[Noch ein Gedicht…] Clara Müller-Jahnke – IM NOVEMBERSTURM

Der Sturmwind rast und der Regen schlägt
ans Fenster in schweren Tropfen –
Ich fühl in der tollen Novembernacht
mein Herz wohl hörbar klopfen.

Es schlägt in brennender Ungeduld
sehnsüchtig und beklommen . . .
Ach, wenn die Stunde doch Flügel hätt‘
und wäre der Winter gekommen!

Und deckte die Ströme das blinkende Eis
und der Schnee die schweigende Runde –
und wären wir endlich allein, allein
in der heimlichen Mitternachtsstunde!

O Liebster, Liebster, – der Sturmwind rast
und der Regen rauscht endlos nieder –
mir aber fluten durch Haupt und Herz
traumselige Liebeslieder.

Clara Müller-Jahnke

[Rezension] Claire Takacs – Dreamscapes: Traumgärten aus aller Welt

Sehnsuchtsorte: Ich sprach vor einigen Tagen von eben diesen besonderen Orten, bei denen die Seele durchatmet und sich eine wohltuende Ruhe im Innersten ausbreitet. Ich hatte das große Glück in einem 1.280m² großen Garten aufwachsen zu dürfen. Dieser Garten hatte dank meines rührigen Großvaters die klassische Aufteilung zwischen Zier- und Nutzgarten und einer kleinen Rasenfläche mit Obstbäumen. So denke ich immer wieder voller Dankbarkeit an den Garten meiner Kindheit zurück: Kaum 4-jährig saß ich auf der kleinen Mauer des Frühbeetes und beobachtete meinen Opa beim Kartoffelpflanzen. In mehreren Reihen warteten kleine Mulden in der dunklen Erde, die vorgekeimten Knollen aufzunehmen. Und während mein Opa Mulde für Mulde füllte und schloss, schlich ich mich mit einer Kartoffel in der Hand zur letzten Mulde in der Reihe, legte sie dort heimlich ab und freute mich königlich, wenn Opa scheinbar überrascht über dieses „Wunder“ staunte. Rückblickend verbinde ich meine Zeit mit Opa im Garten immer mit Geborgenheit und Ruhe. Ich konnte/ durfte unbeschwert sein.

Claire Takacs ist eine australische Fotografin mit einer Leidenschaft für Garten- und Landschaftsfotografie. Diese Leidenschaft sieht man ihren wunderschönen Fotos deutlich an: Sie nimmt den Betrachter mit auf eine Reise durch die Traumgärten von Australien, Neuseeland, Nordamerika, Europa und Asien. Dabei erläutert sie in ihren Texten ihre Beweggründe zu diesem Projekt, erzählt von ihren Begegnungen mit den Schöpfern dieser Gärten, die voller Leidenschaft die Leserschaft am kreativen Prozess teilhaben lassen. Doch so informativ der Text auch ist, die größte Faszination geht vom Betrachten ihrer Fotos aus.

Dabei nehmen sowohl die kulturellen Wurzeln der Schöpfer als auch die klimatischen Bedingungen durchaus sichtbar Einfluss auf die Gestaltung der Gärten. So mutet der Garten vom Hermannshof in Weinheim/ Deutschland natürlich anders an als der Landschaftsgarten Kenrokuen in Kanazawa/ Japan oder der Kakteen- und Sukkulentengarten Rancho Diablo in Lafayette/ Kalifornien. Doch stets ist die Leidenschaft aller Gartenbesitzer und -gestalter über die Fotografie spürbar.

Die Fotos zeigen wahrlich meisterliche Gärten, die voller Verschwendung die Schönheit der Natur präsentieren. Dreamscapes – Traumlandschaften können sie absolut zu Recht benannt werden. Da wirken einige Gärten verwunschen wie im Märchen und verströmen doch einen Hauch von Vergänglichkeit. Da protzen Gärten mit ihrer geometrischen Formgebung, während anderswo Büsche und Gräser in sanften Wellen organisch sich der Landschaft anpassen. Wieder andere Gärten zeigen eine klare Struktur. Alle eint sie eine überwältigende Üppigkeit und eine imponierende Originalität

Dieser wunderschöne Bildband ist völlig zu Recht mit dem Deutschen Gartenbuchpreis 2019 ausgezeichnet worden.


erschienen bei DVA/ ISBN: 978-3421041098

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

NICHT VERGESSEN: Am 15. November 2019 ist…

DER BUNDESWEITE VORLESETAG,

…und an vielen Orten im Lande dreht sich an diesem Tag alles um das Vorlesen: Solltet Ihr noch auf der Suche nach einem Veranstaltungsort sein, gibt es hier hilfreiche Hinweise.

