[Rezension] Georges Simenon – Maigret macht Ferien

Auch ein so angesehener Polizeibeamter wie Kommissar Maigret braucht einmal Urlaub und so reisen seine Frau und er in das beschauliche Städtchen Les Sables-d’Olonne direkt an der Atlantikküste. Leider entpuppt sich dort eine scheinbar harmlose Magenverstimmung von Madam Maigret als gefährliche Blinddarmentzündung, die eine Operation im Krankenhaus nach sich zieht. Neben seinen regelmäßigen Besuchen an Madams Krankenbett kultiviert Maigret seine tägliche Routine mit Besuche der örtlichen Bistros und Cafés. Plötzlich findet er in der Tasche seines Jacketts einen Zettel mit der Nachricht „Suchen Sie aus Barmherzigkeit die Patientin in Zimmer 15 auf.“ Wer hat ihm diesen Zettel zugesteckt? Und vor allem: Wann…? Da der Kommissar nicht im Dienst ist, zögert er. Am nächsten Tag ist die besagte Patientin verstorben. Es handelte sich um die Schwägerin des angesehenen Arztes Doktor Bellamy. Nun ist Maigrets Interesse geweckt, und er nimmt Kontakt zum Doktor auf. Scheinbar gibt es für den Tod dieser jungen Frau eine plausible Erklärung. Doch dann wird ein weiteres junges Mädchen erdrosselt aufgefunden, das Maigret am Tag zuvor noch im Haus von Doktor Bellamy gesehen hat…!

Ich schlenderte durch die Buchhandlung meines Vertrauens, nahm mal hier ein Buch aus dem Regal, las mal dort einen Klappentext und stand irgendwann (wie so oft) vor dem Krimi-Regal: Ich konnte einfach nicht widerstehen! Der Schweizer Kampa-Verlag hat sich der Mamut-Aufgabe gestellt, alle Simenon-Romane neu aufzulegen. Die Krimis um seinen berühmten Kommissar Maigret überzeugen in teils neuen oder überarbeiteten Übersetzungen auch optisch mit den schwarz-weißen Fotos auf dem Cover. Einige ausgewählte Romane erstrahlen zudem im Retro-Design der 50er Jahre und sind somit ein wahrer Eye-Catcher. Wen wundert’s, dass ich mich von diesem Roman so magisch angezogen fühlte.

Man kann Georges Simenon wahrlich nicht nachsagen, dass er der fantasievolle Literat war, der an ausgefeilten Satzkreationen feilte. Er war eher der Stoiker und hatte somit vieles mit seinem Alter Ego Kommissar Maigret gemein. Waren raffinierte literarische Ergüsse auch nicht „seins“, so war er ein Könner im Schaffen von Atmosphäre. Die Straßen von Les Sables-d’Olonne, die Möwen am Hafen, die Gassen mit ihren Geschäften und Bistros, das Flair der späten 40er-/ frühen 50er-Jahre: Dies alles sah ich während meiner Lektüre vor meinem inneren Auge entstehen. Es schien mir, dass ich beinah diese Mischung aus sommerlicher Trägheit des Ortes und der nervösen Anspannung des Kommissars spüren konnte. Der Autor lässt die Worte der Nachricht („Suchen Sie aus Barmherzigkeit…“) Maigret in Gedanken immer wieder wie ein Mantra wiederholen und liefert ihm somit den Antrieb, aktiv in den Lauf der Ermittlungen einzugreifen. Er versteht es, Spannung aufzubauen und zu halten!

Simenon legte großen Wert auf eine detaillierte Charakterzeichnung seiner Handlungspersonen. So wie er Maigret nicht ausschließlich auf den Super-Schnüffler reduziert, so sind seine Übeltäter nicht „nur“ böse. Vielmehr schien es ihm wichtig, die Beweggründe für die Taten zu offenbaren und die Gedankengänge eines „kranken“ Geistes nachvollziehbar darzulegen. So geht er auch in diesem Krimi der Frage auf dem Grund, was einem bisher unbescholtenen Menschen veranlasst, ein schändliches Verbrechen zu begehen.

Maigrets Ferien gestalteten sich für ihn leider nicht wie erhofft: Für mich waren sie ein Vergnügen!


erschienen bei Kampa/ ISBN: 978-3311125280

2 Kommentare zu „[Rezension] Georges Simenon – Maigret macht Ferien

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s