MONTAGSFRAGE #69: Kann ein Autor über etwas außerhalb der eigenen Erfahrung schreiben? (Und muss er es sogar?)

Antonia stellt uns diese interessante und nachdenkenswerte Frage und beantwortet sie mit einem Zitat vom wunderbaren G.K. Chesterton gleich selbst: ”Ein guter Roman verrät uns die Wahrheit über den Helden, ein schlechter über den Autor.” Chesterton schuf die kurzweiligen Father Brown-Krimis, die sich nach wie vor (auch in filmischer Variante) großer Beliebtheit erfreuen. Aber er war zu Lebzeiten – sofern bekannt – weder als Geistlicher noch als Verbrecher aktiv tätig. Montagsfrage beantwortet!

Nein, ganz so einfach mache ich es mir natürlich nicht. Wobei Chesterton ein passendes Beispiel dafür ist, dass ein Autor nicht alles selbst erlebt haben muss, um glaubhafte Charaktere und einen schlüssigen Plot zu kreieren (Wo wäre unsere Welt, wenn alle literarischen Massenmörder ein reales Vorbild hätten?). Viele Genre würde es dann in unseren Bücherregalen gar nicht oder nur recht überschaubar geben: Krimi, Fantasy, Horror, Märchen…!

Natürlich ist es durchaus von Vorteil, wenn der Autor eigene Erfahrungen – sozusagen im Sinne der Authentizität – in sein Werk einfließen lassen kann. Agatha Christie konnte auf ihre Erfahrungen, die sie während ihrer Reisen mit dem Orient-Express oder bei Ausgrabungen im Nahen Osten machen durfte, und auf ihr Wissen bzgl. Gifte, das sie sich während ihrer Tätigkeit als Krankenschwester in einer Krankenhausapotheke angeeignet hatte, zurückgreifen. Zudem nutze sie häufig reale Vorbilder zur Beschreibung von Gebäuden und Ortschaften in ihren Romanen. Auf ähnliche Erfahrungen griff auch der Schöpfer von Kommissar Maigret zurück: Als ehemaliger Journalist kannte George Simenon sowohl Paris als auch das Pariser Umland wie seine Westentasche und lies somit viel Lokalkolorit und Atmosphäre in seine Werke einfließen. Von welchen Erfahrungen die damals arbeitslose Erzieherin Joanne Rowling beim Entwurf des ersten Harry Potter-Romans gezerrt hat, wird wohl ihr alleiniges Geheimnis bleiben. Vielleicht war es für sie auch einfach „nur“ eine Flucht vor einer deprimierenden Realität. Doch sie hat uns auf wundersam-zauberhafte Art und Weise bewiesen, dass dank der Macht der Fantasie ganze Welten entstehen können, die ein weltweites Publikum über alle Generationen hinweg zum Staunen bringen.

Fazit meiner kleinen Abhandlung: Diese Frage lässt sich (zum Glück) nicht eindeutig beantworten! Ein guter Autor kann – zum Zwecke der Glaubwürdigkeit – auf eigenen Erfahrungen zurückgreifen. Ein guter Autor ist aber nicht zwingend darauf angewiesen, da er über ausreichend Talent und Fantasie verfügt, bzw. die Fähigkeit besitzt, kompetent zu recherchieren.

Somit schließt sich der Kreis, und ich möchte die heutige Montagsfrage mit dem Eingangszitat von G.K. Chesterton beenden:

”Ein guter Roman verrät uns die Wahrheit über den Helden, ein schlechter über den Autor.”

…und wie ist Eure Meinung zu diesem Thema?


Antonia Leise von „Lauter & Leise“ hat dankenswerterweise DIE MONTAGSFRAGE: Buch-Blogger Vorstellungsrunde wiederbelebt und stellt an jedem Montag eine Frage, die Interessierte beantworten können und zum Vernetzen, Austauschen und Herumstöbern anregen soll! Ich bin gerne dabei!!!

In meinem MONTAGSFRAGE-Archiv findet Ihr Fragen & Antworten der vergangenen Wochen.

2 Kommentare zu „MONTAGSFRAGE #69: Kann ein Autor über etwas außerhalb der eigenen Erfahrung schreiben? (Und muss er es sogar?)

  1. Lieber Andreas,

    ich merke schon, ich weiß über Agatha Christie so gut wie nichts, sollte ich wohl bei Gelegenheit nachholen.
    Natürlich ist es möglich, dass ein Autor über seine eigenen Erfahrungen hinaus schreiben kann, allerdings sollte eine tiefe Auseinandersetzung mit der betreffenden Thematik ein grundlegender Baustein des Buches sein – sprich Recherche.
    Alles andere wir der Leser bzw. die Leserin merken.

    Liebe Grüße
    Tina

    Gefällt 1 Person

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