Aber zum Vorlesen müsst Ihr gar nicht so weit gehen: Vorlesen könnt Ihr beinah überall! Und Vorlesen kann jeder! Denn Vorlesen ist mehr als „nur“ Vor-Lesen!

Ich wünsche Euch viel Spaß!!!

[Rezension] Moritz Hürtgen – Angst vor Lyrik

Angst vor Terror, Krebs und Spinnen.
Angst, das Schreiben zu beginnen.
Angst vor einem weißen Blatt,
Angst des Dorfdepps vor der Stadt.

Fürchtet Mörder und Ganoven,
fürchtet Schlaue wie die Doofen.
Doch wer fürchtet, der vergisst,
dass die Angst am schlimmsten frisst,
wenn es Angst vor Lyrik ist.

Moritz Hürtgen

*

Ohjeohje! Wo anfangen, wo aufhören?

Nein, keine Bange, es klingt jetzt schlimmer als es ist. Denn schlimm ist absolut gar nichts am Lyrik-Band von Moritz Hürtgen. Im Gegenteil…!

Mein Gejammer ist der Tatsache geschuldet, dass ich nicht weiß, wie ich dieses Werk beschreiben soll. Ohjeohje! Was mache ich nur, wenn ich keinen Anfang finde? Was mache ich nur, wenn ich kläglich scheitere? Wo ich doch eine so große Angst vor dem Versagen (passendes Gedicht: Seite 11) habe!

Beim Aufschlagen dieses Büchleins öffnet der Leser die vielbemühte Büchse der Pandora und lässt eine beachtliche Anzahl an mannigfaltigen Ängsten frei. Jede Angst für sich, wäre schon Grund genug voller Schrecken zu erstarren, aber sie sind zu allem Übel auch noch GEREIMT! Hürtgen reimt sich „einen Wolf“ (gerade dazu gibt es kein Gedicht) zu Ängsten vor…

…Abgründen, Alkohol, dem Alltag, Ärzten, dem Atomkrieg, dem Aufwachen, Ausländern, Außerirdischen, und dabei handelt es sich nur um die Einträge unter dem Buchstaben A in der Liste der Phobien, die diesem Werk hintenan gestellt wurde. So kann sich jeder Betroffene – einer literarischen Hausapotheke gleich – sein passendes Gedicht zum momentan aktuellen Zwang aus dieser übersichtlichen Auflistung hurtig heraussuchen.

Moritz Hürtgen blickt voller Ironie auf so einige Zwangsneurosen unserer Zeit, bleibt dabei aber immer respektvoll. Seine Zeilen wirken wie frisch entstaubt vom früheren Lyrik-Muff, und gleichzeitig verbeugt er sich vor die Vers-Meister der Vergangenheit. So schüttelreimt er fröhlich vor sich hin, manchmal mit einem sehr ausgefallenen Versmaß, und findet einige ungewöhnliche und freche Bilder. Aber damit befindet sich in sowohl bester wie auch schelmischer Gesellschaft mit dem einzigartigen Joachim Ringelnatz.

Verschönert werden die einen oder anderen Verse durch einige sehr plakative Illustrationen von Leo Riegel.

Es war mir ein außerordentlich kurzweiliges Vergnügen, mich mit diesen heiteren Gedichten beschäftigen zu dürfen: Beim Zuklappen des Buches schloss ich die Büchse der Pandora wieder und in ihr meine Ängste ein. Lesenswert!!!


erschienen bei Kunstmann/ ISBN: 978-3956143199

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #57: Wie sehen sich Blogger im Vergleich zu professionellen Literaturkritikern?

Eine sehr interessante Frage…! Auch wieder eine Frage über deren Inhalt ich mir bisher keine Gedanken gemacht habe. Aber dieser Zustand ist gerade im Begriff, sich zu verändern…!

