[Rezension] Meike Winnemuth – EINE SEITE NOCH. Warum Lesen uns so glücklich macht

Da meint die Autorin doch tatsächlich, mir mit diesem Buch erklären zu müssen, warum Lesen mich glücklich macht. Ich lese seit meinem 5. Lebensjahr: Im Laufe der Jahrzehnte konnte ich reichlich Lese-Erfahrung sammeln, um sehr genau zu wissen, warum mich Lesen glücklich macht. Wäre dieser Zustand nicht eingetroffen, dann würde ich schlussendlich auch nicht lesen. Also: Brauche ich dieses Buch? Habe ich durch die Lektüre dieses Buches irgendeinen Mehrwert? Beeinflusst dieses Buch mein bisheriges Lese-Verhalten?

„Ja! Jaaa! Jaaaaa!“ brülle ich laut und erschrecke mich über mich selbst. Denn: Dieses Buch ist ein Geschenk an alle Lesenden, eine Bestätigung all meiner beim Lesen aufgewühlten Emotionen, Labsal für meine geschundene Seele, Balsam für mein gebeuteltes Herz und Trost für alle sinnbefreiten Kommentare, die ich mir im Laufe meines Leser-Lebens von verständnislosen Nicht-Lesern anhören musste. Ich lese, also bin ich! Punkt! Mehr gibt es nicht zu wissen. Doch Meike Winnemut kleidet es in ihrem Essay EINE SEITE NOCH in so wunderbare Formulierungen, gibt Denkanstöße – ja, auch Literaturtipps – doch diese fließen wie selbstverständlich so nebenbei in den Text. Vielmehr beobachtet die Autorin sich selbst über mehrere Monate und reflektiert ihr Handeln. Und gerade in Bezug auf Bücher sind wir Lesenden uns so ähnlich. Da können wir noch so sehr unsere Individualität wie einen Schutzpanzer vor uns her tragen.

So egoistisch der Akt des Lesens auch ist, gänzlich alleine mit uns (und einem Buch) schotten wir uns vor der Außenwelt ab und verweigern ihr unsere Verfügbarkeit, danach spüren wir nur allzu deutlich den unbändigen Wusch, uns über das Gelesene auszutauschen. Auch Meike Winnemuth frönt dem Austausch, sei es im Hause einer von ihr verehrten Autorin, in Lese-Zirkeln der Bibliotheken oder Chat-Gruppen, die sich mit den Büchern der Shortlist des Deutschen Buchpreises beschäftigen. Stichwort Buchpreise: Unterschiedliche Bücher in einem Wettbewerb miteinander zu vergleichen, erschien auch mir immer etwas paradox. Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, und wer bin ich, einen Text, der mir nicht zusagt, schlechter zu bewerten als einen Text, der zufällig meinen Geschmack trifft. Zumal ein und derselbe Text von verschiedenen Lesenden subjektiv interpretiert wird – jede*r von uns speist seine Interpretation aus höchst individuellen Erfahrungen, die Einfluss auf unser Lesen nehmen. Wie zur Bestätigung meiner These lese ich…

Ein Buch wird mit jeder Lektüre neu erfunden.
Lesen ist nicht nur passives Konsumieren eines Textes,
sondern ein aktiver kreativer Prozess…

„Ja! Jaaa! Jaaaaa!“ brülle ich abermals, doch diesmal erschrecke ich nicht. Vielmehr atme ich erleichtert auf: Ich wurde gesehen. Ich bin nicht allein. Da ist ein Mensch, der mich versteht. Und es gibt dieser Sätze voller Weisheit noch viele in diesem Buch. Beinah bin ich versucht, sie farblich zu markieren. Als Bibliophiler tue ich diesen Frevel dem Buch natürlich nicht an. Das Buch wäre dadurch auch sehr bunt geworden. Und so lese und lese und lese ich, dabei merke ich mir diese vielen klugen Sätze bewusst nicht, vielmehr versuche ich die Erinnerungen an die Gefühle, die sie bei mir während des Lesens heraufbeschworen haben, zu bewahren.

Meike Winnemuth ermutigt uns, mit dem Hang zur Selbstgeißelung zu brechen. Wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben – weder wegen Büchern, die nicht bis zum Ende gelesen wurden, noch wegen einem sich auftürmenden Stapel ungelesener Bücher. Auch wird niemand gezwungen, irgendeine Liste abzuarbeiten, auf der Bücher zu finden sind, die angeblich jede*r (ein)gebildete*r Leser*in im Leben unbedingt gelesen haben sollte. Wobei die Autorin uns durchaus den Rat ans Herz legt, einen der großen seitenstarken klassischen Meisterwerke zu lesen. Die Lektüre bzw. die Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk über eine längere Zeit hinweg kann durchaus lebensverändernd und persönlichkeitsformend sein. Dies kann ich nur bestätigen: Bei mir war DIE ELENDEN von Victor Hugo sehr prägend.

Für mich wenig überraschend war die Erkenntnis der Autorin, dass oft ein Buch an ein anderes anknüpft. Da wird in einem Roman aus einem anderen Roman zitiert, oder eine der handelnden Personen findet Trost und/oder Hilfe beim Lesen in einem bestimmten Buch, schon gehen bei mir die Antennen auf Empfang. Wenn ich auch nicht jedes Mal das erwähnte Werk selbst lesen muss, so ertappe ich mich zumindest recht häufig dabei, dass ich nach weiteren Informationen recherchiere. Zudem ist es auch mir schon passiert, dass sich passende Sekundär-Literatur bereits in meinem Besitz befindet. Für alle, die wie ich über eine stattliche (An)Sammlung an Büchern verfügen und nicht sicher sind, wo entsprechende Sekundär-Literatur zu finden ist – im Zweifelsfall ist der bereits erwähnte Stapel mit ungelesenen Büchern ein guter Ausgangspunkt, um mit der Suche zu beginnen.

EINE SEITE NOCH ist ein wunderbar humorvolles Kompendium, das mir eine Fülle an Anknüpfungspunkte zu Büchern schenkte und die Vielfalt der Literatur feiert. Meike Winnemuth schuf so eine warmherzige Hommage an das Buch und ein überzeugendes Plädoyer für das Lesen.

Ich lese, also bin ich! Das genügt! Punkt!


erschienen bei Penguin / ISBN: 978-3328604785
Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!

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