[Rezension] Manfred Schmidt – Nick Knatterton: Alle aufregenden Abenteuer des berühmten Meisterdetektivs

Er ist cleverer und smarter als jeder anderer. Er ist flexibel wie eine Spinne und benötigt zum Ermitteln keinen struppigen Begleiter. Er wird bei Wut zwar nicht grün aber entwickelt doch übermenschliche Kräfte. Sein technisches Equipment ist so raffiniert ausgefeilt, dass sogar die Fledermaus die Flügel ergeben von sich streckt. Sein Kryptonit ist die holde Weiblichkeit, und so reitet er lieber allein („I’m a poor lonesome cowboy…!“) in den Sonnenuntergang.

Nick Knatterton ist der legendäre Comic-Held der Wirtschaftswunderjahre der noch jungen Republik. Von 1950 bis 1959 wurden die Geschichten als klassische Comic-Strips in der Illustrierten „Quick“ abgedruckt. Aufgrund der großen Popularität erschienen schon ab 1952 die ersten Sammelbände, in denen jeweils zwei bis drei Episoden veröffentlicht wurden. Allerdings wurden bei den bisherigen Sammelbänden bzw. Gesamtausgaben auf das Querformat verzichtet. Erst die vorliegende Gesamtausgabe aus dem Jahre 2007 präsentiert die Comics wieder im Stripformat.

Nach eigener Aussage seines Schöpfers Manfred Schmidt diente ihm als Vorlage für den Detektiv kein geringerer als Hans Albers in dem Film „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ aus dem Jahre 1937. So verbeugt er sich vor seinem Vorbild Sir Arthur Conan Doyle und schuf eine freche und respektlose James Bond-Parodie. Optisch und intellektuell war Nick Knatterton eindeutig an der Figur des großen Vorbildes angelehnt. Doch seine Abenteuer waren so haarsträubend unglaubwürdig und absolut „Over the Top“, dass sie einem Groschenroman entsprungen sein könnten. Manfred Schmidt wollte einen beispielhaften Comic schaffen, der einen so hohen Wiedererkennungswert haben sollte, dass die Figur „Nick Knatterton“ gerne zu Reklamezwecke „missbraucht“ wurde (…ein Umstand, der sogar im Comic genüsslich persifliert wird!), und sein Ausruf „Kombiniere!“ in aller Munde war. Selbst ein launiger Fox-Trott wurde dem berühmten Meisterdetektiv gewidmet:

Dabei scheint es nicht, dass Schmidt seine Stories akribisch am Storyboard plante. Es ist viel wahrscheinlicher, dass die Fortsetzungen von Woche zu Woche entstanden. So ließ er spontan seinen Helden in unerwartete Situationen schlittern oder befreite ihn aus eben diesen. Ebenso spontan konnte er auf das aktuelle Zeitgeschehen eingehen: Er sparte nicht mit ironischen Anspielungen auf Politiker, das Wirtschaftswunder und das Finanzamt. Das weibliche Geschlecht spielte eine nicht unwesentliche Rolle in einem „Knatterton“-Abenteuern, sei es als die unschuldig Naive in Nöten oder als verführerisch-verruchte Femme Fatale. Sie alle wurden pikant-erotisch in Szene gesetzt, so dass die Art der Darstellung einen Hang zum damaligen männlichen Chauvinismus vermuten lässt.

Aber auch alle weiteren Figuren triefen vor Klischees. Eine realistische Zeichnung der Personen oder eine nachvollziehbare Handlung sucht man bei „Nick Knatterton“ vergebens, wird aber auch nicht erwartet: „Hauptsache es passiert was!“ Und dass in jeder Folge etwas völlig Unerwartetes passierte, war bei „Nick Knatterton“ ganz gewiss. Wie Schmidt im Vorwort dieses Pracht-Sammelbandes warnend mitteilte: „Dem Leser bleibt garantiert nichts erspart!“

„Stimmt! Und es bereitete mir immens viel Spaß…!


erschienen bei Lappan/ ISBN: 978-3830331520

MONTAGSFRAGE #110: Hast du dich schon mal ehrenamtlich im Bereich Bücher/Lesen engagiert?

