind Missverständnisse und gegenseitig zugefügte Kränkungen zwangsläufig unabwendbar. Wie Naturgewalten prallen diese Frauen aufeinander, die so unterschiedlich sind aber gleichzeitig so vertraut miteinander, dass jede die wunden Punkte der anderen nicht bloß kennt sondern auch zielsicher trifft. Doch gerade diese Vertrautheit wirkt wie ein eng geknüpftes Band: Mutter und Tochter sind untrennbar miteinander verbunden!

Joanna Nadin erzählt ihre Geschichte in einer wunderschönen Sprache, die vor Energie strotzt und mit ihren Worten Bilder malt. Sie schafft es, dass ihre Leserschaft nie Mitleid aber immer Mitgefühl für die Protagonist*innen entwickelt. Alle agieren nachvollziehbar im Rahmen ihres vorgegebenen gesellschaftlichen Gefüges. Niemand wird bloßgestellt! In Nadins Charakterzeichnungen spürte ich sehr viel Herz und Verständnis für die Fehler „ihrer“ Menschen. Trotz aller vorhandener Ernsthaftigkeit mit ihren Dramen und den Tränen entlockten mir die humorvollen Beschreibungen der skurrilen Situationen, in die Dido, Edie & Co. stolpern, durchaus auch ein Lächeln.

Dido ist schonungslos – mit ihrer Mutter aber auch mit sich selbst. Doch am Ende steht die weise Erkenntnis, dass alles im Leben einen Sinn ergibt und erst mit dem Verzeihen die eigene innere Ruhe einkehren kann.

Lust auf eine weitere Meinung? Dann empfehle ich Euch die Rezension von Günter Keil.


erschienen bei Limes/ ISBN: 978-3809027072

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!