Prinzipiell vergleiche ich mich nicht mit Literaturkritikern und sehe mich auch nicht als Konkurrenz sondern eher als zwei unterschiedliche Töne auf einer Farbpalette. Ja, wir „kritisieren“ alle Bücher: Doch während die Leser*innen von professionellen Kritiken die Verfasser in den seltensten Fällen persönlich kennen, habe ich als Buch-Blogger recht viel Kontakt zu meinen Followers, die mich häufig „live & in Farbe“ kennen (und ich sie) und so vielleicht besser einschätzen können, ob ein von mir rezensiertes Buch auch ihren Geschmack treffen könnte.

Zudem lese ich persönlich wenige bis keine Kritiken von Professionellen. Ich habe nämlich den Eindruck gewonnen, dass sich in so mancher Redaktion des Feuilletons verkappte und verschmähte Autoren tummeln, die aufgrund mangelnder Anerkennung ihres Talentes nun ihren Lebens-Unmut an den Werken derer auslassen, die mehr Glück/ Erfolg/ Talent hatten. Da strömt manches Mal so viel vom miesepetrigen „Ich weiß es besser!“ aus den Zeilen, dass ich mir durch die Lektüre nicht meine gute Laune verderben möchte.

Buch-Blogger nehme ich da deutlich entspannter wahr: Sie müssen mit dem Verfassen einer Kritik in der Regel nicht ihren Lebensunterhalt verdienen. Wobei es auch unter uns Buch-Bloggern so einige Spezies gibt, die so manchen „Bullshit“ zusammen rezensieren. Hier handhabe ich es ähnlich wie bei professionellen Kritikern: Ich lese nicht weiter, und sollte sich der „Bullshit“ wiederholen, würde ich dieser Seite auch nicht mehr folgen.

Dabei erwarte ich eine objektive Beurteilung von professionellen Literaturkritikern ebenso wenig wie von mir selbst, aber wir alle können uns um eben eine solche bemühen und zudem unsere Kritik mit Respekt äußern. „Respekt“ gehört übrigens zu meinen Lieblingswörtern zusammen mit „Rücksicht“ und „Höflichkeit“. Habt Ihr auch Lieblingswörter…?

Eine der wenigen Literatursendungen, die ich mir mit Freude angesehen habe, war damals „Lesen!“ mit Elke Heidenreich: Einerseits wurden die Werke nicht in ihre Bestandteile zerpflückt à la „Literarisches Quartett“, andererseits hat Frau Heidenreich nur Bücher vorgestellt, die ihr persönlich gefielen und entsprechend enthusiastisch über sie gesprochen. Genau dies ist es, dass ich mit meinem Blog, meinen Rezensionen aber auch mit meinen Lesungen und meiner Jury-Teilnahme beim Vorlesewettbewerb vermitteln möchte:

Die Freude am Lesen!

…und: Noch Fragen? Dann immer her damit…!


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

[Musical] Frank Wildhorn – Der Graf von Monte Christo / Stadttheater Bremerhaven

Musical von Frank Wildhorn / Buch und Songtexte von Jack Murphy / Orchestrierung und Arrangements von Kim Scharnberg und Koen Schoots / Deutsch von Kevin Schroeder

Premiere: 21. September 2019 / besuchte Vorstellung: 26. Oktober 2019

Stadttheater Bremerhaven / Großes Haus


Musikalische Leitung: Davide Perniceni
Inszenierung: Felix Seiler
Bühne & Kostüme: Hartmut Schörghofer
Choreographie: Andrea Danae Kingston
Fechtchoreographie: Jean-Loup Fourure
Choreinstudierung: Mario Orlando El Fakih Hernández

Bombastisch wie eine Welle rollt die Musik vom Philharmonischen Orchester unter dem dynamischen Dirigat von Davide Perniceni aus dem Graben Richtung Publikum. Der Chor eröffnet mit einem dramatischen Sopran-Solo, und schon sind wir mitten im Intrigenspiel rund um den jungen Seemann Edmond Dantès, das im Original vom Romancier Alexandre Dumas erdacht wurde.

