MONTAGSFRAGE #40: Wie geht Representation (nicht)? [Pride Month Edition]

Der Juni ist da, und die LGBT-Community feiert sich, das Leben und die bunte Vielfalt auf den mannigfaltigen CSD-Paraden im Land – und es ist gut so…! Ich selbst werde bei keiner dieser Paraden – weder als Teilnehmer noch als Zuschauer – dabei sein. Nichtsdestotrotz finde ich es von enormer Wichtigkeit, dass wir präsent sind, aber nicht nur einmal im Jahr auf einer Parade sondern 365 Tage im Jahr im Alltag als Teil dieser Gesellschaft. Gerne würde ich hierzu auch auf meinen Beitrag vom 17. Mai verweisen.

Aber wie sieht es eigentlich mit der Präsenz von LGBT-Protagonisten in der Literatur aus? Glücklicherweise gibt es nun wunderbare Kinder- und Jugendbücher, die das „Anderssein“ sehr einfühlsam, wertschätzend und auch witzig thematisieren (als Beispiel für viele möchte ich „Kicker im Kleid“ von David Walliams nennen). Als ich in den 70ern/ Anfang der 80er Jahre ein Kind bzw. Jugendlicher war, gab es solche Bücher nicht. Im Rückblick war mir schon recht früh klar, dass ich „anders“ bin. Ich konnte es als junger Mensch aber nicht benennen, und es gab auch niemanden in meinem sozialen Umfeld, der mir als Vorbild hätte dienen können. Dies hatte zur Folge, dass ich mich häufig ausgeschlossen und einsam fühlte. Ein literarisches Vorbild hätte mir vielleicht in dieser Zeit der Selbstzweifel und -findung helfen können. Im Nachhinein wurde mir klar, dass es in den Werken von Astrid Lindgren und Enid Blyton durchaus versteckte Anklänge an LGBT gab: „Karlsson vom Dach“ ist eine absolute Diva mit einem Hang zur Selbstüberschätzung, und trotzdem ist dieses eingebildete Kerlchen so lustig und liebenswert. Bei den „5 Freunden“ wollte Georgina immer lieber ein Junge sein und machte dies mit kurzen Haaren, Kleidung und der Vermännlichung ihres Namens deutlich. Und dies wurde von ihrem sozialen Umfeld akzeptiert!

Ich finde es außerordentlich beruhigend, dass die heutigen Kinder aus einer Vielzahl literarischer Helden ihr persönliches Vorbild wählen können, und auch die Gesellschaft deutlich offener mit diesen Themen umgeht, als es in meiner Jugendzeit der Fall war. (Machen wir uns nichts vor: Es gibt weiterhin noch viel zutun…!)

Als junger Erwachsener (Ende der 80er/ Anfang der 90er) entdeckte ich dann die Werke von Rita Mae Brown und Armistead Maupin für mich, die – man(n) höre und staune – bei renommierten Verlagen veröffentlicht wurden und somit auch im regulären Buchhandel zu finden waren. Endlich wurde offen über schwul-lesbische Themen geschrieben. Die Romane hatten zudem auch eine literarische Qualität: Sie waren witzig, frivol-erotisch, anrührend, spannend aber nie geschmacklos oder schlüpfrig. Die Werke beider Autor*innen stehen nach wie vor in meinem Bücherregal und werden dort ihren Platz für die Ewigkeit innehaben.

Als mein „Anderssein“ sich normalisierte, stellte ich auch die Suche nach der entsprechenden „anderen“ Literatur ein. Dies geschah durchaus nicht bewusst, sondern spiegelte eher meine eigene Veränderung und die meiner Umwelt wieder. Zur Verdeutlichung möchte ich eine kleine Anekdote erzählen: Vor ca. 7 Jahren war ich auf der Suche nach einem neuen Stamm-Frisör und bin bei Abdul gelandet. Bei meinem 3. oder 4. Besuch – nachdem Abdul erfahren hatte, dass ich schwul bin – startete er seine Frage-Runde und quetschte mich über das Schwulsein im Allgemeinen wie im Besonderen aus. Bemerkung am Rande: Ich begrüße es, wenn meine Mitmenschen mir interessierte Fragen stellen, anstatt dass sie verklemmt ihren Teil denken und dann mit Halbwahrheiten ihre Vorurteile füttern. Am Ende unserer Frage-Antwort-Runde meinte Abdul „Na, da habt ihr doch bestimmt auch viele schwule Freunde!“ Als ich dies verneinte, wirkte er sehr überrascht. Ich erklärte ihm, dass wir unsere Freunde nicht nach der sexuellen Orientierung aussuchen sondern einzig und allein nach Sympathie…!

