[Eine Geschichte…] Franz Kafka – KLEINE FABEL

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte. Ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah. Aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

Franz Kafka

[Eine Geschichte…] Adelbert von Chamisso – DÉJÀ VU

Ein Mensch beklagte sich bei Gott, dass er ein zu schweres Kreuz zu tragen habe, und fand Gehör. Gott zeigte ihm das Zimmer, in dem alle Kreuze der Menschen standen und sagte: „Du kannst dein Kreuz tauschen und dir ein anderes aussuchen.“ Der Mensch durchstöberte den Raum und fand ein angenehm dünnes Kreuz, aber bei näherem Hinsehen war es ihm zu lang. Dann stieß er auf ein ganz kleines, aber als er es aufheben wollte, war es schwer wie Blei. Das nächste, das ihm gefiel, legte er auf seine Schulter, stellte dann aber fest, dass es eine scharfe Spitze hatte, die ihm wie ein Dorn ins Fleisch drang. So sortierte er Kreuz für Kreuz aus, weil jedes Unangenehmes hatte. Als er fast alle Kreuze angesehen und geprüft hatte, stieß er auf ein Kreuz, das versteckt hinten in der Ecke gestanden hatte. Es war nicht zu schwer, nicht zu leicht, nicht zu schmerzhaft – irgendwie so richtig handlich und wie geschaffen für ihn. Dieses sollte sein neues Kreuz werden. Aber als er näher hinschaute, merkte er, dass es das Kreuz war, das er auch bisher getragen hatte.

Legende nach dem Gedicht „Die Kreuzschau“ von Adelbert von Chamisso

[Eine Geschichte…] Iris Macke – PERSPEKTIVWECHSEL

Advent heißt Warten

Nein, die Wahrheit ist

Dass der Advent nur laut und schrill ist

Ich glaube nicht

Dass ich in diesen Wochen zur Ruhe kommen kann

Dass ich den Weg nach innen finde

Dass ich mich ausrichten kann auf das, was kommt

Es ist doch so

Dass die Zeit rast

Ich weigere mich zu glauben

Dass etwas Größeres in meine Welt hineinscheint

Dass ich mit anderen Augen sehen kann

Es ist doch ganz klar

Dass Gott fehlt

Ich kann unmöglich glauben

Nichts wird sich verändern

Es wäre gelogen, würde ich sagen:

Gott kommt auf die Erde!

(Und nun lest den Text von unten nach oben!)

Iris Macke

[Eine Geschichte…] Anthony de Mello – SCHULDFRAGE

Ein Passant ging eine Straße entlang. Plötzlich stürzte ein Mann aus einem Hauseingang, so dass die beiden heftig gegeneinander prallten. Der Mann war furchtbar wütend, schrie und schimpfte und beleidigte den Passanten.

Daraufhin verbeugte sich dieser mit einem milden Lächeln und sprach: „Ich weiß nicht, wer von uns an dem Zusammenstoß die Schuld trägt. Ich bin aber auch nicht gewillt, meine kostbare Zeit mit der Beantwortung dieser Frage zu vergeuden. Deshalb: Wenn ich die Schuld trage, entschuldige ich mich hiermit und bitte Sie für meine Unachtsamkeit um Verzeihung. Falls Sie der Schuldige waren, können Sie die Sache einfach vergessen.“

Er verbeugte sich noch einmal und ging mit einem Lächeln im Gesicht seines Weges.

Anthony de Mello

[Eine Geschichte…] Norman Vincent Peale – UNGLAUBLICH

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Unser Taxi schaffte in jener Vorweihnachtszeit in fünfzehn Minuten etwa zwei Häuserblocks. „Dieser Verkehr ist eine Katastrophe“, schimpfte mein Begleiter. „Er nimmt mir das ganze bisschen Weihnachtsstimmung, das ich habe.“

Mein anderer Begleiter war philosophischer. „Es ist unglaublich“, sinnierte er, „ganz und gar unglaublich. Denkt doch bloß – ein Kind, das vor über zweitausend Jahren mehr als achttausend Kilometer von uns geboren wurde, verursacht ein Verkehrschaos auf der Fifth Avenue in New York.“

Tja, das ist tatsächlich unglaublich!

Norman Vincent Peale

[Eine Geschichte…] Susanne Niemeyer – FENSTER ZÄHLEN

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„Stell dich bei Dämmerung vor ein großes Wohnhaus und warte, bis alle Fenster erleuchtet sind.“
Das schlägt mein Adventskalender vor. Jeden Tag gibt er mir eine Aufgabe, eine seltsamer als die andere, aber alle drehen sich ums Warten. Im normalen Leben bin ich eine schlechte Warterin. Ungeduldig. Schnell genervt. Aber das hier, das spricht mich an. Weil es absurd klingt.

Ich versuche es. Stelle mich an eine mittelstarkbefahrene Straße. Es ist dunkel, es ist kalt, es nieselt. Ich lasse die Autos an mir vorbeirauschen. Richte mein Blick auf die Fenster eines Hauses und warte.

Meine Einkaufsliste kommt mir in den Sinn.
Den Regen rieche ich.
Nichts geschieht.
Was tue ich hier?
Trotzdem bleibe ich. Halte die Leere aus.

Gedanken finden mich: Warum ist es so störend, wenn mein Tagesablauf durchkreuzt wird? Wenn ich nichts Sinnvolles tun kann? Wenn ein Loch sich auftut, ein leerer Moment?
Vielleicht würde sich ja die Sehnsucht Raum nehmen. Mich ausbremsen. Eine Lücke finden, klein genug für ein paar Himmelsträume. Und die Vernunft wischte sie nicht weg.

Und plötzlich, während ich da in der Kälte stehe, weiß ich, dass ich auf ganz Anderes, Größeres warte.

Susanne Niemeyer