Eine schändlichen Intrige von Fernand Mondego, Gérard von Villefort und dem Baron Danglars, die alle selbstsüchtig aus persönlichen Beweggründen (Begierde, politisches Kalkül, Geldgier) agieren, trennt Edmond Dantè von seiner Angebeteten Mercédès. Er wird unschuldig zu lebenslanger Haft im Kerker Château d’If verurteilt. Mit der Hilfe seines Mitgefangenen, dem alten Abbé Faria gelingt ihm nach 14 Jahren die Flucht. Der sterbende Abbé verrät ihm das Versteck eines sagenhaften Schatzes auf der Insel Monte Christo. Ein Piratenschiff unter der Führung der Kapitänin Luisa Vampa bringt ihn dorthin. Mit einer neuen Identität als wohlhabender Graf von Monte Christo kehrt Dantè in seine Heimat zurück, um zu erkennen, dass seine große Liebe Mercédès mit seinem Widersacher Fernand Mondego unglücklich verheiratet ist. Deren gemeinsamer Sohn Albert steht kurz vor der Verlobung mit der reizenden Valentine. Die Freundschaft mit ihm nutzt der Graf von Monte Christo um sich seinen Widersachern zu nähern. Sein Spiel aus Rache und Richten beginnt…!

Komponist Frank Wildhorn hat sich im Laufe der Jahrzehnte einen Namen mit der Vertonung klassischer Stoffe (Jekyll & Hyde, The Scarlet Pimpernel, Cyrano de Bergerac, Carmen, Bonnie & Clyde) gemacht. Sein kompositorischer Stil passt auch hervorragend zu diesen Sujets und bietet eine Mischung aus symphonischen Klang und üppigen Chorsätzen, filmischen Underscore und emotionalen Balladen. Dabei liefert er immer wieder eine effektvolle Musik, die der Handlung durchaus dient, aber leider auch innerhalb seiner Werke austauschbar erscheint. Trotz aller Gefälligkeit gibt es kaum Melodien, die länger im Ohr bleiben. Auch in Bremerhaven ist er kein Unbekannter: In der Saison 2016/17 zeigte das Stadttheater eine moderne Inszenierung von „Dracula“ mit Anna Preckeler als Mina, Maximilian Mann als Jonathan Harker und Christian Alexander Müller in der Titelrolle.

Regisseur Felix Seiler bietet mit Bühnenbildner Hartmut Schörghofer dem Publikum eine sensationelle Inszenierung. Seiler lotet mit seinem Ensemble die Beziehungen der Protagonisten zueinander aus und kreierte so eine dichte Inszenierung mit einer überzeugenden Personenführung. Er erlaubte sich den Spaß und versteckte kleine „Easter Eggs“ aus Film (Titanic) und Musical (The Phantom oft he Opera) in die Handlung (Zumindest war ich der Meinung, diese dort entdeckt zu haben!).

Vikrant Subramanian überzeugte in der Titelrolle mit klassischem Bariton, den er musical-like zurücknahm, um so mit flexibler Stimme zu glänzen. Auch darstellerisch hat er sich in den letzten Jahren zu einem „Leading Man“ des Hauses gemausert. Sein Widersacher Fernand Mondego wurde von Marco Vassalli beinah unangenehm schmierig verkörpert: In seinem dunkel-gefärbten Bariton schwang immer ein gehöriges Maß an Gefährlichkeit mit. Anna Preckeler glänzte als Gast (nach Dracula) wieder in einem Wildhorn-Musical, sei es als junge leidenschaftliche Frau oder als ältere verzweifelte Mutter, und bot auch gesanglich große Momente. Die größte Überraschung präsentierte allerdings Victoria Kunze in der Doppelrolle Luisa Vampa/ Valentine: Während sie die Piratenkapitänin rollendeckend robust-vulgär mit einem Hang zur Komik anlegte, gestaltete sie die Rolle der Valentine sehr zart mit lyrischem Sopran und emotionalem Spiel.

Seiler versteht es nicht nur seine Protagonisten sondern auch den Opernchor geschickt zu führen. Selten habe ich den Chor so spielfreudig und variabel erlebt. Mein besonderes Lob gilt hierbei den Damen, die nicht nur als Piratinnen und Ladies der feinen Gesellschaft gefielen: Auch als „Mädchen der Nacht“ waren sie ungewohnt kokett-frivol! Das Ballett des Hauses zeigte in der Choreografie von Andrea Danae Kingston sein Können und war weit mehr als „nur“ schmückendes Beiwerk, während Jean-Loup Fourure für die Einstudierung der rasanten Fechtchoreografie verantwortlich war.