Hach! Die heutige MONTAGSFRAGE ist so recht nach meinem Geschmack, und ich danke Antonia und Elli von Herzen dafür…!

Meine Antwort: Ja, habe ich! UND Ich würde/werde es immer wieder tun!

Der Hauptteil meines Vor-Leser-Lebens war „ein einziges, großes Ehrenamt“. Das begann im Jahre 2011 bei meinem damaligen Arbeitgeber, wo ich eine Lesereihe ins Leben rief, bei der Spenden für einen Snoezelenraum gesammelt wurden.

Einige Jahre später kamen auf Initiative der Buchhandlung meines Vertrauens div. Einsätze zum Bundesweiten Vorlesetag dazu: Ich stand an allen möglichen und unmöglichen öffentlichen Orten, habe den armen, ahnungslosen Passant*innen aufgelauert und ihnen vorgelesen, ob sie nun wollten oder nicht…!

Ungefähr zur selben Zeit erreichte mich von eben jenen Buchhändlerinnen meines Vertrauens die Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte, als Jurymitglied beim Bundesweiten Vorlesewettbewerb zu fungieren. Diese Anfrage stieß bei mir auf offene Ohren: Es war mir eine Ehre! Seitdem habe ich diesen Part Jahr für Jahr mit Freude übernommen und bin sehr gespannt, ob und wie wir es in diesem Jahr umsetzen können.

Besonders die Kooperation mit „meiner“ Buchhandlung habe ich immer als absolut angenehm und unkompliziert empfunden: Da hat jemand eine Idee, und findet beim Gegenüber die erhoffte Unterstützung. So gab es kurzzeitig eine von mir initiierte Vorlesereihe für Kinder in der Buchhandlung meines Vertrauens, die leider mangels Nachfrage wieder eingestellt wurde (Vielleicht sollten wir das Konzept nochmals überarbeiten und ihm bei passender Gelegenheit eine zweite Chance gönnen!).

Aber auch schon in Schulen und Kirchengemeinden war ich als Vor-Leser zu Gast, sei es im Rahmen der Eröffnung der Schulbücherei oder bei div. Gemeindefesten. Besonders meine eigene Gemeinde profitierte reichlich von meiner Lese-Leidenschaft, u.a. bei einer großen Advents- und Weihnachtslesung in der festlich geschmückten Kirche, dessen Erlös der Restaurierung unserer Friedhofsmauer zugutekam.

Wer von Euch sich gerne einen Überblick über mein Vor-Leser-Leben verschaffen möchte, findet unter Was bisher geschah… eine Auflistung aller meiner Lesungen. Entsprechende Beweisfotos und Presse-Berichte gäbe es da auch noch zu bewundern.

Ideen?! Ideen habe ich zuhauf! So könnte ich mir durchaus Kooperationen mit der Stadtbibliothek und der Volkshochschule vorstellen. Auch schwirren einige (halbgare) Konzepte für besondere Lese-Events in meinem Kopf herum, die aber momentan nicht umsetzbar sind: Da für mich eine Lesung (wie so vieles) durch die Live-Atmosphäre und das gemeinschaftliche Erleben erst ihren vollen Zauber entfaltet, werden meine geschätzten Zuhörer*innen wohl oder übel noch einige Zeit auf eine klassische Lesung mit mir verzichten müssen.

…und habt Ihr auch schon ehrenamtlich ein Buch in die Hand genommen? 


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Noch ein Gedicht…] Friedrich Rückert – DU BIST MEIN MOND

Du bist mein Mond, und ich bin deine Erde;
Du sagst, du drehest dich um mich.
Ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß ich werde
in meinen Nächten hell durch dich.

