[Eine Geschichte…] Albrecht Gralle – ECHTE FREUNDE

Freunden kann auch mal der Kragen platzen, wenn sie mit dir reden, aber nur weil ihr Herz für dich bis zum Halse schlägt.
Freunde stört es nicht, bei dir fernzusehen, auch wenn du schon längst ins Bett gegangen bist.
Freunde kämpfen für Dich nächtelang im Gebet und sagen dir: „Ich habe neulich an dich gedacht!“
Freunde möchten deine Welt kennen lernen und entdecken immer neue Erdteile.
Freunde erleben dich mit verklebten Augen, ungewaschenen Haaren und sehen dahinter deine Einzigartigkeit und Schönheit.
Freunde können es sich leisten, bei einem Witz den du erzählst, nach der Pointe zu fragen.
Bei Freunden kannst du nachts um halb drei klingeln und sie fragen dich: „Kaffee oder Tee?“
Freunde reden manchmal blödes Zeug, weil sie wissen, dass du keine Goldwaage im Keller hast.
Freunde kennen sich nicht in deiner Brieftasche aus, dafür aber in deinem Kühlschrank.
Freunde machen es ähnlich wie Gott: sie mögen dich so wie du bist, trauen dir aber zu, dass du dich verändern kannst.

Albrecht Gralle

[Eine Geschichte…] Kai-Uwe Scholz – NACHGETRAGENER ABSCHIED

„Bleib man hier“, hatte meine Mutter zu mir gesagt, als es zur Beerdigung meines Großvaters ging. Sie hielt mich wohl für zu jung für diese Form des Abschieds. Dabei war ich schon 14. Und er war doch mein geliebter Großvater.

Unter buschigen Brauen konnte er gefährlich mit seinen blauen Augen hervorblitzen, wenn ihm etwas nicht passte. Aber er hatte immer ein grundgütiges Herz. Nach außen war er Honoratior – mit Hut, wenn er durch die Stadt ging. Im Inneren war er ganz unkonventionell. Man sah es an seinem ungewöhnlich sortierten Bücherschrank. Meist war er verschlossen und voller verbotener Dinge. Für mich hat er ihn geöffnet und manches Geheimnis gelüftet.

Mitten in dem Satz, mit dem er mir das Wort „Kossät“ erklären wollte – ein norddeutscher Begriff für Kleinbauer -, griff er sich an den Kopf und konnte nicht mehr weiter. Ein paar Tage später wurde er dahindämmernd aus unserem Haus getragen, ein Hüne von Gestalt, nun ganz hilflos…

Ich habe ihn nicht wiedergesehen. Ich habe ihn nicht mehr besucht im Krankenhaus, nicht seine Hand berührt auf dem Totenbett. Auch davor sollte ich wohl bewahrt werden. Nun pilgere ich um sein Grab, denke an ihn, spreche mit ihm. Es ist wohl auch eine Bitte um Verzeihung.

Ich war doch sein Junge – und habe mich gar nicht verabschiedet.

Kai-Uwe Scholz

[Eine Geschichte…] Marc Levy – DAS TAGESGESCHENK

Stell dir vor, jeden Morgen stellt dir eine Bank 86.400 Euro auf deinem Konto zur Verfügung. Du kannst den gesamten Betrag an einem Tag ausgeben. Allerdings kannst du nichts sparen, was du nicht ausgegeben hast, verfällt.

Aber jeden Morgen, wenn du erwachst, eröffnet dir die Bank ein neues Konto mit neuen 86.400 Euro für den kommenden Tag. Außerdem kann dir die Bank das Konto jederzeit ohne Vorwarnung schließen. Sie kann sagen: das Spiel ist aus.

Was würdest du tun?

Dieses Spiel ist Realität: Jeder von uns hat so eine magische Bank: die Zeit. Jeden Morgen bekommen wir 86.400 Sekunden Leben für den Tag geschenkt. Was wir an diesem Tag nicht gelebt haben, ist verloren, für immer verloren. Aber jeden Morgen beginnt sich das Konto neu zu füllen.