Ein weiterer „Hauptdarsteller“ war das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer: Er schafft auf der variablen Drehbühne immer wieder neue Spielebenen, arbeitet mit dem Wechsel der Perspektiven, bei denen auch Licht und Schatten eine besondere Bedeutung spielten, und nutzt alle Möglichkeiten der Bühnentechnik. Auf der rechten Bühnenseite wurden mit Hilfe von Vorhängen, Versatzstücken und dem geschickten Einsatz von Projektionen die unterschiedlichen Handlungsorte dargestellt. Die linke Bühnenseite sowie die spiralförmig ansteigende Drehbühne erschienen dagegen wie aus Stein: Auf der Drehbühne führten lange Kreidestriche in verschiedene Richtungen und wirkten wie Verbindungen innerhalb eines Beziehungsgefüges bzw. einer Figurenkonstellation. Die linke Wand war dafür übersät mit vielen kleinen Strichen, die die Tage/ Monate/ Jahre symbolisieren sollten, die Edmond Dantè in Château d’If verbrachte.

Es war erstaunlich und eine Freude zu erleben, wie sich aus allen Einzelteilen dieser Inszenierung ein großes, fulminantes Ganzes formte. Das Stadttheater Bremerhaven hat (wieder) nachdrücklich bewiesen, dass durchaus auch ein kleines Haus in der Lage ist, seinem Publikum exzellente Musical-Unterhaltung zu bieten.


Der Graf von Monte Christo kämpft noch bis zum Ende der Spielzeit um Rache und Gerechtigkeit.

[Rezension] Ben Aaronovitch – Der Oktobermann

Bisher habe ich um so genannte Spin-Offs erfolgreicher Werke des Verlagswesens einen großen Bogen gemacht: In diesem Fall klang die Rezension meiner geschätzten Blogger-Kollegin Andrea Schuster von „Lesen… in vollen Zügen“ zum englischen Original so positiv, dass ich mich habe verführen lassen. Und auch auf die Gefahr hin, dass Andrea mich haut und knufft und sonst wie bestraft: Meine Begeisterung zu diesem Krimi fällt leider etwas verhaltener aus!

Am Rande eines Weinberges bei Trier liegt eine Leiche, die sowohl höchst unschön wie auch ungewöhnlich von Kopf bis Fuß mit einem besonderen Fäulnispilz überwuchert ist, der üblicherweise bei der Weinveredelung eingesetzt wird und für den Menschen völlig ungefährlich ist. Üblicherweise…! Aber an diesem Fall scheint nichts „üblich“ zu sein, da eindeutig Magie im Spiel ist. So wird Ermittler Tobi Winter vom KDA, der Abteilung für Komplexe und diffuse Angelegenheiten des Bundeskriminalamts, mit diesem Fall betraut. Zusammen mit seiner Kollegin „vor Ort“ Vanessa Sommer, versucht er den Fall mit übersinnlicher Intuition und magischem Talent auf den Grund zu gehen. Dabei stoßen die Beiden auf einen gefährlichen, Jahrhunderte alten Zauber und machen die Bekanntschaft mit durchaus weltlichen Fluss-Göttinnen…!

Glücklicherweise stutzte Ben Aaronovitch die Begegnungen Tobi Winters mit den Fluss-Göttinnen auf ein zumutbares, dafür unterhaltsames Maß zusammen (bei „Die Flüsse von London“ war ihm dies nicht gelungen: s.a. meine Rezension) und verhindert dadurch langatmige Beschreibungen, die den Roman nur unnötig aufblähen.

Dafür gebührt ihm mein Lob, da er innerhalb des „Die Flüsse von London“-Kosmos für das Ermittler-Duo Sommer & Winter (…über diesen Witz scherzen selbst die Protagonisten!) eine eigenständige Erzählweise kreierte. Er schafft es, dass dieser Roman „deutsch“ klingt: Zum einen malt er ein stimmiges Bild des hiesigen Polizei-Beamten-Apparats, und beschreibt glaubhaft das Setting, in dem er geschickt Realität mit Fiktion vermischt. Sein Roman mutet wie einer der momentan beliebt-erfolgreichen Regionalkrimis an und könnte auch in einer filmischen Umsetzung als solide Sonntagabend-TV-Unterhaltung funktionieren.