Du bist mein Mond, und ich bin deine Erde;
sie sagen, du veränderst dich.
Allein du änderst nur die Lichtgebärde
und liebst mich unveränderlich.

Du bist mein Mond, und ich bin deine Erde;
Nur mein Erdenschatten hindert dich,
die Liebesfackel stets am Sonnenherde
zu zünden in der Nacht für mich.

Friedrich Rückert

[Rezension] Robert Galbraith – Böses Blut: Ein Fall für Cormoran Strike

11. Oktober 1974: Margot Bamborough, eine erfolgreiche Ärztin, junge Mutter und Ehefrau, verschwand auf dem Weg zu einem Treffen mit ihrer Freundin spurlos. Der ermittelnde Inspector Bill Talbot versuchte einen Zusammenhang zu den brutalen Morden des damaligen Serienkillers Dennis Creed, dem s.g. „Essex Butcher“, herzustellen, verstrickte sich in seinen manischen Wahnvorstellungen zunehmend in abstrusen, astrologischen Theorien. Doch auch der nachfolgende Ermittler war eher darauf bedacht, diesen verzwickten Fall dem Serienkiller zuzuschreiben und so möglichst schnell „ad acta“ zu legen, als den widersprüchlichen Zeugenaussagen nachzugehen. 40 Jahre später bittet Margots Tochter das erfolgreiche Ermittler-Duo Cormoran Strike und Robin Ellacott das Verschwinden ihrer Mutter zu untersuchen. Sie gibt ihnen für die Nachforschung in diesem Cold Case ein Jahr Zeit, in der Hoffnung, dass die beiden Detektive ihr dann die langersehnten Antworten auf so viele Fragen liefern können. Doch in diesem einen Jahr kann so vieles passieren…!

Joanne K. Rowlings Erzählstil würde ich durchaus als „episch“ bezeichnen: Kleine Erzählungen mit einer überschaubaren Seitenzahl scheinen nicht ihr Ding zu sein. Wie schon zuvor bei der erfolgreichen Harry Potter-Serie kreiert sie auch als Robert Galbraith eine eigene, sehr detailreiche Welt rund um den hünenhaften Privat-Ermittler Cormoran Strike und seinem Team. Vielen Leserinnen und Lesern geht dies zu weit. Doch mir gefällt’s…!!!

Denn gerade dieser Detailreichtum sorgt bei mir für einen Wiedererkennungswert: Es scheint mir beinah, als träfe ich alte Bekannte, die mir wieder einen Blick in ihr Leben und Arbeiten gewähren. Dies schafft Anknüpfungspunkte an die handelnden Personen, beleuchtet die Hintergründe ihres Tuns und weckt sowohl Verständnis wie auch Unverständnis gegenüber ihrer Taten. Realistisch skizziert die Autorin den oftmals wenig glamourösen Arbeitsalltag der Privat-Detektive: das Wühlen in der Privatsphäre anderer Menschen, stundelange Observationen ohne nennenswerte Erkenntnisse, den Einfluss der Ermittlungsergebnisse auf das weitere Leben der Klienten…! Und auch die Arbeit an diesem Cold Case ist geprägt durch eine zeitintensive und zermürbende Recherche, dem Studium alter Fallakten und dem Aufspüren und Befragen früherer Zeugen, deren Wahrnehmung sich im Laufe der Jahre durchaus verändert haben könnte.

Dabei erlaubt Rowling ihren Held*innen an einander und am jeweiligen Fall zu wachsen und gibt ihnen somit die Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung: Strike und Ellacott offenbaren sich gegenseitig vorsichtig ihre Gefühle zueinander und spüren gleichzeitig eine Angst, dass ihr fragiles Beziehungs-Konstrukt aus Freundschaft, geschäftlicher Partnerschaft und Zuneigung zerbrechen könnte. Aber auch die Nebenfiguren erhalten genügend Raum zur Profilierung. Und so entfaltet sich vor den Augen der Leser*innen ein buntes Kaleidoskop aus vielschichtigen Typen und ihren Schicksalen, das uns in die Tiefen menschlicher Obsessionen führt.