Was also machst du mit deinen täglichen 86.400 Sekunden?

Marc Levy

[Eine Geschichte…] Fredrik Backman – KLEINE GEHEIMNISSE

Jemanden zu lieben ist, als würde man in ein Haus einziehen.

Am Anfang verliebt man sich in all das Fremde, man ist jeden Morgen aufs Neue erstaunt, dass es einem plötzlich gehört, und hat ständig Angst, jemand könnte hereinstürmen und sagen, ihm sei ein grober Fehler unterlaufen und es sei gar nicht vorgesehen gewesen, dass man so ein schönes Zuhause bekommt.

Aber mit den Jahren bröckelt die Fassade, das Holz reißt hier und da auf, und man fängt an, die Macken an diesem Haus zu lieben. Da kennt man bereits alle verborgenen Ecken und Winkel. Man weiß, was man tun muss, damit der Schlüssel nicht im Schloss stecken bleibt, wenn es draußen kalt wird. Welche Dielen etwas nachgeben, wenn man darauftritt, und wie man die Kleiderschranktüren so öffnet, dass sie nicht knarren.

Und das sind all die kleinen Geheimnisse, die es eben genau zu deinem Zuhause machen.

Fredrik Backman

[Eine Geschichte…] Saša Stanišić – HEIMAT

Fragt mich jemand, was Heimat für mich bedeutet, erzähle ich von Dr. Heimat, dem Vater meiner ersten Amalgam-Füllung. 

Kennengelernt habe ich Dr. Heimat an einem heißen Tag im Herbst 1992 in seinem Emmertsgrunder Garten. Ich war auf der Höhe des Gartens auf der anderen Straßenseite, da hörte ich jemanden rufen, hörte einen Gruß. Ein alter Mann war es, Schnurrbart und Speedo-Badehose, der den Rasen mit einem Schlauch wässerte und mir zuwinkte.

Muss man skeptisch werden, wenn einen Senioren in Speedo-Badehosen grüßen? Ich grüßte zurück. Er suchte über den Zaun das Gespräch, fand wenig – mein Deutsch war miserabel. Dass er freundlich grüßte, über die Straße hinweg, genügte erst mal auch.

Dr. Heimat trug seinen Schnurrbart als Schnurbart, also als einen Clark-Gable-Strich, diese heute leider fast ausgestorbene Gesichtshaarrasse. Mit fünfzehn fand ich den Schnurbart Furcht und zugleich Vertrauen einflößend, er passte zu meinem Bild von Deutschland.

Die Straße, in der sein Rasen sehr weich aussah, sein Haus groß und sein Saab auf eine gute Weise alt, war die schönste Straße des Emmertsgrunds, mit den meisten Alarmanlagen. Eine Familie hatte Dr. Heimat nicht, was ich schade fand bei so guten Manieren, Schnurrbart und Zähnen.

Auf meine Zähne sprach er mich im darauffolgenden Frühling an. Wir hatten bis dahin nie mehr als ein paar Sätze miteinander gewechselt, er muss die Apokalypse in meinem Mund irgendwie durch die Wangen entröngt haben. Er riet mir, in seiner Praxis vorbeizukommen. Das sei jederzeit möglich, er empfehle aber: sehr bald.

Eine Krankenversicherung hatte ich nicht, Dr. Heimat war das egal. Er hat unser aller Karies behandelt: bosnischen Karies, somalischen Karies, deutschen Karies. Einer ideellen Heimat geht es um den Karies und nicht darum, welche Sprache der Mund wie gut spricht.