Tja, mehr gibt es nicht zu berichten: gute, solide Krimi-Kost! „Solide“ ist auch so ein Wort, dass ich mit „deutsch“ verbinde. Mir scheint, dass die Mimikry eines britischen Autors an den heimischen Buchmarkt als gelungen betrachtet werden darf. 😉


erschienen bei dtv/ ISBN: 978-3423218054

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

Woche unabhängiger Buchhandlungen…

„Eine Woche lang – vom 2. bis 9. November 2019 – zeigen sich über 700 unabhängige Buchhandlungen („Indies“) in ganz Deutschland buchstäblich von ihren schönsten Seiten. Es handelt sich um die größte derartige Aktion, die es jemals gab.

Inhabergeführte Buchläden sind nicht wegzudenken aus unseren Städten und Regionen. Ihr Beitrag zum wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben ist von beachtlicher Bedeutung. Das ist für diejenigen, denen diese Bedeutung längst klar ist, ein guter Grund zu feiern – und für alle anderen eine schöne Gelegenheit zu erfahren, dass es es gute Bücher auch ganz in der Nähe gibt.“

…besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können, und so mopse ich mir diese Worte und Sätze von der WuB-Homepage, die meine uneingeschränkte Zustimmung finden.

Auch die Buchhandlung meines Vertrauens „die schatulle“ in Osterholz-Scharmbeck wartet mit abwechslungsreichen Aktionen auf: So findet am 2. November der Autorensamstag mit Catharina Junk statt, die ihre Lieblingsbücher verraten wird. Am 8. November werden bei „Wilde Bücher!“ eben diese im Stadtgebiet von Osterholz-Scharmbeck ausgewildert, um mit viel Glück von einem neuen Frauchen oder Herrchen adoptiert zu werden. Und am 9. November präsentieren die Gartmann-Schwestern beim „Büchersnack“ Literarisches, während die gelernte Hauswirtschafterin Traute Steenken den Gästen Kulinarisches kredenzt.

Details findet Ihr hier

Allgemeine Informationen zur Aktion verstecken sich hier.

…und: Ja! Ich weiß, dass ich mich ständig wiederhole, trotzdem sage ich es nochmals:

BUY LOCAL!

🙂

[Rezension] Ulrich Timm – Gärten auf Sylt: Verborgene Paradiese des Nordens/ mit Fotografien von Ferdinand Graf Luckner

Ich bin mir sicher: Jeder von uns hat so Sehnsuchtsorte, an denen er sich manchmal hin sehnt, wo die Seele durchatmet und die Sorgen plötzlich klitzeklein werden. Für mich hatte schon immer ein solcher Ort mit Wasser, Meer und Wellen zu tun. Dabei meine ich nicht etwas die weißen Strände am Mittelmeer, – Nein! – die Nordsee ist dabei voll und ganz ausreichend für mich. Vielleicht ist dieser Umstand darin begründet, dass mein Vater elf Jahre lang von Bremerhaven aus zur See gefahren ist. Er war bei der Fischerei tätig und hatte u.a. auf dem Schiff „Sonne“ angeheuert, das später zu einem Forschungsschiff umgebaut wurde. Ich kann mich noch sehr gut an die traurig-wehmütigen Momente erinnern, als meine Mutter und ich am Kai standen und seinem Schiff beim Auslaufen zusahen…!

Verwundert es da, dass mir die Nord- und Ostfriesischen Inseln der Nordsee näher sind als die Baleareninseln im Mittelmeer. Während ich die Inseln Juist, Norderney, Spiekeroog, Helgoland und Amrum im Laufe der Jahre schon besuchen durfte, war ich bisher noch nie auf Sylt. Und doch erkenne ich in den wunderbaren Fotos von Ferdinand Graf Luckner vieles von dem von mir geliebten Insel-Flair wieder. Ulrich Timm lässt in seinen Texten die Menschen zu Wort kommen, die für die behutsame Kultivierung der Sylter Gärten verantwortlich sind und mit dem Kreislauf der Gezeiten leben. So sind zwar nicht dem Blick dafür aber den Möglichkeiten der Gartengestaltung natürliche Grenzen gesetzt. Auf einer Nordfriesischen Insel spielt die Natur eine immense Rolle und hat das Sagen.