Auch in diesem Fall offenbart Rowling uns recht schnell die scheinbar unzähligen Teile dieses Puzzles: Alle Komponenten scheinen vorhanden, nur die Zusammenhänge liegen im Verborgenem, werden erst durch die akribische Arbeitet der Ermittler aufgedeckt und peu à peu miteinander verbunden. Am Ende fügen sich alle Puzzle-Teile, alle Details (und schienen sie noch so unwichtig) zu einem großen und überraschenden Ganzen zusammen.

Joanne K. Rowling (alias Robert Galbraith) bleibt sich und ihrem Erzähl-Stil treu und präsentiert ihre Geschichten weiterhin auf sehr hohem Niveau!

Lust auf weitere Meinungen? Dann empfehle ich Euch die Rezensionen meiner Blogger-Kolleginnen JANINA LEHMANN von „Frau Lehmann liest“ und Herba von „Unkraut vergeht nicht….oder doch?“.


erschienen bei Blanvalet/ ISBN: 978-3764507688

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #109: Wann bzw. auf welcher Grundlage entscheidest du, ein Buch nicht zu Ende zu lesen? Oder quälst du dich durch jedes Buch?

Hm…! Das ist eine sehr interessante Frage, die uns Antonia aus dem Katalog der gesammelten MONTAGSFRAGEN heute schenkt. Da macht es für mich durchaus Sinn, zu definieren, was mir persönlich gefällt. Aus dem Positivum lässt sich dann spielend das Negativum ableiten. Los geht’s:

Wichtig ist mir, ob mich eine Geschichte packt und der Funke überspringt. Zudem erwarte ich auch eine gewisse Qualität im sprachlichen Ausdruck und im Erzählstiel. Da ich selbst gerne als Vor-Leser aktiv war (und hoffentlich auch bald wieder bin), schaue ich natürlich auf die (Vor-)Lesbarkeit eines Textes. Die handelnden Personen müssen mir nicht unbedingt sympathisch sein aber zu mindestens mein Interesse wecken. Wichtig ist für mich auch, wie ein Roman aufgebaut ist: Gibt es einen Spannungsbogen? Wie setzt die Autorin/ der Autor Dialoge ein? Reichen die Beschreibungen der Szenerie aus, um in meinem Kopf ein Bild zu kreieren?

Das mag nun alles sehr theoretisch, verkopft und kompliziert klingen. Ist es aber nicht! Dieser Vorgang läuft bei mir ganz automatisch und völlig mühelos im Hintergrund ab. Ich mache mir darüber keine Gedanken. Und vieles liegt auch an meinem Bauch-Gefühl, das darüber entscheidet, ob mir ein Buch gefällt!

Doch was mache ich, wenn ich mit der Lektüre begonnen habe und feststelle, dass mir das Buch nicht gefällt? …weiterlesen? …ganz sicher nicht!

Bücher, die mir nicht gefallen, lese ich nie bis zum Ende! Warum sollte ich meine kostbare Zeit mit dem Lesen von diesen Büchern verschwenden? Lesen ist für mich eine Leidenschaft (klingt abgedroschen, beschreibt es aber treffend), die mich entspannt und die Realität vergessen lässt, mich auf Reisen in fremde Länder und zu unbekannten Kulturen schickt, interessante Persönlichkeiten kennenlernen lässt, einen Blick über den eigenen Horizont hinaus wagt und eine scheinbar nie versiegende Quelle der Freude darstellt. Johann Wolfgang von Goethe sagte so treffend…

„Wer Bücher liest, schaut in die Welt und nicht bis zum Zaune.“

…und warum soll ich mir meinen Blick mit Büchern verstellen, die ich nicht mag, und mir darüber vielleicht meine Freude trüben lassen???

