[Die Bücher meines Lebens] Anne Müller – Sommer in Super 8

– 2018 –


Eine scheinbar perfekte Kindheit in den 70er Jahren, festgehalten auf etlichen Super 8-Filmchen, in einer scheinbar perfekten Familie, in einer scheinbar perfekten Idylle. Aber schon ab dem ersten Kapitel durchzieht den Roman einen Hauch des Vergänglichen: Dieses filigrane, familiäre Konstrukt droht in jedem Moment in sich zusammen bzw. auseinander zu brechen, auch wenn angestrengt versucht wird, das Bild einer Vorzeige-Familie aufrechtzuerhalten. Bilder können täuschen…

Diese perfekte Idylle bekommt sehr schnell die ersten Risse: Das bemerkte ich an einem scheinbar belanglosen Nebensatz, an einer wie zufällig hingeworfenen Beschreibung – Anne Müller kreiert hierfür nicht die großen Szenen sondern lässt die Familientragödie in kleinen Augenblicken ablaufen, die zusammengenommen eine umso zerstörerischere Wucht entwickeln. Ganz langsam aber subversiv tropft das Leben mit seinem alltäglichen Wahnsinn in die Kindheit und raubt ihr die Unbeschwertheit.

Es vervollständigt das Bild keiner perfekten Familie aber doch einer sehr normalen Familie: Die Tragödien in der Kindheit hinterlassen in jungen Jahren immer den Eindruck, dass sie alleine nur die eigene Familie treffen. Mit der Zeit kommen wir zu der tröstlichen Erkenntnis, dass sich Tragödien hinter jeder Fassade abspielen. Doch mit der Erkenntnis schwindet die Kindheit.

Ich kenne dieses Gefühl, das Anne Müller in ihrem Erstlingsroman aufleben lässt, nur zu gut: Der Zauber der unbeschwerten Kindheit ist noch spürbar, zugleich nimmt man verunsichert die kommende Veränderung wahr und lauert ängstlich auf den Wendepunkt!

Als ich diesen Roman Ende August letzten Jahres zum ersten Mal las, traf er mich still, leise und überraschend heftig. Voller Erstaunen über meine Empfindungen las ich von dieser Kindheit, die so flüchtig wie der Sommer schien. Ich las so vieles von dem, was mir schmerzlich bekannt war, und spürte der Einsamkeit meiner eigenen Kindheit und Jugend nach. Die Wunden sind noch wahrnehmbar. Vielleicht werde ich sie mein Leben lang fühlen, aber mit Ablauf der Jahre sind sie nicht mehr so schmerzhaft. Doch jedes Jahr zum Spätsommer empfinde ich diese besondere Atmosphäre: Das Licht ist sanft. Die Luft ist mild. Der Sommer ist noch nicht gänzlich verflogen, doch sein Ende lässt sich schon erahnen…

…Vergänglichkeit! …Wehmut!

Bei einem Klassentreffen zeigte ein ehemaliger Mitschüler mir Fotos von unseren Klassenfahrten: Von den Fotos lachte mir ein scheinbar fröhliches Kind entgegen. Wenn ich den Fotos Glauben schenke, dann bin ich glücklich gewesen! Ich weiß es besser…

…und bin voller Dankbarkeit für mein jetziges Leben!


erschienen bei Penguin/ ISBN: 978-3328600152


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