Die Vegetation ist geprägt von den Gezeiten: Nur solche Pflanzen gedeihen, die der Mischung aus Wind und Salzgehalt in der Luft die Stirn bieten können. So finden sich die natürlich wogenden Wellen aus Heide neben den akkurat gestutzten Kugeln des Buchsbaums, die Blütendolden der Hortensien wiegen sich gemeinsam im Takt mit den Zweigen der Kiefer, und in einem Bauerngarten ranken Rosen sich Richtung Dachfirst. Auch puristische, fernöstlich-anmutende Gärten fügen sich nahtlos in die raue Natur: Da scheint eine Holzterrasse förmlich auf einem Meer von Seegras zu schweben. Die Fotos offenbaren dem Betrachter trotzdem eine überraschende Wandelbarkeit der unterschiedlichen Gärten, die Dank der besonderen Lichtverhältnisse immer wieder anders, immer wieder neu wirken.

Da gibt es Gärten zwischen Tradition und Moderne, mit Seeblick und im Inselinneren, wie zufällig gewachsen oder klar strukturiert, und doch habe alle diese Gärten ihre Natürlichkeit bewahrt und strahlen eine grenzenlose, wohltuende Ruhe aus.


erschienen bei Prestel/ ISBN: 978-3791385525

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

MONTAGSFRAGE #56: Was macht eigentlich den Reiz einer Buchmesse aus?

Leider habe ich bisher in meinem Leben noch nie eine Buchmesse besucht, darum kann ich die heutige Montagsfrage nur mit „Ich habe leider keinen blassen Schimmer!“ beantworten. Dafür habe ich aber ganz viele Vorstellungen, was ich von einer Buchmesse erwarte – auch auf die Gefahr, dass meine Vorstellung meilenweit an der Realität vorbei geht.

Allein der Gedanke, mich auf einem riesigen Messegelände zu befinden, wo sich ALLES um das Buch dreht, macht mich vor Verzückung schier schwindelig. Wenn mir dann noch die eine oder der andere von mir verehrte Autor*in über den Weg läuft, würde mein Glück ins Unermessliche steigen. Diese literarischen Göttinnen und Götter endlich „Live & in Farbe“ zu erleben, würde womöglich Schnappatmung bei mir auslösen. Wahrscheinlich käme außer ein verschämtes „Hi!“ und dümmliches Gekicher nichts halbwegs Intelligentes aus meinem Mund. Natürlich hoffe ich, dass sich meine Schockstarre rechtzeitig in Luft auflöst, damit ich mit den Autor*innen ein nettes, inspirierendes Gespräch führen kann.

Auch die eine oder andere Sonder-Veranstaltung würde durchaus mein Interesse wecken, sei es ein Interview mit dem Sieger des Deutschen Buchpreis, Aktionen zum jeweiligen Gastland oder informative Vorträge rund um die Literatur.

Ich würde die Stände meiner Lieblingsverlage aufsuchen, das Catering testen, die dortigen Mitarbeiter*innen in ein Fachgespräch verwickeln und mir die neusten Verlagsnovitäten zeigen lassen. Angebotenen Rezensionsexemplaren stände ich durchaus nicht ablehnend gegenüber. Denn schließlich hätte ich den faltbaren Leichtgewicht-Bollerwagen meines Patenkindes dabei, den ich mit leichter Hand selbst vollgepackt durch die Hallen/ Menschenmassen manövrieren könnte.

Am Freitag würde ich ganz solidarisch bei der Siegerehrung des Blogger-Awards vorbeischauen, um bei Nichtgefallen des Jury-Urteils ganz unsolidarisch meinen Applaus zu verweigern.

Zudem hegte ich die große Hoffnung, endlich einige meiner hochgeschätzten Blogger-Kolleg*innen zu treffen: Bisher kenne ich Euch ja „nur“ viral, aber es wäre mir eine außerordentliche Freude, Euch endlich persönlich kennenzulernen. Für Euch würde ich meine Messetour unterbrechen, um beim Tässchen Kaffee gemeinsam zu fachsimpeln, zu lästern und Messe-Tipps auszutauschen. Wer ist dabei?

…und: Was macht für Euch den Reiz einer Büchermesse aus? Ich freue mich über Eure Anregungen!


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.