Nun höre ich schon die eine oder andere Stimme meiner geschätzten Mit-Blogger*innen, die – völlig zu Recht – einen Einwand haben: Was macht der passionierte Buch-Blogger, wenn er verpflichtet ist, ein Statement zu einem Werk, das ihm absolut nicht gefällt, abzugeben? Diese Verpflichtung spüre ich immer dann, wenn mir von einem Verlag oder direkt von einem/r Autor*in ein Buch zur Rezension zur Verfügung gestellt wurde. Dafür habe ich mir auch eine Strategie zurecht gelegt und auch schon entsprechend angewendet: Ich schreibe den Verlag/ die Autor*innen an und bitte, von einer Rezension von mir Abstand zu nehmen. Natürlich würde ich dies entsprechend begründen. Aber aus dieser Verpflichtung heraus das Werk trotzdem lesen UND rezensieren UND somit doppelte Zeit verschwenden…? Nö!!!

Darum gibt es bei mir vornehmlich eher wohlwollende Rezensionen, da ich die Menschen, die meinem Blog folgen, animieren möchte, dass sie LESEN – nicht, dass sie NICHT lesen! So schreie ich es viel lieber laut hinaus, wenn ein Buch für mich ganz wunderbar ist: „Unbedingt lesen, bitte!“

…und wie ist Eure Meinung? …abbrechen oder quälen bis zum bitteren Ende? 


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Rezension] Dirk Kurbjuweit – Haarmann

In Hannover an der Leine,
Rote Gasse Nr. 8,
wohnt der Massenmörder Haarmann,
der die Menschen umgebracht.

Wenn ich als Kind dieses Lied hörte, bekam ich immer sofort eine Gänsehaut. Doch ich ahnte damals nicht, dass sich hinter diesen gruseligen Zeilen eine wahre Geschichte verbarg.

Die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts: Eine Mordserie hält die Bürger der Stadt Hannover in Atem. Mehrere Jungs verschwinden nach und nach spurlos. Sie scheinen wie vom Erdboden verschluckt. Allen war gemein, dass sie sich vornehmlich im Stricher-Milieu aufhielten und somit unter dem § 175 fielen, der „Beischlafähnliche Handlungen” unter Männern unter Strafe stellte und mit Gefängnis geahndet wurde. Kommissar Robert Lahnstein wird mit den Ermittlungen beauftragt und muss gegen unterschiedlichste Widerstände ankämpfen: Einerseits verwickelt ihn der unbekannte Täter, den er später als Fritz Haarmann identifiziert, in ein perfides Katz-und-Maus-Spiel, andererseits kämpft er innerhalb der Polizei mit der Ignoranz gegenüber den verächtlich titulierten „175ern“. Lahnstein ist ein vom Krieg traumatisierter Mann, der den Verlust seiner Familie noch nicht verarbeiten konnte. Umso verbissener arbeitet er an diesem Fall…!

Die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts: Glamour, Stil und Avantgarde! Für einige wenige Zeitgenossen mag dies gegolten haben, die diese Epoche darum gerne als „golden“ bezeichnen. Für die Mehrheit der Bevölkerung war dies eine Zeit der Resignation: Der Krieg hatte empfindliche Spuren hinterlassen, und das gesellschaftliche Gefüge war noch sehr fragil. Vor diesem Hintergrund lässt Autor Dirk Kurbjuweit seinen fiktiven Ermittler bei einem realen Kriminalfall agieren. Kurbjuweits Kommissar Lahnstein vereint in sich zwar durchaus Aspekte der realen Kriminalbeamten Hermann Lange und Heinrich Rätz, aber durch die Fiktion erlaubt der Autor sich die Freiheit, persönliche Aspekte des Ermittlers in die Geschichte einzuweben. So begleiten wir in diesem Kriminalroman auch nicht den titelgebenden Haarmann, sondern werfen dem Kommissar einen Blick über die Schulter. Dank indirekter Rede und einem Stil, der an Protokolle einer Polizeiakte erinnert, gelingt dem Autor eine beinah nüchtern wirkende Erzählweise, die somit plakative Effekte vermeidet.