Ich musste mehrmals antreten. Beim vierten oder fünften Mal erzählte ich auf dem Behandlungsstuhl ein bisschen von mir, ein bisschen von der Familie. Nicht weil Dr. Heimat neugierig war. Er war nur unglaublich nett. Ich rade brechte von Mutter, die sich in der Wäscherei abschuftete. Ich sagte, sie sei als Marxistin eigentlich so was wie eine Expertin für Ausbeutung, und jetzt werde sie ausgebeutet.

Dr. Heimat lächelte, schob ein fies aussehendes Gerät in meinen Mund und wurde den Spruch los: »Karl Marx hatte wahrscheinlich schlechte Zähne, aber gute Ideen.« Er begann an meinen zu schaben und sagte selbstvergessen: »Die Arbeiter haben kein Vaterland.«

Irgendwann erzählte ich ihm auch von meinem Großvater Muhamed. Dass ich glaubte, er sei von uns allen am wenigsten glücklich in Deutschland, allerdings viel zu freundlich und dankbar, um das zuzugeben. Dr. Heimat erkundigte sich, ob es etwas gab, was mein Großvater gern unternahm.

Fragt mich jemand, was mir Heimat bedeutet, erzähle ich vom freundlichen Grüßen eines Nachbarn über die Straße hinweg. Ich erzähle, wie Dr. Heimat meinen Großvater und mich zum Angeln an den Neckar eingeladen hat. Wie er Angelscheine für uns besorgt hat. Wie er Brote geschmiert und sowohl Saft als auch Bier dabeihatte, weil man ja nie weiß. Wie wir Stunden nebeneinander am Neckar standen, ein Zahnarzt aus Schlesien, ein alter Bremser aus Jugoslawien und ein fünfzehnjähriger Schüler ohne Karies,…

…und wie wir alle drei ein paar Stunden lang vor nichts auf der Welt Angst hatten.

Saša Stanišić


aus: HERKUNFT von Saša Stanišić / Luchterhand Literaturverlag / ISBN: 978-3630874739

[Eine Geschichte…] Legende aus China – SCHAU AN!

Als der Weise zum Ozean reiste, begegnete er einem Pilger am östlichen Meer.

„Wohin des Weges?“, rief dieser ihm zu.
„Ich gehe zum Ozean.“, antwortete der Weise.
„Was willst du da tun?“, fragte ihn der Pilger.

„Tun?“, erwiderte der Weise erstaunt, „der Ozean ist doch kein Ding, das du durch Eingießen füllen oder durch Ausschöpfen leeren kannst. Ich gehe zu ihm, nur um mich an ihm zu erfreuen.“

Legende aus China

[Eine Geschichte…] Elke Heidenreich – LESEN

Ich steige ins Taxi, der Fahrer liest in einem Buch. Ich sage ihm, wohin ich möchte, er seufzt, fährt los, das Buch offen auf dem Schoß. Die Ampel ist rot, er liest weiter. Die Ampel wird grün, er liest, bis es hinter ihm hupt, dann fährt er los, in aller Ruhe. Das wiederholt sich an jeder Ampel.

Ich finde das sehr komisch, irgendwie auch sehr schön, und als ich ausgestiegen bin, ärgere ich mich, das ich ihn nicht gefragt habe, was er da liest.

Elke Heidenreich

[Eine Geschichte…] Iris Macke – GRUSS AN BORD

Es ist kalt und dunkel. Der Hamburger Hafen ist unwirtlich an diesem frühen Adventsnachmittag. Aus den großen Fenstern der Seemannsmission scheint es hell. Ihr großer Saal ist voller Menschen. Sie sind zur Aufzeichnung der Radiosendung „Gruß an Bord“ gekommen. Einer von ihnen ist Konrad Nee. Sorgsam hat er sich die Worte zurechtgelegt, mit denen er seinen Sohn Christoph grüßen will. Christoph ist Offiziersassistent auf einem Tanker und gerade irgendwo vor Finnland auf der Ostsee. Als Konrad Nee sich vor dem Mikrofon kurz räuspert, werden alle still. „Lieber Christoph! Wir vermissen dich. Deine Brüder genauso wie Mama und ich. Komm uns bloß heile wieder!“ Hören wird Christoph diesen Gruß erst am Heiligabend. Denn dann sendet der Norddeutsche Rundfunk den „Gruß an Bord“ per Radio, Kurzwelle und Internet auf die Weltmeere.