Und so ist es bei mir auch mit der Literatur: Mir ist es erstmal völlig egal, ob ein Protagonist schwul ist oder nicht. Nimmt die sexuelle Orientierung der Protagonisten Einfluss auf die Handlung? Nein! Dann hat der Hinweis darauf dort auch nichts verloren.

Bei der Wahl meiner Lektüre spielen nur zwei Faktoren eine Rolle: Ich muss den Autor mögen, und mir muss der Roman gefallen. Basta!

P.S.: Mitleid bzgl. meiner Kindheit ist nicht angebracht. Alles hat im Leben seinen Sinn, und alles Erlebte hat mich zu dem Menschen reifen lassen, der heute ausruft:

Ich bin schwul – und das ist auch gut so! 😉

…???


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

5 Kommentare zu „MONTAGSFRAGE #40: Wie geht Representation (nicht)? [Pride Month Edition]

  1. Ich finde deinen Beitrag (diesen und den verlinkten) wunderbar! Meiner kommt morgen, aber um es kurz zu machen: es gibt so vieles, was mich an meinem Gegenüber NICHT interessiert und dazu zählt auch die sexuelle Orientierung. Wichtig ist sein Charakter, sein Auftreten anderen gegenüber. Aber: ich bin immer daran interessiert, wenn ich in meinem eigenen Verhalten selbst etwas besser machen kann, um Menschen, die sich in igrendeiner Form „queer“ fühlen oder als „queer“ abgestempelt werden, helfen zu können. vermutlich falle ich mit meiner wachsenden „Genderneutralität“ auch unter die „Queers“, aber – das ist dabei ja irgendwie der Punkt – es ist mir egal, wie man mich anspricht, so lang man sich „menschlich“ mir gegenüber verhält 😉 Da hat Antonia wieder eine überaus spannende Frage gestellt 🙂

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  2. Ich habe neulich darüber nachgedacht, daß ich Bücher vermisse, in denen die Protagonisten schwul, lesbisch oder bi sind, ohne daß es DAS Thema des Buches ist.
    Bei den Young Adult Titeln ist es meist das zentrale Thema, Selbstfindung, Outing,… ganz wichtig für die jungen Leute auf der Suche danach, wer sie sind, ganz klar…
    Aber wenn man dann etwas älter und abgeklärter ist, dann findet man kaum etwas literarisches, in dem beispielsweise die Protagonistin einfach mit einer Frau verheiratet ist, ohne daß es eben um die daraus resultierenden Probleme, wie Kinderwunsch, gesellschaftliche Akzeptanz, ect geht.
    Weißt du, was ich meine?
    Ich habe immer noch das Gefühl, daß es nicht normal behandelt wird. Daß immer der Scheinwerfer auf die Sexualität gerichtet wird. Das nervt mich ein wenig… 😅

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    1. Bei „Once & Future“ von Amy Rose Capetta wird es nicht so stark thematisiert, aber da kommen so viele „diverse Persönlichkeiten“ vor, dass es auch wiederum nicht auffällt, weil es nur wenige „Normale“ zum Vergleich in dieser Geschichte gibt – da ist die Diversität die Normalität 🙂

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    2. Ich habe mit den Jahren einen Grad an Weisheit und Abgeklärtheit erreicht (Hüstel!), dass es mich nicht mehr nervt! Spaß beiseite: In der Zwischenzeit bin ich mit mir und meiner Sexualität so im Reinen, dass ich die entsprechenden literarischen Vorbilder nicht mehr „brauche“. Ich finde in vielen literarischen Werken Inspiration und kann darüber Parallelen zu meinem Leben ziehen.

      Als Kind und Jugendlicher in der Selbstfindung und während der Zeit des Outings sind literarische Vorbilder immens wichtig – ebenso wie reale Vorbilder.
      Ich habe lange Jahre das Krippenspiel in unserer Kirchengemeinde geleitet und nie ein Geheimnis um meine Sexualität gemacht. Ich habe sie aber auch nicht explizit hervorgehoben (…nach dem Motto: „Hallo liebe Kinderchen! Ich bin schwul, und wenn ihr Fragen habt, dann bin ich Euer Mann!“). Ich war und bin der Andreas, der nun rein zufällig u.a. auch schwul ist. Das ist für mich gelebte „Normalität“ (Was auch immer dieser Begriff bedeutet!), auch oder gerade innerhalb einer christlichen Gemeinschaft.

      Lieben Gruß
      Andreas

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