Mag auch die eine oder andere Wendung etwas konstruiert wirken, so hat Kurbjuweit einen packenden Kriminalroman mit einer gehörigen Portion Zeitkolorit geschaffen, dessen Lektüre mich mit dem Wissen um die reale Vorlage besonders berührte.

Warte, warte nur ein Weilchen,
bald kommt Haarmann auch zu dir.
Mit dem kleinen Hackebeilchen
macht er Hackefleisch aus dir.


Wer Lust auf weniger Fiktion und mehr Realität verspürt, dem möchte ich den Film Der Totmacher aus dem Jahre 1995 empfehlen: Die Befragung Haarmanns durch den Psychiatrieprofessor Ernst Schultze wurde von Regisseur Romuald Karmakar mit Götz George (Haarmann) und Jürgen Hentsch (Schultze) in den Hauptrollen verfilmt. Die Dialoge für die Darsteller lehnen sich eng an die originalen Verhörprotokolle aus dem Jahr 1924 an.


erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328600848

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #108: Sind Buch-Adaptionen in der Form von Mini-Serien vielleicht besser als Buch-Adaptionen in der Form von Filmen?

In der letzten Woche war es ungewohnt still hier auf meinem Blog: Der Hauptgrund war, dass ich fiebrig-viral niedergestreckt wurde und zeitweise weder wusste, wo oben und unten ist, noch ob ich Männlein oder Weiblein bin. In der Zwischenzeit bin ich zum Glück sowohl räumlich als auch geschlechtsspezifisch wieder orientiert. Unter diesen Voraussetzungen kam es mir zupass, dass auch Antonia durch ihr Studium so sehr eingespannt war und darum in der letzten Woche die MONTAGSFRAGE ausfallen ließ. Doch nun sind wir beide wieder da: Antonia, um eine Frage zu stellen, und ich, um eben diese Frage zu beantworten!

Diesmal dreht sich die Frage um die Umsetzung einer literarischen Vorlage in eine filmische Form, und ganz spontan antworte ich mit „Es kommt darauf an…!“

Es kommt darauf an, um welche literarische Vorlage es sich handelt: Eine kleine entzückende Erzählung wie z. Bsp. „Agathe“ von Anne Cathrine Bomann auf Serienformat aufzublähen, halte ich für stark übertrieben. Ein seitenstarkes Epos wie „Die Elenden“ von Victor Hugo als Kurzfilm zu verwursten, würde dem Werk nicht ansatzweise gerecht werden.

Ergo würde ich (als Laie, der absolut keine Ahnung vom Film- und Fernseh-Business hat) die Wahl der filmischen Umsetzung abhängig machen vom Umfang der literarischen Grundlage. Doch nagelt mich jetzt bitte nicht auf diese Gleichung (viele Seiten = viel Film) fest. Im Großen und Ganzen gehe ich mit den filmischen Adaptionen literarischer Werke sehr entspannt um und bin da auch recht gnädig in meinem Urteil: Wenn’s gut gemacht ist und mich unterhält – wunderbar!

Ich bin da weiterhin ganz pragmatisch, wie ich es in meiner Antwort zur MONTAGSFRAGE #3 schon einmal erläutert habe. Buch und Film: Ich vergleiche sie nicht, da es zwei unterschiedliche Medien sind, die ebenso unterschiedliche Formen der Wahrnehmung bei mir beanspruchen.

…und wie ist Eure Meinung? Viele Seiten = viel Film? Oder darf es mit „weniger“ auch etwas „mehr“ sein? 


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.