Seit 68 Jahren gibt es diese Sendung. Denn auch in Zeiten moderner Kommunikation ist Radio nicht nur technisch zuverlässiger als ein Kontakt per Handy oder Tablet. Viele hören den „Gruß an Bord“ auch, weil Liebe dort spürbar wird. Annette und Klaus Kuhn sind extra aus Bayern angereist. Sie haben Päckchen gepackt für ausländische Seeleute, die Weihnachten ohne Familie im Hamburger Hafen verbringen müssen. Und sie grüßen per Mikrofon schon jetzt ihren Sohn David, der Heiligabend kurz vor Australien sein wird.

Troy kommt von einer kleinen Insel aus dem Südpazifik. Eigentlich wollte er an diesem Nachmittag nur die gastliche Seemannsmission besuchen. Aber so nutzt er die Gelegenheit und wünscht ganz spontan allen Hörern in seiner Heimatsprache frohe Weihnachten. Tatjana Domin hingegen ist vorbereitet: „Darf ich meinen Spickzettel benutzen?“, fragt sie den Moderator. Der lächelt ihr aufmunternd zu: „Klar!“ Tatjana will ihren Freund Philipp grüßen. Der 2. Offizier ist seit Wochen auf der „Glasgow Express“ unterwegs, zu Weihnachten wird er auf dem Atlantischen Ozean sein. „Hallo, mein Heizbärmann. Hier ist Taddi. Ich freue mich so sehr, dich Mitte Januar wieder in die Arme zu nehmen. Und hier kommt unser Insider: Liebe ist stärker als der Ozean.“

Iris Macke

[Eine Geschichte…] Unbekannt – ERSTE HILFE

Ein kleiner Junge kam später nach Hause, als die Mutter erwartet hatte. Als sie nach dem Grund der Verspätung fragte, antwortete das Kind:

„Ich habe Julia geholfen. Ihre Puppe ist kaputt gegangen.“

„Hast du geholfen sie zu reparieren?“, fragte die Mutter.

„Nein“, antwortete das Kind, „Ich habe ihr geholfen zu weinen.“

Unbekannt

aus: Hoppla! Neue Geschichten für andere Zeiten/ herausgegeben von Andere Zeiten e.V./ mit Illustrationen von Elsa Klever

[Eine Geschichte…] Luise Rinser – VORSORGE

Einer meiner Bekannten malt sich alle schlimmen Ereignisse, die ihm vielleicht zustoßen könnten, im Voraus genauestens aus, dann legt er sich zurecht, wie er sich in jeder Situation zu verhalten habe: bei einem Überfall, einer Feuersbrunst im Zug, einer Pleite im Geschäft, einer Verleumdung. Dadurch hat er tatsächlich eine Art Krisenfestigkeit erlangt. Er fühlt sich als ein Mann, der gegen alle möglichen Krankheiten geimpft und gegen alles Unglück versichert ist. Aber ist er deshalb glücklich und ruhig? Keineswegs! Denn er ist nur immerzu darauf bedacht, mögliche Bedrohungen sofort als solche zu erkennen.

Ich kenne ein weit besseres Hilfsmittel. Es ist im Grunde dasselbe, das ein Kind anwendet, wenn man es in den dunklen Keller schickt: Es singt laut. Damit zeigt es dem Unbekannten, dass es ihm etwas entgegenzusetzten hat: den Mut. Und Mut ist eine Form des Vertrauens. Nicht in die eigene Kraft, sondern in etwas, das uns beschützt.

Luise Rinser