[Rezension] Barry Anthony – Mord an der Music Hall

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Das viktorianische London zwischen 1830 und 1900 ist ungebrochen ein äußerst beliebter Schauplatz in Film, Fernsehen und Literatur: So führte uns z. Bsp. die Serie „Ripper Street“ hinab in die Tiefen der Londoner Unterwelt, der Film „Prestige – Die Meister der Magie“ thematisierte die Rivalität zweier Magier im Vaudeville, und der Dickens Klassiker „Oliver Twist“ prangerte die sozialen Missstände der damaligen Zeit an.

Barry Anthony ist Historiker und Publizist und hat sich auf die viktorianische Epoche sowie die Zeit der Jahrhundertwende spezialisiert. Sein besonderes Interesse gilt der Kultur und der Unterhaltungsindustrie dieser Epoche.

Mit „Mord an der Music Hall: Verbrechen und Laster im viktorianischen London“ nimmt er den Leser mit auf eine historische Reise. Wobei nicht unbedingt die brutalen Verbrechen à la Jack the Ripper im Mittelpunkt stehen – vielmehr versucht Anthony in seiner exakt recherchierten und gut lesbaren Reportage den vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten dieser Zeit Raum zu geben und somit den  sozialen Niedergang dieser Epoche zwischen billigen Glamour und menschlichen Elend zu schildern.

Heute ist „The Strand“ eine elegante Straße mit Theatern und Hotels. Früher war es die Gegend Londons mit dem zweifelhaftesten Ruf: Gauner und Raufbolde, Schausteller und Komödianten, Prostituierte und Obdachlose tummelten sich in den engen Gassen und bildeten in diesem Mikrokosmos eine Gemeinschaft aus skurrilen, erstaunlichen und bemitleidenswerten Schicksalen.

Da findet das mysteriöse Verschwinden der jungen und hübschen Schauspielerin Mabel Love ebenso Erwähnung, wie die äußerst abwechslungsreiche Lebensgeschichte des gewieften Geschäftsmanns, Theaterbesitzers, Vergnügungsparkbetreibers und Halunken Lord Chief Baron Nicholson. Da werden Männer in Frauenkleider zum öffentlichen Ärgernis und schüren die kollektive Empörung, ein skrupelloser Einbrecher wird Teil der Londoner Folklore, und ein Ermittler erfährt eine gar abenteuerliche Karriere. Alle diese Personen sind Teil einer Gemeinschaft bei der Glanz und Elend, Ruhm und Absturz gefährlich nah beieinander liegen. Gleichzeitig wirft es einen kritischen Blick auf das damalige Rechtssystem mit seinem komplizierten Polizeiapparat.

Zusammen mit historischen Zeichnungen und Fotografien gelingt Anthony das abwechslungsreiche Portrait einer Stadt und eine Reise in eine Epoche, die es so nicht mehr geben wird.

erschienen bei Reclam/ ISBN: 978-3150110584

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar!